GERMANIA.
VIERTELJAHRSSCHRIFT
DEUTSCHE ALTERTHUMSKÜNDE.
BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER.
HERAUSGEGEBEN
KARL BARTSCH.
SECHSZEHNTER JAHRGANG.
NEUE REIHE VIERTER JAHRGANG.
WIEN.
VERLAG VON CARL GEROLDS SOHN.
1871.
^7'
BuchJruckerei tob Carl Gerold'» Sot« in rtUn
INHALT.
Über die sogenannten Verba Intensiva im Deutschen, Von Ludwig Tobler. . . 1
Germanische Mythen und Sagen im alten Amerika. Von Felix Liebrecht.. . . S7
Der Mariencult in Österreich. Von Theodor Vernaleken 42
Zur Deutung von Fiölsvinnsmäl. Von Theoph. Kupp 60
Bruchstücke aus dem Rennewart des Ulrich von Türheim. Von Melzer, . . . 64
Bruchstücke eines Passiousspieles. Von Alwin Schultz. 57
Zum Brandan. Von Karl Schröder 60
Margaretha von Schwangau. Von Ig. Zingerle 75
Kleine Bemerkungen. Von A. v. Keller 78
L Heinrich Steinhöwel 78
IL Das Wort Hien 78
Fischart in Tübingen? Von Hermann Kurz 79
Kleine Beiträge. Von Anton Birlinger 82
1. Zum wälschen Gast 82
2. Zu Meier Helmbrecht 82
3. Her Hüc von Werbenwac 83
4. Felix Faber 83
5. Zu den Volksbüchern 83
6. Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten 86
7. Mundartliche Pflanzennamen 88
Kleine Mittheilungen. Von K. E. H. Krause 89
1. Zu den deutschen Monatuamen. 89
2. uns, US, ösek, sek 93
3. Haueman 97
Zum Muspilli. Kritisches und Dogmatisches. Von Ferdinand Vetter 121
Hartmann's von Aue Heimath und Stammburg. Von F. Bauer und Hans C. Freih.
v. Ow 155
Bruchstücke von Wolfram's Parzival und Willehalm. Von K. Bartsch 167
Das Spiegelbuch. Von M. Rieger 173
Runen aus Rom und Wien. Von H. F. Maß mann 253
Altnordische Wortdeutungen. Von Theodor Wisen 259
Straßennamen von Gewerben. Von E, Förstemann 265
Mythisches von dem durch den Gunzenle gefeierten Konrad. Von K. J. Schröer. 286
Zur Ortsnamenforschung. I. Von Lutterbeck 293
Zur Ortsnameuforschung. H. Von Richard Bück 297
Sprachliches zu Closener. Von Karl Schröder. . 300
Seite
Kleine Mittheiliiiioen. Vd.i K. E. H. Krause 303
1. Moneko. Simon 303
2. Zum Namenrätlisel des Primas 306
8. Lever-Meer. 1593. Toten-Übersetzen 306
-1. Nachtrag zu uns, us, ösek, sek 307
Sieben Wundergeschichten aus dem XIII. Jahrhundert. Von Karl Hoj)f 308
Über das Väpnatak der nordischen Rechte. Von Konrad Maurer 317
Nachtrag • • • . . . 462
Von, etslichen Meisterstückelin. Von Fedor Bech 338
Bnichstücke von Handschriften des jüngeren Titurel. Von Hugo Graf v. Walder-
dorff und K. J. Schröer 338
Die nordische Erexsaga und ihre Quelle. Von Eugen Kölbing 381
Der urdeutsche Sprachschatz. Von E. Forst emann 414
Lied der Ritter wider die Städte. Von Richard Wülcker 438
LITTERATUR.
Die Kosenamen der Germanen. Eine Studie von Dr. Franz Stark. Von J. Petters. 99
Simrock, Karl, Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen.
Von F. Liebrecht 212
Rumpelt, Das natürliche System der Sprachlaute und sein Verhältniss zu den
wichtigsten Kultursprachen. Von H. Rück er t 229
Kluge, Geschichte der deutschen National-Litteratur. Von R. Bechstein. . . . 346
Menzel, die vorchristliche Unsterblichkeitslehre. Von F. Liebrecht 358
Die Programme der gelehrten Schule Islands. Von Konrad Maurer 442
Zeno , oder die Legende von den heiligen drei Königen. Ancelmus. Herausg. von
A. Lübben. Von Karl Schröder 449
Regel, Karl, Die Ruhlaer Mundart dargestellt. Von Reinhold Bechstein. . . . 456
BIBLIOGRAPHIE.
Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen
Philologie im Jahre 1870. Von Karl Bartsch 463
MISCELLEN.
Drei deutsche Litterarhistoriker. Von Karl Bartsch 109
Der litterarische Verein in Stuttgart. Von demselben 120
Adolf Holtzmann. Von demselben. . 242
Georg Gottfried Gervinus. Von demselben 247
Franz Joseph Mone. Von demselben 250
Benedict Greiff. Von demselben 252
Luthers Handexemplar seiner Schrift: An die Pfarrherrn etc. Von Dietz. . . . 378
Beide. Von Fr. Möller 380
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA
IM DEUTSCHEN.
VON
LUDWIG TOBLER.
Die vor einiger Zeit erschienene Schrift von Dr. G. GerLind „In-
tensiva und Iterativa" (Leipzig 1869) hat neben andern Verdiensten,
deren Würdigung nicht in diese Zeitschrift gehört, unstreitig auch das,
die im Titel genannte Erscheinung näher, als bisher geschah, ins Auge
gefasst und eine Erklärung derselben versucht zu haben. Wir können
nun zwar dieser Erklärung, obwohl sie dem deutschen Sprachgeist eine
für ihn schmeichelhafte Eigenschaft, nämlich eine ihm in hohem Grade
eigene fortdauernde Lebens- und Schöpfungskraft, zuschreibt^ nicht bei-
stimmen; aber wir finden dieselbe immerhin so bedeutend und vom
Verfasser mit solchem Eingehen auf speciell deutsche, sowie auf all-
gemeinere Spracherscheiuungen vorgebracht, daß wir die Darstellung
unserer eigenen Ansicht am besten von der seinigen und dem von ihm
beigebrachten Material ausgehen lassen. Was wir dabei sowohl Nega-
tives als Positives vorzubringen haben, ist so Manches und mancherlei,
daß es die Haltung und die Grenzen einer bloßen Recension über-
schreiten musste.
Herr G. beginnt S. 2 mit dem Satze: „Es gibt eine nicht unbe-
deutende Anzahl abgeleiteter Verba im Deutschen, welche die Bedeu-
tung ihrer Stammwurzel in intensiver Steigerung ausdrücken, indem
sie den Schlußconsouanten der Wui'zel verdoppeln und theilweise ver-
härten, den langen Vocal verkürzen , den kurzen aber entweder kurz
lassen oder abschwächen." Durch solche Gestalt der Wurzel findet
Hr. G. die intensive Bedeutung derselben symbolisch angezeigt; übri-
gens erweisen sich die betreff'enden Verba durch ihre schwache Flexion
als abgeleitet, meistens von starken, welche sich neben ihnen erhalten
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 1
2 LUDWIG TOBLER
haben. — Der letztere Umstand ist nicht unwichtig, denn da Hr. G.
von diesen Bildungen als im Sprachgefühl noch lebendigen spricht, so
kann die intensive Form und Bedeutung derselben als solche wirklich
nur insofern empfunden werden, als die entsprechenden Stammwörter
daneben bestehen. In der That gibt es nun zunächst, im Hochdeutschen
mit Einschluß der altern Dialecte und neueren Mundarten, eine Anzahl
Verba, bei welchen jenes Verhältniss stattfindet; wenigstens fühlen Avir
in Bezug auf die Bedeutung zwischen dem einfachen Verbum und
dem abgeleiteten eine Intension auf Seite des letzteren, wenn wir auch
symbolischer Bezeichnung derselben durch geschärfte Gestalt des
Wortes uns nicht deutlich bewusst sind. Aber fi-eilich ist g-erade dieses
Merkmal wieder kein unwesentliches, und wenigstens für die ältere Zeit,
in welcher jene Bildungen zuerst aufkamen, sollte behauptet und einiger-
maßen nachgewiesen werden können, daß jenes Gefühl von symboli-
scher Kraft der Laute vorhanden, ja daß es der eigentliche Trieb der
Bildungen war und sein musste ; denn an unserm heutigen Sprachgefühl
haben wir bekanntlich sehr oft keinen zuverlässigen Halt für Etymo-
logie , und ohne j enen Nachweis , der wenigstens W a h r s c h e i n 1 i c h-
keit mit sich führen sollte (weil ja völlige Gewissheit in solchen
Dingen nicht zu erreichen und zu vei'langen ist), schwebt die ganze
Auffassung des Hrn. G. in der Luft. Wir vermissen aber an derselben
eben die Wahrscheinlichkeit, daß in einer verhältnissmäßig bereits
späten Zeit wie die des Althochdeutschen (wo uns jene Bildungen zu-
erst begegnen), die Sprache noch im Stande gewesen sei, solche rein
dynamische Lautsymbolik anders als höchstens in Schalinachahmungen
zu üben , und wenn Hr. G. in dem Vermögen dazu eben eine unter-
scheidende Eigenthümlichkeit und Auszeichnung des deutschen Sprach-
geistes innerhalb des indogermanischen findet , so müsste eine solche
doch durch ähnliche erst noch bestätigt werden. Aber auf diesem Gebiet
und mit solchen Waffen ist der Streit überhaupt nicht auszufechten,
sondern auf dem Boden des Deutschen allein , und zwar durch die
directe Untersuchung, ob die Annahme des Hrn. G., sei sie nun an
sieh wahrscheinlich und möglich oder nicht, sich ftir die angeblichen
Fälle zunächst als in sich selbst richtig, sodann als einzig mög-
lich und darum schließlich auch als noth wendig erweise. Wenn
irgend eine oder mehrere andere Annahmen dem Thatbestand Ge-
nüge thun, ohne eine Möglichkeit von jener allgemeinen Art als Voraus-
setzung und Hilfe zu brauchen , vielmehr gestützt auf bereits festste-
hende Thatsachen der deutschen Sprachgeschichte , so verdienen sie
offenbar den Vorzug, und wir nehmen ausdrücklich mehrere in Aus-
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 3
sieht, weil sieh zeigen wird, daß wir es hier, trotz oberflächlicher Ähn-
lichkeit der Fälle und scheinbarer Einfachheit der für sie alle ange-
nommenen Erklärung des Hrn. Gr., nicht mit Erzeugnissen eines ein-
heitlichen organischen Grundtriebes zu thun haben, sondern mit Fac-
toren verschiedener Art, unter denen ein ursprünglich zufälliges, erst
nachträglich in den Schein von Absicht und Zweckmäßigkeit einge-
tretenes Zusammentreffen, verbunden mit falscher Analogie und halber
Onomatopoiie, eine Hauptstelle einnimmt.
Gleich das erste Beispiel, das Hr. G. als typisch füi' die ganze
Erscheinung auch später noch mehrmals anfuhrt, ist von dieser ge-
mischten Art, und wir sehen nicht ein, warum er gerade dieses voran-
stellt, da doch das betreffende Stammverbum kein ursprünglich deut-
sches Wort ist und darum auch nicht starke Flexion hat, die in der
Regel auch nach Hrn. G.'s Ansicht der Bildung zu Grunde liegt; viel-
leicht wollte er aber gerade an diesem Falle zeigen, wie tief der frag-
liche Bildungstrieb in der deutschen Sprache wurzle, indem er, wie ja
auch der Ablaut und der Accent, sogar Fremdwörter ergriffen habe.
Wenn wir bei Platen lesen : „Soll ich &w\^ plagen mich xxnii •placken'^ ^''
so fühlen wir unstreitig zwischen den beiden Verben das oben als fac-
ti seh zugegebene Verhältniss der Bedeutung; aber folgt daraus un-
mittelbar, daß jener Zusammenhang auch ein genetischer, daß also
das (nach Weigand, Wörterbuch) seit dem 17. Jhd. geläufige placken
damals erst auf die von Hrn. G. angenommene Weise von plagen ge-
bildet sei ? Über die Bedeutung und Herkunft des letztern, wie sie von
Weigand a. a. O. angegeben sind, ist nichts weiter zu bemerken ; wenn
er aber placken ebenso von plagen gebildet findet wie jackern von jagen,
wobei auch nicken von neigen usw. zu vergleichen sei, so haben wir zwar
gegen diese „Vergleichung'', wenn sie nicht eine Gleichsetzung be-
deuten soll , nichts einzuwenden und wollen sie , wie auch die von
jackern '.jagen für einmal hinnehmen, bis wir zu jenen Wörtern der Reihe
nach kommen; für placken aber ergibt sich aus den bei Weigand un-
mittelbar folgenden Worten die Möglichkeit einer andern Erklärung.
Placken ist nach seiner Angabe aus dem Niederdeutschen aufgenommen,
dasselbe gilt aber noch von einem andern gleichlautenden placken, wel-
ches, zunächst vom Substantiv p?«c/.e(7i), m. ■=rz Fleck, Lappen, abgeleitet,
die Bedeutung hat: Lappen einsetzen oder aufkleben (flicken), dann
auch: Flecken (== Fehler) machen. Diese beiden Bedeutungen werden
zwar, wie die entsprechenden Substantive, von Weigand auseinander
gehalten, aber etymologisch gehören sie ohne Zweifel zusammen, da
W. selbst für placke(n) = Flecken Entlehnung aus lat. pläga (Wund-
1*
4 LUDWIG TOBLER
mal) möglich findet, für die Bedeutung „Lappen" aber (mnl. plagglie,
abgetragenes Zeug) auf lat. pläga, Teppich, Bettdecke, Vorhang zurück-
greift. Dieses bedeutet ursprünglich überhaupt etwas breitgeschlagenes,
ausgedehntes, also z. B. ein Stück Land oder Zeug, daher einerseits:
Fläche, Gegend, andererseits: ausgespanntes Jägernetz, Grewebe usw.
Lat. pläga und pläga stammen aber von derselben Wurzel plag, schla-
gen, welche in 'pla{n)ge nasal, in pläga (griech. Ttltjy^, nlriy-vv-^L
neben Ttlay- im Aorist II) vocalisch verstärkt ist; die verschiedene
Quantität der lateinischen Wörter war oder wurde bei ihrer Aufnahme
ins Deutsche ebenso wenig festgehalten wie bei einheimischen. Übri-
gens kann placke{n) = Flecken statt aus lat. pläga auch direct aus
dem bereits verdeutschten ^^acÄ;e(n) = Lappen (plaga) abgeleitet werden ;
denn ähnlich besteht in der Schweiz neben dem transitiven Verbum
flicken ein intransitives flecken == fehlen, missrathen. Wenn nun neben
placke schon früher Plage und plagen aus pläga war aufgenommen wor-
den, so ist doch denkbar oder sogar wahrscheinlich, daß volksetymo-
logischer Trieb zwischen jenem (ebenfalls bereits bestehenden)
placken und dem plagen eine Beziehung suchte und irrthümlich herstellte,
indem allerdings placken in die Stellung eines Intensivums zu plagen
gezogen, aber nicht daß ein neues placken als Intensiv zu plagen erst
geschaffen wurde kraft eines ursprünglichen Grefühls von speci-
fischer Angemessenheit des Lautunterschiedes ftlr jenes Begriffsver-
hältuiss ; wohl aber mochte das erstere geschehen in Folge von Analogie
mit bereits bestehenden (aber auf anderm Weg entstandenen) Paar-
formen ähnlicher Art. Natürlich musste auch die Bedeutung von
placken Ankuüpfungspuncte für jene Wendung bieten, und sie lagen
in dem Begriffe des Herumflickens, Aufheftens, womit sich leicht die
Vorstellung lästiger kleinlicher Zumuthungen und Misshandlungeu ver-
binden, oder in dem von placke = abgetragenes Zeug, aus dem sich
der von Abnutzung entwickeln konnte ; auch war ja der alte Grund-
begriff des S ch l a g e n s, den placken mit plagen gemein hatte, in jenem
wie in diesem nie ganz in Vergessenheit gerathen. Wir geben gerne zu,
daß diese unsere Erklärung complicierter und mühsamer, auch auf
den ersten Blick nicht so einleuchtend sei wie die von Hrn. G. , aber
nirgends weniger als in sprachgeschichtlichen Dingen gilt der Spruch:
Simplex sigillum veri, und nur durchgeführte Prüfung möglichst vieler
anderer Einzelfälle berechtigt zu einem Urtheil und Entscheid.
Hr. G. gibt nun auch (S. 4 — 14) eine Reihe von 44 weiteren Bei-
spielen, denen sich (mit Unterbrechungen S. IG — 17. 20 — 22. 28 — 29)
noch ungefähr 14 beigesellen, so daß die Gesammtzahl sich auf die 60
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 5
beläuft, womit aber noch keineswegs alle wirklich vorhandenen auf-
gezählt sein sollen, vollends nicht die in den lebendigen Mundarten
noch immerfort neu zu bildenden (S. 15). Diese letztern zu anticipieren,
ist Niemandes Aufgabe, dagegen hätte Hr. G. wenigstens die in der
Schriftsprache vorhandenen voll ständig, wenn auch nur noch in Kürze,
aufzählen sollen; denn unzählbar viele andere gibt es nach den ge-
nannten jedenfalls nicht mehr (wir glauben sogar nur noch wenige),
die Aufzählung der übrig-en hätte aber dazu beigetragen, den Begriff,
den Hr. Q. mit seinen Intensiven verbindet, und seine Methode dieselben
ausfindig zu machen und zu erklären, noch mehr ins Licht zu setzen.
60 ist zwar schon eine ansehnliche Zahl , aus der sich wohl etwas
schließen lässt; aber wenn es gilt, ein ganz neues Gesetz aufzustellen,
so sollte die Induction möglichst vollständig sein.
Von den 60 nun, an die wir uns zunächst zu halten haben, die
übrigens auch von Hrn. G. nicht alle in dieselbe Linie von Regel-
mäßigkeit gestellt und mit gleicher Sicherheit angenommen zu werden
scheinen, sind etwas mehr als die Hälfte so beschaffen, daß intensive
Bedeutung der betreffenden Verba im Verhältniss zu vorhandenen
oder anzunehmenden Stammwörtern sich nicht bestreiten lässt, obwohl
genaue Bestimmung jenes Begriffs an subjectiver Verschiedenheit des
Sprachgefühls zuweilen eine SchranJce finden mag. Die Differenz der
Ansichten betrifft aber wesentlich die Entstehung und ursprüngliche
Bedeutung der Laut form, in welcher die fraglichen Verba auftreten,
und zwar nicht bloß die Ansicht des Hrn. G. von derselben im All-
gemeinen als einer unmittelbar dynamischen, sondern auch, diese vor-
ausgesetzt, die Eichtigkeit ihrer Anwendung im Besondern. Wir
haben also die von Hrn. G. angenommenen Fälle zunächst au dem
allgemeinen Bildungsgesetz zu messen, welches er selbst aufstellt; wenn
sich dann ergibt, daß sie ein Gesetz von jeuer Art nicht bewähren
oder daß sie anderweitigen Gesetzen widersprechen, so muss für die-
selben eine andere Erklärung gesucht werden.
Nachdem Hr. G. die 45 ersten Beispiele abgehandelt hat, hält er
inne (S. 15), um einen Rückblick auf dieselbeu zu werfen und das Ge-
setz ihrer Bildung aus ihnen herauszulesen. Dabei findet er vor allem
bemerkenswerth, daß die ahd. Wurzel, aus welcher sich das Intensivum
entwickelt, nie auf Tennis, sondern nur auf Media oder Aspirata (Spi-
rans) ausgehe, und er erklärt dies daraus, daß die Tenuis eben zur
Bildung der Intensivform vorzugsweise bestimmt gewesen sei, d. h.
daß sie zur Verhärtung von Media und Spirans habe aufgespart werden
müssen. Daß nun, wie Hr. G. beifügt, dieser Ausschluss der Tenuis
6 LUDWIG TOBLER
in einer altern Periode des Hoclideutsclien, d. h. vor der zweiten Laut-
verschiebung, nicht habe stattlinden können, sehen wir nicht ein; da-
gegen wäre zu bedenken gewesen, daß gerade die zweite Lautver-
schiebung , weil sie überhaupt keine vollständige war und nicht bei
allen liuchdeutschen Stämmen gleichmäßig zum Durchbruch kam, durch
theilweise Nichtfortschiebung der alten Medise b und g in Folge der
Stockungen bei / und h im In- und Auslaut die Zahl der auf reine
Tenuis auslautenden Wurzeln überhaupt verminderte, so daß sie fast
auf Null reduciert wurde , da Wurzeln auf t , aus andern Gründen,
ebenfalls selten waren: hier also läge die Ursache jener Erscheinung,
nicht in einer absichtlichen Ausschließung. Aber sehen wir nun zu,
wie sich nach Hrn. G. die Verhärtungen der Medise und Spiranten
(denn von eigentlichen Aspiraten kann ja hier nicht mehr die Rede sein)
gestaltet haben:
g wurde intensiv ck^ einmal ch (jcigeii •.jochen'i).
h „ „ ck.
ch „ „ ck^ es blieb aber iu kelclien '. kichern \ siuchen,
Sachen (kranken), weil die Gutturalaspirate selbst schon ein harter Laut,
also für Intensivbildungen brauchbar gewesen sei, und weil ch für
Verdopplung derselben stehe (für ahd. hh?).
b wurde jjf {pp, dieses eigentlich niederdeutsch), einmal bb {rei-
ben : ribben, mundartlich).
f (ff) wurde /^', zweim'di ff {streifen: striffela, mhd. sifen^ tviei'en :
siffeln, gleiten?).
/ wurde py, mhd. laßen, lecken : uhd. lappeti (V).
w „ pj] mhd. ziuiven, ziehen : nhd. zupfen^ und mhd. kiuwen,
kauen : kiffen (?).
z (ß) wurde tz^ welches aber in schnitzen aus d, resp. t (schnei-
den^ schnitt) entstand.
Als Unregelmäßigkeiten nimmt Hr. G. an: ch : ff in kriechen:
kniffen (hessisch, was aber von kriefen, einer hochd. verschobeneu Form
des nd. kriepen , wovon auch krüppel , abzuleiten ist) ; w : k in mhd.
spiiven, speien : nhd, spucken (dessen k aber aus dem häutigen Über-
gang von 10 zunächst in g seine Erklärung findet) und d : pp in schnei-
den : mundartl. schnippeln, was wir so wenig anerkennen können wie
den Übergang von g (k) : p in ags. hntgan : hnipian, nappian (S. 9.39).
Bei genauerer Prüfimg (besonders der mundartlichen Nebenformen,
welche Hr. G, unter den Hauptnummern beibringt, aber nicht mit ge-
höriger Unterscheidung von der Schriftsprache) ergibt sich, daß er noch
3,nderc Übergänge annimmt, so; h '.ff {riffeln von reiben)^ p : pp {hiippen
ÜBE R DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 7
von kneipen, oder von der hoehd. Form kneifen?)^ hh : pp (ags. hebhan
: Jioppian?). Einen besondern Zusatz bildet dann noch die Entstehung
von intensivem ck aus nk^ ng (durch Assimilation ?) : wackeln aus wanken
(vgl. jedoch S. 14 — 15 loacken aus loegen, ivagen) , hikkeln aus hinken,
schlucken aus schlingen (denen ohne Zweifel auch noch drücken aus
dringen beizugesellen ist). Endlich wird noch bemerkt, daß der Schluß-
consonant der Intensivbilduug nie eine Liquida sei, was später noch
einmal zur Sprache kommt ; der Grund ist wohl, daß die Liquidse von
Natur schon mehr als die Mutse zu Verdoppelung geneigt sind und
darum schon einfache starke Verba dieselbe zeigen (vgl. S. 22).
Der Vocal des Verbums, von welchem das lutensivum abge-
leitet wird, ist nach S. 18 meistens lang, einfach oder diphthongisch;
doch kommen auch ungefähr 10 Fälle von kurzem Vocal vor. Der
Vocal des lutensivums selbst ist meistens der kurze des starken Prse-
teritums oder Participiums , nur selten wird der des Prsesens beibe-
halten. Diese Angaben werden aber sofort dahin berichtigt, daß das
Intensivum den kurzen Vocal der Wurzel beibehalte, in seiner
ursprünglichen oder in der geschwächten Gestalt, die gegenüber den
verwandten Sprachen dem Deutschen eigen sei. Daß darum diese In-
tcnsivbil düngen etwas specifisch Deutsches haben sollen, können
wir nicht einsehen; dagegen folgt aus jener zweiten Fassung, daß von
einer erst zum Zweck der Intensivbildung eintretenden Verkürzung,
welche oben als Merkmal aufgestellt wm-de, nicht die Rede sein kann.
In der That entsteht der Schein davon nur daraus, daß Hr. G. zuerst
die Intensivbildung von der Form des Praesens oder Infinitiv ausgehen
Hess, Avo ein Theil der starken Verba eine Steigerung des Wurzelvocals
mit sich führt, die eben nur jenem Tempus und in noch vollerer Ge-
stalt dem Prset. Sing, angehört; es hindert aber nichts (obwohl Hr. G.
S. 73 und 74 sich widersprechend darüber erklärt), die Bildung, je älter
sie sein soll um so mehr, unmittelbar von der Wurzelgestalt ausgehen
zu lassen, wie sie auch im Preet. Plur., Part. Perf. und in Nominal-
stämmen lebt. Bei den Wurzeln, welche im Prsesens a zu i (e) schwächen,
kann auf das Prset. Sing, zurückgegriffen werden (icehen : icappen] loippen
kann mit den Substantiven icib und tcihil und dem schwachen Verbum
■weihen von einem starken wlhen abgeleitet werden; trecken und stecken
veiTathen sich schon durch die Aussprache ihrer e als nicht unmittel-
bare Ableitungen von trechen und stechen; das Verhältniss von schicken :
schehen ist noch unklar); oder auf das Part. Perf. (brechen : brocken);
Bildimgen von ungeschwächten «-Wurzeln, deren Hr. G. mehrere auf-
stellt, werden wir als unrichtig erweisen. Während also zur Erklärung
8 LUDWIG TOBLER
des Vocals der Intensiva die Annahme eines besondern Actes von
Verkürzung nicht nöthig ist, bleibt die wichtigere Frage, ob für die
Consonanten eine „Verdopplung" und theilweise „Verhärtung"
sich wirklich als Regel erweise. Eine Veränderung der Consonanten
liegt allerdings vor (ausgenommen die Fälle wo ch bleibt), und sie
kann im Allgemeinen wohl als eine Verhärtung bezeichnet werden,
„Verdopplung" aber linden wir auf obigem Verzeichniss eigentlich nir-
gends, und gerade in den echt hochdeutschen Beispielen am wenigsten;
eher könnte von einer Verdickung des Lautes gesprochen werden;
überhaupt aber scheint die Veränderung weniger eine quantitative als
eine qualitative, und diese veranlasst durch Einfluss eines fremden
Lautes, der den der Wurzel mannigfach, je nach des letztern eigener
Beschaffenheit, modificierte. Von einer unmittelbaren, gleichmäßigen und
deutlich symbolischen Veränderung der Laute kann also nicht die Rede
sein, und was wir an der ganzen Behandlung des Hrn. G. hauptsäch-
lich vermissen, ist eben, daß er nicht vor allem die Erscheinung rein
lautgeschichtlich betrachtet und die Frage erhoben hat, welche
Entstehung und Geltung die in den intensiven Verben auftretenden
Doppellaute im Altdeutschen überhaupt haben; er würde dann ge-
funden haben, daß sie vielfach auch sonst vorkommen und auf einem
Wege erzeugt werden, welcher zwar eine nachträgliche, scheinbar spe-
cifisch intensive Bedeutung derselben in Fällen, wo abgeleiteten Verben
noch ihre einfachen Stammwörter zur Seite stehen, nicht ausschließt,
aber doch den Ursprung der ganzen Bildung in ein anderes Licht setzt.
Hr. G. weiß sehr wohl (vgl. S. ö7. 73), daß es viele hochdeutsche
Verben gibt, die ganz ähnliche Lautgestalt zeigen wie seine Intensiva,
nur daß eben ihre Stammwörter verloren oder verdunkelt sind ; so wenig
nun aus jener Lautgestalt folgt, daß solche Verba ebenfalls Intensiva
sein müssen^ eben so wenig durfte dieselbe umgekehrt als primitives
Merkmal der wirklich intensiven aufgestellt werden, von denen übri-
gens manche nach Hrn. G. eigener Aussage (S. 36) diese Bedeutung
kaum noch merklich an sich tragen , so wie hinwider manche von
den erstem auch ihrer Bedeutung nach gar wohl Intensiva von an-
dern sein könnten, da sie eine starke oder überhaupt „angestrengte"
Bewegung bezeichnen, z. B. schleppen, raffen, gaffen, hocken, schrecken,
strecken, jpochen (vgl. Jochen), schwitzen, putzen und viele mundartliche.
Bevor wir unsere positive Ansicht näher entwickeln, haben wir,
immer dem Gange des Hrn. G. folgend, nur noch einen Punct zu be-
rühren. Er findet (S. 20), daß die meisten Intensiva von starken
Verben gebildet sind, was richtig und bedeutsam, aber für seine Grund-
ÜBER DIE SOGENANNTEN VEEBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 9
ansieht nicht eben günstig ist. Denn wenn die Bildung rein dynamisch
symbolisch sein soll , so ist in der That nicht abzusehen , warum sie
nicht von schwachen Verben ganz ebenso gut könnte vollzogen werden,
sobald ihre Lautgestalt jene zwei Operationen der Vocalkürzimg und
Consonantenschärfung erlaubt, was ja bei sehr vielen der Fall wäre.
Daß die starken bevorzugt sind, lässt sich wohl nur daraus erklären,
daß sie durch ihr Ablautvermögen überhaupt in der Wortbildung leben-
diger und fruchtbarer sind ; was aber eben auf einen allgemeineren
Ursprung und Charakter auch der fraglichen Intensivbildung deutet.
Die wenigen von schwachen Verben gebildeten Intensiva beweisen
natürlich nichts gegen diese Auffassung und erklären sich aus über-
wiegender Analogie der von starken gebildeten, welche übrigens selber
schon zum Theil nur jenem Princip ihr Dasein verdanken. Daß von
reduplicierenden Verben keine Intensiva gebildet wurden (S. 23),
ist ebenfalls richtig und für beide charakteristisch ; wenn aber siulzen
im Verhältniss zu stossen ein umgekehrtes oder unorganisches Inten-
sivum genannt wird (S. 24. 25), weil es die ursprüngliche Kürze des
Wurzelvocals enthalte, so können wir dies nach dem Obigen nicht mehr
zugeben ; vielmehr entsprang aus dem Ablaut des auch von Hrn. G.
vorausgesetzten stiozan im Pr?et. Sing, das reduplicierende stozan, so
wie gleichzeitig und unabhängig von diesem aus dem Ablaut des Prset.
Plur. (resp. aus der alten Wurzelkürze) mit ableitendem und dann sich
assimilierendem j stuzjan, stuzzan. Ganz dasselbe gilt von putzen im
Verhältniss zu hozen (s. Grimm Wb. unter hntzen). Aus ahd. studjcm
konnte, wenn nicht eine unregelmäßige Fortschiebung wie bei schützen
aus schütten stattfand, kein hochd. stutzen, sondern nur ein stutten ent-
stehen, vgl. retten, schütten^ deren tt sächsischem dd aus dj entspricht.
Studjan und gasttcdnon gehören nach Grimm zunächst nicht zu stützen,
sondern zu stad als Weiterbildung von sta stehen, vgl. ahd. stad, sta-
dal, stat. Das angenommene stiozan aber lebt fort im ahd. stiuz, nhd. Steiß,
im Schweiz. Eigennamen Stüfii und in dem obd. Stotz, Stamm, Bein,
stotzig, stämmig, steil, stotzen, auch statzeln = nd. stottern. Hieran knüpft
sich nun bei Hrn. G. S. 2^ ff. ein wichtiges Capitel, in welchem er
selbst EinAvürfe gegen seine Ansicht zur Sprache bringt, aber (wie uns
scheint, allzu leicht) erledigt. Es schwebte ihm zunächst die Möglich-
keit vor, daß die Verdopplung des Schlußconsonanten aus Assimilation
eines ableitenden j entstanden sein könnte, also so ziemlich unsere An-
sicht; aber er verdarb sich diesen richtigen Blick durch eine seltsam
irrige Ansicht von der Bedeutung und Anwendung der verbalen Bil-
dungssilbe -ja, von dem Verhältniss der Intensiva zu Causativen.
10 LUDWIG TOBLER
Ganz richtig beginnt er mit dem Satze, daß das -ja im Deutschen,
wie im Sanskrit, Causativa bilde, und richtig ist auch noch die Bei-
fttgimg , daß dabei die Wurzel in ungeschwächter (a) oder in ver-
stärkter Vocalgestalt (bei i und tc) auftrete, wodurch sich also die Causa-
tiva von den Intensiven unterscheiden. (Aus dem oben Bemerkten
ergibt sich, daß, von geschwächten ^-Wurzeln abgeleitet, beide gleich
lauten können.) Daß die Silbe -ja, weil sie unter anderm auch, und
allerdings oft, Causativa bilden hilft, darum zu keinerlei andern Ver-
balableitungen, also z. B. nicht auch zu Bildung von Intensiven dienen
konnte und gedient habe, oder daß Causativa und Intensiva, bei un-
leugbarer Verschiedenheit ihres Begriffs, auch in der Form nichts,,
auch nicht ein Bildungselement von so unleugbarer Vielseitigkeit wie
-ja (vgl. S. 30. 31), gemein haben konnten, scheint Hr. Gr. selbst kei-
neswegs zu folgern; denn wenn er S. 10 ergetzen ein „causatives In-
tensivum" nennt, d. h. ein Verbum mit intensiver Form und causa-
tiver Bedeutung , S. 14 schicken „intensiv mit factitiver Bedeutung",
S. 21 fützen wieder „intensiv mit causativer Bedeutung", und auch got.
buc/jan (S. 39) für ein solches halten möchte, wenn ihm nicht ander-
weitige Gewähr fehlte (S. 39), so liegt darin wenigstens die Annahme
einer Übertragung intensiver Form auf causative Function. Daß er
S. 33 auch geradezu Bildung von Causativen aus Intensiven annimmt,
hätte nichts gegen sich, wenn die Beispiele sonst richtig wären, aber
bei blecken = „blicken machen" bleibt der Vocal unerklärt und die Er-
klärung von Grimm (Wb.) unberücksichtigt, bei necken = „nicken ma-
chen" kommt zu derselben lautlichen Schwierigkeit noch die begriff-
liche hinzu. Später S. 80 (ob.) heißt es, die deutschen Intensiva werden
fast gar nicht (ausgenommen die vorhin angeführten Fälle) auch cau-
sativ wie das hebräische Fiel, wohl aber nehmen sie oft das causale
Suffix -ja an ; S. 40 (ob.) aber wird das ags. hnwgan (aus hnäg-ja-u)
als Beweis dafür angeführt, daß die Bedeutung des j nicht causal sei.
(Hncegan heißt aber wirklich humiliare, prosternere, hiipian : se incli-
nare.) Schon S. 31 hat nämhch Herr G. gesagt, da die Endung aller
schwachen Verba von dem Suffix -ja stamme, so müsse es seine ur-
sprünglich wohl causale Kraft theilweise aufgegeben und mit so
erweiterter, allgemein ableitender Bedeutung sich auch au die Intensiva
angesetzt haben (schon darum, weil ja diese eben auch schwache
Verba seien), aber offenbar nur pleonastisch, nicht wesentlich für das
Intensivum als solches. — Es hält schwer, aus allen diesen Wendungen
eine definitive und widerspruchslose Ansicht des Verfassers über das
Verhältniss von Intensiven und Causativen herauszulesen: sollte die
ÜBER DIE SOGENANNTEN VEKBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. H
ursprüngliche causative Bedeutimg des -ja, nachdem sie in einer all-
gemeineren aufgegangen war, in jenen Intensiven mit causativer Be-
deutung wieder aufgelebt oder geblieben sein, so bliebe noch immer
ganz unerklärt, warum diese Verba überhaupt intensive Form ange-
nommen haben, da ihre Bedeutung nichts Intensives hat und ein
Übergang von intensiver zu causativer Bedeutung noch weniger denkbar
ist als der umgekehrte. Übrigens ist wenigstens ergetzen auch der Form
nach gar nicht Intensivum, sondern ein regelrechtes Causativum wie
setzen und ätzen (S. 28). „Selbständige Existenz des Intensivums neben
dem Causativum" halten auch wir für „gesichert" (S. 28 ob.) und
linden sie nur durch Hrn. G.'s eigene obige Auffassungen gefährdet;
auch daß das Intensive nicht in dem -j selbst liege, ist klar (sonst
müssten ja alle damit abgeleiteten Verba intensive sein!), daß hingegen
das Fehlen des Umlauts beweise, es seien nicht alle Intensiva mit y
gebildet worden (was auch wir glauben, nur aus andern Gründen),
ist nicht zuzugeben, da der Umlaut nirgends ganz consequent durch-
gedrungen ist (vgl. Gr. 1, 336) ; der conson an tische Bestandtheil
des j konnte darum doch wirken, und es fragt sich also nur, ob und
wie er es gethan habe, ob und wie er die Verhärtung und Verdopp-
limg des Schlußconsonanten erzeugen konnte, was Hr. G. bestreitet
(S. 31); davon wird denn auch abhangen, ob und in welchem Sinne
von „selbständiger Existenz des Intensivums gegenüber sonst abge-
leiteten Verben" die Rede sein kann.
Die Verschiedenheit zwischen Intensivum und Causativum findet
Hr. G. besonders deutlich ausgeprägt, wo vom selben Verbum beide
Ableitungen neben einander überliefert sind und fortbestehen, wie von
ahd, hnigan, Causat. hneigjan, Intens, hnikjan ; sUfan, Causat. sleifan,
Intens, slipfan. Aber wenn er aus der Form hnik-j-an weiter beweisen
will, daß die Verstärkung des Schlußconsonanten beim Intensiv auch
vor dem -ja, d.h. unabhängig von demselben, eintrete, während in
hneigjan das g unverhärtet bleibe, so hat er die Zufälligkeiten und
Unregelmäßigkeiten ahd. Schreibung nicht bedacht, denn meistens findet
sich geschrieben (h)nicchan, anderseits auch {k)neikan, beide mit
eingetretener Assimilation des j und Verhärtung des g, und wollte
man das k der letztern Form etwa als streng ahd. Schreibung er-
klären, so wäre natürlich für hnikjan dasselbe geltend zu macheu.
Letzteres ist allerdings eine Art von pleonastischer Schreibung, aber
sie findet zahlreiche Parallelen; denn wie dort das / noch mitgeschrie-
ben wird, nachdem es eigentlich bereits in dem k (= gg aus gj) auf-
gegangen und vertreten ist, so wurden im Ahd. imd Mhd. ursprünglich
12 LUDWIG TOBLER
kurzsilbige Verba der ersten schwachen Conjugation, nachdem sie durch
Assimilation des ;' scheinbar langsilbig geworden waren , wirklich als
solche behandelt, mit unorganischem Rückumlaut im Prseteritum, z. B.
zeiht (aus zelju) Prset. zalta neben und statt zelifa, weil man der Ent-
stehung von zellan aus zcdjan sich nicht mehr bewusst war; s. Grimm, Gr.
1 ' 874, 947. Eher könnte die Frage erhoben Averdeu, Avarum nicht aus
hnig-ja-n eher hniggan entstand und ob hmk(j)an für jenes geschrieben
und gesprochen werden konnte. Daß nun nirgends hniggan sich ge-
schrieben findet und auch in andern Verben dieser Art nie gg, sondern
meist eck, bleibt allerdings auffallend; denn wenn sonst ahd. kJc, cc,
ck mit gg wechselt, jene also dieses vertreten können, wie vorliegt in
den Formen (man-) sleggo und -slecco, mhd. -slecke und -slegge aus slagjo
von slalian {slagan), loeggi und wekki Keil, äioiggi und mcicki, unweg-
sam (welchem letzteren Hr. G. S. 68 ganz ohne Grund intensive Form
und Bedeutung zuschreibt), so haben wir es hier, wie noch im mnhd.
flücke neben flügge , offenbar nur mit dialectischen Varianten zu thun,
übrigens zugleich mit Beispielen derselben Assimilation von gj in gg
wie beim Verbum. Aber wirkliche Verwirrung der Schreibart, näm-
lich Schwanken auch zwischen gg und eck (welches allerdings durch
ableitendes J entsteht, aber aus ch = got. k), bezeugt doch auch Grimm,
Gramm. 1*, 193; sie konnte eben durch den doppelten Lautwerth der
Zeichen c und k (bald als härtere Medien, bald als wirkliche Tenues)^
des g im Auslaut geradezu auch für c (k) und des ch im Inlaut auch
für cch (weil h im Auslaut =: ch) herbeigeführt werden , und daß sie
schon alt ist, geht auch daraus hervor, daß gerade in den Mundarten
der Schweiz , welche dem streng ahd. Typus am nächsten stehen, die
Aussprache gg theils neben cch gilt, theils diese verdrängt hat, z. B.
in der allgemein gültigen Form Ingg = nhd. locker, von got. lükan,
mhd. lüchen, Uechen (schließen, eigentlich zuziehen), woher Loch und
Lücke, vielleicht auch loc (Locke) und locken (herbeiziehen); daß
jenes lugg mit ahd. luggi^ lukki, mendax, von lügen zusammenhänge
(Weigand), ist unAvahrscheinlich, da das letztgenannte Verbum, im got.
liugan nubere, auf die Grundbedeutung „verhüllen" weist. Daß nun
die Schreibung cch für gg gerade bei unsern Verben sich festsetzte,
kann freilich nicht bloßer Zufall sein, sondern es mag ein Gefühl
davon, daß sie Neubildungen mit verstärkter Bedeutung waren, zur
Differenzierung auch ihrer Form nach jener Seite hin beigetragen
haben.
Dieselben Consonantenverhältnisse wie bei nicken : neigen haben
wir anzunehmen bei hucken : biegen (ahd. huck{j)an findet sich zwar
ÜBEE DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 13
nicht, ist aber durch bucchelön, curvare, mittelbar bezeugt) und schmücken
: schmiegen. Das c in mhd. smuc, smuckes erklärt Weigand geradezu
als Verdopplung und Verdichtung von g, smücken hingegen vom Sub-
stantiv durch j abgeleitet; aber die erstere Annahme ist doch gewalt-
sam, wir werden eher umgekehrt smtic von smücken abzuleiten haben
(dessen verschiedene Bedeutungen sich auch nicht alle aus der von
smuc erklären würden) , und dieses aus smiegen mit j, ahd. smukjan^
wozu dann auch smoccho (engl, smock) Hemd, gehört, ähnlich wie hrocco
zu mhd. brücken (ahd. bruchjan) von brechen ', vgl. auch Grimm Wb.
und Boch und Bock und die vorhin genannten Ableitungen von lüchen,
nur daß hier das ck aus ch sich einfacher erklärt.
Zu dem aus g zu erklärenden ck gehört noch das in zucken
von ziehen, da der Vocal uns darauf hinweist, auch hier die im
Prset. Flur, erscheinende Wurzelform zu Grunde zu legen ; das im
Pra3sens und im Prät. Sing, geltende h, das mhd. im Auslaut ch ge-
schrieben wird und bei der Gestalt des ahd. ziecha Überzug (noch
Schweiz, zieche) wenigstens mitgewirkt zu haben scheint, mag zu der
Verdickung des Lautes beigetragen haben, obwohl h -\- j höchstens in-
lautendes chy noch kein ck ergibt; letzteres muss dann auf obigem Wege
entstanden sein. Wie ist aber das neben ahd. zucchan bestehende fast
gleichbedeutende zocchon (vgl. mhd. bocken niedersinken neben bückea)
und wie sind noch andere Intensiva zu erklären, welche ebenfalls der
zweiten schwachen Conjugation angehören, also kein ^ mit sich führ-
ten, aus dessen Assimilation der Doppellaut entstehen konnte, z. B.
auch das bereits angeführte locchon (wenn es wirklich Intensivum von
lüchan ist), neben welchem mit gleicher Schwierigkeit noch locchen nach
dritter Conjugation besteht? Substantiva, von denen diese Verba abge-
leitet sein könnten, bestehen nicht und es müsste ihr Auslaut selber
erst erklärt werden. Wir müssen also auf das vorhin bei smocco Be-
merkte zurückkommen. Die Ableitungen mit j waren die zahlreichsten ;
wenn nun auf diesem Wege ein Verbum mit Doppelconsonanz ent-
standen und geläufig geworden war, so bildete es gleichsam eine Wurzel
oder wenigstens einen Stamm zweiter Ordnung, von dem weitere Bil-
dungen ausgehen konnten wie von einer starken Wurzelgestalt. Betref-
fend den Vocal kommt noch in Betracht, daü ein c in dem Sub-
stantivum zoc (mit einfacher Consonanz) bereits vorlag. Wir haben also
eine von einer Wurzel abstammende Gruppe von Wortstämmen
als ein lebendiges Ganzes zu betrachten, dessen Glieder, wie die
einer Familie, mit Einschluß der „schwachen", aber immerhin un-
ter Vorwalten der „starken" ihre Eigenschaften unter einander
14 LUDWIG TOBLER
austauschen und durch Combinationen derselben neue Sprossen er-
zeugen.
Wälirend das h von ziehen schon innerhalb dieses Verbums selbst
sich in g fortschiebt, ist hingegen das in schehen einem solchen Über-
gange fremd, so daß wir in schicken, wenn es von jenem abgeleitet ist,
das ck nur als Schärfung von ch (Jih aus h -\- j) erklären können,
also durch eine ähnliche Vermischung der Laute und Schriftzeichen
wie ck aus gg. Wie nun für die Steigerung von g{g) zu k(k) nach-
träglich immerhin noch kann geltend gemacht werden, daß der streng
ahd. Dialect die Media g (wie b) eigentlich verloren hatte (womit frei-
lich die mhd. Ersetzung derselben durch c im Auslaut nicht wohl zu-
sammenhängen kann, vgl. Gr. 1, 378), so kommt für die Steigerung
von ch zu ck in Betracht, daß das Zeichen h im ahd. In- und Auslaut
nicht bloß einem got. h entsprach, sondern auch einem got. k, aber
mit der Aussprache ch, welche dann irrthümlich auch auf einzelne h
der ersten Art übertragen werden mochte (vgl. Gr. 1, 189). Eine solche
Ausnahme scheint in schicken von schehen vorzuliegen, in welchem auch
Weigand eine Verdickung des h zu cch durch j annimmt, und unsere
Erklärung ist trotz ihrer mühsamen Vermittlung durch Annahme von
Störungen des organischen Lautverhältnisses weit mehr dem wirklichen
Leben der Sprache angemessen, als die Annahme eines unmittelbaren
Sprunges von einem h zu ck als dessen „Verdopplung" oder „Verhär-
tung", was allem Lautgefühl widerspricht. Was den Vocal betrifft, so
ist derselbe bei der Annahme, daß schicken Causativ von schehen sei,
ebenfalls nur durch Ausnahme von der Regel zu erklären; denn nach
dieser müsste die Bildung schecken lauten; es ist aber möglich, daß
schicken zwar zu schehen gehört, jedoch nicht als Causativum desselben,
sondern als Ableitung von der geschwächten Wurzelgestalt schih mit
transitiver Bedeutung, wie denn auch gar nicht alle Bedeutungen des
mhd. schicken sich als Causative von schehen auffassen lassen. Der Vocal
würde sich verhalten wie im mhd. schricken, aufspringen, welches doch
auch ein starkes schrehhan voraussetzt, zu dem es denn auch schon
mhd., aber mit Beibehaltung des aus der Ableitung durch ; entstan-
denen ck aus ch, zurückgekehrt ist; auch ßcken, icipfen, knittern, von
denen noch weiter unten die Rede sein wird, zeigen diesen ausnahms-
weisen Vocal. Als ein solcher müsste er auch gelten, wenn wir schicken
von schehen trennen und es mit dem für das Substantiv schoc, nhd.
/Schock, Haufe, bestimmte Menge, alts. scoc vorauszusetzenden ahd.
sc'fihhan in Verbindung bringen wollten, dessen Bedeutung ungefähr
„in Ordnung anhäufen, aufschichten'" gewesen sein muss und zu der
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 15
von mild, schicken mehrfach passen würde. Bei dieser Annahme wäre
dann auch das ck ohne weiteres gerechtfertigt, denn daß es meistens
einem ahd. cch , welches seinerseits aus ch -\- j entsprungen ist , ent-
spricht, wurde schon oben bemerkt und bedarf keines Beweises mehr;
wir können daher auch die hieher gehörigen Intensiva des Hrn. G.,
als im Allgemeinen richtig, übergehen, nur mit der wiederholten Be-
merkung, daß ihr ck nicht anders entstanden ist, als in vielen andern
Vei'ben, die dasselbe enthalten, ohne darum Intensiva (oder auch immer
Causativa) zu sein.
Etwas anders verhält es sich mit den nun folgenden labialen
Bildungen, indem zwar auch hier etwelche Verwirrung schon der ahd.
Laute, wie bei den Gutturalen, mitspielt, jedoch die Doppelconsonanz
nicht einzig aus Assimilation eines j zu erklären ist, weil manche ahd. ph
auch nur den Werth eines einfachen / hatten, d. h. des aus p verscho-
benen, aber nicht mehr voll aspirierten Lautes, so daß in- und aus-
lautend p/i und/ zunächst unter sich, dann auch (nach kurzen Vocalen)
mit p/ und ff wechseln. Ahd. ff vertritt nach Gr. 1', 133 ff. theils ph
theils pf, dieses hinwieder theils ph theils ppA; im erstem Fall ent-
spricht es einem niederdeutschen p, im zweiten einem nd. pp und ist
dann, wie dieses, oft aus Assimilation von j entstanden (wie ck aus
cch = cÄ -j- j). hh und p>p schwanken wie die einfachen Laute (und wie
gg und kk) und die Dopplung scheint ebenfalls aus Assimilation von j
entsprungen (a. a. O. S. 148). Der Wechsel von ff und pf kommt auch
im Mhd. noch vor; tro2)fe steht für tröffe, vom Prset. Plur. truffen (von
triefen), wo die Verdopplung (wie bei zz) vielleicht nur graphisch die
Kürze des Vocals festhalten helfen soll, da Gemination überhaupt, und
oft unorganische, schon im Mhd. zunimmt (a. a. 0. S. 384 — 5). — Was
folgt nun aus diesem Lautstand im Allgemeinen für unsere Frage im
Besondern? Zunächst daß der Laut pf, um den es sich bei den Inten-
siven zumeist handelt, entstehen konnte (nicht musste, da er auch
schon ohne j möglich war, = einfachem /) aus f -\- j, d. h. vertreten
kann ein aus jenen Elementen durch Assimilation entstandenes ff, also
Verbalwurzeln mit Auslaut / voraussetzt, deren denn auch Hr. G. eine
Reihe aufzählt, daß er hingegen nicht entstehen konnte aus einem
Wurzellaut h, den Hr. G. ebenfalls mehrfach zu Grunde legt, ausge-
nommen wo er, wie bei schnauben, mit / ohnehin wechselt ; aus sniuben
konnte schnuhbern entstehen, aber nicht schnupfen und schnüffeln' schnup-
pern ist entweder hochdeutsche Schriftvariaute zu schnubbern oder nie-
derdeutsche Form von snüpen ^= hd. snCfen, und nach diesem Beispiel
sind auch andere pp-Forraeu zu beurtheilen, so weit sie nicht unter
16 LUDWIG TOBLER
einen anderen, nächstens folgenden, Gesiehtspunct fallen. Unzulässig
ist auch unmittelbarer Übergang von tu in pf, ohne die Zwischenstufe
w : V, f, ähnlich dem Verhältniss von mhd. splwen : spucken, vermittelt
durch ?ü : g.
Am wenigsten Schwierigkeit machen die Lingualen, bei denen
auch bloß eine Gestalt der Intension vorkommt: ß: tz, denn nhd.
sproßen erklärt Hr. G. selbst (S. 16) als Denominativ von Sproß. Eigen-
thümlich ist die Entstehung eines tz aus d, resp. t, in schnitzen (schweiz.
auch schnätzle{n) , in kleine Stücke schneiden) , welches unzweifelhaft
(statt des von Hrn. G. angegebenen schnippeln, vgl. jedoch S. 33) zu
schneiden gehört und sich (nach Weigand) nur aus weiterer Fortschie-
bung des d, t zu z erklären lässt, von der wir freilich im Inlaute weni-
gere Beispiele haben als im Anlaut mit folgendem lo {dicahan, tivahen,
zivahen). Das ableitende j konnte den Übergang von snit zu snitz be-
günstigen, aber nicht erzeugen (was Hr. G. S. 28 anzunehmen scheint);
dagegen scheint die Annahme seiner Mitwirkung für den Übergang
von ß (mhd. zz) in fz {zz) nothwendig , obwohl nach langen Vocalen
mhd. z auch dann unverändert bleibt (beizen, aus heizjan, nhd. heizen,
vielleicht nur zum Unterschied von „beiüen'', mhd. hizen).
Wir haben nun mit einiger Ausführlichkeit , wie es nöthig war,
Hrn. G.'s Haupteinwurf gegen eine von der seinigen verschiedene Er-
klärung der Intensiva widerlegt. Es bleibt also dabei, daß dieselben
ihre Form wesentlich ableitendem y verdanken, ihre Bedeutung aber
dem durch Assimilation des j an den Schlußconsonanten der Wurzel
hervorgerufenen Abstand der abgeleiteten Form von der daneben
deutlich fühlbar bestehenden einfachen, welcher nun eine Intension der
Bedeutung mit sich zu führen schien, in demselben Maße wie die
Form eine Intension der Lautgestalt. Hiemit anerkennen wir aller-
dings ein Gefühl von Lautsymbolik als mitwirkend, aber nicht als ein-
zige oder wesentliche Ursache, nicht als einen Trieb zu unmittelbarer
Erzeugung jener Formen, sondern nur zu nachfolgender Ausdeu-
tung und Verwendung derselben, nachdem sie auf anderem Wege
einmal entstanden waren. Feinere Betrachtung wird zwischen den
beiden Auffassungen einen bedeutenden Unterschied finden, denn das
Zeitliche und causale Verhältniss der Vorgänge ist so ziemlich umge-
kehrt. — Wie viele und welche von den anzuerkennenden Inten-
ßiveu selbst erst wieder nach bloßer Analogie von bereits beste-
henden, und in diesem Sinne dann wohl auch unmittelbar, ge-
schaffen waren, lässt sich nicht mehr ermitteln ; daß aber solche äußere
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 17
Analogie schon frühe mitwirkte, halten Avir ebenfalls für unabweislich,
weil wir sie später überhand nehmen sehen.
Dies führt uns nun auf einen zweiten Einwurf, den Hr. Gr.
S. 28 — 30 sich selbst macht und ebenfalls nicht genugsam gewürdigt
hat, obwohl derselbe an Gewicht dem ersten nachsteht. Dieses zweite
Bedenken beruht darauf, daß in manchen scheinbaren Intensiven der
kurze Vocal der alte mundartlich erhaltene sein könnte, und die Doppel-
consonanz erst durch diese Vocalkürze hervorgerufen, resp. zur schrift-
lichen Bezeichnung derselben gemäß dem in nhd. Zeit geltend gewor-
denen Principe der Aussprache und Orthographie, wonach Vocalkürze
und folgende Doppelconsonanz einander meistens bedingen. Welche
gewaltige Umgestaltungen und Entstellungen die nhd. Schriftsprache
und Aussprache durch dieses Princip erlitten hat, ist bekannt, und wir
halten allerdings dafür, daß dasselbe auch zur Erzeugung einer zwei-
ten, neueren Schicht von noch weniger echten, übrigens auch mehr
der Volkssprache angehörigen Intensiven beigetragen habe, zusammen
mit einer unleugbaren Fähigkeit und Neigung eben der Volkssprache
zu lautmalenden Wortbildungen innerhalb gewisser Schranken und
mit Anlehnung an ältere Wörter , welche zwar gar nicht immer aus
diesem Trieb entstanden waren, aber demselben gemäß aufgefasst
wurden, wie wir so eben an den älteren Intensiven anerkennen mussten.
Die älteste Sprache liebt^ mit Ausnahme gewisser weitverbreiteter Na-
turlaute des Kindesmundes, keine Doppelconsonanz; sie bedarf der-
selben auch nicht, weil die einfachen Laute ihre ursprüngliche Bedeut-
samkeit noch in vollerem Maße besitzen; Dopplung entsteht daher zwar
schon früh, aber aus secundären Ursachen, durch Assimilationen und
auch durch Contraction von Iterativbildungen, wie Hr. G. im Verlaute
seiner Schrift vielfach nachweist. Gerade die spätere Sprache ist es,
die in Ermanglung jenes ursprünglichen Gefühls auf das Mittel der
Dopplung leicht verfällt und uns dann auch leicht verführt, ältere Bildun-
gen fälschlich demselben Motiv zuzuschreiben. Übrigens bleibt die Doppel-
consonanz auch so mehr eine Sache der Schrift als der Aussprache;
wir haben uns durch unsere ganze moderne Cultur daran gewöhnt,
die Sprache mehr zu lesen als zu hören; es hält in manchen Fällen
schwer, phonologisch einen deutlichen Unterschied zwischen der Aus-
spi'ache eines einfachen Consonauten (nach kurzem Vocal) und der
Aussprache seiner einfachen Verdopplung (nicht Verbindungen Avic ^jf)
nachzuweisen, und in vielen Fällen liegt auf der Hand, daß wir auch"
hier gar nicht sprechen was wir schreiben. Aber wir stehen nun mit
Hrn. G. zunächst auf dem Standpuncte des Geschriebenen, und da ist
GERMANIA. Neue Keihe IV. (XVI.) JaUrg. 2
13 LUDWIG TOBLER
bekannt genug, daß Formen wie Knappe, Rappe nvcv Varianten der
altern knähe, rahe{n) sind, während in Mutter, Waffen, schleppen (nach
Weigand aus nd. slepen = hd. schleifen) ausnahmsweise gerade das
Widerspiel des sonstigen Prineipes Platz gegriffen hat : Bezeichnimg
ursprünglicher Länge durch (überflüßige und falsche) Position, welche
dann aus der Schrift in die Aussprache zurückdrang und diese gerade
entgegengesetzt der ursprünglichen Absicht gestaltete (vgl. auch
noch nhd. tappen neben mhd. täpe, Pfote; ScMippe, mhd. schuope). Es
gibt nun auch Beispiele von Verben, wo die Doppelconsonanz nur
die ursprüngliche Vocalkürze bezeichnen und festhalten sollte , wie
zappeln, rappeln, schnappen u. a,, und wo der Schein von Intension nur
darum nicht eintritt, weil die einfachen Verba fehlen (für schnappen
könnte Schnabel als Vergleich dienen), Trappen aber erklärt Hr. Gr. als
„nach Form und Bedeutung richtiges Intensivum zu traben, wie placken
= plagen" ; trappen soll nicht bloß die alte Kürze des mhd. droben
bewahren , sondern als Gegensatz zu nhd. traben neu gebildet oder
wenigstens gewerthet sein. Aber abgesehen davon, daß auch hier eine
Vermengung hochdeutscher und niederdeutscher Formen mitspielt,
welche durch die von Grimm Wb. unter draf angeführte Berührung
mit treffen vermehrt wird — ist denn der Begriff von „trappen" als
„schweres festes Auftreten" Intension von „traben" = leichtes flüch-
tiges Laufen?" ist es nicht vielmehr der Gegensatz dazu, das andere
Extrem von dem gemeinschaftlichen Begriff des „Auftretens", das De-
minutiv zu trappen aber (vgl. S. 90) trippjeln , welches S. 13 offenbar
unrichtig als Intensiv von treiben gefasst wird? So soll sich auch (doch
nur „vielleicht") happen , gierig sein und -essen , zu haben verhalten
und zu letzterem auch (doch nicht etwa als Intensivum mit langem
Vocal?) hapern gehören, während wir es auch hier wieder zunächst
mit niederdeutschen Formen zu thun haben. Was das S. 30 noch an-
geführte gäken : gacke{r)n betrifft, so ist sehr die Frage, ob nicht das
letztere ebenso ursprüngliche Lautnachahmung sei, wie das erstere, ja
dieses vielleicht eher von jenem aus gebildet als umgekehrt. Bei solchen
Lautmalereien, welche theilweise auch in bloße Laut Spielereien über-
gehen, verlieren wir übrigens festen Boden und Maßstab und müssen
uns begnügen, die Volkssprache in ihrer Fähigkeit, eine Fülle sinn-
licher Nuancen jener Art auszudrücken, mit aller Aufmerksamkeit zu
belauschen und zu bewundern, aber diese Schöpfungslust in Regeln
und Begriffe zu bannen geht nun einmal nicht an und widerstreitet
dem Wesen der Volksmundarten im Unterschied von der Schriftsprache,
wir können daher die betreffenden Bildungen auch nicht als besonders
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERRA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 19
gelungene Erzeugnisse neuhochdeutschen Sprachgeistes , als Blüthen
und Zierden und als Zeugnisse einer besondern schöpferischen Leben-
digkeit desselben gelten lassen. Bei genauerer Betrachtung stellen sie
auch im günstigsten Falle eher ganze Scalen von Gradunterschieden
dar als Paare von je zwei Begriffen , welche unter sich in dem ein-
fachen und klaren Verhältniss eines Positivs zu seinem Intensiv stünden,
wie die wenigeren, aber auch weniger sinnlichen, welche wir oben als
echter und älter bezeichnet haben ; man darf daher die relative Regel-
mäßigkeit der letztern nicht verwirren durch Hereinziehen der erstem
unter dasselbe Gesetz, dem sie doch nicht genügen können, sondern
in ihnen höchstens eine etwas verwilderte, in die Breite ausgeschlageue
Fortsetzung und Nachahmung des edleren Triebes erkennen, in welche
allerlei Unorganisches und Zufälliges, Schwankungen und Verirrungen
der Mundarten unter einander mit eingedrungen sind.
Einen dritten Einwand, den Hr. G. noch kürzer als die beiden
ersten abweist , wollen auch wir nicht weiter ausführen , nämlich daß
die Intensiva allerdings mit j gebildet sein könnten, aber als Deuomi-
nativa (S. 32). Wir haben diese Möglichkeit bereits gelegentlich einmal
berührt und es wäre gegen dieselbe, besonders wenn sie nur für einen
Theil der Verba angenommen würde, an sich nichts einzuwenden.
Was Hr. G. geltend macht, ist nicht entscheidend, denn wenn die No-
mina, von denen die Verba abzuleiten waren, nicht alle vorliegen, son-
dern zum Theil erst ergänzt werden müssten , so sehen wir uns bei
der Erklärung aus Verben ebenfalls zu jenem Verfahren genöthigt;
ob aber die Bedeutung der Nomina passen würde , wäre für die ein-
zelnen Fälle eben zu prüfen, und gerade bei Hrn. G.'s Annahme von
intensiver Bedeutung auch mancher Nomina (S. 68 — G9) wenigstens
im Allgemeinen nicht von vornherein zu bezweifeln. Es entstünde aber
die Frage, wie sie selber dazu gekommen seien, und hier steckt die
Schwierigkeit , denn davon daß Ableitung mit -j auch bei Nominen
ähnliche Assimilationen wie die bei Verben nachweisbaren mit sich
brachte, haben wir nur wenige Spuren, die oben angeführten Beispiele,
meist von Adjectiven, denen gerade keine Verba intensiva entspre-
chen. Dennoch muss Ableitung intensiver Verba von Substantiven offen
gelassen werden, wenigstens für die (freilich nur wenigen) zweiter und
dritter Conjugation, welche kein j enthielten, und zwar in der oben
bereits angedeuteten Weise, daß das betreffende Substantiv seine Stamm-
gestalt von einem mit / gebildeten Verbum unmittelbar empfangen oder
mittelbar entlehnt hatte. Indessen kann man auch ohne diesen Umweg
Verba zweiter und dritter Conjugation unmittelbar von den offenbar
2*
20 LUDWIG TOBLER
vorherrschenden der ersten ihre Stammgestalt entnehmen lassen; denn
wenn starke Verba von starken konnten gebildet werden (vgl. Gr. 2,
70 fF.), warum nicht auch schwache von schwachen? Wir verkennen
zwar nicht, daß die starken überhaupt die lebendigeren, triebkräftigeren
sind, aber wenn die Thatsache, daß sie trotzdem zum Theil abgeleitete
sind, jener Eigenschaft keinen Abbruch thut, so darf etwas ähnliches
auch den schwachen zugetraut werden ; unter ihnen sind nicht alle
gleich schwach, wie unter jenen nicht alle gleich stark: die der
ersten schwachen entsprechen ungefähr den starken der VIII. — XI. Con-
jugation. Leider hat uns Grimm über die Ableitungsverhältnisse der
schwachen von starken Verben, oder auch von Substantiven, ohne Auf-
schluß und Vorarbeit gelassen, so daß wir genöthigt sind, selber einen
Weg in jenes Gebiet zu bahnen; aber so viel scheint klar: wenn Grimm
Hrn. G.'s Ansicht von den Intensiven als einer ganz besondern pri-
mären Bildung gehegt hätte, so hätte er sie irgendwo und irgendwie
aussprechen müssen; er konnte sich aber dessen enthalten, wenn sie
ihm als ein nur secundäres, specielles Product der jf- Ableitung neben
andern erschienen.
Daß Hr. G. jene höhere Ansicht von ihnen hegt, zeigt sich be-
sonders in dem S. 38 folgenden Capitel „über Alter und Verbreitung
des deutschen Intensivums" und in dem spätem „Einfluß der Intensiva
auf die Wortbildung" (besonders S. 67 fi".), „Ursprung der deutschen
Intensiva" (S. 73 — 6). Wir müssen also auch diese Abschnitte noch
durchgehen, obwohl sich von selbst versteht, daß wir bei Bestreitimg
der Grundansicht auch die Consequenzen derselben nicht anerkennen
können.
Hr. G. erklärt S. 38 imter andern hungern, wundern als Deside-
rativa mit r gebildet, während diese Verba doch offenbar zvinächst von
den entsprechenden Substantiven stammen, welche allgemein ablei-
tendes r enthalten; die got. 'Form des Substantivs, huhrus, steht von
huggrjan ab {-wiejukiza von jugg), auch wenn man das umgekehrte Ver-
hältniss annimmt, und kann gegenüber den andern Dialecten nichts
beweisen. Ferner findet Hr. G. Spuren der alten Bildvmg von intran-
sitiven und passiven Verben auf -na auch im Hochdeutschen , „allei*-
dings mit abgefallenem Suffix"; ahd. bleichen, heilen, blinden, haften,
stummen sollen nicht bloß in der Bedeutung, sondern auch in der Form
den got. hailnan, blindnan entsprechen; die Bildungen auf -e von Ad-
jectiven haben aber im Ahd. von Haus aus und ohne weiteres intran-
sitive und nicht so fast passive, als zugleich inchoative Bedeutung.
Das Suffix im )ulid. glitzenen (ahd. -in -on) ist von dem got. -na deutlich
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSrV^A IM DEUTSCHEN. 21
verschieden, obwohl got. lekinon auch in passiver Bedeutung vorkommt
und im Altn. die hieher gehörigen Verba durch Vei'hist des i mit denen
auf -na zusammenfallen , so wie hinwider ahd. stwch-an-en dem got.
staurknan nahe kommt; vgl. Gr. 2, 169. 173 ff. Doch diese Bildungen
haben mit den Intensiven nichts zu schaffen; es handelt sich vielmehr
darum , Hrn. Gr.'s Ansicht vom Alter der letzteren zu prüfen. Dem
Gotischen fehlen sie und ebenso nach Hrn. G. dem Altsächsischen ;
um so auffallender ist, daß er sie in dem nahe verwandten Angelsäch-
sischen vorfinden will; die Ausbeute ist aber gering und zweifelhaft,
besonders da Hr. G. selbst erinnert, daß dort nach kurzem Vocal der
Consonant sich ohnehin gern verdopple (wie im Mhd. und Nhd., s. ob.).
Für hojypjnn, saltare (dessen Ableitung von hehhan übrigens noch nicht
ausgemacht ist, s. unt.) citiert er Gr. 1, 250, wo auch zu lesen steht,
daß die meisten Fälle solcher Verdopplung aus ableitendem i zu er-
klären seien wie im Althochdeutschen. In hnnjypjan = ahd. naffizan,
mhd. nipfen, dormitare, mögen die beiden eben angeführten Gründe
der Verdopplung zusammentreffen; ist sie bloß dem zweiten zuzu-
schreiben, so gilt betreffend die Schreibiing des j das oben über ahd.
hnikjan Bemerkte ; daß aber diesem die ags. Form hnijrjan, mit Über-
gang der Gutturale in die Labiale, entsprechen soll, können wir nicht
einsehen, wenn nicht andere Beispiele solchen Lautwandels in diesem
Dialect aufzuweisen sind. Man „könnte" nun noch manche andere Bil-
dungen als Intensivformen erklären , aber daß Hr. G. selbst (S. 40)
dies nicht wirklich thut, ist bedeutsam, und aus dem beigebrachten
Material kann jedenfalls nicht der Schluß gezogen werden, daß die
Intensivbildimg dem Ags. mit dem Ahd. gemein und darum noch in
die Zeit der Ungetrenntheit der Stämme hin aufzusetzen sei. Das Alt-
sächsische soll dann mit dem Gotischen diesen urgemeinsamen Trieb
aufgegeben haben , aber die niederdeutschen Beispiele , welche nach
Hrn. G. bloß aus dem Hochdeutschen sollen eingedrungen oder ihm
nachgebildet sein, tragen echt nd. Lautgestalt und sind vielmehr um-
gekehrt ins Hochdeutsche eingedrungen. Da übrigens das Englische
eine Anzahl den neuhochdeutschen ähnlicher Intensivformen aufweist
(vgl. noch INIätzner, Gramm. 1, 433. 4.35), so kann und soll gar nicht
behauptet werden , daß die Bildung dem Ags. gefehlt habe , wie ja
überhaupt nicht das Daß, sondern das Wie ihrer Entstehung streitig
ist; aber wenn Hr. G., nachdem er dieselbe als eine urgermanische er-
klärt hat, aus der überwiegenden Ausbildung derselben im Hoch-
deutschen (doch besonders erst im Neuhochdeutschen) schließen will,
daß dieses „schon lange vor dem ersten Auftreten der Germanen sich
22 LUDWIG TOBLEE
selbständig entwickelt habe", so ist das offenbar wieder zu viel, zumal
da die dem Hochdeutschen zugeschriebene, größere geistige Regsam-
keit doch auch wieder vom Englischen gelten soll.
Daß das deutsche Intensivum auch bei der Nominalbildung
gewirkt haben soll (S. 66) , ist eine von vornherein etwas auffallende
Behauptung, da der Nominalbegriff, besonders der des Substantivum,
principiell den specifisch verbalen einer Intension auszuschließen scheint,
aussrenommen natürlich von bereits bestehenden intensiven Verben ab-
geleitete Substantiva, dergleichen wir oben selber angenommen haben.
Nominale Intensivbildungen sollen nach Hrn. G. im Deutschen alle die-
jenigen sein, welche durch Verkürzung langvocalischer Verbalstämme
entstanden sind. Hr. G. weiß sehr wohl und fügt ausdrücklich bei, daß
diese Länge nicht ursprünglich ist, es sollen aber die verkürzten No-
miualstämme nicht etwa Bildungen aus der kurzvocalischen indogerma-
nischen Wurzelgestalt sein, sondern eine absichtliche besondere Art
von Bildung aus der verlängerten deutschen Verbalwurzel (S. 67, vgl. 73).
Diese Auffassung entspricht ganz der des kurzen Vocals der intensiven
Verba (s. ob.) und leidet auch an demselben Mangel, denn es ist gar
nicht abzusehen, warum überhaupt der Vocal des Prsesensstammes für
das Verbum maßgebender sein soll als der des Prseteritums , wo die
alte Kürze der Wurzel fortlebt und sich zu weiteren verbalen und
nominalen Bildungen von selbst darbot. Daß die betreffenden deutschen
Nominalbildungen bis in die indogermanische Urzeit hinaufreichen, ist
also auch unsere Meinung nicht, so wenig als bei den int. Verben;
aber wenn snit von siitdan, sloz von sliuzan Beispiele von jenen sein
sollen, so muss (pvyri von cpavyca, XCna von akeCcpa eben so aufgefasst
und es kann dann nicht gesagt werden, daß die urverwandten Sprachen
ihre Nomina nie durch Verkürzung der Verbalstämme bilden, son-
dern nur durch Verlängerung, wie üjj^ von 6k, vOx von voc, lex von leg.
Hierüber kann mau sich am Ende noch verständigen (da Hr. G. selbst
S. 74 von bloß scheinbarer Kürzung spricht) , aber worin soll denn
das Intensive jener Nominalbildungen liegen? Sie sollen „den all-
gemeinen Begriff des Verbums in eine einheitliche concreto Anschauung
zusaramengefasst" enthalten, und diese Intensität des substantivischen
Begriffs soll durch die intensive Formation des Wortes ausgedrückt sein
(S. 68, wo der intensiven Form auch oolleotive Bedeutung zuge-
schrieben wird, während diese in mhd. gewicke offenbar von dem ge-
herrührt). Hr. G. macht S. 69 ff. den Versuch, diese Erklärung etwas
näher auszuführen, kommt aber mit den Beispielen offenbar ins Gedränge,
Die intensive Form soll gelten, wenn das Substantivum einen einma^
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ligen prägnanten Act des Verbalbegriffes bezeichnet, z. B. smuc, grif,
oder für Namen von Dingen, an welchen sich jener besonders stark
zeigt, z. B. stock, sluzzil, smiite, oder für Nomina agentis: gripf cere, smüj
dagegen Abstracta sollen langen Vocal haben, z. B. die auf -ung. Aber
„natürlich kommt man mit Regeln hier nicht ganz durch und es laufen
viele willkürliche Auffassungen mit unter", wie z. B. nhd. „Griff" con-
cret und abstract zugleich ist, während altn. grip und greip sich unter-
scheiden, aber mit Umkehrung der Regel, und wenn Hr. G. diese wie-
der hergestellt finden will, im Verhältniss von altn. heit Weide, beita
Lockspeise, zu bit, Biss, so hat er übersehen, daß wenigstens heita gar
nicht von bita stammt, sondern vom causativen beita, und unserm „Beize"
entspricht. Sogar got. shif- 1 und drus sollen Intensivbildungen sein,
obwohl intensive V e r b a dem Gotischen fehlen und auch nicht die Spur
von Consonanzverstärkung in jenen Formen vorliegt ; selbst vippja kann
nicht geltend gemacht werden, da es die einzige Form mit pp im Go-
tischen ist und daneben vipja besteht , jenes also nur ein früher Fall
doppelter Schreibung sein wird.
Wie vielseitig Hr. G. seinen Begriff von Intension zu wenden weiß,
sieht man aus der (S. 71, vgl. auch 96 und 188 — 189) versuchten An-
wendung desselben auf die verkürzten Koseformen der Eigennamen
und sogar auf die Namen einiger weiblicher Tliiere. Hier soll die ver
kürzte und verschärfte Form des Namens die auf das geliebte Wesen
oder das zartere Geschlecht eoncentrierte Innigkeit der Vorstellung aus-
drücken , und da Intension auch beim Verbum sich nicht selten mit
Deminutiou verbindet, sowie hinwieder das Kleinere auch sorgfältigere
Behandlung bedarf und findet, so ist der Zusammenhang nicht unfein'
ausgedacht; was übrigens das Verhältniss von gitze zu Geiß betrifft,
so wird es doch lautlich kein anderes sein als das von Hitze zu heiß,
und wie Hr. G. für kitze eine bloße Verhärtung des Anlauts annimmt,
so könnten auch im Inlaut g und k von ahd. ziga : ziki ursprünglich
nur dialectische Varianten sein, oder k aus g erzeugt durch das de-
minutive {, Gr. 3, 684. Wir können aber diese Frage dahingestellt
sein lassen, da auch Hr. G. sie mehr nur parenthetisch vorbringt, und
wenden uns zum letzten Capitel, dem „Ursprung der deutscheu
Intensiva. "
Es konnte Hrn. G. nicht entgehen , daß die von ihm noch für
intensive Nominalbildung angenommene kurze Gestalt von Wurzeln
mit { und ti auch im Prset. Plur. und im Partie. Perf. der betreffenden
Verba vorkommt, wo doch von keinerlei intensiver Bedeutung die Rede
sein kann; eine solche weist er denn hier auch ausdrücklich ab, da-
24 LUDWIC4 TOBLER
gegen hat ihn dieses Zusammentreffen auf die Annahme geführt, daß
die i- und w-Stämme den ersten Anlass zu deutschen Intensivbildungen
gegeben haben, wie denn von ihnen auch der Ablaut ausgegangen
zu sein scheine, dessen kürzere (von Grimm sogenannte „zweite") Ge-
stalt ja eben mit der intensiven Verkürzung des Hrn. G-. zusammen-
fällt und besonders im Part. Perf. auftritt, wo der Verbalbegriff in sei-
ner abgeschlossensten stärksten Concentration erscheint. Mit dieser
Anschauung bringt Hr. G. in wirklich scharfsinniger Weise die That-
sache in Verbindung, daß die germanische Intensivbildung im Unter-
schied von der indischen und griechischen, welche reduplicativen Cha-
rakter tragen, gerade" von reduplicierenden Verben nicht stattfindet,
daß hinwieder die i- und tt-Stämme, von welchen am meisten Intensiva
im Deutschen gebildet werden, die Reduplication schon früh aufge-
geben haben, und daß gerade der ahd. und ags. Dialect, welche am
meisten Intensiva bilden, die Reduplication, auch wo sie noch geblieben
war, durch Zusamraenziehung verwischt haben. Gegen diesen Zusam-
menhang ist nur einzuwenden, daß die i- und ?t-Stärame (wie übrigens
auch die a-Stämme mit folgenden leichten Consonanten) schon im G o-
ti sehen ebenfalls die Reduplication nicht mehr zeigen, aber darum
doch dort keine Intensiva erzeugt haben. Überdies führt Hr. G. selber
als zweiten Grund , der die Inteusivbildung beförderte oder hinderte,
eben die leichtere oder schwerere Gestalt der Wurzeln selbst an, indem
nur die erstere noch eine consonantische Verstärkung zuliess. Daß von
Wurzeln mit Liquidse im Auslaut ebenfalls keine Intensiva gebildet
werden, hängt allerdings damit zusammen, indem bloße Verdopp-
lung jener Laute weniger deutlich empfunden wird als die von Mutge
und durch Assimilation von ;' keine andere Art von Verstärkung aus
ihnen entstehen konnte. Wir können also diese letzte Ansicht des Hrn. G,
zugeben und thun es gerne, um wenigstens am Schluße noch in einem
Puncte mit ihm uns einig zu finden; die Intensiva von t- und it-Stäm-
men sind in der That nicht bloß die zahlreichsten, sondern auch
deutlichsten, und mögen darum wohl die ältesten sein; die Ansicht
vom Ursprung der Bildung selbst wird freilich davon nicht berührt.
Es bleibt noch übrig, unsere allgemeine Ansicht von den Inten-
sivbildungen an einer Reihe einzelner Fälle, soweit es nicht gelegent-
lich bereits geschehen ist, darzustellen, zunächst an den von Hrn. G.
angenommenen, so weit wir seine Aufstellungen, auch abgesehen von
der Gesaramtansicht über die Bildungsweise, nicht gutheißen können,
sodann an einigen neuen Beispielen sowohl voji wirklichen als auch
von bloß scheinbaren Intensiven,
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 25
schupfen, nd. schippen , stossen , ' und mundartlich (sich) schobben,
schihhern, (sich) reiben, erklärt Hr. G. als Intensiva von schieben^ was
aber nur von den letztgenannten Formen gelten kann, so wie von ahd.
scoppen in giscoppot, onustus, Schweiz, sclioppen, stopfen; für die erst-
genannten ist ein ahd. sciofan, alts. sciopan anzunehmen, die von Hrn. G-.
angeführte Neigung des got. h und p zu Übergang in / gehört gar
nicht hieher, wohl aber die oben von uns citierten Erklärungen Grimms
über ahd. pph aus phj.
klopfen von mhd. Hieben, spalten, abzuleiten, ist schon der Be-
deutung wegen bedenklich, dazu kommt dieselbe lautliche Unmöglich-
keit wie beim vorigen. Das von Hildebrand und auch von Weigand.
angenommene ahd. clephan ist viel weniger „grundlos'' als viele An-
nahmen des Hrn. G. ; es ist bezeugt durch ahd. chlaph und ebenso ver-
hält sich ahd, chlocchon zu einem starken chlehhan , wovon mhd.
klecken, klac.
zupfen leitet Hr. G. von einem mhd. zieioen, das als mitteldeutsche
Nebenform von ziehen erscheint und von dem auch mhd. zoutoen, md.
zoiven, von Statten gehen, eilen, herstammt. Das von Hrn. G. beige-
brachte ziepen ist richtige nd. Form eines hd. ziefen, dem wieder ein
md. schwaches zofen, ziehen, zur Seite steht, aber zu Grunde liegt ein
starkes ahd. ziofan, von dem auch zopf, Schweiz, zupfe (vgl. Locke von
liechen, ziehen, ob.).
hüpfen, mhd. auch huppen, hoppen kann nicht von heben abgeleitet
werden, schon wegen des Vocals, denn das letztere zeigt erst im Nhd.
ein ti (aus uo) und ein o (aus a) im Prseteritum; überhaupt scheinen
die Verba der VH. Conjugation, mit beibehaltenem a im Praesens und
Particip, den redupliciereuden näher stehend, keiner Intensivbildung
fällig. Für hüpfen ist vielmehr ein ahd. hüfan {wie lühhan) oder hiofan
anzunehmen, dessen Bedeutung allerdings „erheben" gewesen sein muss,
denn es sind davon auch abzuleiten die Substantiva ahd. hiufila, f.
hüfeli, n. Wange, weibliche Brust, mhd. hilf, hüffel, Hüfte (Namen her-
vorstehender Körpertheile), hCfo, Haufe (Erhebung). Die Formen mit pp
sind entweder aus dem Nd. eingedrungen, vgl. ags. hoppian, oder sie
führen auf ein got. hiuhan, wie Haupt und Haube.
ducken könnte der Bedeutung und dem Anlaute nach unmittelbar
von ahd. dühan, mhd. diuhen, drücken, stammen; da aber diese schwach
flectiert werden und mhd. tilcken geschrieben wird, so wie andererseits
ahd. ingidüht, immersus, so ist allerdings, wie auch Hr. G. meint, Ver-
mischung mit ahd. tühhan, tauchen, anzunehmen; vgl. Schweiz, tüch,
gedrückt (in Stimmung und Haltung) ; Grimm Wb. deuhen, kleine Schrift.
26 LUDWIG TOBLER
2, 409. 410. Ags. ist thyan, stossen, alts. hethüwjan, deprimere (Heyne,
klein. Denkm.).
knüpfen kann nicht von got. hniupan kommen, da ein solches h
im Anlaut sich nicht zu k verdichten kann, sondern schwindet, und
da auch die Bedeutung „nectere" aus dis-hnmpan = dia-QQrjffösiv kei-
neswegs wahrscheinlich erschlossen ist; es ist also ein got. kniupan an-
zunehmen, davon ahd. chnuphjan.
Daß rupfen nicht von raufen, sondern von einem starken riufan
abzuleiten sei (zu dem roufen, got. raupjan der Form nach ursprünglich
Causativum gewesen sein muss), vermuthet Hr. G. selbst, S. 20.
Mhd. nücken soll regelrechtes Intensivum von ahd. hnüan (filr
hnugan) sein und dieses von derselben Wurzel wie hmgan. Verwandt-
schaft zwischen diesen beiden ist nicht unmöglich, aber die Bedeutung
von nüan ist nicht „schlagen" nach der Seite oder nach unten, sondern
„zerstossen, zerreiben" und davon lässt sich die Bedeutung „nicken"
(welche übrigens auch im Schweiz, nuck , Schläfchen , fortlebt) nicht
ableiten. Eher ist nücken auf die Wurzelgestalt hniv (vgl. got. hneivan
= ahd. hmgan, lat. niveo) zurückzuführen, aus welcher hniu (vgl.
gr. vevco), dann hniuio und mit Übergang von lo in g wie bei spucken
aus spiicen, spiuwen (vgl. auch lat. nixi und nix, nivis) im Prset. Plur.
hnug (für hnuio) entstehen konnte. So mag auch amhd. hlüg, schüch-
tern, niedergeschlagen, zu hlhiwen gehören; aber vielleicht auch verblüffen,
wie kiffen zu kiuioen.
Von nicken soll aber eine bloße Nebenform auch nippen sein und
dazu die bereits oben angefilhrten ags. hnipian und hnappian, ahd. hna-
ßzan, dormitare, gehören, was d,er Bedeutung nach wohl passen würde.
Aber nippen in der Bedeutung „fein trinken" (welche doch aus der
von leichter Senkung des Kopfes überhaupt entstanden sein könnte)
ist nach Weigand nd. Form = mnhd. nipfen (auch nüpfen, wie nücken
neben nicken), was auf ein ahd. nifan führt; dieses könnte aber auf
keinen Fall bloße Nebenform von hiigan sein, sondern es entsprächen
ihm die von Grimm (Haupt Zeitschr. 7, 456) angeführten alts. hnipan,
inclinari, altn. kmpa, incurvare, -clinare, hnipna, trauern, welche von
goi. ganippan, 6Tvyvdt,siv. ags. genipan, obscurari (alts. genip, caligo),
genäpan, obrepere, supervenire (überfallen) des Anlauts wegen wohl
zu trennen sein werden. Dem nd. nippen entspricht auch ein oberdeut-
sches niffen, stoßen, Schweiz. verniffe{n) (starkes Part. Perf) abgestossen,.
vergriffen, unansehnlich; auch Schweiz. g-nepfe{ii), schaukeln, könnte
hieher gehören, von welchem g-nappe{n), wackeln, in Form und Bedeu-
tung ungefähr ebenso absteht wie hoppe(n), auf einem Beine springen,
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 27
von üher-hüpfe{n) , springend übergehen; vgl. tiifppig und topf, schwül.
Auffallend ist auch daß Schweiz, mggele(n) nicht bloß Deminutiv von
nicken ist, sondern auch, wie niffe{n), bedeutet „hart mitnehmen".
Daß zu {h)nicken auch knicken gehöre, ist ebenso unwahrschein-
lich wie knüpfen : got. hniupan, man müsste denn annehmen, das k sei
nicht eine Verdickung des alten Wurzelanlautes h, sondern es stecke
darin das Praifix ge- in der streng ahd. Gestalt, wie Hr. G. S. 28
kritzen aus ga-rizjan erklärt; knicken wird sich eher zu knacken ver-
halten wie kritzen : kratzen (s. noch unt.)
Für glotzen durfte Hr. G. gar wohl ein verlorenes gliozan verniu-
then, so Avie für strotzen ein striozan, das dui'ch strüz gefordert und be-
zeugt wird ; auch wird S. 20 mit Recht auf nahen Zusammenhang imd
theilweisen Übergang zwischen Verben der VIII. und IX. Classe hin-
gewiesen, so ^SiÜ gliozan va. glizan könnte aufgegangen sein, wie^spritzen.
für sprützen aus spriozan (nicht spruan) und spreizen für spreuzen (alth.
spriuz{j)an) eingetreten ist. Wir finden aber noch eine Spur des gliozan
im Schweiz, Substantiv und Verbum glUße, Funke, funkeln, während
die daneben l)estehende Form des Substantivs gloitße entstanden sein,
kann durch diphthongische Ersetzung der nasalen* Form ghinze, De-
min. glünzli, Fünklein, von glinzan, glänz, vgl. glumse, ebenfalls „Funke'^
bedeutend, Stalder Id. 1, 456 — 7.
riffeln kann nicht zu reiben gehören, da auch die Bedeutung nicht
diese ist, sondei'n „streifend durchziehen" ; vielmehr muss es zu mhd.
reffen und refsen (von einem starken ahd. refan) gezogen werden, welche
meist die bildliche Bedeutung von „durchhecheln" tragen; dazu auch
Rüffel, Verweis, für Eiffel.
kiffen wird allerdings mit kiiuoen zusammenhangen, wie verblüffen
zu blimcen (nur daß hier der Wurzelvocal blieb), aber nicht unmittelbar,,
sondern zunächst durch Reduction des letztern auf kticen (der umge-
kehrte Fall von spticen : spimoen s. ob.), wo dann lo nach kurzem Vocal
des Prset. Plur. und \äelleicht durch eine nochmalige Mittelstufe v, in/
übergehen konnte ; denn kiffe und keve sind nd. Formen = ahd. ckiwa,
cheioa, cliieva, Kiefer (s. Weigaud unter diesem Worte). Nahe verwandt
ist auch ahd. cheva, Schote (von der mundähnlichen Gestalt), Schweiz.
chäfe und chifel ; chiße(n) heißt auch »zanken", und grenzt nahe an
chibe{n), mhd. kiben, nhd. keifen, aus nd. kifen, von welchem vielleicht
das mhd, kiffen unmittelbar abzuleiten ist.
Jochen mag der Bedeutung nach als Intensiv zu jagen gelten, aber
die Form ist unklar und der liegel des Hrn. G. entspräche eher das
nd. jackern. Dieses erinnert aber auch au jach = jäh, ahd. gähi, und
28 LUDWI6 TOBLER
dazu stimmt, daß das mhd. Jochen in den Handschriften der betreffenden
Stelle des (unechten) Neithart wechselt mit gähen und jauchen. Letzteres
könnte mit au für ä (vgl. Weinhold, alem. Gramm. S. 52) eine bloße
Nebenform des erstem sein, erinnert jedoch auch an das Schweiz. ?aw-
ken, welches als Intensiv von jagen ganz ähnlich wie jochen und jackeim
gebraucht wird, aber in seiner Form durch das ebenso seltsame hräu-
ken, Intensiv zu brennen oder brauen, nicht erklärt wird.
Daß schnijppeln nicht von schneiden kommen kann, wurde bereits
bemerkt, viel näher liegt ja auch schnippen, schnappen, welche ebenftiUs
von Schneidgeräthen gebraucht werden. Zu schnappen verhält sich
schnippen als Deminutiv wie tinppel{n) zu trappen (nicht zu treiben).
/Schnappen selbst wurde oben als Beispiel von p(p) für b angeführt,
aber es scheint sich mit einem nd. snappen vermengt zu haben, dessen
p hochdeutsche Formen mit / entsprechen. Zu diesen gehört das
Schweiz, schnäfle, schnitzeln (aber ohne Geschick und Zweck), schnifel,
Schnitzel, und das reflexive (Intensiv) sich verschiäpfe = sich im Reden
verschnappen, ein Geheimniss unvorsichtig ausschwatzen. Aus der alten
Sprache gehört hieher ahd. snephezan, singultire, mundartl. schnipzen,
schluchzen, einen kurzen Laut ausstossen, wovon wahrscheinlich auch
die /Schnepfe benannt ist. Die Grundbedeutung ist die einer schnellen-
den Bewegung, mit dem Munde zum Fassen, Schwatzen oder Schluchzen,
mit der Hand zum Schneiden, mit den Füßen zum Straucheln, mhd.
snaben, mundartl. schnappen = hinken.
wackeln wird eher von loagen, wegen als von wanken abzuleiten
sein, weil Ausstoßung des n sonst nur bei starken Verben vorkommt.
recken ist auf keinen Fall, weder in der Form noch in der Be-
deutung, Intensiv zu ahd. reichjan, aber auch zu got. rikan, mhd. rechen,
zusammenhäufen, ist es der Bedeutung nach nicht Intensivum, ebenso
wenig aber Causativum , obwohl es dies der Form nach sein könnte,
da diese für Causativa und andere Ableitungen mit j , sowohl vom
Verbalstamm (Intensiva) als von Nominalstämmen, bei den Wurzeln
mit geschwächtem a dieselbe ist. Ebenso ist nicht ganz klar und sicher,
ob stecken als Intensivum von stechen aufzufassen sei ; der Bedeutung
nach ist es heute eher Causativum von stecken, das freilich selber schon
abgeleitet ist, ahd. stecchen. /Sticken ist abgeleitet von stich ; daneben
aber besteht ahd. sticchen, vollstopfen, unser ersticken, wofür mit tran-
sitiver Bedeutung in der Schweiz auch er-stecken vorkommt , ebenso
bairisch und schon mhd., nicht nothweudig von erstechen.
schöpfen soll in beiden Bedeutungen dasselbe Wort und Intensiv
zu schaffen sein, und zwar soll sich die Bedeutung „haurire" aus „creare"
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 29
entwickelt haben im Sinne von: Herbeischaffen des Nothwendigsten
zum Lebensunterhalt, des Wassers. Allerdings findet sich mhd. schuof
in solcher Bedeutung und schon ahd. scafan zwei Mal =: „schöpfen",
s. die Stellen bei Weigand, welcher aber diese Bedeutung als die
ursprüngliche des starken Verbums ansieht. Die concretere ist sie frei-
lich, aber sie findet sich in den andern alten Dialecten nicht (alts. heißt
haurire skeppian) und ein unmittelbarer Übergang von ihr zu der andern
ist ebenso schwer wie der umgekehrte. Eine Vermischung beider
Formen und Bedeutungen muss aber schon früh eingetreten sein, und
wurde ja dadui-ch begünstigt , daß das got. skapjan gemischte Conju-
gation zeigte. Nehmen wir nun noch /Schiß hinzu, welches ursprünglich
„Gefäß" überhaupt bedeutet, wie noch in der Formel „Schiff und Ge-
schirr" und wie ahd. scaf, wenn auch dieses erst aus lat. scaphium
entlehnt ist (vgl. übrigens lat. vas auch = Schiff und davon franz.
vaisseau), so lässt sich ein Wurzelverbum erschließen mit der Bedeu-
tung „aushöhlen", welche sowohl auf das Graben von Cisternen als
auf die Verfertigung von Geräthen durch Sculpturarbeit angewandt
werden und die beiden fraglichen Bedeutungen zugleich ergeben
konnte, wie auch die entsprechenden Bedürfnisse beide für die Anfänge
der Cultur gleich dringend waren. Das griech. öxccjiza (exaq.-) und
das lat. scabo bezeichnen ungefähr die beiden Richtungen jener ältesten
„schöpferischen" Thätigkeit des Menschen; mit der Verschiebung der
Laute scheinen aber zugleich die Bedeutungen sich gekreuzt zu haben.
läppen kann weder lautlich noch begrifflich als Intensiv zu laßan
gelten, aber auch das alamannische lüpfen nicht, ebensowenig wie
hüpfen zu heben. Der Bedeutung nach liesse sich lüpfen wohl auf
W. lab, laß „nehmen" zurückführen, da hafjan „heben" zu lat. capio
sich ebenso verhält; aber für die Form haben wir ein got. liupan an-
auzunehmen, von dem altu. loptr, Luft, stammen wird; davon lüßen
(nd. lichten), erheben.
loipfen gehört der Bedeutung nach eher zvnveben (hin und her
sich bewegen) als zu mhd. icifen, welches „winden" bedeutet; Hr. G.
findet das Verhältniss gerade umgekehrt. Der Form wegen müssen
wir aber wipfen doch mit loifen zusammenbringen und die Bedeutung
macht kein absolutes Hinderniss, da auch in „winden" der Begriff
einer Bewegung hin und her liegt. Sonst könnte man am Ende an-
nehmen, wipfen sei eine hochd. Nachbildung des als nd. aufgefassten
ivippen von weben.
tützen, ahd. duzzan, nhd. ver-dutzen, braucht nicht als Intensiv mit
causativer Bedeutung aufgefasst zu werden, wenn wir ein starkes tiozan
"30 LUDWIG TOBLET?
ZU Grunde legen, dessen Bedeutung transitiv war, während dem schwa-
chen tüzen, totzen intransitive zukam. Ein Causativum, welches tözjan
lauten müsste (nach der Regel, die im mhd. schützen = in fallende Be-
wegung bringen, nicht verletzt zu sein braucht, da dieses Verbum von
scuz, statt direct von schiezen, abgeleitet sein kann), kommt nicht vor,
dagegen mhd. tnizen, mit der geschwächten Steigerung des Praesens
gebildet, und tiltzen, mit dem kurzen Wurzelvocal des Prset. Plur., beide
mit j gebildet, das letztere intensiv; vgl. hnizen, aufrufen (refl. sich er-
kühnen) und daneben das gleichbedeutende von Hrn. G. S. 68 angefühi-te
hützen (welche schwerlich von der Interjection hiic! unmittelbar gebildet
sind, da das Adjectiv hiiize, munter, frech, dieser Erklärung widerstellt)
und die oben angeführten sprützen und spreuzen. Die Wortfamilie der
Wurzel tuz- wird vermehrt und auch etwas verwirrt durch Übergang
des z, ß in sck und auch in s; Schweiz, tüßle, leise gehen neben tusel,
töseli, leichter Rausch usw., s. Grimm Wb. unt. dus^ dusel, dusen, däsig,
dös; Zeitschr. f. deutsch. Mundart. 3, 228. Übrigens erklärte Grimm
in der Abhandl. über Diphthonge das ahd. tuzan von tutto, Mutterbrust,
also „stillen" im Sinne von „säugen".
ficken mag als Intensiv von fegen gelten, aber nicht dieses als
Causativ zu got. faxjr ; sonst ist hier nur noch zu erwähnen , daß in
der Schweiz neben ßgge(n) , reiben, ein ßcche(n) , „heimlich und rasch
entwenden" besteht, welches auf die Vorstellung „wischen" (vgl. er-
wischen) zurückgehen wird, oder auf Ficke, Tasche?
Als Nachtrag und Schluß führen wir einige Bildungen an, welche
Hr. G. nicht behandelt, aber ohne Zweifel seinen Intensiven beizählen
wird.
In knittern ist zwar die Tennis wurzelhaft, nicht erst intensive
Verstärkung, aber die Verdopplung derselben, wenn man sie nicht
als bloße Schriftbezeichnung der Küi'ze des vorangehenden Vocals auf-
fassen will, und diese letztere selbst, müssen nach Hrn. G. wohl als
Intensivbildung erklärt werden. Da sich in der Bedeutung „knistern,
prasseln" auch gnetern geschrieben findet, so nimmt Weigand als Stamm-
wort das mhd. gmten, reiben. Aber nahe verwandt mit diesem und in
der Bedeutung (zerdrücken) dem kmtterm ebenso nahe ist kneten, von
welchem dann die geschwächte Gestalt des Wurzelvocals, i, zu neh-
men wäre, wie in schicken, ficken, xoijppen {wickeln und wiegeln, zu loegen f).
Eine unzweifelhafte Intensivbildung ist das Schweiz, spacken, un-
ruhig und gierig spähen, aber nicht von diesem abgeleitet (welches auch
in der Mundart nicht lebt), sondern von einem starken spehan, das auch
dem ahd. spehon, spähi, mhd. spoehe, zu Grunde liegen muss^ also aus
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA IM DEUTSCHEN. 31
spah-j-an, dessen assimiliertes hh in Aussprache und Schrift ch und ck
wurde, wie bei zucken von ziehen u. a., nach den oben nachgeuieseneu
Lautverhältnissen. So könnte auch zioacken aus zioahen gebildet sein,
denn letzteres bedeutet nicht bloß „waschen", sondern wird bildlich
auch = züchtigen (durch Schläge) gebraucht, so z. B. in den Schlacht-
liedern des 15. 16. Jhd. Den Mangel des Umlautes haben wir schon
oben als nicht wesentlich erklärt.
hocken, hucken kann als Intensivum zu altn. hoka^ hüka, hangen,
kauern, hokinn, niedergebogen, krumm, erklärt werden, wird aber nicht
als solches gefühlt, und wir fuhren es hier nur an, weil ein Stamm-
verbum sich vermuthen lässt und dabei ein Lautübergang mitspielt,
den wir an mehrern Fällen von Intensivbildung vorgefunden haben.
Aufhucken bedeutet „auf dem Rücken sitzen" und es findet sich auch
geradezu Hucke = Rücken. Da tritt nun Höcker hinzu, welches mhd.
und noch Schweiz, hoger lautet, ahd. aber hovar, lith. kupra. Diese
Formen werden aller Wahrscheinlichkeit nach zusammengehören, nur
muss zwischen kupra und hovar ein hofar, zwischen hovar und hoger
ein hower angenommen werden (denn von/ zu ^ unmittelbar führt kein
Weg); dann aber erhalten wir die Reihe iv, g, ck, wie bei spucken,
nicken. Lassen wir aber kupra und hovar bei Seite und nehmen ein
M'urzelhaftes ^ an, so werden wir auch Hügel nicht aus Hüwel , Hühel
(zu Haube, Haupt usw. s. hüpfen ob.) erklären, sondern mit amlid. houc,
altn. haugr von einem got. hiugan, sich erheben (vgl. xavx-äed^aL? bild-
lich), von welchem vielleicht auch ahd. hugu, Geist, herstammt und
kuck{j)an regelrechtes Intensiv wäre.
hecken, brüten, durch Brut sich fortpflanzen (verschieden von dem
Germ. 8, 301 — 2 erklärten hecken, stechen, beissen), scheint zusammen-
zuhängen mit hegen, im Sinne von: pflegen, nähren. Dieses ist zwar
zunächst abgeleitet von Hag, welchem aber ein starkes ahd. hagan zu
Grunde liegt, erhalten in kihagin, gepflegt; hegga, Hecke, ist die dazu
dienende Umfriedigung (mhd. hegge bei Neith. XXI, 11, Brut?); und
auch das alte hagan, Dorngebüsch, Hain, kann auf diesen Begriff zurück-
geführt werden, der bildlich auch in behagen fortlebt. Die Grundbedeu-
tung der ganzen Wortfamilie möchte aber die des lebendigen Wachs-
thums, der Fortpflanzung, gewesen sein, wie sie ja auch am „grünen
Hag" (franz. haie vive) alljährlich erscheint; dazu stimmen dann aus
dem animalischen Leben das mhd. und noch Schweiz, hage, Zuchtstier,
und das ahd. hegadruosi, Zeugungsglied, welche wieder mit hecken
(aus hag-j-an) sich zusammenschließen.
schmettern wird von Hrn. G. S. 77 geradezu als Intensivum von
'32 . LUDWIG TOBLER
schmeißen aufgefasst, wobei doch wenigstens niederdeutsche Consonanz
(Grundform smiten) angenommen und eine Erklärung des e statt i ver-
sucht werden sollte; denn sonst findet sich mittel- und niederdeutsch
öfter umgekehrt i statt e (s. das folgende). Im Übrigen käme das Ver-
hältniss schmeißen \ schmettern äußerlich am nächsten dem von schleifen
: schleppen, aber letzteres haben wir bereits oben nicht als Intensivum,
sondern einfach als niederd. Form des erstem mit unorthographischer
Doppelconsonanz erkannt, und umgekehrt ist schmettern nach Weigaud
nicht von nd. smiten abzuleiten, sondern eine hochd. Form, früher auch
schmittem geschrieben, mit tt aus //, von unbekannter Wurzel, vielleicht
von schmieden, d. h. von einem altern starken smlden, mit fortgescho-
bener Consonanz wie in Scheit, /Scheitel neben scheiden, gescheid, und
Schnitt, schnitzen von schneiden (s. ob.).
kritzen ist nach Weigand mit mitteld. i statt e, = mhd. Schweiz.
kretzen aus ahd. chraz-j-an neben rhrazzon, und mit kratzen haben wir es
auch bereits oben zusammengestellt, gegenüber der Erklärung des Hrn. G.
aus ge-ritzen. Doch anerkennen wir auch an dieser etwas Richtiges:
es könnte nämlich kritzen zu dem sonst einsamen kreiß von einem
starken krtzen gehören und dann in die Analogie von reißen : ritzen u. s. w.
fallen. Die ursprüngliche Bedeutung von kreis(z) wird wohl nicht die
heutige exact geometrische gewesen sein, sondern „Umriß, Figur" über-
haupt, aber vom „Eingraben^' von dergleichen gieng die Benennung aus
und das mochte die Bedeutung jenes krizan gewesen sein, welche sich
dann verengte und verfeinerte , wie reissen im Englischen (write) ^=
schreiben geworden ist; vgl. auch noch: Reißblei, Abriß, Aufriß, vom
Zeichnen. Verwandtschaft mit kratzen bleibt auch so bestehen, wie über-
haupt zwischen Classe VIII und X durch das Ablautverhältniss zwi-
schen a und i.
In diese Reihe gehört auch das Wort Flitzbogen, wenn Weigand
den ersten Theil desselben richtig erklärt aus lA.ßits, Pfeil, mhd. vliz,
Streitbogen, von flizan, streiten. Das Grimm'sche Wb. weiss von dieser
Ableitung nichts und hält sich mehr an die Nebenform ^«Vscä, welche
als Schallnachahmung des Fliegens und Schwirrens aufgefasst werden
könnte. Die romanischen Formen franz. fleche, it. freccia (s. Diez Wb.
1, 191) werden bald aus den deutschen erklärt, bald diese aus jenen.
Auflfallend bleibt, warum gerade der Bogen und Pfeil als vorzugs-
weise Waffe benannt sein sollten, was sie doch bei den Deutschen nicht
waren. Ist trotzdem die erste Erklärung haltbar, so ist sie zugleich ein
neuer Beweis, daß allerdings die sogen. Intensivformen auch in die
Nominal bildung eingreifen, aber gar nicht mit merklich intensiver
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA DI DEUTSCHEN. 33
Bedeutung, welche sich auch in dem oben sclion angeführten Hiize
(: heiß, vgl. schwitzen : Schweiß) und in spitz (von einem sphan, woher
auch /Spieß für spiz') nicht nachweisen lässt : allenthalben haben wir
einfach die kurzen wurzelhaften Ablaute, hinter welchen der Consonant,
meist durch ableitendes -i mitafficiert, Verschärfung erfährt. — Gele-
gentlich sei hier beigefügt, daß das Schweiz, splße, Splitter (besonders
ein ins Fleisch gedrungener, für sprlße steht, mhd. spi^zel, ahd. sprizalon,
schnitzen, und daß das Wort Splitter selbst nach Weigand nicht etwa
zu spitzen gehört, als Intensiv von der nd. Form spUten (vgl. sihmet-
tem, ob.), sondern als Umstellung von mhd. spilter zu spalten oder
vielmehr zu einem altern spiltan, vgl. got. spilda, Taf<3l, alts. ags. spil-
da% verderben, auch spillwi, in muspilli usw.
Wir schließen diese Reihe mit einem schweizerischen Worte, das
intensive Form und Bedeutung zu zeigen scheint, ohne daß M'ir es
doch regelrecht und sicher einem Stammverbum zuweisen können.
schletzen bedeutet 1, „die Thüre zuschlagen'^, und wird in dieser
Bedeutung volksetymologisch wohl als Intensivum zu schließen aufge-
fasst, was es doch der Form nach nicht sein kann; 2. groß thun mit
Aufwand , Verschwendung. Dieser Bedeutung nach könnte es auf
schleißen (etwa als eine Nebenform von schlitzen) bezogen werden, da
auch ahd. spildan (vgl. das vorhin zu Splitter Bemerkte) „verschwenden"
bedeutet und lat. lacerare aus dem Begriff des Zerreissens ebenfalls
in jene Anwendung übergeht; aber die Form steht auch hier entgegen.
Nun kann noch zwischen den beiden Bedeutungen das Gemeinsame
geltend gemacht werden, daß das geräuschvolle gewaltsame Zuschlagen
der Thüre oft Äußerung eines hochfahrenden großthuendeu Wesens
und Benehmens in Gesellschaft ist, wie andererseits Verschwendune- :
aber das hilft uns nicht auf einheitlichen Ursprung der Wortform, und
es bleibt nichts als die ebenfalls unbefriedigende Annahme einer schall-
nachahmenden Bezeichnung von „groß thun, Lärm und Aufsehen machen".
Betreffend Lautverhältnisse sei hier noch die Bemerkung erlaubt,
daß die schweizerischen Mundarten im Auslaut einiger Wörter noch
z neben oder statt ß zeigen, im erstem Falle zum Theil mit ver-
schiedener Bedeutung. Man hört z. B. schütz (ictus, impetus, nicht tu-
tela) öfter als schuß, und hitz (Bissen) neben hiß, morsus, ritz (:= Ritze)
neben riß, auch einige, die der Schriftsprache ganz fehlen, wie sprutz
(spritzender Strahl einer Flüssigkeit) von sprießen (s. ob.), wie
umgekehrt rinnan (schon im Gotischen und so auch noch Schweiz.)
zugleich vom Ausschlagen der Pflanzen gebraucht wird. Im Ahd. und
auch in den meisten mhd. Handschriften, besteht bekanntlich keine
GKRMANIA. Neue Reilie IV. (XVI.) Jahrg. 3
34 LUDWin TOBLER
schriftliche Unterscheidung der beiden Laute ; die mündliche muss
freilich schon damals bestanden haben , aber schwerlich ganz ohne
Schwankungen, von denen nun eben Reste in den Mundarten begegnen
mögen; denn man hört in der Schweiz auch noch, freilich nur in ab-
gelegenen Gegenden (wo etwa auch noch icas für tvar vorkommt) daz
und diz und hinwieder nach langem Vocal /02 für Floß.
Nur versuchsweise nennen wir noch einige Wörter, wo intensive
Form eingetreten zu sein scheint als Ersatz für ein ausgestossenes n;
ob dieses ursprünglich der Wurzel angehörte oder selbst erst als Er-
weiterung in dieselbe hineingekommen war, ist eine Frage, die nur im
Zusammenhang einer einlässlichen besondern Untersuchung über ger-
manische Wurzelbildung erledigt werden kann. Die Fälle, die wir hier
im Auge haben , schließen sich an die oben angeführten schlingen —
schlucken, dringen — drücken an, d. h. aus ng (resp. 7id) wird ck.
Aus schlingen bildet die Schweiz. Mundart neben schhicken auch
noch ein Substantiv Schlick = Schlinge, Verschlingung, z. B. an einem
Bindüiden oder Bande; schlecken gehöi't zu lecken.
Wenn Glück zu gelingen gehört, woran man der Bedeutung wegen
fast nicht zweifeln kann , so stammt von dem einfachen alten lingen,
von Statten gehen, wohl das Schweiz, erlicken, einen Vortheil, Kunst-
griff durch geschickten Versuch erhaschen. In der Chronik von Ju-
stinger (ed. Studer 1870) findet sich U7ilik Mißgeschick = mhd.
ungelinge.
Unsere Mundart kennt ferner ein Substantiv Schicick, schnelle
Bewegung, Augenblick, welches von schicingen gebildet sein kann wie
Schlich von schlingen , und schwerlich das mhd. sicich von sictchen ist.
Während nun die bisher genannten Bildungen den Vocal des
Praesens zeigen, könnte Avieder mit dem des Prset. Plur. und Part. Perf.
gebildet sein rücken, Ruck von ringen^ wofür abermals unsere Mundart ein
Mittelglied bietet, nämlich das Subst. Rung , welches, fast schon = Ruck,
eine einmalige kurze drehende Bewegung, den Ansatz oder Absatz einer
solchen , bezeichnet und dann als Zeitmaß ^= Mal gebraucht wird.
Ob nun auch das Verhältniss von streng, Strang zu strecken, strack
hieher gehöre, mag zweifelhaft bleiben, ebenso das von sprengen (be-
spritzen) zu mhd. spreckel, Flecken, auch sprinkel, spreckeloht, fleckig,
gesprenkelt (vgl. mhd. sprenzen, spritzen, bunt aufputzen, sprinze, Falke
(vom Gefieder?) sprüzval, fahl gefleckt). Vielleicht handelt es sich hier
nur um eine Steigerung von g z\i k, auch abgesehen von ^^, wie in
schwingen : schwanken, wo übrigens auch der ursprüngliche Anlaut zwei-
felhaft ist, denn schwanken verhält sich wieder zu u-anken wie schwingen
ÜBER DIE SOGENANNTEN VERBA INTENSIVA Ul DEUTSCHEN. 35
zum englischen wlng ^ Flügel. Diese Verhältnisse liegen über unsere
gegenwärtige Frage hinaus.
Dagegen kann noch icickeln liieher gezogen werden, welches ge-
wöhnlich als eine Art Intensivum zu loegen erklärt wird, und allerdings
ein „hin und her bewegen" enthält, aber der Bedeutung nach näher
an loinden rührt und auch der Form nach auf dieses kann zurückge-
führt werden, wenn es erlaubt ist, hier einen Wechsel zwischen nd : ng
anzunehmen, wie er in slinden — slingen vorliegt ; von der Form icingen
aus würde sich dann wickeln gebildet haben wie Schlick (und schlick- er-en,
Gerland S. 36) von schlingen. Wicke, Docht, ist Gewundenes; au Zu-
sammenhang mit ahd. loichon, tanzen, gaukeln (sich im Kreise bewegen)
ist kaum zu denken.
Endlich können wir nicht umhin, einer Schwierigkeit zu erwähnen^
welche sich beim Durchgehen der abgehandelten Verba mehrfach gel-
tend macht und unsere Zweifel, ob wir wirklich durchgehend Intensivbil-
dungen anzunehmen haben, noch von einer neuen Seite vermehrt. Die
Schwierigkeit rührt her von der tiefen und weiten Verbreitung, welche
der Ablaut a, i, u in der deutschen Sprache gewonnen hat. Hr. G. hat
auch diese Erscheinung in seiner Schrift nicht übersehen, aber er hat
sie in anderm Zusammenhang (S. 89 ff.) behandelt, als den wir nun
im Auge haben.
In Folge jener Verbreitung des Ablauts tritt uns, besonders bei
Bildungen mit u und folgenden Lippenlauten, die Frage entgegen, ob
wir hier wii'klich Wurzeln mit ursprünglichem u anzunehmen haben
(Classe IX) ^ oder ob die u sich nur als Schwächung von a neben i
entwickelt haben, in Classe XI. XII, zum Theil vielleicht bloß nach
Analogie von diesen; im erstem Fall hätten sich dann, da die Drei-
heit der Laute überall vorschwebte, von u aus rückwärts Formen
mit a imd i entwickelt, im andern wäre die Bildung vorwärts erfolgt,
hätte aber, aus dem angegebenen Grunde, ti auch in Fällen hervor-
getrieben, Avo starke Verba dieser Form sonst weder vorliegen noch
anzunehmen sind. Jedenfalls sind auf diesem oder jenem Wege Ave-
nigstens scheinbare Übergänge zwischen Classe VIII und IX einer-
seits und X — XII andererseits geschaffen worden, durch welche die
näher liegenden, häufigeren und unbestreitbaren zwischen VIII und IX,
X und XI, zwischen X - XI und VI. XII vermehrt werden (vgl. Grimm,
Gramm. 1, 1035—6. Gesch. d. Spr., Ablaut, Dietrich, Haupt Zeitschr. V).
Die Frage der Intensivbildung hängt damit von Seite der Conso-
nanten zusammen; denn Avährend wir bei der Annahme von wurzel-
haftem ?f ein folgendes pf aus / -\- j erklären können , also mit An-
3*
36 LUDWIG TOBLER, DIE VERBA INTENSIVA.
nähme schwacher Bildung, sind bei der andern Annahme die be-
treffenden Verba zwar ebenfalls schwache, aber nicht entstanden aus
dem Princip der schwachen Verbalbildung, sondern unmittelbar durch
Ausdehnung des Princips der starken , und die Doppelconsonanz ist
dann aufzufassen als wurzelhaft, resp. auf hochdeutschem Gebiet durch
Verschiebung aus einfacher entstanden, ff aus p, ck aus ch = k (nicht
aus h + j) , oder auch nur zur Bezeichnung der Vocalkürze in die
Schrift eingeführt. Eine vermittelnde Annahme wäre, es seien die bei-
den Triebe einander gleichsam auf halbem Wege entgegen gekommen
und zusammengewachsen, so daß eine Ausscheidung nicht mehr mit
Sicherheit zu vollziehen sei. Thatsache ist, daß eine Anzahl zwei- und
dreifacher Formeln vorliegen, welche uns jene Frage vorlegen; wir
stellen aber folgende Beispiele einfach zusammen, ohne auf Form und
Bedeutung der einzelnen nochmals einzugehen.
Neben zupfen besteht zipf{el) und zapften), letztere vielleicht Ver-
schiebung von nd. tip{p)en, tap>{p)en, welche neben den Formen auf j»/
ebenfalls in hd. Gebrauch gedrungen sind. Gemeinsame Grundbedeu-
tung könnte sein: Berührung eines Gegenstandes an einem hervor-
rao-enden Theil seiner Oberfläche. Nahe verwandt ist tupfen, der Be-
deutung nach besonders mit tippen, aber dem Anlaut nach davon ver-
schieden und nach der ersten Annahme zu tief taufen gehörig.
Mhd. guife, Spitze, Schweiz, gupf, Hügel, kann von Gipfel (schweiz.
auch Name eines hornförmigen Gebäckes) nicht wohl getrennt und
auch mit gaffen, mhd. kapfen (hervorragen, hervorblicken) zusammen-
gestellt werden, aber auch mit ahd. goffa, mhd. giffe, Hinterbacke, goufe,
hohle Hand, Kopfbedeckung = ahd. chuppha] güf, Geschrei, guß,
Übermuth, welche Wörter alle auf den Begriff von Rundung, Wölbung,
Anschwellen, Aufblasen sich zurückführen und dadurch auch mit den
erstgenannten sich vermitteln lassen.
Stupfen lässt sich dem Vocal nach mit mlid. stouf, Becher, Fels,
zusammenstellen, sonst aber mit stapfen, fest auftreten, staffeln (schweiz.
Deminutiv), steppen (nd.) fest stechen, ahd. stuph, stopha, Punct, Tupf,
Stich.
Daß zucken von ziehen abzuleiten ist, bleibt wohl unbestreitbar,
aber es steht doch auch im Ablautsverhältniss zu zick und zack, welche
ia nicht bloß in der Verbindung zick-zack vorkommen , sondern auch
einzeln: schweiz. zicken, einen scharfen Geschmack („Stich") haben;
zickli feiner Schlag (vgl. hick, Schnitt, zu hacken, hecken, stechen);
Zacke, scharfe Kante, Spitze. Die Bedeutungen „scharfer Geschmack''
schnelle Bewegung'' und „spitze Gestalt" treffen oft zusammen.
F. LIEBRECHT, GERMANISCHE MYTHEN UND SAGEN IN AMERIKA. 37
Einen Fall von Berührung zwischen a und i-Reihe und zwar bei
folgendem z, haben wir oben angeführt: kritzen im Verhältniss zu
kratzen und kreiß. Dieselbe Consonauz zeigen auch Schmitz („verschmitzt"
= verschlagen, gerieben), schmatz und schmutz (letztere beide mund-
artlich = Kuss^ ursprünglich überhaupt = streichende oder streifende
Bewegung), dabei auch wieder den vollen Dreiklaug der Vocale, der
sich noch in vielen Beispielen findet, aber oft ohne daß sich i und u
zugleich als möglicher Weise wurzelhaft nachweisen lassen.
Weitere Verfolgung dieser Erscheinungen führt in etymologische
Labyrinthe, welche wir dieses Mal nicht zu betreten im Sinne hatten.
BERN, October 1869. LUDWIG TOBLER.
GERMANISCHE MYTHEN UND SAGEN IM
ALTEN AMERH^A.
Ob der unter den alten Bewohnern Centralamerikas als Schlangen-
gott vorkommende Votan mit dem germanischen Odiu-Wuotau in nä-
here Verbindung zu bringen sei_, ist mehrfach erörtert worden, s. z. B.
J. G. Müller Gesch. der amerik. Urreligionen S. 486 — 491, und bin
ich nicht gesonnen, hier weiter darauf einzugehen, wohl aber auf die
bemerkenswerthe Analogie hinzuweisen, die zwischen einigen Concep-
tionen von Völkern Europas und Mittelamerikas stattfindet. Zu Grunde
lege ich hierbei das bekannte Werk des Abbe Brasseur de Bourbourg,
welches den Titel führt: Popol Vtih. Le livre sacre et les mythes de
l'antiquite americaine avec les livi'es heroiques et historiques des Qui-
ches. Ouvrage original des indigenes de Guatemala , texte quiche et
traduction frauQaise en regard , accompagne de notes philologiques et
d'un comraentaire sur la mythologie et les migrations des anciens peuples
de l'Amerique etc., compose sur des documents originaux et inedits.
Paris 1861. Ich habe den Titel dieses wichtigen Werkes hier deshalb
genauer angeführt, damit, wer es etwa noch nicht näher kennt, durch
denselben eine Vorstellung von dessen Inhalt erhalte ; eine Besprechung
des Buches findet sich unter anderm in Max Müllers Chips from a
German Workshop 2"^ ed. Lond. 1808. I, 314 — 42; deutsch: Essays I.
In der Einleitung des Popol Vuh wird nun zunächst Folgendes
mitgetheilt. Als Votan von der Stadt des Gottestempels in seine Heimat
Valum- Votan (Votansland, wie noch jetzt große Ruinen nicht weit von
38 FELIX LIEBRECHT
Ciudad Real de Cliiapas in Guatemala heißen) zurückgekelirt war,
berichtete er, daß man ihn durch einen unterirdischen Weg gehen Hess,
der quer durch die Erde gieng und sich an der Wurzel des Him-
mels endigte; dieser Weg, fügt der bald zu nennende Ordonez hinzu,
sei aber nur ein Schlangenloch gewesen, in welches er kroch, weil er
ein Schlangensohn war. Hierauf legte Votan in der Schlucht des Zuqui
einen gleichen unterirdischen Gang an, der sich bis nach Tzequil er-
streckte, welche beiden Localitäten sich gleichfalls in der Nähe von
Ciudad Real de Chiapas befinden sollen. So lauten die Angaben des
Ordoüez in seiner Histcn^ia del Cielo y dela Tierra, deren Handschrift im
Besitz Brasseurs ist; s. p. LXXHI. LXXXVH. Der Bischof Nuhez
de la Vega führt an (p. CVH f.), daß Votan sich nach Huehuetan be-
gab, mehrere Tapire dorthin brachte und daselbst mit einem Hauch
ein finsteres Haus baute, wo er einen Schatz niederlegte,
dessen Obhut er einem Weibe (dame) und einigen Wächtern
(Tapianen genannt) übergab. Hierzu bemerkt Brasseur, daß der Hauch
(souffle) vielleicht auf einem Irrthum des Übersetzers beruht; es handle
sich wohl eher von einem dem Ig (Geist, Hauch, Wind) geweihten
Tempel. Der Tapir war ein bei den alten Amerikanern heiliges Thier.
Die Stadt Huehuetan, wo das finstere Haus gebaut wurde, lag in dem
District Soconusco (der Provinz Ciudad Real de Chiapas) nicht weit
vom Stillen Meer, und noch sind bekanntlich dort merkwürdige Ruinen
vorhanden. Der obenerwähnte Schatz bestand nach dem Bischof Nuüez
de la Vega aus einigen großen Urnen, die sich nebst den Götzen-
bildern des Jahrcalenders in einem unterirdischen Gemach befanden.
Die Frau (dame) und die Tapianen oder Wächter der Grotte über-
gaben dies alles dem Bischof, der es auf dem öffentlichen Platze von
Huehuetan verbrennen liess. — Dies sind die Angaben, welche sich
bei Brasseur finden und bei deren Lesung mir alsobald die eddische
Mythe von Ocfm als Bölverkr einfiel. Als Schlange (i ormsliki) schlüpft
er durch das Bohrloch (ok skreid i nafars-raufiua. Gylfag. 58; vgl.
Hävam. 10(3 : um griot gnaga — yfir ok uudir stödumk iötna vegir),
ganz ebenso wie Votan als Schlange durch einen unterirdischen Pfad
schlüpft und einen ebensolchen zum Andenken daran in einer Fels-
schlucht anlegen lässt. Die Urnen in dem unterirdischen Gemache
gleichen den Gefäßen Odrcerir, Boctn und Sönim Hnitberge, so wie
das sie hütende Weib der Hüterin Gunlöd entspricht. Brasseur setzt
zu den oben angeführten, sich auf den unterirdischen G-ang beziehenden
Worten : „et se terminait ä la racine du ciel" die parenthetische Frage :
„a la sagesse ?'^ Ohne es zu beabsichten, erinnert er also an den Weis-
GERMANISCHE MYTHEN UND SAGEN IM ALTEN AMERIKA. 39
heit verleihenden Diclitermcth, so wie seine Erklärung der Worte: ,,il
bätit d'un sonffle iine maison tenebreuse" durch ,,il s'agirait plutot d'un
temple consacre a Ig, l'esprit le souffle, le vent de la nuit^', den Bei-
namen Odins Yggr ins Gedächtniss ruft , der selbst zwar unsicherer
Bedeutung ist, allein andererseits wird ja der Name Odin durch Geist
erklärt. Alles dies sind überraschende Ähnlichkeiten, und man darf sie
wohl zusammenstellen und zusammenhalten.
Demnächst komme ich zu einer andern Quichesage, wende mich
dabei aber erst nach Europa und wiederhole hierbei zum Theil eine
frühere Notiz von mir im Philologus (24, 159 f.). Nach einer Sage des
Mittelalters nämlich wurde die Stadt Acre (Ptolemais) in Syrien von
den Kreuzfahrern unter Gottfried von Bouillon durch hinein geschleu-
derte Bienenkörbe erobert; dies erzählt der französische Roman Le
Chevalier au Cygne et Godefroi de Bouillon v. 26793 ff. (vol. III. p. 253 ff.
Acad. roy. de Bruxelles 1854). Dasselbe Mittel mit gleichem Erfolge
brachte Richard Löwenherz gegen die nämliche Stadt in Anwendung,
Avie der altenglische aus dem Französischen übersetzte Roman Richard
Coeur de Lion berichtet; s. Ellis Specimens of Early English Metrical
Romances ed. 1848 p. 299. Man sieht, es handelt sich hier von ein und
derselben Sage, die nur auf verschiedene Zeiten angewandt ist. Zahl-
reicher jedoch sind die Versionen, wonach eine belagerte Stadt sich
durch geschleuderte Bienenkörbe von den Angreifern befreit; s. Ad.
Kuhn, Westphäl. Sagen Nr. 167; Baader, Volkssagen aus Baden Nr. 173,
Müllenhof Sagen u. s. w. aus Schleswig-Holstein Nr. 87; Simrock, Rhein-
land S. 326 (4. Aufl.) und früher schon im X. Jhd. bei Widukind, Res
Gestae Saxon. 1. II, c. 23. Diese letztere Gestalt der Sage, wonach die
geworfenen Bienenkörbe nicht beim Angriff, sondern bei der Verthei-
diguug dieneU;, ist sicherlich die ursprüngliche, da sie die bei weitem
verbreitetste ist, auch m einer andern viel altern Form vorkommt, wo-
nach die so verwandten Thiere nicht Bienen, sondern Schlangen waren,
welche die belagerten Byzantiner in thönerneu Gefätien gegen ihre
Feinde, die Skythen, schleuderten; s. Tzetzes Chil. II, 929—949; vgl.
Philol. 1. c. und Frontin. Strateg. 4, 7, 10. 11. Beide Thiergattungen
zuffleich scheint folsrende Angabe zu umfassen. Von den die Stadt
Themiskyra unter Luculi belagernden Römern lieißt es nämlich bei
Appian De Bell. Mithrid. c. 78 : ,,rovrc)v ö' oC ^£v totg &S[ii,öKVQioig
sr.iicad'rj^svoL ^ TtvQyovg SJirjyov avrotg , xal xa^arcc excövvvov^ xal
vTtovö^ovg oj'pvtTov, ovra di] rt fisyaXovg, ag iv avtoi'g vno tt^v yfjv
aAAifAofc? nard jilij&og imxsiQslv, Hai oC &eiiloxvqloc o^ag avatd'ev
ig avTOvg oovrzovTsg , ccQxvovg re xal ^y^ia srsQa xal ß^rivri ft£-
40 FELIX LIEBRECHl
Xi<}ßc5v ig rovg igya^oj^isvovg, fv/ßuXXov." Hier möf^en mit den ^rjgta
evsQu wohl Schlangen gemeint sein ; ob es sich aber hierbei von einer
historischen Thatsache handelt, muss freilich dahin gestellt bleiben.
Zu beachten ist jedenfalls, daß auch diese Thiere alle von oben herab-
geAvorfen werden, wie in den andern betreffenden Sagen von der Höhe
der Stadtmauern. Ich wende mich nun zu den Quiche, welche folgende
hierhergehörige Sage besitzen. Sie erzählen nämlich (Popol Vuh p, 275
bis 285), daß die Vorfahren ihres Volkes, deren Stadt auf einem Berge
lag, einst von den feindlichen Nachbarstämmen belagert wurden und
sich deshalb möglichst verschanzten. „Hierauf machten sie hölzerne
Figuren, welche wie Männer aussahen und stellten sie auf die Befesti-
gungswerke ; man hängte ihnen Bogen und Schilde an und setzte ihnen
goldene und silberne Kronen auf. . . Alsdann suchte man Hornissen
und Wespen nebst Bienen und brachte sie herbei ; man steckte die
Thierlein in vier große Kürbisse (Kalabassen) und stellte diese dann
rings um die Stadt ; dies sollte dazu dienen , ihre Feinde zurückzu-
schlagen. Da geschah es nun , daß die Kundschafter der Feinde die
Stadt auskundschafteten und ausspäheten. „„Sie sind nicht zahlreich"",
sagten sie zu wiederholten Malen ; allein sie sahen bloß die hölzernen
Figuren , welche sich mit ihren Bogen und Schildern hin- und her-
bewegten. Wahrlich, sie glichen Menschen, sie gHchen Kriegern, als
die Feinde sie ansahen ; und diese freuten sich über die geringe Zahl
derer, die sie sahen. Ihre eigenen Stämme aber waren groß in ihrem
Dasein, und man konnte die Zahl ihrer Männer^ Krieger und Soldaten
nicht zählen. . . Und als sie stürmend am Fuße der Stadt anlangten. . .
so fehlte wenig, daß sie in die Thore eindrangen. Da mit einem Male
nahm man den Deckel von den vier rings um die Stadt aufgestellten
Kalabassen fort und die Hornissen und Wespen strömten heraus; wie
Rauch strömten sie heraus aus dem Bauche der Kalabassen. So kamen
die Feinde durch die Thierlein um , welche sich ihnen an die Augen
und Augenbrauen, an die Nasenlöcher, an den Mund, an die Beine
und an die Arme hängten und sie stachen. . Zahllos umwimmelten
die Thierlein einen jeden der Feinde; von Sinnen gebracht durch die-
selben, konnten sie ihre Bogen und Schilde nicht mehr halten und fielen
kraftlos von allen Seiten zu Boden ... sie empfanden es sogar nicht,
daß man sie mit Pfeilen erschoss und mit Beilen auf sie loshieb ; selbst
die Weiber fiengen an, sie hinzuschlachten und nur die Hälfte der
feindlichen Stämme kehrte fliehend in die Heimat zurück. . . Also ka-
men jene Stämme unter unser Joch und dies war die Niederlage derselben
durch unsere Väter und Mütter auf dem Berge Hacavitz."^
GERMANISCHE MYTHEN UND SAGEN IM ALTEN AMERIKA. 41
So lautet die Quichesage, zu der ich ferner bemerke, daß außer
der Übereinstimmung mit europäischen Sagen in Betreff der durch
Bienen geretteten belagei'ten Stadt auch die Vertheidigung der letztern
durch hölzerne, auf den Mauern aufgestellte Figuren sich in europäi-
schen Sagen vielfach wiederfindet; s. meine Nachweise in den Gott.
Gel. Anzeigen 1868 S. 432 f Vgl. Wolf und Hofmann, Primavera y
Flor de Romances, Berlin 1856 Nr. 133 (2, 44), wo es jedoch Leichname
sind, welche auf die Mauer gestellt werden, um die Belagerer zu
täuschen.
Ich führe nun eine dritte Quichesage an. In der Urzeit lebte ein
Mensch, Namens Vukab-Cakix. Er hatte zwei Söhne, Zipacna und Ca-
bracan, die beide zum Spiele die größten Berge umherrollten. Zipacna
trug einst ganz allein einen Baum, welchen 400 junge Leute nicht fort-
schaffen konnten, und machte ihnen daraus nach ihrem Wunsche den
Haupttragebalken ihres Hauses. Aus Furcht hießen sie ihn dann in
eine Grube steigen und sie immer tiefer graben, um ihn durch einen
hinabgeworfenen Baum zu tödten ; er aber , der ihren Plan wusste,
grub sich tief unten eine Nebengrube, in der er sich verbarg, als sie
auf das von ihm gegebene Zeichen, statt die ausgegrabene Erde hinauf-
zuziehen, den Baum hinabwarfen. Nach einigen Tagen, als sie, ihn für
todt haltend, sich in frohem Gelage berauscht hatten, stieg Zipacna
aus der Grube empor und riss das Haus, worin sie sich befanden,
über ihren Köpfen ein, so daß sie von den Trümmern desselben er-
schlagen wurden. Popol Vuh p. 35. 37. 47 ff. cf. p. CXXVI f. — Vgl.
mit dieser Sage Grimm KM. Nr. 90 „Der junge Riese", so wie die
Sage von Olifat auf ülea, einer der Karolinen ; s. Chamissos Reise um
die Welt (Werke 2, 387 ed. Kurz), wo es unter anderm heißt: „Die
Ai'beiter fuhren nun mit dem Bau fort und gruben tiefe Löcher in den
Boden, um die Pfosten darin aufzurichten. Dies schien ihnen, die da-
mit umgiengen, den Olifat zu tödten, eine gute Gelegenheit zu sein.
Olifat erkannte aber ihren Vorsatz und führte bei sich versteckt ge-
färbte Erde, Kohlen und die Rippe eines Palmblättchens. So grub er
nun in der Grube und machte unten eine Seitenhöhle , sich darin zu
verbergen. Sie aber glaubten, es sei nun die Zeit gekommen, warfen
den Pfosten hinein und Erde um dessen Fuß und wollten ihn so zer-
quetschen. Er aber rettete sich in die Seitenhöhle, spie die gefärbte
Erde aus und sie meinten, es sei Blut. Er spie die Kohlen aus und
sie meinten, es sei die Galle. Sie glaubten, er sei nun todt. Mit der
Cocosrippe machte Olifat durch die Mitte des Pfostens sich einen Weg
und entwich usw." Also auch hier handelt es sich von einem Bau,
42 THEODOR VERNALEKEN
Nach einer andern Sage der Quiclie speit der auf einen Baum
aufgesteckte Todtenkopf Hunliun Ahpu's der Jungfrau Xquiq in die
nach demselben ausgestreckte Hand, wodurch sie schwanger wird und
die Zwillinge Hunahpu und Xbalanque gebiert; s. Popol Vuh p. 91 ff.
Über die Zeugung durch Speien, wozu auch die des eddischen Kvasir
gehört, vgl. Gervas. von Tilb. S. 71.
Schließlich will ich noch erwähnen, daß der deutsche Volksaber-
glaube (s. Wuttke S. 329 §. 526, 2. Aufl.), wonach der Zahnschmerz
meist durch einen Wurm im Zahn verursacht wird, sich auch unter
den Quiche findet oder doch fand. „Wir verstehen die Würmer aus
den Zähnen herauszuziehen. . . denn es ist ein Wurm, der dir deinen
Schmerz verursacht", sagen einige Zauberer zu einem an Zahnschmerz
leidenden Fürsten der Quiche : Popol Vuh p. 41.
Ob alle oder welche von den vorstehenden Analogien in den An-
schauungen und Conceptioneu europäischer und amerikanischer Völker
als solche zu betrachten sind, die überall von selbst entstehen können
(wie namentlich die letzte sich auf den Zahnschmerz beziehende), will
ich nicht entscheiden; mir genügt es, auf dieselben hingewiesen zu
haben.
LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT,
DER MARIENCULT IN ÖSTERREICH.
VON
THEODOR VERNALEKEN.
Wir betrachten diesen Cult hier nur vom Standpuncte der Volks-
dichtung, wie man denn überhaupt seit einem Menscheualter angefangen
hat, auch das Legendische in den Kreis wissenschaftlicher Betrachtung^
zu ziehen, seitdem man im Schachte unseres deutschen Alterthums eine
Ader entdeckt hat, die zu dem versunkenen Schatze altdeutscher My-
thologie und Volkspoesie führt. Das hängt mit der Bekehrungsweise
imserer Vorfahren zusammen, die sich auch bei uns nach den Vor-
schriften richtete, welche Pabst Gregor seinen Sendboten unter den
Angelsachsen gab. Das Julfest ward zu Weihnachten ^ der Tag der
Ostara zum Auferstehungsfest, heilige Berge wurden zu Wallfahrts-
örtern, unter alten Bäumen Avurden Crucifixe und Bilder angebracht^
DER MARIENCULT IN ÖSTERREICH. 43
und die Herrschaft der alten Gottheiten ward durch Heilige verdrängt.
Man konnte dem Volke nicht alles auf einmal nehmen, nur die Namen
und Formen wechselten, um das Volk desto empfänglicher für die
christliche Lehre zu machen. Ein deutliches Beispiel theilt Stöber mit
in seinen Sagen des Elsasses S. 451 ff.
Der Heiligendienst der römischen Kirche erinnert an den griechi-
schen Heroendienst. Im Gegensatze zu den Indern war bei den Griechen
die Vergötterung von Sterblichen ein Theil der Nationalreligion. Das-
selbe zeigt sich in der römischen Kaiserzeit, und die römische Kirche
wusste dieß zu benützen.
Die Verehrung der Maria begann zwar schon in den ersten Jahr-
hunderten (Gervinus I, 117), aber der eigentliche Madonnencultus kam
erst durch die Romantik der Kreuzzüge nach Europa und hat eine
Menge poetischer Erzeugnisse hervorgerufen. Vor den Kreuzzügen finden
wir wenige Spuren, darum kommt z. B. in den Salzburger Urkunden-
büchern der Name Maria vor dem 12. Jhd. höchst selten vor. Die frü-
hesten Belege für den poetischen Cult stammen aus Osterreich (vgl.
Wackernagel Leseb. I, 163), avo die Marienverehrung im Volksleben
tiefe Wurzeln fasste. Es konnte daher nicht fehlen , daß sich auch
nationale Anschauungen hier wie anderwärts einmengten. Erst im
16. Jhd. verschwindet die mittelalterliche Frauenhuldigung aus der
Poesie ; wie aber das Volk in seiner Weise die alten Sagen weiter
spann, so nahm auch der Mariendienst eine nationale Färbung an, und
man fühlt sich zu der Untersuchung hingezogen, in wie weit deutsch-
volksthümliches sich angelehnt hat, besonders in dem Hauptlande der
Marienverehrung. Viele Marienlegenden sind von Kaltenbäck gesam-
melt (Wien 1845 bei Klang) ; außerdem leben manche noch jetzt
im Volke.
Von den naturreligiösen Zügen , die in deutsch - österreichischen
Überlieferungen an Maria haften , Avill ich zwei der auffälligsten hier
vorführen, und zwar zum Theil auf Grundlage einiger, meines Wissens
ungedruckter Legenden. Es sind dieß die Beziehungen auf Brunnen
und Bäume.
1. B r u n n e n c ul t.
Betrachten wir vorerst die Belege.
Nahe bei Wien liegt Mariabruun, ein Name, der auch in Baieru
vorkommt (Panzer, bair. Sag. 1, 373) ; auch bei Krems ist ein Marien-
bründl (Kaltenbäck 212), ein anderes in Krain (Kaltenbäck 49), ferner
44 THEODOR VEENALEKEN
Maria Bruuneck am Tännengebirge (Alpenburg 3), der Mariabrunnea
in der Lausitz (Haupt 2, 184).
Nach Kaltenbäck soll der Erzherzog Maximilian Mariabrunn (bei
Wien) entdeckt haben (S. 111). Die mündliche Volksüberlieferung lautet:
Die AVitwe des h. Stefan von Ungarn, Gisela mit Namen, floh nach Öster-
reich und kam in die Gegend von Wien. Sie litt am Fieber und machte
deshalb häufige Spaziergänge in der waldigen Gegend, wo jetzt Mariabrunn
liegt. Eines Tages fühlte sie Durst und verlangte nach einem Trünke
frischen Wassers. Ein Diener suchte eine Quelle und fand bald eine
die mit Moos und Gesträuch überwachsen war. Er entfernte dieß und
erblickte in dem Brunnen ein Marienbild mit dem Jesuskinde. Ver-
wundert berichtete er das seiner Herrin und diese befahl, das Bild
herauszunehmen. Sie tranli dann mit großer Zuversicht von dem Wasser
und war bald von ihrem Leiden befreit. Aus Dankbarkeit für die
Wunderkraft dieses Marienbrunnens ließ sie daneben eine Capelle bauen
und das Bild darin aufstellen.
Gewisse Brunnen hält man für heilkräftig und darum waschen
sich Gläubige die Augen mit dem Wasser (Panzer 2, 46) ; andere Brunnen
sind glückbringend , wie z. B. das Jüngfernbründl bei Sivering (vgl.
meine „Mythen und Bräuche" 19). Panzer (2, 17) berichtet, am Rande
eines Brunnens habe man die Maria weinen hören, weil man die h. Hostie
hineingeworfen habe. Ferner (2, 30) : Ein Maurer, der einen eingestürzten
Brunnen ausbesserte, hat versichert, er habe die h. Jungfrau mit einem
weiß glänzenden Kleide geziert neben St, Leonhard gesehen und beide
haben den einfallenden Steinen Widerstand geleistet. Das Bild der
„Maria vom Thale" (Kaltb. 147) ist bei dem h. Brunnen gefunden.
Im Vintschgau fanden Hirten ein Muttergottesbild im Sumpfe, der er-
hellt war , wie wenn tausende von Glühwürmern darin lägen (Alpen-
burg 244). Im Mai 1865 berichtete „Sürgöny" aus dem ungerischen
Orte Kesthely, die Eigenthümerin eines Brunnens habe in demselben
die Mutter Gottes mit dem Sohne gesehen, von brennenden Kerzen
umgeben. Seitdem strömte eine große Menge Volkes zu dem Brunnen
und zuletzt kamen auch Processionen dahin. Die Behörde sah sich aber
genöthigt, den Brunnen abzusperren. — In Westfalen an der Ruhr ist
ein Brunnen, zu dem wegen seiner Heilkraft viele Leute herbeiströmen;
er soll von einer frommen Jungfrau aufgefunden sein (Kuhn, westfäl.
Sagen 1 Nr. 142). Ortsnamen wie Heilbronn u. a. weisen ebenfalls auf
diesen Volksglauben hin.
Um der Quelle dieses Volksglaubens auf die Spur zu kommen,
muss vor allem daran erinnert werden, daß seit Einführung des Chri-
DER MAEIENCULT IN ÖSTERREICH. 45
stenthums heidnische Culte christlich umgebildet wurden, und auch
dieser Cult hat seine Grundlage größtentheils in der Naturreligion des
Volkes. Der Brunnencult weiset auf Holda und Berchta hin. Frau Holda
liebt den Aufenthalt in Brunnen und bei ihr halten sich die noch Un-
gebornen auf und die Seelen der ungetauft Sterbenden fallen ihr wieder
zu (Wolf, Beiträge 1, 162). Weit verbreitet ist der Volksglaube, datS
die Kinder aus den Brunnen geholt werden, entweder durch die Heb-
amme oder durch den Storch *). An die Stelle der gütigen Holda, der
brunnenbewohnenden Göttin unseres Volkes, trat später Maria, wie
St. Martin an die Stelle Wodans.
Zu Köln werden die Kinder aus Kuniberts Pütz geholt, dort aber
sitzen sie um die Mutter Gottes herum, welche ihnen Brei gibt und
mit ihnen spielt (Simrock Myth. 399). Holda heißt aber auch Hellia,
und man lässt sie in der Tiefe der Flut goldglänzende Hallen bewohnen,
wo sie sitzt umgeben von den noch Ungebornen.
Es ist schwer zu sagen, in wie weit die christliche Symbolik An-
theil an diesem Volksglauben hat. Es verdient wenigstens nebenbei
erwähnt zu werden, daß im Hoheuliede (4, 13) der verschlossene Brunnen
ein Sinnbild der Jungfräulichkeit ist, welches auch auf die Jungfrau
Maria angewandt wurde. Von dem Brunnen zu Bethlehem, aus Avelchem
Maria getrunken, heißt es bei Gregor von Tours^ der Stern der Magier
lasse sich noch immer darin sehen, aber nur reine jungfräuliche Augen
könnten ihn erblicken (W. Menzel, Symbolik 1, 156). In der „goldenen
Schmiede" Konrads von Wüi'zburg (13. Jlid.), einem Gedichte zum Lobe
der Jungfrau Maria, in dem er alles zusammenfasst, was au Bildern
und Gleichnissen in dieser Beziehung im Volke oder der Litteratur
vorhanden war, dort heißt es (573): din güete kan uf loallen und als
ein brunne quellen. Sie wird genannt der „Meerstern", „ein lebender
Brunnen", sie ist „des heüwäges hort^ (Grimm, gold. Schm. XLV), des zu
heiliger Zeit geschöpften, alle Wunden heilenden Wassers usw. In den
Kirchenliedern heißt die h. Jungfrau ein Brunnen aller Güte. Das alles
sind symbolische Beziehungen, und es begegnen sich hier der poetische
Naturglaube und die legendische Überlieferung.
Sehen wir uns weiter in Nieder-Österreich um, so treffen wir im
Viertel unter dem Manhardsberge den Namen Ho Ilabrunn, oder wie
die Bauern sprechen „Hollebrunn". Es fehlen zwar die darauf bezüg-
lichen Überheferungen, aber ich bin geneigt, sie mit diesem Sagenkreise
*) Über die Storchenbotschaft (Adebär) vgl. das Gedicht von Ed. Mörike und
die drei schönen Kunstblätter von A. Rosenthal (Verlag von Kuntzmann in Berlin}.
Vgl. Simrock, Myth. 315. 316.
4ß THEODOR VERNALEKEN
in Verbindung zu bringen, da selbst der Name der alten Göttin sich
darin erhalten hat. Der Name Holle erscheint zwar bei uns selten, am
häufigsten Bercht oder weiße Frau, indessen weisen meine „Mythen"
aus dem V. 0. M. B. den Namen Holke auf (S. 23). Weitere Nachfor-
schungen wären erwünscht. Mir ist in Bezug auf den Brunnencultus
noch Folgendes erzählt: Unweit Leobersdorf (V. U. W. W.) ist eine
Mariencapelle, unter welcher der heilsame Brunnen entspringt. Als vor
Jahrhunderten der Quell plötzlich hervorkam, sah man auf dem Wasser
ein Marienbild schwimmen. Man erbaute die Capelle und stellte das
Bild hinein, und seit der Zeit wallfahrten viele dahin *).
Unfern Roding (im Regenthaie Baienis) steht eine Kirche, „zum
Brünnlein" genannt. Die Heilquelle Avurde von einem Hirten entdeckt,
der eines Tages ein Marienbild auf dem Wasser schwimmen sah.
Solcher Legenden ließen sich noch viele beibringen, die alle die
Verdrängung des heidnischen Volksglaubens durch kirchliche Einrich-
tungen und Personen bestätigen. Da auch andere Eigenschaften Holdas
auf Maria übergehen, so darf (nach Grimms Myth. 246) hier auch Maria
Schnee (ad nives) verglichen werden (vgl. Kaltb. 126). In Süddeutsch-
land heißt sie Berchta, d. h. die leuchtende, glänzende ; sie erzeugt
wie Holda den glänzenden Schnee. Berchta ist in den Erzählungen
tiefer herabgewürdigt; sie erscheint nicht bloß als Ahumutter, als weiße
Frau, besonders in fürstlichen Häusern (Gr. Myth. 257), sondern auch
als kinderschreckend. Nun haben wir, wie bei der Todesgöttin Hellia
oder Hei , merkwürdigerweise auch die Kehrseite bei Maria , denn
schwarze Madonnenbilder findet man aller Orten (Haupt, lausitz. Sag.
1, 12), sogar auf dem Wiener Burgring neben dem Volksgarten. Ein
schwarzes Marienbild gemahnt zwar an die trauernde Erd- oder Nacht-
göttin (Grimm Myth. 289) , wie die schwarze Proserpina (furva) der
Alten ; allein diese Vorstellung hat wahrscheinlich bei den Marienbildern
niemals gewaltet.
Endlich ist noch zu erwähnen, daß im Mariencult Beziehungen
stattfinden zu Ähren (Panzer 2, 7), Kräutern (2, 12) und besonders
zu dem Getreide (2, 8 ff.^, ferner, daß die Bauern zu Baselga in Ti-
rol das Frauenbild verehren zur Erhaltung der Früchte auf dem Felde,
zur Fernhaltung der Gewitter (Kaltb. 224). Wenn wir ferner beden-
ken, daß die schönsten Blumen nach Maria benannt sind, so müssen
wir unwillkürlich an die Erdmutter des deutschen Volksglaubens den-
*) Vgl. auch Kalteiiljmnn in Tirol iKaltenl)äe',k S. GO), Maria vom Gestade an der
Leitha (da.s. 115).
DER MARIENCULT IN ÖSTEREETCH. 41
ken, an Holda, die in dieser Hinsicht der Demeter ganz nalie stellt.
(Panzer 2, 381).
2. B a u m c u 1 1.
Den Bruunenbezieliungen nahe verwandt sind die auf Bäume und
Wald. Diese treffen wir häufiger und früher, und der ganze Cultus ge-
mahnt an den der griechischen Bergmutter Kybele, der die Eiche und
Fichte heilig waren. Auf altdeutschen Bildern sieht man nicht selten
die h. Jungfrau in einem rings ummauerten und verschlossenen schönen
Blumengarten sitzen. In den Legenden aus dem 13. Jhd. , von denen
einzelne noch im Munde des Volkes leben, kommt eine vor*), nach
welcher ein Schüler in einem dichten Holze am Wege ein Marienbild
erblickt. Er fiel nieder, sprach sein Gebet, sammelte dann schöne Blu-
men zum Kranze für das Bild, damit die Waldvögel es nicht beschmutz-
ten. Das Bild stand auf einem Baumstamme (oder Baumstinnpfe vf
ebne ronen, S. 177 Marienleg). Volksüberlieferungen dieser Art gehen
bis auf die neueste Zeit.
Über das wunderthätige Bild in der Mariahilferkirche bei Gutten-
stein ist mir Folgendes erzählt. Vor vielen Jahren ist das Bild von
Hirten aufgefunden. Es war an einer Buche befestigt. Graf Hoyos ließ
es in eine Capelle bringen, allein über Nacht verschwand es und man
fjind es Avieder an der alten Stelle. Das geschah mehrere Male , bis
man endlich auch den Baumstamm in die Capelle brachte. Nach meh-
reren Jahren wurde der Graf von einem Hirschen angefallen. Da ge-
lobte er eine Kirche zu bauen und er blieb unversehrt. In die Kirche,
die an die Stelle der Capelle gebaut ward, ließ man auch das Mutter-
gottesbild stellen. Von dem Buchenstamme wurden viele Stückchen ab-
gerissen von den frommen Pilgern, die alljährlich die Kirche besuchten.
Andere sagen: Die Hirten verehrten das Bild lange Zeit und
ließen ihre Schafe in der Nähe jener Buche weiden, und es ruhte der
Segen auf ihrer Herde. Da fanden sie aber eines Morgens den Baum-
stamm verkohlt und in der Asche lag das Bild ganz unversehrt. Vgl.
auch Kaltenbäck S. 235.
Über die Entstehung der Wallfahrtskirche „Maria drei Eichen"
in der Nähe von Hörn (Nied. Österr. V. O. M. B.) geht folgende Sage.
Einem kranken Bürger in Hörn erschien die Mutter Gottes im
Traume und befahl ihm, ihr Bild auf den Muldenberg zu tragen, wo
er eine Eiche finden werde, die aus einer Wurzel drei Stämme treibe.
Dort solle er das Bild zur Verehrung aufstellen. Es vergieng einige
*) Pfeiffer Marienlegenden 171 fg. Gödeke, Mittelalter 136.
48 THEODOR VERNALEKEN
Zeit und er dachte nicht mehr daran. Einst reiste er von Eggenburg
nach Hause und war so müde , daß er sich unter einem Birnbäume
niederließ und einschlief. Da wurde er von einem Gewitter erweckt
und gewahrte in der Xähe die dreistätnmige Eiche. Sogleich eilte er
nach Hause, holte das Bild und festigte es an dem Stamme. Nach
einigen Jahren schlug aber der Blitz in die Eiche und zertrümmerte
auch das Bild. Allein im nächsten Frühjahre begann der Stamm frische
Zweige zu treiben, und an dem Stamme dieses wunderbaren Baumes
ließ man ein anderes Bild anbringen. Später ward an der Stelle eine
Kirche gebaut, und Überreste der alten Eiche sind dort noch aufbe-
wahrt. Vgl. Kaltenbäck S. 227.
Andere erzählen, ein Bauer habe Holz fällen wollen, da habe er
drei schöne Eichen angetroffen. Als er aber einen Hieb gegen eine
derselben fährte, prallte die Axt zurück und verwundete ihn. Und als
er hilflos so da lag, bemerkte er auf dem Baume ein Marienbild, wel-
ches aber so verdeckt war, daß er es anfangs nicht bemerkt hatte.
Er flehte nun die Heilige um Hilfe an und seine Wunde war schnell
geheilt. Auch andere Kranke pilgerten dorthin.
Ganz ähnliche Sagen werden erzählt von Maria Taferl (Kaltb. 190),
von Maria Eich in Ober-Österreich (Kaltb. 53). Vgl. Panzer, 2, 375.
Über den Wallfahrtsort Maria Schein (bei Teplitz) wird erzählt: Einer
Magd wand sich bei der Feldarbeit eine große Schlange um den Arm.
Erschrocken starrte sie auf die Schlange hin. Da wurde die Magd von
einem Scheine geblendet und die Schlange war plötzlich verschwunden.
Sie suchte nach der Richtung, woher der Schein gekommen war und
gewahrte eines Muttergottesbildes, das an einem Baume hieng. Dann
lief sie zum Ortspfarrer, der das Bild in die Kirche trug. Tags darauf
war dasselbe verschwunden und man fand es wieder au demselben Baume.
Das wiederholte sich mehrmals. Da kam dem Pfarrer der Gedanke,
an der Stelle des Baumes eine Capelle zu erbauen und man nannte sie
„Maria Schein".
Roseldorf (unweit Retz) wurde einmal ganz überschwemmt. Als
sich das Wasser verlaufen hatte, suchte ein Bauer seinen Weinkeller
auf, und unterwegs erblickte er auf einem Holunderstrauche ein aus
Holz geschnitztes Bild der h. Maria mit dem Jesuskinde. Er drang in
das Gebüsch, um das Bild zu nehmen, aber es gelang ihm nicht. Dann
lief er nach Hause , versuchte es mit Hilfe anderer noch einigemale,
allein immer kehrte es auf den frühem Standort zurück. Das Haus,
welches dem Holunderstrauche zunächst stand, gehörte einem gewissen
Tasch, und nach ihm ward das Bild „zur h. Maria von Tasch" benannt
DER MARIENCULT IN ÖSTERREICH. gg
Der Busch wurde ausgegraben und an der Stelle die jetzige Pfarrkirche
von Roseidorf gebaut, in welcher sich das Bild befindet.
Auch von der Klosterkirche in Freudeuthai (östr. Schlesien) er-
zählt man : Ein Bauer erblickte in einem Dorustrauche ein Licht, und
als er näher trat, sah er in den Lichtstrahlen ein hölzernes Muttergottes-
bild. Das trug er als einen kostbaren Hausschatz zu den seinigen; am
andern Morgen aber war das Bild verschwunden, man fand es an dem
alten Orte. Abermals ward es mitgenommen und abermals kehrte es zu
dem Dornstrauche zurück. Zum dritten Male holten sie es und baten
die h. Maria , bei ihnen zu bleiben. Später baute man an dem Platze,
wo das Bild in den Dornen gefunden, eine Kirche. Ganz Ahnliches
wird zu Turas in Mähren erzählt (Kaltenbäck S. 17).
Vergleichen wir andere Überlieferungen, so finden wir eine merk-
würdige Übereinstimmung. Das Bild wird gefunden an einem Baum-
stock (s. oben u. Kaltenbäck S. 25 und Panzer 2 , 7. 15) , an einer
Eiche (Meier, schwäb. Sag. 1, 323; Stöber, Sag. des Elsasses S. 32. 134),
an einer Linde (Kaltb. 74. 176. Haupt, Lausitzer Sag. 2, 181. Wolf,
Beiträge 1, 169), an einer Weide (Panzer 2, 375), an einem Birnbaum
(2, 14), einer Tanne (2, 15), an einer Kranowetstaude (2, 5 und 348(,
einer Fichte (Kaltb. 70), als Marienbaum in der Lausitz (Haupt 2, 146),
im verwilderten Gestäude (Tirol, vgl. Kaltb. 77), im Haselstrauche
(Kaltb. 85) , im Lärchenstamme (Kaltb. 93). Bemerkenswerth ist es,
daß Marienbilder immer nur an verdeckten Orten gefunden werden,
entweder unter Moos versteckt oder im Gebüsch (Panzer 2, 16) oder
in den Baumzweigen, sogar unter einem Haufen Kehricht (Kaltenb.
S. 184), wie das bei den Karmelitern zu Wien. Zuweilen erscheint die
Jungfrau „im finstern Walde" (Kaltenb. 56 u. Alpenburg S. 184) oder
als „Maria im Schatten" (Kaltenb. 178). Dabei ist wohl zu beachten,
daß das Bild an Bäumen erscheint, die, wie die uralte Fichte zu Landeck
(Alpenburg S. 183) geradezu als „heilige Bäume" lange verehrt wurden.
Der Bischof verbot erst 1658 die processio annua ad arborem im Valser-
thale und zu dem „heil. Larchbaum" bei Nauders (Alpenb. S. 225).
Charakteristisch ist auch der Sagenzug, daß das weggenommene
Bild immer wieder, meistens dreimal, an den alten Ort zurückkehrt;
sonst im Wesentlichen derselbe Grundgedanke , aber hundertfach
variiert.
Es ist nicht schwer, hier Spuren des germanischen Wald- und
Baumcultus zu entdecken. Der Baumcultus galt dem hohem Wesen,
dem der Hain geheiligt war. Daß man dem uralten Baumcult durch
Aufhängen eines Marienbildes eine andere Richtung gab und daß das
GERMANIA. Neue Reibe IV. (XVI.) Jahrg. 4
50 THEOPHIL EUPP
entfernte Bild immer wieder zu seinem Walde zurückkehrte, darf nicht
Wunder nehmen; denn in welch hohem Ansehen Wälder und Bäume
bei den Deutschen standen, berichtet schon Tacitus: lucos ac nemora
consecrant. Am meisten standen Eichen und Linden in Ansehen, die
Eiche war dem Donar, die Linde der Frouwa oder Erka geheiligt.
Jede Verletzung solcher Bäume wurde geahndet.
Das Erscheinen der Bilder an Bäumen ist übrigens auch aus
dem classischen Alterthum bekannt. Man lese z. B. das Werk von
Bötticher „Baumcultus der Hellenen", wo er S. 140 sagt: „Bei den
Hellenen wurden gewisse Götterbilder unmittelbar im Baume aufgestellt ;
nach der Weise des Bildes unter oder an dem Baume war der nächste
Schritt die Gründung einer aedicula, eines Tempelchens, in welchem
man das Bild aufstellte." Also genau wie in Osterreich. Wir bemerken
ferner, daß an den berühmten Cultusstätten der Hellenen, namentlich
zu Delphi, donaria, Weihgeschenke, niedergelegt wurden. (Vgl. Böt-
ticher S. 156.) Daß das auch in unsern Wallfahrtskirchen geschieht,
ist allgemein bekannt (vgl. z. B. Kaltb. S. 103). Und was die Wunder
anbetrifft, so sagt schon Lucretius: ut omne humanum genus est avi-
dum uimi' miraclorum. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind."
Alles Wunderbare zieht an und das Überlieferte wird nicht leicht auf-
gegeben, selbst wenn es längst seine ursprüngliche Bedeutung ver-
loren hat.
WIEN, im Mai 1870.
ZUR DEUTUNG VON FIÖLSVINNSMAL.
Immer wieder taucht der Gedanke auf, das Eäthselgewebe der
Fiölsvinnsmäl sei nur ein Bruchstück, und ohne das Fehlende zu finden,
unerklärbar. Leider vertreten auch bedeutende Gelehrte diese Auffas-
sung, und darum haben wir zu erwarten, daß vorerst jeder Versuch,
dieses Lied als ein selbständiges zu deuten, mit einem bequemen, von
sicherer Höhe fallenden Schlagwort ohne weitere Prüfung abgewiesen
wird.
Wohl in der Absicht, einen theilweisen Ersatz für das Verlorene
zu bieten, gibt der Verfasser der Beiträge zur Kritik der Eddalieder
(Germania XTV , 314) verschiedene Berichtigungen des Textes , und
nimmt die von Grundtvig in seinem Werke „Danmarks gamle Felke-
ZUR DEUTUNG VON FIÖLSVINNSMAL. §1
viser" ausgesprochene Idee wieder auf, indem er auf die Deutung des
Ganzen verzichtend, Grogaldr und Fiölsvinnsmäl als zusammengehörige
Bruchstücke eines umfangreichen Gedichtes erklärt.
Diese Annahme setzt nun nothwendig eine gewisse Übereinstim-
mung im Inhalte der beiden Gedichte voraus. Bei näherer Untersuchung
derselben werden wir aber finden, daß trotz aller Zulassung von irgend
möglichen Verbesserungen und Ergänzungen , weder Zusammenhang
noch Übereinstimmung in den vermeinten Fragmenten herauszubringen
sind.
Das in Grogaldr Str. 3 vorkommende Menglödum, statt Menglödu,
gibt Ettmüller Veranlassung, die Strophe als verdorben so umzuge-
stalten, daß an einer unklaren Stelle herauskommt: „wo sie Lohen
weisst". Er setzt kveyki statt des in allen Ausgaben vorkommenden
kvedkij was ftir die Menglöd der Fiölsvinnsmäl bezeichnender wäre,
und deutet das Menglödu am Schlüsse der Strophe eben auf diese
personificierte Gottheit (vgl. Germania X, 433).
Menglöd ist nun allerdings der Name der Heldin der Fiölsvinns-
mäl; aber Menglöd heißt auch monili gaudens, femina, und bezeichnet
überhaupt eine schmuckfrohe, eine weibliche Person, und so könnte
sich die Benennung auch auf ein Mädchen oder eine Frau beziehen.
Doch was damit gemeint ist, kann nur der sonstige Inhalt des Ge-
dichtes lehren.
Aus Grogaldr Str. 1, 2 und 3 erfahi'en wir, daß ein Sohn seine
IVIutter an die Grabesthüre ruft, um ihr zu klagen, daß seine arglistige
Stiefmutter ihn an einem Orte mit ihr zusammenkommen heiße, wel-
chen Niemand kenne. Sie antwortet ihm : der Weg und die Fahrt sind
lang; erwähnt aber weiter nichts von Mühen und Gefahren, auch nichts
über das Ende seines Unternehmens. Er fordert sie nun auf, ein Zau-
berlied zu singen, das heilsam sei und ihn kräftige; denn er fühle sich
unerfahren und fürchte seinen Untergang. Hierauf singt sie ein Lied,
das ihn veranlassen soll, hinter sich zu werfen, was ihm beschwerlich
dünke, und sich selbst zu vertrauen; dann will sie mit ihrem Zauber
bewirken, daß der Urd Riegel ihn wahren, wenn auf weiten wonnelosen
Wegen er Schändliches sehen sollte. Weiter spricht sie gegen brau-
sende Flüsse, die ihm Untergang drohen, entrauthigt durch Zauber-
worte die ihm entgegentretenden Feinde und stimmt diese zum Frieden.
Ein Lied soll die Fesseln lösen, welche sich um seine Glieder legen;
ferner (Str. 11) Sturm und Fluth beschwichtigen, daß sie frohe Fahrt
gewähren. Sie spricht gegen den Frost und glaubt ihm Schutz sein zu
können, wenn auf nebeligem Wege er von der Nacht überfallen wüi'de,
4*
52 THEOPHIL RUPP
WO auch ein getauftes Weib (wahrscheinlich seine Stiefmutter) ihm
nicht schaden werde. Zum Schkiß ihrer Zaubersprüche sagt sie (Str. 14) :
„Wird dir Noth, mit dem Joten dem Schwertgeschmückten zu reden:
Wortes und Witzes sei im bewussten Herzen Fülle dir und Überfluß".
Aus Fiölsvinnsmal sehen wir, was den Wanderer erwartet. Ein
anfangs barscher, doch bald freundlicher Wächter, der eine Waberlohe
umwandelt vmd sich Fiölsvidr (Vielwisser) nennt, antwortet dem Fremd-
ling auf alle seine Fragen, doch nur in Räthseln.
Der Fremdling, der vorerst als Windkaldr auftritt, ist mit den
Antworten zufrieden , und findet keinerlei Anlass zu Wortkämpfen.
Von einem Schwert, das, nach Grogaldr, Fiölsvidr haben, ferner daß
dieser ein Jote sein soll, ist hier nichts bemerkt. Windkaldr sieht ein
Gitter und Fiölsvidr sagt ihm auf seine Frage, wie es wirkt, und wer
es gemacht; erklärt ihm auch weiter, aus was die Gürtung, Gastropnir
genannt, geschaffen worden sei; dann sieht Windkaldr Himde, von
denen immer einer wacht , wenn der andere schläft , und Fiölsvidr
deutet ihm ganz wohlwollend an, wie diese Bestien kirre zu machen
seien, um einzugehen, weil sie essen: nämlich mit den Flügeln des
Halms Widofnir, der auf dem Baume Mimameidr sitze. Fiölsvidr er-
klärt nun dem Windkaldr die Natur des Baumes Mimameidr , dem
weder Feuer noch Schwert schade, und welche Früchte er bringe;
ferner wie er den Halm Widofnir zu Hels Behausung senden und so
die Flügel bekommen könne. Dies geschieht durch eine Ruthe, deren
Erwerbungsweise Fiölsvidr gleichfalls angibt, das heißt durch die blin-
kende Sichel, welche in Widofnirs Schwingen sich finde.
Windkaldr fragt , wie der Saal heiße , der von Waberlohe um-
schlungen, weiter wer gemacht habe, was außerhalb der Brüstung zu
treffen sei, und wie der Berg genannt werde, auf welchem Meuglada
wohne.
Auf alles dieses antwortet der vermeinte feindliche Jote freund-
lich entgegenkommend, und Windkaldr nimmt die Antworten auf, wie
Jemand, der seines Erfolges gewiss, sich von den ihm entgegenti'e-
tenden Hindernissen wenig berührt fühlt. Endlich fragt Windkaldr : ob
wohl ein Mann in Mengladas sanften Armen schlafen möge? Fiölsvidr
antwortet: kein IVIann mag in Mengladas sanften Ai-men schlafen, Svip-
dagr allein. Die sonnenglänzende ist ihm verlobt seit Langem. Nun
ruft Windkaldr: reiss auf die Thore! schaff weiten Raum, hier magst
da Svipdagr schauen! Doch soll Fiölsvidr vorher fragen, ob seine
Minne Menglada noch erfreue. Fiölsvidr sagt zu Menghada: ein Mann
ZUR DEUTUNG VON FIÖLSVINNSMAL. - §3
ist gekommen, geh' und besehe den Gast. Die Hunde freuen sich, das
Haus erschloss sieh selbst. Ich denke, Svipdagr sei's.
Vergleichen wir nun den Inhalt der Lieder , welche gesprochen
sein sollen , um den Sohn der Groa zu schützen und die Hemmnisse
aus dem "Wege zu räumen , welchen er. auf dem Gang zu Menglada
begegnen würde, so finden wir, daß keiner der Aussprüche zu dem
passt, was zur Erreichung dieses Zieles nützlich, vielweniger nothwendig
wäre. Daß in Fiölsvinnsmill gerade das verloren gegangen sein könnte;
was in Grugaldr noch vorhanden oder umgekehrt, lässt sich nicht an-
nehmen, vmd schon desswegen ist die Zusammengehörigkeit mehr als
zweifelhaft.
Fassen wir die Persönlichkeiten, nämlich den Sohn der Groa und
Windkaldr ins Auge, so erscheint der Erstere als Opfer einer arglisti-
gen Stiefmutter zu einem Unternehmen getrieben, von dem er nur un-
glücklichen Ausgang erwartet. Er ist darum missmuthig, ängstlich,
unsicher und glaubt bei seiner todten Mutter und ihrer Zauberkunst
Hilfe und Schutz suchen zu müssen.
Dieser Zustand schließt das Bewusstsein einer Verlobung seit
Langem und eines sehnlichen Erwartetseins entschieden aus; und doch
ist in Fiülsviunsmul genugsam angedeutet, daß diese Verhältnisse dem
Verlobten Svipdagr bekannt waren, wie z. B. durch seine Bemerkung
auf Fiölsvidi's zmnickweisende Rede:
,,Von Augenweide wendet sich ungern
Wer Liebes sieht imd Süsses."
Die Voraussicht der Groa geht auch nicht über das hinaus, was
einem gewöhnlichen Menschenkinde auf Erden zustossen könnte, wäh-
rend Windkaldr (Svipdagr) nur übernatürliche Dinge bewältigt zu
haben scheint.
Das ganze Auftreten von Windkaldr zeigt Sicherheit und das
Bewusstsein des längst Erwarteten, Svipdagr selbst als ebenbürtig der
Menglada. Eine Identification der beiden Bewerber ist darum geradezu
ein Widerspruch.
Wie wir Germania X, 433 gezeigt haben und hier theilweise be-
richtigen möchten, bedarf es weder der Zauberkunst, noch Geistes-
oder Körperkraft, um Svipdagr mit Menglada zu vereinigen.
Die Schwierigkeiten, welche dem Wanderer entgegentreten, gelten
dem Unberufenen, wie Lüning richtig bemerkt, und die Fragen
Windkaldi's haben somit den Zweck, ihn selbst als einen Unberufenen
darzustellen, damit dem Dichter Gelegenheit gegeben ist, seinen ganzen
Scharfsinn iu diesem Räthselgewebe zu entfalten, was nicht geschehen
54 OTTO MELTZEE
könnte, wenn Windkalclr gleich als Svipdagr aufgefasst würde. Wäh-
rend nun durch diese Behandlung des Gegenstandes das erwähnte Ziel
erreicht wird, ist durch den Umstand, daß Svipdagr nicht nur keines
der angeführten Hindernisse zu überwinden hat , sondern Alles von
selbst sich so gestaltet, daß er nur Menglada umarmen darf, unzwei-
deutig dargethan, daß, außer der nöthigen Einkleidung, das Ganze ein
sich selbst entwickelnder Naturmythus ist, und auch die Hindernisse
und ihre Beseitigungsmittel nur Naturerscheinungen sind.
Hiemit übereinstimmend ist auch der Schluß von Fiölsvinnsmäl.
Er spricht die Zuversicht aus, daß die nunmehr Vereinigten ihr Leben
mit einander brauchen werden *). Der Versuch, Fiölsvinnsmäl durch
den späteren Gr6galdr oder gar durch den noch jüngeren Ungen Sven-
dal bessern und erklären zu wollen, ist demnach ein entschieden un-
glücklicher, der zu einem annehmbaren Erfolg nie führen kann. Die
in diesen Gedichten verwendeten wenigen Worte und Gedanken, welche
dem rein heidnischen Fiölsvinnsmäl entlehnt sein können, gehören mehr
der Form als dem Inhalt des Gedichtes an, indem der Reiz des Neuen
durch Anklänge an das Alte gesteigert wurde, und berechtigt keines-
wegs zu der Annahme einer sachlichen Zusammengehörigkeit der er-
wähnten Gedichte.
EEÜTLINGEN, Sept. 1870. THEOPHIL KUPP.
BRUCHSTÜCKE AUS DEM RENNEWART DES
ULRICH VON TÜRHEIM.
Die zwei Pergamentfolioblätter, welche die nachfolgenden Bruch-
stücke enthalten, fand ich vor Kurzem in der zur Zeit von mir ver-
walteten Bibliothek des Gymnasiums z. h. Kreuz in Dresden. Sie ge-
hören zu dem noch ungedruckten Kennewart Ulrichs von Türheim,
*) Sveinbjöm Egilsson tibersetzt alita aevi ok altri saman mit „aeviim aetatem-
que una viventes consumere". Ettmüller macht daraus das für ihn bequemere „daß
sie sich nie mehr trennen werden", und bemerkt dabei: „schon hieraus ergibt sich,
daß die Deutung, nach welcher Menglöd die Sonne, Svipdagr der Mond sein soll,
eine falsche ist". In wie fern dies der Fall sein soll, wird nicht gesagt, ohne Zweifel,
weil nach wie vor der Mond nicht mit der Sonne vereint bleibt ; aber als Ehepaar
gedacht, bleiben sie doch unter einem Dache; dabei geht der Mann seinem Berufe
nach, und dies ist wohl genug für ein solches Ehepaar.
BRUCHSTÜCKE AUS DEM RENNEWAET DES ULRICH V. TÜRHEIM. 55
ihr Text stimmt, wie Herr Prof. Zarncke mir gütigst mittheilt, am
meisten zu der Kasseler Hs. Der Inhalt des ersten Blattes entspi-icht
dem Abdruck nach den Nabburger Bruchstücken und der Münchener
Pap. Hs. bei Roth (Rennewart, Regensburg 1856), der des zweiten ist
noch nach keiner Hs. veröffentlicht. Die wohlerhaltenen Blätter dienten
als Vorsatzblätter des Liber quadripartiti Ptholemei etc. (Venetiis
1493 fol.)
Jede Seite ist in zwei Columnen von je 28 Zeilen beschrieben.
Die zwei Initialen (Bl. 1 v. 53, Bl. 2 v. 8) sind ganz einfach gehal-
ten, der erste blau, der zweite roth; die Schrift gehört der ersten
Hälfte des 14. Jahrhunderts an; später ist sie auf keinen Fall anzu-
setzen. Abkürzungen begegnen nur wenige und allgemein bekannte;
ich habe ihre Auflösung durch Cursiv kenntlich gemacht.
Zwischen Bl. 1, Z. 3 u. 4 ist ein leerer Zwischenraum von 11,
zwischen Z. 63 und dem unteren Ende der betreffenden Columne
(1") ein solcher von 10, endlich zwischen dem oberen Ende der
ersten Columne von Bl. 2 und dem ersten Vers derselben in glei-
cher Weise ein solcher von 10 Zeilen gelassen^ was nur zu dem Zweck
der späteren Einlegung von Miniaturen geschehen sein kann. Dem-
nach enthält Bl. 1' siebzehn, Bl. V u. Bl. 2* je achtzehn, jede der
übrigen aber achtundzwanzig Verse.
DRESDEN. OTTO MELTZER.
(1") Van strite vnder en beiden
Der strit was vngescheiden
Du des malefer wart gewar
Du begüde her uaste dar
5 Mit sine zu riten
Di rotte teilte her witeu
Mit vil vngeuügen streichen
Wan des cruces ceichen
Daz her sach di cristene tragen
10 Ir were vil van ime irslagen
Groz was daz gedrenge
Vn der strit uii crenge
Den uachten di lantherren
Sich begüden di rotte werren
15 Vndir einander vaste
Der lantmä mit deme gaste
(l'')Vä strite lidde groz erbeit
Karkar mit dem vanen streit
So wol daz ni ritter baz
20 Nimäues tat vor in maz
Zu lebene her nicht gerte
Mit spere uii euch mit swerte
Beging her michel wunder
Di cristene al bisunder
25 Nach prise vaste vachten
Swo sich di rotte vlachten
KunTg malefer dar hin rurte
Die rotte her gar zu vurte
Mit uii harte grozen siege
30 Di künde her vf di heidene lege
Der lag da manig van im tot
Nu dachte gamalerot
Daz her ettewanne was
Eyn heidene vn darvä genas
35 Swaz irlebete dannoch
Der werde kunlg van marroch
Her sprach la mich irwerben
Daz di icht uerterben
Di da noch sint lebende . .
40 Tote ich bin dir gebende
Swes din lip nicht wil ipern
Des wil ich allis dich gewern
56 BEUCHSTÜCKE AUS DEM EENNEWAET DES ULEICH V. TÜEHEIM.
T<
Wan daz du mich bescheidö mus
In wilcheme sinne du daz tus
45 Daz sagich dir vil libe?- tote
(l'')Da weiz ich wol daz si van gotc
Alle meschen wordö sint
Swi doch si ein vnderbint
Vnder heiden | luden | ci"isten
50 Ob dl zvei leben wisten
Wi suze cristen leben ist
Si globeten alle ane crist
ote la mich versuchen
Ob der kunTg küne ruche
55 Daz her sich wolle tovfen lan
Dar vme ich dich gebeten han
Daz sich din zorn sol mazen
Vn en daz leben lazen
Ich wil dir des nicht versagen
GO Ich wil si lazen vnirslagen
Min vil herce liber tote
Van ime schit gamalerote
Hin da di heidene war5
(l'*)Vnvro an al irn harcn
G5 Van strite wäre si gebüden
Ir was vil tot der wunden
Der woste nimau achte
Nimä sich ir weren machte
So groz was malefers sterke
70 Ein iklich heidene merke
Wi stark ist der cristene got
Daz sin gewalt vii sin gebot
Ir schone hat gepflegen
Daz irkeiner ist tot gelegen
75 Daz merkit alle gliche
Beide arme vil richc
Di da sin sarracine
Wi wol kan got di sine
Mit siner gute behuden
80 Ist v lip daz guden
So hat ein ende dirre strit
Di kör an vch beiden lit
Wolt ir sterben oder genesen
Der muz daz eine schire wcsen
85 KunTg van marroch dine wort
Di han ich vil gerne gehört
Mir ist geteilit vor ein spil
Des ich daz weger nemo wil
Ich sol losen min leben
90 Daz ich malefer wil geben
Eigentliche mine laut.
BL 2 (=Casseler Hs. BI
Bruchst. BL 3, v. 308—336; v.
231) BL 199 d, 200 a. b., v. 1-
S. 39 f. 47 ff.)
(2") An der vrowen man do sach
Schone clcider harte rieh
Ich wolte alle wip han ir glich
Di wer schone vn reine
5 Vii hettich si alleine
Vn were gar ane vorchte
Daz si ich ir eere intworchte
'u di vrowe gecleidit wart
Der kunTg vä polipoliart
10 Sprach nu mogit ir schowe
An dirre schone vrowen
Daz si ist vz geschonet
Vor aUe wip gecronet
So stüden ander vrowe gnug
15 Der ettelich di schone trüg
Di ein wip nu mochte nemeu
D,
, 372-— 373"— V. 1-31 = Nabburg.
32 — 102 = Münchner Hs. (cod. germ.
-71 (Roth, Uolr. V. T. Rennewart etc.,
Nu küde ir gnuge des geceme
Daz si sich wolde tovfen lan
(2'') Der reine biscof iohan
20 San daz tovfen nicht vej-bar
Hern merte gote sine schar
Mit dissen reinen kiuden
Ich muz der sage irwinden
Wi di vrowen alle hizzen
25 Di sich da tovfen Kzzen
Du der reine tovf geschach
KunTg malefer du sprach
Werder kunTg fausaserat
Daz din lip gelobit hat
30 Herre daz soltu cechen
Din gelobde nicht zubrechen
Gedenke der geheize
BRUCHSTÜCKE EINES PASSIONSSPIELES.
S7
Der du passagueize
Hast geheizzen vii ovch mir
35 Kunlg malefer waz ich dir
Geheizen han daz sol gesehen
Libe tochtej' ruch veriehn
Daz du tus des ich dich bite
Ich breche miner züchte site
40 Vater ob ich nicht tete
Swes diu müt mich bete
Ich weiz daz du mir gutes gas
Vater swaz du irdenken kans
Ich bin der daz gerne tut
45 Nu höre miner tochter mut
Vil hoch gelobete malefer
(2") Swaz ich an mine tochter ger
Daz wirt betalle san getan
Westu tochter daz ich dich han
50 Gelobet passagueize
Nu solt dii min geheize
Tochter vollenbrengin gar
Bearosin di wol gevar
Sprach vz irm müde rot
55 Libe bruder gamalerot
Wi swigistu so stille
Vn were ich secüdille
Der vrücht hettich groz ere
Van kunig te?ramere
GO Ich wil passagvweizen
■" Neme vii nicht geheizen
Ich weiz vej'war her ist der art
Daz ni gesiechte hoher wart
Gamalerot sprach swester
65 Keyn gewalt wart ni so vester
Also den di minne vüret
Swen ir gewalt geruret
Der muz sin ir eigen
Si kan hohen vn neigen
70 Gedanken vn sinne
Swester iz sint dri minne
Der sol zvo din herce mme
Der dritten nicht gesinne
Wan mit vügen daz ist gut
(2'')75Derglosen kennet nicht din mut
Di min müt gesprochen hat
Sint din sin des nicht verstat
So wil ichs dich bescheiden wol
Din lip di mlne rainne sol
80 Di nicht vergat vii vmmer wert
Din lip der mine hat gegert
Daz ist der al di werlde pfligit
Vri allö lute ane gesigit
Der selbe minne soltu pflegä
70 Daz si nach eren si gewogen
Si ist stete vn vnstete
Volge nicht irme gerete
Minne den du mine solt
Darvmme ist dir di mine holt
90 Di da nümer kan vergan
Den rat den ich han dir getan
Den soltu rechte merke
Vii in din herce Sterken
Swester dich kan geceme
95 Daz du wilt gerne neme
Den kimlg passagweize
Der in al der werlde creizen
Geheizen ist ein türe helt
Du hast dir eine man irwelt
100 An deme uil ere lit
Wizze swester daz mä im git
Daz lop daz harte hohe wigit
BRUCHSTÜCKE EINES PASSIONSSPIELES.
Auf der inneren Seite des hölzernen Buchdeckels von dem Bres-
lauer Schöppenbuche no. 2 (städt. Arch. 634) 1357 — 69 ist ein Blatt
Papier aufgeklebt, das zwei Seiten aus einem Passionsspiele enthält
(B'^ A''). Die ursprängliche Hs. war in Octavformat, doch ist der un-
tere Theil des Blattes dadurch, daß der Holzdeckel zur Hälfte abge-
58 ALWIN SCHULTZ
brechen ist, defeet. Nachdem ich das Blatt losgelöst, stellte sich her-
aus, daß auch die beiden anderen Seiten (B^ A') beschrieben waren
und zwar enthält B* einen ferneren Theil des Gedichtes, während A^
in der entgegengesetzten Richtung mit Fedei-proben ausgefüllt ist,
Meynen loyllygen vndirtan Wyssentlych sey vch lyhyr herr kumtur (?)
Adam sy pater est nobys sy syt mater eva
Hodye heata vyrgo maria 'puerum yhesum praesentahat (?)
Vser aller icerke yst ny . . .
Dann ist quer die Figur eines Ritters mit der Feder gezeichnet,
der zu Rosse im Costüm des 14. Jahrhunderts die Lanze wie zum
Turnier vorstreckt. Zwischen den Beinen des Pferdes liegt eine zweite
sehr roh angedeutete Figur. A^ ist sicher die letzte Seite des ursprüng-
lichen Manuscriptes gewesen und daher auf diese Weise benutzt
worden.
Da das Blatt bei dem wohl bald nach 1369 erfolgten Einbinden
des Schöppenbuches verwendet worden ist, so rührt es wohl aus einer
viel früheren Zeit her. Der Schrift nach muß es in der ersten Hälfte
des 14. Jahrhunderts entstanden sein. Daß Papier so früh zur Anwen-
dung kommt, braucht nicht zu befremden, da schon das älteste Schöp-
penbuch von 1345 auf Papier geschrieben ist.
Die Verse sind nicht abgesetzt, sondern nur hier und da durch
Punkte getrennt. Ich gebe einen genauen Abdruck und habe selbst an
Stellen, wo eine Correctur leicht wäre, den Text der Handschrift treu
wiedergegeben*).
B ^ Maria die it.
Maria lybe mume myn Johannes lyber vi-unt myn
lan den grosis wennyn syn 1 0 ich trösten dich gerne mochtes gesyn
Johannes dicit. sint mich myn lybis kynt dyr
Maria lybe mume myn bevoln hat
du salt dyn weynyn lozyn syn zo wil ich volgen dynem rat
5 wen her mich dyr czu zone hot ge- beyde vru vnde spat
gebyn Maria cantat.
Vnd dich myr czu mutyr by synem Groser clage ist myr
lebem. 15 owe leg ich vor dich tot
zo salt du bilch volgen myr voter schepfer bist du myn
vil lybe mume als ich wil dyr vnd ich dyn gebereryn
*) Ich habe mir erlaubt, einige Verweisungen auf gleichlautende Stellen ande-
rer Passionsspiele hinzuzufügen. Dies Fragment beweist aufs Neue, wie diese Spiele
immer wieder auf Grundlage älterer Gesänge zusammengestellt wurden. K. B.
3— t = Mone 1, 33. Pichler S. 25. 33. 14 lies j;uV not. 14—17 = Pich-
1er S. 130. Germ. 3, 283. Mone 1, 33.
BRUCHSTÜCKE EINES PASSIONSSPIELES.
59
Versus.
Dyne wonden tun myr we
myner clag ist dennoch me
20 daz du hercze lybes trut
wedir mich nyth moht werden
Versus.
Owe wer
hot syn sper
her czu dir genegit
1 abse icht an erem herczen.
lyden worden groze smerczen.
ich geswige gotis zon ihesum crist.
der von myr mensche worden ist.
5 ich se daz Wut hernydirrjTinen.
daz benymmit myr myne synne
Maria cantat.
Hercze brich
tot nu sprich
vnd loz mich dyr volgyn.
10 der iuden kynt
sere sint
gar of vns irbolgen
Versus.
Hercze kynt
dyne wangyn synt
15 der zo gar vorblichyn.
dyne craft
dyne macht
dy ist dyr gar inswychjm
Versus.
20 Valsche dyt du pruuist nicht
waz syn gotheyt brengyt.
allis daz syn ougyn ansya
noch syne tode is ryngyt
V ersus.
Dy sunne bu-git eryn schyn
25 al der werlde gemeyne
dy bebyt do si lyt
of clibyn sich dy steyne
Ih e sus cantat.
Li 7)uinus tuas domine commendo
Ihesus dicit.
Vatyr in dyne hende
30 ich dyr mynen geyst sende
— — von myr haben
— — — armer m(ay)t
als daz man von leyde sprichyt.
daz ist myner leyde eyn wicht
Maria cantat.
Owe waz hat her getan
5 mocht yr yn nich lebynde lan.
vnd nemt myr den lyp
was sal ich vil armis wyp
owe nu ist her tot
nu womowyt sich myt') not
10 vnd myues herczyn bittyr clage.
dy sycht meryt von tage')
synt ich syn byn ane
Maria dicit.
Owe vnde owe.
owe hüte vnd ymmyrme
15 owse iamirliche clage
dy ich arme mutyr trage,
von mynes lybes kyndes not
daz do heyget ^) vor myr tot
gecrucegyt alzo eyn dyp
20 her waz myn trut vnd myn lyp
18—21 = Fundgr. 2, 263. Germ. 3, 283. Mone 1, 34. 21 lies werden Mt.
22 fg. = Germ. 3, 286. Mone 1, 33. Pichler 34. Altd. Bl. 2, 374. 7—12 = Genn.
3, 286 ; vgl. Fundgr. 2, 271. Haupt 7, 549. 13—18 = Germ. 3, 283. Mone 1,
32. 199. Pichler 34. 23-26 = Germ. 3, 285. Pichler 32. 34. 26 Hes di/ erde
bebyt. 4—7 = Germ. 3, 284. Mone 1, 199. Fundgr. 2, 263. 8—11 = Germ.
3, 285. 9 lies myn not. 11 lies von tage czu tage. 15—16 = Germ. 3, 285,
Pichler 20. 17 lies henget. Pichler S. 35.
60 CARL SCHRÖDER
nu zoyt alle dy martyr syn dy ym woren czart vnd dar.
wy eyn crone doinnyu. syn antlicz ist czu ....
gedruckyt ist durch syn hobyt daz nmcz ich arme . . .
do wou ich arme byn betoubit — — — — — —
25 syn ovgyn synt vor vallyn gar.
BRESLAU. ALWIN SCHULTZ.
ZUM BRANDAN.
Ueber das Verhältniss zwischen der niederländischen und der
niederdeutschen poetischen Bearbeitung der Brandanlegende sind von
je die Urtheile ziemlich weit auseinander gegangen. Während Willems
(Reinaert de Vos p. XVIII) und nach ihm Blommaert (Oudvlaemsche
Gedichten I, 91) und Koberstein (Grundriß I, 4. Aufl., S. 347 Anm. h)
den niederdeutschen Text für eine verkürzte Übersetzung des nie-
derländischen erklären, möchte nach Moues Vorgang Jonckbloet (Ge-
schiedenis der middennederlandsche dichtkunst I p. 413) für das nie-
derländische Gedicht ein hochdeutsches Original annehmen, und eine
neuere Ansicht endlich lässt im directen Gegensatz zu Willems dem
niederländischen ein niederdeutsches Gedicht zu Grunde liegen, 'welches
in der That, wenn auch in späterer Überlieferung (bei Bruns, roman-
tische und andere Gedichte in altplattdeutscher Sprache. Berlin 1798)
erhalten ist.' (Martin in Zeitschrift für deutsche Philologie I, 162.)
Diese Verschiedenheit der Ansichten schien gleichwohl so lange
möglich, als eine eingehende Betrachtung der beiden uns überliefer-
ten Gedichte nicht angestellt worden ist.
Was zunächst den niederdeutschen Text anlaugt, so musste bei
genauerem Zusehen die Wahrnehmung gemacht werden, daß eine An-
zahl der schlechten niederdeutschen Reime bei einer Übertragung zu
tadellosen hochdeutschen werden. Einige Beispiele:
V. 15. sinne : wunne; mhd. sinne : winne.
160. s§de : clagede; mhd. sagete : clagote.
hinderen : viuden; mhd. kinden : vinden.
stempne : grimme; mhd. stimme : grimme.
Avas : mat; mhd. was : maz.
sit : sw(jtet; mhd. sitzet : switzet.
lätet : gät; mhd. lät : gät.
27 Vermuthlich czuslagin, reimend auf klag in.
V.
58.
V.
248.
V.
348.
V.
460.
V.
626.
V.
660.
ZUM BRANDAN. 61
V. 838. ovcrstegen : liggen; mhd. überstigen : ligen.
V. 8G1. rü : bük*j; mhd. rücli : buch.
V. 948. sagen : na; mhd. stdien : nähen.
V. 1079. Ybernien : gerne; mhd. Iberne : gerne.
Alle diese Beispiele sind ganz auffallend. Es kommt hinzu, daß
der niederdeutsche Text nicht wenige Formen bietet, die im correcteu
Niederdeutsch anders lauten sollten:
V. 7. stat : gat; niederd. steit : geit.
V. 75. kil : vil; niederd. vel. Vgl. v. 141. 475. 575.
V. 385. gesach : bach; niederd. b^ke.
V. 387. guldin : sin. Die Adjectivcndung w ist nicht nieder-
deutsch ; wirklich steht auch v. 369 : gülden : sin ; v. 446 : vüren : sin.
V. 391. sunne : brunne. Die niederdeutsche Form des letzteren
Wortes bricht gleich darauf durch in v. 395:
mel (1. melk) unde honnichsem dat üt dem hörnen vlot.
an ver ende sek de hörne got.
V. 471. das : was; niederd. dat: Avas.
V. 924. nennest : kennest; niederd. nomest.
V. 1067. besach : sprach; niederd. sprak.
Endlich fallen einige Ausdrücke und Redewendungen ins Auge,
welche, hochdeutschen Gedichten geläufig, im Gewände des Nieder-
deutschen fremdartig klingen imd gewissermaßen maskiert erscheinen-
Dahin gehört z. B. v. 872:
dar stunden 6k clor schauwen • '"
man unde frauwen,
so wie nicht minder v. 1048 :
dar vunden se enen schönen man,
de was nä prtse icol gedän. —
Auf solche Erwägungen gestützt, hatte ich schon vor mehr als
Jahresfrist unternommen, noch mehr ins Einzelne gehend, die Ansicht
zu begründen : daß der niederdeutsche Brandan eine Übersetzung aus
dem Hochdeutschen sei. Daß ein solches hochdeutsches Gedicht exi-
stiert habe, dafür gab es ein bestimmtes Zeugniss. Frisch nämlich in
seinem Wörterbuch I, 342 unter gerhen führt aus einem 'Ms. vom
St. Brandano' die Verse an:
Er gerbete sich viel schone
zu der messe vrone, —
ein Citat, welches Bruns nicht entgieng und auch v. d. Hagens Auf-
*) So, und nicht wie bei Bnins, sind die Verse zu theilen.
62 KARL SCHRÖDER
merksamkeit erregte: letzterer fand eine Notiz, der zu Folge die Hs.
in Berlin sein sollte, doch gelang es ihm nicht, sie aufzufinden (Lite-
rarischer Grundriß zur Gesch. d. deutschen Poesie, S. 295). So durfte
ich, als ich das Ergebniss meiner Untersuchungen in die Hände des
Herausgebers dieser Blätter niederlegte, mich bei der Annahme beru-
higen, daß die Hs. nicht auffindbar sei.
Aber noch bevor mein Manuscript zum Drucke gelangen konnte,
wurde mir die Nachricht, daß das in Frage stehende Gedicht wirklich
erhalten und zugänglich sei, und zwar in einer Hs. der königl. Biblio-
thek in Berlin (Ms. Germ. Octav. 56), welche als zweites Stück (fol.
13" — 50'') das Gedicht Von sente Brandan enthält *). Unter diesen Um-
ständen könnte es scheinen, als seien weitere Untersuchungen über-
haupt nicht mehr von Nöthen. Doch ist dem nicht so. Einmal lässt
sich wohl für den Nachweis, daß der niederdeutsche Brandan aus
einer hochdeutschen Quelle geflossen ist, eine erhöhte Wahrscheinlich-
keit gewinnen, doch ist der Beweis nicht mit voller Evidenz möglich;
und sodann gibt der Umstand, der mit Sicherheit festgestellt werden
kann, daß wenigstens unsere Handschrift es nicht war, die dem nie-
derdeutschen Bearbeiter vorlag, Anlaß zu Erörterungen über das Ver-
hältniss der verschiedenen nunmehr bekannten Brandantexte.
Die Berliner Hs., die Avir im Folgenden der Kürze wegen mit
B, wie den in der Wolfenbütteler Hs. erhaltenen niederdeutschen
Brandan mit W bezeichnen, hat einige einleitende Verse, die in W
fehlen; dieselben lauten fol. 13"):
Vornemet alle wie er vant
Ein herre der was uz trierlant
Vil manige gotes tougen
Crist irluchte raines herzen ougen
Vnde richte min gemute.
Es liegt auf der Hand, daß hier gleich zu Anfang eine Text-
verderbniss vorliegt : wenn die beiden ersten Verse einen genügenden
Sinn ergeben sollen, so müssten sie mindestens umgestellt werden.
Aber sie sind nur einem Missverständniss des ersten Abschreibers ent-
sprungen: das ergibt sich aus dem Anfang des in der Comburger Hs.
überlieferten jüngeren niederländischen Brandan (bei Blommaert a.
a. 0. H p. 3):
*) Ich bin fiü- diesen Nachweis Herrn Professor Zacher, für die Zusendung
der Hs. Herrn Geh. Regierungsrath Pertü zu Danke verbunden.
ZUM BRANDAN.
Nu vcraeemt hoe over lanc
Een beere was in Yerlant*),
Die sach menich Gods teekijn.
Interessant ist aber diese Corruption dadurch, daß sie uns ver-
räth, wo der Absebreiber, der sonst im Allgemeinen sieb großer Cor-
rectbeit befleissigte, die Heimat seiner Vorlage suchte, nämlich in
Trierlant.
Ich gebe nun im Folgenden zunächst eine Reihe von Stellen, in
denen das niederdeutsche Gedicht an Unklarheiten, Fehlern und Miss-
verständnissen leidet, die sich fast ausnahmslos aus dem hochdeut-
schen Texte berichtigen und ergänzen; die Nutzanwendung ergibt
sich von selbst.
W. 63 In dinemnamen wileklieu varen
dat ek erkenne den deel.
dar tu gif mi snel
dat ek ervuUe de willen diu.
W. 78 alse om de here wisliken gebar.
6k let he vele dinges mäken
darinne
nä wislikem sinne
unde ene capellen göt:
sin hilgredöm darin he droch.
W. 87 enen nam om got in der wise
vor dem paradise.
W. 108 do kemen se in grote not.
en wölke sekin dem ostenuntslut
unde van enander sek entgot,
darüt so vor en der gröslik,
dat was enem herte gelik.
albernende ot vor on kam,
B. 15* Nach diuen wunderen wil ich
varn
uncz ich irkenne etelich teil,
nü verlie mir ouch daz heil
daz ich irvulle den willen din.
B. lö** der herre vil wislich gebar,
wol getane vensterlin
liez er machen darin,
er liez ouch machen darinne
nach wislichem sinne
eine capelle schone genüc:
sin heilictüm man darin trüc.
B.16* den einen nam im got der wise
vor dem vronen paradise.
B. 1 6'' darnach nicht lange brächt sie
in not
ein tir daz was vreislich :
einem trachen was ez glich,
vorslinden woldez den kiel:
im was der munt unde der giel
*) Das von Bruns v. 19 gesetzte Jitlant steht nicht in der Hs., welche viel-
mehr Irlant hat; ein später hineingerathener Strich, der mit einem t eine entfernte
Ähnlichkeit hat, mag Veranlassimg zu der Lesung Jitlant gegeben haben. Beiläufig
mögen hier noch die Stellen verzeichnet stehen, an denen Bruns falsch gelesen hat;
v. 14 duchte dut vnmere ; v. 22 duchte di sin; v. 285 were; v. 337 ist ausgelassen:
Got mote vns beide geleiden; v. 369. grünt; v. 531 bet für he, auch dies verschrie-
ben für bek mhd. pech; v. 539 dochtest; v. 547 gestanden; v. 662 we für wir, das
zweite nicht zu streichen; v. 680 vlogen; v. 687 dore; v. 739 so komen. vnscone ;
V. 824 ist ausgelassen alsc des himmels trone; v. 875 scone ; v. 879 stunt ; v. 961
iuwe; v. 980 manklachter.
64
CARL SCHEODER
encn draken ot in der stunde nam
unde wantsekmit om in de lucht.
tö godde se repen mit ganser
vlucht etc.
W. 123 darnä de hillige man
each enen walt stiln
gewassen up enem vische.
dat wäter was gar riscbe.
do se kernen in de have
in des waldes auwe,
se mfikeden dar en scone vur.
de vraude was one dür,
do de visch dat vur vornam,
he one mit dem entkam,
dut sach de hilge man,
dat de visch unde de walt
, one entkam also balt.
küme he to dem kile kam
unde sine brodere he mit sek nam.
W. 145 dut mach en grot visch sin
unde meniges däges olt
er om gewassen is de wolt.
W. 152 unde brochten se in körten
stunden
dat Se lant vunden
dar se holden mochten an.
W. 170 sunte Brandän sprak. de visch
begunde
gän to des meres gründe,
do slügen sek de bulgen
went se der not entvloten.
mancher cläfter wit und breit,
darnach quämen siein grözerleit:
ein wölken in den lüften sich
entsloz,
von einander ez sich ergoz,
darüz so vur ein tier grülich,
daz was eime hirze glich :
alburnende ez varende quam,
den trachen ez zu der stunde nam,
ez want sich in die lüfte üf.
got riefen sie an der sie geschüf.
B. 17" darnach sach der heilige man
einen schonen walt vor im stän,
der stunt üf eime vische.
an eime wazzer rische
daz in daz wilde mer ran,
da hatte der visch in getan
unde gewesen zwäi-e
wol vier tüsent järe.
do sie quämen an die habe,
dö gienge sie alle abe
in des waldes öwen.
sie wolden holcz houwen.
ir cleider sie üf hiengen,
wite sie umme giengen.
einen dürren boum sie vunden :
do sie den houwen begunden,
do gienc daz wilde lant
sin wec hin alzühant,
daz der vil heilige man
den kiel küme wider gewan.
B. 1 7'' diz mac ein visch vil wol sin
der zühet dissen walt in.
er was vil manges tages alt
e im gewüchs der walt.
B. n^ sie brachte in kurzen stunden
da sie ein lant vunden
unde sie haben mochten hän.
B. 18* sprach sente Brandän
als der visch begonde gän
zu des meres gründe,
do slügen sie die unde
biz sie der not entvlozzen.
gotes gute sie genozzen.
ZUM BRANDAN.
65
W. 186 lange vor ot umme den kil.
Brandän vel nedder up sine kni
went dat de der vorswunden.
W. 197 van dorste unde van bitte grot.
sprak sunte Brandan liere got,
over uns geit nü goddcs slach.
W. 2 1 8 he let dat segel wenden
Ute dem elende
mit dem vorsegelden kile.
der sele se dar v§le vunden
de dar lepen umme unde repen
lüde acli unde we.
W. 234. dö rep dar en stempne lüt
dat nü so wart gehört :
norden up dem mere wende,
dar sc got hen sende.
B. iS"* lange vür ez um den kiel,
sente Brandan der viel
dicke üf sine bare knie
biz daz sie daz tier verlie.
B. 1 8^ von dorste und von hitze not.
waz mac diz wesen, hcrre got
sprach der vil heilige man,
: der gute sente Brandan.
ein sele wider in du sprach
'alsus sei wir diz ungemacli
liden biz an den jungesten tac.
über uns get nü gotes sl.ic.
B. 1 9^ er hiez dö umme wende
viz so getanem elende
" ■ mit dem virsigelten kil.
der seien was da gar vil
die um den se liefen,
owe wie lüte sie riefen.
B. 19'' in anrief ein stimme lüt,
daz der wise gotes trüt
norden üf daz mer wente,
_. da, in got hin gesente.
wan ein stein liget darinne,
der betrübet manches sinne:
swaz isens da bi queme, ' ///
. •. daz er daz al zii im neme,
ez müste ouch immer da bliben.
. , I dö begonde sie ein wint triben
nordenthalb verre genüc.
kegen einer steiuwant daz mer
in trüc.
W. 282 up dem sulven stene
dar sat en minsche allene,
en clüsener vmde rü dat lic was.
wü he dar komen were,
vraofede sunte Brandän.
W. 283 got het mi dat här
tö euer bede geven.
W. 295 nü nene minschen stempne lur
wen allene de stempne dine.
GKKMANIA. Neue Reihe IV. (XVI. ; Jahrg.
B. 20^^ vif dem selben steine
saz ein mensche aleine:
rüch als ein ber der was..
, ^ der üf dem wizen steine saz,
der was ein clüsenere.
wannen er dar kumen were,
. des vrägete in sente Bj-andän.
B.21'^got der hat mir daz här
zii "einer wete gegeben.
B.21*mc keines menschen stimme ie
dan dine aleinc, hcrre, hie.
5
66
KAEL SCHRÖDER
W. 305 do wan ek to wive
miner suster live.
W. 354 der bösen sprak en to om.
W. 379 dat se des lechten däges nicht
mochten sen vor düsternis.
W. 396 an ver ende sek de borne got.
in dem säle weren 6k
vif hundert cedren bome gut.
den monniken wart gar gut ore
möt,
van denne se kärden ungeme
wedder.
me kerde den sal mit päwen
vedderen.
boven under dem dake
dar weren alle gemake etc.
W. 448 sin swert was bret undelang.
Elias sprak : 'wil gi mit mi gän ?'
W. 453 de porten sloch he nä om to.
W. 499 vil scher wart en schin
unde worden gelöst van der
sorge pin.
darnä en stempne om to sprak :
'wat witestu mi, Brandän?'
W. 558 me hörde dar jämer clägen
van den de dar vorsegelt wären,
se grepen up de kile.
de döden begunden to ilen
al de dar legen sachhaftich.
de düvel kam unde was
creftich etc.
B, 21*do gewan ich zu wibe
die mine swester liebe.
B. 22* der bösen einer sprach im zil :
du hast diz wol vernumen nü.
B. 22'*daz sie des clären tages liecht
vor vinsternisse gesägen nicht.
B. 23*. . . daz an vier enden sichergoz.
von dem selben brunnen
haben die würze saf gewunnen
die got liez gewerden ie.
in dem sale wären hie
vumfhundert sidelen gut.
den munchen allen wart vrö
der Taut,
von dan sie ungerne wider
karten, von pfäwen gevidere
was in dem sale obene daz dach,
da was inne allez daz gemach etc.
B. 2 4* daz swert daz was breit und lanc.
Hellas sprach: nümitmirganc .
B. 2 4* die pforte slüc er dräte zu.
dannen hüben sie sich nü.
B. 25*vil schire wart in schin darnach
wie ein stimme wider in sprach :
'waz wizestü mir, Brandän?'
B. 25'' man hörte jämer unde clagen
von den die da versigelt lägen,
die grifen an den kielen
üf die töden vielen
al da sie lägen scharaft.
ouch quam der txivel mit grozer
craft etc.
W. 594 de möt van vrauden släpen. B 26** der müz von vreuden släfen
durch not.
von den kumt mancher in den tot.
W. 607 he sprak, he wolde se leren etc. B. 26''er hiez sie dar keren.
er sprach, er wolde sie leren etc.
W. 622 des mach ome wol vordreten: B. 27''daz ez in wol mac verdriezen.
ZUM BRANDAN.
67
du scoldest di darane vliten.
di is unse let so lef,
du nemest uns den t6md§f
de dar hinder sek sit
unde van verebten swetet.
de monnik lach in sorgen,
he hadde sek hinder om
vorborgen,
de düvel en glöendieh most dröcb,
de was lang unde swäre noch,
he warp den mast an den kil
de swerliken nedder vil.
des soldestü dich nicht vliezen.
dir ist unser leit zu lib.
du nemo uns ouch den zoumdieb
der hinder dir da sitzet
und vor angeste svvitzet.'
der munch der lac in sorgen,
er hatte sich verborgen
under einer kielbanc,
die wilc düchte in eines järes
lanc.
daz er in so sere vorchte,
des spotte der verworchte:
ein glüende masse er trüc.
die was swere und gröz genüc,
er warf die masse an den kiel,
der munche gnüc nider viel.
Der unglückliche glühende Mast! Auch Cholevius in seiner Ge-
schichte der deutschen Literatur nach ihren antiken Elementen 1, 169
sagt: die 'Teufel werfen wie der Cjclops einen glühenden Mast nach
dem Schiffe um es zu zerschmettern.' Die glüende masse aber unseres
hochdeutschen Textes beruht auf der lateinischen Legende: portans
. . . massam igneam. Jubinal la legende latine de S. Brandaines p. 4L
Auch dem Schreiber von W scheint der Mast nicht unbedenklich ge-
wesen zu sein: er schrieb einmal most und einmal mast.
W. 6 54 de monnik de in der helle
Wesen was,
tö sunte Brandäne he sprak.
W. 731 up anderhalve dem stene
was ora so bete,
dat he nergen hadde hulpe.
sus was ot om to bete unde to
kolt.
B. 28' der munch der in der helle e was,
zu sente Brandän sprach er daz.
B 31^ anderhalb uf dem steine
was im so heiz daz er bran.
nicht beschirmes er me gewan
wan ein wizez tvvelelin,
daz hielt er stetelich vor in
und slüc die hitze von im dan.
ein schür die viel in eben an,
die was heiz unde kalt.
W. 7 50' des bin ek vorlorn
dat ek on hän vorkorn.
nü enhebbe ek nummer nene
gnade.
6.32"^ des hän ich \nl sere entgolden:
wen dö mich rüwen solden
mine sunde uz der mäzen groz
von der wegen ich got verlos,
in einem zwivel ich da besaz:
mir geriet der tüvel daz
daz ich mir selbe tet den tot.
des milz ich immer liden'not.
5*
68
KARL SCHRÖDER
W. 776 he nam dat hilgedom to sek
linde wolde merken de tit:
al se gingen imde bededen sere.
W. 786 du vellen se al ilt dem gliile,
dar stank swefel unde bernde
viir alse stro.
het ich gehabet rüwe,
got der ist so getrinve,
er hette mich entphangen drat.
alsus enwirt min nimmer rat.
B. 33^dö hiez seute Brandän
daz heihctüm hervur nemen,
wen die tüvele dar quemen,
daz sie ez sehen offenbaren,
als die tüvele kumftic wären,
do kos er im die rechte zit:
er gienc durch sin gebet besit.
B. 33^dö viel in allen üz dem giele
pech rouch als ein nebel,
darinne gar burndez swebel.
alsus daz glüete äne zil:
wä ez üf daz mer gevil,
da brante daz wazzer alse stro.
W. 812 unde let upten dat s^gel
wentdatse vorlornden hellewech
unde den rechten gank koren.
W. 826 unde lit darumme da
dat it den luden si ungelik.
hadde se de wiut dar nicht hen
slagen etc.
W. 840 lintworme unde dräken
de dar von dwanges wegen säten
unde hodden de porten.
W. 878 nicht schinen konde ist reimlos.
B. 34^* do hiez der gute Brandän
sine segel üf zihen sän
biz daz sie den hellewec verliiren
imde rechten ganc irkurcu.
B. 35* und ist gelegen hirumme da
daz ez den lüten were unkunde,
und betten sie die wilden unde
nicht so hin geslagen etc.
B. 35^1intwurme und trachen
die von getwanges sachen
da hütten der pforten.
B36''küme schein üf die erde.
under deme boume werde etc. es
fehlen 16 Zeilen.
W. 900 unde kranekeshelse(so dieHs.) B. 37^crancheshelse, menschliche brüst,
unde minschen brüst, sie hatten richtüm nach irre last :
de richteden sek nä orer lust. sidiu was ir gewete,
Brandän bat to gode tröst etc. ir ieglicher hete
ein hoinin bogen in der heude.
in dem grözen elende
bäten sie daz sie got tröste etc.
W. 1021 we kernen up dem wege
iip ene borch de het Luprie,
B. 45^ man sagete uns vif dem wege
al des berges gelege
ZUM BRAND AN.
69
dar worde we eutfangen ge-
meine etc.
W. 1037 he sprak: 'de di dofte unde
makcde van Sunden reine, ,
der sulven bin ek eue.'
W. 1058 de nacht wart nü so dunker,
he sehen lechte also de dach
alse uns secht de scrift daraf. .
he dröch an sinem live
cn himmet wit van siden
van schönen beiden gemäket.
unde wie er hieze Lüprie.
als wir dariif solden gc,
wir worden entfangen gemeine etc.
B. 45'' er sprach : 'der dich rif Luprie
toufte unde machte vrie
von suuden unde reine,
der paten bin ich eine.'
6.48" ez enwart nie tac so tunkel,
er müste Hecht da von entpfän.
die nacht wart ouch irlüchtet
da van,
als uns die buche schribe.
er trüc an sime libe
einen pelz von hermelin
so er beste mochte sin.
die stüchen wären im wit,
darüber ein cleit von samit
von schönen bilden gemachet.
W. 1079 hen tö hus tö Ybernieu.
dar were ek van herteu gerne."
dö sede he one ore tökumpst.
'uns helpe Christus de ewige
got,
he bescherme' etc.
B. 48'' hin heim zvi Ibcrae,
da were ich vollen gerne
zu miner geistlicher diet.
dö ich zu jungest von in schiet,
dö sagete ich in miue zükumft
siderc.
des helfe uns got hin widere
unde beschirme etc.
W. 1119 de sulven elende geste
unde bunden one al vaste.
dö kemen tigen one bi'ödere
mit crucen gangen
de se Icfliken entfengen.
dö sprak en stempne goddes
tigen den hilgen man etc.
B. 50* die selben elenden geste
bunden den kiel veste.
daz buch "trugen sie mit in hin.
da quamen gegangen kegeu in
■ ■'■ vil der brüdar diesieentphiengen
unde mit den crucen kegen in
giengen.
dö sprach die gotes stimme dö
zu dem heilinren manne so etc.
W. 1128 wen du hir nicht lenk machst
bliven
60 scaltü vären in dat rike min.
B. 50*^80 des nicht me muge sin
so vare in daz riche min.
W. 1149 unde sin möder Maria
dat we de ewigen vraude be-
sitten hir nä etc.
B. 50'' unde sine müter Marie
die suze waudels vrie
daz wir da mit witzen
müzen die vreude besitzen etc.
70 KARL SCHRÖDER
Die hier beigebrachten vergleichenden Beispiele liessen sich ohne
Mühe noch erheblich vermehren, doch werden sie schon genügt haben,
jedem Leser den Eindruck zu machen, daß der niederdeutsche Brandan
eine verkürzte Bearbeitung eines hochdeutschen Textes ist, und daß
diese Verkürzungen fast durchweg mit außerordentlicher Plumpheit, mit
größtem Ungeschick vorgenommen sind. Dabei werden wir allerdings
bekennen müssen, daß an einzelnen Stellen das niederdeutsche Gedicht
richtigere Lesungen und bessere Wendungen hat. Richtig ist z. B.
in W 581: van den engelschen tungen gegenüber der unsinnigen Le-
sung von B 26*: von engestUchen zungen\ ebenso darf getrost B 47'' :
er solde daz riche da verstän nach W 1054 in richte geändert wer-
den. Auch stehe ich nicht an zu sagen, daß mir W 749: den Johan-
nes doße weit mehr zusagt als B 32*: der sich durch uns toufte, und
daß ich es keineswegs für glücklich halte, wenn B 36** schreibt:
da stunden euch durch schowen
pfaffen unde vrowen
gegenüber man unde frauwen W 873-
Daß es nicht B war, aus der W übersetzte, ergibt sich aus dem
Umstände, daß B eine Lücke hat, die sich in W nicht findet, und
zAvar ist diese Lücke der Art, daß nicht etwa in B ein Blatt heraus-
gerissen wäre; vielmehr findet sich mitten in der Erzählung in B 25'
ein Sprung, den der Schreiber nicht markiert hat, und der im unver-
kürzten niederländischen Brandan (Blommaert I, 106) von v. 889 — 942
reicht, also 54 Zeilen umfasst. Wenn die Vorlage von B dasselbe For-
mat hatte wie B selbst, so wäre das gerade ein Blatt und dürften wir
also annehmen, daß in der Hs. von der B abschrieb, entweder ein
Blatt ausgerissen war oder daß der Schreiber beim Umschlagen statt
eines gleich zwei Blätter umschlug. Es war also, wie gesagt, nicht
B die Vorlage von W, und es ist mir in hohem Grade wahrschein-
lich, daß diese Vorlage überhaupt in einer andern, einer oberdeutschen
]\Iuudart geschrieben war. Reime, wie im niederd. Gedicht v. 252
u. 432 lecht : nicht' v. 622 vordreten : vlitenj v. 1011 rike : Grekeriy
V. 1 1 26 hlr : si geben zwar keine genügende Anhaltspunkte ; sie ent-
sprechen hochdeutschen Reimen Hecht : nicht, verdriezen : vUzen, rtche :
Kriechen, hie : si, Reimen wie sie auch der mitteldeutsche Text liebt.
Der Reim i: ie ist zahli'eich belegt gleichmäßig für die baierisch-
österreichische, wie für die alemannische Mundart (Weinhold bair.
Gr. §. 90. Alem. Gr. §. 40) und ist auch dem Mitteldeutschen geläu-
fig; die Schreibung ^ für ie ist zwar im Bairischen selten und eignet
mehr dem Alemannischen (Alem. Gr. §. 40. 123), aber allerdings eben-
ZUM BRANDAN. 7]
falls dem Mitteldeutschen. Was ferner v. 460 toas : mal, v.'471 das:
xoas betrifft, so setzen dieselben hochdeutsches: loas : mäz, daz : loas
voraus, welches wiederum im Baierischen ungewöhnlich (Bair. Gr.
§ 151), im Alemannischen häufig ist (Alem. Gr. §. 188) ; ebenso findet sich
diese Bindung im Mitteldeutschen und speciell die Hs. B kennt keine
strenge Unterscheidung von s und z, sondern setzt Beides willkürlich.
Aber es sind noch andere Einzelheiten, die uns zwingen, die Heimat
der Vorlage von W in Oberdeutschland zu suchen. In W v. 55 und
208 ist nämlich sande stehen geblieben: die niederd. Form ist sunte,
die niederländ. sinte, unser mitteld. Text schreibt sente, also auch eine
Form, die dem Niederdeutschen mehr homogen ist, sande aber oder
sante ist oberdeutsch. Das in v. 23 erhaltene froide für sonstiges
niederd. vraude würde zwar allgemein auf alemannische, speciell aber
noch auf elsässische Mundart weisen (Alem. Gr. §. 69. 138). Die un-
sinnige Schreibung v. 288
got het rai dat här
to ener b^de g^ven
ist nur erklärlich durch die Annahme, daß die Vorlage für toaete,
wete ein verhärtetes bete schrieb, eine Schreibung, die zwar vorwie-
gend der bairischen Mundart eignet, aber doch auch alemannisch hin-
reichend belegt ist (Alem. Gr. §. 155). Entschieden hochdeutsch ist
W 826 Itt für niederdeutsch licht -^ diese Stelle ist dadurch besonders
wichtig, daß B 35' nicht Itt hat, sondern ist gelegen] lit für liget soll
zwar nach Mhd. Wb. I 986" ganz allgemein sein, doch s. Weinhold
Bair. Gr. § 51. Entschieden alemannisch aber sind Reime wie v. 56
u. 930: Brandan : vornam ] v. 222: kam : an; v. 707: man : nam; s.
Alem. Gr. §. 203; alemannisch endlich v. 476 noch für noch niederd.
nä, so wie r. 739 komen (kernen bei Bruns) für kämen niederd. kernen
oder quemen, s. Alem. Gr. §. 124.
Es erübrigt noch, auch dem älteren niederländischen Gedicht et-
was näher zu treten und es auf seine Quelle zu untersuchen.
Was Mone und Jonckbloet auf die Vermuthung brachte, daß
dem Bearbeiter des niederländischen Brandan ein hochdeutsches Ge-
dicht vorgelegen habe, waren hauptsächlich die ungenauen Reime. Es
ist freilich dem niederländischen Text gegenüber einigermaßen schwie-
rig, eine Untersuchung auf die Reime zu gründen, denn der Bear-
beiter verfügte über eine bedeutend größere poetische Gewandtheit
als der Niederdeutsche. Dennoch bietet das Gedicht (bei Blomraaert
a. a. 0. p. 100 — 120) eine Anzahl charakteristischer Reime, die
72 KARL SCHRÖDER
:einen Schluß auf eine hoclideutsche Vorlage gestatten. Dergleichen
Reime sind:
V. 330. 1767. wonder : comraer; mhd, wunder : kunder.
V. 372. 1293. armen : ontfermen; mhd. armen : erbarmen.
V. 680. 708. doncker : carbonkel; mhd. tunkel : karfunkel.
V. 948. besinghelt : ghelinget ; mhd. besenget (versenget) : gelenget.
V. 1110. zee : eer; mhd. se : e.
V. 1215. alsoe : hoghe; mhd. also : ho.
V. 1345. Avert : vaert; mhd. wart : vart.
V. 1587. porten : worden; mhd. porten : werten.
V. 1735. brande : scipmanne; mhd. bran : schifman.
V. 1751. buuc : ruut (?); mhd. buch : ruch.
V. 1755. ghesetten : ghewettet; mhd. gesetzet : ge wetzet.
V. 1787. nummes : kunnes; mhd. nennest : kennest.
V. 1831. geest : wits ; mhd. geist : weist.
V. 1855. 2027. sach : sprac ; mhd. sach : sprach.
V. 1867. Keerst : bist; mhd. Krist : bist.
V. 1875. Kerst : es ; mhd. Krist : ist.
V. 2053. wijt : sint; mhd. wit : sit.
Besonders beachtenswerth ist der drei Mal (v. 748. 1305. 1969)
vorkommende Reim ticivel : duvel, beachtenswerth deshalb, weil ein
alemannisches üvel : zwlvel (bei Hugo v. Langenstein; s. Mhd. Wb.
III 42") nachgewiesen ist. Au alem. Verwandlung von m in n erin-
nern ferner Reime wie v. 498 vian : nam\ v. 878 inne : stemme; mhd.
inne : stimme'^ v. \Q)H scone : home etc.
Die niederländischen Literarhistoriker sind darüber einig, daß
der niederl. Braudan noch dem 12. Jahrhundert angehöre. Dieser
Annahme würde die Wahrscheinlichkeit, daß das niederl. Gedicht aus
einer hochdeutschen Quelle geflossen sei, nicht entgegen stehen. Wer-
fen wir noch ein Mal einen kurzen Blick auf unser mitteldeutsches Gedicht.
Die Hs. B gehört der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, aber
das Gedicht ist ohne Zweifel sehr bedeutend älter. Niemand wird sich
der Wahrnehmung verschliessen können, daß zAvischcn den Legenden
des 12. und denen des 14. Jahrhunderts ein sehr merklicher Unter-
schied ist und zwar namentlich in formeller Beziehung. Im Gegensatz
gegen die Rohheit der Verse und die Unbeholfenheit des Ausdruckes,
welche wir in den geistlichen Dichtungen des 12. Jahrhunderts finden^
sehen wir im 14. Jahrhundert eine große Sorgfalt auf die Form ver-
wandt, die sich nicht selten bis zur Zierlichkeit steigert. Es wäre auch
in der That erstaunlich^ wenn das Beispiel der höfischen Sänger an
ZUM BRÄNDAN. 73
den dichtenden Geistlichen ohne sichtbare Spnren vonibergegangen
wäre. Der mitteldeutsche Text, wie er uns vorliegt, gibt allerdings
Zeugniss von einer ziemlichen Gewandtheit in der Behandlung des
Reimes, aber die ursprüngliche Rohheit der Form hat er doch nicht
verwischen können. Man betrachte z. B. Verse, wie die folgenden, die
wir aus einem verhältnissmäßig kleinen Räume ausheben:
B 42^ ich enkan in nicht gehelfen als ich solde.
42'' des vreuwete sich des guten mannes sin.
48" durch mme sunde die ich hän getan.
48'' do sageto ich in mtne zükumft sidere.
48'' den ich vor dem paradise verlorn hän.
Alle diese Verse gehören entschieden der Verskunst des 12. Jahr-
hunderts, und zu demselben Ergebniss gelangen wir, wenn wir den
niederdeutschen Reim v. 81 gut : droch in mhd. gut : truc übersetzen
oder wenn wir aus den niederländischen Reimen von 450 deghen :
sevene; v. 4bA: gliedreghen : raven \ v. 1082 deghen : hescreven-j v. 1841
oghen : gheloven usw. auf mhd. degen : sihen (sehen), getragen : rcdien,
degen : geschriben, ovgen : gelouhen schliessen, gleichfalls lauter Reime^
die im 12. Jahrhundert nichts Auffallendes haben.
Fassen wir das Bisherige noch einmal kurz zusammen, so ergibt
sich als sehr wahrscheinlich Folgendes: das mnl. und das mnd. Ge-
dicht sind nicht eines aus dem andern geflossen, sondern beide leiten
ihren Ursprung aus einem hochdeutschen Gedicht her. Dieses hoch-
deutsche Gedicht war vielleicht in alemannischer Mundart geschrieben;
über seine Entstehungszeit können bestimmte Angaben nicht gemacht
werden^ doch kann es recht wohl dem 12. Jahrhundert angehören
und wurde sehr früh ins Niederländische übertragen. Wann die nie-
derdeutsche Bearbeitung entstand, ist mit Sicherheit nicht anzugeben;
der Zustand, in dem uns das Gedicht überliefert ist, spricht dafür, daß
es schon durch manche Schreiberhand gegangen war, ehe es im
15. Jahrhundert in die Wolfenbütteler Handschrift gelangte.
Über das hochdeutsche Gedicht hinaus eröffnet sich aber noch
eine neue Perspective, die freilich nur in sehr nebelhaften Umrissen
erscheint, über die aber doch vielleicht ein Wort gesagt werden darf
Die Handschrift B stammt, wie wohl aus dem häufigen Vorkom-
men des apokopierten Infinitives geschlossen werden darf, aus der
Gegend des jNIittelrheins, etwa vom rechten Ufer des Untermains. Sie
Aveiter östlich zu setzen, scheint bei dem überwiegenden Gebrauch von
e statt des md. i in Endungen und Vorsetzpartikeln und bei der ver-
bal tnissmäüia; seltenen Schreibunsr vor- fiü' ver- nicht thunlich.
74 KARL SCHRÖDER
Dagegen verdienen einige Formen Beachtung, die über das Ge-
biet des Mitteldeutschen hinausreichen. Dahin gehört z. B. der Reim
sägen (mhd. sähen) : jagen 36* ; auch außerhalb des Reimes, gesägen
22''. herre reimt auf ere 44', auf sere 46*; herren : Teeren steht 37'.
Sehr auffallend ist der Reim entpfän : da van 48''. Rechnen wir noch
hinzu mehrfaches o für u wie orteil, rohm, o für ü in nor, so erscheint
die Vermuthung gerechtfertigt, daß sich B einer niederrheinischen
Vorlage bediente, und da, am Niederrhein, dürfte denn auch wohl
der Brandan seinen Ursprung haben. Die Brandanlegende nämlich ist
sowohl was den Stoff als auch was die Heimat anlangt, so zu sagen
eine Zwillingsschwester des Tundalus; beide in Irland entstanden,
beide inhaltlich nahe verwandt. Die natürlichen Verbreiter der irischen
Legenden waren die Schottenmönche^ die schon seit der Zeit der
Christianisierung Deutschlands am Nieder-, wie am Oberrhein ihr We-
sen trieben. Nun wohl: vom Tundalus besitzen wir niederrheinische
Bruchstücke*), die ins 8. Decennium des 12. Jahrhunderts gesetzt wer-
den und die in formaler Beziehung eine augenfällige Ähnlichkeit
haben mit dem mitteldeutschen Gedichte; der Gebrauch lateinischer
Wörter, wie munda Syon und multum bona terra B 35* ist dem Sinne
des niederrheinischen Dichters nicht fremd, der auch zahlreiche latei-
nische Worte einfließen lässt. Wäre es denn seltsam, wenn in den
Kreisen, in denen die niederrheinischen Bruchstücke entstanden, auch
der Brandan einen Bearbeiter gefunden hätte? Daß die Zeit für der-
artige Stoffe empfänglich war, zeigt das Beispiel des Alberus, dessen
Tundalus auch noch ins 12. Jahrhundert fallen dürfte : warum sollte
nicht auch der Brandan schon früh seine Reise rheinaufwärts ange-
treten haben? Dann könnte man freilich sagen: wenn es einen alten
niederrheinischen Brandan gab, so lag es den Niederländern wahrlich
näher, sich den ihrigen an der Quelle selbst zu holen und nicht erst
auf Umwegen zu beziehen. So vernünftig das wäre, so steht doch ein-
fach das entgegen: die Geschichte der Dichtung geht gewiss immer
den Weg, der durch die Summe der Verhältnisse geboten ist. Dieser
Weg mag uns Heutigen nicht immer der kürzeste scheinen: Aufgabe
und Pflicht der literar-historischen Forschung ist es, nicht eigenmäch-
tig einen Weg zu construieren, sondern nur den Spuren des alten We-
ges sorgsam nachzuforscheii und da, wo dieselben erkennbar werden,
einen Merkstein zu setzen.
LEIPZIG, im December 1870. KARL SCHRÖDER.
*) Lachmann in den Abhandlungen der Berliner Akademie 1836 p. 161 ff.
75
MAKGARETHA VON SCHWANGAU,
Es ist bekannt, daß eine Frau des Oswald von Wolkenstein
Margaretha von Schwangau war, die er in vielen Gedichten feiert.
Allgemein wird angenommen, daß sie die erste Gattin unseres Dich-
ters war und er sich später mit Anna von Ems vermählte. StofFler
sagt in seiner Beschreibung von Tirol II, 1032: seine zweite Haus-
frau hieß Anna von Embs. B. Weber schreibt in der Einleitung zu
Oswalds Gedichten S. 15 : „Er schritt bald darauf zur zweiten Ehe
mit Anna von Embs, welche ihm ebenfalls mehrere Kinder gebar",
und in seinem Werke: Oswald von Wolkenstein imd Friedrich mit
der leeren Tasche S. 393: „Seine Gemahlin Margaretha war während
seiner Abwesenheit in Deutschland voll Gram und Herzeleid ge-
storben.
Seine zahlreichen Kinder bedurften einer Mutter um so mehr,
je weniger er im unstäten Leben gelernt hatte, für die Kleinigkeiten
des Haushaltes und der Erziehung unmündiger Kinder zu sorgen. Er
vermählte sich bald nach seiner Ankunft in Hauenstein mit Anna von
Ems, welche ihm einen Sohn Friedrich und zwei Töchter gebar, wo-
von eine, Maria^ uns später noch einmal begegnen wird. Kein einzi-
ges Lied Oswalds thut derselben Erwähnung. Das veranlasste einige
wolkensteinische Geschlechtsforscher mit Unrecht, die Ehe selbst zu
bezweifeln. Gabriel Buccellini hält sie für Oswalds erste Gemahlin und
Hormayr*) ist ihm hierin gefolgt. Nach der bisherigen Erzählung ist
diese Annahme schon von selbst widerlegt und der verlässlichste,
von Engelhard Dietrich, erstem Grafen von Wolkenstein, verfasste
Stammbaum stimmt mit uns ganz überein." Ein von Herrn Grafen
Leopold von Wolkenstein mir übergebener Stammbaum nimmt auch
Margaretha als erste, Anna als zweite Frau an.
Ich folgte in meiner Abhandlung: Oswald v. Wolkenstein, Wien
1870, S. 3 und 39 ff. dieser Annahme, muss aber dieselbe nun berich-
tigen^ denn der um die Erforschung tirolischer Geschichte hochver-
diente P. Justinian Ladurner fand im gräflich Trappischen Archive
zu Churburg eine mit den Siegeln Michaels von Wolkenstein und
seiner Mutter Margaretha von Schwangau versehene Pergamenturkunde
*) Horraayr sagt: „Seine Gemahlinnen waren Anna Gräfin zu Hohenems und
Margaretha von Schwangau." Tiroler Merkwürdigkeiten II. 12-2.
76 IG. ZINGEELE
die sicherstellt^ daß Margaretlia ihren Gemahl Oswald überlebt habe.
Sie lautet: Ich Margret von Wolkenstain geporn von Swanga, herrn
Oswalts saugen wittib und ich Micliel von Wolkenstain, thumher zu
Brixsen, bekennen offenleich mit diser zedl, das wir unserm lieben
sun und brueder Oswalten von Wolkenstain das geschlos zu Hawen-
stain ingeantwurt haben mit sambt dem zeug und hausgerecht an
stat uns und unser sün und brüder Gotharts Leon. Fridreichs.
Item am ersten ein roten seiden polster und zwair rote sei-
dene küß.
Item ain kölnischen polster und vier kölnische küß und dreu
klaine küß.
Item ain türkisch geslagen messer.
Item zwai silbrein schalen.
Item zehen pett klain und groß.
Item zwen haidnisch tebich.
Item ain wülfein pelz.
Item ainleft schaffeine decken und ain kitzene.
Item ain neues tischtuch und drei genatte hanttucher und fimf
werchen hanttucher.
Item vier par alte leilacher herweiner und sex par Averchainer
leilach.
Item ain guts decklach und zwei leichte decklach.
Item neyn ereiner häfen.
Item ain rost und ain dreifuß und ain pratspiß und ain prantraid
und sex pfannen pos und gut.
Item ain mörser und vier groß kessel und zwen klain.
Item vier haben und dreu gutte peck und ain poß peck.
Item drei new kandlen aine von vier massen, aine von zwaien
massen und aine von aiuer maß.
Item zwo alte maßkandlen und zwai trinkenkändl und ain
zwimässige kandl und aine von dreien massen.
Item ain große zinein flaschen und zwo große hulzin flaschen.
Item sex panzer und sex hunczkappen und vier schm-z und
zwai kragl.
Item ain mailaudisch platten und zwohalb die vodertail und ain
plecli mit einem rugken und ain sponäröl.
Item zwen pärt und ain paingewant und zwai helmlin und vier-
zchen par armrör und ein englisch hauben und zwai klaine spauaröl
und zwai mäusel.
MARGÄEETHA VON SCHWANGAU. 77
Item ain hauben mit einem visier und zwo sezaläden für filr-
völlen imd fünf swarz sezaläden.
Item sex eisen liuet und fünf haubl.
Item sex par plechhäntschuch. •' -
Item fünf lidrein platten und zwo ungrisch tarschen.
Item zwen vendscliild und fünf pererspies eisen.
Item ain türkischen hutt und zwen türkisch scliuch uüd zwo
vischein hosen und zwen strober schuch.
Item ain türkischen und ain ungrischen kolben und zwen tür-
kisch Sporen und ain türkische ioppen.
Item acht raisspieseisen.
Item dreissig armbrost mit der eiben.
Item ain winden und drei swäbisch krappen und zwen schlecht
krappen und drei leiter-ki-appen und zwen mit ringen.
Item siben prait spangürtl und zwo swäbisch gürtl.
Item zehen new hantpuxen und neyu alt hantpuxen und zwo'
schermpuxen und siben stainpuxen und ain eisne stainpux mit einem
hacken.
Item zwelf kalbvel und dreuzehen kiczen rauschvel und ain halbe
hirschhaut und drei ganze stuck geprochens leder.
Item ain ganzen schusterzeug und v stückl leder.
Item siben eisenstangen.
Item zwen ochxsen gedigens fleisch imd vierzehen viertail sweines
fleisch und zehen smerlaib.
Item ains und vierzig pfunt unslit und vierhundert imslitkerzen.
Item drei kästen mel und zwainzig star salz.
Item acht targen und zwen ceuten käß.
Item rörnabiger imd zwo sagn und vier zimmerhacken und sust
vil zimerzeug.
Item drei krieg- und sex groß lange sail und ain ledreiue
stricken. . • , • \ ,: , ' , ' •. _ ■:.„
Item ain maurerzeug.
Item ain smitzeuo-.
Item ain leck mit pfeil und tausent pheileisen.
Item ain puttreich mit swebl und ain lidrein sack mit salitter.
Item ainleff wurfkegel und zwai pleierne platten und ain viertail.
Item sex und zwainzig ster waiz.
Item fünf vas alts weins.
Item zwei vas esseich.
78 A. T. KELLER, KLEINE BEMERKUNGEN.
Item ain kufkar und zwen große laur.
Item vier raisspies und fanf zuecket spies und zwen pererspiea
und ain lanzen, ainen väleßsatl.
Item und sex küe.
Das Datum der Urkunde fehlt, sie wird aber bald nach Oswalds
Tode (2. August 1445) gefertigt worden sein.
IG. ZINGERLE.
KLEINE BEMERKUNGEN.
I. Heinrich Steinhöwel.
Der Name Steinhöwel wird G. 14, 411 mit ce geschrieben; öw
ist aber als Diphthong = öu oder =: öiau zu betrachten, sonst könnte
nicht später ei (Steinheil) daraus entstanden sein. Ich habe dies in
meiner Ausgabe des Decamerons S. 673 ausgeführt. Dort finden sich
auch weitere Nachweisungen über das Leben des denkwürdigen
Mannes.
IL Das Wort Hien.
In dieser Zeitschrift XIII, 160, wird nach der Bedeutung von
verhiede gefragt. Hien ist futuere ; Mtät schon ahd. opus gignendi (Graff
5, 334) ; der vorMgede schalk ist also foutu coquin ; verMter zers aber
nicht, wie Germ. 15, 79 steht, castratus, sondern eher das Gegentheil.
Es sind auch nicht wie Schmeller und Höfer a. a. O. thun, mehrere
Worte darin zu suchen. Die Grundbedeutung mag reiben, ficken sein ;
dann 1) wie ficken (Grimms deutsches Wörterb. 3, 1618) = inire;
2) allgemeiner = belästigen. Grimmeishausen 2, 66: 'Was geheite
«s mich?' 2, 367: „ich geheie mich nichts darumb." Grimmeishausen
empfand noch die Obscönität des Wortes. 1, 1109: „Das Wort
Gehay ist bei uns Teutschen so verhasset, daß sieht ein ehrlicher
Mann schämbt außzusprechen, und wann es jemand ungefähr im Zorn
oder sonst entwischt, so wirds einem vor eine schändliche Red ge-
rechnet; dahero es etliche verzwicken, wenn sie es jemand also nach-
sagen: Was geschneids mich?" So gebraucht es Grimmeishausen
selbst 2, 46. Die Deutung, welche im deutschen Michel (1, 1109 f.)
weiter von dem Worte gegeben wird, ist so unrichtig, wie die mei-
HERMANN KURZ, FISCH ART IN TÜBINGEN? 79
sten Etymologien jener Zeit. Heute ist denn das Verständniss des
Wortes im Volke so sehr verschwunden, daß es in Schwaben obwohl
sehr häufig, doch als ganz unanstössig, selbst von Frauen unbedenk-
lich gebraucht wird, im Sinne von beunruhigen, kränken, reuen.
3) Schwab, gheien heißt aber auch werfen, näu gheien = zu Boden
werfen. Granz in gleichem Sinne ward das französische foutte für eine
energische Bewegung gebraucht. Hiernach ist wohl zu berichtigen,
was Schmeller, bayr. Wörterb. 2, 132 ausführt. In der Verbindung
ungeheit ist un- verstärkend, wie in Unkosten, Unthier, Ungethüm
u. dgl. Schmeller 1, 73.
A. V. KELLER.
FISCHART IN TÜBINGEN?
Schon Uhland hat in seiner Einleitung zum glückhaften Schiff
(die so eben im neuesten Bande seiner Schriften von W. L. Holland
herausgegeben wird) die genaue Bekanntschaft Fischart's mit Wahr-
zeichen und Eigenheiten zu Tübingen auffallend gefimden, und Wacker-
nagel in seiner nachgelassenen Schrift „Johann Fischart von Straßburg
und Basels Antheil an ihm", S. 16, spricht geradezu die Vermuthung
aus, „daß er selbst auf einige Zeit da Student gewesen." Wacker-
nagel eröffnet diese Schrift mit der Entdeckung, daß „Joannes
Fischartus Argentoratensis" im Jahre 1574 zu Basel Doctor beider
Rechte geworden, und bei dem Fehlen des Namens in der Universi-
tätsmatrikel, während doch „die frühere Ordnung keine Promotion
außer nach vorheriger Aufiaahme in die Matrikel gestattete", schließt
er, es sei wahrscheinlich, ja es habe „seine volle Gewißheit", daß
unter einem „Johannes Piscator Argentinensis"^ den er im gleichen
Jahre immatriculiert fand, niemand anders als Fischart gemeint sein
könne. Wenn dieser Schluß nichts gegen sich hätte, so wäre Fischarts
Aufenthalt in Tübingen, und zwar ein langer Aufenthalt, von 1566 bis
1571, durch dortige Urkunden nicht weniger als halbdutzendfach be-
zeugt. Denn „Joannes Piscator, Argentinensis" steht unter dem 3. Mai
1566 in der Universitätsmatrikel und unter dem 11. August 1568 im
Magisterbuche der Artistenfacultät ; am 12. August 1567 hat er der
(dritten) Hochzeit des Crusius als Ehrengast angewohnt, und vom
gO HERMANN KURZ
27. September 1570 bis zum 7. Februar 1571 ist er dessen Kostgän-'
ger gewesen. „Postea Cinglianus. 78."' hat Crusius zu seinem Namen im
Magisterbuclie geschrieben, und da just im Jahre 1*578 Fischart im Con-
cordienformelstreite die Partei Johann Sturm's gegen Pappus nahm, so
läge es nahe, in einen Irrthum zu verfallen, wenn nicht eine andere
Aufzeichnung von Crusius diesem Irrthum vorbeugte. Jene Magister-
promotion ist ihm nämlich so denkwürdig gewesen, daß er ihrer auch
in seiner Chronologie gedenkt, mit den Worten: „Aug. 11 Lieblerus
19 Magistros fecit inter quos erat Joan. Piscator Argentinensis et-
Aegidius Hunnius, quorum hodie, ille Caluini, hie Lutheri sensum sc-.
quitur." Hier werden deutlich zwei Theologen einander entgegengesetzt
und eine Nachforschung auf theologischem Gebiete ergibt denn auch
sogleich den seinerzeit berühmten Theologen Piscator von Straßburg,
der in Tübingen studierte, später jedoch, 1574, von Tübingen aus in
Straßburg wegen verdächtiger Gesinnung gegen die Ubiquität denun-
ciert, durch Verfolgung auf die reformierte Seite getrieben wurde, den
nachmaligen Urheber der s. g. Straf-mich-Gott-Bibel. Da diesem ge-
rade im Jahre 1574 der Schutz des akademischen Bürgerrechtes von
Basel füi* einige Zeit erwünscht sein konnte, so dürfte er wohl mit dem
Piscator der Basler Matrikel identisch sein. Jedenfalls ist es nicht
wahrscheinlich, daß Fischart bei seiner Inscription den gleichen Namen
mit einem damals bereits bekannten Theologen geführt haben sollte,
und sein Fehlen in der Matrikel beruht nun wohl auf einer in den
alten Ordnungen nicht eben seltenen Inconsequenz. Die hohe Schule
von Basel verliert nichts hiebei; denn die Ehre, dem Pflegevater der
Geschichtsklitterung den Doctorhut aufgesetzt zu haben, bleibt ihr ja
unverkürzt, und auch die Nachweise, die Wackernagel für Basels wei-
teren Antheil an ihm gibt, sind nicht bloß durch die bis an das Grab
unverwüstliche Geistesfrische des Abgeschiedenen bestehend.
Ein unmittelbares Zeugniss, daß Fischart zu irgend einer Zeit
in Tübingen gewesen, findet sich bis jetzt nicht vor. Dagegen wird
man in den von Adalbert v. Keller in der Universitätsbibliothek ent-
deckten, und im Serapeum (VIII, 202) bekannt gemachten Autogra-
phen ein mittelbares Zeugniss für die Anwesenheit des vielgereisten
Mannes mit einiger Wahrscheinlichkeit erblicken können. Diese drei
Bändchen der Histoire de nostre temps, in welche sich Fischart je
auf dem Vorblatte mit der Jahreszahl 1567 als Professor eingeschrie-
ben hat (auch die drei I. F. A. auf den Titelblättern stammen ohne
Zweifel von der gleichen Hand), sie sind in ihrer äußeren Erschei-
nung sozusagen gar nicht weit her und können also, da sie nicht
FISCHART IN TÜBINGEN V 81
etwa in späterer Zeit als Rarität erworben wurden, nur um 1567 oder
verhältnissmäßig bald hemaeli mehr oder weniger unmittelbar aus der
Hand des Besitzers in die (damals bereits vorhandene) Universitätsbiblio-
thek gekommen sein. Auswärts sind sie nicht gekauft; die Bibliothek
war überhaupt damals nur auf Geschenke angcAviesen (Klüpfel Gesch.
d. Univ. Tübingen S. 496); Ankäufe von Bibhotheken, die das
Werkeheu zufällig hätten mitbringen können, haben erst zu einer
Zeit begonnen, in welcher die Einzeichmmgen Fischart's doch Avohl
sogleich erkannt worden Avären, nämlich erst im gegenwärtigen Jahr-
hundert; und die freiherrlich v. Gremp'sche Bibliothek, dci'en Grund-
stock zwar 1586 aus Straßburg kam (jedoch in ganz anderen Einbän-
den als diese drei Scharteken), ist vom Anfang an bis zu diesem
Tage von der großen Bibliothek abgesondert aufbewahrt worden. Die
natürlichste Annahme also, Avenn man sich die Herkunft dieser ur-
sprünglich werthlosen Kostbarkeiten nicht auf eine mehr oder weni-
ger gewaltsame Art erklären Avill, scheint doch wohl die zu sein, daß
deren Besitzer einmal länger oder kürzer in Tübingen geweilt und bei
seiner Abreise das Stückchen TagesHteratur, sei es als Geschenk, sei
es als herrenloses Gut, zurückgelassen habe.
Eine Begegnung mit einer Tübinger Persönlichkeit übrigens,
und zwar mit der weiland bedeutendsten jener Tage, muß für Fischart
fast so gut wie unvermeidlich gewesen sein. Merkwürdig ist es schon,
daß er und Frischlin ihre Schriften gegen den Convertiten Rabe
gleichwie in ausgesprochenem Einverständniss schrieben: doch schrie-
ben sie sichtbar unabhängig von einander, wieAvohl Fischart auch hier
wieder einige Vertrautheit mit Tübinger Verhältnissen zeigt. Aber
Frischlin kam ja per tot discrimina rerum 1584 — 85 nach Straßburg,
wo er Fischart's Schwager Jobin zum Verleger gewann: Angesichts
der Bedeutung dieses Schwaben, mit welchem er bereits einmal con-
spiriert hatte ^ welchen auch der edelgesinnte, versöhnliche Sturm in
Straßburg unterzubringen suchte, ist Fischart von seinem nahen Amts-
sitze Forbach aus der freilich nur auf wenige Jahre beschränkten
Verbind,ung gewiß nicht fremd geblieben. Wir können hier eben nur
ganz dämmerhaft in litterarische Beziehungen blicken, die zu ihrer
Zeit wohl einen volleren Tag hatten: — und so mag nebenher bei
dieser Gelegenheit die Vermuthung auftauchen , daß Frischlin dem fa-
mosen ersten Faustbuche, das 1587 bei seinem damaligen Frankfurter
Verleger Spies herauskam^' vielleicht auch nicht ganz fremd ge-
bheben ist. HERMANN KTJl«.
GüRUANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahr^. (j
82 JANTON BIRLINGER
KLEINE BEITRÄGE
VON
ANTON BIRLINGER.
I. Zum wälschen Gast.
In des bekannten Zweib rückener Botanikers Hieronymus
Bock (Tragus) großem über 400 Blätter umfassenden Kräuter-
buche, Straßburg, durch Josias Rihel 1560, heißt eine Stelle der Vor-
rede also:
„Man halts darfür und dringen auch die geistliche Leut hoch
darauf unud wollen das die bilder unnd das gemäls seien der
Ein faltigen Leyen schrifft: das müssen wir gestehn, sonderlich
wann die kanzeln und die Predigtstül stumen werden, das sie von der
waren geschrift nichts wissen oder nichts wissen wollen."
Das vergleicht sich der Stelle im w. Gast. 1103 — 1106 der
pffijfe sehe die schriff an: so sol der ungelerte man diu hilde sehen, $it
im niht diu schrift zerkennen geschiht.
2. Zq Meier Helmbrecht.
35 und öfter daz liin entspricht genau dem alera. gupfe. Vergl.
mein Augsb. Wb. 317": ranchloch lynhutt vel fewerloch, foramen. Cgm.
685. f. 55". Fuligo ruß um lynhutt f. 68''. Es ist der Kaminmantel
unter hüt verstanden.
153 gnippe ist das neuhochd. Kneippe. Vergl. Hildebrand im D.
Wb. V, 1404 ; und meine Sprache d. Rotw. Stadtrechtes. Sitzungs-
berichte d. k. b. Akad. d. W. 1865, II, 1. Anhang 49.
415 giselitze. Das in Dilingen zu Anfang deslß. Jahrh. gedruckte
Kochbuch bairischen Idioms (nicht schwäbisch) von Staindl bringt
unsere vielbesprochene Speise Giselitze auch. Bl. 44'' heißt es:
G ayßlitzt zu machen
„Laß ein habern zermalen: nit zii klein, nym dan ain urhab,
das waich ein, wie zu ainem brot, darnach du vil machen wilt und
mach ain dumpfei an, bis sich erzaiget seurlacht, so geuß dan ain
Wasser darein, riirs wol durcheinander und blaß mit den henden auß,
so bleibet das dünn im wasser; dann so seuchs schön und kalt ver-
hilt: das ist. nun die Gej/ßlitzt."'
KLEINE BEITRÄGE. 83
3. Her Hüc von Werbenwäc.
Dieser Minnesänger war bisher nur in einer zu Ettlingen 1263
ausgestellten Urkunde nachgewiesen; vgl. Bartsch, Deutsche Lieder-
dichter S. XLIX. Er kommt aber schon 1258 in einer Hohenberffer
Urkunde vom 2. September mit seinem Bruder Albert vor: Alberthus
miles de Werhemcag et Hugo miles, frater suus (Monum. Hohenb.
Nr. 39, S. 21). Ferner in einer Urkunde, durch welche sein Bruder
Albert zu Gunsten des Klosters Kirchberg auf seine Rechte an den
demselben geschenkten Gütern verzichtet, als Hugo ah Werhemcag
(ebend.Nr. 52, S.32). Im Kirchberger Copialbuch steht unterm 24. Juli
1268 : Älbertho et Hugoni militihus de Werhemcag (ebend. Nr. 53)^, und
noch am 16. März 1279 (ebend. Nr. 101). Er scheint das Ende seines
Lebens im Kloster verbracht zu haben, denn a. 1292 finden ' wir er-
wähnt einen frater Hugo de Werhemcag monachus in 8alem (ebend.
Nr. 132).
4. Felix Faber.
Pupikofer schreibt in seiner Veste Kyburg (Mittli. d. Antiq.
Vereins in Ziü'ch, XVI, 2, 2) den Namen Felix F ab er, S. 42 (33),
nicht F a b r i. S. 44 (36) erwähnt er L'lrich S c h m i d, Oswald S c h ra i d
als Vögte von Kyburg und Züricher. Ferner S. 49 (41) : „Der Nach-
folger Schwends in der Vogtei Kyburg war Oswald Schmid, ein Ge-
schlechtsverwandter des früheren Vogtes Uh'ich Schmid, hiemit, unge-
achtet Kyburg wieder österreichisch geworden war, abermals ein Zü-
richer. Er war ein Oheim des Felix Faber (Schmid), dem wir die
Geschichte Schwabens und in derselben mancherlei schweizerische
Nachrichten, auch über Kyburg, und überdies eine sehr lehrreiche
Reisebeschreibung nach Jerusalem, auf den Berg Sinai und nach
Egypten verdanken. Nicht undeutlich gibt Faber auch zu verstehen,
daß er in seiner Jugend durch diesen Oheim wesentlich gefördert
wurde. Er verwaltete bis 1466 das Amt." Ebenso XVI, 2, 4, 108
Felix Faber; desgleichen Mone Zeitschi-ift für Geschichte des
Oberrheins 8, 125 und oft, Feyerabend, Ottobeurer Jahrbücher II, 22 ;
und V. Weech, Zeitschrift für den Oberrhein (23, 39).
5. Zu den Volksbüchern.
1. Schwäbisches Zeugniss.
„Ich muss darüber lachen und hätte nicht gemeint, da(j man von
einem Gelehrten anstatt der Sprache daneben doch nicht nndewtli-
6 '■■'
84 ANTON BIRLINGER
chen Zierlichkeit einen deutschen Hochzcitläder- oder Leichenbitter-
stilum fordern oder von ihm gar prätendiren sollte zu schreiben, wie
vor einigen seculis der Amadis aus Graecia, der hörnerne
Seyfrid oder der Froschmeus el er ihre Schriften stili-
sirt." Neue Beschreibung des zu Göppingen gelegenen uralten
Sauerbrunnen, herausgegeben v. Rosine Lientillo, verlegt von Seitzen
Chir. und Badmeister. Stuttgart, M. Müller 1725. 8. (Streitschrift.)
S. 45. — Ebendaselbst S. 77 steht: „Wann man sich selbsten mit
Gewalt ein Fieber an den Hals zwingen wollte, wie könnte man seinen
Zweck leichter erhalten, als durch solche veritable Eulenspiegels-
touren."
2. Elsässisch.
Der Schlettstadter Gelehrte Gregorius Rippel schrieb ein Buch
„Alterthumb, Ursprung und Bedeutung aller Ceremonien, Gebräuchen
und Gewonhciten der heil. kath. Kirchen — Straßburg, Lerse 1723.
S. 555 steht: „Ich laß aber gelten, gesetzt die Bücher der Macht-
haber seien nicht cauonisch, so seind sie dannoch keine Fabelbü-
cher oder Eulenspiegel, sondern glaubwürdige Historibücher."
3. Niederrheinisch.
Aus dem Buche: „Predicanten Latein, das ist 3 Fragen allen
genannten evangehschen Predicanten — oftmals aufgegeben — Ge-
stelt durch Hermannum Josema — durch Johannem a. Werda. Colin.
B. Wolthers 1608." S. 12: „Er habe sein Kirchen in allen Landen
gewiesen, da er doch nit ein einigen Calvinisten oder Calvinische Ca-
pell vor Luthers Zeiten gezeiget. Vergleicht sich hierin gar'wol mit
dem Abentheurischen Eulenspiegel, welcher auf solche weiß
etliche blinde Bettler betrogen, die von jm ein Almosen begert. Gehet
hin, sagt er, da habt ihr etliche Gulden, verzert sie in meinem Na-
men. Die Bettler bedanken sich, gingen hin und zechten lustig drauf.
Da es nun an ein Zechtzaleu kam , sucht einer bei dem andern
daß Eulenspiegels Geld, finden aber nichts, denn er jnen nit
ein Pfenning geben, sonder sich nur angestellt und mit Worten hören
lassen als ob er juen etliche Gulden dargereicht und geschenkt hätte.
Also rühmet sich Christmann Eulen köpf, er und die Seinen haben
aus der Schatzkammer der heil. Schrift stattliche Argumenta herfür-
"•ebracht." — S. 73: „Wann du Christmann den Eulen Spiegel oder
Finkenritter veränderst, wirst du darob zum Antichrist? Dann ich
KLEINE BEITRÄGE, 85
sehe: unser Kalender und Eulensp iegel seind bei dir eins Tuchs
und Schmers." —
Ein Fridrich Kiviandts in Düsseldorf schrieb ein kleines Schrift-
chen: „Der bellende Hund, so die irrgehende Schaf aufsuchet" 1752.
Dieses volkstümliche Ding enthält S. 16 die Stelle: „Hat der Calvi-
nische Glaub vielleicht zwischen Himmel und Erde geschwebet wie
ein Paradiesvogel oder hat ergewohnetin dem beschreiten Schla-
raffenland, allwo die Htiner Lobbenkräg tragen?" S. 19:
„Wie da? sollte die wahre Kirch Christi 1000 Jahr lang das For-
tunatushütgen aufgehabt und sich unsichbar gemacht haben?"
Folgendes Buch 4. : „Van Arnt Buschman un Henrich sym alden
vader dem geyst, eyn wonderlich myrakel, dat geschyet ys yn dem
land van Cleve by Düyßberch zo Meyerich — „Servais kruffter (sieh
Germ. XI, 411 ff.) — enthält als Schluß eine Notiz über Tundalus.
Id is noch ein ander boich gedruckt geheisscn Tondalus
ein Rytter, der was dry dag doit vnd quam weder zom leuenn, da
vil yn beschreuen steyt van den pynen die dye arme Selen lyden
ym fegefuyr und in der hellen, euch wat grosser freuden dye Selen
liaiut, die selich synt ym ewigen leuenn. also dat dit boich Ai^nt
Busman vnd Ritter Tondalus seer nae öuer eyn dragen vnd meu
hait sy gern by einander."
4. Von den sieben Schwaben.
Ich lese in dem von einem Augsburger Dominicus Maier a. 1717
und ff, Jahren aus Peru an seinen Bruder geschriebenen Missions-
briefen, die a. 1747 vom Neffen Homodeus Maier herausgegeben wor-
den sind unter dem Titel „Neu aufgerichteter Americanischer Maier-
hof-' usw. Folgendes, was für das Volksbuch der 7 Schwaben nicht
unwichtig ist.
„Unter disen, schreibt Maier (in Turkuman) 2 Europäer — ein
Niderländer und P. Henricus Cordele, ein Böhm; beide eines zihm-
lichen ehrwürdigen Alters ; der letstere, dessen Haupt völlig mit Schnee
bedekt wäre, doch aber noch sehr gute Spezies von Teutschland, be-
sonders von Schwaben hatte, gestalten er als Knab zu Regensbui-g
sich in studiis aufgehalten, fragte mich gleich unter anderem:
ob noch wohl in Schwaben jene 7 Bauern anzutreffen,
welche sich mit gesamter gcAvaffneter Hand wider einen
Hasen ge setzet, deme ich seltzamc Nachricht ertheilt, wie
auch andere Sachen, so er von Europa zu wissen ver-
langet."
86 ANTON BIELINGEE
6. Sprichwörter und sprichwörtliclie Redensarten.
1. Die alten weiber sprechen also: Dost, Harihaio vnd iveisse
Heydt Thuot dem texiffel vil leidt. Hieronymus Bock, Kräuterbuch.
Strßb. 15G0. Josias Rihel. Bl. 26^
2. von disen Graßkrenzen (römisch) haben wir noch ein Sprich-
wort in Festo Pompejo das heißt herbam dare, das krenzlin überant-
worten oder wie wir Teutschen sagen: das helmilin gehen, das ist : er sol
mein meister und herr sein. Ebenda 254*.
3. Gemelte schwemme verwelken unnd verdorren im meyen,
werden affter der Zeit im ganzen jar nit mehr gesehen. Dannenher
ein Sprichwort auffkommen : du icechst und nimmest zu toie die morchel
m meyen. Ebenda Bl. 346\
4. Vil Wort füllen den Sack nicht, sondern die That. Neueste Be-
schreibung des Saurbronnens zu Jebenhausen — v. Brebiß. Rothen-
burg a. T. Millenau 1723. S. 7.
5. Doch sol dieses hierbei unerinnert nicht lassen, daß man
auch nicht denken soll, als wenn in der kurzen Zeit, da man die
Kur gebraucht, alle Beschwerlichkeit auf einmal Abschied nehmen
müsse oder man hernach es auf den alten Kaiser wieder anioagen dürfe.^
Ebenda S. 158.
6. Milch, Käß und Butter kommen von einer iliwiter. Ebenda S. 147.
7. Was das Bad bringet, das nimmt es auch loieder himveg. Seitz,
Göpp. Saurbronnen 1725 S. 129.
8. Der gute Göppinger Brunnen hat eben nicht allemal das Leberle
gefressen. Das Göpp. Bethesda v. M. Makowsky, Nördlingen 1688.
S. 54.
9. Ich rieht man bliebe bey dem Wein und, ließ das Wasser Wasser
sein. Ludwig v. Hörnigk. 37. Frage. Ebenda S. 127.
10. Böser Vogel, böses Ey und wie der Niederländer sagt : Quat Ey
quat kuiten. Predikantenlatein 1608. Colin, Wolthers S. 27.
11. Ist eben Gurr als Gaul, Viehe als Stall, faid Eyer und stinkende
Bottev gehören zusammen. — Ebenda S. 30.
12. Ins Lügen hast du dich geioehnt, gleich icie die Atzel in das Hü-
llfen. Ebenda S. 31.
13. O, die legen auch ihr Gelübd Avie man pflegt zu sagen,
in die lange Truhen. Imhenhofer Mirakelbuch 4. 1659, S. 205.
KLEINE BEITRÄGE. 87
14*). Hingegen ist es ein breuclilich Sprichwort: Gemein ist
selten rein. Vorred.
Wer hoch ist, der feit gmeinlich hoch. S. 39.
Nun sag ich dir in wahrer Trew, zu vil ist bitter, was es sei.
Ein Ring von Eysen der zerspringt, s(4 jemand jhn mit G'walt
anzwingt.
Kein G'walt ist bleiblich, sag ich dir, G'mach reichen thut wol,
das glaub mir. S. 75.
Der Heyd sagt, das der sei ein Laur der nur das Süß will, nit
das Säur. S. 80.
Weil niemandt mehr des Fewrs begert dann welcher mit dem
Frost beschwert. S. 109.
Du soltest besser sehen zu Nit bschliessen wan fort ist die
Kuh. S. 110.
Was wir begynnen geht zurück, es stieß uns umb ein müde
Muck. S. 124.
Grecht ist der Mann, welcher sein Recht gibt jedem an. S. 137.
Eein will kurtzumb rein g'halten sein. S. 156.
Man sagt das sey eine böse Kuh, die d'andre nit laßt kommen
zu. S. 195. _ ; - . ,
Ein Ordnung band der Ketten ring, wer will mag drauß ver-
stehn vil ding. S. 197.
Wer Honig sucht, der hat die Gfahr, das ihm der Imb stech
auf das Haar. S. 108.
Ja welcher fischen will, der muß Netzen im Wasser seinen
Fuß. S. 109.
Ein großen Schatz verbirgt man nit, das jeder mit dem Fuß
drauff tritt, a. a. O.
*) Das Buch, dem die folgenden Spriclivvöi-ter entnommen sind, das ii;h noch
öfters erwähnen muss, hat folgenden Titel: Der Eitter Gottlieb, daß ist ein
geistliche ganz lustig und Läßwurdige Hystoria von dem edlen Eitter Theopliilo zu
teutsch Gottlieb genannt, wie er von dem Gottgyrey daß ist, einer jeden recht christ-
lichen Seel, zu trost jlu-er Seligkeit mag gesucht und gefunden werdn. Von einem
Hocherleuchten Gottseligen ungenampseten Mann vor vil Jahren zusammen getragen,
aber anjezo in Teutsche Rithmos gebracht durch den Ehrwürdigen und Hochgelehrten
Herren Dr. Franz Beeren, Administratorn S. Authonien Hospitals zu Ysenheim Ca-
nonicmn der Stift Thann im Obern Elsaß.
Lesen vud nit verstehen
Ist gleichsam müßig gehen.
Getruckt zu Brunntrut durch Johann Schmidt. MDXCVIII. kl. 8.
88 ANTON BIRLINGEß, KLEINE BEITRÄGE.
' '"■ Also bscliiclit,^wann man einen ReyfF au ß steckt^ so ist umb Wein
ein G'leuff. S. 328.
Es ist ein Sprichwort, das ist wahr, wer wol sitzt, sey nit wan-
delbar. S. 331.
7. Mundartliche Pflanzennamen.
Folgende Notizen entnehme ich dem bekannten Kräuterbuche
H. Bock's (Tragus) aus Zweibrücken, Straßburg 1560. Josias Rihel (2.)
Coriander nennt man auch Coliander. Die alte Weiber im Bis-
tumb Metz heißen ihn Anis. El. 47". — Die Genßhluomen nennet man
im Bischthumb Meintz St Joliannishluomen. Im Bischthumb Metz Trier
und Speier nennen sie die Weiber Kalbsaugen. 52^. Zu Hildebrand
im D. Wb. 5, 59. — Die Weiber im Wormhßer und Meintzer Bisch-
thumb geben dem Gewächs (Streichblume) kein andern Namen dann
Steinlilnmen und Streichblumen. 55''. — Dürrwurz und Flöhkraut, die
man auf dem Gate Speirer Bischthumb Dürrwurz oder Donderiourz
nennt. 61". Zum D. Wb. II, 174. — Spargen nennt man im Gaw
Teufelsdrauben 82''. — Im Gaiü (Rheingau) nennt man diß Kraut
(Nachtschatten) GenßfUssel 112", dann bei uns im Westerich nennt
man die Günsel mit den bloen Bluomen Braunellen. - — Dagegen nennt
man die braunen Binomen im Elsaß die rechten Braunellen. 1j5*.
— Das erst und weiß Nürnbergisch Augentrost nennt man im Waß-
gau Teufelshlumen 121\ Das (sog.) süß Kreutlin im Westerich Knaioel
genannt. 145". — Wild-Ängelica: das wild Unkraut in den Gärten
nennt man Hinfuoß und im Westerich Witschen^lewetsch. Fladert hin
und her wie Quecken. 156% — Meisteriourz wachset auf den hohen
Waiden, umb Tühingen nennt man sie so. 160\ — Die andern (Erd-
beeren), halb rote Beeren nennt man umb Speier Harheeren, der rau-
hen, harechten Blätter halben und Hättelheeren. 186\ — Das lassen
wir anstehn vud sagen, das der Weyssen im Elsaß als die allerbreuch-
lichst und edelst Frucht Korn genannt wird. 237''. — Gleich wie die
Elsäßer den Weyssen und die Westericlier den Speltzen und Dinkel
Korn nennen, also thut mau mit dem Rocken 241". — Hasenbrot: di?ix\xmh
daß solche Körnleiu stets weben und zittern, nennt man es auch im
Gau Zedern] an etlichen Orten Juugfrauenhaar, dann die Meidlin
liabcu ihre Kurzweil darmit. Im Odenwald und über Rhein sagt man
(leui Gras Hasenörlein, im Westerich Hasenbrot. 251". — Die vierten
(Hyazinthen) mit den purpurfarben holen ghickliu nennt man im Beier-
land Sewzwibeln, sagt Herr Jörg Ocllinger und wachsen in den Ha-
K. E. H. KRAUSE,' KLEINE MITTHEILUNGEN. 89
berfeldern im Beierland; die Sew thuon diesen Zwibeln fast gedran^.
288''. — Am Rheinstrom nennt man die Goldköpflin Sckabenkraut oder
Mottenhraut. 341^
Gelegentlich bemerke ich, daß H. Bock stets Germania sagt.
Unser Origanum und Dosten in Germania ist ein wolriechendes, lieb-
liches Gewächs 13'\ — Den wilden Satumy hab ich in Germania
nit gesehen 17". — Rosmarin ist zweierlei in Germania 20". — Die
recht wild Raiit ist in Germania nit vil gesehen 25*. — Vom Kraen
oder RappenfüÜlein, dasselbig kreutlin aber ist noch nit so gar inn
Germania kunthar 36\ — Es haben on Zweiifel inn Germania nit vil
Apoteker das Recht gesehen. 74''. — Den 4 nachtschatten hab ich in
Germania noch nit gesehen, da ich solchs schreib 112". — Ein Ge-
schlecht der Grosseiheeren hab ich wargenommen in Germania und
fast gemein umb die statt Ti-ier 359".
KLEINE MITTHEILUNGEN.
1. Zu den deutschen Monatnamen,
Die deutscheu Monatnamen des Lüneburger Kalenders von 1480,
die ich in Wolfs Zeitschr. f. d. M. 2, 293 mittheilte, sind dort durch
4 Druckfehler entstellt, deren Verbesserung Herrn Professor Weinhold
gerade zugehen sollte, als dessen treffliche Arbeit *) über die Monat-
namen schon fertig die Presse verliess. Erscheint der Stoif darin auch
so gründlich verarbeitet, daß nur geringe Nachlese übrig sein wird,
so erlaube ich mir doch die Namen jenes Lüneburger Kalenders von
1480 hier noch einmal aufzuführen, um sie richtig zu stellen, nament-
lich den dmxh Druckfehler entstandenen "^nundeman' ^) auszurotten.
Sie lauten: Wolghebaren, Horningk. Mertze. Appril. Mey. Brakman.
Hoyman. de Jmndeman. Heruestman. de Satliman. Winterman. Cristman.
Wo der niederdeutsche Kalender gedruckt ist, war nicht zu er-
mitteln, Bruchstücke davon sind eingeldebt innen auf die Bauddeckel
verschiedener Theile der Incunabel Nr. 39 der Bibliothek der ehema-
') Die deutschen Monatnamen von Dr. Karl Wein ho hl ord. Professor an der
Universität zu Kiel. Halle 1869. 8. ') Weinhold 1. c. S. 20. 46. 51.
90 K. E. H. KRAUSE
ligen Rittcrakademie zu Lüneburg^), die sich jetzt auf der Universi-
tätsbibliothek zu Göttingen befindet, die Monatsnamen stehen auf einem
der Deckel von Tora. IV. — Ob der Hundemonat von der Zeit, wo
die Hündin läufisch wird*), seinen Namen hat, möchte doch fraglich
sein, da die Hündin bekanntlich zwei solcher Zeiten im Jahr hat.
J. Grimm dachte (brieflich) dabei an die Hundstage, in denen auch
ich den Ursprung des Namens suchen möchte.
Ein Computus, in den Einbanddeckel der Mss. Nr. 14 derselben
Bibliothek^), jetzt auch in Göttingen, eingeklebt, hat neben dem De-
cemher das Bild eines Schioeines, was zu 'swynemaen' Weinhold p. 58
zu vergleichen sein möchte; der jetzt verstorbene Auditor Möhlmann,
der lange Zeit am alten erzbischöflich-bremischen Archiv zu Stade ^)
beschäftigt war und eine Menge Handschriften gesehen und copiert hat,
versicherte mich, dies Bild komme neben dem December in alten
Computis viel vor; es ist gewiß auf die Hauptzeit des Schweine-
schlachtens zu beziehen, (vergl. Slachtmant. b. Weinh. p. 54) wie der
Name 'Kalvermaen' für Januar (1. c. S. 47.) auf die Hauptzeit des
Kalbens der Kühe geht, um Lichtmessen, natürlich nur da, wo die
Thiere noch den freien Weidegang gehen. Im Göttingischen entspricht
die Kalbzeit des Februar dem Austrieb im Mai. Zum Sylter hunger-
Tnuun (1. c. S. 46) stellt sich der Stader Name Hunger Vierteljahr, Jiun-
gertyd, füi' die Zeit von Ostern bis Johannis, wo die alten Vorräthe
verzehrt sind, und die neuen noch nicht anwuchsen. Der Name *0«-
senmaen' für Oktober (1. c. S. 51) hängt wohl mit den um St. Gallen-
tach, 16. Oct., herumliegenden Viehmärkten zusammen, zur Zeit des
Endes der Fettwfeiden.
In einer Handschrift der Rostocker Universitätsbibliothek finde
ich folgende niederdeutsche Monatnamen: de hartman. de hornung. der
meHze. der april. der mey. der hrachman. der hoyman. der austmon.
heriiestman. der tvindeman. lüintermon. ivluemon.
Mit Ausnahme von 10. und 12. entsprechen diese Namen der
von Weinhold S. 20 aufgestellten sächsischen Reihe; 8., 11. und 12.
wird in der Handschrift mon, die übiigen man geschrieben. Beim win-
*) Martini Beiträge zur Kenntniss der Bibl. des Klosters St. Michaelis zu Lüneburg
(Lüneb. 1827. 8.) p. 94 hat die Kalendertheile nicht erwähnt. Die Incunabel ist der Kobur-
ger'sche Druck von Anthonini summa theologiae in 4 Theilen. Nürnberg 1477—79.
*) Weinhold 1. c. p. 46. ^) Martini 1. c. p. 46 nennt den computus nicht. Die Hand-
schrift, eine Postille, ist von 1472, angebunden ist die Koburger'sche Ausgabe von
Guilherini postilla. Nürnberg. 1481. Martini 1. c. p. 95. '^) Jetzt befindet sich die-
ses Archiv in Hannover.
KLEINE MITTHEILUNGEN. 91
deman dachte man gewiß nicht mehr an das alte Wort winditmefniänoth '),
sondern an die im October tobenden Äquinoctialstürme, loluemon ist
imdvemon, Wolfmonat, im December wird also hierzulande der Hunger
die AVölfe zuerst in die Nähe der Menschen getrieben haben. Noch
1648 tödtete man im Lttneburgischen in einem Jahre 182 Wölfe ^).
Das Kalendarium, welches die vorstehenden Namen enthält, ist
Theil eines Sammelbandes mathematisch-astronomischen Inhalts, z. Th.
in Thorn (1437), z. Th. in Rostock (1426) geschrieben und später
wahrscheinlich in Rostock gedruckt, wohin auch die Familiennotizen
zu gehören scheinen, welche neben einzelnen Kalenderdaten von 1438
bis 1464 eingetragen sind. Es war in Besitz eines Gesselen, dann der
Artistenbibliothek.
Unter jedem Monat ist, vielleicht erst von der Hand der Fami-
liennotizen, ein deutscher Knittelvers von vier Zeilen zur Memorierung
der Hauptheiligentage zugesetzt, daneben steht der lateinische und
deutsche Monatname von derselben Hand in folgender Weise:
Nota versus teidonicales sanctorum christianorum :
Nye iar wide twelfte dach
de holden dat erste s. lach Januarms
Marcel prisca Sebastian de hartman. ': '■.'
vor jyaule se nicht verne stan.
Auffällig für Rostock ist Nyejar als 1. Jan., da in der Erzdiöcese
Bremen das Jahr am 25. December begann. Twelfie dach (oder Der-
tien dach, namentlich in den Niederlanden) ist bekanntlich Epiphania,
6. Jan., das sunte lach soll wohl die Feste als eine Festgesellschaft,
heiliges Festgelage, fassen. Aus den übrigen Versen könnten nur fol-
gende ein Interesse bieten:
Zum Juni : Vit der fleghen ist ein hreter ;
St. Vitus (15. Juni) bringt die Fliegen^), weshalb Ureter viel-
leicht an Creator anklingen soll.
Assumptio Marie (15. Aug.) ist ausgedrückt durch
Maria vorup frig (sie) van deiine-^
das „vortip'-^ bezieht sich auf den nächsten Vers: „Bartholome
mit Johanne.'"''
Beim November habe ich für:
liemigius der loas milde (1. Oct.)
dinges dach maket gilde
keine Deutung*.
•) WemhoM p. 61. «) F. S. Voigt Lebrb. der Zoologie p. 264. ") vleghen-
maen, die Hauptzeit der Fliegen im August. Weinhold p. 37.
92 K. E. H. KRAUSE
Weidenbach hat seinem Calendarium '") ein Glossarium vocabu-
lorum medii aevi eingefügt, welches auch die deutschen Mouatnamen
enthält, meist nach Ziukernagel, Wallraff, Lacomblet, auch wohl Kilian,
Ich lasse daraus hier die Namensformen folgen, welche ich als ab-
weichendere von Weinhold außerdem bemerkt habe; Belege gibt Weir
deubach sehr selten; da ich der alphabetischen Ordnung folge, ist wei-
teres Citieren unnöthig.
Bludemonat Febr. ist wohl nur Blijdemaent. — evenmaent Sept.
wird von 1439 angeführt. — Faremant Apr. — Fülmant neben fulmant
Sept. — Glanzmonat März. Fischarts glentzman bei Weinhold S. 49,
Z. 2? — Für grasniaend wird von 1420 citiert: imme aprile de man
noempt graesmaent. — Haherernde: '^op peter vincidae abend (31. Juli)
zu de)' Haherernde.' • — Hauivemanth 1287 Juni: imme hauioemanihe an
deme neisten fridage .... Primi et feliciani.^ Dieser Freitag war der
13. Juni. — Heilmond, helmaent, Decemb. oh thomasdag imme helmaent,
da unser trost geboren loart 1415; auch 14G5, s. v. ^hoidzfehrdag."' —
Horremaent, horenmond für Februar. — 'des andern dages na sente Agne-
tendage in dem maent, der da heisset lasmaent'. — Lenziginmaent März.
Marzach März. — Medmond Juli cf. Weinhold p. 49. — Oegste als
August und September, mit Beweisstellen zu Weinhold p. 32 Abs. 3 ;
mensis messionum gehört auch dahin. — • Zu Ostermonat gehören die
beiden Ausdrücke mensis 'paschalis für die Woche vor und nach Ostern,
also nur für 14 Tage und mensis novarum für April, Über die Weihe
des neuen Feuers' am Judassamstag, Charsamstag s. Weidenbach
S. 198 Sp. 2. — Sextilenmaent August, wohl niu' gelehrte Grille. —
Wintmaent November. — Wynmonat October. — Von mittelalterlich
lateinischen Namen stelle ich noch her mensis fenalis Juli, also Heu-
monat und mensis magnus Juni, etwa wegen der langen Tage zur Son-
ueuwendzeit ?
Zum Schluß erlaube ich mir noch ein Wort über die Januar-
uamen lasmand, laumaen. Las ist der Lachs (salmo salar, in niederd.
Glossaren oft esox, eyn lass), ich halte den Namen für Lachsmonat^
Monat des Lachsfanges, vielleicht auch Anfang des Lachsfanges; die-
ser fällt nach der (istlichen oder westlichen Lage in verschiedene Zei-
ten: nach V. Siebold 'Süßwasserfische', soll er freihch vom September
bis Decembcr laichen, wohl am oberen Rhein, dann muss er aber
schon früher aus dem Meer hinaufgezogen sein; nach Leunis Synopsis
'") Caleudarium lüstorico-clinatiauiuii luedii et novi aevi. etc. von Aiiton Josei»h
WeidcubacL. Eesreusburff 1855.
KLEINE MITTHEILUNGEN. 93
zieht er im Mäi aus der Nordsee in die Flüsse, an der Ostsee kommt
er aber früher, wenn die FKisse offen sind, und in England soll er im
Herbst in die Flüsse zum Laichen ziehen"). Es Aväre daher, da las-
rtiand niederländischen Ursprungs scheint, das Einziehen des Lachses
in die Maas festzustellen.
Den laumaenf^^) möchte ich nun wirklich auf die Gerber, d. h.
auf die Gerberlohe deuten, daß er ein Lohmonat wäre. Vor der jetzigen
Arbeitstheilung, bei der die Gerber ihre Eicheuborke kaufen, oft schon
zerstampft, zogen sie aber zur Zeit des Holzfällens selbst zu Holze,
um die Borke von den gefällten Eichen mit eigenen Instrumenten zu
reissen; und die Zeit des Fällens der Eiche zu haltbarem Nutzholz
ist Januar und Februar. Noch in den Jahren 184G — 50 sah ich in
Lüneburg die Schuster, welche dort das Recht hatten^ das selbst zu
verarbeitende Leder selbst zu gerben, zu Holze ziehen und die Borke
von den angekauften Bäumen reissen, freilich schon im Knospentrieb,
aber allgemein war auch die Klage, daß seit die Lohe theuer gewor-
den^ das Eichholz schlecht werde, weil Gerber und, Schuster die zu
fällenden Eichen jetzt auf dem Stamme kauften und dann bis zum
Saft stehen ließen, wo die Lohborke freilich leichter und vollständiger
abzustreifen, das Holz aber weniger haltbar sei. Der Laumaent ist
nun wirklich niederländisch, dort aber ist der altberühmte Sitz der
Gerbereien, und deren Bedüi-fniss hat die blühende Cultur der Spie-
gelborke wachgerufen, welche namentlich in dem Sambre-Gebiete
Wohlstand vei'breitet und von deren Ertrag jene ganze Gegend ab-
hängig ist; der laumaent ist der Monat der alten Lohernte, wann jetzt
die Spiegelborke geerntet wird, ist mir nicht bekannt.
2. uns, US, ösek, sek.
Die niederdeutschen Formen des pron. 1. pers. plur. and seines
Possessivs sind kürzlich von 3 Seiten von Neuem besprochen^, von R.
Schröder gelegentlich des Redentiner Spiels, Germ. XIV. vS. 185, von
A. Lübben in der Zeitschrift für deutsche Philologie II, 192 cf 506
und von Höfer Germ. XV, S. 73. Der Unterschied der Formen scheint
mir aber nicht nur ein sprachliches, sondern auch ein ethnographisches
Interesse zu haben, insofern der anscheinend noch heute topographisch
festzustellende Bezirk derselben vielleicht auf alte Stammesunterschiede
zurückführt. Dabei machen denn freilich die schriftlichen Überliefe-
") AuslaiKl 18Ö7. Nr. 14. '^ Wclnliolrl S. 48.
94 K. E. H. KRAUSE
rungen manche nicht unerhebliche Schwierigkeiten. Eine solche bietet
auch die Annahme Schröders, daß das \is' '^use allmählich rechts der
Elbe verdrängt sein möchte, früher aber dort neben "^uns' gehört sei,
eine Erscheinung, welche auch Nerger p. 107 für die ältere Zeit con-
statiert *). Es ist allerdings auffällig, Aveun die aus ''uns' erst entsprun-
gene Form W (Grimm, d. Gr. 1 (2.) S. 781 Abs. 3) wieder zu
ihrem Ursprung zurückgekehrt sein sollte, und in einer Zeit, wo Ein-
fluß des Hochdeutscheu noch nicht anzunehmen ist; indessen sind die
rechtselbischen Gebiete ja ColoniaUänder und die, niederd. Einwande-
rung hat ihre Sprachunterschiede mit herübergebracht und sicherlich
erst langsam ausgeglichen; an einzelnen Orten sind sprachliche alte
Unterscheidungszeichen noch heute deutlich. Andererseits scheint eine
allgemeine oder doch weit und breit anerkannte und geübte Schrift-
sprache des Niederdeutschen sich im 14. und 15. Jahrh. über den ein-
zelnen Dialecten ausgebildet zu haben, welcher die Urkunden abfas-
senden Kleriker, auch die Chronikenschreiber folgten, wenn sie auch
nicht völlig die Localtöne verleugneten. Diese niederdeutsche
Schriftsprache hat aber ziemlich überall das pron. in den
Formen ''uns' ""unse' gebraucht; doch will ich gleich bemerken, daß
die Braunschweiger Chroniken (Bd. 1. Leipzig 1868) nur 'os (s.
Wortreg. s. v.) ^iis' (z. B. S. 57.) 'use (z. B. S. 64. 65) anwenden; im
Volkslied kann natürlich von einer Schriftsprache nicht die Rede sein.
Zwei Sprachgrenzen für den bezeichneten Zweck vermag ich et-
was genauer anzugeben, vielleicht folgen Forscher mit ausgedehnterer
Kenntniss später diesen Spuren genauer. Im Bremischen, d. h. der
preußischen Landdrostei Stade, wird an der Elbe nur 'uns\ 'tmse',
um Bremen an der Weser nur 'üs\ ''iise' (auch '^use') gesprochen, so
consequent, daß die Bewohner ihre gegenseitige Heimat sofort an die-
sem Pronomen erkennen; auf dem Geestrücken (der Abdachung der
Lüneburger Haide) und in den Morstrichen zwischen Oste und Weser
ist die Grenze, wo sich Vermischung zeigt.
In den Hamburger niederd. Chroniken, die Lappenberg heraus-
gab, finde ich nur 'wns', in den Stader Urkunden ebenfalls, z. B. in
dem von mir herausg. Archiv des Vereins f. Gesch. u. Alterth. zu
Stade I (1862) p. 123 (v. 1376), 126, 143; Pratje Altes und Neues
I, S. 343, auch meine Beiträge zur Gesch. Stades im Stader Progr.
*) Er sagt User, üs, üs komme bis über die Mitte des 15. Jabrh. liinaus in
einer Menge Urkunden etc. vor. Noch von 1578 verzeichnet Wiechmann 2, 94, 20
uae Juncker.
KLEINE MITTHEILUNGEN. 95
1856, S. 19*). Das poss. \inse' erleidet um Stade dieselbe Kürzung
„wws" wie in Holstein (Schütze holst. Id. 4. S. 314), ebenfalls der gen.
plur. ('uns' cn' = unser einer) ; an der Weser wurde dagegen auch im
vorigen Jahrh. so ausschließlich gen. user, dat. acc. „?fs oder ?ms", also
bald kurz, bald lang gesprochen, daß das brem.-nieders. Wb. 2, S. G94
nur diese Formen verzeichnet, auch in den Nachträgen nichts hinzu-
fügt, auch nicht einmal in dem 1869 erschienenen Th. VI. Ich selbst
habe 'its' Dat. Acc. lang sprechen hören, ebenso ^ms' für den Gen.
(üs en), das poss. aber '^iise und '^use. Auch im Oldenburgischen und
in der Grafschaft Hoya gilt noch "us", fraglich ob mit langem oder
kurzem u (Krüger Übersicht der heut, plattd. Spr. Emden 1 843 S. 36) ;
in Ostfrieslaud bezeugt Krüger 1. c. \ms\ Stürenburg S. 203 W und
'mis'; hier wie in den friesischen Landen Oldenburgs ist bekanntlich
die friesische Sprache durch das nachbarlich eindringende Nieder-
sächsische bis auf landschaftliche Färbung und eine Reihe erhaltener
Wörter erstickt**). Nebenbei sei bemerkt, das auf Helgoland dat. acc.
kurz 'üs', das poss. lang üs lautet.
Eine ähnliche Begrenzung ist der Formenreihe g. 'üser, üs' (auch
durch neuere Übertragung öWc, nicht aber ösch), Dat. und Acc. ösek,
ösch, sek, Poss. 'üse, üs' anzuweisen. Sie ist am sichersten erhalten
hart an der Grenze des Niedersächsischen gegen das Eichsfelder und
hessische Hochdeutsch im Leinegebiet und rechts an der oberen We-
ser, also im Göttingen-Grubenhagen'schen und weiter in Hildesheim
und Laienberg (Stadt Hannover), mit allmählicher Abschleifung des
ösek und ösch zu ös. Wie weit diese Formen nach Braunschweig
hineinreichen, weiß ich nicht; der Brauch der Braunschweiger Chro^
niken ist oben angegeben. Dieses selbe Gebiet braucht die Formen
*) Nach dem heutigen Sprachstande und dem Urkundenbrauche wird SchrÖT
ders Annahme (1. c.) einer Herkunft des Hochzeitgedichtes Nr. 6 im Anhang zu
Lappenberg's Lauremberg aus Buxtehude unhaltbar, auch Lappenberg sagt das nicht,
noch hätte je ein Buxtehuder es übers Herz gebracht, diese seit alter Zeit dort bitter
verhassten Lästerscherze der Nachbarn, vorzüglich der Hamburger über diese kleinste
der Hansestädte so behaglich zu verwenden. Das Gedicht wii'd mit Benützung dieser
Buxtehudiana iu Hamburg verfasst sein, der Urheber aus der Wesergegend stammen.
**) In Hieronymus Grestius Eeimchronik von Harlingerland (vor 1555) Herausg.
von D. Möhlmann, Stade und Harburg 1845, kommt nur einmal p. 11. v. 178 das
betreff, pron. in der Form 'uns vor; Grestius war aber ein Ravensberger aus Her-
ford. Im Achimer Kirchenlied, das ich im Rostocker Schulprogr. Ostern 1868 p. 7 ab-
drucken ließ, lautet der Acc. uns, das poss. unse ; Achim liegt zwischen Bremen und
Verden, der Schreiber aber stammte aus Minden und hatte die Herfurder Schule
besucht.
96 K. E. H. KRAUSE
*mek (mik') Acc. Dat. sing., nicht mi-^ und in der 2. Pers. delz (dich),
jök. Das ö in öseh ist ganz kurz, das u in €ise deutlich laug*).
Schambach S. 55 v. eh und S. 250 v. iise hat die genannten Formen
bis auf den elidierten G. pl. üs {üs ein neben iiser ein) ; das genitivisch
gewordene ösek habe ich nur neben Zahlen gehört, auch Schambach
bietet nur solch ein Beispiel „ösek wören man twei lue", unser wa-
ren nur zwei. Das apocopierte auffällige ' sek' hört man seltener, es kommt
aber nicht bloß als reflexiv 1. pers. oder nach Praep. vor; Sätze wie
„hei het sek dat sogt (esegt)", er hat uns das gesagt, — sind mir aus
meiner göttingischen Heimat wohlbekannt, obgleich dort meist ösch ge-
sagt wurde. Überhaupt hat sich das alterthümliche ösek und damit
auch sek am meisten im Solling, dem Waldgebiet zwischen Weser
und Leine, erhalten ; urkundlich kommt es selten vor; das sek habe
ich nur ein einziges Mal so gelesen, leider aber den Nachweis nicht
zur Hand; ich meine bestimmt, es war eine Urkunde des Klosters
Höckelheim. Die von Lübben 1. c. aus dem 14. Jahrh. nachgewiese-
nen seltenen Formen iisik, usek, osek und ebenso die von Höfer 1. c.
angeführten ussich (also mit kurzem u und sicher weichem s, so wie
dem ch des 'ösch') neben os und use gehören demselben Grebiete an;
die von Höfer aus Rügenschen imd Mecklenburg-Vorpommerschen
Urkunden beigebrachten ganz vereinzelten usyk, nsik sind meiner
Überzeugung nach ebendaher nach dem Osten eingeführt, vielleicht
durch Einwanderung der abfassenden Cleriker.
Dem gegenüber haben wir nun die auffällige Erscheinung, daß
in den Gegenden, wo üs, üse und wo ösek, ösch, üse durchaus herr-
schen, fast alle schriftlichen Aufzeichnungen urkundlicher und vielfach
auch chronistischer Art diese Formen nicht gebrauchen. Die E,ynes-
berch-Schene'sche Chronik gebraucht meines Wissens nur uns, unse,
unsse, z. B. p. 96, 119, 125, 138, 139, in Lappenbergs Ausg. ; von den
meisten Bremer Urkunden sind die Texte allerdings noch nicht diplo-
matisch treu publiciert, aber das tins ist überall herrschend; die genaueu
Texte im Bremer Jahrb. Bd. 1 — 3 geben überall uns^ unse mit einer
merkwürdigen Ausnahme in der Baurechnung des Bremer Rathhauses
von 1405 und den folgenden Jahren. Derselbe Rechnungsführer, wel-
*) Krüger 1. c. führt für Göttingen und Hildesheim 'wis neben 'ösek' an, lässt
aber 'ösch', 'sek', 'os' und poss. 'iise' aus. Ich habe jenes 'uns' so wenig gehört wie
Schambach. — Gelegentlich hier die Notiz, daß die Magdeburger Schöppenchroiiik
(Die Chroniken der deutschen Städte. Band. VII. Leipzig 1869.) 'uns' 'unse' schreibt.
— dick : ick, dat. noch 1557 in Mecklenburg bei Wiechmann 2. S. 37 [Rost. Geistl.
ABC.) und wechselnd mit äy als acc. 1578 ib. 2. S. 93. Z. 6.
KLEINE RiriTHEILUNGEN. 97
eher bis dahin unse geschrieben (Br. Jahrb. Bd. 2 S. 305 ff.), verlässt
mit dem dritten Hefte diesen Brauch und schreibt us und uze (z = wei-
chem s) bis ans Ende (S. 318). Die Urkunden dagegen im dritten
Bande S. 145 — 158 von 1411 — 1422 lassen niemals das n aus, eben-
sowenig der Dialogus über den Kriegszug gegen Bremen 1547 (Bd. 1.
p. 179) oder die Urkunde von 1586 (Bd. 1. p. 254). Gegen eine an-
genommene conventioneile Schreibweise ist also bei jenem Rechnungs-
führer sein heimischer echter Dialect mit dem us, uze wieder durch-
gebrochen. — Fast ebenso steht es mit dem südlichen Gebiete ; die
einheimischen Formen werden in den Urkunden verschmäht ; beispiels-
halber hebe ich aus der großen Masse hier nur eine Reihe Eimbecker
und Höckelheimer von 1489 — 1522 heraus, die Grotefend in der Zeit-
schrift des bist. Ver. f. Niedersachsen, Jahrg. 1867 p. 155 ff. veröffent-
lichte und in denen mitten in jenem Landstriche nie ösch oder dgl.
stets nur uns, unse erscheinen.
Ich meine, daß diese Thatsachen die Berechtigung geben^ von
einem niedersächsischen Schrift- oder doch Kanzleige-
brauch zu reden, welcher die Lokalsprache wenig beachtete oder
ganz verwischte und vor eiligen Schlüssen daraus zu warnen, ob be-
stimmte Formen in den schriftlichen und urkundlichen Denkmälern
einer Gegend nachzuweisen sind oder fehlen.
3. H a u e m a n.
^ Haueman' ist trotz Dähnert's (p. 179) richtiger Angabe von K.
Schröder, Germ. XIV S. 195 f. als Edelmann, Herr vom Hofe, be-
zeichnet und als bäuerlicher Hofbesitzer, entsprechend dem Mhd. ho-
teman, in Anspruch genommen; ja als einziger niederd. Ausdi-uck für
den ersteren * eddelman' angegeben, für den jetzigen Gebrauch richtig,
nicht aber für den alten. Hof heißt rechts der Elbe in Norddeutsch-
land noch vorzugsweise das große Gut, Rittergut oder Domäne*),
richtiger die Gutsgebäude, der Name haueman ist daher für den großen
Besitzer, im Mittelalter also für den Herrn ritterliches oder diesem
gleichgeachtetes Geschlechts durchaus bezeichnend, der Colonus hieß
vielmehr 'büman', da er gerade das Bauen des Ackers besorgte, wahr-
scheinlich auch hüsman, da noch heute hüsmann, anderwärts husioerJ,
*) In Lief- und Ehstland ist 'hof' gerade der Gegensatz des Herrschaftlichen
gegen Alles, was dem Bauern überlassen ist. (Hupel) Idiot, d. deutschen Spr. in Lief-
und Ehstl. Riga 1795. S. 95 fg.
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 7
98 K. E. n. KRAUSE.
auch werd allein neben hümann in derselben Bedeutung vorkommt.
Rostocker Chronik von 1310—14 (15. Jahrh.) in Schröter Beitr. zur
Mecklenb. Gesch.-Kunde I, 1, "60 „dat nen borger ne scheide lauen
vor yennigen Jiaueman''^ kann nur heißen, es solle kein Bürger für
einen fürstlichen Lehensmann Bürgschaft übernehmen; haueicerk ouen
ib. S. 29 Not. 99 das kriegerische Thun und Treiben der fürstlichen
Vasallen. So gebraucht in derselben Bedeutung Detmar bei Grautoff II
S. 103 hovelude und ebenda „de drosten unde /louekt^e der slote" ; letz-
teres sind die Burgmannen, ersteres die fürstlichen Vögte (Grimm D.
W. II Sp. 1437 f.) oder auch Pfandinhaber fürstlicher Schlösser, die
in dieser Eigenschaft den Vögten gleichgeachtet sein mögen. Rynes-
berch-Schene (Lappenberg Geschichtsqu. des Erzstiftes und der Stadt
Bremen) p. 88 setzt geradezu die houelude als ritterliche Leute den
reichen Bürgern gegenüber; p. 140 wird erzählt wie Herzog Johann
von Beyern, den „edelen von Ruczvort unde enen ritter unde vefftich
guder houelude enthoueden" Hess (1408) ; nicht weniger als acht Mal
braucht diese Chronik das Wort, s. Lappenberg 1. c. im Wb. p. 256
s. V. und daraus Brem. nieders. Wb. VI. p. 11 L Die Braunschweig.
Chronik hat das Wort in derselben Bedeutung I. S. 139. 9, wo Hegel
in der Note die ritterlichen Mannen nennt, während das Wortregister
V. hovelude „Kriegsleute" erklärt; hoveicerch heißt dort aber geradezu
„Krieg" (ib. S. 147. N. das Wortregister erklärt „Kriegsdienst") und
'verhovewerken im Kriege verbrauchen. In der Magdebui-ger Schöppen-
chrouik ist im Wortreg. (Chron. d. d. Städte VII, S. 452) hoveiverk
als Vasallenrosdienst richtig erklärt, auch der Zusatz „berittene Schaar
überhaupt" ist nach den beiden Stellen S. 254, 17 (wo als Gegensatz
auch „de bur" genannt wird) und S. 390, 16 „hovewerke und seidener"
wohl anzuerkennen, wobei aber vorwiegend doch an die Dieustman-
nengeschlechter gedacht ist. Das Rostocker 'hauetverk ouen nennt das
Bremer Lied von 1408 (Haupt-Zeitschr. XL S. 375 f. v. Liliencron
bist. Volksl. I. S. 217 Bremer Jahrb. 3. S. 136 if.) v. 74 hoveren, wel-
ches Wort sonst Turnierübungen u. dgl., ähnlich wie hoven*) bedeutet,
dem mh. Brauch entsprechend. Lappenb. 1. c. S. 88 und 96 (256) und
daraus Brem. nieders. Wb. VI. S. 111. Lied von 1408 v. 3; als Subst.
dazu bietet dann die Schöppenchronik 1. c. p. 451 hoverie und hove-
ringe.
ROSTOCK. K. E. H. KRAUSE.
*) Auch die mh.-Verbindung liüsen und Iioven kommt mnd. vor als hoven edher
hufeen. Brem. nieders. Wb. 2. S. 638 v. hoven.
LITTERATUR. ß^
LITTERATÜR.
Die Kosenamen der Germanen. Eine Studie von Dr. Franz Stark. (Mit drei
Excursen: 1. Über Zunamen. — 2. Über den Ursprung der zusammen-
gesetzten Namen. — 3. Über besondere friesische Namensformen und Verkür-
zungen.) Wien, Tendier & Comp. 1868. 191, XII SS.
Das genannte Werk hat sich zur Aufgabe gemacht, die Gesetze darzulegen,
die bei der manigfaltigen Bildung der germanischen Kosenamen zu Tage treten ;
der Verfasser sagt selber von seinem 'Versuche zur Lösung dieser Aufgabe: „Er
ist in diesem Umfange und in dieser methodischen Gliederung der erste dieser Art
und wird bei der ihm gegebenen Grundlage im Ganzen nicht verfehlt sein, wenn
auch bei einzelnen Namen, insbesondere bei den aus romanischen Quellen entnom-
menen , wie auch bei den friesischen , abweichende Ansichten sich geltend machen
können" (S. 2). Wenn der Verfasser weiter (S. 10) als das Ergebniss seiner For-
schungen den Satz aufstellt : 'Die einfachen, einstämmigen Namen sind
Verkürzungen der zu sammeugesetzteu , so kann Referent trotz aller An-
erkennung, die er den hohen wissenschaftlichen Vorzügen der Arbeit mit Freuden
zollt, nicht umhin gleich hier zu erklären, daß er die Beweismittel derselben nicht
durchaus gleich zuverlässig und stichhaltig findet und darum (im Hinblick auf
S. 157) die Entscheidung, ob die beigebrachten einzelnen Belege für die ursprüng-
liche Identität einfacher und zusammengesetzter Namen volle Beweiskraft auch für
die ungezählte Schaar aller übrigen einfach scheinenden Namen in sich tragen,
achtbareren Fachgenossen zu überlassen bereit ist; er für seinen Theil will wenig-
stens noch eine Zeit lang beim alten Glauben bleiben.
Da wir füglich voraussetzen können, daß wohl der größte Theil der Leser
der Germania mit Starks Kosenamen schon in ihrer ersten Gestalt (Wien 1866 in
zwei Heften) bekannt geworden ist, so wäre es überflüssig, wollten wir uns über
die wohlbedachte Anordnung und die erstaunlich reiche Sachkenntniss, die sich
allenthalben zeigen, des Weiteren ergehen und wir schreiten darum sogleich an die
Besprechung des Einzelneu. Zunächst halten wir uns auf S, 12 f. bei Burgundofaro
und dessen Schwester Burgundofara auf. Trotz der in der Anmerkung ertheilten
Warnung lassen wir uns durch die alte urkundliche Form Faro Burgundus beii-ren
und erklären uns mit der Auffassung bei Pardessus ganz und gar einverstanden.
Wenn Faro (welchen Namen man nach Belieben für einen einfachen oder verkürz-
ten ansehen mag) sich Burgundo unterschrieb, so ist uns damit nur ein Beispiel
mehr geliefert, wie man vormals, wie heute noch, im fremden Lande des heimi-
schen Namens sich leicht entledigte und wie hin und wieder frühzeitig Namen frem-
der Völker oder Stämme volle Geltung von Personennamen erlangten. So beur-
theilen wir z. B. — und können hier wahrlich nicht an Verkürzung zusanimcn-
gesetzter Namen denken — die PN. Durinc, Duringin, Pagin, Pegirin, Freso, Fre-
sin, Sahso, SaJisiii, Walah, Walahin, Scot, Cumbro, Winid, Winidin imi Vini-
disco, Vinidisca (vgl. FN. Windisch, Windischmann) und mit Lautverschiebung
des Dentals das vertrackte Coranzan, das, so lange keine bessere Deutung kommt,
7*
100 LITTERATUR.
für den Kärnter- oder Quarantanennamen gelten kann (vgl. Zeuss, Die Deutschen
618). Hatten aber Namen solcher Art einmal ihren ursprünglichen, mehr appella-
tivischeii Werth verloren, so erklärt sich gewiss leicht, daß sie wie andere echte PN.
in neue Verbindungen treten durften: Durinchart (= Dumc S. 17), Turinbertus
(=: Thuringus S. 16), Sahsbraht, Fresbraht, Swabperaht *), Scothard, anderseits
Adalswab, Lanfranc. Halbthuring und Halbwalah (Förstemann 1, 596; Pott, Per-
sonennamen 185) zeigen uns schon im Namen die Mischung der Stämme und Völ-
ker, die in Saxwalo den genauesten Ausdruck erreicht hat, freilich ohne daß man
gerade behaupten könnte, nur die Eltern Saxwalos seien sächsischer und wälscher
Herkunft gewesen. Erscheinen uns Composita mit walak häufiger als solche mit
uinid, so ist das offenbar ein Beweis dafür, daß romanisches und deutsches Blut
sich leichter vermischten als deutsches mit slavischem. Wir wollen hier gleich noch
ein Weiteres anschließen : wo solche Mischung von Stämmen uud Völkern vorkam,
enthält vielleicht auch, worauf wir die Aufmerksamkeit der Forscher lenken möch-
ten, mancher Name Dialectwidersprüche in sich, mancher ist auch geradezu ein
Mischling aus Deutschem und Fremdem, wie z. B. CeZsoildis, CZarmunt, Z^MZc^pert,
Gund'isalvus, Ursemsii; wohl auch i^Msa^radus, Sindefuscus (vgl. Kosenamen 29),
welche letzteren Namen unser Verfasser früher zweifelnd zu funs gestellt hat
(l. Aufl. 283) und jetzt lieber unerklärt lässt. Selbst an slavische Stämme Hesse
sich hin und wieder z. B. bei Namen mitmil, dorn, seli denken (Miklosich PN. 220
und 117, ON. aus PN. 83).
S. 14 sind die Namen Perduto, Pezittus als auf fremden Boden übertragene
deutsche Namen, die dort fremde Suffixe (augmeutatives -uto, deminutivisches
-ittus) annahmen, unseres Erachtens nicht mehr wie andere deutsche Namen zu
beurtheilen ; die Kürzung von Albert in Perd-, Pez- wird uns hier, wie Prandus
für Rot-, Grisprandus , undeutsch erscheinen können und wie Dries = Andreas,
Län = Helena u. dgl. Namen zu beurtheilen sein. VeiTäth uns Perduto, Prandus
vielleicht auch die Betonung AlMrto, Gisprändo'i Die Betonung wird mehr als
bisher geschehen ist bei Namenkürzungen in Betracht zu ziehen sein. — Die auf
S. 1 5 und 1 7 besprochenen Namen Wando = Wandregisilus, Tado = Tadelbertus
gehörten nicht in die Reihe, sondern in die Abtheilung HI, 2. — Suappoto =
Suappo (S. 20), das Stark früher auch auf Suadpoto zurückführte, wird jetzt auch
aus Svan- oder Sualpoto erklärt. An welcher Stelle des Namenbuches wird dann
einst Suappoto sicher zu stehen kommen, wenn die strenge AVissenschaft die ur-
sprünglichen Stämme wird geschieden haben? Wer billig denkt, wird bei solchem
Stand der Dinge den stolzen Ton im Vorwort unsers Buches (S. l), der sich gegen
Förstemanns höchst anerkennenswerthe Vorarbeiten wendet, für keine sonderliche
Zierde der sonst gar trefflichen Arbeit Starks ansehen ; wie anders schloß Förste-
mann das Vorwort seines Namenbuches (I. Theil) ! Was nun Suappoto beti-ilft, so
wird die einfachste Deutung desselben an Suap (Swäp) anknüpfen ; dann könnte
auch Suappo der schlichte Schwabenname für sich sein (vgl. oben Durnc, Thurin-
gus) und bezüglich pp nach ä kann auf Weinholds Bair. Gramm. §.123 verwiesen
werden. — S. 20 werden die Namen ElflFo, Erffo (Urkundenb. v. St. Gallen saec. 9)
für keltisch erklärt. Könnte man nicht wenigstens dem zweiten Namen seine Deutsch-
*) Wir müssen hier wie durchaus auf Bezeichnung der Längen Verzieht leisten,
wie es Förstemann und Stark getlian haben, da ja oft die Etymologie eines Namens
unsicher bleibt.
LITTERATUR. f 101
heit durch Hinweis auf die uralte St. Galler Glosse: fusms erpfer (Graff I, LXVI)
sichern? Man vgl. Erfman, auch Erqfman, Erpfmar, Erpherich, Erphroh usw.
(Förstemann unter ARB). Referent muss leider gestehen, daß ihm noch nicht die
Muße zu Theil wurde, keltischen Studien obzuliegen, daß ihm aber gleichwohl da
und dort, wo unser Herr Verfasser Namen aus dem Keltischen erklären will, ger-
manische Zweifel kommen mussten, mitunter sogar lateinische und griechische.
Wer möchte nicht Ermogeniauus, Armonius (S. 43 Anm. 1), Eufraxia (S. 4) für
Hermogenianus, Harmonius , Eupraxia (vgl. fressa = pressa, Wackernagel, Um-
deutschung) halten, Antunia, Prova, Beatus, Facetus u. dgl. N. für lateinisch?
Mit Antunia hat man, gleichfalls im Verbrüderungsbuch von St. Peter, z. B. Ju-
vinianus oder diakun, munistri, mit Prova prüeven zu vergleichen. Da zweifelsohne
viele Namen von Umständen der Geburt sich herschreiben (s. Pott 537 ff.), so
möchte man Secumdina doch am liebsten mit Quintus, Sextus usw. verbinden (vgl.
bei Pott 543 Herennia Lucia et Herennia Seeundina aus Neigebauers Dacien),
nicht keltisch erklären, wie unser Verfasser (S. 45), oder Manicius (S. 76) mit
Pott, aber ohne dessen Bedenken, an Manir Manilius anschließen. Am wirksam-
sten zeigt sich aber der alte böse Zaubeudes Keltischen, der deutscher Wissen-
schaft schon so manchen Spuk bereitet hat, bei den Namen Johel, Jesus, Suffonias
im 'Ordo patriarcharum seu prophetarum' des Verbrüd. v. St. P. , die nach S. 4
unsers Buches gut keltisch sein sollen. In Förstemanns verrufenem Namenbuch
finden wir diese zudringliche Trias nicht. — Wofhart, Wofcoz u. dgl. Namen sind
S. 23 gewiss mit Recht zu wuof clamor gestellt (auch von Förstemann unter VOP);
warum soll Willoffus (8. Jhd., auch Villof bei Neugart) und Erlofus (8. Jhd., bei
Meichelbeck) nicht auch so erklärt werden (vgl. Willolf, Erlolf, Erlolt)? Die
Schreibung Willoff ist wie woffit gl. K. bei Weinhold Alem. Gr. §. 158. — Bei den
S. 26 aufgeführten höchst interessanten Namen Einbetta, Vorbetfa, Vlllbetta des
4. Jhd., die unser Verfasser für keltisch hält, haben wir an Identität mit den von
^^' (unhold, Kiesen des germ. Mythus, besprochenen Schicksalsjungfrauen Einbet,
Wal- oder Warbet, Wilbet nicht zu zweifeln. Verdienen die Variauten Eimberta,
Aimbertha, wie doch wohl anzunehmen ist, unsere Beachtung, so fällt Weinholds
Erklärung aus bet = bat, Kampf und aller Streit über -bet hätte zugleich sein
Ende (s. Simrock Mythologie [2. Aufl.] 368). Dann hätten wir aber, denken wir
uns, die Form -betta doch in eine jüngere Zeit zu versetzen, als schon ins 4. Jhd.
— Weshalb das an diese 'keltischen' Namen angeschlossene Bertramnus (7. Jhd.,
bei Pardessus) sicher, wenn nicht ein keltischer Name, doch eine keltische Form
ist, wüssten wir nicht zu sagen. Steckt der Celtismus in der Form bert, was west-
fränkische Regel sein mag (Förstemann 1, 236), anderwärts aber auch begegnet,
oder in ramnus = hrabanus, vgl. Chramnus, Chramnisindus, Ramnolf, Hramning
bei Förstemann? Unser Verfasser ist nicht selten so knapp im Ausdruck, daß dem
Leser arges Kopfzerbrechen bereitet wird. — Der S. 27 f. gegebenen Deutung
von Focco dürfte — wenn hier noch einmal von friesischen Namen die Rede sein
kann — auch Fokdag bei Heyne, Altniederd. Eigenn., Voccho im Notizenblatt
(Wien 1855) VI, 21, 23 (aus den Urkunden im Verbrüderungsb. v. St. P.), ferner
die Varianten zu Vokenrot bei Förstemann 2, 534 zur Stütze dienen; die Mittel-
stufe nähmen Volke, Folch bei Heyne ein. — Wenn wir zu dem (S. 29) aus roma-
nischen Quellen geholten Namen des Stammes fuse Fusca (lO. Jhd.), Seitenthal
des Pinzgaues (bei Forst. 2, 542) halten, das auf Fuscaha zurückführen wird, so
könnten wir uns verleiten lassen, wenigstens bei diesem Fuscaha frühes Eindringen
102 LITTERATÜR,
des ohnedies heimisch klingenden lateinischen Wortes anzunehmen. Wäre dann
Fusculo bei St. P. (8. Jhd.) wie Enzolo, Zozzolo u. dgl. auch mit deutschem Suffix
versehen? Doch wäre nicht vielleicht an den in Dialecten mehrfach auftretenden
ütamxn f lisch zu denken und Fuscaha das rasche Wasser? Berührt sich das zuletzt
doch wieder mit fims'i — Was die keltischen Namen der Anmerkung hinter Sce-
tildis, Domnildis, Emnildis S. 31 zu bedeuten haben, will uns nicht einleuchten —
wozu die Wortkargheit? Wir könnten nur rathen: kymrische Namen zeigen yllt
für ill oder umgekehrt, darum (?) sind die oben genannten Scetildis usw. ja nicht
an -hildis anzuknüpfen. Und diese -hildis, -ildis sind doch gerade auf westfränki-
schem Boden so häufig und, kann man meinen, eine gewiss lockende Analogie.
Daß Starks Kosenamen ein schwergelehrtes Werk sind, wird Niemand bestreiten
wollen, wir erklären es aber unbedenklich für einen Fehler desselben, daß darin
zu den Namen mitunter gar so wenig Worte gemacht werden. — Mit der Deutung
der Namen mit luit, deren auf S. 33 Erwähnung geschieht, will uns der Verfasser
noch eine Zeit lang im Ungewissen lassen. Wer die slavischen Namen mit Ijud-
daneben sieht, wird doch an entschiedene Analogie denken wollen. Ausführlich
handelt hier der Verf. über Dudo '■=■ Ludo ; außer spanisch Nuno statt Munio und
engl. Bobby für Robby hätte sich mit gleicher Assimilation Giggi, ital. Ghigo =
Friedrich in Frommanns Z. VI, 458 stellen lassen. Mehr Beispiele, aber in ur-
sprünglich fremden Namen, sind gleichfalls dort von Tobler beigebracht : Dudi =
Theodor, Dodo = Anton, Bobi = Jacob, Mömi = Salome (vgl. auch Kuhns
Z. XVIII, 225); wir werden mit Pott in Namen dieser Art R eduplication zu
erkennen haben, die besonders in aargauisch Mangnangeli, Mingniggeli für Anna
Maria und Marianne vorliegt (Frommann VI, 460). — Eine Reihe interessanter
Namen wie Tuato, Tuota, Thuotmar u. dgl., über welche auch Grimm 1, 154
nachzusehen ist, werden S. 36 an das vereinzelte gaduadi der St. Galler Glossen
angeknüpft. Dann dürfte dieses natürlich nicht gadwädi gelesen werden (vgl. a. a. 0.
zui, suam , mitua) und stünde doch im Widerspruche mit benachbartem gloot,
froter, groit u. dgl. = gluot, fruoter, gruoit. Referent ist der Ansicht , daß wir
unser gadwädi in dem gleichfalls vereinzelt dastehenden md. getwedic zu erkennen
haben (Mhd. Wb. 3, 158. Pfeifi'ers Nicol. v. Jer. 163 getwedic geschrieben und
zu gezwiden gestellt), überlässt aber das Weitere der etymologischen Untersuchung
Anderer, die wohl auch constatieren dürfte, daß an. )5ydr, das zu goth. j^iu]:) ge-
hören wird, weder mit gadwädi (vgl. pvasts?), noch mit jenen Namen Tuato,
Thuotmar usw. etwas zu schaffen hat. — In welchem Verhältniss zu den Namen
mit adal (St. P. auch adol, wie aus adul) und isan stehen solche mit athu, isu
(Athuberaht, -ger, -lef, Isuporo, -warth, vgl. Isula, Isunc)? Liessen sich Atho,
Iso (S. 40) vielleicht enger an diese kürzeren Stammformen anschließen? Es hat
mit den S. 40 — 46 behandelten Namen überhaupt seine großen Schwierigkeiten;
unbeirrt von weitreichender Namenverkürzung, wie sie unser Verfasser annimmt,
möchten wir z. B. ohne Bedenken Fagalind, Warsinda, Wachmunt, statt sie aus
Faginlind, Warinsinda, Wacharm unt zu erklären, unmittelbar an /a(/e7? (vgl. dolalih
von dolen, Faliolf, Fahswiud mit ftihejis, fahjau), loarm oder wara (vgl. Sindwar
und alle übrigen Namen auf -war, wara nebst den slavischen mit gleichbedeutendem
var), wachen, wacha anreihen. Eine endgültige Entscheidung über derartige Er-
weiterung'' oder 'Verkürzung' des ersten Theiles comporiierter Namen ist noch un-
erreicht; Referent will hier nur in aller Bescheidenheit der einen Ansicht Raum
vergönnen, daß sich nicht selten im ersten Theil ein bereits mit einem häufigen
LITTERATUR. _ 103
Suffix abgeleiteter Name wird erkennen lassen. So stellen wir Sigü-pidt, Siginnlf,
Frotlehert, Geremhold, Gundulvfar, Theod ilhilda, in engere Beziehung zu Namen
wie Sigilo, Siguni und Sigina, Frutilo, Gerin, Guntulo , Theodila und glauben,
daß unser Verfasser S. 66 mit Unrecht das Auftreten einer Deminutivform als
ersten Theiles anzweifelt, da Namen wie D^eshelm, ^/i^fezman, Heinzaperht, Gunzelm,
G^MHcelindis zu finden sind (von welchen Beispielen höchstens Engezman, vgl. Enzi-
man, Enzawib neben Enzi, Enza, anders erklärt werden könnte, wie auch die
zahlreichen, von unserm Verfasser nicht besprochenen Kosenamen mit -mann).
Manches -er oder -re vor dem zweiten Theile wird auf -heri oder auf ableitendes r
zurückführen: man vergleiche z. B. mit Landrohert, Chindi-i\d\s , JP/of?erlindis,
Baldrevert, Wulfirmunt Namen wie Landar, Gundheri, Flodarius, Baldro, Vulfara,
ferner Otbaldero, Ermboldra, Aruoluam neben Otbald, Ermbold, Aruolf. Die
westfränkischen Namen, denen auch unsere Beispiele zugehören, bieten so viel
Besonderes dar, daß wir eine monographische Behandlung derselben für äußerst
lohnend halten. Interessant ist auch z. B. unter den ON. bei Heyne Adikkarasluva
von einem zu Adiko (auch in Adikonthorp) gehörigen sonst unbelegten PN. Adik-
kari, den wir, bis mehr Formen dieser Art untersucht sind, vorläufig für ein Pa-
tronymicum halten möchten (vgl. Camstra mit verwandtem Suffix ^= Cammiuga
Kosenamen 170). Anders werden vielleicht die süddeutschen Namen mit -er, wie
Hartler, Matter (z;u Matthias), Lexer (zu Lex, Lexl, Alexius) zu verstehen sein,
doch sind dieselben nach dem Kämt. Wb. Hausnarren. Lexer, das unserm Ger-
manistenherzen am nächsten liegt, könnte recht wohl einem hexing gleichkommen.
Wir vermissen ungern diese Namensformen in Weinholds bair. Grammatik §. 212 ■^).
Im Widerspruche mit der Auffassung des Hrn. Verfassers befindet sich Re-
ferent bezüglich der S. 53 f. behandelten Namen wie Ali, Rodi, Hugi, Asi, Bodi,
Buni usw., denen Stark zwei bei Förstemann nicht zu findende Namen: Ambri
aus dem 4., Nausti aus dem 7. Jhd. als die ältesten Beispiele der "einfachsten De-
minution mittelst i' beigesellt. Wenn auch magati, eimberi, fugili als Demiuutiva
gelten könnten (deren Stämme eigentlich auf -ina ausgehen), was uns nicht völlig-
gesichert scheint (man denke an swin, abgeleitet von sü und vergleichen daz laimi
vezzeli bei Weinhold, AI. Gr. S. 223 c), so will uns doch die deminutivische Gel-
tung jener alten Namen auf -i, die mit an. Brimir, Hoenir, Mimir usw. zusammen
gehören werden, höchst zweifelhaft erscheinen. Gegen dieselbe spricht zuvörderst
der Abgang obliquer Casus mit dem charakteristischen n: von Seggi lautet der
Genetiv Secges (Förstern. 1, 1086 Sighi), zu den alten ON. der trad. Corb. Hi-
kieshusen, Meckiestorp, Siniestorp müssen die PN. Hiki, Mecki, Sini (vgl. Hiko,
Meko, Sini bei Heyne) gestellt werden, ebenso zu Edieslebo ein PN. Edi, s. För-
stemanns schätzbare Untersuchungen zur Geschichte altdeutscher Declination in
Kuhns Z. XVI, 323, 329. Diese Namen auf -i werden also ;a-Stämme sein und
darum keine deminutivische Geltung haben. Gilt es aber, das wechselseitige Ver-
hältniss von Namen wie Poppi, Poppo, Geli, Gelo, Ebbi, Ebo, Buni, Buno u. dgl.
zu ergründen, so verdient ein besonderer Fall des Zusammentreffens von solchen
*) Unter den Aargauer Namen bei Frommann VI, 456 ff.: Wiser ==^ Aloys
Brechtölder = Berchtold, Hemmeier = Abraham, Münder = Sigismund u. dgl. Mehr
über solche Namen (s. Ruprecht Germ. N. R. I, 310) bei Becker, Die deutschen Ge-
schlechtsnamen. Die von Ruprecht beigeb rächten englischen Formen zeigen ganz
ähaliche Verwendung von -er (Suffix des Nomen agentis) zur Weiterbildung von
Worten.
104 LITTERATUE.
Namen unsere Beaclitung, zu welchem nur noch einige Seitenstücke nachzuweisen
wären, ura zur vollen Gewissheit über solche i- und o-Bildungen zu führen : in
den tradit. Corb. finden wir einmal (Förstemann 1, 641) Haddi als Namen des
Vaters, Haddo als den des Solmes. Nach Starks Auffassung wäre seltsam genug,
gerade der erstere ein Deminutivum, Haddo einfach ein verkürzter Name ; beur-
theilt man aber diese Formen vom Standpuncte der vergleichenden Grammatik, so
ergibt sich leichtlich aus Haddi latinisiert ein Had-ius, aus Haddo ein Had-ianus
und die beiden Namen stehen zu einander wie Seius zu Seianus, Vespasia zu
Vespasianus; vgl. Uo^Sfiav und no?.a(iG}VLOg. Im Urtexte der späten Hand-
schrift (des 15. Jahrh. nach Förstemann, bei Kuhn 16, 323) mochte also wohl
für Haddo noch ein Haddio zu lesen gewesen sein. Wenn es sich in einem durch-
aus kritisch hergestellten Namenbuche um die Sicherstellung der ursprünglichen
Stämme handelt, werden auch die von unserm Verfasser S. 55 aufgeführten For-
men : Hrodio, Vangio, Agio, Mandio, wie Eeferent für seinen Theil vollkommen
überzeugt ist, in Übereinstimmung mit Förstemann 1, 767 gothischen Nomina-
tiven wie baurgja, ganja angeschlossen, nicht aber, wie in unserem Buche S. 54,
für Deminutivformen angesehen werden, in welchen das verkleinernde i durch o
verhüllt ist. Förstemann hat ganz richtig erkannt, daß die Formen auf eo nicht
anders abgeleitet sind als die auf -io, und daß sich also Arbio und Arbeo, Agio
und Erkeo, Burgio und Burgeo vollständig decken. Da nun aber, wie Jedermann
bekannt ist, dies ableitende j (i) sehr früh sich verflüchtigt (treu erhalten ist es in
den ON. Guddianstede, Willianstede, Willianwege Kuhns Z. 16, 334, Wildionä
neben Wildonhä bei Heyne 30), so wird eine große Anzahl der Namen auf -o
älteres -eo, -io gehabt haben, wie das oben genannte Haddo. Unter den Formen
auf -eo und -io finden wir übrigens einige, die eigentlich nichts anderes als bloße
Appellati va sind und die zur Theorie der Namen Verkürzung nicht recht zu
passen scheinen : Wracchio (trad. Corb.) Wreckio (Heyne), ist ein goth. vrakja,
wie Arbio arbja, Wardeo vardja, Burgio baurgja, weiter Kamfio, Fendio (vgl. dem
Sinne nach Faro), Scuzzeo, dieses doch zweifelsohne = Schütze und etwa dem
griechischen Hfiav an die Seite zu stellen (Förstemann liefert uns auch Coufman
als alten PN.) Andere Namen dieser Stammbildung schliessen sich an Adjective:
Richio an richi, Lezzio an lezzi, Horskio an horsc, Frickio an friks, freh- wären
die letzten zwei Namen nicht eine gute Stütze für ein anzunehmendes patronymi-
sches -Jan, da sie zunächst auf PN. Horsc, Freh (vgl. Frehholt, Frehholf) oder in
schwacher Form Horsko, Frehho verweisen? Schwierig bleibt die Entscheidung
über weibliche Namen auf -ia und -is, in deren ersteren unser Verfasser
ebenfalls Verhülltes i der Deminutiva erkennen will, während er in Hildis, Bilis
eine Ableitung -is sieht (S. 55), Uns schiene es am bequemsten und natürlichsten,
Formen wie Hildia, Hiltea, Cozia als movierte Feminina zu den Mannsnamen
Hildi, Cozi zu behandeln, vgl. wini : winja, nijojis : nipjo Grimm 3, 333; wäre
Hiltun von Schannat richtiger gelesen als Hiltiu bei Dronke N. 187 (Förstemann
1, 665)? Starke Formen zeigen dagegen ON. wie Kerhiltahusun, Grimhiltaperg,
Suanahiltadorf usw. (Kuhns Z. 16, 330).
Sorgsamerer Untersuchung bedürfen noch die mit -1 abgeleiteten Na-
me n, denen gewiss nicht durchaus demiuutivischer Werth zukommt und bei denen
oft, wie bei Namen mit ableitendem n, nicht mehr zu ermitteln sein wird, ob ein
spätes -il oder -in nicht etwa auf älteres -ul, -un oder -al, -an zurückgeht; die
Assimilation, die unseren Ahnen ihre Wortformen so bequem machte, macht uns
LITTERATUE. 105
die kritische Sichtung und Etymologie derselben ebenso unbequem. Nicht jede -il-
Ableitung bildet ein Deminutivum : mihhil, putil, scephil ; romanisierte Namen wie
FluduUus, Teuduhis, Prandulus (S. 56 Anm. 2) sind gewiss anders zu beurtheilen
als gut deutsche uI-Ableituugen. Jenem wird deminutivische Bedeutung zuzuerken-
nen sein, diesen gewiss nicht in allen Fällen. Kann es gothischem veinuls, sakuls,
skajiuls gegenüber bedenklich erscheinen, den ON. Thanculashuth bei Heyne
(wenn nicht nach Freccius' Vermuthung = Thancolbeshuth) mit Thankilingthorp
der Frekenhorster Heberolle auf einen alten PN. Thankul zurückzuleiten, wie die
PN. Situli, Huguli (von denen der erstere nach unserem Buche S. 61 keltisch ist)
auf älteres Situl, Hugul? Daß wir aber PN. wie Thankul, Situl, Hugul uns nicht
als verkürzte Composita denken, ebenso wenig wie goth. veinuls, au. Jiögull (vgl.
Tagulo?) u. dgl. Adjectiva, brauchen wir nicht erst zu erklären. Ein gemeinver-
ständlicher Name des Cod. salisb. St. P. (Notizenbl. 1856) ist Frazal, gebildet wie
släfal, scamal. — lieber die Namen mit -iriza, -enza, -inzo, -enzo ist Referent ziem-
lich gleicher Ansicht mit unserem Verfasser (S. 58), der in diesen Suffixen Er-
weiterung durch -n (-in), nicht einen bloß euphonischen Einschub sehen will, nur
möchten wir die Erweiterung für ein altes Suffix halten. Unser Verfasser hat seiner
Erklärung zuliebe Namen wie Maganza, Sigunzo und die Nebenformen Slauganzo,
Slouganzo unerwähnt gelassen, die gewiss schwer ins Gewicht fallen; tritt Maganza
nicht in nächste Nähe zu Magan, Maganus, Sigunzo zu Sigun oder Siguni, wie
die Flußnamen Warinza, Argenza neben Warinna, Arguna stehen (vgl. Förstemann,
Deutsche ON. 248)? Bei Heyne steht Werinza (aus Crec) neben VVerina; vgl.
Wirinzo der Frekenh. Heber. Was den ganz besonderen Namen Slauganzo be-
trifft, so ist vielleicht der Gedanke, es sei in ihm ein slavisches Slovanec, Sla-
vanec zu erkennen, unter Berufung auf den ON. Slougenzin ]\Iarchan (in Ungarn,
9. Jahrh. Forst. 2, 1278), die alemannische Form Alpicauge (Weinhold §. 216)
und bairisches Frogipolt, Peigiri (Weinhold §. 178) mit g für w gestattet. — Daß
in der Anmerkung auf S. 59 dem itahenisch geformten Perduto Namen wie Fa-
stida, Sueridus, Fravitha, ferner Wanito, Tarih u. a. angeschlossen sind, können
wir nicht billigen. Soll man zweifeln, ob sich in den ersten drei Namen gothisches
Jjvastij:)a und sverif)a mit ahd. frewida finden lasse oder, wenn man dem fremden
-US von Sueridus seinen guten Grund zuschreiben will und zugleich die Suffixe ge-
nauer in Acht nimmt, sind Fastida, Fravitha nicht mittelst -an von den Abstrac-
ten abgeleitet (vgl, griechische Namen Tf'p^ig, Tiöiag, und den alten PN.
Friuntscaf), lassen sich nicht Sueridus, Wanito als Participien von sveran, wänjan
(genauer also Sueraidus?) erklären, so daß Sueridus einem AyaTtcoasvöq,
Qi^ov^svos als ähnlich zur Seite träte, und könnte man nicht Wanito genau
mit Speratus übersetzen? Tarit mit andern -it oder -id hat vielleicht activen Sinn
mit scephid, helid, leitid. Hier sind noch große Schwierigkeiten zu beseitigen und
Referent begnügt sich gern damit, auf sie nur aufmerksam gemacht zu haben,
wenn auch keine seiner obigen Deutungen für stichhaltig befunden wird. — Ob
unser Verfasser mit vollem Rechte S. 67 und 100 in Giüki, Sveinki, Brynki alt-
nordische Deminutionsformen bestreitet (s. dagegen Grimm 3, 6 76 und 2, 285,
nicht 1, 258 wie auf S. 100 citiert ist), da uns doch auch deminutivisches Steinka
überliefert wird, erscheint uns zweifelhaft. — Die S. 77 besprochenen Namen
Strune, Struno mit dem FN. Struntz möchte Ref. statt an an. struns fallacia lie-
ber an das (vermuthlich damit verwandte) näher liegende striunjan anschhessen,
das gerade so wie der genannte FN. in Baiern fortlebt (Schmeller 3, 686); ü für
106 LITTERATUR.
iu Weinhold Bair. Gr. §. 60. — Dodalagia, das unser Verfasser S. 78 Anm. 4
für keltisch erklärt, lässt sich mit Hinblick auf Dodelindis, Dodobergia, gewiss
auch als Deoda-lag-ia auffassen (vgl. Deodrada, Deodramnus) und an Namen wie
Hermlagia Odelegius, Willagius, Tetlagius schließen, die wir mit Förstemanns
Stamm LAG zu ags. lagu, ahd. ur-lac, an. lag stellen. — Die in der 1. Anm. auf
S. 79 aufgeführten Sklavennamen Dopiriz (nach Förstemann auch Dapariz) und
Pezzista, beide aus Meichelbeck, Historia Frisingensis, gemahnen uns an slavische
und deutsche Klänge ; wenn auch der erstere Name durch seine Variante schwie-
rig wird, so möchte Ref. doch keinen Augenblick zögern, Pezzista für den regel-
rechten Superlativ zu Pezzira (bei Förstemann) zu erklären und mit Liebesta,
Hc'osta den häufigen griechischen Namen solcher Bildung: Ol^lött}, OsQi0zog^
0EQtaTog., 'Ayiötri (auch mit Weiterbildung: KaXXiGTicov, OL^cötcav und
charakteristisch, wie Dinge des Besitzes behandelt, Neutra wie KaXkiöTLOv^
^LkiöTiov) an die Seite zu stellen. Wie mag unser Verfasser den erwähnten Na-
men Pezzira (bei Förstemann auch Fezzer und Richiro), Liebesta, Herosta (dazu
wohl auch Neosta, vgl. NeätSQOg bei Pape) gegenüber sich verhalten? Will man
solche Superlativ- und Comparativnamen zugeben, so führt das consequenterweise
auch zur Anerkennung gleich verwendeter Positive und darüber ist natürlich die
Theorie der Verkürzung in große Gefahr gerathen. Wenn solche einfache Namen
wirklich, wie unser Verfasser annimmt, nur in vorhistorischer Zeit üblich waren,
so möchten wir, obschon uns diese Behauptung durch nichts begründet erscheint,
dem Verfasser wenigstens die eine Frage entgegenhalten, ob sich nicht hin und
wieder ein schwachherziger Germane, der den Umschwung der Namengebung nicht
gehörig wahrgenommen hatte, durch den Verkehr mit den imponierenden Römern
und der Geistlichkeit konnte verleiten lassen, Namen wie Probus, Felix, Fortuna-
tus, Longinus, Gratus usw. usw. nachzubilden? Gäbe es denn wirklich erhebliche
Gründe, Geilo (vgl. FN. Fröhlich), Tulgo, Prun (bei Crecelius auch ein Brunist),
Ercan, Tiurea, Sconea, Fruoto, Nando, Horsco, Perhto, Perhta ( nata est eis filia,
cui nomen imposuerunt Bertham, quae interpretatur fulgida seu spleudida För-
stemann 1, 240), Salicho, Suozo (Herbordus Dulcis =■ Suzo S. 82; vgl. FXvxcov
und Dulcissima, das nach S. 57 keltisch isi), Leodro, Wirdigo, Wirdika für
etwas anderes zu erklären als für substantivisch verwendete Adjectiva, und nicht
aus componierten Namen herzuleiten? (Bei Pott 718 stehen altindische Namen mit
Superlativform: Vasistha = Dulcissimus, St. Peter dreimal) — Volzo, Foldger
u. dgl. Namen, die Ref. mit as. folda, ags. folde verbinden möchte, werden S. 80
an an, fyldr, ahd. fultar angeschlossen und diesem Adjectivum der Sinn ferox un-
tergeschoben. Wir möchten dieser Deutung wenigstens das Eine entgegenstellen,
daß ahd. fultar höchstwahrscheinlich wie fuo-tar, hlah-tar gebildet ist und nichts
weiter zu bedeuten hat als 'Füllung^ Futter des Kleides (vgl. im Mhd. Wb. vülle
3, 364, 2 und 33) — Bei dem S. 81 erwähnten FN. Spatz wird manchem Leser
die köstliche Figur Spazzos in Scheffels Ekkehard in den Sinn gekommen sein —
woher hat der kenutnissreiche Dichter den Namen? Der FN. kann natürlich auch
den Vogel meinen, dessen Name übrigens ja auch ein hypokoristischer ist wie
Bezo, Gezo usw. Gelegentlich möchte Ref. den Elsternamen Atzel und das nieder-
deutsche Erpel (zu der oben erwähnten Glosse fuscus erpfer) als ähnliche Kose-
formen anschließen. — Zudamaresfelt, das S. 82 an Zuzo, das wohl = Zuozo,
Zuto u. a. N. angereiht ist (S. auch S. 117), wird am leichteten aus slavischem
Cudomir gedeutet, das sich seinem Etymon nach an AiÖiQioq u. ähnl. Griechen-
LITTERATUE. 107
namen schließt ; in -mar für slavisches -mir haben wir eine Art Volksetymologie.
Man vergleiche auch Stresmaren bei Föi'stemann 2, 1320, dessen Sinn ungefähr
der von Warfrid ist, wenn man ein syntaktisches Verhältuiss dieser Art wollte
gelten lassen (was ja im Allgemeinen nicht statthaft sein wird).
Zu dem S. 85 unter Strinzo beigezogenen strichen gibt das Mhd. Wb. mehr
und bessere Belege ; lip ist aus der ersten Auflage stehen geblieben. Dem Namen
Froiza mochte Ref.Fruza nicht ohne Bedenken anreihen und lieber an den Stamm
frod erinnern, dem mit begreiflicher Unterdrückung des Dentals Fruarit, Fruarad
zugehören werden. Aehnlich ist Flarid, Flarich aus Fladrid, Fladrich zu erklären;
das Erstere zeigen deutlich die Nebenformen des ON. Flaridingun bei Förstemann.
— Clauza, nach S. 86 = Clawiza ist der Kosename der in derselben Urkunde
vorkommenden Claudiana, wie dem Ref. von verehrter Seite versichert wurde. —
Bei Wieza (S. 86), das mit Wiezil (S. 93) zusammenzustellen ist, erscheint uns
besonders auflPällig, daß das verschwundene r seine Spur, das dialektische ie für
gleichfalls dialektisches i an der Stelle von ursprünglichem e (nicht e) zurückließ;
man vgl. Weinholds Bair. Gr. §. 9l die Beispiele für ie statt e und §. 18 i statt e.
— An das S. 89 besprochene Trizo, über dessen Deutung unser Verfasser keine
volle Sicherheit erreicht hat, lehnt sich wohl der FN. Treiz (= Trizo und mit
Tiigbald, Trigmund zu vereinigen ?), vielleicht auch Treitschke und Treitzsauer-
wein von Emtreitz. Die FN. Tretzl und Tretzer werden aber zu traz gehören. — Zu
S. 9 1 erlauben wir uns die Bemerkung, daß 'pro Euurwini, Madalwyni, Brunheri,
Meynheri nicht einen obliquen Casus der Namen liefern muß und Förstemann
eher im Rechte sein wird, als unser Verfasser. Dem weiter unten besprochenen
Rukelo werden sich süddeutsche FN. : Rock, Ruck, Rockinger und bei Heyne der
ON. Rokkonhulis auschliessen lassen. — Das schon von Grimm 3, 693 f. als
doppelte Deminution behandelte Asig und Asico, das unser Verfasser S. 94 auf
Adsico, Aziko zurückführt, kommt uns, wenn man Osic (bei Heyne) neben Osbern,
Osbraht, Osi u. a. N. in Anschlag bringt, wie eine Bildung aus dem Stamme ans
vor. Die Deutung unseres Verfassers könnte dagegen in Hese = Hedwig (bei
Grimm), osi gegenüber odi, zaser neben zader u. dgl. eine Stütze finden. — S. 95
sind zu den abgefallenen Stämmen bald, berga usw. aus dem Folgenden mehrere
nachzutragen: bero, deo, funs usw. Warum ist unter diesen gytha in Lioba = Liob-
gytha (s. S. 15) besonders aufgeführt und nicht an gund angeschlossen? Der Name
hat Dialectwidersprüche in sich und verräth nur im ersten Theile richtige Auffas-
sung des entsprechenden ags. leöf. — Die S. 95 — 97 gegebene Uebersicht erin-
nert uns an eine ähnliche in Förstemanns Deutschen Ortsnamen, wo die ver-
witterte Wortmitte' von ON. in Betracht gezogen ist. Zwischen der heutigen
und der ältest überlieferten vollen Form mancher Namen liegt wohl eine Mittel-
stufe mit hypokoristischer Namensform: zwischen Erboldeswane und Erbenschwang
ein Erbineswanc, zwischen Engilbertisriuti und Euglisreute ein Engilisriuti, ähn-
lich wird es mit Blatmarisheim und Blödesheim, BaldhereswilareuudBaltenschwail,
Ansuinesheim und Enzheim usw. sich verhalten. Wir glauben, daß diese Art der
Erklärung, nicht die von Förstemann, besonders dort berechtigt erscheint, wo das
zweite Compositionsglied starrerer Natur ist, z. B. Alfrikesrod, jetzt Alvesrode,
Waltricheswilare, jetzt Waltenschweil. — Zu bedauern ist es, daß uns der Ver-
fasser über seine Auffassung des Namens Sabarethus (= Saba) nichts sagt; die
mit aufgeführten Formen stören das Vcrständniss, Sebbi, das für Sabarethus
steht, möchte wohl auf einen einstämmigen Kosenau^cn weisen. Könnte ags. aefa
108 LITTERATUK.
zum Etymon gehören? Dem interessanten Cannabas = Cannabaudes stellt sich
vielleicht aus dem Namenwulst Gundobagaudus (Forst. 1, 558) ein ganz ähnliches
Guudoba an die Seite (Gaudus appellativisch?). — Wenn S. 108 Zemifrid^ Ze-
midrud und Zemfo zusammengerathen sind, so möchte Eef. bei Zemidrud darauf
hinweisen, daß neben diesem Namen St. P. 107, 9 andere entschieden slavische
Namen stehen: Liubona, Wizzemir und ein zweiter unleserlich gewordener Name
auf mir. Zemidrud wird unserer Ansicht nach ein Missverständuiss für Zemidrug
sein; man vergl. auch Zemiliub, Zemusesdorf (F. 2, 1583), Zemigneu (St. F.)
und sehe hierüber Miklosich, PN. 142, ON. 35. — Die Concession, zu der sich
unser H. Verf. bezüglich des Namens Wamba herbeilassen will, 'eine Ableitung
mit b auch für germanische Namen anzunehmen', regt entschiedenes Bedenken
an. Wir erlauben uns, in Wamba nach schlichter alter Weise aus vamba (st. f,)
mittelst -an gebildet aufgefaßt, einem Jaörpcov, Naso u. dgl. Namen gegen-
über weiter nichts Anstößiges zu finden, ob diesen Namen ein König oder
ein Diaeon in den schönen Tagen seiner Kindheit erhalten hatte. — Den
Namen Joppo, Jöppo und Joperht, Eoperht an iwa anzuschließen, hält Refe-
rent nicht für rathsam. Jenem Joppo bei St. P. möchte man zunächst Jüflfo
(Notizenbl. 1855 S. 474) anreihen, vielleicht auch Jodunch (St. P.) ; es scheint
über die Etymologie noch nichts Sicheres gewonnen werden zu können.
Über den Sinn der Worte (S. 119), daß es zweifelhaft, doch in dieser
Zeit immerhin möglich' sei, Nappo (12. Jahrhundert) ähnlich wie Woppo,
Noppo (10. 11. Jahrhundert) zu erklären, bleiben wir im Ungewissen;
sollen wir annehmen, Nappo aus Natbold sei gerade noch vor Thor-
schluss entstanden? Weiß unser Herr Verf. schon etwas Bestimmtes über
die zeitliche Abgrenzung solcher Namensformen, so hätten wir gern davon ge-
hört; Tobler gibt uns bei Frommann VI, 460 Noppi aus später Zeit = Ne-
pomuk (?), vielleicht aus Norbert? — Wenn der ags. Name Wyppa (S. 122)
auch in der Variante Pybba (das zweite Mal ist Pyppa wohl verdruckt wie
auch Wybba?) und ebenso Porr für Worr zu finden ist, so haben wir hier
wohl nichts weiter vor uns, als eine irrige Auifassung des asg. w, das sich leicht
mit p verwechseln lässt. — Vergleicht unser Verf. S. 127 den friesischen
Namen Hebe = Hebrich, was er für Hedbirgis hält, mit Hebetet bei Crecelius
(Heyne 13), so müssen wir in letzterem Namen vielleicht eine Analogie zu
Enziman, Enzawib erkennen und tet appellativisch fassen? Man denke an ther
sun zeizo , Schmeller gibt 4, 287 zeizo -pusio. Wie erklärt sich dann das neben
Hebetet, auch in der frekenhorster Heberolle, erscheinende Hebo und Hevo?
Der Deutung Ruprechts (Germania 13, 308) kann Ref. sich nicht an-
schließen und will nur auf Heyne 39, 25 f. verweisen (Teta, Tetico usw.) —
Die S. 130 aufgeführten Namen Eburnus, Gagand, Leodego möchte Ref. an-
ders auffassen als unser Verf. In Eburnus haben wir wohl eine synkopierte
Form von Eburinus (F. 1, 361) zu erkennen, Gangand (das unser Verf. in
Gagand ändert) ließe sich für Gangard = Gaginard ansehen und bezüglich
des Lautwandels auf Weinholds Bair. Gramm. §. 170 verweisen, bei Leodeguz,
woraus Leodego erschlossen ist, kann auch das abkürzende Zeichen für ri ver-
gessen sein. Jedenfalls muss es bedenklich erscheinen, in ungewöhnlichen alten
Namensformen Lautwandelungen viel späterer Zeiten anzunehmen. — Die mei-
sten auf S. 130 — 141 besprochenen Namen möchte Ref. gar nicht als Kose-
namen behandeln: Freck = Frederik, Sirck = Sirik, Sigerik ist ebenso wenig
MISCELLEN. 109
hypokoristisch wie sziurke, Ijurke, kirche, Lerche und si = sige, wie schuoster,
weit u. dgl. m. Vielleicht ist auch hin und wieder das Jota subscriptum der
Friesen (Grimm 1,^ 414) übersehen worden.
Sehr zu Danke verpflichtet sind wir dem Verfasser für die drei sorgfäl-
tigen Eicurse am Schlüsse seines Buches, der letzte derselben hat in dieser
Zeitschrift zu einer eingehenden Betrachtung friesischer Namen geführt, wobei
es sich besonders auch um einen Punkt handelte, bezüglich dessen Ref. nicht
der Ansicht unseres Verfassers beistimmen kann: das nach S. 170 einmal be-
legte Armet für Arnet, Arnold (wo vielleicht gar ursprüngliches w von wald
auf n einvnrken konnte, wie es bei b oft der Fall ist), scheint die Annahme
der Vertretung von ursprünglichem n durch m in vielen andern Namen noch
nicht zu rechtfertigen, wir sind vielmehr geneigt, den Aixsführungen Ruprechts
über den Ursprung des m in einer Reihe friesischer Namen (Germania 13,
301 — 304) Recht zu geben.
Was schließlich die Ausstattung unseres Buches betrifft, so haben wir
an manchen Stellen Grund über entstellende Druckfehler zu klagen, wie z. B.
Matathesis (S. 27), si/copirt und sincopirt (S. 32 und 136), ^7pokoristisch
(S. 4l), gemminirt und Gemmination, Exce^ten, Petronymicum, Polypt^chon (im
3. Jahrg. unserer Zeitschrift war durchaus nur Typtychon zu lesen). Ob alle
Citate correkt gedruckt sind, kann Ref. leider nicht beurtheilen; bei Strinzo
(S. 58) fanden wir eine auffällige Verschiedenheit zwischen 'Drouke n. 115
a. 883' und Förstemanns Dronke n. 515 a. 838.
Leitmeritz, Juni 1869. J. PETTEES.
MISCELLEN.
Drei deutsche Litterarhistoriker.
Die letzten Jahre, wie sie den Kreis der Germanisten überhaupt in
schmerzlicher Weise gelichtet, haben rasch nacheinander drei unserer verdien-
testen Litterarhistoriker weggerafft. In der Nacht vom 29. auf den 30. Juli
1868 starb August Friedrich Christian Vilmar, am 21. December 1869 folgte
Karl Heinrich Wilhelm Wackernagel, und am 8. März 1870 Karl August
Koberstein. Ein reiches Stück Entwickelung unserer Wissenschaft ruht in
diesen drei Namen; die Darstellungen deutscher Litteraturgeschichte, die wir
ihnen verdanken, haben jede ihre Eigenart und laden zu einer vergleichenden
Betrachtung ein.
Koberstein, der zuletzt Heimgegangene, betrat am Früheston unter
den Dreien das germanistische Gebiet. Am 10. Jänner 1797 zu Rügenwalde
in Pommern geboren, empfieng er den ersten Unterricht von seinem Vater, der
Prediger war, seine weitere Ausbildung seit 1809 durch die Cadettenanstalt
110 MISCELLEN.
zu Stolpe, seit 1811 zu Potsdam, wohin dieselbe verlegt worden, und von 1812
bis 1816 auf dem Friedrich- Willielms-Gymnasium zu Berlin. 1816 bezog er
die dortige Universität und widmete sich vorzugsweise philologischen Studien,
nach deren Vollendung er eine Adjunctenstelle an der Landesschule Pforta
erhielt. Er trat dieselbe am 3. August 1820 an, wurde 1824 zum Professor
ernannt und rückte 1855 in die Stellung des ersten Professors auf. Einfach
sind, wie man sieht, die äusseren Umrisse dieses Lebens, aber es war inner-
lich reich an segensreicher Wirkung auf die Jugend, die mit begeisterter Liebe
an dem bis ins Greisenalter jugendfrischen Lehrer hieng. Denn hier war neben
gediegenstem Wissen ein warmes Herz, ein ästhetisch durchgebildeter Geist, der
seine Anregung Männern wie Böckh, Hegel, Solger und Tieck verdankte. So
frisch wie sein Geist blieb auch bis ins Alter hinein sein Körper: der statt-
liche kräftige Mann erfreute sich der dauerhaftesten Gesundheit, als ihn im
Sommer 1869 eine Lungenentzündung befiel. Zwar erholte ersieh, aber wahr-
scheinlich in Folge einer Erkältung kehrte im Frühjahr 1870 die Krankheit
wieder und raffte ihn dahin, als eben seine CoUegen und seine ehemaligen
wie gegenwärtigen Schüler sich zu seiner im August bevorstehenden Jubel-
feier rüsteten.
Für Litteraturstudien hatte er schon auf der Schule und Universität eine
"Vorliebe gezeigt. Gleich seine erste Arbeit über das wahrscheinliche Alter
und die Bedeutung des Gedichtes vom Wartburger Kriege (Naumburg 1823.4)
bewährte seine Befähigung zu litterarischen Forschungen auf einem schwieri-
gen Boden, so daß Lachmann*) ihn mit einem 'herzlichen Gruß' in der Ge-
sellschaft der Freunde des deutschen Alterthums' empfieng. Angeregt durch J.
Grimms Bemerkung, daß die Sprachstufe zwischen dem Mittelhochdeutschen
und Neuhochdeutschen erst lückenhaft dargestellt sei, nahm er einen Dichter
dieser Periode, Peter Suchenwirt, zum Gegenstande von Specialuntersuchungen,
hauptsächlich grammatischer, aber auch metrischer Art. Zuerst erschien sein
Pi-ogramm 'Über die Sprache des österreichischen Dichters Peter Suchenwirt.
Erste Abtheilung: Lautlehre (1828. 4.); es folgten 'Qusestiones Suchenwirtianae.
n. Leges quaedam a Suchenwirtio observatae in arte metrica. Denominum de-
clinatione' (1842. 4.), 'Über die Betonung mehrsilbiger Wörter in Suchenwirts
Werken (1843. 4.), und die 'Dritte Abtheilung: Abhandlung der Conjugation'
(1852. 4.) Diesen in streng gelehrter Form verfassten Arbeiten schließen sich
andere an, die, auf gleich gediegener Grundlage ruhend, doch in der Form den
Bedürfnissen eines weiteren Leserkreises sich anpassen, meist Vorträge, die er
seit 1837 im litterarischen Vereine des benachbarten Naumburg gehalten. Sie
erschienen als 'Vermischte Aufsätze zur Litteraturgeschichte und Ästhetik'
(Leipzig 1858. 8.) und spiegeln in ihrer Mannigfaltigkeit Kobersteins vielsei-
tiges Wissen ab. Göthe und Shakespeare sind seine Lieblingsgegenstände, die
Abhandlung über das Naturgefühl der Deutschen, die über die in Sage und
Dichtung gangbare Vorstellung vom Fortleben menschlicher Seelen in der
Pflanzenwelt, so wie die über Thüringens und Hessens Verhältniss zur deutschen
Litteratur greifen in die ältere Zeit hinüber.
Ausschließlich der neueren Periode gehört die Herausgabe von Heinrichs
von Kleist Briefe an seine Schwester Ulrike' (Berlin 1860. 8.), ein wichtiger
■■) In der jenaischen Allg. Litteratur- Zeitung 1S2.'>, Nr. 194-195.
MISCELLEN. lU
Beitrag zur Geschichte der Eomantik, für welche Koberstein ein besonderes
Interesse hatte. Sodann die Weiterführung von Wilh. L(5bells Entwickelung
der deutschen Poesie von Klopstocks erstem Auftreten bis zu Gothas Tode',
nach den von Löbell ihm noch bei seinen Lebzeiten übergebenen Vorarbeiten:
so erschien 1865, bald nach Löbells Tode, der dritte Theil, der mit Lessing
sich beschäftigt. Auch ein kleiner Beitrag zu Gosches Archiv für Litteratur-
geschichte I, 312 — 314 'über die 17 7G unter dem Namen von J. M. R. Lenz
erschienene Komödie die Soldaten', das letzte, was Koberstein geschrieben und
erst nach seinem Tode veröfientlicht, gehört derselben Litteraturepoche an.
Der langjährige Unterricht im Deutschen rief seine 'Laut- und Flexions-
lehre der mittelhochdeutschen und der neuhochdeutschen Sprache in ihren
Grundzügen zum Gebrauch auf Gymnasien (Halle 1862, 8, 2. Auflage 1867)
hervor, ein Büchlein, welches unter den vielen gleichartigen, durch Klarheit
der Darstellung und besonnene Auswahl des Stoffes eine ausgezeichnete Stellung
einnimmt.
Sein Hauptwerk zu nennen habe ich bis zuletzt verschoben, wiewohl es
in die Anfänge seiner litterarischen Thätigkeit hinaufreicht : seinen Grundriß
der Geschichte der deutschen National-Litteratur' (Leipzig 1827. 8.) Hervor-
gegangen aus der Praxis, sollte das Buch ein Leitfaden für Lehrer und Schüler
sein. Der damals freilich noch nicht umfangreiche Apparat für die ältere Lit-
teratur wurde, hauptsächlich zum Frommen des Lehrers, in Form von Anmer-
kungen beigegeben, während dieselben für die neuere Zeit sparsamer ausfielen.
Es war der erste Versuch von Seiten eines Germanisten von Fach, und er
fand solchen Beifall, daß schon 1830 eine neue Auflage nöthig ward, der 1837
die dritte folgte. In beiden kam der allmählich angewachsene Apparat haupt-
sächlich den Anmerkungen zugute, indem Koberstein die neuesten Forschungs-
resultate unter Angabe der Quellen, oft auch der maßgebenden Äußerungen mit-
theilte, nach denselben aber auch, wo es nöthig war, den Text umgestaltete.
Auf diese Weise waren für die ältere Zeit schon in der dritten Auflage die
Anmerkungen zu bedeutendem Umfange angewachsen. In noch höherem Grade
war dies der Fall in der vierten Bearbeitung, die etwa 1841 begonnen wurde,
und ihren Abschluß mit drei starken Bänden 1866 fand. Wesentlich unter-
scheidet sich diese letzte von den früheren durch die Behandlung der neueren
Litteratur. Während im Mittelalter nach wie vor Koberstein auf die Forschun-
gen bewährter Fachgenossen sich stützte und der Werth seiner Darstellung in
der kritischen Sichtung des Stoffes besteht, machte er für die neuere Zeit, da
es hier an Vorarbeiten fehlte, diese selbst. Das erklärt die langsam vorschrei-
tende Bearbeitung, den gewaltigen Umfang (3391 S. gegen 299 der ersten
Auflage), die den Text überwuchernden Anmerkungen, in denen das Forschungs-
material niedergelegt war, das jedoch ausführlicher mitgetheilt werden musste,
weil nur selten auf vorausgehende Forschungen verwiesen werden konnte. Das
verleiht aber der vierten Auflage ihren bedeutenden originalen Werth und macht
sie zu einer unschätzbaren Fundgrube gewissenhaftester Einzelstudien aus den
Quellen, Die metrischen Beobachtungen, die schon für die ältere Periode, we-
sentlich auf den Forschungen anderer, namentlich Lachraanns, ruhend, einge-
streiit waren, haben für die neuere einen durchaus originalen Werth und ber-
gen eine Fülle des werthvollsten Stoffes.
Als in den letzten Jahren Koberstein zu einer fünften Bearbeitung sich
112 MISCELLEN.
entschloss, musste sein Hauptaugenmerk auf die Neugestaltung des ersten Theiles
gerichtet sein, denn hier lagen 25 Jahre fleißiger und ausgedehnter Arbeit da-
zwischen. Die Vorarbeiten dazu waren bei seinem Tode im Wesentlichen ab-
geschlossen, in Blättern und Fascikeln mit Excerpten nach der Seitenzahl der
vierten Auflage geordnet, und die Ausarbeitung des Textes, der bedeutend um-
gestaltet werden sollte, beschäftigte ihn bereits lebhaft, als der Tod das rü-
stige Schaffen abschloß. Wenn auch nur ein kleiner Theil der Ausarbeitung
vorläge, es wäre für den, der die fünfte Auflage auszuführen übernommen *),
eine große Erleichterung, weil dann ersichtlich, in welchem Sinne und Umfange
Koberstein die frühere Bearbeitung umgestaltet haben würde. Aber aus den
sehr reichlichen Excerpten, die oft zu ein Paar Seiten des Textes gegen 30
Seiten Ms. bieten, ist so viel klar, daß die Textgestaltnng sehr verändert
worden wäre, uud darauf deuten auch die Äußerungen Kobersteins in seiner
letzten Lebenszeit hin.
Keine unserer Litteraturdarstellungen gibt ein so augenfälliges Bild von
dem Gange vxnserer Forschungen, gerade der referierende Charakter von Ko-
bersteins Arbeit, der mit seinem persönlichen Urtheil sich nirgend vordrängt,
macht sie demjenigen so werthvoll, der die Geschichte der Forschung verfol-
gen will. Aber auch bei keiner hängt die Form, die das Buch allmählich ge-
wonnen, so innig mit ihrer Entstehungsgeschichte zusammen. In wieweit hier,
namentlich im Verhältniss von Text und Anmerkungen in der fünften Bear-
beitung Veränderungen eintreten dürfen, wird der Gegenstand sorgfältiger Er-
wägung sein müssen.
Von Kobersteins Persönlichkeit musste sich auch wer nur kurze Zeit mit
ihm verkehrte, lebhaft angesprochen fühlen. In den letzteren Jahren bildete er
den patriarchalischen Mittelpunkt eines Kreises von jüngeren thüringischen
Germanisten, der Vogelweide\ die im Sommer in Kosen zusammenkam* Hier
habe auch ich, nachdem ich ihn im Herbste 1865 zuerst kennen gelernt, im
Juni 1867 einen fröhlichen Tag mit ihm und anderen Freunden verlebt, und
mich an des rüstigen Greises jugendfrischem Geiste und Herzen erquickt und
erfreut.
Vilmar, dem Alter nach Koberstein der nächste, und auch nächst ihm
mit einer Darstellung der Litteraturgeschichte hervorgetreten, wurde am 21. No-
vember 1800 zu Solz in Kurhessen geboren, auch er eines Geistlichen Sohn,
auch er durch den Vater ersten Unterricht empfangend. Nachdem er das Gym-
nasium zu Hersfeld absolviert, bezog er 1820 als Theologe die Universität Mar-
burg, und erhielt 1827 eine Stelle als Lehrer an dem Gymnasium, dem er
als Schüler angehört hatte. Als Mitglied der kurhessischen Ständeversammlung
(seit 1831) und der Kirchen- und Schulcommission übte er auf die hessischen
Gelehrtenschulen einen bedeutenden Einfluß. 1833 wurde er zum Direktor
des Gymnasiums zu Marburg ernannt, und wirkte hier als Lehrer ebenso wie
in seiner früheren Stellung (auch am Hanauer Gymnasium war er kurze Zeit
thätig), höchst anregend und fruchtbar. 1850 als vortragender Rath ins Mini-
sterium des Innern bei-ufen, 1851 vertretender Vorstand der Generaldiöcese an
der Diemel und Schwalm, und 1852 Mitglied der ersten Kammer, wandte er
*) Auf Wunscli des Herrn Verlegers und der Erben Kobersteins habe ich mich
der schwierif:cen Aufgabe unterzogen.
MISCELLEN. 113
sich überwiegend praktischer Thätigkeit zu, die in Kirche und Schule dem
strengsten Orthodoxismus huldigte. 1855 wurde er als Professor der praktischen
Theologie nach Marburg berufen und hat bis zu seinem Tode diese; Stelle be-
kleidet. Man sieht, es ist kein so ruhig hinfliessendes Leben wie das Kober-
steins, sondern tief eingreifend in die Strömung der Zeit und tief von ihr er-
griffen, ja selbst fortgerissen. Der Leidenschaftlichkeit dieser Natur musste inne
werden, wer in das von tiefen Linien durchschnittene Antlitz Vilmars sah.
Seine religiöse Richtung zu beurtheilen, liegt uns hier fern; auch seine nach
dieser wie nach der pädagogischen und politischen Seite gehende litterarische
Thätigkeit lassen wir bei Seite und beschäftigen uns ausschließlich mit seinen
Leistungen für deutsche Sprache und Litteratur.
Dieser brachte Vilniar, der Landsmann der Brüder Grimm, eine warme
verständnissvolle Theilnahme entgegen. Sein erster Versuch auf dem Gebiete
war das Programm de gcnitivi casus syntaxi quam prsebeat harmonia evan-
geliorum saxonica dialecto saec. IX conscripta commentatio' (Marburg, Elwert.
4.), eine gründliche grammatische Specialforschung, Von geringer Bedeutung
war die Herausgabe des Lehrgedichtes Von der stete ampten und von der
fursten ratgeben (Ebend. 1835. 4.), in welchem erst viel später F. Bech ein
Werk von Johannes Rothe erkannte. Um so bedeutsamer ist seine Untersuchung
über 'Die zwei Recensionen und die Handsclniftenfamilicn der Weltchronik
Rudolfs von Ems' (Marb. 1839. 4.; 2. Ausg. Frankf. a. M. 1864), denn sie
setzte einen schwierigen Punkt der älteren Litteraturgeschichte ins Klare und
muss in ihren Hauptresultaten noch heute als maßgebend gelten. Seine Deutsche
Grammatik' (Marburg 1840. 8.) war dem Bedürfniss der Schule entsprungen,
an welcher Vilmar den deutschen Unterricht der Prima leitete, der erste von
echt wissenschaftlicher Seite ausgegangene Versuch, die Resultate der histori-
schen Betrachtung der Sprache in die Schule einzuführen. Der Erfolg zeigte,
daß es ein glücklicher Griff war; schon 1841 war die kleine Auflage vergrif-
fen, und 1864 erschien die sechste, wiewohl seitdem die Zahl derartiger
Schriften sich bedeutend vermehrt hatte. Als zweiten Theil veröffentlichte kürz-
lich Grein Die deutsche Verskunst nach ihrer geschichtlichen Entwickelung
unter Benützung von Vilmars Nachlasse (Marb. 1870), eine ebenfalls sehr ver-
dienstliche Arbeit, die unter den Händen des Herausgebers bedeutende Er-
weiterung und Vervollständigung gefunden. Einem anderen Gebiete, für wel-
ches Vilmar viel Begabung besaß, dem der Culturgeschichte, gehören seine
'Deutsche Alterthümer im Heiland' (Marb. 1845, 4.; 2, Ausg, 1862. 8.), worin
er mit feinem Sinn zeigte, wie bei allem treuen Anschluß des altsächsischen
Dichters an seinen Stoff, doch sein Werk einen deutschen Charakter trage,
sein Christus im Sinne eines deutschen Volkskönigs aufgefasst, das ganze Leben
als ein Abbild altgermanischen Lebens zu betrachten und somit aus der alt-
sächsischen Evangelienharmonic reicher Gewinn für unsere Alterthumskundc
zu ziehen sei. Die Abhandlung *Znr Litteratur Johann Fischarts' (Marb. 1846.8.)
brachte einen werthvoUen Beitrag zur Litteratur des 16. Jahrhucderts und er-
schien 17 Jahre später (Frankf. a. M. 1865. 8.) in bedeutend erweiterter
Gestalt, hauptsächlich durch Benützung der unvergleichlichen Meusebach'schen
Bibliothek. Fischart war ein Lieblingsdichter Vilmars, und in seinem Nachlasse
befindet sich eine mit allem kritischen Apparat versehene Ausgabe vom Bie-
nenkorb' so gut wie druckfertig. 1852 erschien sein Spicilegium hymnologicum
GERMANIA, Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 8
114 MISCELLEN.
(Frankf. a. M.), welches unedierte lateinische Hymnen und ältere deutsche Über-
setzungen brachte; die einzige litterar-historische Frucht dieser für Vihnar so
bewegten Periode. Um so ergiebiger waren seine letzten Lebensjahre, die außer
neuen Ausgaben älterer Schriften zunächst sein Deutsches Namenbüchlein'
(Frankf. a. M. 1861, 8., 4. Aufl. 1865) brachten, eine hübsch geschriebene
und für ein größeres Publicum berechnete Darstellung über die Entstehung
und Bedeutung der deutschen Familiennamen. Daran reiht sich sein 'Hand-
büchlein für Freunde des deutschen Volksliedes' (Marb. 1867. 8.), eine so
recht Vilmars Geistes- und Gemüthsrichtung entsprechende Arbeit, eine treff-
liche Charakteristik des Wesens des Volksliedes, die solchen Beifall fand, daß
schon im folgenden Jahre eine neue Auflage nöthig wurde. Auch seine letzte
germanistische Arbeit, sein 'Idioticon von Kurhessen' (Marb. 1868. 8.) hängt
mit dem Volksleben nahe zusammen und beruht auf langjähriger Sammlung
des Stoffes und genauester Beobachtung und Kenntniss des Landes, dessen
Sohn er selbst war. Nach seinem Tode gab Vilmars Schüler Piderit 'ein Weih-
nachtsspiel aus einer Hs. des XV. Jahrhunderts' unter Benützung einer Abschrift
Vilmars mit dessen Anmerkungen heraus (Parchim 1869. 8.). Ebenso erschien
aus dem Nachlasse noch eine Arbeit über Goethes Tasso (Frankfurt a. M.
1869), wieder voll schöner Bemerkungen, wenn auch nicht unbeeinflußt von
seinem Standpunkte.
Keine seiner Arbeiten kann jedoch gleichen Erfolges sich rühmen wie
seine Geschichte der deutschen National-Literatur . Das Buch war • aus Vor-
lesungen hervorgegangen, die Vilmar im Winter 1843 — 44 in Marburg gehal-
ten hatte, und trug daher bei seinem ersten Erscheinen (Marb. 1845. 8.)
den Titel Vorlesungen zur Geschichte der deutschen National-Literatur'. Die
Entstehung aus Vorlesungen vor einem größeren Publicum muss als bedeutsam
für den Charakter des Buches angesehen werden: ihr verdankt es die geho-
bene schwungvolle Sprache, die oft blühend ist, das Zui-ücktreten aller Detail-
forschung, das Verzichtleisten auf Vollständigkeit des Stoffes, das Verweilen
bloß auf den Höhepunkten. Fast überall tritt Beherrschung des Stoffes zu Tage,
überall ein feiner ästhetischer Sinn, eine liebevolle Hingabe an den Gegen-
stand. Den hervorragenden Theil des Buches bildet die Darstellung der älte-
ren Litteratur, bis zum 16. Jahrhundert, dieses mit eingeschlossen, also die Zeit,
in der auch Vilmars eigene Foililhungen sich bewegen. In der Darstellung der
neueren Zeit macht sich der individuelle Standpunkt des Verfassers mehr gel-
tend, und hier wird man seinen Urtheilen nicht immer beipflichten können.
Auch nachdem bei neuen Auflagen die Bezeichnung 'Vorlesungen' weggefallen,
blieb doch der Charakter des Buches wesentlich derselbe; es wurde in einzel-
nen Partien erweitert und vervollständigt, die beigefügten Anmerkungen, reich-
licher beim ersten als beim zweiten Theile, gaben das nothwendigste litterarische
Material. Von Jahr zu Jahr wuchs die Verbreitung des Buches, 1869 erschien
es in 13. Auflage. Was man den späteren Auflagen zum Vorwurf machen
darf, ist daß nicht, weder im Texte, noch in den Anmerkungen, die neueren
Forschungen berücksichtigt worden sind. Gleicliwohl ist unter den populär
darstellenden Litteraturbüchern keines, das mit gleichem Rechte sich die Liebe
des Publicums erworben. Vilmars Buch hat viel dazu beigetragen, daß die
altdeutsche Litteratur dem Volke vertrauter wurde. Ob es auch das Studium
der Originale begünstigt hat, ist allerdings die Frage, denn gar mancher ließ
MISCELLEN. 115
sich an Vilmar genügen, und noch andere lesen sogar Vilmars Auszag aus
dem Nibelungenliede lieber als das alte Lied selbst. Eine Ergänzung zu dem
Buche bilden die nach Vilmars Tode herausgegebenen 'Lebensbilder deutscher
Dichter' (Frankfurt a. M. 1869. 8.), so wie die 'Charakterbilder der deutschen
Litteratur von E. Labes' (2 Bände, Jena 1866 — 67. 8.)
Wackernagel, unter den drei Männern, von denen wir hier reden, in
geistiger Begabung, in Ausbreitung und Vielseitigkeit des Wissens unbestritten
der bedeutendste, wurde ara 23. April 1806 zu Berlin geboren. Sein Vater,
ein aus Thüringen stammender Buchdrucker, starb frühe und des Knaben Ju-
gend war eine entbehrungsreiche und gedrückte. Auf dem grauen Kloster ge-
bildet, widmete er sich 1824 — 27 unter Lachmanns Leitung ausschließlich den
altdeutschen Studien, die er schon auf dem Gymnasium getrieben hatte. Die
Zeit bis zu seiner Berufung nach Basel (1833) verlebte er theils in Breslau,
theils in Berlin, als Privatgelehrter, indem er sich seinen Lebensunterhalt durch
litterarische Arbeiten, Copieren von Handschriften, auch durch Theaterkritiken
erwarb. Die Professur an der Universität Basel, der er 36 Jahre angehörte und
der er zur glänzenden Zierde gereichte, war mit einer Stellung am Pädagogium
verbunden, und darin berührt sich seine Thätigkeit mit der Kobei-steins und
Vilmars. Wie diese, wirkte er anregend fördernd und weckend auf seine zahl-
reichen Schüler. Ihm ist daher diese Schulthätigkeit, wenngleich sie die Mühen
seines Berufes vermehrte, zeitlebens eine liebe und theure geblieben. An Basel
durch geknüpfte Familienbande gekettet, schlug er die glänzendsten Berufungen
nach größeren Universitäten, München, Berlin und Wien aus, an denen sicli
seinem akademischen Lehrtalente ein ganz anderes Feld eröffnet hätte. Die
Schweiz war ihm zur Heimat geworden, hier hatte er eine Ruhestätte gefun-
den nach der Wanderzeit einer harten Jugend. Ihre Entbehrungen hatten ihn
aber an Leib und Seele gestählt; die hohe kräftige Gestalt entsprach dem
Eindrucke seines geistigen Wesens und der Energie seines Charakters. Allzu-
gesteigerte geistige Anstrengung brach jedoch auch diese feste Natur. Seit
Jahren nervös reizbar, zeitweise schlaflos, wurde er in den 50er Jahren wie-
derholt krank. Der Winteraufenthalt in Nizza (1864 — 65) schien ihn wieder
herzustellen, aber auch nur vorübergehend, und er sah sich genöthigt, die Thä-
tigkeit am Gymnasium ganz aufzugeben. Im Winter 1867 — 68 erkrankte er
von Neuem bedenklich, aber kaum genesen, wandte er sich mit rastlosem Eifer
gelehrten Arbeiten zu. Eine Wiederkehr des alten Leidens im November 1869
schien anfangs nicht so gefahrvoll, um so unerwarteter kam ein neuer Anfall
am 11. December, der am 21. Decembcr seinem reichen Leben ein Ziel
setzte.
In der Beurtheilung Wackernagels darf seine künstlerische und dichte-
rische Begabung nicht bei Seite gelassen werden. Sie verlieh Allem, was er
schuf, das eigenthümliche Gepräge, der Form die künstlerische Gestaltung,
den Gedanken die weittragende Kühnheit und Combinationskraft, der Sprache
den edlen dichterischen Schwung. Nach der philologischen Seite von Lach-
mann angeregt, und in der That einer seiner bedeutendsten Schüler, hat er
in der Geistesrichtung und Anlage doch mehr Verwandtschaft mit J. Grimm,
dem er auch an Vielseitigkeit von allen Germanisten am nächsten tritt. Seine
gelehrte Thätigkeit begann er in frühen Jahren; schon 1827 ließ er die Ge-
dichte zweier der ältesten Ijyrikor, des Kürenbcrgers und Alrams von Gereten
116 MISCELLEN.
(Berol. 8.) erscheinen, gab 'Spiritalia theotisca' (Vratisl.) und eine Abhandlung
'Das Wessobrunner Gebet und die Wessobrunner Glossen (Berlin) heraus. Die
Zahl seiner Schriften und Abhandlungen beläuft sich nach dem von Sieber
und J. G. Wackernagel gegebenen Verzeichniss (Zeitschrift für deutsche Phi-
lologie 2, 337 — 342) auf 114 und würde noch bedeutend höher sein, wenn
man die einzelnen Aufsatze der Jahrgänge einer Zeitschrift besonders beziifern
Avollte. Indem wir im Allgemeinen auf dies Verzeichniss verweisen, wollen wir
nach den Hauptrichtungen seine bedeutendsten Arbeiten kurz besprechen.
Von der eigentlich philologischen Thätigkeit der Textkritik, durch welche
Lachmann glänzte, giengen seine frühesten Arbeiten aus. Sie beziehen sich über-
wiegend auf die mittelhochdeutsche, einige auf die althochdeutsche Litteratur.
Außer den schon erwähnten sind es das Wachtelmaere 1828 ^), Walther von Klingen
(Basel 1845. 4.), Altdeutsche Predigten, 1848 gedruckt, aber noch nicht aus-
gegeben, mit einer litterarischen leider im Drucke unterbrochenen Einleitung,
die nun wohl ein Fragment bleiben wird, die Meinauer Naturlehre (Stuttgart
1850. 8.), Hartmanns von Aue armer Heinrich (Basel 1855. 8.), begleitet von
zwei jüngeren Prosalegenden verwandten Inhalts, die sechs Bruchstücke einer
Nibelungenhandschrift (Basel 1866. 4.), und, die bedeutendste unter allen, die
mit M. Rieger gemeinsam unternommene Ausgabe Walthers von der Vogel-
weide nebst Ulrich von Singenberg und Leutold von Seven (Giessen 1862. 8.).
Mit Walther hatte Wackernagel sich schon 30 Jahre vorher gründlichst be-
schäftigt, wie seine Anmerkungen zu Simrocks Übersetzung (2 Bände. Berlin
1833. 8.) bezeugen. Dem rechtshistorischen Gebiete gehören die Publicatio-
nen *Das Landrecht des Schwabenspiegels (Zürich 1840. 8.) und 'Das Bi-
schofs- und Dienstmannenrecht von Basel in deutscher Aufzeichnung des 13.
Jahrhunderts (Basel 1852. 4.). Feines Verständniss, liebevolles Erfassen des
Autors zeichnet die Ausgaben Wackeruagels aus, seine Textkritik, wenn auch
nicht genial, ist schonend und conservativ, oft sinnig, sie verschmäht das Ge-
waltsame zu kühner Änderungen und willkürlicher Behandlung in Sprache und
Metrik, wovon sein Meister nicht immer freizusprechen ist.
Mehr zog ihn die Neigung jedoch zu litterarhistorischen Untersuchungen
hin. Seine ersttj derartige Arbeit, die Geschichte des deutschen Hexameters
und Pentameters bis auf Klopstock' (Berlin 1831. 8.) fasst gleich einen wei-
ten Gesichtspunkt ins Auge, und streift auf das Gebiet der antiken Poesie
hinüber. Eine stattliche Reihe von Schriften und Abhandlungen auf diesem
Gebiete folgte, zunächst *Die Verdienste der Schweizer um die deutsche Litte-
ratur (Basel 1833. 4.), seine Antrittsrede in Basel am 17. Mai 1833, ein Ge-
genstand, wie er kaum passender gefunden werden konnte. Dann die altdeut-
schen Handschriften der Basler Uuiversitäts-Bibliothek' (Basel 1836. 4.), die
schöne Abhandlung über 'die epische Poesie' 1837"), die über Neidhart von
Reuenthal' 1838 *), das Programm 'über die dramatische Poesie' (Basel 1838. 4.),
die Abhandlung über 'die Gottesfreunde in Basel' 1842 *), 'über das Schach-
') Friedrichsstadt, Januar. 8. Aumerkuugen dazu in Maßmanus Denkmälern, Mün-
chen 1S28, S. lOö— 12.
■-) In Schweizerisches Museum für histor. Wissenschaften 1. 341—372. 2. 36
bis 102. 243—274.
^) In von der Hagens Minnesingern 4, 436 — 442.
■*) Beiträge zur vaterländischen Geschichte 2, 111 — 163.
MISCELLEN. 117
zabelbuch Konrads von Ammenhauseu 1846 '), 'Die altdeutschen Dichter des
Elsasses: Otfried von Weissenburg, Heinrich der Gleissner' 1847 '^j, 'Konrad
von Würzburg aus Würzburg oder aus Basel?' 1858^), 'Leben und Wirken
Walthers von der Vogelweide 1865 in Nizza geschrieben*), und, der alt-
sächsischen Littcratur angehörend, die altsächsische Bibeldiclitung und das
Wessobrunner Gebet 1868 ^), womit er theilweise zu einem vor 41 Jahren
behandelten Gegenstande zurückkehrte. Endlich seine letzte Arbeit 'Johann
Fischart von Straßburg und Basels Antheil an ihm (Basel 18 70. 8.), die in
die Hände seiner Freunde kam, als der Tod schon an seine Thür pochte:
ich erhielt das Buch, sein letztes Geschenk, am 15. December 1869. Ins ro-
manische Gebiet hinüber greifen seine 'Altfranzösische Lieder und Leiche'
(Basel 1846. 8.), die von sprachlichen und noch werthvolleren litterarischen Un-
tersuchungen begleitet sind. Aber auch die neuere Litteratur gieng nicht leer
aus: ihr gehören die Abhandlung zur Erklärung und Beurtheilung von Bür-
gers Leonore' (Basel 1835. 4.)*'), die Rectoratsrede über Lessings Nathan
den Weisen 1855'^) und die Gedächtnissrede auf Ludwig Uhland bei der
Uhlandsfeier zu Basel am 13. Jänner 1863^).
Auch seine grammatischen Arbeiten ziehen sich durch sein ganzes
Leben hindurch. Bereits 1830 veröffentlichte er eine Abhandlung 'über Con-
jugation und Wortbildung durch Ablaut im Deutschen, Griechischen und La-
teinischen ^) und in demselben Jahre erschien seine gediegene Untersuchung
über die mittelhochd. Negationspartikel ne ^°). Von seinen späteren Arbeiten
gehören dem sprachlichen Gebiete an der 'Vocabularius optimus zur Begrüßung
der Philologen in Basel (Basel 1847. 4.), 'Die deutschen Appellativnamen'
1859'^), 'Die Umdeutschung fremder Wörter (Basel 1862. 4., 2, Auflage
1863), die 'Voces variac animantium, ein Beitrag zur Naturkunde und zur
Geschichte der Sprache' (Basel 1867. 4,, 2. Ausgabe 1869), und über
'Sprache und Sprachdenkmale der Burgunden' 1868 '").
Wie hierin, so berührt er sich mit J. Grimm auch in der Neigung zu
culturhistorischen und antiquarischen Forschungen, und hierin liegt eine der
hervorragendsten Seiten seines Geistes. Außer zahlreichen kleineren Abhand-
lungen, namentlich in der Zeitschrift für deutsches Alterthum (Band II — IX),
sind zu erwähnen 'Familienrecht und Familienleben der Germanen' 1846 '^},
') Kurz und Wcissenbach, Beiträge zur Geschichte und Litteratm- 1, 28 — 77.
158—222, 314—373.
*) Elsässische Neujahrsblätter 1847 S. 210—237; 1848 S. 190—216.
^) Pfeiffers Germania 3, 257 — 266.
') Herzogs Realencyclopaedie für protestant. Theologie und Kirche, Supple-
mentband.
') Zeitschrift für deutsche Philologie 1, 291 — 309.
'^) Mit Nachträgen wdederholt in den altdeutschen Blättern 1, 174—204.
') In Geizers protestantischen Monatsblättern 1, 6, 232—256.
') Ebendaselbst Jahrgang 18G3.
^) Seebodes Arclüv für Philologie und Pädagogik 1, 17 — 50.
'") Hoffraanns Fundgruben 1, 269—306. 347—400.
") Pfeiffers Germania 4, 129 — 160. 5, 290-356.
^^) In Bindings Geschichte des burgundisch-romanischen Königreiches S. 329
bis 404.
'') Schreibers Jahrbuch für Geschichte und Alterthum in büddeutschlaud 5,
259-316.
118 MISCELLEN.
^Gewerbe, Handel und Schiffahrt der Germanen , ein Vortrag '), "^Eitter- und
Dichterleben Basels im Mittelalter (Basel 1858. 4.) und 'Die Lebensalter. Ein
Beitrag zur vergleichenden Sitten- und Eechtsgeschichte' (Basel 1862. 8.)
Ferner aus der Mythologie seine Etcsu TCregoevra' zur Jubelfeier der Uni-
versität (Basel 1860. 4.) und das mit trefflichem Humor gewürzte Hündchen
von Bretzwil und von Bretten 18G5 ^).
Aber gleiches Interesse brachte Wackernagel der Kunstgeschichte ent-
gegen, und zeigt darin eine bei Philologen sehr seltene Vereinigung geistiger
Fähigkeiten. Sein Buch über 'Die deutsche Glasmalerei' (Leipzig 1855. 8,),
seine Abhandlungen 'der Todtentanz 1856 ') und über ""die goldene Altar-
tafel von Basel (Basel 1856. 4.) bewähren seine Meisterschaft auch auf die-
sem Gebiete. Dahin gehören auch seine lebendigen Vorträge Pompeji (Basel
1849, 2. Auflage 1870. 8.) und 'Sevilla (Basel 1854, 2. Aufl. 1870. 8.)
Tritt hier die künstlerische Begabung Wackernagels hervor, so noch
mehr in seinen dichterischen Leistungen, die mit wenigen Ausnahmen nicht so
bekannt und gewürdigt sind, wie sie es verdienten. Als Dichter trat er schon
1828 auf und gab die 'Lieder eines fahrenden Schülers' (Berlin. 8.) heraus.
Außer zahlreichen Gedichten in Zeitschriften, veröffentlichte er dann noch
selbständig 'Neuere Gedichte aus den Jahren 1832 — 4l' (Zürich 1842. 8.),
"^Zeitgedichte, mit Beiträgen von Balth. Eeber' (Basel 1843) und das 'Wein-
büchleiu' (Leipzig 1845). Nach seinem Tode gab Geizer in seinen Monats-
blättern noch manche Gedichte der letzten Jahre heraus. Der in streng philo-
logischer Schule gebildete Formsinn verleiht Wackernagels inhaltsreichen Ge-
dichten noch einen besonderen Eeiz, wie denen Simrocks, und wie dieser, hat
er sich nicht gescheut, manche Wendung, manchen Ausdruck aus der alten
Sprache in die moderne Dichtersprache einzuführen.
Zwei Werke haben wir noch zu erwähnen, die in innigem Zusammen-
liange mit einander stehen. Zuerst sein Deutsches Lesebuch', dasselbe erschien
in drei Bänden, die von der ältesten Zeit bis auf das Jahr 1842 reichen
(Basel 1835 — 42. 4. Aufl. des 1. Theiles 1861). Eine so allseitige Auswahl
aus dem Schatze der gesammten deutschen Litteratur besaßen wir noch nicht;
keine Eichtung, keine bedeutende Erscheinung in Poesie und Prosa ist unver-
treten, überall ist das Charakteristische mit feinem Sinne ausgewählt, die Texte
in kritischer Bearbeitung mitgethcilt. Den ersten Band, das 'Altdeutsche Le-
sebuch' empfahl dem Philologen außerdem das treffliche beigegebene Wörter-
buch, Avelches in der neuesten Bearbeitung (1861) zu einem 'Altdeutschen
Handwörterbuch erweitert worden ist. Von den zahlreichen Lesebüchern kann
keines auch nur entfernt mit W. Wackernagels Werke verglichen werden, nur
Gödekes elf Bücher deutscher Dichtung dürfen für die neuere Zeit eine gleiche
Berechtigung beanspruchen. Eine neue, vom Verf. vorbereitete Ausgabe soll
als erste Abtheilung nur 'gothische und altsächsische Lesestücke sammt
Wörterbuch enthalten und ist druckfertig.
Mit dem Lesebuche hängt aber seine Geschichte der deutschen Littera-
') Erweitert aljgediiickt in der Zeitschrift für deutsches Alterthum 9, 530
bis 578.
") Neues Schweizer. Museum ö, 339 — 350.
^) Basel im U. Jahrlmudert S. 213—250. 377—425.
MISCELLEN. XI9
tur (Basel 1851 — 55. 8. 3 Hefte) nahe zusammen. Die getrennten Vorzüge
Kobersteins und Vilmars, die gewissenhafte Durchforschung und Beherrschung
des Stoifes bei dem einen, und die geschmackvolle, oft schwungvolle Darstel-
lung des andern, vereinigt Wackernagels 'Handbuch.' Es bietet dem Forscher,
zumal in den Anmerkungen, den gelehrten Stoff in erwünschter Vollständig-
keit und weiß doch durch die zusammenhangende, stets lebendige Darstellung
zu fesseln. Kein litterarisches Denkmal unerwähnt lassend, und darin noch voll-
ständiger als Koberstein, geht er an dem unbedeutenden doch schnell, oft
nur mit Namensnennung vorüber, aber auf dem Bedeutsamen verweilt die,
wenn auch immer knappe, eigenthümliche Charakteristik. Die Entwickelung der
Ansichten, wie wir sie bei Koberstein in den Anmerkungen finden, ist mehr
beschränkt, Wackernagel tritt oft mit ganz selbständigen Ansichten herr-
schenden Meinungen entgegen. Sein Werk, begonnen nach mehr als zwanzig-
jähriger litterarischer Thätigkeit, trägt daher gleich im ersten Wurfe dca
Stempel hoher Vollendung, bekundet überall den Mann, der unmittelbar aus
den Quellen geschöpft, aus ihnen sich sein Urtheil gebildet hat und doch die
Meinungen aller Mitforscher genau kennt, ihre Gründe und Gegengründe reif-
lich erwogen hat. Leider ist es ein Torso geblieben, es reicht bis in den
Anfang des 17. Jahrhunderts und seit 15 Jahren ist es nicht fortgeführt.
Auch ist dazu keine Aussicht vorhanden; denn wer vermöchte bei den riesig
wachsenden Dimensionen der neueren Litteratur in gleicher Weise es zu vollen-
den? Vielleicht, daß Wackernagel selbst vor der außerordentlichen Stofffülle
zurückschreckte.
Von den Früchten seines Geistes hat er auch in dieser Zeitschrift ein
Paar niedergelegt, die ihr zum bleibenden Schmucke gereichen. Sein Zurück-
ziehen seit 1860 beruht auf persönlichen Verhältnissen, die hier auseinander-
zusetzen nicht der Ort ist. Als ich im Herbste 1868 mich zur Uebernahme
der Eedaction entschloß, schickte ich auch ihm das damals erlassene Pro-
gramm. Sie fordern mich auf', schrieb er mir am 26. October 1868, 'an der
von Ihnen redigierten Germania wieder mitzuarbeiten. Es braucht für mich kein
langes Bedenken, was ich darauf erwiedern solle : ich sage gerne Ja. . . .
Aber ich erkläre zugleich, daß Sie viel der Art nicht erwarten dürfen, und
auch nicht so gar bald. Ich habe nun einmal meine Verpflichtung gegen Zacher
und sehe überdies für längere Zeit wenig Kraft und Müsse litterarischer Thä-
tigkeit voraus. Ich spüre die Leiden des Alters' usw. Und als er mir am
28. August 1869 für den übersandten H. Ernst dankte, schrieb er: 'Leider
kann ich auch für diese Gabe Ilmen einstweilen keine Gegengabe bieten und
nicht einmal als Zeichen meines Dankes und meiner Anhänglichkeit einen Bei-
trag für die Zeitschrift. Ein volles Semester, der ganze Winter, ist mir in
Krankheit dahingegangen, seitdem lebe ich in langsamer stockender Reconva-
lescenz: ich soll die 60 nicht ungestraft überschritten haben. Da gelange ich
außer den Vorlesungen nicht zu viel Anderem'. So kam es, daß die Germania
ihn nicht wieder in den Reihen ihrer Mitarbeiter erblickte, wie er seitdem
auch zu Zachers Zeitschrift keinen Beitrag mehr steuerte.
Als wir im September 1862 nach den schönen Tagen der Augsburger
Philologenversammlung, der ersten, wo eine germanistische Section getagt hatte,
von einander Abschied nahmen, schrieb er die Worte des Dichters mir ein :
120 MISCELLEN.
"^Wann sehn wir uns, ihr Brüder,
In diesem Schifflein wieder?'
Mir war es nicht vergönnt, ihn wiederzusehen, aber theure Erinnerun-
gen werden mir die Tage sein, die ich in Basel 1860, Frankfurt 1861 und
Augsburg 1862 in innigem "Verkehr mit ihm verlebt habe.
ROSTOCK, December 1870. K. BARTSCH.
Der litterarisclie Verein in Stuttgart.
Den kürzlich ausgegebenen hundertsten Band der Bibliothek des littera-
rischen Vereins hat der gegenwärtige Präsident desselben, A. v. Keller, mit
einer Denkschrift (Tübingen 1870, 36 S.) begleitet, welche eine Uebersicht
über die Greschichte und Thätigkeit des Vereins gewährt. Wenig Bibliophilen-
Vereine können sich einer so erfreulichen, die Wissenschaft fördernden Thätig-
keit, wenige eines so laugen^ unverkümmerten Blühens und Gedeihens rühmen.
1839 gegründet, steht er seit 1849 unter Kellers Leitung und hat seitdem
nicht nur die Zahl seiner Mitglieder beständig wachsen sehen, sondern na-
mentlich auch eine gesteigerte litterarische Thätigkeit entwickelt. Während in
den ersten neun Jahren des Bestandes nur 17 Bände veröffentlicht wurden, be-
läuft sich die Zahl der von 1849 — 1870 herausgegebenen auf 83, was auf
jedes Jahr durchschnittlich vier Bände ergibt. Getreu seinem Program, hat der
Verein historische Quellen im weitesten Sinne eröffnet. Ausser den eigentli-
chen Geschichtsquellen, unter denen die auf Deutschland bezüglichen natür-
lich vorwiegen, erstrecken sich die Publikationen, und dies macht sie nament-
lich dem Philologen so werthvoU, auf Litteraturdenkmäler. Auch hier ist die
deutsche Poesie vorzugsweise vertreten, und ihr sind nicht weniger als 50
Bände gewidmet. Aber auch die verschiedenen romanischen Sprachgebiete finden
wir in italienischen, portugiesischen, provenzalischen und altfranzösischen Publi-
cationen vertreten, ebenso die lateinische Dichtung des Mittelalters und der neueren
Zeit. Welche gewaltige Lücke in unserem philologischen Apparat, wenn diese
Bände fehlten! Im Interesse der Wissenschaft liegt daher das Gedeihen dieses
Vereins, dem man nur wünschen kann, dass sein umsichtiger Leiter ihm noch
lange erhalten bleibe.
ROSTOCK, December 1870. K. BARTSCH.
ZUM MUSPILLT.
Kritisches und Dogmatisches
VON
FERDINAND VETTER.
Das Muspilli ist in den letzten Jahren wiederholt in kritischer und im Zusam-
menhang damit, in dogmatischer, resp. mythologischer Beziehung eingehend bespro-
chen worden. Zwei fast gleichzeitige Arbeiten: von Bartsch (vom Juli 1857) im
dritten Bande dieser Zeitschrift, und von Feifalik im 26. Bande der Wiener
Sitzungsberichte (Febr. 1858) behaupteten seine Entstehung aus verschiedenen
cälteren Liedern, resp. seine Intei-polation, weil es Heidnisches mit Christ-
lichem mische; ihnen gegenüber verfocht Zarncke (Ber. d. k. sächs. Ges. d.
Wissensch. 1866) die Einheit, weil es nur Christliches enthalte.
Es war mir höchst interessant, im vorigen Frühjahr mit diesen Schriften be-
kannt zu werden, als ich zum Behuf meiner Doctor-Dissertation eine eigene frühere
Arbeit über Muspilli wieder vornahm, die ich einst meinem verehrten väterlichen
Lehrer Wackernagel vorgewiesen und in der ich ebenfalls über die Unebenheiten des
Gedichtes durch Annahme einer Ueberarbeitung hinwegzukommen gesucht hatte. Jetzt
prüfte ich meine Ergebnisse nochmals; das Resultat sind die folgenden beiden Ab-
handlungen, die ich, da ich schließlich einen weiteren dritten Theil füber den Vers-
bau des M.) der beabsichtigten Dissertation allein zu diesem letzteren Zwecke be-
stimmte, hier zur Beurth eilung vorlege.
CHUK, im Februar 1871.
Kritisches.
(Zusammenhang und Ordnung.) ;.;
[Die Verse des Muspilli sind nach dem Text bei Müllenhoff u. Scherer citiert.]
Bartsch und Feifalik in den angeführten Aufsätzen und
Müllenhoff in den Denkmälern (im Gegensatz zu seiner früheren
Ansicht , Haupts Ztsch. 11, 392) treffen in der Behauptung zusam-
men, daß die Schilderung vom Kampf des Elias und Antichrist und
vom Weltbrande den Zusammenhang unterbreche und eingeschoben sei.
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 9
122 FERDINAND VETTER
Im Einzelnen weichen ihre Herstellungsversuche ab. Einschiebungen
nimmt auch Conrad Hofmann an.
Gegen alle Versuche einer Zerlegung wendet sich nun Zarn-
cke's angeführte Arbeit, die Einheit und im Wesentlichen treue
Überlieferung des Gedichtes behauptend.
Den ersten Eindruck des Springenden, Unverbundenen macht
das Gedicht gewiß auf jeden unbefangenen Leser; auf ihn legt Zarn-
cke's Widerlegung (s. unten), wie mir scheint, nicht genug Gewicht.
„Er ist", sagt Feifalik, „kein einheitlicher; man fühlt dunkel in dem
Gedichte die Verbindung von ursprünglich Fremdartigem, nicht Zu-
sammengehörigem."
Wir wollen sehen, ob sich dieser erste Eindruck auch bei nä-
herer Betrachtung als richtig erweist, und werden dabei nicht bloß
das betreffende Stück, das jene drei Gelehrten seines Inhalts wegen
als an falscher Stelle stehend erklärt haben, sondern das ganze Ge-
dicht nach drei Gesichtspunkten in Betracht ziehen.
1. Der erste kritische Messer für ein allitterierendes Gedicht ist
die Allitteration, die Prüfung, ob diese durchgängig in Ordnung sei.
Die Allitteration in Vs. 73 führt uns nun auf eine frühe Zeit zurück:
hlütjan, hlüi, hlidi finden wir nur in den Keronischen Glossen, in
Hraban, Isidor, den Psalmen; später ist das li vor l und lo durchgän-
gig abgefallen. Die Durchführung dieser älteren Formen durch das
ganze Gedicht, die in einem einheitlichen Denkmal vor Allem mög-
lich sein muss, hat keine Schwierigkeit, seitdem durch Hofmann's
Entdeckung (Sitzungsber. d. bair. Akad., philos.-philol. GL, 3. Nov.
1866. S. 232) in Vs. 66 auf uueiz und uuenago der richtige Eeim
{uuartil) gefunden ist {liuueliJihan ist Malfüllung, uuartü Hauptstab);
man kann also Vs. 7 kuuederemo, 19 huueWihemo, 30 h^iuanta, 60
liuuär, 62 Jiuuiü, 64 huueUhha, 66 himielihhan, 82 hleuuo, 92 huuelih,
93 huuaz einsetzen, Avie die gleichzeitige Entstehung mit Vs. 73 ver-
langen würde, ohne daß irgendwo die Allitteration gestört wäre; auch
62 und 82 können nicht dagegen sprechen, wie Müllenh. HZ. 11, 382
glaubt: 1 Reimstab im 1. Verse genügt:
ni uueiz mi huuiü puoze,
sär verit si za uuize.
Zossan sih ar dero hleuuo vazzon,
schal irao avar sin ?ip piqueman.
Freilich darf man lossan nicht streichen, wie MS. in den Denkm. — ein
Reimstab fällt auch in .30 weg ; dafür gewinnen wir einen neuen in 7.
Bei diesem imzweifelhaft alterthümlichen Stand der Allitteration muss
ZUM MUSPILLI. \ 123
CS nun sehr auffallen, daß plötzlich 2 Verse, 61, 62, mit unbestreitbar
beabsichtigtem Endreim begegnen. Nur der zweite allitteriert daneben
noch = uueiz : uiüze, was aber bei der deutlichen Absicht, eine Reim-
strophe nach Art Otfrieds zu bilden, nicht in Betracht kommen kann,
wenn auch nicht mit Hofmann aus dem Grunde, weil uuize an falscher
Stelle stünde (vgl. Vs. 58, 59. Hildebr. 40. 60). Endreime ohne AlHtt.
sind aber überall Merkmale späterer Bearbeitung. Und für später er-
klären denn diese beiden Verse auch aus Gründen des Inhalts, auf die
wir unten kommen werden, übereinstimmend Bartsch, Feifalik, Müllen-
hoff in den Dkm. und (nach Zarncke's Vertheidigung der Einheit)
Hofmann.
Das Ergebniss unserer ersten Anforderung an ein einheitliches
Gedicht: Richtigkeit der Allittcration, ist also: das Gedicht hat jüngere
Verse, es zeigt Spuren einer späteren Bearbeitung.
2. Zweitens verlangt mau von einem einheitlichen Gedicht, daß
es keine Widersprüche enthalte. Haben Avir also oben Entstellung
der alten Gestalt vermuthen müssen, so werden wir diese anzunehmen
doppelt geneigt sein, da wo sich einzelne Züge widersprechen. Das Letz-
tere aber war es, was mir vor mehreren Jahren beim ersten eingehen-
deren Lesen des Gedichtes auffiel, und wovon ausgehend ich schon
damals mit der ganzen Litteratur über Muspilli noch völligunbekannt,
wesentlich dieselben Umstellungen vornahm, die ich unten darlegen
werde, — indem ich mir dazu bemerkte: „Im ersten Theile (bis Vs. 30)
ist nur von dem Gericht über die einzelne Seele die Rede, im zwei-
ten vom allgemeinen Weltgericht; im ersten ist das Urtheil über die
Seele — oder vielmehr die gewaltsame Entscheidung durchs Faust-
recht — bereits vollendet, Lohn und Strafe vollzogen^ im zweiten
findet noch einmal am Ende der Tage, nach Untergang der Welt,
ein gi'oßer Gerichtstag und regelrechter Prozeß statt.
Ich schied daher Vs. 1 — 30 als ein besonderes Gedicht ab, ließ
mit daz hortih rahhon ein neues 'Gedicht beginnen, und zugleich, der
besseren logischen Aufeinanderfolge wegen die Verse so denne der
mahttgo khuninc bis Iduuerhot hajjeta der Beschreibung des Kampfes
nachfolgen.
Ganz ähnlich fand ich nun auch bei Bartsch (a. a. O. 12 ff.)
mit daz hortih rahhon ein zweites Gedicht begonnen (Vs. 37—62),
und mit so denne der m. k. sogar ein drittes (31 — 36, und 63 bis
Ende). Bartsch stützt sich auf die epische Eingangsformel Vs. 37, auf
den besseren Anschluß der Theile und auf die bemerkte Unverein-
barkeit der beiden Urtheile über die Seele. Zugleich findet er im gan-
124 FERDINAND VETTER
zen Gedichte heidnische Elemente, und hebt von den 3 Liedern na-
mentHch das zweite als dasjenige heraus, das „am meisten den unver-
änderten mythologischen Charakter trage." Heidnischen Ursprung gibt
diesem Abschnitt auch Feifalik und verlangt deswegen seine Aus-
scheidung.
Nun weist aber Zarncke a. a. 0. schlagend nach, nicht nur,
daß sich fast sämratliche als heidnisch gefasste Züge aus christliehen
Quellen herleiten lassen, sondern daß namentlich auch die zwei ver-
schiedenen scheinbar sich ausschließenden Gedichte schon eine kirch-
liche Überlieferung sind und zur Trennung des Gedichtes keinen
Anlaß geben können.
Feifalik's und Bartsch's Gründe zur Zerlegung in einen christli-
chen und einen heidnischen Bestandtheil, bezw. in drei verschiedene
heidnische Mythen, fallen hiemit dahin: der Inhalt an sich berechtigt
uns zu keiner Zerlegung.
Ferner steht durch Zarncke's Nachweisungen fest^ daß die da-
malige Kirchenlehre wirklich zwei verschiedene Gerichte annahm, daß
sie dann aber den darin liegenden Widerspruch in der Ausbil-
dung des Dogmas eifrigst zu heben bemüht war (indem sie
namentlich durch die Theiluahme des Leibes und die Steigerung des
Lohn- und Strafzustandes beim zweiten Gericht, diesem zulegte, was
sie dem ersten entzog).
Daß aber in einem Gedicht, wo doch die Einheit oberstes Gesetz
ist, dieser Widerspruch sich findet, ohne irgend einen Versuch, ihn
zu glätten, vielmehr noch recht in aller Schroffheit hingestellt, dürfte
denn doch auffiillen.
Die von Zarncke dargelegten Ansichten der Kirchenlehrer und
ihre Versuche, die doppelte Entscheidung über die Seele zu erklären,
zerfallen dem Wesen der Sache nach in zwei Gruppen.
Entweder findet nur ein Gericht statt, am jüngsten Tage. So
Cyrill von Alexandrien, Gregor von Nyssa, Ephräm der Syrer. Vor-
her geht eine Art Seelenschlaf oder Unthätigkeit, oder ein indifieren-
ter Aufenthalt der Seelen an zwei geschiedenen Orten je nach ihrer
Natur, nicht aber nach einem Richterspruche (Lactanz, Eustratius) *).
Oder es finden zwei Gerichte statt, eines gleich beim Tode des
*) Vgl. namentl. von den Stellen bei Zarncke: Lactant. div. inst. VII. 21:
Nee tarnen quisquam putet animas post mortem protinus judicari; und EvatQKxCov
,loyds ävuxQfmiv.öq bei Leo AUatius de utriusque ecclesise perpetua in dogmate de
purgatorio consensione p. 531. 538.
ZUM MUSPILLI. 125
einzelnen Menschen, wenn Seele und Leib sich scheiden, ein zweites
am jüngsten Tage. Nach den älteren Kirchenvätern kommen dabei
durch das erste Gericht die Frommen in den aumuthigen, hellen Theil
der Unterwelt (des aörjg, ccßvGöos) '• in den nagadeiöos oder xoljtog
^ Aßgaä^i, die obere (nach Hippolyt rechts gelegene) Unterwelt, das
infernum superius, die Bösen in die dunkle, untere (links gelegene),
das infei'num inferius, in der Nähe der Hölle *) ; durch das zweite
werden sie dann in Himmel und Hölle aufgenommen. So namentlich
Hippolyt, Justinus Martyr, Hieronymus, Augustin, Isidor. Die Spätem
erhöhen die Competenz des ersten Gerichtes und lassen, der Zeitten-
denz entsprechend, die Seelen der Guten sogleich in den Himmel, die
der Bösen in die Hölle eingehen, durch das zweite Gericht aber nur
noch Erhöhung von Seligkeit und Qual empfangen, woran nun auch
der Leib theilnimmt. So namentlich Gregor d. Gr. und Beda, dessen
großer Einfluß auf die spätere Eschatologie bekannt ist**). (Wacker-
nagel, Basler Handschriften S. 21.)
Auf diesem letzteren Standpunkte Gregor's imd Beda's, w^o das
ganze Schicksal der Seele vom ersten Gericht, von der Entscheidung
in der Sterbestunde abhängt, steht nun auch die Schilderung der Vor-
gänge beim Tode im Muspilli. Die Seele des Guten nehmen sogleich
beim Scheiden Engel in Empfang und
pringent sia sär
üf in himilo rihhi;
sie erhält pü in pardtsü, hüs in Mmile\ die des Bösen aber leiten die
Teufel sär, sogleich
dar iru leit uuirdit,
in fuir enti in finstri,
und beide Orte werden denn auch ganz mit denselben Farben ge-
schildei't wie sonst der definitive Lohn- und Qualort, so daß eine
Steigerung durch das jüngste Gericht kaum noch denkbar wäre, wenn
nicht dann noch der Lohn und die Strafe am Leibe dazu käme. —
Demgemäß mußte nun unser Dichter, wo er zur Auferstehung des
Leibes imd zum Weltgerichte kommt, etwa so sagen: Engel wecken
die Völker zum Gericht; die Seelen kommen aus Himmel und Hölle
heran, wo sie die oben beschriebene Belohnung und Bestrafung em-
pfangen haben; sie ziehen ihre Leiber wieder an; Jeder muß seine
*) Bes. Hippolyt, opp. ed Fabricius, Hamb. 1716, I. 220 ff.
**) Bes. Giegorii M. Dialogi IV, 25, und die Vision des Northumbriers bei
Beda, ed. Gilet III. 200 tf von Zarncke theilweise angeführt. S. 201.
12G FERDINAND VETTER
Sünden bekennen und geht danach zur höchsten Sehgkeit oder Qual
ein. Aber das Muspilli erwähnt mit keinem Wort der früheren Ent-
scheidung, der verschiedenen Aufenthaltsorte der Seelen, die es doch
eben geschildert: Die Menschen stehen auf aus dem Staube, lösen
sich aus des Grabes Belastung, erhalten wieder ihr Leben (Up) und
ängstigen sich nun, wohin wohl der Spruch des Weltrichters sie ver-
setzen werde. Keine Steigerung eines früheren Zustandes, überhaupt
kein Bezug darauf: dieser ist einfach ignoriert.
Sehen wir zu, wo sich gleichzeitig und später die Vorstellung
vom doppelten Gericht noch ausgesprochen findet und wie da die
Auferstehung geschildert ist.
Unserem Gedichte der Zeit nach zunächst mögen wohl die an-
gelsächsischen über denselben Gegenstand stehen. Die Angelsachsen
nahmen auch wie Beda eine Entscheidung über die Seele gleich nach
dem Tode an und bildeten diese Ansicht mit Vorliebe aus. Vgl.
Judith 112 ff.: Holoferues kommt sogleich nach dem tödtlichen Stx'eich
in die Hölle, den W \xrm&a.a\ (vyrmsele) :
lag se füla leäp syctctan asfre,
gesne be äftan, vyrmum bevuuden,
g£est ellor Jwearf vitum gebunden,
under nevvelne näs hearde gehäfted
and |ja3r genycterad väs, in helle bryne
süsle gesEßled äfter hinside.
Phönix 484 flf.:
od p'At ende cymed snüde sendaä
dogorrimes, sävlum hinumene
]>onne deäd nimed Isene lichoman,
ealdor änra geliväs, })3er hi longe beöd
and in eordan fädm ort fyres cyme
foldan bij^eahte.
Crist 1667 ff. (Abschied der Seele vom Körper) i
ofgiefed hiö ]3äs eordan vynne,
forlseted })äs Isenan dreamas
and hiö vid jiam lice gedseled,
und der Engel spricht zu ihr (1673 ff.);
Vegas J)e sindon rede
and vuldres leöht
torht ontyned:
eart nu tidfara
to pam hälgan häml
Also ganz dieselbe Vorstellung wie im Anfang des Muspilli: die
ZUM MUSPILLI. 127
Seele wird sogleich zur Seligkeit oder Verdammniss abgeholt; — noch
näher ist die Uebereinstimmung, wo ein wirklicher Kampf von Engeln
und Teufeln stattfindet, wie in Älfrics Homil. II. 334 ff., wovon unten.
— Demgemäß lesen wir denn aber auch^ ganz entsprechend dieser
Trennung von Seele und Leib:
Domes däg 102: beod j^onne gegädrad
gsest and bänsele,
.. ,: gesomnad to |)äm side; :,
in demselben Crist, in dem der Tod so beschrieben war, wie wir eben
sahen, kommen beim Schall der Posaune die auferweckten Menschen
(889) als Engel und Teufel, weiß und schwarz, vor Gericht, je nach-
dem ihr bisheriger Aufenthalt beschaffen war:
895 &. par gemengde beöd hvitra and sveartra,
onhcrlo geläc . svä him is häm sceapen
engla and deöfla ' ungeliee
beorhtra and blacra ; englum and deoflum.
veordeit bega cyme " i , : r
und ebenda 1028 ist der Vorgang der Auferstehung näher so be-
schrieben:
}5onne call hrade (sceal) leocfum onfon
Adames cynu and lichoman
onfehd flcesce .... edgeong vesan.
auch der Phönix, aus dem wir oben 484 ff. verglichen haben, lässt
demgemäß beim Gericht 513 leomu Hc somod and lifes gcest sich wie-
der vereinigen; 519: gcestas hveorfad in hänfatti' vgl. 523. 584, sowie
Ileliahd p. 125 bei der Auferweckung des Lazarus.
Ebenso denn auch im Linzer Entekrist, Fundgr. 2, 130, 25:
Sa ze der stunde gehifin Jiant wnz dar,
von der engil munde . mit ouh die got in siner hticare
dizint diu hörn dicke. :^ . vil seone hehaltin hat
in aime ouginblickc oder svi iz umbe si stat :
irstaut die totin alli, die sulu irstan algeliche
heide die in denn hellewalle mit ganzim libe werliche.
In der Görlitzer Evangelienharmonie, Fundgi*. 1, 201, 1 :
so choment von ehriste di toten ai wecchent,
di vier ewangeliste, so sament sich eren
daz gebein sich chucchet, lip unde sele.
In dem Gedicht von den 15 Zeichen H. Z. I. 117 dieselbe Vor-
stellung: in Folge dessen stehen Himmel und Hölle leer (dazu noch
mit ausdrücklicher und hervorhebender Berufung auf huoch):
128 FERDINAND VETTER
251 : an dem drizenden tag des tages stand all hdlwiz leer,
so erstand si all von dem grab. und daz paradys,
diu greber tuont sich uf, daz schaffet krist der rieh,
die toten rihtnt sich darus. so kumt denn mit vollaist
diu buoch sagent uns mssr: iedlichen sin gaist.
Nur aus der Vorstellung eines Zwischenaufenthaltes der Seele in
Himmel und Hölle und der Wiedervereinigung von Leib und Seele
am jüngsten Tage konnte auch das vielbeliebte Motiv eines Gesprä-
ches der den Leichnam besuchenden Seele erwachsen, wie es uns
zuerst bei den Angelsachsen begegnet: auch hier ist stets die Wie-
dervereinigung der seligen oder gequälten Seele mit dem Körper das
Bezeichnende für den jüngsten Tag : Grein I. 202 , 98 (vorher Vs. 4
beim Tode: dsyndred pä syhhe, pe cer samod voeron, Uc and sävle):
Jjonne rede bid svylcra yrmda,
dryhten ät pam dorne . . , svä pu unc her aer scrife.
sculon vit }3onne ätsomne 204,159 forpan vyt beod gegäderode
siddan brücan ät godes dorne etc.
und in den entsprechenden lat. und deutschen Gedichten: Karajans
Frühlingsgabe 1839:
et scio prseterea quod sum surrectura
in die novissima, tecumque passura
poenas in perpetuum etc.
doch weis ich ....
und an dem jungesten tage
mit dir dan mich liden clage, u. a.
Rieger in Germ. 3, 401 b (Darmstädter Gespräch):
des mois ich in pinen beven och! da vort in is gein sparen: •
bis an den enxstelichen dach van ewen zu ewen moisen wir birnen
dan du is allis hores gewach, des in kunnen wir neit internen.
und dan mois ich in dich varen.
im niederländischen Van der Zielen ende van den lichame, wo die
Seele hi den vate was ghestaen des lichamen daer si ute ivas ghegaen:
(Blommaert Theophilus 1836)
dat ic hier na verrisen sal, daer moet ic loerden dijn ghenoet,
alse God sal comen doemen al, met di dan doghen pinen groet.
dan comt ierst mijn ongheval,
dan moet ic in der hellen dal.
Ueberall also finden wir die Rückkehr der bis dahin getrennten
Seele in den Körper ausdrücklich erwähnt^ oft, besonders wo dane-
ben die Trennung der beiden beim Tode beschrieben war, mit dem
Beifügen, daß sie aus Himmel oder Hölle kommt. Unser Gedicht hatte
aber doppelten Anlaß zu Beidem, da es eben noch so eingehend den
ZUM MUSPILLI, 129
Zwischenzustand der Seelen in Himmel und Hölle geschildert hatte
(und zwar mit der äußersten Schrofflieit) und an dieser Stelle sich
nothwendig daran zurückerinnern musste. Der Dichter, der Vs. 8 bis
17 gedichtet, konnte die Auferstehung nicht anders schildern, als oben
Cynevulf im Crist oder der Dichter des Entekrist zum Theil ohne
so zwingenden Anlaß es gethan haben.
Aber er begeht nicht bloß diese Unterlassungssünde, er wider-
spricht sich noch recht eigentlich; denn erstens kann
denne scal manno gilih
fona deru moltu arsten,
lossan sih ar derö hleuuö vazzon,
scal imo avar sm lip piqueman
unmöglich anders verstanden werden, als daß der ganze Mensch mit
Leib und Seele im Grabe liegt und wieder Leben (Ivp) bekommt (oder
sollte lip, was mir weniger passend scheint, den Körper bedeuten,
dann wäre es erst recht die Seele, die im Grabe liegt und die allein
unter manno gilih und imo zu verstehen wäre); zweitens ist die Sorge
vor dem Gericht und die Ungewißheit über seinen Ausgang nach der
einen oder der anderen Seite (65, 66, 94.) gänzlich undenkbar, wenn
es sich bloß um Erhöhung des bisherigen Schicksals und um Mit-
theilnahme des Leibes handelt, und vorher schon dieselbe Sorge beim
ersten Gericht beschrieben ist (6); drittens ist die Ermahnung, recht-
schaffen zu leben, damit man das große Gericht nicht zu fürchten
brauche, schlechterdings unerträglich, wenn derselbe rechtschaffene
Wandel (nach 20 — 21) schon die günstige Entscheidung des ersten
Gerichtes herbeigeführt hat, welche ja die des Weltgerichtes in sich
schließt; hat man durch sein Erdenleben den Himmel verdient oder
verscherzt, so kann keine Ermahnung, keine Befolgung oder Nicht-
befolgung derselben (wann müsste dieß geschehen?) die Entscheidung
des Weltrichters ändern.
Alle diese indirecten und directen Widersprüche gestatten uns
zwei Lösungen.
Entweder steht der zweite Theil unseres Gedichtes aufeinem an-
deren dogmatisc hen Standpunkte als der erste, aufeinem ante-
oder doch anti-Gregorianischen, — etwa auf dem des Cyrill von Alexan-
drien, wonach kein erstes Gericht stattfindet, sondern die Seelen bis
zum Weltgericht im Leibe schlafen*);
*) Vgl. Flügge, Geschichte des Glaubens an Unsterblichkeit. III. 216. 317 ff.
130 FERDINAND VETTER
oder der Dicliter des zweiten Theiles hat sich die Situationnicht
klargemacht — das musste er aber^ wenn er den ersten Theil ge-
dichtet — und folgt einer einfacheren, vielleicht im Volke umlaufen-
den Ueberlieferung, welche ein abgesondertes Schicksal der Seele
nicht kennt.
In beiden Fällen aber war es nicht derselbe Dichter.
Dies also das Resultat unserer zweiten Anforderung an ein ein-
heitliches Gedicht: keine Widersprüche!
Drittens verlangt man von einem einheitlichen Gedicht logisch
richtige Aufeinanderfolge der Theil e.
Diese Forderung berührt unser zweites Gedicht. Schon Bartsch
Feifalik, Müllenhoff sind, wie bemerkt, darin einig, daß es diese nicht
erfülle, und ich kann kurz sein in der Darlegung meiner schon vor
mehreren Jahren selbständig angenommenen Umstellung. Unser zwei-
tes Gedicht zeigt folgende Theile:
1. Weltgericht und Rechenschaft (31 — 36);
2. Kampf des Elias mit dem Antichrist, Weltbrand und Weltunter-
gang (37 — 56), mit Nutzanwendung (56 — 62), welche den Übergang
bildet zur Wiederaufiaahme der Schilderung von
3. Weltgericht und Rechenschaft (63 bis Ende).
' Aber Theil 2 steht ganz unvermittelt hinter 1 und hebt ganz
wie von Neuem an: daz hortih rahhon d. uu. 1 und 3 gehören ihrem
Inhalte nach zusammen und der Weltbrand und Weltuntergang in 2
kann nicht zwischen das Gericht hineinfallen, sondern muss ihm vor-
angehen. Der Übergang von 2 zu 3 ist ein sehr gezwungener. —
Logisch und historisch viel richtiger ist folgende Umstellung:
1. Kampf des Elias mit dem Antichrist, daraus folgend der
Weltbrand und AVeltuntergang : Vs. 37 — 57.
2. Diesem historisch folgend: Weltgericht und Rechenschaft:
Vs. 31 — 36 und 63 bis Ende.
Hiebei fallen die Übergangsverse 58 — 62 aus^ von denen zwei
sich durch den Reim (s. oben) als später kennzeichneten^ und die
(s. unten) ein persönlich gefärbtes lückenfüllendes Machwerk des
Schreibers zu sein scheinen. Daß durch ihre Wegreissung vom Folgen-
den (bezw. Streichung) die Ermahnungsreden armseliger und einsei-
tiger werden sollten (Zarncke 226), sehe ich nicht ein : der Mahnung
an die Richter braucht nicht eine an die streitenden Parteien zu ent-
sprechen; jene konnte sich ganz ungezwungen, ohne einen Gegensatz
zu haben, an die Schilderung des Gerichtes anschließen — ans himm-
lische Gericht eine Empfehlung der Tugenden des irdischen Gerich-
ZUM MUSPILLI. 131
tes — es mochte dem Dichter Matth. 7, 1, 2 im Gedächtniss liegen:
[17] XQLVsrs, Xva fi^ xgtd'rjts. ev a yccQ xQi^ian xqCvszb^ XQi&rjösö&s
xal elf (p [lirga [isrQstts, avtcfiETQrjd^rjösrac vfitv. Daß sich beide
Ermahmingen an die Streitenden und die Richter nicht entsprechen
konnten, zeigt wohl auch die verhältnissmäßige Kürze der ersteren:
diese sollte eben nur so gut als möglich vom Weltbrand zur Ermah-
nung der Richter überleiten. — Der Anschluss von 63 an 36 ist ganz
ungezwungen; aber er wird es wohl kaum dadurch;, daß man unter
mahal 63 ein anderes Gericht versteht als in Vs. 34 und 31, wie
Müllenhoff will, nämlich das „gewöhnlich irdisch-bürgerliche" (Zarncke
bemerkt mit Recht, daß die beiden verschiedenen mahal so unmittel-
bar neben einander völlig unerträglich wären), sondern geradezu um-
gekehrt durch die Auffassung als himmlisches Gericht wie 34 und 31,
und suona 65, mit Beibehaltung des unnöthig gestrichenen Artikels
demo : daß der Manu jegliche Sache recht richte, das kommt ihm zu
statten, wenn er zum jüngsten Gericht kommt: dann braucht er nicht
zu sorgen^ wenn er zur Entscheidung kommt — ich wüßte nichts
was dagegen zu erinnern wäre.
Die Resultate der drei gestellten Anforderungen sind also:
1. Das Gedicht hat eine Bearbeitung erfahren.
2. Der Theil vom Antichrist und Weltgericht und derjenige vom
Tod und der Vergeltung sind nicht von demselben Dichter verfaßt.
3. Der zweite Theil ist in Unordnung und bedarf der angege-
benen Umstellungen und Streichungen.
Demgemäß halten wir uns für berechtigt
auf Grund von 1 (und 3): Vs. 58 — 62 zu streichen,
auf Grund von 2 (und 1): hinter Vs. 30 unser Denkmal in zwei
selbständige Gedichte abzutheilen.
Für eine verschiedene Ahfassungszeit finde ich keine ganz entscheidenden
spraclilichen Anhaltspunkte; si« sind nicht zu erwarten bei dem geringen Umfang
der Stücke, und die spätere gemeinsame Aufzeichnung hätte wohl das Meiste ver-
wischt. Die Durchführung des anlautenden hl und huu ist (s. oben) in beiden zu-
lässig; nöthig jedoch nur im zweiten. Die Wörter rauor 53 (Notker hat noch
sahmuorre), stiiatago 55 (sonst nur vb. stuen) des zweiten sind UTta^ XsyofiSVCC
(Graff) ; doch lassen himilzungal (im 9. Jahi-hundert nicht mehr vorkommend
(Graff" Sprachsch. 5, 683), das halbgothische (Zaz?, dari (nach Hoffmann stand
vielleicht auch 86 deri) auch das erste nicht zu spät ansetzen; es muß auch
schon zu Otfrieds Zeit, der es benutzt (thär ist lih uno tod, Höht äno finstri,!, 18),
ziemlich bekannt gewesen sein. — Dagegen scheint es entschieden für spätere
Entstehung zu sprechen, wenn der erste Theil in didaktischer Schilderung ein
einzelnes Factum giebt, während die zweite Handlung in epischem Fortschritt er-
zählt, — wenn ferner der erste eine längere Didaxis an einen epischen Eingang
132 FERDINAND VETTEE
knüpft (vgl, Otfrieds Mystice und Moraliter), während der zweite nur sehr selten
eine kurze Ermahnung einmischt: vgl. Wackcrnagel, Littgsch. S. 269, Anm. 1.,
das Hildebrandslied zeigt erst einen einzigen Spruch. — Auch hat das zweite
einige schwache Erinnerungen ans Heidenthum bewahrt (s. unten).
Die beiden Gedichte können übrigens schon früh in Vortrag und Aufzeich-
nung vereinigt gewesen sein ; das zweite, mehr volksmäßig gehaltene, war ohne
Zweifel sehr bekannt und konnte sich leicht aus dem Gedächtniss dem ersten an-
schließen — ohne daß man die Widersprüche beachtete, — oder aber einen
Geistlichen zu einer mehr orthodoxen dogmatischen Einleitung veranlassen.
Auf Grund von 3 (und 1): das zweite Gedicht mit Vs. 37
daz hortih rahhön
diä uueroltrehtuuison
"beginnen zu lassen, also echt episch mit Berufung auf fremde Quelle
(vgl. bei den altern geistlichen Dichtungen; Wessobr. G. : dat gaf regln
ih. Hei: tho gifragn ik, thär gifragn ik, so gifragn ik. Cynev. gi fragil
ic pä an v. O.; spcätere Berufung auf Bücher: Otf)\ then buahhon
mäht thar uuarten: Cyn. us secgact hec u. a.) und die Theile wie oben
angegeben zu ordnen: 37 — 57, 31 — 36, 63 bis Ende; Kampf des Elias
— Weltuntergang — Weltgericht, endlich, wenn, nach Wackernagels
kaum zu beweisender^ aber sehr ansprechender Vermuthuug das Bruch-
stück vom jüngsten Gericht^ Fundgr. II, 135. Wackern. Leseb. I.
153, die Fortsetzung unseres Gedichtes war *) , zum Abschluß noch
die Seligkeit der Guten und die Qual der Bösen. Wir hätten damit
die gesammte altdeutsche Eschatologie in einem Liede ver-
einigt vor uns, vor welchem die Verse 1 — 30 ganz störend und
widersprechend wären.
Dieses ursprüngliche zweite Gedicht umfaßte also die Verse
31 bis 57, 31—36, 63 bis Ende, das erste Vs. 1—30.
Alle diese Entstellungen der ursprünglichen Gestalt der Gedichte
dürften sich leicht so erklären :
Ludwig der Deutsche (Schmeller, Musp. p. 6, undWackernagel^
Littgesch. §. 29) oder wer sonst mit des Alters irrendem Gedächtniss
diese Lieder aufzeichnete, hatte beide schon als Ganzes in der Erin-
nerung und schrieb zuerst das (jüngere?) vollständig auf (außer dem
Anfang, der ihm entfallen sein mochte, wenn das nicht Fehler des
Handschriftblattes ist) (Vs. 1 — 30). Sodann fielen ihm von dem zwei-
ten zuerst die Verse so denne der mahtigo khuninc (31) ff. ein und er
*) Es schließt gerade da an, wo unsere Handschrift abbricht: beim Voran-
tragen des Kreuzes und Vorzeigen der Wunden; dann folgt die Eröffnung der Bü-
cher (vgl. Musp. 69 in niovu). Kömite es vielleicht gerade Ueberarbeitung des fol-
genden uns verlornen Blattes der IIs. sein?
ZUM MUSPILLI. 133
schrieb sie (mit großer Initiale !) nieder, bis ihn das kiuuerJcot hapeta
(36) an den ähnlichen Schluß des ersten Liedes {öfter ni uuerkota)
gemahnte, dem er die Anfangsverse des zweiten {daz hortih rahhon)
folgen zu lassen gewohnt war. Er schreibt daher unbeirrt so weiter
(37 ff.); hinter 57 etwa fühlt er aber die Lücke, die jetzt durch Vor-
wegnahme der Verse vom Ansagen des Gerichtes und der Rechen-
schaft (31 — 36) entstehen muß bis zur Schilderung derselben ; er füllt
sie aus so gut es geht und bringt einen leidlichen Übergang zu
Stande, wobei er ausspricht, was eben sein Herz am nächsten bewe-
gen musste: eine wehmüthige Betrachtung über den Streit von Bluts-
verwandten, das Unglück seines Lebens; neben dieser für den Styl
des Ganzen wenig passenden Specialisierung fließt als Merkmal der
Posthumität bereits eine ganze regelrechte Reimstrophe dem Zeitge-
nossen Otfrieds in die Feder (61, 62)*). Dann nimmt er das ursprüng-
liche Gedicht (63 ff.) wieder auf und bringt es völlig zu Ende.
[Viel unwahrscheinlichei- als diese leicht erklärliche Verschiebung scheint
mir die Annahme, daß Vs. 37 — 62 ein Zusatz des Bearbeiters sei, welcher
„die dem Weltgericht vorangehenden Ereignisse, die in dem älteren Gedicht über-
gangen waren, schildern wollte, aber mit seinem Zusatz an die falsche Stelle ge-
rieth," wie Müllenhoff Dkm. 261 darzutlmn sucht, der hier auch die Zusammen-
gehörigkeit von 36 und 63 anerkennt. Der Verfasser eines so trefflichen lebendig
bewegten Stückes wie 37 — 62 hätte ihm auch die richtige Stelle zu geben ge-
wußt, anderseits trägt gerade dieses Stück entschieden das alterthümlichste Ge-
präge und ist auch poetisch viel besser als 63 — 72, was auch Müllenh. a. a. 0.
zugibt.]
Dies Alles festgestellt, würden sich Theile und Gedankengang
folgendermaßen herstellen :
1. Gedicht: Vom Tode und der Vergeltung. (
(Episch-didaktisch^ jünger?)
Vs. 1—30.
„Dem Menschen ist gesetzt zu sterben. Die Seele verlässt den
Leib; Himmels- und Höllenheer streitet um sie. Siegt das letztere, so
*) Vielleicht ist auch das unrichtige farprinnit für farprenuit eine Ungenauig-
keit späterer Zeit: vgl. umgekehrt das Trans, für das Intrans. in der Sangallischen
Rhetorik, Hattemer Denkm. des MA. II, 577. sin bald ellhi ne läzet in v eil in, wo
zur Bestätigung der Ansicht von Haupt (Müllenh. u. Seh., Dkm. 318), daß vellen für
Valien mundartlich thurgauisch sei, (wofür im 12. Jahrh. der Lanzelot, im 14 — 15.
die Appenzeller Eeimchronik spricht), auch noch der Sprachgebrauch des heutigen
Thurgauer und Schaffhauser Dialects gestellt werden kann, in dem man jetzt noch
kein Fallen, gefallen hört, sondern nur fella, gfella. Vgl. das allgemeine schweize-
rische heba intr. = fest sein, dauern, das daneben auch als Trans, dient, wofür
mhd. ebenfalls stets haben.
134 FERDINAND VETTEE
kommt sie ins ewige Feuer, im anderen Falle ins Himmelreich, wo
lauter Leben und Seligkeit ist.
Moral (18 ff.) Deßlialb tliue der Mensch Gottes Willen, auf daß
er nicht in die Hölle zum Satan komme. Wehe dem, der im Höllen-
feuer brennt: Gott erhört seinen Jammer nicht."
2. Gedicht. Vom jüngsten Gericht.
(episch, älter?)
Vs. 31— bl. 31—36. 63 bis Ende.
„Das habe ich vernommen von den Weisen dieser Welt, daß
der Antichrist und Elias einst mit einander kämpfen werden. EHas
streitet für die Frommen ums ewige Leben, von den himmlischen
Mächten unterstützt^ doch soll er, nach vieler Meinung, verwundet
werden ; der Antichrist kämpft für den Satanas, daher wird er sieg-
los. — Von des Elias auf die Erde triefendem Blute entzündet sich
der Weltbrand: Berge, Bäume, Flüsse, Meer, Himmel, Mond werden
vertilgt, die Welt verbrennt, so daß kein Stein stehen bleibt; dann
naht der Gerichtstag (stüatago) im Feuer (55.) — Der König entbietet
dazu unter Bann (31 ff.), und alle Menschen müssen vor ihm erschei-
nen, um Rechenschaft zu geben über ihre Thaten. Deßhalb (63 ff.)
sei der Mensch gerecht im irdischen Gericht, so kann er beim himm-
lischen ruhig sein. Denn alle Ungerechtigkeit, alle Bestechung ver-
zeichnet der Teufel in ein Buch. — Durch ein Hörn angekündigt,
fährt der Weltrichter mit seinem Heer zur Gerichtsstätte; Engel wei-
sen die Völker der Erde zum Gericht und wecken die Todten auf,
die sich aus dem Staube erheben und Leben empfangen, um den
Lohn füi' ihre Thaten zu ernten. Umringt vom himmlischen Heere und
den Guten, sitzt der Herr zu Gericht. Alle AVeit muß erscheinen und
Alles wird offenbar, ja sogar dmxh die Glieder verrathen, außer was
mit Fasten und Almosen gesülmt ist. Dann wird das heilige Kreuz
herbeigetragen und der Weltrichter zeigt seine daran erhaltenen
Wunden.
[Jetzt (nach dem Bruchstücke vom jüngsten Gericht)^ werden die
Bücher vorgelesen, doch mit Uebergehung des Gebeichteten; die Bö-
sen schämen sich, die Guten frohlocken, weil ihnen ihre Sünden ver-
geben sind. Die Guten werden ins Himmelreich geladen, die Bösen
ins ewige Feuer geschickt; sie rufen reuig Gott an, aber es ist zu
spät; auch die Guten verweigern ihnen, als Feinden Gottes^ ihre
ZUM MUSPILLI. 135
Hilfe. So gehts zum Scheiden und die Bösen jammern in eAviger
Qual."]
Dogmatisches.
(Die altgerman'sche Esehatologie und das Muspilli.)
Wir haben diesem Theil unserer Abhandlung bereits etwas vor-
greifen müssen, wo wir die Nothwendigkeit der Zerlegung unseres
Gedichtes in zwei zu begründen suchten. Doch ist es vielleicht nicht
fruchtlos^ nachdem Zarncke die Vorstellungen des Muspilli aufwärts
gegen die Quelle hin verfolgt hat, dieß nun auch abwärts und seitwärts
auf dem ganzen germanischen Boden zu thun und zugleich von eini-
gen durch Zarncke weniger berührten Punkten aus eine nachlesende
Rundschau thalauf und ab zu halten.
Wir werden sehen, was in Bezug auf die letzten Dinge damali-
ger Glaube war, und werden durch Betrachtung der einschlagenden
Producte der christlich-deutschen Litteratur die Überzeugung gewin-
nen, daß unser Muspilli^ dem Zarncke bereits den Stammbaum ge-
macht hat, auch unter diesen nicht als ein verwaistes Kind der ver-
storbenen heidnischen Urgroßmutter, sondern als freilich älteres, aber
vollbürtiges Glied einer weitverzweigten und uner-
schöpflich fruchtbaren Sippschaft und Mannschaft dasteht.
Die Quellen des Muspilli liegen also — und der Nachweis davon
ist wieder Zarncke's Verdienst — nicht in der nordischen Göttersage,
sondern in der christlichen Kirchenlehre ; als diejenigen unseres ersten
Gedichtes, das über . , . „^
(I.) Tod und Vergeltung
handelt, haben wir speciell Gregor und Beda gefunden. Von ihnen
erst gieng die dogmatisch festgestellte Lehre vom doppelten Gericht
und von einem selbstbewußten thätigen, bereits seligen oder unseligen
Leben der Seele im Zwischenzustande — gegenüber dem indifferenten
der früheren — aus, sowie die tendenziöse Ausmalung dieses Zustan-
des und seine Steigerung schon fast bis zur Höhe der wirklichen
Himmelsfreuden und Höllenqualen.
Den Anlaß zu der Annahme, daß sogleich nach dem Tode die
Seele zu Lohn oder Strafe eingehe, gab nach Zarncke zuerst das
Gleichniß vom reichen Mann und armen Lazarus. Noch entschiede-
ner düi'fte dafür gesprochen haben das Wort Jesu an den Schacher^
Luc. 23, 43: '-r^ftjjv /le'ycj aot, OrjfiSQOv (lEtifioviöf] iv xä TtagadstGcj.
136 FERDINAND VETTER
Dieser Ansicht kam bei den Germanen entgegen, daß auch nach
deutschem Glauben die Gestorbenen sogleich an ihre verschiedenen
Aufenthaltsorte (Valhöll und Niflheimr im Norden) gelangten. Darauf
beruht das Amt der Valkyrien, deren psychagogische Thätigkeit sich
früher auf alle Todten ohne Unterschied erstreckt haben mochte (vgl.
W. Müller, Geschichte und System der altdeutschen Religion. S. 405 fi.)
darauf die Vorstellung einer langen Todtenreise und daherige Bestat-
tungsgebräuche (a. a. O. 408), darauf anderseits die Schilderungen
vom Leben der Einherier (Grimn. 18, 23. Vafjsr. 41. Gylfaginn. 2. 24.
38 — 41). Sigruns Thränen hindern Helgi am Glücke Vallhölls. Bryn-
hild, um mit dem todten Geliebten vereinigt zu sein, will hinter ihm
her mit großem Gefolge zu Hei fahren, daß nicht die Pforte des
Saales dem Fürsten auf die Ferse falle, — und selbst Baldr muß
den Heiweg reiten, und bleiben bei der bleichen Göttin, da der Un-
heilstifter in Thöcks Gestalt die Thränen weigert („Behalte Hei was
sie hat", Gylfag. 49).
Immer aber waren diese Zustände nur die Fortsetzung des leib-
lichen Erdenlebeus; über die Art und Weise des Überganges und na-
mentlich über das verschiedene Schicksal des geistigen und leiblichen
Theiles der menschlichen Natur zu philosophieren, lag nicht im We-
sen des Heidenthums. Desto mehr in dem der Kirche, und zugleich
in deren Interesse. Anschließend an den nationalen Glauben und der
Zeittendenz wie den hierarchischen und materiellen Bedürfnissen ihres
Standes Rechnung tragend, sehen wir alle Kirchenlehrer deutscher
Abkunft dieser Ansicht vom sofortigen Selig- und Verdammt-
werden der Seele huldigen.
Aber das ergab einen Übelstand. Waren die Menschen beim
Tode schon gerichtet, so verlor das jüngste Gericht seine Bedeutung.
Man legte nun daher ein besonderes Gewicht darauf, daß die Seele
getrennt vom Körper jene Wonnen und Qualen erfuhr, und stimmte
meist (in unserem Gedichte allerdings nicht, eben weil der Verf. des ersten
Theiles einen undogmatischen Standpunkt einnimmt) diese auf einen
etwas niedrigeren Grad herunter ;dieWiedervereinigungvon Leib
und Seele (nach Ezechiel und der Apokalypse) und der Übergang zur
höchstmöglichen Seligkeit und Qual durch das jüngste Gericht war
dann willkommen, diesem die entzogene Würde wieder zu geben.
Schon Herzog Radbod zu Ende des 7. Jahrhunderts erhält auf
die Frage, wo seine tapferen Vorfahren sich befinden, die Antwort:
„in der Hölle." Seither sind die Dinge nach dem Tode und insbeson-
dere die dunkeln Probleme der Trennung und Wiedervereinigung von
ZUM MUSPILLI. 137
Leib und Seele, welche Allem zu Grunde liegen, ein Haupttummel-
platz der Thätigkeit deutscher Scholastik, die sich hier namentlich iu
Petrus Lorabardus (f 1164) und seinen Comraentatoren gipfelt. Er
und Richard von Middletown (in librum IV. Sententiarum) wissen ein
Langes und Breites, zu erzählen über das Schicksal des von der Seele
getrennten Leibes Christi und die di'eifache beim Tode aufgelöste
unio unica von Gottheit, Seele und Leib, sodann über die Art und
Weise der Auferstehung des Leibes : ob auch Mißgeburten auferweckt
werden, ob die Leiber warm oder kalt, in gleichem Alter und glei-
cher Größe mit ihren früheren Schwächen wieder ins Leben kommen,
ob alle Glieder, alle Säfte des Körpers, ob Haare und Nägel mit auf-
erstehen usw. (zu distinct. 44). Besonders populär und vei'breitet wur-
den ähnliche Speculationen durch die sog. Elucidarii (Lucidarii) oder
Elucidaria, die neben theologischen und kosmologischen Gegenständen
ganz besonders gern die letzten Dinge behandelten. Und diese letz-
teren sehen wir denn ganz auf demselben dogmatischen Grunde ru-
hen wie unser Gedicht und finden dieselben Vorstellungen wieder,
nur genauer ausgeführt. Aus dem IL Jahrhundert begegnet uns un-
ter dem Namen des Anselm v. Canterbury (Elucidarium, sive dialogus
summam totius Christianse theologise complectens, in Anselmi Cantuar.
opp. Paris. 1721, p. 457 ff.)*). Der Zwischenzustand ist ganz beson-
ders betont. Ins Paradies (hierin geht er also weiter als Beda's Vi-
sion Hist. eccl. V, 12, **) kommen nur die Seelen der Vollkommenen
sofort durch den Tod, d. h. Derjenigen, welche mehr gethan haben
als geboten war: Märtyrer^ Mönche, Jungfrauen. Die Gerechten (justi)
sodann kommen ins irdische Paradies, vel potius in aliquod spiritale
gaudium ; denn der Geist kann an keinem körperlichen Orte sein.
Die unvollkommenen Gerechten (justi imperfecti) sind in amoenissi-
rais habitaculis; durch Fürbitte und Almosen kommen sie noch vor
dem Gerichtstag iu majorem gloriam, ut omnes post Judicium angelis
consocientur. Die Seelen der electi quibus multum deest de perfectione
werden den Teufeln eine Zeit lang zur Bestrafung und Reinigung
übergeben, zu welchem Zwecke sie einen besondern Körper erhalten;
durch gute Werke können sie aber nach 7^ nach 30 Tagen, nach
einem Jahre erlöst werden. Es gibt zwei Höllen, einen internus su-
*) Nach C. J. Brandt in: Nordiske Oldskrifter VII. pag. V ff, ist der wirk-
liche-Verfasser Honorius von Autun, zu Anfang des 12. Jahrh.
**) Est (paradisus) in intellectuali coelo, ubi ipsa üiviuitas, qualis est, ab eis
facie ad faciem contuetur. lib. .3 c. 1.
OmniANTA. N>iie Keilu» !V. f XVI.) -'.I^r^. ]0
138 FERDINAND VETTI^R
perior und inferior, im ersteren herrschen varii dolores, im letzteren
das unauslöschHche Feuer und neun Qualen, nach der Zahl der neun
Eugelchöre. Im obern waren die Frommen des alten Bundes, doch
ohne Qual; — den Bösen aber, die sie sahen, schienen sie im Para-
dies zu sein (daher die Bitte des reichen Mannes an Lazarus, Luc. 16).
Beim jüngsten Gerichte finden zwei Auferstehungen statt, eine der
Seelen imd eine der Körper, letztere zu Ostern, — hier wirft der
Elucidarius schon nahezu dieselben Fragen auf wie der Magister Sen-
tentiarum. — Hier finden wir auch wieder die Vorstelluner, die man
m unserem Gedichte wiederholt zu einer heidnischen hat machen wol-
len (so J. Grimm, Mythologie 796 f., Bartsch, Feifalik a. a. 0., Ka-
rajan, über eine bisher unerklärte Inschrift, Wien 1865, S. 17; —
vgl. dagegen Zarncke a. a. O. S. 202 ff.); die eines Streites um die
Seele, oder wenigstens einer sehr gewaltsamen Besitzergreiftmg der-
selben durch die Teufel: lib. 3. c. 4. cum mali in extremis sunt, dse-
mones maximo strepitu conglobati veniunt, aspectu horribiles, gestibus
terribiles, qui animam cum pervalido tormento de corpore excutiunt,
et crudeliter ad inferni claustra pertrahunt.
Die Vorstellungen dieses Elucidarius, welche im Wesentlichen
auch die unseres Gedichtes sind, wurden bei der Beliebtheit des Bu-
ches, die ja bis heute fortdauert, maßgebend für die spätere Zeit. In
Deutschland zeigt seit dem elften jedes Jahrhundert eine oder meh-
rere Bearbeitungen (vgl. Wackernagel, Basler Handschr. S. 19 ff.).
Bei den Angelsachsen, wo das ganze Lehrgebäude mit besonderer
Vorliebe scheint ausgebildet worden zu sein, finden wir sehr früh we-
nigstens einzelne Ideen desselben herausgegriffen und besonders be-
handelt, was uns denn bald auch in den übrigen Litteraturen, beson-
ders wieder in der deutschen, häufig begegnet (s. unten). Der scan-
dinavische Norden hat uns einen vollständio-en, noch halb altnordi-
sehen Lucidarius aufbewahrt , der sich vielfach , oft wörtlich an den
bei Anselm anschließt, aber doch von allen das meiste Eigenthüm-
liche bietet. (Lucidarius en Folkebog fra Middelalderen. Kiobenh.
1849 in den „Nordiske Oldskrifter, udgivne af det nordiske Litteratur-
Sanifund. VII.) Es ist wieder die Ansicht vom sofortigen Selig- und
Verdannntwerden wie im Muspilli, nur näher ausgeführt. S. 56:
Discip. : Huart hommcer sioelcen fra legcemceth thcer hun thcetccn far ?
Mag. : / then sammce stimdh anfigh til hemerighes oüloßr til helvedces
fi'lhi'v til skers edd. Dem letzteren, dem Fegefeuer, entgehen von den
Gntcn nur ihe fJurr tvrce vth valdce, so sum er martires, dgdha'.Ugo}
johifnuir oh god<n clostn>r falk (55.) Die Guten werden von ihren
ZUM MUSPILLI. 139
Schutzengeln zu Himmel oder Fegefeuer abgeholt (55), die Bösen
von den Teufeln in die Hölle mit großer Qual, oc vordoe thceroe tu
domcedaiocB, oc sicen vordce the thcerce mceth therm legcemmce e for vdhen
oendcB (57). Die Hölle ist unter der Erde und dreifach getheilt, indem
das Fegefeuer dazu gerechnet wird; in der untersten Hölle, deren
Weite und Tiefe so unermeßlich ist, daß nur Gott sie kennt, und daß
die Hineingeworfenen in Ewigkeit keinen Boden finden, sind die ge-
fallenen Engel, in der zweiten, aus der keine Erlösung ist, wo aber
auch keine Strafe stattfindet, außer das Entbehren von Gottes An-
blick, die Ungetauften; die dritte ist das Fegefeuer und daraus gibt
es Erlösung (27). Bei der Auferstehung wird dann Seele und Leib
wieder vereinigt, letzterer durchgängig im Alter von 30 Jahren, und
mit denselben Einschränkungen wie bei Lombardus und Pseudo-
Anselm. , i .
Aehnliche, meist spätere Bearbeitungen des Elucidar., die eben-
falls unseren Gegenstand mit Vorliebe berühren, finden sich aber auch
.im Englischen, Italienischen, Französischen, Holländischen und Böh-
mischen. ' ' • '
Die Vorstellungen unseres ersten Gedichtes vom sofortigen Se-
ligwerden nach dem Tode sind also nicht bloß auf christlichem Grunde
aus dem Boden der Kirchenväter erwachsen, wie Zarncke zur Evi-
denz erwiesen hat (und zwar aus der schroffsten Ausbildung ihrer
Lehre, bei Gregor und Beda), sondern sie sind auch von der Kirche
in allen deutschen Landen eifrig fortgepflegt und verbreitet worden.
Wie populär sie denn auch von den frühesten christlichen Zeiten an
und weiterhin waren, wird sich uns aus der Vorliebe zeigen, mit der die
geistliche wie die volksmäßige Litteratur, und besonders die poetische,
einzelne Ideen aus diesem Kreise von Speculationen selbständig be-
handelte. Daß dabei besonders in den volksmäßigen Schilderungen
einzelne nicht gerade orthodoxe Vorstellungen mit unterlaufen , darf
bei der Schwierigkeit des Dogmas nicht wundern. Namentlich die
körperliche Existenz der Seele im Zwischenzustande war eine theo-
logische Subtilität, die nicht zu fassen war. Der Volksglaube half
sich, indem er den Seelen Vögel (Schwäne, Enten, Tauben, Raben,
vgl. Müller, Gesch. und Syst. der altd. Rel. S. 402) substituierte, wie
in Märchen Schlangen und Blumen. Aus einem ähnlichen Zuge in
der Edda (Ssem. 127 a) ist dieß wohl kaum herzuleiten ; hier wie
dort tritt für das Unbegreifliche ein Symbol ein, während das frühere
Heidenthum eine leibliche Fortexistenz angenommen hatte. — Halfen
10*
14(» FERDINAND VETTER
sich doch schon die Kirchenväter bisweilen mit körperlichen Vor-
Btellungen ! *)
a) Kampf der Engel und Teufel.
Die verschiedenen deutschen und französischen Behandlungen
einer solchen Episode, des Kampfes der Engel und Teufel hat
J. Grimm in der Myth. S. 796 ff. aufgeführt; besonders übereinstim-
mend mit unserem G-edichte ist Willeh. 49, 10:
vor dem tievel nam der sele war
der erzengel Kerubin.
Daß dabei nicht mit Grimm an einen Streit der Walkyrien im
Auftrage Wuotans und Frowa's (bei den Christen Michael und Ger-
drut) zu denken ist, dürfte nach Zarncke 202 ff. und dem Obigen
nicht zweifelhaft sein. — Bei den Angelsachsen aber finden wir schon
die ersten christlichen Jahrhunderte hindurch eine visionäre Dichtung
über diesen Gegenstand, am ausführlichsten bei Alfric (f 1051), aber
kürzer schon bei Beda im achten Jahrhundert, also vor unserem Ge-
dichte^ erzählt; beide fähren auf eine noch ältere Lebensbeschreibung
des Schotten Furseus (ums Jahr 633) zurück. (Beda bist. eccl. 3, 10:
de quibus omnibus si quis plenius scire vult, legat. . . libellum vitse
ejus). Furseus ist krank (Horailics of Alfric, in Homil. of the Anglo-
Saxon Church Part. I, vol. IL p. 334 ff.); seine Seele wird von drei
Engeln in weißen Federkleidern fortgetragen, dann, ohne daß sie es
merkt, ebenso wieder in den Leib zurück (seo sawul ne vühte un-
dergiton hü heo on (tone licLaman eft hecom., for dces dreames wynsum-
nysse), nachdem sein Leib eine ganze Nacht bis zum Hahnkrat leblos
gelegen. Er lebt noch drei Tage, da holen die Engel die Seele aber-
mals und es beginnt, wie in unserem Gedichte, ein Kampf {päga) und
eine Auseinandersetzung {suona). Hiccet da comon da aicirigedan deoflu
071 atelicum hiwe dcere saicle togeanes, and heora an civaid: uton for-
ständan M foran mtd gefeohfe. pa deoflu feohtende scuton heora fgrenan
flän ongean da sawle, ac da deofeUican flän wurdon pcerrihte ealle ad-
wcescte fjurh dces gewoepnodan engles scyldunge. pa englas cicoedon to dam
*) Z. B. Gregorii M. Dialogi IV, 9. Aliqui riavigio Romani petentes in mari
niedio positi cujusdam Servi Dei qui in Samnio fiierat inclusus, ad coelum ferri ani-
mam viderunt. ib. 7 sieht Benedictus die Seele eines Bischofs Geimanus von Ca-
pua nocte media in globo igneo ad coelum ferri ab Angelis.
Tertullian de anima philosophiert über die Körperlichkeit (corporalitas, corpu-
lentia) der Seele und ihre Länge, Breite und Höhe ; bei Irenseus nimmt der Körper
die Figur der Seele a;i, wie das Wasser die des Gefäßes.
ZUM MUSPILLI. 141
moirigedum gastum: hvl ville ge leftan ure sktfcet? Ni.s pes man dcelni-
mend eoiveres forwyi^des, da widericinnan ciccedon, Jtait hit unrihtlic
wcere, pmt se man de yfel gedafode sceolde huton xcite to reste faran. . . .
Se engel da feaht ongean dam awyngdum gastum to dan swüte, ])ces
Pam halgan were toats geduht pcet pa;s gefeoktes hreäm and dcera deqfia
gchlyd mihte beon gehyred geond ealle eordan. Es folgt wieder ein
Wortstreit, aber pa iciderwimian icunTon ofersioidde, Jmrh dces engles
geivinne and wäre. Als sie weiter mitten durch die Flammen fliegen,
beginnt ein neuer Angriff: ])a deoßu da mid gefeohte ongean da saicle
scuton, und neue Wechselreden über Schuld und Unschuld der Seele,
indelS der Kampf fortdauert: on eallum disum geßitum ica;s doira deoßa
gefeoht sioide stidlic ongean da saide and da halgan englas, bis endlich
durh Godes dum da vndtrwinnan wurdon gescynde. Nach gefährlicher
Wanderung am Höllenfeuer vorbei, kommt die Seele wieder in den
Leib ; Furseus ersteht zum zweiten Male und lebt und predigt noch
12 Jahre auf Erden.
Diese ausführlichste Dichtung über den Streit der Engel und
Teufel hat also auch einen Kamj^f und einen auf Gründe sich stützen-
den Streit neben einander, ganz wie unser Gedicht {dar pägant siu
umpi, unzi diu suona arget), endlich noch einen den Streit entscheiden-
den Obmann wie Pseudo-Cyrill (Zarncke S. 212). Da Beda ausdrück-
lich einen Auszug aus einem gi-ößeren Ganzen gibt, in den ausge-
zogenen Theilen aber wörtlich mit Alfric stimmt, so dürfen wir wohl
annehmen, daß die Legende gerade so wie sie bei Alfric erscheint,
schon dem Beda vorgelegen habe in jenem citierten libellus vitse
Fursei, dalj also die Vorstellung von einem wirklichen handgreiflichen
Kampfe schon vor dem achten Jahrhundert, also auch vor unserem
Gedichte existiert habe^ entgegen Zarncke's Ansicht p. 213, wonach
sie erst viel später aufgetreten wäre. Wir sehen also auch in der Dar-
stellung des Muspilli Vs. 2 — 13 nicht bloß einen auf Gründe sich
stützenden Streit, sondern einen eigentlichen Kampf zwischen Him-
mels- und Höllenheer, den sich der Dichter ähnlich ausmalen mochte
wie der Angelsachse ; es ist das Natürlichste, bei dar pägant siu umpi
an Schießen und Schirmen mit Ger und Schild, bei kiuuinnit (8) an
die ursprüngliche Bedeutung „erkämpfen", bei suona vielleicht auch
an einen göttlichen Entscheid zu denken.
Auch jener nordische Elucidarius kannte (a. a. O. S. 55, 57,
s. oben) wenigstens eine sehr gewaltsame Abholung der Seele durch
Engel oder Teufel.
Also eine allgemeine germanische und uralte Vorstellung. j;i,
142 ■ FERDINAND VETTER
wenn Feifalik's böhmische, mährische, slovakische und polnische Kin-
derspiele, die mir nicht zugänglich waren, wirklich auch darauf be-
ruhen, eine auch bei Nichtgermanen vielbeliebte, eine allgemein kirch-
liche, was wiederum ganz entschieden gegen die Ableitung von den
germanischen Walkyrien spricht. Zu den von F. weiter angeführten
Ausläufern, einem argauischen Kinderspiel bei Rochholz (S. 436), wo
man, je nachdem man beim Tanzen am Eöcklein Schwindel be-
kommt oder nicht, Engel oder Rüppel wird und einem schleswigschen
bei MüUenhoff (S. 468), wo das dreimalige Überspringen eines Stri-
ches, ohne daß man dabei lacht, den Ausschlag für Himmel oder
Hölle gibt, und ein Wettziehen der Mutter Marie (auch Fru Rosen)
und der Gegenpartei den Beschluß macht (beide kaum sehr zutref-
fend), stelle ich noch ein viel bezeichnenderes, das in meiner Heimat,
der nordöstlichen Schweiz zu Hause ist (Vögelverchaufis) : Ein Kind
ist Mutter oder Vögelverkäuferin; zwei andere treten nebenaus, die
übrigen erhalten von der Mutter Vögelnamen. Eins der Beiden
kommt :
Holleho!
Mutter: Wer do?
De-r- Engel mittem guldne Schwert.
M. Was wotter?
E. En Vogel.
M. Wa für ein'n?
E. En Spatz (en Gwaag, e-n-Aegerste , en Heerehetzler , e
Rothhüseli.)
Ist der genannte Vogel nicht da, so sagt die Mutter: Isch keine
do! und der Engel muß abziehen; ist er da, so springt er sofort auf
und wird vom Engel eingefangen. — Der andere Nebenausgetretene
kommt:
Holleho !
M. Wer do?
Der Tüüfel mitter Ofechrucke
(oder: Der Cholli mitter Schindlehaue).
M. Was wott er?
u. s. w. wie beim Engel. Zum Schluß muß das Gefolge des Teufels
zwischen dem des Engels hindurch „Spitzruete" (Plumpsack) laufen.
Über Seelen als Vögel, vgl. Grimm Myth. 788, Müller altd.
Rel. 402; oben S. 139. Die Mutter könnte die heilige Gertrud sein,
welche die Seele in der ersten Nacht nach dem Tode in ihrer Obhut
hat, in der zweiten ist sie bei St. Michael oder den Erzengeln über-
ZUM MUSPILLI. 143
haupt, um In der dritten dahin zu kommen, sicut diffiuitum est de ea,
vgl. Schmeller in Haupts Zeitschr. I. 423. Grimm Myth. 798. 54.
282, der sie weiter mit Freyja zusammenbringt; Müller altd. Rel,
406 Anm. und 111, wo wenigstens der Anklang ans Heidenthum be-
rtihrt ist.
b) Gespräch zAvischen Leib und Seele.
Eine weitere vielfach ftir sich berührte oder behandelte Episode
aus unserem Ideenkreis von Tod und sofortiger Vergeltung ist das
Verhältniss von Leib und Seele im Zwischenzustand, beson-
ders gern als Gespräch dargestellt. Dali die Seele zeitweise vom
Leibe getrennt ist, namentlich gern, während der Körper schläft, in
Thiergestalt ihn verlässt, ist eine alte Vorstellung (Altd. Rel. 403);
in einem ags. Gespräche des Salomon und Saturnus erscheint sie in
verschiedene Leibestheile zurückgezogen : ßaga nie hwar restect pces
mannes saicul ponne se lycliama slepd? Ic ])e secge, on prim stoivum heo
hyd: on pam bragene, oppe on pere heortan, oppe on pam Mode. (Thorpe,
Analecta S. 98, vgl. die Benennungen lihhamo, gästhof, bdnfat, vat
vläm. Theophilus) ; bei Visionen (vgl. oben die des Furseus) entfliegt
sie und besieht bei der Rückkehr den Körper wie einen wildfremden
Gegenstand: Aefter dissere sprcece comon da englas mid poire saicle, and
gesceton uppon dcere cyrcan hrofe, pa^r poit lic Iceg mid mannum besett\ and
da englas hine heton oncnaivan Ms dgenne Uchaman, and hine eft underfön.
Furseus da beseah to his Uchaman sicilce to uncudum hreawe, and nolde
htm genealcecan pa geseah he geopeman his Uchaman under dam
breoste, und schlüpft wieder hinein. (Älfr. IL 346.)
Vornehmlich ist es aber die abgeschiedene Seele, deren
Schicksal und Verhältniss zum Körper uns geschildert wird, in einer
Reihe von Dichtungen , die theilweise oben S. 128 angeführt sind.
Die Bearbeitungen vom 12. Jahrhundert an nennen als Gewährsmann
einen Fulbertus von Francriche (Philibertus Francigena), der nach
einer um 815 geschriebenen vita (in Chifflet, bist. Ternoviensis. Dijon
1733, p. 70) um 616 geboren. Prior zu Raßbach war, 642 ein eige-
nes Kloster zu Jumi^ges gründete und zahlreiche Visionen hatte,
worunter jedoch die von Seele und Leib nicht vorkommt. Aber schon
früher sehen wir denselben Gegenstand und zwar ohne die Einklei-
dung in eine Vision, in England bearbeitet (im Cod. Exon. u. Vercell.
— bei Grein S. 198 und 203), und in Italien (von Alberich von Monte-
Cassino?) in drei Florentiner Handschriften (vgl. Karajan, Frühlings-
144 FERDINAND VETTEE
gäbe 1839. S. 154.) Als Vision und unter Philiberts Namen ersclieint
eine rixa animse et corporis erst im 12. Jahrhundert (Karajan a. a. O.
"Wiener Jahrbücher der Litt. Bd. 59, S. 30.), wohl auch schon dem
Bernhard v. Clairvaux oder Walther de Mappes zugeschrieben, und
seither häufen sich die Bearbeitungen, namentlich die deutschen in
Handschriften zu Wien (Karajan a. a. 0. theilt zwei mit), zu Darm-
stadt und Basel (Rieger in Germ. III, 400 ff.), zu Nürnberg (Bartsch,
die Erlösung S. 325), zu Heidelberg u. a. 0., — dann auch nicht-
deutsche: französische, spanische, englische, mittelniederländische, dä-
nische, schwedische; das Bruchstück einer noch halb angelsächsischen
aus der bodleian. Bibliothek steht in Thorpes Analecta S. 142 (the
grave, a fragmeut). Die Situation beruht auf der Vorstellung der
Trennung von Leib und Seele beim Tode, wie sie auch das Muspilli
kennt; die im Höllenfeuer gepeinigte Seele (nur selten, Avie im zwei-
ten angelsächsischen [Verceller] und im Basler Gespräch, ist es die
fromme, bereits selige, oder die aus dem nur kranken, nicht todtea
Leibe verzückte), besucht den Leib im Grabe und spricht mit ihm.
Dieß großartige, furchtbar ahnungsvolle Motiv, wo in stürmischer
Nacht der irrende Geist seine modernde Hülle, einst die Genossin
seiner Sünden wiedersieht, und eines dem andern die Schuld zuschiebt,
bis der Leib vom WurmfraLi erschöpft ist oder die Seele von Teufeln
in die ewige Verdammniss zurückgerissen wird, stammt wohl von den
poetisch so hochbegabten Angelsachsen, bei denen es uns zuerst be-
arbeitet erscheint. Auf den Nordwesten weist wohl auch der späteie
Träo-er der Vision, S. Philibert ; von England und Nordfrankreich
aus verbreitete sich die Vorstellung in der ernsten Zeit des 12. Jahr-
hunderts plötzlich epidemisch über Europa, gerade wie wir drei
Jahrhunderte später (um 1350) unter dem Einfluß einer ähnlichen
Stimmung das verwandte Motiv des Todtentanzes urplötzlich zu einem
internationalen werden sehen. — Hervorzuheben ist noch, daß in der
einschlagenden spanischen „Revelacion" (in Sanchez , coleccion de
poesias castellanas anteriores 1, 179) ein Vogel den faulenden Leich-
nam umflattert.
c) Höllenfahrt Christi.
Da jeder Sünder und Unchrist sofort in die Hölle kommt, so
waren auch die Frommen des alten Bundes einst darin*) und
*) Recht im Gegensatz zu dein Schicksal der jetzt Sterbenden, also iu Über-
ein.slimmung mit un^elem Gedicht, erwähnt die!* die sehr frühe Homilie in Septua-
ZUM MUSPILLI. 145
daraus fließt, im Anschluß an Eph. 4, 9. I. Petr. 3, 19. 4, 6. Mattli.
12, 40. die öftere poetische Behandlung der Höllenfahrt Christi,
wo das Reich der Verdammniss geschildert und der Erlöser bei sei-
ner Ankunft von den vorchristlichen Guten, Johannes der Täufer an
der Spitze, freudig begrüßt wird. Auch dieser Stoff scheint den Angel-
sachsen anzugehören. — Vgl. namentlich die „Höllenfahrt" im Cod.
Exon. (bei Grein I, 191 ff) und Satan V ff. (I, 141 ff.); — von
deutschen Bearbeitungen ist die ausführlichste die im Alsfelder Pas-
sionsspiel (Vilmar in H. Z. III, 510 ff.)
d) Bündniss mit dem Teufel.
Auf die Vorstellung vom Sogleichabgeholtwerdeu zur Verdamm-
niss gründet sich auch die von einem Bündniß mit dem Teufel,
wonacli die Seele nach einer bestimmten Zeit ihm verfallen ist, —
wie sie ia schon im 10. Jahrhundert von Gerbert im Schwana-e war.
Hier begegnen wir abermals einer internationalen Legende, der von
Theophilus, wo ein griechisches Original durch alle europäischen Lit-
teraturen die Runde macht*), und in den Bärenhäuter- und Faust-
sagen bis heute unaufhörlich wiederklingt. .
e) Schilderungen der Seligkeit.
Zu der formelhaften Schilderung der Seligkeit in unse-
rem Gedichte endlich hat schon Müllenhoff (Dkm. 255) die Parallel-
gesima (Thorpe Anal. S. 72) : Edla hu fela heähfcedevas cer Moyses ce rihilice leofodon,
and hu fei o, wisegnn, under pcere ce, Gode gecwemlice dröhtnodon, and hi, swa ]ieoh,
nceron gelcedde io heofonan rice, cerdan pe Drihlen nyder as/dh. se dr. neörxna ivdnyes
fotsien mid his dgenum dedde gi-öpnode and hl pa mid langsumre glcunge heora m^de
under f engon, pa de webiitan ^lcunge,pcBrrihte, swa w e of ürum lichd-
man ge w i t a d, underfSd.
*) (i. W. Dasent (Theopliilus in Icelantlic, Low German and other tongues.
Lond. 1845} gibt sie in den meisten Bearbeitungen und erwähnt, obwohl nicht ganz
vollständig die übrigen. Sie tritt zuerst griechisch auf, dann bei Hroswitha, Marbod
(f 1123, opp. ed. Eeaugendre p. 1507), Hartmann (12. Jh. von dem gelouben, v.
1927 ff.) Vincent de Beauvais (f 1261, «peculum Historie 22, 69), Eutebeuf (drama-
tisch in Jubinal's Mysteres inedits du XY. si^cle Paris 1837. II. 79), ferner flämisch
(Theophilus, v. Bloniniaert), isländisch, schwedisch (14. Jahrh. bei Dasent) wird er-
wähnt oder benutzt von Älfric 10—11. Jahrli. in der Homilie de assumptione beatse
Marise, Älfr. Society Part I Vol. I. 448), Fulbertus Carnotensis f 1029 (opp. Paris,
16(^8, p. 136), S. Bernhard (f 1153, opp. Paris 1615 p. 268), von Gautier de Coinsi
(t 1236), Berceo (f 1268). Bonaventura (f 1274), Jac. de Voragine (f 1298,1 im 13. Jh.
und von verschiedenen deutscheu Dichtern (Altd. Bl. 1, 79. Mone's Anz. 1834, 273.
1832, 25). • ■• ' ' .'
146 FEKDINAND VETTER
stellen angeführt: daß sie sämmtlicli erst von dem nach dem jüng-
sten Gerichte eintretenden himmlischen Leben gemeint sind, worauf
Zarncke a. a. O. 195 aufmerksam macht, entkräftet sie nicht, da, wie
wir sehen, nach dem ersten Theil des Muspilli und überhaupt nach
deutscher Anschauung, namentlich in späterer Zeit, der Zwischenzu-
stand ganz derselbe ist, wie in der Ewigkeit. Ich stelle dazu (neben
Cynev. Crist 1650 ff.) noch Phönix 607 (Grein S. 231), wo denn auch
sorgün und dar quimit imo hilfä kinuok seine Parallele findet.
.... leöhte in life . . .
ne bid him on |)äm vicum viht to sorge,
vroht ne vedel ue gevindagas,
hungor se häta ne se hearda ]iurst,
yrmdu ne yldo : , him se ädela cyuing
forgifed goda gehvylc,
welche Stelle denn wohl auch mit der bei Muspilli, Cynevulf und Ka-
rajan auf dasselbe gemeinsame Vorbild in der Freisinger Predigt und
der des Bonifacius zurückgienge, wenn wenigstens solche Überein-
stimmungen in einer Schilderung, die überhaupt in den sämmtlichen
angefühi'ten Stellen ziemlich dieselbe formelhafte ist und sich in den-
selben Ausdrücken bewegt, etwas bewiesen für eine gemeinschaftliche
Quelle.
Die mittelalterlichen Darstellungen über Himmel und Hölle,
welche auch Grimm Myth. 767 und 781 ff. sammelt*), sind meist eben
so allgemein gehalten wie die des Muspilli, die nähere Beschreibung
und dogmatische Feststellung der Ideen überliess man der Scho-
lastik**). Später wird die mehr biblische Vorstellung einer himmli-
schen Stadt für das Himmelreich häufiger: so in „Himmel und Hölle"
(Wackern. LB. S. 155 und MüUenh. und Seh. Dkm. XXX) und oft im
Barlaam, wie schon in dem früheren nordischen Roman dieses Na-
mens (Barlaams ok Josaphats saga, udg. af R. Keyser og C. R. Un-
ger, Christ. 1851. Cap. 208: til hinar sarau borgar, bei Rudolf
V. Ems. S. 393).
*) Eine höchst merkwürdige. Vorstellung über die Hölle zeigt auch noch eine
Antwort in dem von Thorpe Anfll. S. 100 niitgetheilten Gespräch des Saturnus und
Saloraon: Saga me forhwan hyd seo suiine read on cefen'i
Ic Jie secge, forpon heo loca d o n helle.
**) Auch um Widersprüche kümmerte man eich nicht, wie z. B. überall die
Hölle zugleich feurig und dunkel ist
ZUM MUSPILLI. 147
Wir haben den kirchlichen Vorstellungskreis von Tod und Ver-
geltung, wie er im Muspilli erscheint, bis in seine Ausläufer verfolgt,
und gesehen, daß er^ der im Einzelnen von den meisten Kirchenleh-
rern abwich; doch den späteren einschlagenden Producteu ohne Aus-
nahme zu Grunde lag und so recht eigentlich als der Ausdruck
dessen, was damals Glaube war, gelten kann.
Wir haben ferner gesehen, wie tief und wie vielseitig diese
Ideen in das geistige Leben und die Litteratur der germanischen Völ-
ker eiugrriffen, wie weithin und in wie übereinstimmender Weise sie
fruchtbar waren: dieß und der Umstand, daß meist Geistliche die
Träger dieser Litteratur waren, dürften ihnen zum Überfluß abermals
ihren unheidnischen Ursprung sichern.
Streit um die Seele, Gespräch zwischen Seele und Leib, Höl-
lenfahrt, Geholtwerden vom Teufel, Himmel und Hölle: das ist eine
Reihe von Momenten, an deren jedes sich die dichtende Phantasie an-
heften konnte. Weniger mannigfaltig ist die Ausbildung und die Lit-
teratur derjenigen Vorstellungen, welche djem zweiten Theil des
Muspilli zu Grunde liegen.
(H.) Antichrist und Weltgericht.
Hier lag bei den Kirchenlehrern eine einfach epische und prag-
matisch zusammenhängende Folge von Ereignissen vor, die denn auch
immer einfach episch bearbeitet erscheinen, nicht in den freieren,
auf Situation en fußenden, didaktischen und dramatischen Formen.
Die Litteratur über Antichrist und Weltgericht ist gesammelt in
Hoffm. Fundgr. H, 102—104. Das Weltgericht allein mit den dem-
selben vorhergehenden Zeichen ist außerdem vielfach behandelt (vgl.
Sommer in H. Z. 3, 525 ff.), und diesen Gegenstand liebten auch die
Angelsachsen, vgl. bes.: Cynev. Crist 779 ff. (bei Grein I, 169); M
domes dage (I, 195), denen dagegen die Behandlung des Antichrist-
mythus in dieser Zeit fremd gewesen zu scheint; auch der altdän.
Lucidarius kennt ihn nicht. Das Gewöhnliche in den deutschen Be-
arbeitungen des Weltendes ist, daß die Erzählung vom Antichrist,
als dem Vorläufer desselben, vorangeht, und zwar ganz übereinstim-
mend so, wie sie nach Augustin, Lactanz und den sibyllinischeu Bü-
chern uns zuerst zusammengefasst in dem zwischen 949 und 954 ver-
fassten libellus de Antichristo Adsonis Abbatis Dervensis (Abt von
Moutier-en-Der) entgegentritt. (Albuini opp. ed. Frobeu Tom. 11^ p.
526 ff; — angeblich ad Carolura Magnum ab' Alcuino edita; ebenso
148 FERDINAND VETTER
fälschlich dem Augustin und Hrnban zugeschiieben.) Anschließend an
die Deutungen jeuer Kirchenväter wird hier und später aus den Stel-
len Genes. 49, 17, Jes. 11, 4. 25, 7. Jerein. 33, 16. Ezech. 38, 8. 39,
8-16. Daniel 7, 25 ff. 8, 23 ff. 11, 37. 45. 12, 1. 7. 11, Zach. 4, 11.
14. Maleach. 4, 5. Sirach 48, 1 ff. 10 ff. Matth. 11, 21. 17, 10. 24,
14. 16. 22. Luc. 10, 13. Ev. Joh. 5, 43. Rom. 9, 27. II. Thess. 2, 3.
8. Apocal. 11, 2. 3. 7. 12, 6. 14 ff 13, 7. 19, 20, 20. 1. ein Gebäude
aufgeführt, dessen hauptsächliche Bestandtheile sind*): Abstammung
vom vStamme Dan — Mitwii-kung des Teufels bei der Empfängniss —
Geburt in Babylon — Erziehung in Bethsaida und Chorazim —
Herrschaft in Jerusalem mit Verfolgung der Christen, Zeichen und
Wundern, 3V<. Jahr lang — Untergang des Römerreiches und Ver-
kündigung des Evangeliums auf dem ganzen Erdboden — Gog und
Magog — Predigt des Elias und Enoch — ihre Tödtung durch den
Antichrist — Auferstehung nach 3 Tagen • — nach Erfüllung der
3 '4 Jahre Untergang des Ant. durch Gott selbst oder Michael — so-
dann 40 Tage und unbestimmte Zeit Ruhe bi.s zum Eintritt des
Gerichtes.
Bei dem Letzten müssen wir doch noch kurz verweilen. Alle
Bearbeitungen des Gegenstandes ruhen auf den obigen Momenten,
nur daß die Dichtungen meist die Entwicklungsgeschichte des Anti
Christ weglassen und nur bei den dramatisch ergiebigen Punkten ver-
weilen; einzelne Abweichungen gerade unseres Gedichtes hat Zarncke
S. 213 ff. aus Varianten des christlichen Mythus selbst oder aus be-
wußter genialer Änderung des Dichters hergeleitet^ so daß jetzt we-
nigstens Niemand mehr mit Feiftilik in der Schilderung des Kampfes
und Weltunterganges „das Bruchstück eines altheidnischen religiösen
Liedes von der Götterdämmerung, welches verdunkelt und christiani-
siert im 9. Jahrhundert etwa noch in Baiern mag im Volksmunde
umgegangen sein", sehen Avird. Aber für Eins genügen mir jene bei-
den Erklärungen doch nicht: eben für jene chronologische Abvrei-
chung und die Aneinanderreihung von Elias' Tod und dem
Weltbrand.
Den Enoch mochte unser Dichter übergehen: von den einschla-
genden vier biblischen Stellen (Malach. 4, 5. Sir. 48, 10. Matth. 17,
10. Apoc. 11, 3) erwähnen die drei ersten bloß den Elias; die Deu-
tungen schwanken auch sonst (vgl. Zarncke), und namentlich kennt,
*) Die ganze Litteratur am besten gesammelt in deip großen Werke de.s Tho-
mas Malvenda de Antichristo. Lugd. 1647.
ZITM MTsriLLI. 140
wie ich sehe, das zweite der sibylliuischen Bücher (dein unser Ge-
dicht ganz besonders nahe zu stehen scheint) bloß den Thisbiton
Elias, der auf einem Wagen vom Himmel hernieder kommt*). Auch
die Tödtung des Antichrist (46, 47 ; — es steht ja nirgends, daß sie
durch den Gegner geschehe) während des Kampfes erklärt sich
ganz ansprechend aus einer poetischen Prolepse seiner späteren Ver-
nichtung durch Gott oder Michael.
Aber die 40 (nach Anderen 42 oder 45) Tage der Ruhe nach
dem Tode des Antichrists, oder, was in unserem Gedichte der Zeit
nach dasselbe ist, dem des Elias, sind ein so wesentliches Element
der Eschatologie, so verhältnissmäßig gut begründet, und gerade zur
Zeit unseres Gedichtes so eifrig commentiert und verfochten (während
jene früheren Fragen sehr häufig offen gelassen werden), daß ihre
Übei'gehung aufs Höchste auffallen muß, und die Annahme einer in-
dividuellen poetischen Licenz sehr gewagt erscheinen lässt. Gleich
Beda im 7. 8. Jahrhundert spricht sich sehr entschieden aus (de tem-
porum ratione G8) : Percusso autem illo perditionis filio, sive ab ipso
Domino, sive a Michaele Archangelo, ut quidam docent, et eeterna
ultione damnato, non continuo dies judicio secuturus esse
credendus est, und der Grund dafür ist bei Allen derselbe, schon
biblische (Beda a. a. O.): alioquin scire possent homines illius sevi
tempus judicii, si post tres semis annos inchoatae persecutionis Anti-
christi confestim sequeretur. Diese Ruhezeit sah man angedeutet in
dem Silentium nach der Eröffnung des siebenten Siegels Apoc 8, 1.
(vgl. Beda zur Apoc); für die Dauer gibt Dan. 12, 12 den Anhalts-
punkt, was nach Hieronymus Vorgang ausgelegt wird: beatus qui in-
terfecto Antichristo supra MCCXC. dies i. e. tres semis annos, dies
quadraginta quinque prsestolatur, quibus est Dominus atque Salvator
in sua majestate venturus. Dies ist die allgemeine Ansicht. Requiescet
orbis, lehrt schon Lactauz (de vita beata^, mit Berufung auch auf die
Sibylle)^ und im 10. Jahrh. Adso (a. a. O.): non statim (nach dem
Tode des Antichrist) ad Judicium Dominus veniet, sondern (nach Da-
niel) gebe der Herr den incantatis et caracteratis 40 Tage zur Buße,
— mit Berufung auf Hieron. in Dauielem 11, 45, und auf Augustin
(Epistel über H. Thess. 4, 12;, die übrigens nichts dergleichen ent-
hält), sowie auf des Hieronymus expositio VII. tubarum ad Evervinum
(Ed. Veron. I. 793). Die durchaus übereinstimmenden Ansichten der
Kirchenväter hierüber sammelt Malvenda de Antichristo IL 243 ff.^
*) CoiTodi, kiit Geschichte des Chiliasnius 1781. JI. 341.
150 FERDINAND VETTP:R
wo auch die scheinbar widersprechenden Angaben Ezech. 39, 12 (Be-
gräbniss der Gefangenen 7 Monate lang) und 9 (Verbrennung der
Waffen 7 Jahre hindurch), als bloß typisch, aus den Kirchenvätern
widerlegt werden. Auch der Pseudo-Anselin'sche Elucidarius kennt
40 Tage Frist, auf die dann zu unbestimmter Zeit das Gericht folgt;
im Basler Lucidarius erhalten die Juden 40 Tage zur Buße (Basl.
Hss. 22.); der Entekrist, Fundgr. IL 126 bemerkt dazu: so hat
uns der wise heda gekundit, iohannes in apokalypsi kit, man lisit in
daniele.
Und in diese so allgemein angenommene Zwischenzeit setzt nun
zudem noch ganz übereinstimmend das deutsche Mittelalter ein mit
Vorliebe ausgebildetes Moment: die sogenannten 15 Zeichen, auch
diese allgemein auf Hieronymus zurückgeführt, und namentlich von
Thomas v. Aquin, Richard v. Middletown, Petrus Comestor ausgebil-
det, dann vielfach poetisch behandelt: vgl. Haupts Z. I, 117. III,
523. Fundgr. I, 130. II, 106. Wunderhorn 3, 199. Riegers alt- und
angels. Leseb. 213, der Meißner in Minnes. III, 96 b, über die ganze
Litteratur, Sommer in H. Z. III, 526 ff.; und bei den Angelsachsen,
obwohl ohne das bestimmte Zahlenverhältniss, Crist 800 ff, und Domes
däg (Grein I. 195). Erst nach dieser Zwischenzeit, der nach Anderen
sogar noch eine weitere unbestimmte Frist folgt (vgl. Fundgr. II,
129, 32), tritt die Auferstehung ein; bei denen die ein tausendjähriges
Reich erwarten, bloß die der Märtyrer, bei den Uebrigen die allge-
meine zum Weltgericht. — Alle aber trennen, oft mit ausdrücklichen
Worten, das Gericht vom Kampf des Elias und Antichrist.
Diasen übereinstimmenden Ansichten steht nun die Darstellung
unseres Gedichtes gegenüber als völlig uubiblisch und unkirchlich.
Gieng der Dichter von jenen aus, wollte er biblisch und kirchlich
dichten, so war kein Grund, hier davon abzugehen, auch nicht der
einer wirksameren Concentration; man sieht nicht ein, warum er, wenn
es ihm darum zu thun war, dann nicht gleich auf Elias Tod die
rächende Ankunft Gottes, von dem das Feuer ausgehen konnte, fol-
gen ließ. Hier tritt auch eine ziemlich unpoetische Pause und Stockung
in der Handlung ein, die, wenn sie concentriert sein sollte, gerade
im Nahen des Richters gipfeln mußte.
Aber mir scheint, dor Verfasser unseres zweiten Gedichtes steht
eben, wie wir schon bei der Schilderung der Auferstehung, im Gegen-
satz zu der des ersten, bemerken konnten, nicht auf dem streng kirchli-
chen Standpunkt, sondern schließt sich an den Volksglauben an,
diesem und nicht seiner eigenen Genialität glaube ich, so hoch ich
ZUM MUSPILLI. 151
ihn sonst als Dichter stelle, auch diese Abweichung zurechnen
zu müssen. Wie viel das Mittelalter von Elias zu erzählen wusste, das
wissen wir aus Myth. 157 ff.; warum sollte sich die dichtende Phan-
tasie nicht gerade hier, auf dem Glanzpunkt seiner göttlichen Sendung,
an seine Gestalt geheftet haben? — Aber jene Causalverbin düng
zwischen Elias und dem Weltbrand ist auch nicht unserem
Dichter allein eigen.
Im zweiten sibyllinischen Buch lesen wir: der Thisbit kommt auf
einem Wagen vom Himmel (Enoch fehlt ebenfalls) und thut vier Zeichen
— xccl TOTE Sil (also ohne Zwischen- oder Ruhezeit)
TCOTUfiog TS (isyas nvgog aid-ofisvoio gavösi, ajt ovgavöd^ev, xal
Tcävxa TOTCov öannriGEi, yatav t cjxsavov xe (isyav, yXavKrjv rs
d-älaöffajf, XL^vccg xal notafiovg, Jii]yag xal a^Eikiiov ädrjv xaC nökov
ovQUViOv atttQ ovQccvcoL (paörrJQSg €('g ev GvQQrj^ovGc xal sig ^OQ(prjv
TtavsQtjfiov aöxEQa d' ovgavo&sv Q^aXÜGöia nävxa nsoatrai,.
Nun hören Avir, daß die sibyll. Orakel früh in Deutschland be-
kannt und beliebt waren. Die Kirchenväter selbst dagegen sind mit
dem ersten und zweiten Buch derselben gänzlich unbekannt (Her-
zog, Realencycl. unter Sibylle), selbst der Sibylloman Lactanz; diese
beiden werden daher für viel später abgefaßt erklärt, als die übrigen.
Wie, wenn die volksmäßige Verbindung von Elias und Weltbrand aus
diesen, also aus der späteren apokryphen Überlieferung stammte, wäh-
rend die übrige, namentlich spätere, geistliche Dichtung den Kirchen-
vätern und der orthodoxen Lehre folgte? Jener Überlieferung konnte
im Volksglauben so Manches entgegenkommen, was diese Verbindung
noch fester knüpfte. Nebenumstände konnten sich nach Analogie hei-
mischer Sagen umgestalten: das Blut des Drachen verzehrt den
Struthen (vgl. das Gift der Weltschlange Völusp. 55 und Gylfaginn.
51, — wohlverstanden nur als Analogie), das Gift, das auf Loki
träufelt, veranlaßt das Erdbeben. Es wäre wohl möglich, daß unserer
Darstellung jene jüdische*) Überlieferung in germanischem Gewände
zu Grunde läge.
Und auf den Volksglauben und die volksmäßige Umgestaltung
des Überlieferten führen uns denn auch noch einige andere Züge, die
in der Kirchenlehre geringen oder keinen Grund linden; sie sind, um
mit Wackernagel zu sprechen, „nicht heidnisch, sondern deutsch."
*) Vgl. die Voi-stellung bei Pirke Eliezer (Coirodi a. a. O.), wo der Feuerfluß
Dinor, durch den alle Menschen gezogen werden, aus dem Scli weiße der Che-
rub e am Wagen Gottes entsteht.
]r)2 FKRDIXAND \ HTTF.R
Der unarh 39 konnte in der bestia ex abysso (Apoc. 11^ 7) be-
gründet sein; aber der Deutsche mochte doch wohl bei der bloßen
Allegorie nicht stehen bleiben wie Beda (i. e. vidi hominem saevissimi
ingenii de tumultuosa irapiorum stirpe progenitum cui mox nato et
per magicas artes a pessirais inibuto magistris adjungens se diabolus
totam virtutis suse potentiara. . . individuus comes attulit, de temporuni
ratione 68), sondern sich ein halbthierisches Ungethüm vorstellen,
einen Werwolf, wie der Angelsachse seinen Grendel, der heoro-vearh
heißt (Beov. 1268, wohl mehr als bloß: Geächteter), oder wie der
skandinavische Norden den Fenrir, In S. Oswalds Leben, H. Z, 2,
125, erscheint eine Heidin in der Hütte als eyne grosse icoJffynne, der
die Teufel Schwefel und Pech eingießen.
Die Theilnahme Satans am Kampf kann im Volksglauben nicht
befremden, wo oft der tiuvel und der antekrist (H. Z. 6, 382) identi-
ficiert vorkommen.
Die bloße Verwundung des Elias konnte die populäre Überlie-
ferung, die ihn verherrlichen wollte, seiner Tödtung substituieren;
von seiner Wiederbelebung scheint sie nichts zu wissen, sonst wäre
sie jedenfalls erwähnt.
Die Schilderung des Weltbrandes ist echt volksthümlich, ganz
entsprechend der des Chaos im Wessobr. Geb. (Z. 3 stein zwischen
poum und pereg nach Wackern., Höpfn. und Zacher I, 309): Himmel,
Erde, Mond, Meer sind dem Deutschen für das Weltall, — Bei'g,
Baum (vgl. im Altn. Gras) und als Letztes der feste Stein für die
Ei'de das Bezeichnende (vgl. Völusp. 3. 5).
In der christlichen Lehre wird der Mond einfach verfinstert in
blutigen Schein (Matth. 24, 29 u. ö., vgl. Heliaud 131, 20.); fallen,
wie hier, dürfte er nach Beda (in Matth. 24) nicht, da nach Apoc.
12, 1 die Kirche auf dem Mond steht.
Auch ein wirkliches Vergehen des Himmels, d. h. des Äthers,
geben die Kirchenlehrer nicht zu, trotz Matth. 24, 35: nur die Er-
denluft wird zerstört, denn nach Beda (de die judicii 69) wäre Ver-
finsterung von Sonne und Mond, und Fallen der Sterne unmöglich, si
coelum ipsum, locus videlicet eorum, igne voratum transibit; auch
der „neue Himmel" (Apoc. 21, 1) ist nur per ignem innovatum.
Die Kirchenlehre von den Vorzeichen des Gerichtes läßt seit
(Pseudo-) Hieronymus übereinstimmend durch eines derselben alle
Berge geebnet werden (so schon im Codex unseres Gedichtes selbst
das in die Predigt eingeflochtene sibyllinische Orakel: jam aequantur
campi montes et ebenda pouti, Schmeller Musp. S. 5; — H. Z. II,
ZUM MUSPILLI. 153
523 und im Fries. Asegabok ist cließ das neunte Zeichen, ebenso bei
Petrus Comestor bist, evang. 141, — bei Ricardus a Media Villa das
elfte, beim Meißner das sechste, H. Z. I, 123 das zehnte; P. Comestor
nimmt sich sogar bist. ev. a. a. O. die Mühe des Beweises, daß trotz-
dem noch das Thal Josaphat, avo Gericht gehalten werden soll, exi-
stiert); hier verbrennen sie erst im Weltbrand.
Um das Alles kümmert sich unser Dichter nicht; er gab eben
einfach, was Glaube war, voll volk sthümlicher Züge —
„heidnischer" sagen wir lieber nicht, damit man diesen Ausdruck
nicht wie bei Bartsch und Feifalik von directer Entlehnung aus dem
Norden verstehe. Nicht Alles was volksmäßig-heidnisch ist, ist nor-
disch, hinwiederum aber dürfte Manches was christlich sclieiut, schon
im germanischen und noch älteren Glauben begründet und später
durch ihn begünstigt sein. So ist gewiß der Zwiespalt der Verwand-
ten, den unser Gedicht andeutet, nicht zuerst aus christlicher An-
schauung (Marc. 13, 12. Luc. 21, 6) geflossen, sondern ruht mit dem
skeggöld, skalmöld, vindöld, vargöld der Völuspä (entsprechend dem
ßmbidvetr in der Natur) auf einheimischer Vorstellung, nach welcher
den Stürmen und Verfinsterungen in der Natur auch Sturm und Er-
löschen aller Liebe in der Menschenwelt entsprechen mußte (Dietrich,
Alter der Völusp. H. Z. VII), und der wir, wenn ich nicht irre,
schon im indischen Kali-Alter vor dem Weltende (Kali Streit) be-
gegnen (Vishnu Puräna übs. von Wilson S. 622 ff.): the observance
of caste, Order, and Institutes will not prevail in the Kali age . . .
family descent will no longer be a title of supremacy... the mother
and father-in-law will be venerated in place of parents, and a man's
friends will be bis brother-in-law, or one who has a wanton wife.
Men will say; „Who has a father? who has a mother? each one is
born according to bis deeds."
Wüßten wir, ob der nordische Ragnaröks-Mythus und wie viel
davon auch in Deutschland gelebt habe, so könnten wir mit Sicher-
heit von heidnischen Zügen sprechen und die betreffenden Theile,
wie Bartsch thut, ins Heidenthum zurückübersetzen. So aber können
wir nur volksthümliche Behandlung des christlichen Gegenstandes und
Einmischung volksthümlicher Züge erkennen und müssen uns begnü-
gen, einfach die ähnlichen heidnischen Anschauungen daneben zu
stellen^ es unentschieden lassend^ ob sie wirklich verwandt — viel-
leicht unverwandt — sind, oder nicht. Es sind bes. Völusp. 45. 47.
55 (vgl. Gylfaginn. 51). 56.
Auch die entsprechenden Stellen der ags. Gedichte wird man
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. H
154 FEEDINAND VETTEE
nicht, wie Bartsch die Deutschen {der inan farsenkan scal = sigr fold t
mar), direct mit denen der Edda in Verbindung bringen. Es wird
dasselbe Verhältuiss zwischen ÜberHeferung und Volksglaube wie im
Muspilli herrsehen in Crist 808 ff. (vgl. Domes däg 7 ff.), oder 931 ff. :
dyned deop gesceaft möna pät sylfe,
and fore diyhtne färect pe aer moncynne
välmfjrr miest nihtes lyhte,
ofer vidne grund, nider gehre6se3
hlemmed häta leg, and steorran svä some
[ heofonas berstact, stredad of heofone
trume and torhte Jaurh pä. strongan lyft
tungol ofhrdosad: stormum äbeätne.
J)onne veorded sunne Vile älmihtig
sveart gevended mid his engla gediyht
on blödes hiv, mägencyninga meotod
seö \)e beorbte scän on gemot cuman,
ofer ffirvoruld Jjrymfäst f)eöden.
älda bearnum
Also: Volksglaube, aus judenchristlicher (2. sib. Buch)
und altnationaler Grundlage zugleich üppig emporwu-
chernd, ist es, worauf unser zweites Gedicht im Gegensatz zum
ersten ruht.
Es sei endlich auch noch;, nach den resultatlosen Anderer, ein
Versuch gewagt zur Erklärung des heidnischsten der heidnischen Züge
oder der einzigen ganz sicher heidnischen: des Wortes von dem unsere
Gedichte seit Schmeller den Namen haben. Das ahd. muspilli (oder
muspil?*) dat. muspille (Vs. 57), das an. Muspell, Muspelsheimr, und
das as. mudspelli mutspelli (Hei. 79, 24. 133^ 4.) mit Leo (H. Z.
III, 226) aus dem wälschen mud und yspel oder dem gälischen muth
und spuill abzuleiten und „Hinausschaffen" oder „Plünderung des Be-
weglichen" zu erklären, ist bei einem so alten und vorzugsweise bei
den Skandinaven, die nie mit den Kelten nachbarlich sich berührten,
gebräuchlichen Worte sehr bedenklich.
Jac. Grimm's Erklärungen oris eloquium oder mutationis nun-
*) Der Muspil Laclim., das Muspilli Schmeller, MüUenh., Bartsch, Zarncke.
Die ahd. u. as. Stellen bieten nur den Dat. u. Gen., und den artikellosen Nom.
(muspilli Hei. 133, 4.). — Die altnordische (wohl männliche?) Personification in
Muspells lySir, synir, Muspellsheimr, kann für's Hochdeutsche nicht entscheiden.
ZUM MUSPDLLI. 155
tlus (Gr. IL 526) haben formelle wie sacliliclie Bedenken und werden
von ihm selbst (Myth. 768) aufgegeben. Richtig aber, wie ich glaube,
ist an letzterer Stelle der zweite Theil des "Wortes zu au. spilla^ ags.
spillan, ahd. spildan, as. spildian, pendere gestellt; für den ersten ge-
nügt Grimm keine der dortigen Ableitungen; man ist nach ihm be-
fugt, darin „eine altverdunkelte entstellte Form zu finden."
Ich denke an den allgemein nordgermanischen Ausdruck für
Gott: metod (meotod) im As. und Ags., miötuär im Altn. (vgl.
Myth. 20), welcher Gott oder die Götter (als die Messenden, Bilden-
den, Schaffenden) bezeichnet (vgl. die mhd. Parallelen, Myth. 20,
Müller altd. Eel. 148). Der hochdeutschen Form der Wurzel „mii"
mit z würde der Mangel des ^-Lautes in hd. muspilU entsprechen,
(z vor s fiel aus, vgl. hezüt-hest), während sich zu as. metan, metiri,
richtig das t oder d in mulspelli stellt; das An. assimilierte regel-
recht. (Das Vb. meta kommt nur im Ptc. Pt. metinn sifiagiiEvr}, vom
Schicksal bestimmt, vor, Sigdrf. 20). Die Vorstellung von den Göt-
tern als Bildnern reicht in die Urzeit zurück : auch im Sanskrit ist
die Bildnerin, mätar, nom. iiiatri (zur Wurzel iiia) personificiert als
Göttermutter. Dem ssk. mä würde g. an. as. mo entsprechen, also ein
dunkler Vocal. Für die Zusammensetzung darf wohl statt derjenigen
mit -od-udh auf eine ähnliche kürzere Bildung, entsprechend deijeni-
gen im Sanskrit zurückgegriffen werden, die in mud mut steckt.
metodo-spelli (resp. motspelli) Götterverderben, wäre für das Feuer
und speciell das des Weltbrandes, die passendste Bezeichnung und
würde sich sehr ansprechend neben metodo-giskajpu, regano-giskapu
stellen.
GÖTTINGEN, im August 1870. ^ ;:•,.-.
HARTMANN'S VON AUE HEIMATH UND
STAMMBUEG.
i. ."■■■. " •:
über Hartmann's Heimat bestehen vier Hauptansichteu. Die einen,
noch vertreten durch Kurz, halten ihn für einen Thurgauer aus dem
Geschlechte von Westerspül. Diese Annahme wurde bereits von den
Brüdern Grimm, Lachmann, Haupt, wie mir scheint, mit Erfolg bg.
11*
156 F. BAUER
kämpft, Wilmanns meint, der Dichter wäre ein Franke; Bech wies
auf Eigentliümliclikeit der Sprache imd historischen Beleg sich stützend
diese Ansicht als irrig zurück. So bleiben noch zwei Aufstellungen
übrig. Stalin*), Lachmann, Schreiber, suchen seine Stammburg im
badischeu Oberlande, Brüder Grimm und Karl Roth im oberen Neckar-
thaie. Welche beider Annahmen ist nun, wenn nicht die allein rich-
tige, doch berechtigtere?
In der nächsten Nähe des bezüglichen badischen Au lebend,
stellte ich mir die Aufgabe, die Gründe für die Stälin'sche Ansicht
einer näheren Prüfung zu unterziehen. Das Resultat derselben erlaube
ich mir hiemit als bescheidenen Beitrag zur Lösung obschwebender
Frage beizusteuern.
Das Dörfchen Au, das in dieser Frage zunächst in Betracht
komrat^ ist eine Stunde von Freiburg am östlichen Fuße des Schün-
berges, in dem lieblichen Hexenthälchen belegen. Dasselbe begegnet
uns schon als Auiva in einer Urkunde des Klosters St, Gallen vom
Jahre 861 **).
Die Schreibung des Ortes erscheint urkundlich in folgenden
Formen: Oiva, Ooica (de) Rot. San. Petr. 85, 75; Oivon, Owen, 86,
79, um 1120. Owe, Öwe, um 1280. Schreib. Urk. d. Stadt Freiburg,
I, 113; Ouive 1350, II, 150; Aiv um 1470^ II, 551 und jetzt Au.
Den Bestand einer „Burg" in dem genannten Dorfe belegt die
Stelle : Au, hurg ze Ohhusen, Mone, Zeitschr. des Oberrh. VIII, 390,
sie lag auf einem allseitig sanft abfallenden, oben flachen Ausläufer
des genannten Schünberges, in der Gegend, wo heute die 3 „Burg-
höfe" sich befinden. Doch muß diese „Burg" weder von beträchtli-
chem Umfange, noch fester Bauart gewesen sein, denn der unbefan-
gene Wanderer würde kaum ahnen, daß hier ehemals eine Burg ge-
standen, so wenige Spuren zeigt noch die Stelle, so wenig geeignet
für eine Veste überhaupt erscheint die Ortlichkeit,
Auf dieser Burg nun waren Ministerialen der Herzoge von Zäh-
ringen seßhaft; sie nannten sich zweifelsohne vom Orte selbst von
Ouwe. Ihnen soll nach der Ansicht bezüglicher Forscher der „arme
Heinrich" und so der Dichter Hartmann selbst angehören. Die Stel-
len, welche zu dieser Annahme führten, sollen der Übersichtlichkeit
und Wichtigkeit wegen soweit als nöthig im Wortlaute folgen.
*) Wirtemb. Geschichte II, 762; Lachmann Walther^ 196. A.Schreiber: Die
Minnesänger an den Fürstenhöfeu im Breisgau. Freib. 1862.
**) In ea ratione ut annis singulis persolvamus den. IL ad basilicam quae di-
citur Auwa..., Neug. cod. dipl. I, 320.
HARTMÄNNS VON AUE HEIMATH UND STAMMBURG. 157
In einer größeren Schenkung des Herzogs Bertliolcl IIL und
seines Bruders Konrad an das nahe Kloster S. Peter vom 26. Decem-
ber 1112 werden in folgender Reihe als Zeugen aufgeführt: ...astan-
tibus nobilibus viris, quorum nomina in rei gestae testimonium sus-
scripta sunt : Cuonone de Kunringen (Folgen neun Zeugen) et
de domo ducis: Cuonone de Blankenberg, Reginhardo de Wilare^
Berewardo de Verstatt, Heinrico de Owon, Gisilberto de Wilare
et aliis quam pluribus. Rotul. San Petrinus, Beigabe zu „die Zährin-
ger" von Leichtlen, Freib. 1831, S. 65.
Ganz dieselbe Fassung bezüglich der Zeugen hat die Schenkung
Nr. 97, S. 75 ff. nur erscheint die jüngere Form de Owen. Gewichti-
ger erscheinen noch die beiden Stellen des Rotulus^ worin eigene
Schenkungen besagten Heinrichs verzeichnet sind, da dieselben uns
belegen, daß derselbe wirklich im Dörfchen Au begütert und seßhaft
war. Die Vergabungen lauten: Heinricus de Owa vineam unam et
pratum apud Ufhusen ^) situm pro salute animae suae S. Petro do-
nauit. S. 85. Der Wortlaut der größeren, die um das Jahr 1120 zu
setzen ist ") :
Heinricus de Owen curtem suam una cum domo et omnibus,
quae ibi possidebat, S. Petro donauit in praesentia domini sui Ber-
tholdi III et fratris eius domini Cuonradi; audientibus quoque his li-
beris hominibus : Cuonone de Kunringen et filio eius Cuonone . . .
(folgen noch 5 liberi, dieselben^ die oben nobiles hießen) et de fa-
milia ducis Cuonone de Blankenberg, Reginhardo de Wilare et aliis
quam plurimis. Rot. S. 86.
Aus vorgelegtem Material ergibt sich: Der Ministeriale Heinri-
cus de Owen ist persönlich unfrei, denn anders könnte „liberi" der
„familia ducis" — und zu dieser gehört er ja — nicht so entschieden
gegenüber gestellt sein ^).
Selbst unter den genannten Ministerialen ist Heinricus weder
durch persönliche Stellung, noch durch etwaigen Besitz hervorragend,
da er drei anderen ebenfalls unbedeutenden Geschlechtern nachgesetzt
und hinter dem nächstfolgenden mit namentlicher Aufzählung der
Zeugen als ganz unbedeutender Personen abgebrochen wird. Sein mit
') Ufhusen, jetzt Uffhausen, Dorf 3/^ Stund von hier, Y^ St. von Au.
-) So Schöpflin, hist. Bad. V,64, Stalin II, 20.
*) Alle Dienstleute (ministeriales) waren Hörige ihres Herrn. Stenzel, Gesclaichte
Deutschlands unter den fränk. Königen I, 179 ; damit im Einklang Stalin Wirt. G.
II, 594; u. nach Bader Badenia (ältere) III, 45, „konnte der geringste Leibeigene der
Stammvater eines edlen Geschlechtes werden."
158
F. BAUER
Genehmigung geschenkter Besitz war nicht von Belang, sonst würde
wie bei anderen beträchthchen Schenkungen dieselbe detailliert sein,
namentlich waren darin keine Eigenleute inbegriffen^).
Demnach ist Heinrich von Au ein unbedeutender, nicht einmal
persönlich freier Dienstmann der Zähringer: ein Ergebniss, mit dem
unsere obigen Angaben bezüglich der Burg völlig übereinstimmen.
Betrachten wir dem historischen Heinrich gegenüber den „armen".
Mit Übergehung der rein persönlichen Züge, als hier nicht ins Ge-
wicht fallend, halten wir nur die Angaben über Geschlecht, Heimat
und Besitz fest.
Der herre HeinrUh war von Omoe geboren, gesezzen ze Siväben.
Er war persönlich frei^ von gehurt iinivandelbcere, ja icol den für-
sten glich. "War reich an Besitz und Habe, — er hete ze sinen
handen gehurt und darzuo richheit. . . ^vart richer vil dan e des guotes,
verfügte selbständig über freies Eigenthum (vgl. 246 ff. dazu Sti^aßb. Hs.
sinen liebsten vreunden zehant, den hevalch er hurge und laut und 1452 er
gap in ze eigen da zehant doz hreite geriute, die erde und die Hute. . . ., ge-
bot über Mannen, V. 1470 und konnte so in der That ein schilt siner
mäge sein.
Wohl hat in dem „armen Heinrich" der Dichter das Musterbild
eines echten Ritters der damaligen Zeit gezeichnet ^), wir legen darum
auf die persönlichen Vorzüge weniger Werth, denn zu unterscheiden,
wie viel Wahrheit, wie viel Dichtung vorliegt, ist unmöglich, müssen
aber deßhalb obige, das Geschlecht berührenden Angaben auch Er-
dichtung, beziehungsweise unhistorisch sein? Sehen wir zu.
Anzunehmen, daß Hartmann sein eigenes Geschlecht, denn auch
er ist ein OuAvajre 3), über die Wahrheit gefeiert habe, widerspricht zu-
nächst geradezu seinem Charakter, in welchem als Hauptzug die
Ildze anerkannt ist*); dann hätte er^ und das will bei einem Hart-
mann viel sagen, durch eine derartige Verherrlichung sich unter den
mit den wirklichen Verhältnissen des Geschlechtes der Auer gewiß
') Die Schenkung solcher wird im Rot. ausdrücklich erwähnt. So S. 66, Nr. 14;
67, Nr. 24; 68, Nr. 34, 35, 36, 44 und noch oft.
*) Wackeraagel, Lit. 105,
^) So nennt er sich selbst, so andere, die mit und nach ihm lebten. Vgl. die
Citate bei Bech. „Ritter" und vorübergehend (freiwilliger) „Dienstmann" eines noch
nicht ermittelten Herrn, aber nicht eines „von Owe". War gesessen „ze Owe", A. H.
5, wenn man nicht die Lesart B „von Owe" übereinstimmend mit I. B. 29 vor-
ziehen will.
*) Wackernagcl, Lit. 197.
HARTMANN'S VON AUE HEIMATH UND STAMMBURG. 159
genau vertrauten Landes- und Stammgenossen geradezu lächerlieh ge-
macht. Ist dieß von dem loisen Hartmann denkbar? Daß endlich der
Dichter seine Familiengeschichte, reicht sie auch noch weiter zurück,
gekannt habe, gederkt wohl Niemand ernstlich in Abrede zu stellen ^).
Ich halte daher an der Ansicht fest, daß die Angaben über den
Adel des Geschlechtes, über Hab und Gut historisch seien und komme
zu dem Schluße :
Jener persönlich unfreie^ unbedeutende Zähringische Ministeriale
Heinrich von Au im Breisgau kann nicht identisch sein mit dem per-
sönlich freien über Land und Leute selbständig verfügenden Herrn
Heinrich von Au in Schwaben*).
Ist nun die Stammburg des „armen Heinrich" nicht im Breisgau
zu suchen, so kann auch der Dichter, da er zu demselben Geschlechte
zählt und eine Verwandtschaft zwischen beiden Auern nicht nachweis-
bar ist, nicht aus unserer Gegend stammen.
Mit diesem allerdings negativen Resultate könnte ich abbrechen.
Doch möge noch der Vollständigkeit wegen und zur Erhärtung un-
serer Ansicht das Geschlecht der Breisgauer Auer, so weit als ur-
kundlich möglich, zur Besprechung gelangen. In keiner Urkunde aus
der zweiten Hälfte des 12. Jahrb., und ich habe deren nicht wenige
durchgesucht, begegnete mir ein Breisgauer Auer außer wieder im Rot.
San Pet. S. 75.
Die Stelle heißt: Liuffridus, miles de Oowa, uineam unam apud
Ufhusin pro remedio anime sue Sancto Petro dedit. Die Vergabung
geschah ungefiihr um 1180 — 1190, wie aus dem Zusammenhang sich
ergibt, mit welcher Annahme auch Sachs bad. Geschichte I, 53 über-
einstimmt. Auch dieser „miles" muß als Zähringer Ministeriale ange-
sehen werden, wenngleich er ohne ausdrücklich erwähnte Zustimmung
seines Herrn vergabte^).
') Oder sollte wirklich der „arme Heinrich" schon „mythisch" sein? Stalin
(a. a. O.) und Lachmann, Walther 3. A. S. 196 setzen ihn durch die Identificierung
mit dem Heinricus de Owon um 1112 — 1123, also 60—50 Jahre vor Hartmann: ein
Großvater oder Großoheim wäre somit schon „mythisch?"
*) Da Hartmann offenbar Heinrichs und seine Heimat durch „ze Swahen" aus-
drücklich angeben wollte, so würde er in Beziehung auf unser Au schwerKch in
Schwaben, sondern im Breisgau gesetzt haben, denn letztere Bezeichnung war, so-
weit ich überschaue, die allein übliche. Man vgl. z. B. Dumge, reg. bad. S. 119 vom
J. 1101; S. 13ü V, J. 1155; §. 138 v.J. 1198; S. 147 v. J. 1187 und öfter. —Wenn
immerhin kein allzu großes Gewicht diesem Umstand beizumessen ist, so darf er
doch nicht ganz übersehen werden.
^) Herzog Konrad 1122-1152 hatte der Abtei St. Peter die Freiheit bestätigt,
160 F. BAUER
Zu diesem „miles Liuffridus", der so wenig als sein Ahne Hein-
ricli eine Persöuliclikeit von Bedeutung gewesen war, müsste unser
Hartmann in näherem verwandtschaftlichen Verhältnisse gestan-
den und wie dieser ein Zähringischer Ministeriale gewesen sein *).
Sein Herr wäre Berthold IV, gest. 8. Dezember 1186. Gegen diese
Vermuthung streitet: 1. das Verhältniss Hartmanns zu seinem Herrn
war mehr ein freundschaftliches als streng dienstliches, Bech, Lieder
2, 37; 8, 37 ff.; solche Innigkeit ist aber zwischen dem bis 30 Jahre
jüngeren und niederstehenden Dichter und dem Herzog nicht anzu-
nehmen; 2. Hartmann's Herr muß kurz, bevor derselbe den Kreuzzug
antrat, gestorben sein, denn aus den bezüglichen Stellen spricht der
noch ganze frische Schmerz um den herben Verlust des Freundes.
Würde kaum zutreffen, selbst wenn wir die Betheiligung des Dich-
ters am Kreuzzuge 1189 annehmen^); 3. der geborne Dienstmann
wäre nothwendig an Berthold V. übergegangen. Dieser kunstsinnige
Freund des Gesanges (vgh Wackernagel, Lit. S. 110; Stalin, w. G.
II, 298 ff.) hätte wohl einen sonst unbekannten Berthold von Her-
bolzheim, nicht aber den so bedeutenden Hartmann^ dazu seinen Va-
sallen an seinen glänzenden Hof gezogen und dort fest gehalten?
Hätte unter solchen Umständen, da ja gerade bei Berthold V. die
gebührende Würdigung und Wertlischätzung dem Sänger in sicherer
Aussicht stand, er über seines Herrn Hinscheiden in dem Grade be-
trübt sein können, als uns die citierten Stellen belegen? — Nun aber
ist überhaupt kein zweites Dienstverhältniss des Auers nachweisbar;
er scheint vielmehr zurückgezogen auf seinen Gütern dem Familien-
glücke^ den ländlichen Beschäftigungen und seiner Muse gelebt zu.
haben ^).
daß seine Dienstleute ihre Güter diesem Gotteshause nach Belieben freiwillig über-
lassen könnten. Sachs, bad. Geschichte, I, 38. Von dieser Freiheit machte auch schon
Heinrich von Au bei seiner kleineren Schenkung Gebrauch.
') Daß der Dichter aber nicht wie Stalin (a. a. O.) und auch Andere meinen,
dessen Vasall gewesen sein könnte, ist nun aus dem bereits mitgetheilten Materiale
klar, denn der „miles Liuffridus" ist ja selbst im Besitz des Lehens, und anderen grö-
ßeren Besitz hatten die Auer nicht.
') Diese hat neuerdings wieder Seizier, (Forschungen z. d. G. 1870, 1. H.)
durchzuführen gesucht. Er nahm deshalb die schon von Grimm aufgestellte Lesart
wieder auf:
ebte min her. Salatin und al sin her
Arm. H. S. 135 Berl. 1815.
3) Von dem Wappen, den Farben, womit Hartmann in der Hs. erscheint, auf
welche Stalin an angeführter Stelle einiges, Schreiber dagegen mehr Gewicht legt, ist
HARTMANN'S VON AUE HEIMATH UND STAM5IBUEG. 161
Es mögen nun noch einige Auer sich anreihen, von denen ich
allen Grund habe zu vermuthen, daß sie dem Breisgau angehören.
1. 1258. Eine Schenkung an das benachbarte Kloster Thennen-
bach: domine Adelheidis usoris mee dicte de Owe. Ihr Gatte war
Werner Koler von Freiburg. Mone, Zeitschr. d. Oberrh. IX, 471.
2. 1327. Rudolf von Owe Zeuge bei einer Schenkung des Al-
bert von Falkenstein. Mone, Z. 12, 463.
3. 1366. Clara von Ouwe, Rudinis von Ouwe, Wittib, gibt dem
Markgrafen Otto das Wiederiösungsrecht über eine Gilte. Sachs bad.
G. I, 441.
4. 1373. Ein Bruder Johannes von Ouwe, Johanniter, Zeuge bei
verschiedenen Schenkimgen. Mone, Z. XVI, 469.
5. 1427. Agnes von Ow, Wittib Rudinis de Ow, armigeri, macht
eine Meßstiftung ins hiesige Münster. Lib. benef. Stadtarch.
6. 1465. Edelin de Ow, Priorin des Klosters Adelhausen. Kloster-
chronik. Stadtarchiv *).
In den bereits von Schreiber veröffentlichten zahlreichen städti-
schen Urkunden finden wir von dem Geschlechte keine Erwähnung,
eine Thatsache, die nicht unterschätzt werden darf. Wäre das vor den
Thoren der Stadt seßhafte Geschlecht durch Grundbesitz, Adel, Ver-
dienste bedeutend je gewesen oder vorübergehend geworden, so müßte
doch auch diese Bedeutung in der Geschichte unserer Stadt, wie bei
anderen in der Xähe wohnenden Geschlechtern es wii-klich der Fall^
urkundlich bewiesen hervortreten.
Daß nun unter solchen obwaltenden Verhältnissen von einer
Freiherrschaft zu Au, deren Annahme doch durch die PersönUchkeil?»
des „armen Heinrich" bedingt ist (vgl. Haupt, Lied. XI), keine Rede
sein kann, wird auch dem Fernestehenden augenscheinlich. Der Orts-
kundige weiß aber, daß für eine solche in dem rings von der Zäh-
ringer und anderer Edlen Gut eingeschlossenen kleinen Gebiete des
ganz abzusehen. Wie wenig damit anzufangen, zeigt der Umstand, daß auch für die
Behauptung, Hartmann sei ein Edler von Westerspül, das Wappen beigezogen wird..
Vgl. Haupt, Lieder X ff. Wenn ferner Schreiber sich lediglich auf die Lesart: „Her
hacchen« in B, Haupt L. 1806 stützend von einem die Dichtkunst fördernden
Hochbergischen Hofe spricht und den Dichter als einen Dienstmann dieses Hauses
betrachtet, so vermag ich dahin nicht zu folgen. Vgl. üb^r die Lesart Haupt
S. V. [und Germ. XV, 411.]
*) Balthasar von Ow zu den Vorderöst. Ständen zählend 1468, Mone, Z. XH,
470 und Melchior von Au, Landvogt zu Hochberg 1553, Sachs bad. Gesch. I, 388
gehören dem Wirt. Geschlechte von Ow au.
162 H^^S C. FREIH. V. OW
Hexenthälcliens gar kein Raum vorhanden wäre, und so fehlt nach jeder
Seite hin uns die Berechtigung, sowohl den „armen Heinrich", als
den Dichter Hartmann diesem Geschlechte einzureihen imd unserer
Gegend zuzusprechen.
Zu diesem Resultate wurde ich nach und nach nur ungern nach-
gebend gedrängt. Schon im Begriffe, meine Forschungen auf die Auer
im Oberneckarthaie auszudehnen, hatte Freiherr v. Ow, den ich um
gefällige Unterstützung in dem Vorhaben gebeten, die Güte, mich
mit einer vollständigen Abhandlung über unsern Dichter zu erfreuen,
eine Arbeit, die um so mehr zum Danke verpflichtet, als Familien-
urkunden dazu verwendet und verarbeitet sind, welche einem andern
Forscher unzugänglich wären. Nach erbetener Genehmigung des Herrn
Verfassers lege ich dieselbe hiemit den Verehrern des Dichters un-
verkürzt vor mit dem Beifügen, daß Freiherr v. Ow auf meine Bitte
die Zusage gegeben, die bezüglichen Familienpapiere später vollstän-
dig veröffentlichen zu wollen.
F. BAUER.
II.
Her Hartman hieß nicht bloß, sondern war von Owe (I. Büch-
lein 29, Ambraser Handschr.), ein Oiaoaere (Iwein 29), von Ouive gehorn,
wie der allda ze Sicäben ge^ezzene Freie {sm hurt iimcandelhoere und lool
den fürsten gelich) herre Heinrich, welchen hochgeehrten und allbe-
liebten Ahnherrn er den Nachkommen, damit sie ihm mit Gebet dafür
lohnen mögen, besungen hat (1—81).
* Ihre Stammburg mit dem gleichnamigen StätÜin Owe, nach 1300
Obern-Owe genannt, seit 1400 Obern-Ow, endlich Obern-Au (zum
Unterschied von dem abgetrennten jetzigen Bade Niedern-Au) — ist
eine Stunde oberhalb Rotenburg am Neckar gelegen, theilweise er-
halten und noch jetzt bewohnt.
Ebenso findet sich noch von ihrer zugehörigen freien Herrschaft
Owe, — hurg und laut (wie die Straßb. Hs. v. 250 ff. sagt), — der
Theil ob dem Berge in dem Besitze der Reichsfreiherrn v. Ow (Linie
ob dem Berge) zu Wachendorf, Birhngen, Neuhaus, Altdorf etc.^ der
bis 1805 reichsunmittelbar bliebe mit Urkunden auch über den ande-
ren Theil unter dem Berge (der ausgestorbenen Linien) ; wonach sich
etwa 12 Orte und 5 Burgen des Gesammtgebietes als die alte Frei-
herrschaft Owe (des 13. Jahrh.) erweisen.
Der freie Herr Heinrich von Owe^ von dem wir aus den Heidel-
HARTMANN'S VON AUE HEIMATH UND STAMMBUEG. 163
berger- der Koloczaer- und der Straßburger Handschrift wissen,
(siehe bei Haupt und Grimm die Noten am Ende, die in Bech's neuer
Bearbeitung leider fehlen), daß er nach dem Tode seiner Frau sich
in ein Marienkloster zurückzogt war wohl derselbe^ der noch 1081
und 1091^ als in der Nähe der Owe Reichenbach und das Marienklo-
ster Zwifalteu gestiftet wurden, jenem als clericus eine Schenkung
seines Bruders — des dominus Mangold — bestätigte, diesem als
mon. noster ein werthvolles beinernes Crucifix schenkte. (Würt. Urk.
B. H, 401, 3. 9, namentlich die Verbesserungen 446. 47 und Heß
mon. Guelfica XXI gegen Ende.)
Weitere Familienglieder sind: die Freien Gerbold und Werner
Gebrüder, Zeugen bei der Stiftung von Alpirsbach 1095, Wolf und
Albert desgleichen 1125 — 37_, Letzterer auch im Cod. Hirsaug. f. 44*,
sowie allda um 1150 mit einem Gütertausche: Hermann I, der sichere
Stammvater der jetzigen Freiherrn v. Ow, 1161 Heinrich H, Zeuge
in Barbarossas Dipl. für Pfeffers, Herman H Dominus de Owe 1245
Zeuge und 1251 f, nachdem er mit seinem Sohne Dominus Ber-
thold und seinen Enkeln freie Güter der Herrschaft Owe an Bebenhau-
sen geschenkt hatte.
Gleich Letzterem war Hartman um 1170 geboren^ in glückli-
chen Verhältnissen, (demfröuden von kinde wonten hl, L. 2, 39 — der-
ie schein in wenden schar in Heinrichs von Türlein Krone 2415) und
zeitweise auf der väterlichen Burg Owe, wo er die maere des Ahn-
herrn Heinrich geschrihen vant, wenn nicht in dem nahen Kloster Zwi-
falten, dessen berülimte Schule er bis in sein 16. Jahr also durchlau-
fen haben dürfte^ wie er dieß im Gregor (987 — 1028) noch aus fri-
schem Gedächtnisse ganz umständlich beschreibt. Wahrscheinlich
hatte man auch ihn, der sich mit Recht einer für damalige Zeit sel-
tenen Gelehrsamkeit rühmen durfte (Anfang des Heinrich und Iwein),
zum Pfaffen heranzubilden gesucht. Allein er wollte lieber gotes ritter,
dann ein hetrogner Mosterman werden.
Dazu sich den Weg zu bahnen, feine Sitte sich anzueignen und
zugleich sein Dichtertalent auszubilden, hatte er ganz nahe die aller-
beste Gelegenheit^ das benachbarte Hoflager des Schwabenherzogs
Friedrich V. von Hohenstaufen, wo er auch dessen Bruder^ den ihm
altersgleichen Konrad und den kaiserlichen Vater Friedrich I. selbst
(1187 — 89) kennen lernen mußte. War er doch noch, als er den Gre-
gor schrieb (V. 1401 ff.), nie mit gedanke ein Beier noch ein Franke.
Die Ritter ze Henegöu, ze Bräbant und ze Haspengöii aber , die auch
er als gute Reiter preist, hatte er wohl selbst gesehen als er jetzt —
164 HANS C. FEEIH. V. OW
wahrscheinlich bereits jenen Herzog Konrad begleitend — nach Nord-
frankreich^ der Musterschule des höfischen Geschmackes reiste und
allda sein Französisch lernte. Denn von Karlingen hrähte er einen zou-
herlist (I. B, 1280), ohne Zweifel den Urtext des Erec und vielleicht
auch des Gregor zurück, welche Werke er nun deutsch in Schwaben
bearbeitete. {Erec den von der Swähe lande uns hrähte ein tihtcere meister
Hartman] Heinr. v. Türlein in s. Krone 2353 — 60).
Daneben beschäftigte ihn auf der Owe auch noch eine Herzens-
angelegenheit. Er schwärmte für eine freundliche Jugendgespielin
seiner Nachbarschaft, der ich gedienet hän mit stcetekeit ie sit der stunt
deich minen stap gereit (L. 2, 44). Doch dieselbe^ ein Mädchen von
Stande, zur Jungfrau aufgeblüht, auch gehütet von strengen Ver-
wandten, zog sich bald scheu zurück, so daß er nicht einmal da,
zukam, sich zu erklären, als er endlieh wieder schied (L. 16, 9 — 10).
Daher dann die klagenden Minnelieder und in gleichem Tone sein
erstes Büchlein. Letzteres schrieb er , nachdem er das Meer ge-
sehen hatte (352 — 66), vielleicht im Herbste 1191 mit seinem nun-
mehrigen Schwabenherzoge Konrad und Kaiser Heinrich VI, nach
der Krönung zu Rom von den Küsten Apuliens und Neapels zurück-
gekehrt war, da jenem unglücklichen Zuge die Klageworte über ver-
sunkene Schiffe gelten mögen:
daz ist allen den wol kunt
die da mite gewesen sint
und hat vil manne den tot gegeben.
In jene Zeit paßte auch V. 1 688 : wcer ich in Onende, weil da-
mals Richard Löwenherz mit den Kreuzfahrern noch im Oriente weilte.
Sicherer scheint, daß Hartman dann einige Zeit in Franken bei
eben jenem seinem Herzog Konrad ein Ehrenamt bekleidete , der
allda schon 1189 Herzog von Rothenburg war, dazu 1191 das Hei'-
zogthum Schwaben erhielt, 1196 aber am 15. August bei Durlach er-
schlagen wurde. Nahm er doch aus Kummer unmittelbar darauf das
Kreuz in dem ihm lieb gewordenen Franken, daraus man ihn noch
nicht gebracht haben würde, hätte nicht jener traurige Sommer ihn
so plötzlich seines lieben hohen Herrn und Freundes beraubt, bei dem
er immer Freude, Freundschaft, Treue und Ehre fand, den er pflegte
und dem auch seine Fahrt zu Hilfe kommen sollte, damit er ihn vor
Gott wieder sehe. L. 2, 1 u. 37—40. 8, I, 37—48. 14, 1—18 und na-
mentlich L. 10:
Ich var mit iuwereu hulden, herreu unde mäge:
Hut unde laut diu müezen sselic sin.
HARTMANNS VON AUE HEIMATH UND STAMMBURG. 165
es ist unnot daz iemen miner verte frage :
ich sage wol für war die reise min.
und lebte min her Salatin und al sin her^
dien brsehten mich von Vranken niemer einen fuoz.
Als ein freier Mann hatte daher Hartman des Herzogs Dienste
genommen und Franken wiederum verlassen, um jenen Kreuzzug mit-
zumachen, der nach Saladins Tode (f 1193) im Frühjahre 1197 unter
dem Kanzler Konrad, Erzbischof von Mainz und dem Herzoge Ber-
told V. von Zähringen von Franken aus nach Italien und von Apu-
lien zu Schiffe nach dem gelobten Lande gieng. Bei dem Aufbruche
mit dem Kreuzesheere schrieb er jenes Abschiedslied, um jeder-
mann die Nachfrage zu ersparen, an seine noch nicht unterrichteten
fernen Verwandten. Letztere hcätte Wilmans (Haupt Zeitschr. XIV, 150)
um so mehr in Schwaben, nicht in Franken suchen, Bech dagegen das
ganze Lied nicht wegen der Erwähnung Frankens etc. (in s. Vorbe-
merkung und noch in s. Einleitung zum HL Theile VII) auffällig
finden sollen.
Hartman beweist ja durch seinen Heinrich nicht bloß, daß er
von demselben edlen Geschlechte von Owe ze Sicähen stamme, son-
dern daß er auch dieses Familiengedicht in Franken erst vollendet
habe, wo er, obwohl schon Ritter, gleich stolz sich auch noch brüsten
konnte: als des Herzogs freier — selbstverständhch nicht geborner
Dienstmann. "■ ■
Ein ritev beginnt er, der loas Hartman genant und loas ein
dienstman {und loas) von Owe {geborn wie der Jierre Heinrich). So
die Heidelberger und Koloczaer Handschrift. Wogegen man endlich
einmal aufhören sollte, der Straßburger Handschrift nachzuschrei-
ben : dienstman zuo Owe , (woraus erst Haupt ze gemacht hat).
Auf der Owe, mitten in Schwaben würde ja der Dichter schon gar
nicht gesagt haben: es war einmal ein Herr Heinrich von Owe ze
Swähen gesezzen; oder (V. 1422 ff.): den Swaben muoz ieglich hiderh&r
man jehen, der st dd keime hat gesehen, daz hezzers willen niene waH.
Freiwilliger Dienstmann aber war er nur in Franken bis 1196, nach-
her wie vorher sein eigener Herr — der sorgen erlän, diu manegen hat
gebunden an den fuoz, daz er beliben muoz (L. 8. II. 19 ff.) — wie er
sich denn auch in seinen späteren Gedichten nunmehr die Riter-
Würde gibt. IL Büchlein 67 und 306, Iwein 21.
Letztere Stelle zeigt zugleich, daß er Mittel genug hatte, um
nicht, wie so Viele des Broterwerbes wegen, sondern nur zum Zeit-
vertreib zu dichten, sivenne er stne stunde niht baz bewenden künde.
166 HANS C. FREin. V. OW, HAETMANN VON AUE.
In dem zweiten späteren Büchlein beurkundet Hartman, daß er
mehr Lebenserfahrung gewonnen hatte und auch der Geliebten näher
gekommen war (105 ff., 157 ff., 465). Er spricht zu ihr in einem viel
vertraulicheren und begehrlicheren Tone und mit einiger Hoffnung
auf ihren dereinstigen Besitz (245, 318, 660), trotz der Huth von
Seite ihrer mißgünstigen Umgebung (97. 309 ff. 363. 576.). Abge-
faßt mochte er es etwa während der Kreuzfahrt 1197 — 98 haben, da
er oft wiederholt: daß er die edle Jungfrau treu wieder schauen möge,
wie er ihr treu bleibe, da er sich durch drei Länder von ihr geschie-
den weiß (659) und (V. 44) sagt: wenn er einen wüßte^ der seinen
Kummer heilen könnte, zu dem würde er nach Griechenland gehen —
nach dem strich ich ze Kriechen.
Fast in derselben Zeit und in ähnlicher Stimmung geschrieben
sind die Lieder: 7. 9. 11. 12. 17. 18, und namentlich verräth L. 16,
9 — 16, daß Hartman die Geliebte nach langem Scheiden endlich in
einer seligen Stunde ohne Huth getroffen, sich ihr erklärt und sie ihn
so empfangen habe, daß Gott es ihr immer lohnen möge, — si tcas
von kinde iinde muoz sin min kröne, ganz wie in L, 2. 14, weßhalb
Wilmans (Haupt Ztschr. XIV. 146 — 55) nicht an zweierlei Minnever-
hältnisse denken sollte.
Ernsteren Sinnes von seinen Fahrten heimgekehrt, nunmehr Mit-
besitzer auf der Owe — em Omcoere — schuf Hartman sein Spiegelbild,
den Löwenritter Iwein, der 1204 vollendet war, als Wolfram den
Parzival (253, 9—17, vgl. auch 436, 5—10) schrieb. Darin zeigt er
sich, beziehungsweise seinen Helden, nicht mehr wie im Erec vor-
zugsweise von der Minne, sondern ganz von der Ritterlichkeit be-
herrscht. Sein Vorbild war: der ch^valier au lyon, (von Christian
von Troyes), gleich dem er selbst der riter mittem (Owischen) leim
hieß und sprechen mußte: ich icil sin erkant hl mime leun der
mit mir vert (V. 5496—97. 5502), denn im 13. Jahrhundert, wie noch
heute, führten Alle v. Owe den Löwen. (So siegeln 1275. 1289. 1291
die Brüder Alb. Herrn, und Volkart Nobiles de Owe; Mone, Ztschr.
m 222, IV 128 etc.)
Der Dichter lebte noch 1207, da Gottfried von Straßburg an
seinem Tristan (117, 21—37) arbeitete. Heinrich von dem Turlin in
seiner um 1220 verfaßten Krone beklagt (2406), daß der reine Hart-
man schon todt sei. Er mochte kaum 40 Jahre alt, auf der Owe ge-
storben sein.
Nachkommenschaft ist nur von Herrn Herman H. von Owe be-
kannt, der — wohl als der ältere Bruder — schon um 1200 mit Fa-
K. BARTSCH, BRUCHSTÜCKE V. WOLFRAMS PARZIVAL U. WILLEHALM. 1G7
milie auf der Stammburg saß und Stammvater der verschiedenen Li-
nien wurde, die nach 1275 die freie Herrschaft Owe ob und unter
dem Berge theilten.
Die Erinnerung an Hartman aber vererbten in dem von Owischen
Archive ein orientalischer Dolch und goldener Ring (Talisman), die
er nach der alten Haussage einem erschlagenen Sarazenen abgenom-
men haben soll. Seinen Namen fahrt Eines der lebenden Familien-
glieder. ,, . , : , ,
Schloß WACHENDORF, den 1. Juni 1870.
HANS C. FREIH. V. OW.
BRUCHSTÜCKE VON WOLFRAMS PARZIVAL
UND WILLEHALM. ;
In seinem 'Quellenmaterial zu altdeutschen Dichtungen', Heft
n. (18G8) hat Pfeiffer sämmtliche Handschriften und Handschriften-
bruchstücke verzeichnet. Hinzugekommen ist seitdem ein Bruchstück
einer Wülehalm - Handschrift, welches Rückert in dieser Zeitschrift
mittheilte (XIV, 271). Einige weitere Mittheilungen lasse ich hier
folgen.
•■■ ■:,-■. j. ■ -. .., :: ■, ;..-., .;■. ^,:.
Von den Regensburger Bruchstücken, welche jetzt in den Besitz
des germanischen Museums übergegangen sind, hat Pfeiffer S. 29 — 31
das erste und letzte Blatt abdrucken lassen, von dem letzteren jedoch
nicht die zerschnittenen Spalten: das erste war unter seinem Nach-
lasse nicht aufzufinden.
Das zweite Blatt begann mit I, 369 (= Lachm. 13, 9) und
reichte bis I, 552 (= L. 19^ 12). Von der ersten Spalte fehlen 369
bis 381, von dem übrigen 382—414 ist nur wenig erhalten und les-
bar. 383 man. 386 get. 387 iht 388 an. 389 habest reht 390 ht 393 ha.
395 nive. 398 n schin. 398 shevin. 399 holt. 400 da den solt. 402 vze h. n.
403 Ga din. 405 den siten. 406 ten. 408 nder sin. 410 smarat. 411 te
gar. 412 gevar. Auf der zweiten Spalte fehlen V. 415 — 427 : sie reicht
bis 460. Hier ist mehr lesbar, aber auch keine Zeile vollständig. Ich
lasse daher das erlesene nicht abdrucken, sondern bemerke nur Ab-
168 KÄKL BARTSCH
weichungen von meinem Texte, aucli in der Schreibung, weil diese
in den Bruchstücken sehr sorgfältig ist. 439 Tomasch {= G). 451
strebte. 452 : on danne... 456 flos scheint das Bruchstück zu ha-
ben, vmh.
Von der dritten Spalte fehlen V. 461 — 472 : von 473 ist nur ein
e noch lesbar. Das Übrige aber ist fast vollständig erhalten und folgt
daher hier im Abdruck.
474 Da wart er vil geschowe E r bot sin dienst vmbe gvt.
D 0 sach er vz an daz velt A Is noch vil diche ein riter tvt.
D a was geslagen manech ge 0 de dazs im sagten vmbe waz.
A Ivmbe die stat v mer Er solde dvlden der viende haz.
D a lag: n kreftigiu her. D o sprach vz einem mvnde.
D o biez er fragen der mjere. Der sieche vii der gesv
V ves div bvrch wasre. D az im wsere al gemeine.
V vande ir chvnde nie gewan. (I) r golt vil ir gesteine.
Er noch dehein sin schifman. . . .solder alles herre . .sn.
S i taten siuen boten chont. E r mohte wol bi in genesn.
si hiezze Patelamunt. 0 vch bedorft er Ivcel soldes.
daz wart im minnecliche enboten. V on Arabie des goldes.^
V ii manten in bi ir goten. H eter manigen knollen biaht.
D az er in hvlfe des wsere in not. L vte vinster so div naht.
S ine rvngen niht wan vmben tot. Waren alle die von zazamanc,
D o der ivnge anshevin. B i den dvht in div wile lanc.
V ernam ir chümberlichen pin.
Von der vierten Spalte fehlen die Verse 507 — 518 : von dem Übri-
gen, V. 519 — 552, fehlen die Schlüße der Zeilen. Ich beschränke mich
auf die Abweichungen. 519 hetz. 520 ze sehn in Ivzel des (= G). 521
im, (= G). 522 het gesehn. 524 muse. 527 kein Absatz. 529 cehn sovmcei'e.
630 zogten. 531 zioemze . . b32 sinen povel. 534 die hetten sich. 537 do
(= Dd). 540 müse. 541 Absatz. 544 einen. 546 da bi nach dem. 547
Ivsvncere (= G). 548 tambürre (= dg.) 549 sinen (= G). 552 vü
welscher videl. . . (= G).
Das unmittelbar darauf folgende Blatt, BI. 4 der Hs., umfaßte
V. 553—736 (= Lachm. 19, 13-25, 16). Der vordere Rand des
Blattes ist weggeschnitten, und oben etwa 2 — 3 Zeilen abgerissen.
Von der ersten Spalte, V. 553 — 598 fehlen die zwei oberen Zeilen,
außerdem durch Beschneiden der vordere Theil der Verse. Das
Bruchstück hat V. bbl folches. 558 morinne. 567 mangem. 568 arzt.
569 genesn. blO geivesn. bllßoch. 574 . .nchel. 576 . .ns farwe. bll en-
ffienc. 578 frevde.. 583 manigen. 584 arme Mengen (= G). 585 hovbt
waren. 586 seihe. 588 . . t lagen. 595 mureten chüste. 596 Ivzel (=: gg)
Ivste (= G). 598 icas alsvs getan (= dgg). Auf der zweiten Spalte feh-
BRUCHSTÜCKE VON WOLFRAMS PARZFV^AL UND WILLEHALM. 169
(0
' len zwei Zeilen (V. 599. 600);, und von der dritten ist nur vüg. . .hofe
übrig. Das folgende aber ist meist lesbar.
Fröwe nv ist vnser not.
M it freüden zergangen.
(D) en wir hie han enpfangen.
(D) az ist ein riter so getan.
(D)az wir ze daneben iemer han.
(V) nsern goten die in vns brahtcn.
(ü) az si des ie gedahten.
(N) V sage mir vf die tri'we din.
. . . d . r riter mvge sin.
Fröwe er ist ein degn fier.
D es Bariiches soldier.
E in an . . evin von hoher art.
A . . i w . . Ivcel wirt gespart.
S . . 1 . . . . a man in laezzet an.
. .e.ehte er dar vü dan.
Entwichet vn cheret.
D.e viende er schaden leret.
I ch sach in striten schone. ■-' ■
D. die babilone. . > '• ''
Alexandrie losen solden.
Vn do si dannen wolden.
Den Baruch triben mit gcwalt.
Uvaz ir da nider wart gevalt.
An der tschunfentiiire.
Da begie der gehiüre. •' '
libe seihe tat.
S ine heten fliehens deheinen rat.
D a zu hoer ich in nennen.
in wol ercheunen.
Daz er den pris vber manigiv lant.
het al eine ze siner hant.
nv sih et wenne i de wie.
V n fuge daz er mich spreche hie.
V vir han doch fride allen disen tac.
Da von der helt wol riten mac.
Her vf zemir ode sol ich dar.
Er ist anders denne wir gevar
Cwi wan tsete im daz niht we.
D az het ich gerne erfvnden e.
0 b mirz die mine rieten.
Ich solde im ere bieten.
Gerüchet er mir nahen.
V vie sol ich in enpfahen
min Hp genennet pfant.
Fr'jwe ich wil i^wern fvrsten sagen.
Daz si richiv cleider tragen.
V ii hie vor iv biten.
Vnz daz wir zu iv riten.
D az sagt euch ivwern frowen gar.
Vvan swenne ich nv hinnider far.
So bringich iv den werden gast.
m svzzer tvgende nie gebrast.
D ar an doch 1 ... 1
Vil dech
Der marschalch siner frowen be(t).
Bälde wart do Gahmuret.
B, ichiv clei dar agen.
div legter an sus ho ich sagen.
daz div tiür wge
Ancherdie swasren. ■■ '
Von arabischem ; '1' ' ■ ■
L agen drvffe als er
D 0 saz der minne geltes Ion.
Vf ein ors daz ein babilon.
Gein im dvrch tiostieren reit.
Den stach er be daz was dem Icit.
0 b sin wirt mit im iht var.
Er vil sine riter gar. r ;
1 (a) deiswar si sint es fro.
S i riten mit ein ander do.
Vn erbeizten vor dem palas
D a manech riter vff
Die musen wol gecleidet sin.
S iniv chinder lieffen vor im in.
Ie zwei ein ander an der liaiit.
Ir hene manige fruwen vant.
Gecli idet w liehe.
Der chvneginne riebe.
I r ovgen fücten grozzen pin.
Dos! gesach den ansbeviu.
Der was so minneclich gevar. •' '
Daz er entsloz ir herze gar.
Ez wsre ir liep ode leit.
D az besloz da Vor ir wipheit.
Ein wcnech si im engegentrat.
Ir gast si sich chvssen bat.
GERMANIA. Meue Reihe IV. (XVI.) Jabr^i
12
170 KARL BARTSCH
Der Anfang der vierten Spalte ist stark lädiert: es fehlen V. 691.
92, im Folgenden bemerke ick: 693 (S) azens in. 694 {V)f einen.
695 (D) ar vnde ein: die einzige Hs., welche das richtige unde {=under)
hat. 697 gelichet. 698 het. 703 hovbt. 708 zvht si (= G). 709 {i)cJi. 710
d. . .nahe. . . herzen. 711 weh des niht (:= Gr). 712 s. . .{u werre ode
wirret : loerre ist eigenthümlich, ode steht dem vom Verse geforderten
od am nächsten unter allen Hss. 715 wan einech man. 716 ode, derselbe
Fall wie 712. 720 hoüptman. 721 viende. 722 fridebrant. 724 Mez
(nicht der hiez, wie Gg lesen). 725 Herlinde. 728 helde. 729 Hvteger.
730 {r)iters tat (= G). manigiv. 733 manigen. 735 degn.
Zum vierten Blatte, welches 737 — 920 (= Lachm. 25, 17—31,
20) umfasst, bemerke ich, daß Sp. a ganz bei Pfeiffer abgedruckt ist ;
doch ist zu lesen 25, 19 Die hraht alle. 25, 29 Ir herzen regn
in gvsse loarp {= G). 26 6 . . er halt. 26, 7 daz die. 9 Diz. 14 wac.
21 ein tor. 27, 1 Ivzzel. 5 den. Mit Emvech 27, 16 beginnt das Stück
der zweiten Spalte, dessen größerer Theil weggeschnitten ist, daher
sind von V. 796—826 (^ 27, 16 — 28, 16) nur wenige Silben jeder
Zeile erhalten. Ich bemerke 802 Manige. 803 diz. 805 der fehlt (=: G).
808 Eingroz.. (= G). 811 Absatz (= 28, 1). 812 Da er o(vch): also
eine eigenthümliche Lesart, wahrscheinlich da er ouch sin ende gewan.
815 Eins richtig. 816 dag. . 819 lehn iv. ., genauer als DG. 825 ouch
fehlt, in keiner anderen Hs.
Das Folgende steht bei Pfeiffer (S. 31): an V. 886 (= 30, 16)
schließt sich der Schluß der vierten Spalte, deren unterer Theil durch-
geschnitten ist, doch so, daß die Stücke sich ergänzen. V. 887 — 920
lauten :
M an besl sit. Irn geschaehe nie so leide.
Vns git vor ahte por strit. Vvan sit daz Isenhart lac tot.
D es getriwen Isenhar M iner frowen frumt ei- herce not.
D ie hant vns schaden S o stet div chvnegin gemal.
Si ringent mit zorn Proü Belacane svnder twal.
Die irrsten wol gebor In eine blanchen samit.
D es chvnges man von Gesniten von swarzer farwe sit.
V or ieslicher por D az wir div wapen chvrn an in.
b schar ein I r trivwe han iame at gewin.
Ein dur D ie stechent ob den porten hoch.
Als Isenhart den lip erlös. Fvr die andern sehte uns süchent noch.
Sin folch div w nach Des chunen Fridbrandes her.
Da engegen han wir einen site. Die getouften von vber mer.
D a stillen wir ir iamer mite. I eslicher porte ein fvrste pfligt.
Unser vanen siut erchant, D er sich strites vz b wigt.
daz zwene vinger vz der hant, M it siner banier
B ivt gein dem eide. V vir haben 6 ere.
BRUCHSTÜCKE VON WOLFRAMS PARZIVAL UND WILLEHALM. 171
n.
Nicht angeführt ist das Bruchstück einer Pergamenthandschrift
des Parzival aus dem 14. Jahrhundert, drei Quartblätter, im Besitze
des germanischen Museums in Nürnberg (Nr. 17439). Das erste Blatt
umfaßt 639, 5 — 641, 4, das zweite 651, 5 — 653, 4, das dritte 657,
5 — 659, 4: also immer 30 Zeilen auf der Seite, eine Seiten- und Spal-
teneinrichtung, die beim Parzival vmd Willehalm auf die ältesten
Quellen zurückgeht. Der Text des Bruchstückes gehört zur Klasse
von G.
639, 13, kein Absatz. 13 danckten. 16 zetantze. 17 der tantz^,
28 vn dl freude reichen. 29 die\ ir. 640 rothes G. Seyue. 8 zuo im
ward er. 10 versivanf. 11 am liest das Bruchstück. 13 kein Absatz.
16 eivren. 20 rates geleich reiche. 22 zu. 23 hin gar. 26 fraio ich loil in
so. 27 freundin nie. 641 rothes G. Dar nach schier nam ende. 2 fraiven.
651, 11 Zu hw^ da hin nu. 23 so gib im daz. 27. 28 = Ggg. 652
rothes N. schuf. 2 =^ Grgg. 10 oh der. 11. 12 solden : holden. 13 al di
tauelründe)'. 17 ze] an. 21 = Ggg. 25 Ze. 30 Zu. 653 rothes A. 2 Vn.
3 w'' nach. 12 = Ggg.
657, 7 = Ggg. 16 in hei seine iceih. 20 mit dez. 28 Persica. 29 al-
rerst. 658, 1 nu. 3 rothes D. 4 so enioart. 8 dez kan in von hertzen xcol
gezemen. 9 Gyrot. 10 d' vorhte.ll rotsche sahins: sins. 20 daz. 23 = Grgg.
27 heo gent. 29 wont. 659, 1 scharpfeu. 2 = Ggg. 3 rothes S.
' III.
Die Wiener Bruchstücke des Willehalm, welche Pfeiffer S. 6
unter Nr. 10 aufführt und von welchen J. M. Wagner im Anzeiger
für Kunde der deutschen Vorzeit 1860, Sp. 178 Anfang und Ende, so
wie einige Varianten mitgetheilt, hat mir J. Haupt in vollständiger
Abschrift geschickt: das zweite Blatt umfaßt nicht, wie Wagner an-
gibt, 37, 22 — 41, 6, sondern §6, 15 — 41, 6. Ich theile die Lesarten
vollständig mit. 1, 13 La. 23 di tauf. 24 di mich zweifei. 29 kein Ab-
satz. 30 deiner tief antreite. 2, 1 an daz. 2 laufet. 4 daz si den. 5 Luft
feuver wazzer vnd erde. 6 wonent. 7 deinem. 9 Absatz. 10 . .ruhe naht.
15 din &rt. 28 wenne. 29 svnthaf. . . o, 1 In div. 3 hilf. 7 hertzen not.
8 lantgraf von during herman. 9 maer hat das Br. 10 in frazois. 11
Licont wilhalms von orangis. 13 hilf. 14 nimmer. 15 Er sag. not var
got. 16 Der vnvertzagt loerde hot. 17 Der erchennet ritter chumher gar.
19 erchand, 20 der den heim auf haubet pant. 21 Gegen seines uerhes
chost. 23 veinden. 24 der schat von art. 25 hört allein richtig das Br. 27
12*
172 K. BARTSCH, BRUCHSTÜCKE V. PARZIVAL U. WILLEHALM
stvnd vber. 29 sein mag loaren di. 30 an dem chunich charl nie. 4, 1
So tverde. gepom. 2 di für. 3 vnd Met. 4 helfer. 5 diemut. hohsten.
6 hilf tet berJiant. 7 helfer. 8 hilfe. 9 Seit daz div. 10 du] div. 11 i/i'e
«i erd also pist du dort. 13 sand loilhalm. 14 meines sundhafte. 19 ilf«c/i
wolframen. 20 parcifalen sprach. 21 aventewer mich weiset. 22 etleich.
preiset. 23 c?e ez smahten. 24 ivahten. 25 (ran miV n?^ ^of. 26 minne vnd.
28 <^em. 30 vnsanft mag sich genozen.
5, 2 c?t ?'cA 7IW. 3 beginne — minne. 5 /ac? (Ziseü. 6 hause. 9 Äz-
6ent 11 wn«? omcä] noch: die richtige Lesart ist Joch, was keine Hs.
bietet, wofür und, und ouch, noch gesetzt wurde. 13 Valshait. 14 höret
ez hie. 15 Daz. 16 von Narribon der graf heimreih. 18 purg. 19 ^o/<
dhein sein reihheit. 22 zw einem sun. 25 sem svne. 29 Stiez. reht ir zil.
6, 2 habent.
36, 15 /vrf. araboys. 16 setilyois. 17 Kricolang. 18 monfang. 19 sote)-j?
i;nfl! dl von. 20 tüei&e (ohne umbe) gruz hef er vil gepeten. 22 tesereiz.
23 kein Absatz, terramern. 24 poydius. anchi. 25 chrafi. 27 mii
grozer storie.
37, 1 gesampten schare. 3 seinem ponder. 4 ez moÄf ericagen.
6 war v^^ fo^. 8 ^vc?e?, leicht die richtige Schreibung: Tudela. 10 tshoys.
11 puzzat. 13 at^/*. 17 bedivanch. 21 eicigen leivens. 22 solhes getoens.
27 Ät?/'. 28 getravten. 29 kein Absatz. Äfer 6ei tvilhalm starb. 30 c?es.
38, 1 ze fehlt. 2 «^o vns verwans. 3 gegen. 9 so fehlt. 10 rniV.
12 ivambe] leiioe. 14 hellischen. 16 gewern. 17 kein Absatz. ?'iwe, beihte.
18 -y^ic? (^er to. an cZe«?. 22 c?i ÄiH?e^ <^one si loegten. 26 gegen. 27 en fehlt.
tveise. 30 cZa fehlt.
39, 5 manig. 7 marchgraf. 10 {a)lsus. 12 süeze] mein. 14 hahen.
16 minneclich] zwair. 22 mer cZawn. 23 (d)ann. 26 fehlt.
40, 2 pvsavn. 3 tom mavrn. 4 ??; It/". 5 tr<'?f] cÄ/wi 6 . . epurd ie
mit tod must. 9 {cä so üow tw. 11 svnne durch sneit. 12 a^so. 13 swecÄ
wacÄ seinem. 15 an dem. 16 ^üa e?'z. 11 Jhsoyis. 19 entrant. 20 gegen.
21 alitschantz. 23 gehurtet. 25 tJon der. 26 di darvber. 27 chreftlost.
41, 1 kein Absatz. 2 aA ganch. 3 snellichleichen. 5 chorandes. 6 von
dem so/Ä. 7 erpitwen. 9 d^z] daz. 10 kyburch. 11 termis. 15 chvniges
korhand. 16 indyschem land.
Der Text dieser Bruchstücke stimmt am häufigsten mit Inopt,
bald mit der einen, bald der anderen, bald mehreren dieser Hand-
schriften. Bedeutsamer wird er dadurch, daß an einer Anzahl Stellen
er mit K allein zusammentrifft: so 3, 17. 4, 9. 5, 11. 37, 13. 38, 1.
40, 19, wozu Stellen kommen, in welchen das Bruchstück seine Las-
M. RIEGER, DAS SPIEGELBUCH. 173
art mit K und ein oder ein Paar andern Hss. theilt, wie 3, 20. 4, 26,
5, 16. 0, 1. 36, 19. 37, 4. Offenbar stammt es aus einer guten, alten
Quelle und deshalb verdienten seine Lesarten eine genaue Mittheilung.
KARL BARTSCH.
DAS SPIEGELBUCH.
Im Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters von Aufseß I.
S. 164 findet sich folgende Notiz :' Spiegelbuch.
Hie (Hs. He) hebt ain ein spegel buch
der weit lauff und der sunden fluch
und hebt sich zo dem yrsten ayn
we got der herr den verdampten straffen began
der nyt dede den wyllen syn
darumb moyst er lyden groys pyn.
Bekelirungsgeschichte eines Sünders, worin Gott Vater, Teufel,
Tod, Hölleugesellen, Lehrer und Sünder im Gespräche mit einander
vorkommen. Papierhaudschr. aus dem 15. Jahrhundert, 13 Bl. in gr. 8.
in der Stadtbibliothek von Trier. Das ganze gegen 640 Verse. Das-
selbe in einer anderen Papierhaudschr. daselbst, ebenfalls aus dem
16. Jahrb., 16 Bl. in Folio.'
Wackemagel erwähnt diese Notiz und dieses Werk Lit. Gesch.
313 Anm. 74 mit der Bemerkung *^Ein Drama? wahrscheinlich.'
Als in Folge des Krieges von 1866 das vor Kurzem erst dem
Hause Hessen-Darmstadt heimgefallene Homburg vor der Höhe preu-
ßisch geworden war^ kam mit anderem ehemals landgräflichem Mobi-
liarvermögen auch eine Bibliothek aus dem dortigen Schlosse als
Privateigenthum des Großherzogs nach Darmstadt. Aus einem zu ihr
gehörigen Saramelbande löste der Director der großh. Cabinets-Bi-
bliothek;, Herr Dr. Walter, ein namenloses altdeutsches Reimwerk und
hatte die Güte^ es mir zur Untersuchung und Benutzung anzuver-
trauen. Als ich die in ihm redenden Personen mit der Notiz bei Aufseß
verglich, ergab sich die Wahrscheinlichkeit, daß ich das in jener
Trierer Handschrift enthaltene Spiegelbuch vor mir hätte, obgleich die
gereimte Inhaltsangabe zu dem Anfange des Werkes in der Hombur-
ger Handschrift nicht paßte. Inv Sommer 1869 fand ich bei einer zu-
^74 M- RIEGER
fälligen Anwesenheit in Trier meine Vermuthung bestätigt; die zweite
Trierer Handschrift, von der bei AufseÜ die Rede ist, konnte ich aber
trotz der bereitwilligen Unterstützung des Herrn Bibliothekars Schö-
mann nicht ermitteln.
Ich fand das Werk^ so sehr es in vollkommener Kunstlosigkeit
und sorgloser Überlieferung die Kennzeichen einer späten und rohen
Zeit an sich trägt, der Beachtung nicht unwerth, besonders nachdem
ich beide Handschriften neben einander hatte. Ein Drama, wie Wacker-
nagel vermuthete , ist es freilich nicht , aber ein auf mehreren
Dramen beruhendes, aus ihnen zusammengestelltes Erbauungsbuch.
Es eröffnet uns den Blick in die dramaturgische Thätigkeit eines
klösterlichen Kreises, in welchem man das Bedürfniss fühlte, dem
gemeinen Manne über den Kreis der herkömmlichen Festvorstel-
lungen hinaus etwas nicht nur Erbauliches, sondern eigentlich Asceti-
sches, unmittelbar die Gewissen Angreifendes zu bieten. Diese Gat-
tung verhält sich zum Weihnachts-, Passions- und Osterspiel, sowie
zur dramatisierten Legende wie das bürgerliche zum heroischen Schau-
spiel; nur eine Varietät von ihr bildet die dramatisierte Parabel, die
man aus dem berühmten Spiel von den zehen Jungfrauen kennt und
von der man hier ein neues Beispiel kennen lernt.
Der Urheber oder Zusammensteller des Buches nahm ein Spiel
(IV), wenn auch nicht vollständig, doch in solcher Ausdehnung auf,
daß die Reden sich zu einem Ganzen zusammenschließen. Dies musste
bei der Fortpflanzung seines Werkes nothwendig beachtet werden, und
die Reihenfolge der hierher gehörigen Reden stimmt daher auch in beiden
Handschriften überein, obgleich das Stück in der homburgischen (H)
am Anfang, in der trierischen (T) am Ende steht und die erste Rede
dort weggefallen — oder, da auch die Überschrift des ganzen Buches
fehlt, wohl nur herausgerissen ist. Im übrigen dagegen nahm der
Zusammensteller nur einzelne Reden, höchstens Scenen und diese
nur unvollständig auf, wovon die Folge war, daß die Abschrei-
ber hier überhaupt keinen Zusammenhang erkannten oder doch auf
dessen Bewahrung keinen Werth legten, auch Einzelnes nach Belie-
ben wegließen^ wie denn das ganze Stück III nur in der Hombur-
ger Handschrift erhalten ist. Hier muß man daher das Verwandte aus
bunter Unordnung und größtentheils aus zweierlei Unordnung zusam-
menlesen. Diese Mühe habe ich dem Leser zu sparen gewünscht und
die einzelnen Reden nach meinem Dafürhalten geordnet und einge-
theilt. Es muß aber auch versucht werden, die verschiedenen Spiele,
DAS SPIEGELBUCH. I75
von denen sie Trümmer sind, der Anlage nach zu einiger Vorstellung
zu bringen.
Das erste Stück beginnt mit einer die Verdaramniss des Sünders
begründenden und bestätigenden Rede Gottes. Ibr voraus gieng offen-
bar eine Reelamation des unversehens vom Tod ereilten, nun zu spät
bußfertigen Sünders gegen das Urtheil, dem er verfallen ist, und wei-
terhin ist eine Entwicklung des leichtsinnigen, die Gnadenmittel (13)
wie die Mahnungen Gottes (19) in den Wind schlagenden Sünder-
lebens vorauszusetzen. Nach 5 T befindet sich der Sünder während der
Rede Gottes bereits in der Hölle, wahrscheinlicher aber nach H noch
auf der die Erde darstellenden Abtheilung der Bühne, von wo die
Teufel erst im Begriffe sind, ihn nach der Hölle abzuführen. In der
in T folgenden, in H fälschlich vorausgehenden Rede ertönt dann, wahr-
scheinlich nach einer ausgefallenen Hohnrede eines oder einiger Teu-
fel, seine hoffnungslose Klage aus der Hölle. Hier schliessen sich nun
deutlich die in beiden Handschriften außer Zusammenhang stehenden
Reden der verdammten Seelen und des Teufels an, die ich in der Rei-
henfolge von T wiedergebe. Zwei Seelen wenden sich warnend an die
Zuschauer, eine dritte verweist den vorigen ihre verlorne Mühe und
der Teufel heißt sie in seinem Interesse schweigen; dennoch folgt noch
eine vierte Rede, die ganz den Ton eines Epiloges hat und mit der
offenbar das Spiel endet.
Mehr ist von einem anderen Spiel in das Buch aufgenommen.
Eng verwandt in Tendenz und Inhalt, ist II doch anders motiviert
als I. Statt des Sünders tritt hier eine Sünderin auf, was freilich T
im Texte wie in den Überschriften verkennt. Ferner wird nicht,
wie in I, Teufel und Hölle als Rächer und Strafe der Sünde, son-
dern Tod und Grab als Vernichter der Leibesschönheit und Lebens-
freude den Zuschauern vorgeführt. Der Teufel tritt zwar auf,
aber nur als Verführer, nicht als Peiniger. Die Mahnung nu nement min
eben icar, ir komment auch alle in unser schar 218 f., bezieht sich nicht,
wie die ähnliche Stelle 93 f., auf die Schar der Verdammten, son-
dern auf die Schar der Todten, und das Spiel reiht sich, wie unten
noch deuthcher werden wird, in die Familie der Todteutanzpoesie ein.
Die Rede 193 — 225 wird ihrem ganzen Inhalt zufolge und besonders
nach 195 aus dem Grabe, nicht, wie die Überschrift in T angibt, aus
der Hölle gehalten; vielmehr enthielt hier die Bühne offenbar keine
Hölle und wird dieselbe in dem ganzen Spiel eigentlich ignoriert. Das
ewige Verderben erscheint zwar als die Aussicht des bußlos Sterben-
den 128. 132 und das ewige Reich als der Lohn der Bekehrung 152;
176 M. EIEGER
aber das Grab nimmt im Grunde die Stelle der Hölle ein nnd das
ewige Verderben fällt, wie es scheint, mit dem der Seele fühlbar ge-
dachten Zustande des leiblichen Todes zusammen, in welchem man dqr
irdischen Freude beraubt ist, ohne das ewige Reich als Ersatz dafür
zu besitzen. Eine dogmatische Diiferenz von I ist hierin natürlich nicht
zu suchen; es bedeutet nur einen anderen Gedankengang und Vor-
stellungskreis der Dichtung, einen mehr populären und, wenn man
will, etwas heidnischen, dessen Unverträglichkeit mit dem Dogma man
sich aber nicht zum Bewußtsein brachte.
Die Einladung Gottes an die Jungfrau, mit der das Stück in H
beginnt, setzt in den Worten kere liebes kint din hegirde noch zu mir
125 einen fruchtlos gebliebenen Bekehrungsversuch bereits voraus;
und überhaupt mu(J das weltliche Leben der Jungfrau im Anfange
des Spieles zur Genüge entwickelt worden sein. Die Antwort der
Jungfrau schließt sich an die Rede Gottes ohne Zweifel richtig an
und wiederum an sie die Rede des Teufels, der das Werkzeug der
Eitelkeit, den Spiegel, zur Förderung seiner Absicht herbeibringt.
Unvermittelt folgt aber nun in H die Predigt des Mönches und ebenso
auf diese wieder die Scene zwischen der Jungfrau und dem Tod. Ich
vermuthe, daß die Predigt eher an eine frühere Stelle, wahrscheinlich
au den Anfang des Spieles gehörte, in der Weise, daß die Jungfrau
unter dem Volke ihr beiwohnt und, während vielleicht andere in sich
giengen, ihre Verachtung solcher Lehren und ihr Beharren bei dem
früheren Leben aussprach. So läge dann in der nochmaligen Einla-
dung zur Bekehrung aus Gottes eigenem Munde, verbunden mit der
Ankündigung des nahen Todes, eine passende Steigerung. Die Scene
mit dem Tode wird auf die mit Gott und dem Teufel wohl unmittel-
bar gefolgt sein, doch muß zwischen 152 und 153 ziemlich viel feh-
len; denn die Jungfrau wird den Teufel schwerlich ohne zustimmende
Antwort gelassen haben und der Tod muß nothwendig gesprochen
haben, ehe die Jungfrau die Rede 153 — 60 an ihn richtet; ja man
wird einige Wechselreden zwischen ihr und dem Tode nach dessen
Auftreten wahrscheinlich finden, bis es zu den schon gesteigerten
Wendungen jener Rede kommt. Eine neue Lücke ist unverkenn-
bar hinter den Reden des Todes, denn da er nicht erscheint um
alsbald abzuholen, sondern um auch seinerseits zu warnen und sich
erst anzukündigen (165 f.), so kann nicht unmittelbar nach seiner
Rede die Jungfrau schon im Grabe liegen; sie muß vielmehr aucli
jetzt wieder ihren unheilbaren Leichtsinn kundgegeben haben und
dann mitten in demselben vom Tode bei der Kehle gefasst worden
DAS SPIEGELBUCH. 177
sein (188). Daß die Rede aus dem Grabe wirklich von der Jungfrau
dieses Spieles gehalten wird, obgleich hier nicht nur die Überschrift
in T von einem sxinder spricht, sondern auch die Bild Vorschrift in H
mit ic est mortuus ins Masculinum fällt, macht der Inhalt unzweifel-
haft. Die ironische Beschreibung der Leibesschönlieit, insbesondere
die Erwähnung des schönen Haares 205, sowie der heckelin 210, paßt
nur auf ein Weib; und das Verlangen nach einem Spiegel 202, er-
innert deutlich und drastisch an den früher vom Teufel der Jungfrau
vorgehaltenen. Die Worte ich icas auch herlichen gesessen in minem
throne 194 stehen nicht entgegen, da es nur zum Effect beitragen
konnte, wenn die Jungfi'au auch von hoher Geburt war und dies in
früheren Scenen den Zuschauern deutlich gemacht sein mochte. Auf
diese Rede folgt sodann der Epilog des Spieles, neben dem auf der
Bühne sichtbaren Beinhaus vom Tode gesprochen. Das darunter ge-
setzte est plenum in H, das mitten in dem Spiegelbuch kaum am
Platze ist, bezeichnete ohne Zweifel in der Vorlage des Zusamnien-
stellers den Schluß des vollständigen Spieles und wurde von ihm un-
bedacht mit abgesehrieben.
In den ältesten handschriftlichen und in Holz geschnittenen Auf-
zeichnungen des Todtentanzes geht demselben eine Vei-mahnung eines
Predigers voraus: 0 diser icerlte wisheit kint usw., die aber zum Schlüsse
nicht auf eine dramatische Vorstellung, sondern auf deren Abbildung,
ani dises gemceldes ßguren Bezug nimmt und dadurch verräth, daß sie
dem Todtentanze, als er noch lebendiges, zur Aufführung bestimmtes
Drama war, nicht zugehörte. Gleichwohl verniuthet Wackernagel
(Zeitschr. f. d. A. 9, 324), daß eine solche Predigt, wie der spanischen
danza general und der französischen danse Macabre, so auch dem
deutschen Schauspiel gleichen Inhaltes möge vorangegangen sein, und
diese Weise der Eröffnung mag daher unser Spiel dem alten Todten-
tanze entnommen haben. Die Schlußrede des Todes neben dem Ker-
ner hat es dagegen auch in den Worten gemein mit dem jüngeren
Doten dantz mitßguren (s. Maßmann in Naumanns Serapeum II, 184 ff.),
nur gewährt es sie in einem mehrfach von besserer Überlieferung
zeugenden Text. Damit mau sich hievon überzeugen könne, füge ich
den Text des älteren Druckes mit den Abweichungen des jüngeren
an der betreffenden Stolle an raerkungs weise bei. Unser Spiel hat also
dieseRede einer der ersten Aufzeichnung näher stehenden, wohl noch fürs
Theater bestimmten Handschrift des jüngeren Todtentanzes entnom-
men, wenn nicht gar selbst sie diesem geliehen. In einer anderen Rede,
der des Leichnams aus dem Grabe, berührt es sich wenigstens hin-
178 M. RIEGER
sichtlich des Motives mit demselben Werke. Es findet sich daselbst als
Titelbild und dann noch einmal auf Bl. 2 wiederholt ein Holzschnitt,
auf dem sechs Gerippe ein siebentes, im offenen Grabe liegendes um-
t.inzen; dem letzteren sind über der Wiederholung des Bildes 16 Reim-
zeilen in den Mund gelegt ähnlichen Inhaltes mit der erwähnten Rede
unseres Spieles, nur freilich, wie die Eingangspredigt des alten Tod-
tentanzes, zuletzt Bezug nehmend auf dise figure und darum nur dem
Buch, nicht dem lebendigen Spiel zugehörig. Wörtliche Berührung
mit unserem Spiele findet sich hier nicht (s. Maßmann a. a. 0.).
Nicht im alten Todtentanze, wohl aber in dem jüngeren kommt
als drittletzte Darstellung die Jungfrau vor. Die ihr und dem Tod in
den Mund gelegten Reime haben mit unserem Spiele keine Verwandt-
schaft; doch aber wird es als Ausführung eines Todtentanz-Motives
zu betrachten sein^ mag der Verfasser dasselbe nach Analogie des
alten Todtentanzes selbst erfunden oder dem jüngeren entnommen haben.
Jedes andere konnte zu einer ähnlichen Ausführung auffordern.
Gering sind die nur in H vorfindliehen Reste eines Spieles vom
reichen Mann und armen Lazarus (III.). Wir haben einmal die Rede
einer wohlgesinnten Person, die dem Reichen zu seinem Besten räth,
des letzteren abweisende Antwort und einen — offenbar nicht den
ersten — Hilferuf des Armen ; sodann den ersten Hilferuf des Rei-
chen aus der Hölle, die erste Antwort Abrahams und eine Rede der
Teufel . die den Reichen quälen. Auch diese Scenen sind also ent-
fernt nicht vollständig; aber zwischen ihnen mußte nothwendig dar-
gestellt sein, wie beide Personen starben und die eine von Engeln in
den Himmel, die andere von Teufeln in die Hölle geführt ward; und
ehe Lazarus beim Gastmahl des Reichen auftrat, muß schon eine mehr
oder minder ausführliche Exposition beider Charaktere vorausgegan-
gen sein. Aus alle dem konnte sich schon ein nicht allzu kurzes Spiel
zusammenbauen. Die Einführung einer im Evangelium nicht vorkom-
menden Person, der die Rede 260 — 68 in den Mund gelegt ist, be-
weist, wie der Dichter sich einiger Freiheit zu bedienen wusste.
Sehr viel ausgiebiger als diese drei Spiele ist IV vom Zusam-
mensteller des Buches benutzt worden; doch hat man auch hier kei-
neswegs, wie man auf den ersten Blick glauben könnte, ein vollstän-
dig erhaltenes Spiel vor sich. In dem stetig und wohl überlegt fort-
schreitenden Dialog 330 — 580 wird Niemand etwas vermissen. An ihn
fügt sich als seine Frucht das Gebet 581 — 94 und an dieses wieder
die Antwort Gottes bis 626: obwohl die in T nach 586 eingeschal-
tete Überschrift die Vermuthung nahe legt, dass hier bereits Gott
DAS SPIEGELBUCH. 179
eine Antwort gegeben, durch welche die mit dem Vorhergehenden
kaum zusammenhängende fernere Rede des Gesellen von 587 an her-
vorgerufen wird. Eme Lücke ist dagegen sicherlich zwischen 329 und
330. Die Berathung der vier Gesellen, von der die Überschrift in T
meldet, konnte unmöglich nur aus der Rede des einen ernstgesinnten
unter ihnen bestehen, der nachher die Unterredung mit dem geistli-
chen Manne hat. Die übrigen müssen ihm geantwortet und ihn allein
gelassen, er muß alsdann den Mönch aufgesucht und angeredet ha-
ben ; sogar die Art, wie dieser seine Rede 330 anhebt, sieht nicht aus^
als ob er hier zum ersten Mal spreche. Schwer zu glauben ist ferner,
dass die Anleguug des Ordenskleides nach 626 stillschweigend vorge-
gangen sei; auch kann dem Bruder sein großer Bart (638) nicht auf
der Bühne gewachsen sein und er hat sie vor der Begegnung mit
den Gesellen offenbar verlassen. Diese werden also allein aufgetreten
sein und unter einander geredet haben, bis der Bruder wieder auf-
trat. Ein zusammenhängendes Stück bildet hierauf die Hohnrede eines
der drei Gesellen und die Antwort des Bruders bis 676; hier aber,
wo T abermals eine Überschrift mitten in die Rede derselben Peison
einschaltet, kann sich die Anklage der Sünder vor dem Hei-rn nicht
unmittelbar angeschlossen haben. Ich glaube, dass hier die Gesellen
in einer oder mehreren Reden zuerst repliciert, den Bruder auch thät-
lich mißhandelt und darauf sich entfernt haben. Die Anklage würde
ungebürlich matt herauskommen, wenn sie sich nur auf die Rede 627
bis 644, auf die der Bruder bereits ausführlich geantwortet und das
letzte Wort behalten hätte, begründete. Mit der Rede des Herrn kann
das Spiel 728 füglich geschlossen haben.
Es ist eine sehr anspruchlose und elementare, ich möchte sagen
eine recht hausmacheude, aber , wie man am besten aus dem gro-
ßen Stücke IV entnehmen kann, weder ungeschickte noch geistlose
Dramatik, die ich hier nachzuweisen versuche. Dass dieser Nachweis
in der Hauptsache wohlbegründet sei, kann ich nicht bezweifeln, denn
ich frage mich vergeblich, auf welche andere Art man sich die Ent-
stehung eines Productes wie das Spiegelbuch erklären könnte.
Prüft man Sprachformen und Schreibweise der Homburger Hand-
schrift, so wird man schwerlich Ursache finden, die Gestalt, in der
das Spiegelbuch hier überliefert ist, weit unter 1450 herabzunicken.
Und doch beweisen so manche Verderbnisse des Homburger Textes,
denen bessere Lesarten des im Ganzen so viel schlechteren Trierischen
gegenüberstehen, dass auch jener schon eine gewisse Dauer der Über-
lieferung hinter sich hat. Wiederum muß der Herstellung des Spie-
180 M. RIEGER
gelbnches die Abfassung der ihm zu Grunde liegenden Spiele um
einige Zeit vorausgegangen sein. Erst als die Spiele nicht mehr auf-
geführt Avurden und als todte Manuscripte dalagen, wird deren wich-
tigsten Inhalt Jemand in ein kleines Buch gebracht haben, um ihn
nunmehr für einen Leserkreis nutzbar zu machen. So darf man sich
wohl die Spiele nicht später als ganz zu Anfang des 15. Jahrhunderts ver-
faßt und aufgeführt denken. Als ein äußeres Zeugniss kommt der
älteste Druck des oben erwähnten jüngeren Todtentanzes in Betracht,
der die Schlußrede am Kerner aus unserem zweiten Spiele in ver-
gleichsweise entarteter Gestalt wieder gibt. Dieser Druck ist zwar
nicht datiert, aber auf das Titelkupfer des Münchner Exemplars hat.
wie Maßmann bereits bemerkte, eine alte Hand die Jahrzahl 1459
gesetzt, was doch wohl zn dem Schlüsse berechtigt, daß der Druck
in diesem Jahre schon vorhanden gewesen sei. Welchem der beiden
Werke die ihnen gemeinsame Rede ursprünglich angehöre, habe ich
oben dahin gestellt gelassen, da der bessere Text im Spiegelbuche
nicht unbedingt entscheidend ist. Ich will aber doch noch auf einen
anderen Umstand, der hiefür vielleicht nicht ohne Gewicht ist, auf-
merksam machen. Gehörte die Rede ursprünglich dem Todtentanze
an, so sollte man denken, daß bei dessen Ausstattung mit Holzschnit-
ten Bild und Wort auch an dieser Stelle einen befriedigenden Ein-
klang zeigen würden. Es ist aber nicht, -wie man erwarten müsste,
der Tod in der Haltung eines Redners vor oder neben dem Beinhaus
dargestellt, sondern eine Mehrzahl von Gerippen, die sich aus den
das Beinhaus umgebenden Gräbern erheben — also die Auferstehung
der Todten, wozu der Inhalt der Rede keinen Anlaß gibt. Diese Frei-
heit des Illustrators scheint mir erklärlicher bei einem fremden An-
hängsel, das dieser Todtentanz erst als Buch erhielt und für dessen
Illustration es keine der Auffühming entstammende Überlieferung gab.
Die von Kugler (Kl. Sehr, zur Kunstgesch. I, 52) beschriebene Cas-
seler Handschrift dieses Werkes enthält weder die fragliche Rede noch
ein ihrem Inhalte verwandtes Bild. Beachtung verdient es schliesslich
auch, daß der in der Rede vorkommende Reim loelt : gezelt zu den con-
ventioneilen Reimen des Spiegelbuches gehört (s. 71. 85. 254. 352. 663),
während er im Todtentanze sonst nicht vorkommt.
Die Homburger Handschrift zeigt oberhessische Mundart, wie sie
bis zum Main und Rhein und an diesem bis zur Lahnmündung hin-
abreicht, den Ausgang der alten Mattiaci von Mattium , dem Haupt-
orte der Chatten, zum Überfluß erweisend. Die Sprachformen der
Trierischen Handschrift sind niederrheiuischj im Rheinlande wird man
DAS SPIEGELBUCH. 181
daher die Heimat des Spiegelbuches selbst wie der ihm zu Grunde
liegenden Dramen zu suchen geneigt sein. Hiezu stimmt es, daß 634
die Gesellen wünschen, ihr geistlich gewordener Freund läge mitten
im Rhein, eine Redensart, die doch nur in der Nähe dieses Sti'omes
gebraucht werden konnte. Es stimmt aber auch dazu^ daß der jün-
gere Todteutanz,, bei seinem sei es activeu oder passiven Lehnsver-
hältniss zum Spiele II doch wohl dessen Landsmann, durch ein un-
zweideutiges, von Maßmann bereits hervorgehobenes Merkmal dem
Mittelrhein zugewiesen wird. Den Wirth redet nämlich der Tod mit
diesen Reimen an: Her icirdt her icirdt von Byngen, An diszen reyen
mustu nu spryngen. Vyl hoszheit hasfu heg nigen Mit falscher speysz vnd
myt wyn langen. Du hast gehalten lade allerley, die myt fluchen vnd
schweren hatten eyn gros geschrey. Des bystu eyn m'sach gewesen : Bidt
got das dyn sele mag genesen.
Dieses von Bingen ist die einzige örtliche Beziehung in dem gan-
zen Werke, und es muß daher wohl zur Aufführung nicht in Bingen
selbst, aber an einem Orte der Nachbarschaft bestimmt gewesen sein,
wo man rfnf Anklang beim Publicum rechnen durfte, wenn man den
Binger Wirthshäusern etwas Schlimmes nachsagte. Nun zeigt zwar
der älteste Druck (A), nach dem ich jene Reime mitgetheilt habe,
ein östlicheres Mitteldeutsch, das rheinisches ai, oi, ut für a, o u fern
hält; aber in dem Worte stät = lat. Status, das im Titel den reinen
Vocal zeigt, bricht auffallender Weise viermal (10". IP. 21*) die
Trübung stait hervor und verräth eine rheinisch geschriebene Grund-
lage. Der zAveite, im Münchner Exemplar mit 1470 bezeichnete Druck
(B) hat zwar dieselben Holzstöcke wie der erste benutzt, ruht aber
hinsichtlich des Textes auf anderer Überheferung, nämlich auf der-
selben, die auch der Casseler Handschrift zu Grunde liegt und die
sich auf den ersten Blick in der abweichenden, offenbar ursprüng-
licheren Reihenfolge der Scenen kund gibt. Man sehe Maß-
manns Zusammenstellung im Serapeum 1, 189. Wenn man hier die
14 in beiden Drucken verschieden angeordneten Scenen weo-streicht
so erhält man 24 in vollkommen gleicher Folge, offenbar den
ursprünglichen Bestand des jüngeren Todtentanzes , übereinstim-
mend mit der ursprünglichen Scenenzahl des älteren; von den 14 spä-
ter hinzugekommenen Scenen schiebt dann B 12 hinter dem kindelin
und nur 2 an früheren Stellen ein, während A sie in Gruppen oder
einzeln an vielen Stellen zwischen die 24 ur-sprünglichen untersteckt,
also die spätere Zudichtung dieser Scenen weniger bemerklich zu
machen strebt. Daß auch im Wortlaut des Textes jene andere
182 M. RTEGER
Überlieferung sich kund gibt , dafür will ich nur ein Beispiel an-
führen. In der Rede des guten Mönches heißt es in B vn der hruder hyn
loorden, die da gehalten Jiant den orden, übereinstimmend mit der Cas-
seler Handschrift (s. Kugler a, a. O.), während A die freihch bessere
Lesart gibt va eyn hruder bynn worden, der da gehalten hat den orden]
die Casseler Handschrift ist aber nicht etwa von B abgeschrieben, da
sie eine einfachere, reinere Orthographie zeigt. Es ist also nicht
gleichgiltig , daß uns aus dem zweiten Drucke des jüngeren Todten-
tanzes so wie aus der einzigen Handschrift, die wir von ihm kennen,
die oberhessisch-mittelrheinische Mundart in consequenter Ausprägung
entgegentritt.
In Bezug auf Geist und Tendenz findet sich zwischen den Spie-
len des Spiegelbuches und dem jüngeren Todtentanz grosse Überein-
stimmung. Der Letztere ist nämlich keineswegs eine Erweiterung des
gleichnamigen älteren Werkes aus vierzeiligen zu achtzeiligen Reden,
wobei etwa gar matte Weitschweifigkeit an die Stelle gedrungener
Kürze getreten wäre. Er ist ein völlig neues und ohne Zweifel viel
bedeutenderes Werk , das nur deßhalb vor dem älteren übersehen
wird, weil dieses zur Entstehung großer monumentaler Kunstwerke
x^nlaß gegeben hat. Wenn der ältere Todtentanz nur den populären
Gemeinplatz von der Eitelkeit alles menschlichen Treibens, von der
unerbittlichen Nothwendigkeit des Todes variiert^ so erfaßt der jüngere
das menschliche Treiben in seiner manigfach gearteten , durch jede
Lebensstellung besonders bedingten Sündhaftigkeit und stellt ihr den
Tod in herben Sarkasmen als Richter gegenüber , der nur für den
Frommen seine Schrecken verliert und zum freundlichen Vermittler
eines besseren Daseins wird. War das ältere Werk eine unheimliche
Posse , die freilich ernste Gedanken nahe legte , so sind in dem jün-
geren diese Gedanken mit solchem Nachdrucke ausgeführt und so
sehr zur Hauptsache gemacht, daß auch die possenhafte Form
in Wort und Geberde eine neue , weit tiefere und herbere Wir-
kung gewinnt. Die Posse ist zum geistlichen Spiel mit ascetischera
Zweck geworden. Hiemit steht der jüngere Todtentanz bereits auf
gleichem Boden mit unseren Spielen des Spiegelbuches, noch bestimm-
ter aber durch die nicht nur religiöse, sondern eigentlich mönchische
Tendenz. Es wird nämlich allen Ständen der Welt und den Vertre-
tern des geistlichen nicht am wenigsten vom Tod ihre besondere
Standessünde oder doch die Unersprießlichkeit ihres Thuns und Kön-
nens für das ewige Heil vorgehalten und von ihnen mit Verzweif-
DAS SPIEGELBUCH. 183
lung oder doch mit Äugst erkannt, obwohl hiebei der Pabst und der
Bürgermeister in bemerkenswerther Weise geschont werden, jener
wohl, weil er als die fernste Autorität die meiste Ehrfurcht einflößte,
dieser, weil er als die nächste die meiste Rücksicht gebot. Außer dem
kleinen Kinde, dem der Tod als wohlmeinender Bewahrer vor der Welt
und ihrer trügerischen Lust erscheint, finden sich nur zwei Scenen, iu wel-
chen er mit freundlichem Zuspruch nahtundihm freudig gefolgt wird; und
ihre Personen sind der gute Mönch (zum Unterschied von dem da-
neben gestellten bösen) und der Laieubruder. Sie sind es allein, die
der Welt, von der alle Anderen verführt worden , völlig abgesagt,
sich ganz in Gottes Dienst begeben , den eigenen Willen und Muth
geopfert und dadurch die Schrecken des Todes besiegt haben. In glei-
cher Weise ist wenigstens das IV. Spiel des Spiegelbuches ganz auf
die Empfehlung des Mönchslebeus gerichtet. Die Ermahnungen des
geistlichen Mannes , die das Herz des jungen Gesellen Schritt für
Schritt gewinnen, haben zuletzt nicht etwa nur den Erfolg , daß er
seine Sünden bekennt, Buße thut, ein gottseliges Leben gelobt, son-
dern er nimmt einen geistlichen Orden an — als verstünde sich dies
nun ganz von selbst und wäre der alleinige Weg, sich von der Welt
unbefleckt zu halten und nach Gottes Willen zu leben.
Solche Geistesverwandtschaft verbunden mit der erwiesenen
Landsmannschaft und dem gegenseitigen Lehensverhältniss — indem
eines der vier Spiele vom Todtentanze sein Motiv und dieser von
jenem wieder die Schlußrede borgt — legt die Vermuthung nahe, daß
die Spiele des Spiegelbuches mit dem jüngeren Todtentanz aus dem-
selben Kloster hervorgegangen sein möchten. Es findet sich nun in dem
IV. Spiele eine unverkennbare Beziehung auf den Cistercienserorden,
nämlich in der Bühnenweisung der Trierer Handschrift hinter 626:
Nu hau der gesell einen grawen rock vnd einen geistlichen orden ain sich
genomen. Graue Mönche hießen nach ihrer Ordenstracht die Cister-
zienser: vgl. Leben der heil. Elisabeth 9334 die grawen da von Citias.
9547 ein graioer munich, wo das lateinische Original setzt ordinis Ci-
sterciensis monachus. So wiid man denn, da wir doch einmal durch
den Todtentanz auf die Nachbarschaft von Bingen gewiesen sind, auf
das berühmte Stammkloster dieses Ordens in deutschen Landen, auf
Eberbach im Rheingau hingeführt.
Schwerlich mochte zwar die Auffiihrung von Schauspielen durch
die strenge Regel des heil. Bernhard gestattet sein , aber wer die
Grabmäler in der Eberbacher Kirche gesehen hat , weiß auch , daß
184 M. RIEGER
dort um das Jahr 1400 der Ordeu bereits eine freundlichere Stellung
zu den darstellenden Künsten genommen hatte. Wenn nicht bei dem
abgelegenen Kloster selbst , mochte die Aufführung in dem benach-
barten mainzischen Eltvil oder in Mainz selbst stattfinden, und es ist
vielleicht kein Zufall, daß im jüngeren Todtentanze — anders als im
älteren — unter den sonst so vollständig aufgeführten hierarchischen
Graden der Erzbischof fehlt. Doch ich fürchte, der Phantasie schon
zu sehr den Zügel gelassen zu haben.
Eine Identität des Dichters steht bei den vier Spielen wohl außer
Zweifel, da sie in der ganzen Technik, den Redensarten, stilistischen
Manieren und Lieblingsreimen aufs Genaueste übereinstimmen. Beim
Todtentanze vermißt man diese Übereinstimmung, die zum Theil schon
durch die hier beobachtete Form der achtzeiligen Gesetze ausgeschlos-
sen ist, und findet auch keine so weitgehende Genügsamkeit in Be-
zug auf den Gleichklang der Reime.
Es erübrigt mir noch Weniges von den benutzten Handschriften
zu sagen.
H ist eine ungespaltene Papierhandschrift in Folio, deutlich, fest
und sauber, aber vom Bl. 15^ an nicht mehr mit abgesetzten Reimen
geschrieben. Bis zu Bl. 14 einschließlich ist die Rückseite jedes Blat-
tes nur mit wenigen Zeilen, wie sie gerade bis zu Ende der angefan-
genen Rede reichen, beschrieben und der größere untere Theil der
Seite für eine Zeichnung freigelassen ; von 15^ an, wo die Reime nicht
mehr abgesetzt werden, bleiben spärlichere Räume zwischen den ein-
zelnen Reden oder auch zu ihrer Seite frei. Kein einziges Bild ist
ausgeführt, aber fast zu allen finden sich klein geschriebene lateinische
Anweisungen, aus denen hervorgeht, daß die Bilder wenigstens bis
auf 14'' sich nicht auf die vorausgehenden, sondern auf die bei aufge-
schlagenem Buche rechts neben stehenden Reden beziehen sollten. Es
lag also dem Schreiber eine wii'klich illustrierte Handschrift vor, ähn-
licher Art, wie die von Kugler beschriebene des jüngeren Todtentan-
zes zu Kassel, und er wollte einem Zeichner Gelegenheit lassen, auch
die seinige so zu schmücken. Hier, wie bei beiden Todtentänzen ,
dem älteren und jüngeren, sollte für das Auge des Lesers das leben-
dige Schauspiel durch Bilder ersetzt werden. Die Bildanweisungen
mochten übrigens unserem Schreiber auch die Bezeichnung der reden-
den Personen ersetzen, indem er sich aller Überschriften im Texte
selbst enthielt. Den Schluß der Handschrift bilden zwei leere Blätter
mit allerlei halbverwischten Sprüchea beschrieben. Im selben Bande mit
DAS SPIEGELBUCII. 185
ihr vereinigt waren zwei alte Drucke, die Älfhnn Hermanns von Sacli-
senheira von 1512 und Aurea bulla Caroli IV von 1477; die Hand-
schrift machte den Anfang.
Über T ist außer der bei Aufseß gegebenen Beschreibung zu sa-
gen, daß ihr Äußeres der verwilderten Überlieferung und Orthographie
vollkommen würdig ist. Sie hat weder Bilder noch Raum für solche,
dafür miniierte Überschriften. Dem Spiegelbuch voraus geht von
Bl. 1 bis IS"" das Buch de arte moriendi magistri Mathei de Cracovia;
noch auf Bl. 13'' steht die gereimte Überschrift und Inhaltsangabe des
Spiegelbuches.
Auf Grund dieser Handschriften einen kritischen Text zu lie-
fern, war weder der Mühe wcrth, noch bei dem Mangel metrischer
Norm auch nur möglich. Ich stelle beide Texte neben einander und
überlasse dem Leser, aus dem jüngeren und im Ganzen so viel schlech-
teren das Taugliche herauszufinden. An der Schreibung habe ich nichts
Charakteristisches geändert, nur ■ — um mich beim Abschreiben zu er-
leichtera — die regellosen y dm'ch i ersetzt und j neben i, sowie v
neben u nach unserem jetzigen Gebrauch angewendet.
DAKMSTÄDT im Januar 1871. M. RIEGER.
H T
I. .
Sündiger mentsclic, als ich dicli finde
an dime ende,
also urteil ich dich gar behende :
darnach du hast getan
miistu dinen Ion han. \ ■.
fare hin zu der hellen und blip da
ewicklich, 5 Belib ewiklichen da du bist, [1*
wann kein erlosunge da ist sicherlich. wan in der hellen kein Verlosung nit ist.
du hast din leben nit gebeßert, du hast den leben nit gebessert,
des mustu ewigklich werden gelestert. dar umbmustuewenklichen singelestert ;
du hast stunde und zit wol gehabet, dan stund und zit gieng der nit ab,
viel jare und auch mangen tag, 10 die du hast gehait vill jar und manchen
dach,
das du mochtest haben ewig leben: das du wul muchtes verdenet hain ewc
leben :
aber es was dir nit eben. aber es was dir nit eben,
der predigen vnd guten lere echt du der predegaten achtes du nit vill,
nit vil,
sie waren dir ungeueme ane ziel: die waren dir gelich einem kinde speill:
du wolte [16''] darnach nit leben, 15
GERMANIA, Neue Reibe IV. (XVI.) Jahrg. 13
186
M. RIEGER
H
des mustu von mir ewicklich streben.
ruwe und bicht umbe din sunde,
darzu hett du kleine minne.
ich han dich dicke gemanet sere,
aber es was dir alles eine mere.
nu wil ich dich bevelhen den tuflFeln in
der hellen,
die werden nu sin dine gesellen;
den mustu nu volgen fürbaß me,
daz du wirdest schrien ach und we
und die tufelsche Gesiecht ewiglich an-
sehen :
da von wirt dir sunderllch we geschehen.
mins lustlichen gesiebtes mustu ewick-
lich enberen,
du tuhest es node oder geren.
der wonsamlicheu süßen lustlichen freu-
den,
von der mustu imber sin gescheiden 30
und darzu pin und martel liden
nu woltestu gern ruwen han
und auch die sunde lan :
nu ist es versumet gar, 35
wan ich wil din nimmer genemen war.
Ach du ungetruwes weltliches leben,
du hast mich in den ewigen dot ge-
geben.
waß hilffet alle freude die ich ie gewan,
so ich sie nu muß lan? 40
pin und martel ist mir bei'eit
und darzu ein ewiges hertzeleit.
min gewißen ist mich ewiglich nagen
und wirt auch alzit sagen
diu pin uimmct kein cude, 45
das macheut din großen sunde'.
owe wie han ich die edel zit verloren,
in der ich wol hette ewige freude uß
erkoren !
owe hie ist kein Zuversicht nummer me,
wie ist das so ein bitter we ! 50
ruen und bichten umb din sund,
dar zo hattz du wenich mind.
ich hain dich dick gemanet serre,
aber es was dir als ein merr.
nu will ich dich den duvelen befeien in
der hellen,
de suUent nu sin din gesellen;
den must du nu volgen vor bas me,
des must du schrien ach und we
und must de dufelische gesiebt ewechen
ain gesen:
darvaiu wurtdir sunderlich we gescheen.
mines lustichen angesichts must du en-
berreu,
du dost es node ader gern.
ach der wausamlichen lustich freuden!
van den must du immer werden 'geschei-
den
und darzo pin und martel liden,
das magst du nit wul vermiden.
dan wuldes du gern ruen hain
und de sund vorbas me lain:
nein is ist aber versumet gar,
dan ich nim dein nit me war.
He leit der sunder in der hellen und die
dufel pinigen in und er spricht also zo
der Welt.
Ach ungetruwes weltelichs lieben, [l'']
we hast du mich so gar in ewegen dot
geben !
was hilft mich nu all fi-eud die ich e
gewan,
so ich si muß nu ewenclichen lain?
groiß martel undpin ismir ewechbereidt
und dar zo grosses hertzen leidt.
mein wonuugk wirt mich ewichen sagen
und dach vur dach mich nachen
dein pin nirabt kein end,
das machend deine gros sund.
0 we we hain ich de edel zit so gar ver-
loren,
in der ich wul hett eweches lieben attst'r-
koreu !
0 we hie ist kein zoversicht nimmer me,
we ist das so gar ein bitter we !
DAS spiegelbuch.
187
H
owe daz ich ie geboren wai-t :
wie ist die pin so bitter und so hart!
mochte ein hoffenunge hie gesin,
das ich mochte engeen dißer großen pin,
wie lange doch die hoffenunge were, 55
das were mir ein gute mere;
oder mocht ich doch ersterben!
nein ich muß ewiglich [16"] leben
und nit dester miuner pine han:
das machet mir einen bossenargewan. 60
owe ache jammer und gi'oße hcrtzeleit,
wie bistu mir so vollenkommenlich be-
reit!
verflucht si nu vatter muttcr und dot,
daz sijrcchen ich werlich ane allen spott.
owe ir tuffel, woUent ir diesse pin immer
mit mir andriben, 65
wie wirt eich dan meren min großes
liden !
owe das Ich nit ein viehe bin worden,
60 hette ich diesse pin mit suuden nie
erworben.
*j We alle mentschen, hutent uch vor
diesser großen pin, [15"]
in der wir hie ewiglich mußen sin. 70
ach du betrogen falsche freude und lost
diesser weit,
wie gibestu ein so snodes klcgeliches
gezelt !
*) Ja das bin ich auch wol gewar worden,
ich weite mich nie dar vor besorgen;
ich sprach auch allezit, ich wolte mich
beßem morn: 75
des bin ich leider blieben da forn.
owe das ich c geboren ward:
WC ist disse pin so gar bitter hart!
mocht doch ein hoffenung ummer he sin,
das ich engein mocht disser groser pin,
we lang doch de hoffenung werrc,
das were mir ein gode merre;
ader mocht ich ummer ersterben !
nein ich moiß ewanchlichen lieben
und desto minder nit pein haben :
das macht mir einen boissen won.
owe jamer und hertzleid,
we bist du mir so gar voUenklichen be-
reit!
verflocht si vater moder und got,
das sprechen warlich ich on allen spot.
Der verdampten in der hellen spr
einer all so.
Owe nu hoden uch vor diser gros.
piin, [3"]
in der wir ewauclichen müssen siiu.
ach du velsch freud diser weit,
we loues du so gar mit bösem gcld !
Aber nu spncht ein ander all so vort
ja des sin ich wuil gewar worden,
ich wold mich ne besorgen 5
ich sprach als der raff 'morn morn': *J
als so bin ich nu leider verloren.
**) Ach laßent den athem bi uch bli-
ben, [15% 13]
wann sie kerent sich nit an diß große
Mden;
*) Gegenüber auf 14**
**) Gegenüber: amjma.
anyma.
Dis herna spricht ein ander also.
ach nu laint den athem in uch beliben,
wan sie keren sich nit an dis groß
liden ;
*) Vgl. Wackernagel Vocesvar. animant.'lG.
13*
581
M. RIEGEE
H
wann sie meinent lange leben
und wollent sieh darnach gotte ergeben, 80
als wir auch in dem leben haben getan:
des mußen wir ewiglich pin und liden
han.
[wie selig ist der der tzuhant von sunden
wichet
so die sunde in ine slichet !]
*) Laßent uwer warnen sin, [15*, 9]
wann ir sint nach gar viel min.
sie habent großen lost nach dieser
weit, 85
des mußen ir noch gar vil under min
gezelt.
**) Aane allen zwifel got ist barmhertzig
gnugk, [15% 21]
er ist aber gerecht auch zu aller stunt.
er kan auch wol ein wilche ewigen:
die straffunge der sunden wil er doch
nit miden. 90
aber es nemment dieser rede gar wenig
war, [15*']
darumbe komment irviel in unser schar.
da werden wir auch singen glich 95
das wir scheiden sin von dem ewigen
rieh.
sie willend noch langer leben
und sich dan got ergeben,
als auch wir hain gedain:
dar umb müssen wir ewich piin hain.
Der dufell spricht nu zo dem verdamten
in der hellen.
Lasen nu ur murmeren siin,
urer ist noch gar vil min.
de da lusten dieser weit,
erer moiß nach vil under mein gezelt.
Ja on allen zwivel got ist barmher-
chich genug,
er ist auch gerecht zo fugh.
er kan wuil ein wiil schwien,
aber die strafFung der sunden mach er
nit vermiden.
saellich ist der van sunden wichet,
so die sund nit in iin schlichet.
aber ir nemmen disser red gar wenich
war,
dar umb kommen urer also vil under un-
ser schar,
da werden wir singen all gelich
das wir siin geschiden vain dem he-
melrich.
n.
***) Ich lesse und wieder lesse alle
schrifft [ir]
und finde nicht das böser giiFt ist,
Hie prediget ein lerer dem sundigen men-
schen und spricht all so.
Liß und weder liß alle geschriflft, [S^]
so vindes du kein böser vergifft.
*J Gegenüber diabulus.
**) Gegenüber: anyma.
***) Gegenüber auf 10'' : Monyciis facit sermonem
Populus,
DAS SPIEGELBUCH.
189
H
dan das der mentscbe blibct in dem
leben,
dar inne er nit begeret zu sterben. 100
wann nicht sicherst ist dan der doit
und nit unsichers ist wan die stunde si-
ner nott.
wann auch unser kranckes üppiges leben
ist nit anders dan stedc zu dem tode
streben.
dem mentschen ist sin ende nit bekant, 105
gelich wol wirt er von hinnen gesant.
wann als die vische mit dem harnen
werdent unvorsiechtlichen gefangen
und auch die vogelin mit dem garn,
also werden wir auch von hinnen
faren. 110
wann glich als der diep suchet in den
stal,
also kommet der doit auch über uns all.
den sollen wir stedicklich in unserm ge-
dechtuiß han,
wan ime niemant engeet, es si frauwe
oder man.
und darumbe kein artzeni noch kein
lere 115
überwindet die sunde also sere
noch verleschet hie böse wollust uff
erden ,
als die bedrachtunge des eilenden sterben.
die äugen werden sich verkeren
und das liden wirt sich auch in uns
meren, 120
lip und sele werdent sich von einander
scheiden
mit großer pin und nit mit freuden
und auch mit mangem bittern stoß :
daz wirt zulest sin unßer loße.
dan daz der mensch blibet in einem
lieben,
da er nit begert in zo sterben,
wan nust sichers ist dan der tod
und nust unsichers dan de ziit siner
noit.
unsers kranckes oppeges leben
ist nust anders dan zo dem tod streben.
wan dem menschen istsinendnitbekant,
glich wul wurt er hinnen gesaut.
so gelich als der fisch mit dem hamen
werden wir onversichtlich gefangen,
und we de fogel mit dem garn,
also müssen wir all vain hinnen farren.
und gelich als der deiff schlichet in den
stal,
also komt der tod über uns all.
den sullen wir stetlich in unserm
hertzen han,
wan im nemen engeit weder frawe noch
man.
darumb kein artzenni noch lerr
überwindet de sund also ferr
noch verlestiget die wullost he off erden,
als betrachtung des eilenden Sterbens.
die äugen werden sich verkeren,
das liden wurt sich in uns meren,
leib und seel werden sich von einander
schiden
nit mit groisser freuden,
sundern mit mangen harten bitteren
stoß:
das wurt zum lesten sin unser loß.
*) Kere, liebes kint, diu begirde noch
zu mir, flOl 125
*) Gegenüber auf 9*^ :
Dommus in wolckeii
fjrgo speculum di/gabulus
He lert got der herr den sunder un
spiHcht allso.
suuder, ker dein begerd noch zo mir,
[2% 15]
jyo
M. RIEGER
H
din sundc wil ich gutlich vergeben dir,
waun du wirst gar kurtzlich sterben
und hüte dich, das du it ewiglich wer-
dest verderben,
uit habe lost in diesen zergencklichen
dingen,
die du must laßen und darnach nimmer
me enpfinden. 130
was hilfFet dich nu ein kurtze freude,
wann darnach kommet gar ein bitter
weide ?
Ach solte ich nu nit frolich sin?
min hertz weiß doch von keiner pin.
0 du junger lip und du hoher mut, 135
ich laß dich nit umbe das himmelrich
gut.
springen und dantzen eal dir nit sin
verseit,
wann du bist auch allezit wol darzu
bereit ;
darumbe saltu in lost und in freuden
leben,
es komme dir joch wol oder uneben. 140
Beschauwe dich binden forn und neben,
das du der weit gefallest eben,
wun sie hat viel lostes allezit nach dir.
dar umbe komme und wone bi ir,
so wiidestu auch in freuden streben, 145
wann sie wirt gar lustlich mit dir leben.
pit habe ein missentruwen an dem
herren :
er wirt dich doch zuleste bekeren.
er ist auch barmhertzig also sere,
das laße dir sin ein gute mere. 150
also wirdestu doch vor dim ende beke-
ren dich [10^]
und darnach auch kommen in das ewige
rieh.
din sund wil ich vergeben dir,
wan du wurst kurtzellichen sterben,
das du nit ewanchklichen werdest ver-
derben,
nit hab lust in desen vergengklichen
dingen,
de du dar na must lasen und nit finden.
was hilffet nu ein kurtz freud,
wan dar na kumbt ein kald weid?
Nu antsert der sunder und sjyi^icht.
Ach sold ich nit frolich sin,
60 mein hertz weis doch van keiner
pin?
0 junger liib und hoer moid,
ich lasen dich nit durch das hemelch
gilt.
springen und dantzen sal dir nit sein
versacht,
wann du haist an ein schönes kleit :
dar umb salt du in freuden und wuUost
leben,
es kom dir obel ader eben.
Dis rattet der dufel dem sunder.
Beschwau dich binden vor und neben,
das du der weit gefallest eben,
wan si halt vil lost na dir.
dar umb salt du kommen zo ir.
so wirst du in freuden leben
und si gar lustich vor dir sweben.
uit hab einen mistrwe an dem herren:
dan er wirt dich doch zo lest bekeren.
er ist barmherchich al so serr,
das laß dir sin ein gode merr,
also wirs du bekeren dich
und dar na kommen in das hemelrich.
Wolteslu mir min leben auch also balde
abebrechen, [11'']
DAS SPIEQELBUCH.
191
H
ich woltü dich ee mit cim awert erste-
chen,
fluch balde von mir enweg, 155
anders ich werffe dich in den dreck,
hilff got, wie bistuso recht ungeschaffen!
ich wolte lieber wouncn bi den äffen,
dan ich solte woüeu bi dir:
daruuibe so gang balde von mir. 160
*) Ich sage dir, du enkanst mir nit also
engeen, [12°]
wann ich und du mußen auch bi einan-
der steen,
und ich bin es der doit:
hüte auch dich, ez dut dir not
und beßer fürbaß din leben, 165
wann du wirdest kurtzlich sterben,
aber du meinst, du sist noch juuk,
dai'umbe habest du noch zit genung.
zu dirre zit wiltu mich nit bekennen;
dan zulest wirstu mich wole befinden. 170
so werden ich dir din glidder uß einan-
der strecken
und werden ir eins von dem andern
herwecken.
o waz pin wenest das auch da werde sin,
da du alle ding auch must laßen sin,
mit den du auch so viel lostes hast ge-
habt 175
viel zit vnd auch viel mangen tag,
und must allein geen in ein fremdes
land,
das dir gar wenig ist bekant.
wer diesse itelkeit dirre zit recht ane sehe,
der verwurffe die Üppigkeit dirre weit
dester ee. 180
sage mir, wa sint nu die liephaber dies-
ser weit?
wa ist ir freude und ir groß gelt?
waß notzet ine uu ir üppige ere und ge-
walt ?
Dia hema spricht nu der toldt also.
wul recht bin ich der grimich tod;
hut dich, es deit dir not. [4*]
keuttcs du mich, villicht huttes du dich
und bessert dein lieben
ee dan du werdest sterben,
aber du meinst du sist noch junck
und habest noch ziit genug.
du wilt mich nit erkennen:
zo lest wirst du mich wul finden,
wan ich dir diin geleder uisser nander
strecken
und eins van dem anderen erwecken.
so du all ding must lasen ligen,
0 waß pin must du dun liden,
mit dem du vil lost hast gehait
vill jarr und mangen dach,
und must allein faren in ein frimdes
lant,
das dir ist gar onbekant.
wer den adel disser weit nit an siit he,
der verAverff sine oppecheit desto ee.
nu sach mir, wo sint die liebhaber dis-
ser weit?
wo ist ir groiß freud und auch ir gelt?
was nutzet in nu ir Üppigkeit und ir
gevvalt?
*) Georenüher auf 11*' :
fW'O'^' mors.
192
M. RIEGER
H
siehe wie suberlich sie nu sint gestalt.
wa ist nu ir richtum und ir freude? 185
wie sitzen sie du so in großem leide!
wol bin ich es der doit genant,
wan ich werden ine auch wolbekant.
aber ein deil meinent ich enkonde nit aber erer ein deil meinent ich kun nit
zo in komen,
bis das ich si werd grifen mit dem
gummeu :
so erkennen si dan mich,
sich, we sint se nu so soberlich gestalt.
wo ist ir eer und ir richtum und err
groiß freude?
we sitzen se nu so gar in großem leid !
wul bin ich der tod genant,
wau ich wert in allen wul bekant.
zu ine kommen,
biß ich sie begriffe bi dem gommen:
[12^] 190
so werden sie dan bekennen mich,
wann ich so recht grimmlich in sie slich. wan ich grimmenchlich in se schlich.
*) Sehent an mich alle herschafft und
weltliche schone: [13"]
ich bin auch herlichen gesessen in mi-
nem throne
und lige nu hie in diessem grabe, das ist
min lone. 195
Nun 18 der sunder unversiclitUck gestor-
ben und Uit in der hellen und sj)richt.
Ich was herlich gesessen in minem
thron: [2'']
nu bin ich in dem grab, das ist min
Ion.
owe ich bin in minem sale zierlichen ge- in minem sal bin ich herlich gesessen :
sessen :
uu ßtinck ich und hant min frunde min nu stincken ich und hat man miuer gar
gar vergeßen.
ach in minem huse wart ich gespiset
wol:
nu freßent mich die worme in diesem
phule.
sehent wie suberlich binich gestalt! 200
ich waß jung und bin worden alt :
hette ich ein spiegel, ich muste mich be-
sehen ;
so wurdent ir mit alle bekennen vnd
verjehen,
es ist uch nu wol offenbar
und als auch bewiset min schönes
har, 205
auch dartzu min lieplichen augcn,
die mag man auch wol gerne schauwen.
vergessen.
in minem huiß wart ich gespiset wuil:
nu fressen mich de worm he in desem
poll.
seend we bin ich so suberlich gestalt!
ich was junck und bin worden alt :
het ich einen spegel, ich must mich be-
segen 5
so werd ir mir all helffcu ja jehen.
es ist auch wuil offenbarr,
als dan bewiset mein harr
und dar zo min löbliche äugen,
die mach man ain mir wuil schau-
wen.
ich han auch gar einen suberlicherj ich haiu "och gar einen suberlichcn
munt, mont,
das si allen mentschen kunt. das ist uch allen gar wuil kout.
*) Gegenüber auf 12'' ;
ie est mortuus,
DAS SPIEGEL BUCH.
193
H
eelient an mine beckelin wie suber-
lich, 210
und gar schone sint sie und auch lu-
stiglilich.
ach min nase ist mix* abgefallen,
darumbe so getar ich mit me woll
kallen;
doch der zene han ich ein michel teil,
das machet mich etlicher maßen
geil. 215
ach wolten ir auch lachen mit mir,
das were wol ein lustliches spiel-
nu nement min eben war:
ir komment auch alle in unser schar,
ir mußeut mir alle werden gelich : 220
darumbe sehent und gedeuckent an
mich. [13'']
aber mine redegeet uch nit zu hertzen :
des mußent ir zulestc liden großen
smerzen,
80 ir auch mußent werden als ich ;
80 wcrdent ir dan gedenckeu an mich. 225
seend ain min schone becklin,
we hübsch und we fiin.
ach min nase ist mir abgefallen,
dar umb kan ich nit me kallen ;
doch der zenn hain ich noch ein mich-
tell,
das mecht mich etlicher masen geil.
ach wuld ir lachen mit mir,
das werr mir ein lustich speill.
uemen min eben war:
ir werden kommen all an dese scharr.
ir mussent werden mir gelich :
dar umb gedenchen stetz an mich.
aber min redt geet uch nust zo hertzen :
dar umb werden ir zolest mit mir liden,
wan ir werden als ich,
so gedeucken dan ain mich.
Merck cnt und gedeuckent auch allemen-
sehen gemein, [14"]
das hie ligent gebein groß und klein,
wer kan nu hie gemerken recht,
wa si man frauwe ritter oder knecht?
nu hat sich hie zulegen recht 230
der riebe bi dem armen, der heiTe bi
dem knecht.
herumbe so nement alle war
das wir alle kommen in die erde gar,
und überhebe sich niemans sins adels
oder gewalt,
sins richtums oder siner schonen ge-
stalt, 235
wann wir mußent alle werden glich,
so wir scheiden von diesem irdenschen
rieh,
wann wir sin glich in sunden enpfangen
und sin von muter libe glich uackent
ußgangen,
also mußen wir glich nackent scheiden
von hinnen: 240
Hie liend gebein groß und klein : [4'']
wer kan da gemirken recht,
welcher si da herr ader knecht?
hie halt zo lien recht
der herr bi dem knecht.
dar umb nement al war
daz wir komen in de erd gar,
und ubberhebbe sich nemand sichnea
richs noch adels gewalt,
richtums noch schonen gestalt,
wan wir müssen al gelich
scheiden vain dissem ertrich.
als wir sin nackent entpfangen
und vain moder liib gangen,
also müssen wir auch nackent scheiden
vain binden :
194
M. RIEGEK
H
so wirt einer den andern in dem kerner
finden,
da schau we einer auch den andern an,
welche da si die schönste frauwe oder
man
oder welcher da si der edelst oder riebe
under ine,
der sal da haben guten gewin; 245
welcher auch si der geweitigst an siner
gewalt
der tred hervor, er si jung oder alt.
ach wie ist es so ein kranckes ding umbe
unser leben,
so wir doch müssen also ungestalt werden !
ach wie sin wir so rechte blint, 250
das wir nit ansehen ein solich gruselich
ding,
daz ie eins nach dem andern hinnen
slichet
und ie eins zu dem andeni in den ker-
ner wichet!
nu buwe auch jederman uff diesse weit
und sehe au ir suberliches schönes ge-
zelt: [14^^] 255
der kerner ist es genant,
dar iune eo kummestu gar zuhant*).
est 'plenum.
so wurt dan einer den äderen im kerner
finden,
da sie einer den anderen ain,
welcher da sie ein edelman
und der richtest vain in
und auch der wüst da si;
der geweitigest mit siner gewalt
der ge er für er si Jungk ader alt.
ach we ist es so ein kranck dingk umb
unser leben,
daß wir all so ougestalt müssen werden !
owe wie sin wir so recht blint,
das wir nit ain geseen so graussem
dingk,
daß einer na dem andern hin schlicht^
und einer na dem anderen hin in den
kevner wicht!
nu buwe ederman off disse weit [5"]
und sie ain ir scboneß gezelt:
der kerner ist es genant,
dar in kumbs du auch zo hant.
deß machstu dich wul evfrauwen
und dich gar eben beschauen.
•) Folgendes ist die Lesart dieser Rede im jüngeren Todtentanze nach
Druck A: Merckent unnd gedenckent ir menschen gemein, Hie ligent gebein grosz
unnd dein. Wellichs sin man frawe ritter oder knecht? Hie hat sich zu ligen ieder-
man recht, Der arme bi dem riehen, Der knecht bi dem herren. Und dm-ffent sich
nit vil darumb eren, wellichs si undeu oder oben an : Es ist eins glich als das ander
gethan. Herumb so nement alle eben war, "Wir muszen alle sampt in die erde gar,
und überhebe sich niemaut sins adels oder gewalt, Sins richthums oder siner scho-
nen gestalt. Wan wir muszen alle werden disen glich, So wir scheiden von disem
ertrich. Wan wii' sint in sunden entfangen Und von muterlibe uacket usz gangen.
Also muszen wir scheiden nackt von hinnen; so wirt einer den andern in dem kerner
finden. So scliawe dan eines das ander an, Wellichs si das schönste under ine ge-
than, Oder welcher da si der edelst oder riehst under in (gethan bis in fehlt in B), der
sei da haben gut gewin. Welcher och si der geweitigst an sinen gewalt. Der tred
her für, er si junck oder alt. Ach wie ist es so gar ein kranck ding umb unser leben,
Das wir doch muszen so ungestalt werden. Ach wie sin wir so rechte blindt , Das wir
nit ansehen ein sollich gruszlich ding, Das ie eins nach dem andern schlychet (B hin-
nen schlichet) Und ie eins nach (B zu) dem andern in dem kerner wichet. Nu buwe
J
DAS SPIEGELBUCH. 195
m.
Da ißest und trinckcst nach dinem
lost, [Ifi'', 14] 260
gib dem annen Lazai-o auch von diner
kost:
anders dir wirt versaget nach diessem
leben,
hettestu hie almussen geben,
es queme dir dort gar eben,
der arme lit dir vor dinen äugen, 2G5
wiltii, du mähst ine wol schanwen;
wiltii aber sin also gar vergessen,
60 wirt man dir des glichen auch meßen.
*) Min gut ist mir also wert,
ich gebe es nit dem der es gert. 270
ich wil allein ein herre dar über sin,
wann es gehöret mir zu und ist min.
ich wil lost und fi-eude da mit voUcn-
bringen
und ßolten die armen ein gantz jaro
schrien und singen.
wer gut hait der ist wert 275
und gut man ime waz er begert.
**) Deile din brosamen mit mir, [17"]
wann ich hau darzu ein große begir.
ich beger nit großes gutes von dir:
ein wenig magestu wol geben mir. 280
nim war, die hunde leckent mir mia
wunden :
darumbe saltu mir billich din almusen
gunnen.
ich und du sin geschaffen glich
und sollen kommen in ein rieh,
von dem almussen eupfehstu großen
Ion, 285
in himmel die ewige kröne:
dai-an soltestu billich gedencken
auch ein iedermann uff dise werlt Und sohe an ir suberlichs unnd schnödes gezclt.
Der kerner ist es genant, Dar in so kernen wir gar tzu haut. Got wolle das wk also
dar in komen, Das es kome unsern seien tzu fromen.
*) Daneben Kaum für ein Bild.
**) Vorher Raum für ein Bild-
196 M. RIEGER
II
und diu äugen nit also vonmirweucken.
*) Vatter Abraham, erbarme dich über
mich [17"]
und sende Lazarom herabe von dime
riebe, 290
das er mit waßer erqwicke min zunge,
wann sie brennet mich sere in minem
gummen.
minen lost essen drincken und klaffen
wolt ich nit laßen
daheime in gaßen und uff den straßen,
darzu was min zunge nit dure: 295
darumbe wirt sie gepiniget mit dem
heischen füre.
**) Min sone gedencke du hast lost und
freude gehabt in dem leben diu [17", 9].
undLazaro hat dabi gehabt groß martel
und pin:
nu sal vorbaß Lazarus in freuden leben
und du in der hellen kleben. 300
du woltest dich nit über ine erbarmen,
das wirstu wol fürbaß erarnen.
ein ruffen zu dir neme du nit war:
nu vergißest mann diu gantz und gar
du künde ime auch gar wol versagen: 305
nu leßet man dich schrien und klagen
und ein droppfelin versagen.
Hie liit der riche mann in der hellen be-
graben,
der mit großem gut wolt verzagen.
er enhat kein acht uff di armen 310
und wolt sich nit über sie erbarmen,
umbe zitlich gut ist er hie geeret worden :
wir wollen ine leren einen andern orden.
wir wollen in grinen und zäunen ann,
wann er ist nu voibaß unßer man. 315
wo ist nu sin ere sin gut sin hoher mut?
hette er wol getann daz were ime gut.
*) Darunter Raum für ein Bild, am Rande aput sijh'u
**) Daneben Raum für ein Bild.
DAS SPIEGELBUCn.
197
H
IV.
We veer gesellen zo rait worden vnd mein-
ten er er ein deil zo gein in einen geistlih
chen Orden und sprach einer underin also.
We sulden wir unser lieben ain phaen
[5^ 7]
daz wir got dem herren auch mögen
bchaen
320 und also erwerben ewich lieben
und nit in sunden sterben?
wau eß ist zitdazwir abstene van sunden
e dan der tod mit unß werd ringen,
wan wir doch vain binden scheiden müs-
sen:
325 teten wir wuil, wir mochtens genissen.
dan daz lieben und der tod werden uns
vor geleicht:
welches wir ain tuin, daz ist unser ckleit.
lerten wir recht tuin, daz wer uns noit,
wan der loin der sunden is der ewiger
toid.
Nit habent liep die weit und daz in ir
ist, [1"] 330
wann sie gibt gar bösen Ion zu lest,
die weit muß gar und gautz vergan,
wann ire bosser lost mag mit nichte
bestan,
wann sie valsche und auch betrogen ist
allezit,
wann kein wäre minne noch truwe an
ir lit. 335
sie bewiset sich fruntlich dir allewegen
so lange du ir lost magest gegeben:
wann aber du der weit nit me lustlich
bist,
so leßet sie dich als den unreinen mist.
alle die wile sie din genießen mag, 840
so bistu ir liep alzit nacht und dag:
aber wann sie din nit genüßet me,
so fraget sie nach dir als nach dem snee.
Disser red loart einer heillicher munick
gewar und girig zo dem gesellen und sprach.
Nit hab lieb de weit und waz in ir ist,
dan si gibt gar boseu loin zo lest,
die weit muß gantz und gar vergein,
dan ir böser lost mach nit lang me stain.
[5")
sie ist falsch und bedrogelieh all ziit,
wan kein warheit ain ir liit.
sie wiset sich gar suberlich gegen dir
all wegen
so lang als du ir magst lost geben:
wan du ir aber nit me lustich bist,
so laist se dich als einen onreinen mist.
alle die weill du or gefallen magst,
so geleist si dir nacht und dach :
ader so bald als se din nit gcnuset me,
so fraget si na dir als na dem alden
sehne.
198
M. RIEGER
H
bistu jung und suberlich, sobistuirwert,
wirdestu alt und ungestalt, zuhant sie
din nit begert. 345
nu mercke der weit druwe gar eben
imd auch welchen Ion sie dir wirt geben,
wann du von hinnen wirdest scheiden,
so wirt sie din nit me beiden,
dann so wirt sie fliehen verre von dir 350
und suchet anderswo ir böse begir,
und also verlusest du die weit
und darzu das himraelsche gezelte.
und darumbe kere dich von ir zu got,
dafindcstu wäre trüweane allen spott.355
da kanstu nit betrogen werden
und scheidest auch darzu frolich von
diesser erden.
bis du Jungk und suberlich, so bis du
ir werdt ;
wurstu alt und ongestalt, dan si din
nit me begert.
nu merck der weit truwe gar eben,
welchen loin si dir werd geben,
wan du van binden most scheiden,
so wurt si dan din nit me beiden,
sunder se finget ferr van dir
und sugcht anders wo begerr.
also verluses du die weit
und dar zo daz himmelisch gezelt.
dar umb so kerr dich van ir zo got,
da vindes duwarr truwe sunder alle spot.
da kanst du nit betrogen werden
und scheidest auch frolich van disser
erden.
Solde ich miuen eigen lip ane drostunge
laßen also hingan, [1'']
wie mocht ichdanindenkreflftenbestan?
so wolt ich als mer frolich sterben 360
und auch scheiden von diesser erden,
wann solt ich nit cßen und drincken
nach miuem lost,
warzu were dan die spise geschaffen
und die kost?
ich mag mich auch wol suberlichen
kleiden,
wann ich enmag nit enberen zimlicher
freiden. 365
darumbe laß es bi eim siechten bliben,
anders du wirdest mich von dir ver-
triben;
wann der lip muß etlicher maßen in
freuden leben,
anders er müste gar vil dester ee ster-
ben *).
Nu antwart der sunder und spricht also.
Solt ich minen liib on kost also hin
lasen gain,
we mucht ich daz an kreffen bestain?
so moicht ich also mer frolich ster-
ben (6"^)
und scheiden vain deser erden,
sold ich nit essen und triucken und ha-
ben lost,
warzuwerrdan die spiiß und auch dif
kost?
ich magh mich auch wul suberlich klei-
den,
wan ich mach nit enberren sulcher freu-
den ;
dar vmb laist uns bi einem schlechten
leven bliven,
ader ir werd mich van uch triben.
*) Hier wie auf der Rückseite jedes folgenden Blattes ist Raum für ein Bild
gelassen mit der Vorzeichnung j und m, d, i. juvenis und monaehus.
DAS SPIEGELBUCH.
199
H
Es ist ein wonder daz dir nit ist zu sa-
gen, [2''] 370
das du als balde an minen werten wilt
verzagen,
nim eben war was ich dir wil sagen,
Bo wirdestu nit also über mich klagen,
du Salt nit vil achten uf dinen lip,
wann er blibct nit suberlich allezit. 375
der mentsche wehßet her vor als daz
greselin,
aber wann es vellet, so verluret es sinen
schin.
also grünet der mentsche in einem
leben:
gclich wol wirt er ungestalt und muß
dartzu sterben,
wie suberlich er dann gestalt wirt, 380
das bewiset sich wole no er gestirbet;
wann er ist von eschen worden und von
erden,
darzu muß er auch zu leste werden,
es si ime liep oder gar leit,
wann er treit an ein dotlicheskleit. 385
ein unreiner lip ist es genant,
der uns auch allen ist wole bekant.
von ußen ist er wol geformeret,
Von innen ist er nit gar wol gezieret.
gedcchten wir ime flißiglichennach, 390
nach sinen freuden were uns nit sogach,
und lernten uns selber bekennen,
so füren wir dester sicherer von hinnen.
darumbe sollen wir unser leben von ime
keren,
so werden sich geistlich freuden in uns
meren. 395
so werden wir dan gedencken nach him-
melschen dingen: [2*']
da wurden wir wäre lost und freude be
finden,
wann diesser lost und freude
ist gemischet mit bitterkeit
und des sint ir auch viel geware wor-
den, 400
Aber leret der munch den sunder und
spricht.
Es is ein wunderdiugk daz dir nit is zu
sagen,
das du also bald van minen worten wilt
verzagen,
nim eben warr waz ich dir wil sagen,
so wurs du nit also ober mich clagen.
nit acht vil ob din üb,
wan er blib nit frolich all ziit.
ein mensch wüst we ein gresselin
aber wan es feit, so verlurd es einen
schin.
also grawet der mensch na einem lie-
ben;
gelich so bald wird er ongestalt und
moiß sterben,
wie suberlich er gestalt wurt,
das bewiset sich wuil wan er gestirbt:
wan er ist van eschen worden und van
erden,
dar zo moiß er Eom lesten werden,
es si im lieb ader leid,
wan er dreit an ein gar suntlich und
totlichs kleit.
ein ouriner korper is ez genant,
der ist uns allen wul bekant.
uiß wennich is er wul formeret, ]6''j
inwendig is er nit wul gezeret.
bedechteu wir dem eben nach,
na sinen freuden wer uns nit so gach,
und lerten uns selbs bekennen,
so faren wir deßto sicher van binden,
dar umb sulden wir unser leben van im
kerren,
60 werden sich in uns geistelich freuden
in uns meren
und werden dar na gedencken na hem-
melischen dingen,
da wir waren lost verdenen und freude
finden,
wan disser lost und freud
ist gemischt mit bitterheit,
deß irer vil gawar worden, '
200
M. RIEGER
H
die do sint gewest in demselben suntli-
chen Orden.
Ich enmag die weit nit also versmahen,
wann ich muß mich zu ir nahen,
und solte ich alsoane allen drostbliben,
wie mocht ich das imerme angetriben?
405
die weit ist auch gewortzelt in mir,
darumbe han ich zu ir lost und begeir
und hoflF, es solle mich nit scheiden von
gotte,
noch duwe nit freuenlich darumbe wie-
der sin gebot,
die weit ist auch nit als ungedruwe 410
als du mir hast gesaget nu,
wann sie bewiset sich gar fruntlich gein
mir,
darumbe so wonen ich geren bi ir.
Du wilt nu nit recht mercken mich: [3"]
darumbe so muß ich baß bescheiden
dich. 415
du salt dich von der weite scheiden
als verre sie dich wil verleiden
und dich ziehen von diner seien heil
und dar zu von dinem rechten erbeteil,
dine wort sint gar frevenlich gestalt:
420
wann woltestu gern werden alt,
du bettest got vor dinen äugen,
das er dir auch nit werde drauwen
und worde dir din leben abe sniden;
das mochtestu mit nicht vermiden 425
were es nit beßer ein korze freude en-
boren
wan also vallen in gottes zoren?
er leßet dich ein kleine wile mutwillen:
wann er wil, er sal dich balde stillen
mit liden und mit bedrupniß viel. 430
dar tzu weiß er wol gar eben ein ziel,
über daz magstu ime nit engeeu,
die da sint gewest in dem suntlichen
Orden.
Ankoort der sunder tmd spricht.
Ich magch die weit nit so gar verschmä-
hen,
dan ich moiß mich zo ir nahen,
salt ich on allen troist beliben,
we mocht ich daß de lenge gedriven?
die weit ist gewurzelt in mir,
dar umb zu ir han ich lost und begir
und hoflfen, eß sult nit mich scheiden
vain got,
ader ich ton frevelich weder sin gebot.
die weit ist nit so ongetrue
alß du mir hast gesacht nu,
wan sie bewiset sich gar fruntlich gegen
mir:
dar umb wain ich gern bi ir. [7*].
Nu spricht der geistlich man also.
Du wilt nit recht mircken mich :
ich wil baß bescheiden dich.
du salt dich van der weit scheiden,
of se dich wult verleiden,
und dich zu der seien heil nahen,
dinen rechten erbteil.
dine wort sind gar fremelich gestalt :
wan du wullest gern werden alt,
hab got vor dinen äugen,
daß er dir nit wert trawen
und wurd dir din lieben abschniden ;
daz muchts du nit wol vermiden.
wereß nu nit besser ein kurtz freud ent-
porren
dan also vallen in gottes zorn?
er laist dich ein klein will modwillen
hain:
wan wain er wilt, er hilfft dir bald dar
vain
mit freuden ader mit betrubnuß vil.
dar zo weiß er sinen ziill.
deß magst nu im nit engain,
DAS SPIEGELBUCH.
201
IT
du müst imc za dem rccliten steeii.
so ruoff daii diö weit diuen frunt an
und luge auch waß sie dai-widder kan : 435
so wirdestu wol geware wie got ein
herre si,
und w'erstu noch eins so stoltz und so fri.
man hatt auch dinen glichen me be-
fuUden,
sie lagen aber zulcst des krieges unden.
daii qwemestu zu gnaden, [3''J 440
das wolt ich dir raden,
das sich der herre erbermte über dich,
das du qwemest zu imc in sin ewiges
rieh.
445
Ich wilanmichnemmenein guten willen,
do mit wil ich den zoren gottes stillen,
wann der friedde gottes wirt den ver-
luhen,
die mit guten willen habent ruwen.
wann das ertrich ist volbarmhertzigkeit
des herreu; 450
darumbe wil er sich allewegen zu uns
keren.
sin barmhertzigkeit uberdriffet alles das
da ist,
darumbe vergibt er mir min sunde zulest.
der herre ist gedultig und barmhertzig
viel, 455
darumbe gibt er mir stunde ziit und
ziel ;
er wirt uns nit ewiglich di'auwen
noch sin zoren wirt uns nit ewiglichen
schauwen.
wan du moß dem herren zum rechten
stain,
so roff dan die weit dinen goden frunt
ain
und sich waß sie dir gehelfen kan:
so wurß du wuil gewar we got ein
herr si,
und wereß du nach so stoltz und so fri.
man halt din geliehen auch me fun-
den, [V']
se lagen ader zu lest deß kregs unden.
dan quemest du zo genadeu,
daß wult ich dir raden,
also daz der herr sich ei'barmt ober
dich
und daß du moichst kommen in daz
hemmelrich,
gescheit cß nit bald, so wurß du nit be--
halden,
wan we alder e böser, ic richer e kar-
eher und archer.
Aber nu antwart der sunder und spricht.
ich wil nu an mich nemen einen goden
willen
und also godes zorn stillen,
wan der freid gottes wurd auch den
weltlichen,
die mit godem Avillen hain ruwen.
wan deß ertich ist völ barüihertzicheit
deß herren ;
darumb wilt er sich alzit zu unß keren.
sein barmhertzicheit gewis
ist ober treffen alß waz ob erden iß,
darumb vergibt er mir zu lest min sund.
der herr ist barmhertzich und gedultich
villi,
darumb gibt er mir stund und zill ; '
er wurt unß nit ewanclichen drauwen
noch sinen zorn lasen schauwen.
Du suchest aber einen bossen funt, [4"]
der ist mir altzu wolle kunt. 460
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg.
Nu straifft den sunder der geistelich.
du suchest aber einen boisen fund,
der ist mir auch wol kont»
U
202
M. RIEGER
H
du ertzelest hervor gottea barmhertzig-
keit,
die sii aucli uns alletziit bereit:
aber von der gerechtigkeit gottes und
der straffunge der sunde,
dartzu hast du nit gar vil minne,
wann da durch wurde din gewißen be-
sweret 465
und wurde din hertze da von verseret.
darumbe wiltu dir kein gewißen machen,
das du von innen und ußen mögest lachen,
und also wiltu nit von der gerechtigkeit
hören sagen,
das din gewißen dich icht werde zu faste
nagen. 470
ist dir die geschrifft an einem ende be-
haut,
laß dir si an den anderen ende auch
werden genant,
-nimmestu der barmhertzigkeit gottes
war,
so nimme sin gerechtigkeit und füre sie
auch dar.
din guten wercke volgent dir nach, 475
zu den laß dir alleziit wessen gach:
wann mit der maße da du mit hast ge-
nießen,
mit der selben wirt man auch din nit
vergeßen.
als du din glidder hast uß gestreckt zu
der boßheit,
also strecke sie auch wedder uß zu to-
gende mit hertzeleit. 480
sie sind zart und weich bereit,
die do wollent ane große arbeit
die untogende und das laster überwinden
und darzu auch togentlich werck bi ine
finden,
nein, man muß es mit arbeit auch vol-
lenbringen [4''] 485
und muß sich gar emstUch darzu zwin-
gen,
wann er were nit ein ritter genant ufF
diesser erden.
du zuchest her vor gottes barmher-
tzicheit,
die si unß allziit bereidt : [8"]
aber van der gerechticheit und strafi'ung
der sund,
dar zu haistu wenich mind,
wan dar durch wurt dein gewis be-
schweret
und din hertz ferseret.
dar umb wilt du dir einen gewissen ma-
chen,
daz du auswendich und inwendich moigß
frolich lachen,
und gern van der gerechticheit gottes
boren sagen,
daz dich din gewiß nit werd nagen.
ist dir die schriift ain eim end bekant,
so laiß si dir ain dem anderen end auch
werden genant,
nemmeß du gottes barmhertzicheit war,
so nim sin gerechticheit und furr si auch
dar.
dine gode werck volgen dir na,
zu den laiß dir auch sin gach:
wand mit der masen, dar mit du haist
gemessen,
mit der selber wurt man din nit ver-
gessen,
alß du din geleder haist gestreckt zu
boisheiit,
also sterck sie nu zu togend und her-
tzenleith.
sie gar zart sint bereit,
die da willend ondogent und arbeidund
lästert ober winden
und tochenckliche werck befinden.
nein, man muß mit arbeit daß volbringen
und sich dar zu ernstelich zwingen,
wan er wirt nit ein kemper genant off
disser erden.
DAS SPIEGELBUCH.
203
H
solte es Imme nit bitter und auch sure
werden,
wiltu in dem himmel gecfonet werden,
so mustu auch ritterlichen striden vff
dießer erden. 490
Ich han din wort Wol gemercket
und bin do durch sere gestercket.
ich wil ein gutes leben auch heben an,
das mußen sehen frauwen und man:
darumbe bidde den herren für mich, 495
das sin gnade nit von mir wiche,
doch muß ich ein ziit noch beiden,
so wil ich mich dan recht bereiden ;
wann solte ich mich der weit also balde
enbrechen,
es wurde mir gar diefl' in min hertze
stechen. 500
viel lichte wurde ich auch nit besteen
und wurde also widderhindermichgeen.
Woltestu nu dich zu clemherrenkeren,[5°]
du suchtest nit als vil fremder meren.
wiltu der heiligen geschriflft nit nemmen
war, 505
so muß ich mich von dir scheiden gantz
und gar;
wann gang glich in ein einfaltigen sinne
hin,
so geet dir die heilige geschrifft dann in.
es ist nit schedelichers in dieser ziit,
wann das der mentsche stede da oben
liit, 510
allewegen willen han gute wercke zu
voUenbringen
und wil sich doch nit ziitlich darzu
zwingen^
sunder er verlaßet es von tage zu tage:
zulest geet ime an ziit und auch an gna^
den abe.
waß hulffet dan der wille ane die
werckei 515
so es doch gott lange von ime hat be-
gert?
solt es im nit bitter und suwer wer-
den. [8']
wilt du in dem hemel gekronet werden,
so mois du ritterlich striden off disser
erden.
Der gesell antwort nie also und spricht.
ich hain dich wul gemercket
und bin dar durch gestercket.
ich wil ein godeß lieben faen ain,
daß eß segen sulden frauwe und man:
dar umb bittent got vor mich,
daß sin genad nit vain mir wich,
doch moiß ich noch ein ziit beiden,
e ich noch vain der weit werd scheiden;
dan sold ich mich also van ir abbrechen,
daß tet mir diu'ch mein hertz stecken.
villicht wurd ich nit bestain . 'i,
und wider hinder mich gain.
Aber spricht der miinch zo dem gesellen.
wuldeß du dich zu dem herren keren,
du suchest nit so vill meren.
wilt du der geschrifft nit nemen war,
so mois ich van dir scheiden gar ; ■■
wid gain weder uns wech hiin,
so gait dir die schrifft velicht in.
eß ist nust schettelichers in der ziit,
dan der mensche vain goden werken
biibt, ,
die alle ziit gode werck hain willen
voUenbringen
und sich nit zitlich dar zo zwingen, [9"]
und verzugest also van dach zo dach :
zo lest geit im an der ziit und genad
äff.
waß hilfft dir dan der will ane werck,
so eß got hait lang vain dir begert?
14*
204 M. EIEGER
H T
d«r unfruchtber bäum ist nit gar ture, der onfruchtber bäume ist nit zo mall
dürre
wann er wirt zubaut geworffen in ein und wurt docb zuhaut gewurffen in ein
füre. furre :
also ist es aucb umbe din suntlicbes also isseß auch umb din suntlichß be-
leben, ben,
besserstu dich nit, du wirdst dem fuwer besserß du dich nit, so vrurß du dem
gegeben. 520 furr geben.
dir wirdt vor geleit daß wasser und der dir wurt vor gelaicht das wasser und
brandt: der brant:
welches du wilt, dar zu strecke din haut, welches du wilt, dar zo streck dein
haut,
daß leben und der doit werden dir dar daß lieben und der toit werden dir vor
gestaldt: gestalt:
welches du wilt undir den zwein, daz welches du wilt, daz behalt.
behalt,
lerne wol dun, daz duhit dir uoid, 525 lerr wul doin, daß dir noit,
wann der sunder lone ist der ewige wan der loin der sunder ist der ewege
doid. toit.
wan vil geisein sint den sundern bereid, vill geissellen der sunden sint unß be-
reit,
die do antragent ein sundiges kleit, [5*^] wain wir an toin eiin suutdelichß
kleiit,
das ist der lip, der da ist beladen mit daß ist der lib beladen mit sunden:
vil sunden :
der wirt vil pin zuleste in sich slin- daß wurt im groiß pin bringen.
den. 530
innewendig und von ußen wirt er mit inden und uissen iß er mit fuwer umb-
fure umbgeben, geben,
das bringet ime zu sin wüstes unreines daß macht sin onreinicheß leben.
leben,
der pin mahstu auch wol engeen, der pinen machstu wull entstein,
wiltu vorbaß von sunden ledig steen. willt du der sunden ledich gein.
Nu antivort der sunder dem geistlichen.
Sollent die sunder also verlorensin 535 solden die sunder also verlorren sin
und mussent auch liden also große pin, und liden also groisse piin,
die doch kein ende nimmer gehat, die da nummer kein end halt, [9'']
das were ein klegelicher harter stadt. das ist ein schreckelich stait.
so bidde ich dich, das du underwisest so bit ich dich daß du underwisest mich,
mich,
wie ich der piue engee, daz ich komme das ich der pinen entgain moch und
in das ewige rieh; 540 komme daß hemelrich.
wann ich wil dir nu volgen und fürbaß ich dir nu volgen fortbaß me.
me,
und solte mir von hcrtzcn geschehen
wee.
DAS SPIEGELBUCH.
205
n
wann ich weiß wol das ich muß leben
ewiglich
entweder in der helle ©der in dem
himmelrich,
und des mag mir auch kein mittel ge-
sin: 545
darumbe wolte ich mich gern hüten vor
der hellen pin ;
wann du hast mir vor als viel gesaget,
das mich min gewisen stetiglich naget.
Wan du also detest und ließest dir sa-
gen, [6"]
so were gut mit dir tagen. 550
nim war, got hat dich geschaffen nach
sinem büde^
darumbe soltestu nit sin als wilde,
er hat auch din nature an sich ge-
nommen,
das du desta sicherer mochtest zu ime
kommen,
den bittern doitt hat er gelitten durch
dinen willen, 555
das er den ewigen doit an dir mochte
gestillen ;
und das solte dir billich zu hertzen gan
und darumbe vorbaß ledig von sunden
stan.
sin fronlichenam hat er dir gelaßen zu
einer spise:
das solte dich billich vorbaß machen
wise 560
und soltest ime billich danken nacht
und dag,
wercstu nit als gar ein sundiger sack.
du weist wolle das du dem tode nit
macht engeen
und weist nit wo er dich hüte oder morn,
werde besten»
darnach soltestu billich ein gedencken
han : 565,
villicht wurdestu ein selig bieder man.,
alle ding sint auch also zergeucklich ;
weß wiltu dau fürbaß frauwen dich?
du soltest auch fürbaß ansehen din bit-
ter sterbeUv
T
wan ieh- weis daß ich moiß leben
ewanchlich,
eß si in der hellen ader in dem hemei-
rich,
des kain ich nit ah gesüa :
dar umb wuld ich mich gern hudtea VOJ?
sulcher grosser pin ;
wan du haist mir vor sovil gesacht^
daß mich mein gewissen nacht.
Aber leret der geistlich mem und spricht,
Wain du also tetest und leissest dir
aachen^
so werr gut mit dir dagen.
nim war, got halt dich geschaffen na
sinem bild,
dar umb biß nit du so wild,
er halt auch die menscheliche nature
an sich genommen,
daß du deß do sicherer mugsst z.o. im
kommen.,
den bitteren dot hait er umb dinen wil-
len geleden,.
daß er den ewechen tod ain dir much
stillen,
daß soll dir billich zo hertzen gain
und vortbaß me vaiu sunden staixu. . , ,
sinen fronen lichnam hait er »nß gelaseu
zu einer spiise :
daß soltz du werden wiiß.
wnd im des dancken aach und dach^
werreß da nit also gar ein zage,
du magst dem tod nit engen.
i)nd weiß nit hude ader morn stein.
[101
deß Salt du gedechniß hain,
wilt du sin ein crber man.
alle dingh sin auch vergencklich :
weß wilt du dan erfrawen dich'i
eich aiu diin bitter sterben,
206
M. RIEGER
H
das dich zuleste wirt beruren gar eben.
570
wann von einander scheiden lip und sele
ist die groste pin,
die hie in diesser ziit nit jemerlicher
mag gesin.
gedechtestu stede und flißlich daran,
du ließest die sunde wol vor dir stan.
bedechtestu auch die strengikeit des
lesten gerichtes 575
und urteilstu dich hie in diesser ziit,
so wurdestu dort ledig und qwit,
und gedechtest darnach nach den him-
melschen freuden,
so wurdestu dich und din leben anders
bereiden. 580
daß dich wurt umbgeben.
wan lib und seel van einander scheiden,.
das ist die grosse pin die hi in deser
zit immer magh sin.
gedechteß du stetz dar ain,
du list die sund vor dir hin gain.
betrachteß du die strengheit deß lesten
gerichteß,
daß du dem entgain nit machs,
und ortelß du dich selbs in der ziit,
so werß du ledich und quiit;
so muchs du dan din lieben bereiden
zo der eweger freuden.
Herre, biß gnedig mir armen sunder,
das ich von dir gescheiden werde nummer.
not und angst hant mich umbegangen
und die smertzen der hellen hant mich
umbefangen,
herre, ich han gesundet in den himmel
und in dich, 585
dar umbe bin ich nit wirdig zu gen in
din rieh.
Hie velt der weltlich gesell uff sin knege
und will sich bekeren und spricht.
Herr, biß mirgenedich,mir armen sunder,,
das ich vain dir gescheiden werd nummer.
noit und angst hait mich umbfangen
und die schmertzen der hellen hain mich
angangen.
o herr, ich hain gesundicht weder dich,
dar umb bin ich nit werdich zo gain in
dein rieh.
lieber herre, wir haben uns nit selber
gemacht,
darumbe gute wercke zu wircken ist uns
hart,
herre, du hast uns alle geschaffen gar,
darumbe so nim unser auch selber war.
590
herre, ich wolte auch geren bekeren
mich,
were ich echt von gnaden rieh:
lieber herre, die magestu mir wo! ge-
geben
und darnach auch das ewige leben.
Nu spricht auch vort der gesell.
Lieber herr, wir hain unß nit selbs ge--
macht,
darumb gute werck unß zo doin ist uns
hart,
herr, du haist uns geschaffen gar, [lO^j
darumb nim unser selbß war.
herr, ich wult gern bekeren mich,
wer ich vain genaden rieh :
herr, du machs mir die genade wul ge->
ben
und dar zo daß ewege lieben.
DAS SPIEGELBUCH.
207
H
*) Des mentschen kint ist kommen zu
diesser erden [7"] 595
darumbe das die mentschen durch ine
behalden werden,
er ist nit kommen zu ruflPen den gerech-
ten,
sunder den sundern, das sie ine solten
anebeten.
nim war, du bist gesunt worden :
darumbe hüte dich vor dem suntlichen
Orden. 600
behalt die gnade, die du hast erworben,
das du it vallest widder in den alten
Orden,
du hast mich nu wol gemercket :
wiltu, du wirst auch wol gestercket.
wiltu auch min warer junger sin, 605
80 halt mit fliße die gebotte min.
das ist min gebott, das ir einander
fruntlicb sin,
so niogent ir engeen der ewigen pin ;
und das eins daz andermit druwenmein,
so werdent ir auch von gotte rein. 610
woltestu haßen das mir liep ist,
wiewoltestu daii behalten werden zulest?
wer da wil erhöret werden von gott,
der sal auch voUenbringen sin gebott.
wie sal der von got erhöret werden, 615
der doch nit gliches begert uff erden ?
nust nit bedruget die gantz weit als
sere,
dann das sie nit enachtet der gebott
gottes und siner lere,
wie sie sprichet : wiltu ingeen in das ewige
leben,
60 behalt auch die gebott gottes gar
eben. 620
ir soUent nit werden als die tiere ane
vernufft,
die da nit wißen von keiner zukunfft,
wann ich han gesprochen gar eben,
das mine wort sint auch das ewige le-
ben. [7'']
D-iß sprich got der Tierr zo dem simder.
deß menschen kint ist kommen herab off
disse erd
darumb daz der mensch durch in be-
halden werd.
er ist nit kommen zu roffen dem gerech-
tichen,
sunder dem sunder, daz sie in ain sulden
bitten,
nim war, du bist nu gesunt worden :
hut dich nu vort vor sunlichem erden.
behalt nu die genad, die haist erworben,
daß du nit vallest in einen alden orden.
wilt du min warer Jungelinck sün,
80 behalt mit fliiß die gebott mein,
dis ist mein gebott, daz einer dem an-
dern frundlich si
[mein,
und daz einer den anderen mit truwen
so mochen wir werden vor god rein,
wuldes du hassen daz nit mir lieb ist,
du muchs werden behalden zu lest ;
wan wer da wilt erhört werden van god,
der voUenbring sün geboder.
we sol der erhört werden,
der nit gelichs begerd hi off erden?
nuist betrugt die weit also serr, [ll*J
dan daß si nit acht de gebot gotz und
sein lerr:
wilt du in gain in daz ewich leben,
so behalt die gebot gotz eben.
ir sulden nit werden als de there on
vernufft,
die da nit wissen vain keiner zokunfft,
dan ich hain gesprochen eben,
mein wort sein daz lieben.
*) Gegenüber auf 6'' : dominus.
M. EIEGER
H
625
Sage uns, lieber, warzu bistu worden,
das du an dich hast genommen ein soli-
chen orden?
darumbe das du hast einen geistlichen
schin an,
wenestu darumbe sin ein geistlich man?
630
Bolten geistlich kleider geistlich machen
dich,
so qwemestu aHein in das himmelrich;
also musten wir gescheiden auch da von
sin.
uns were lieber du legest mitten im Ein ;
wann es schadet von ußen nit ein frolich
leben, 635
so das hertz vor gotte steet gantz und
eben,
sehent nu, wie ist er so geistlich gestalt
und hatt darzu gewonnen einen großen
bart !
narre gauch lothart gugguck,
sehe umbe die Avie du nu so kluck! 640
hat uns der tufel mit dem narren be-
scheßen ?
er wenet iedermann solle sich an ime
beßern
und wil sich nit an uns keren,
er dut gelich als weren es meren.
*) Die in diesser weit narren sint ge-
nant, [8^J 645
die sint gotte sunderlichen wol bekant.
es ist vil beßer das mich die boßen ha-
ßeu,
daii ich mit in lieff ufF den gaßen.
jnan sal verre wichen von den bösen,
T
AjriUen ir lieben ewanchlich,
so behald die lerr, die da gaid durcu
mich.
Nu hait der gesell einen graioen rock und
einen geistlichen orden ain sich genomen
und koment zo im siin geseVen und spot-
ten siin und sprechen also.
Sage uns, lieber, war zu biß da nu kom-
men,
das du nu sulchen orden ain dich haist
genommen ?
dar umb daz du einen geistelichen schin
ain,
weneß du auch siin ein geistelich; man,?'
solden geistelich cleider geistelich man-
chen dich,
so. quemeß du allein in das hemelrich ;-
also musten wir da vain gescheiden sin,
unß werr lieber du legest in dem Rein;
wan eß schadet nit uswenich ein frolich
leben^
so daß hertz vor god iß eben.
sehent wie ist er so suberlich gestalt
und hait einen graen bart!
naro gaugh lolhart gockkock, [11'']
se we biß du nu so klock!
hait uns der dufel mit narren beschi.-
schen?
er meind eder man sul sich ain im hesr.
seren :
er; wilt sich ain unß red nit keren
und theid alß weren eß meren.
Nu antwurt der broder und spricht.
Die in disser weit naren sint genant,
se sint vor got wul erkant.
es ist besser das mich de bösen hassen^
dan ich mit iin leib, ob der gassen,
man sold Avichen van, den bösen,
*) Gegenüber auf 1^ : socius socius socius frater.
DAS SPIEGELBUCH. 20^'
n T
so Avirt sich der mensche von sunclen so mach man sich vain sunden löesen ;
losen, 650
wann wer zu den bösen vermischet ist, wer sich zu den boesen mengen ist),
der wirt auch böse mit ine zulest. der wurt mit in boes zo lest,
ich wil bii guten mentschen wonen uff ich wil sin bi goden leuden hie offdisser^
dißer erden, erden,
von den min leben mag gebeßert wer- van welchen mein lieben gebessert mach
den. werden,
nit laut uch missevallen min snodes kleit, nit lasen uch misfallen mein schnödes
655 ckleit,
wann ich wil uch fürbaß nit mc sin be- ich uoh darumb will nit furbas sin be-
reit, reidt,
sunder wan got dem lieben herren min, sunder got dem herren mein,
des eigen ich allewege fürbaß me wil des ewich wil ich eigen sin.
sin.
wann ir hant mich dicke angelachet, ir halt mich dick ain gelacht
und mich doch glich wol hinderklaffet: und gelich zu hant hinderklaflft:
660
darumbe wil ich uch fürbaß miden, deß wil ich uch nu me miden,
daz ich auch ritterlichen möge gestriden. oft" das ich rittellich moch striden. [12*2
wann die liebe gottes und diesse weit wan die leibt gotteß und auch disser
weit
mögen in elm hertzen nit haben ein mögen in einem hertzen nit hain eir ge-
gezelt, zeit,
als wenig als auch die äugen 685 also wenich alß de äugen ein mael
zu einem male himmel und erden mögen himmel und erd mögen beschauwen.
geschauweu.
darumbe wil ich lieber versmehte also darumb will ich verschmechlich hin gain,
hingan,
dau daz ich wolte der liebe gottes liedig uff daß ich in der liebden godeß moghi
stan. besser stain.
das sunde auch nit sunde were, wain sund nit sur.d werr,
noch dan so were sie mir unmere 670 noch werr si mir ein onmerr
umbe ir manigveltige und große unfle- umb erer groser onfeletichheit willen.
digkeit.
das lernet auch mich min bescheiden- daß bewiset mich bescheidenheidt.
heit.
darumbe kein freude noch lost wil ich kein freud noch lost wil ich hain,
forbaß me han, [8'']
dann allein in dem crutze Ihesu Christe, dan allein in dem crutz Ihesu Christi, ab
ob ich kam ich kan.
in dem ist mir die weit ein crutz und in dem ist mir die weit ein crutz und
ich ir : 675 ich in irr.
^iso mage ich lichtigklich vertriben alle dar durch mach ich lichtlich vertribea-
bosc begir. all bocß bcgcr.
210
M. RIEGE R
H
Herre, wie lange soUent die sunder har-
schen in irer gewalt?
wann sie hant sich gar grusenlich gein
mir gestalt.
herre, nimme es auch flißlich war,
wann die sunder sint gesediget gar, 680
dasselbe uberhebent auch sie sich,
das sie nit viel fragent nach dime rieh,
sie nemen das ez ine allewege ginge so
eben
und fregten nit vil nach dem ewigen
leben,
herre, es geet ine wol in allen iren Sa-
chen, 685
darumbe so mögen sie frolichen lachen,
du enstraffest sie nit umbe ire sunde uff
diesser erden,
darumbe sie ie stoltzer und hoffertiger
werden,
sie sint auch satt von boßheit,
darumbe hant sie mir wiederseit. 690
sie frauwent sich wan sie hant sunde
voUenbracht
und berument sich so es ine in iren
Sunden wolgait.
*) Mochtestu dich auch ein wile geli-
den, [9"]
wann ich werden kurtzlich mit ine stri-
den.
ich wil ine zuhaut auch botschafft sen-
den, 695
das sie etwaß zu schaffen gewinnen.
wer nach der weit gut und ere stett
und wem ez wole in sinen sunden geet,
das ist ein zeichen gar gewiß
siner ewigen verdammeniße. 700
T
Hie bittet disser broder got den herren
und spricht also.
Herr, we lang suUend die sunder her-
schen in erer gewalt?
wan si hant sich gar greussenlich gegen
mich gestalt.
herr, nim erer eben war,
wan die sunder sint gesediget gar^
des überheben se sich
und fragen nust na dinem rieh»
si nemen daß in geng eben
und frachtent nit na dem ewigen lieben.
herr, es geid in wul in eren Sachen,
des mögen frolich lachen.
du straffest si nit umb erre sunden hi
off erden, [12'']
dar umb sie e stoltzer und me homuti-
cher werden,
sie sint vol boesheit,
des hain sie mir ganß und gar verseit.
sie hant vil sunden volbracht und be-
romen sich deß
daß eß ein in eren boesheiden wul galt.
Nu antwort hie got der herr dem broder-
und spricht also.
Mochtes du dich ein wenich liden,
ich wurd kurczilieh mit in striden.
ich wil in bald botschafft senden,
das sie etwas haben zo schaffen gewin-
nen,
dan wer na der weit geit und na erer
err steit
und wem eß wul in sinen sunden geit^
daß iß ein zeichen wol gewiss
euer ewiger verdamniß.
*) Gegenüber auf 8'' : fraler deus..
DAS SPIEGELBUCH.
211
den bösen sal nust in dem himmel wer-
den;
so sollen die guten nit trostes han uff
diesser erden,
sunder einer guten hoffenunge sollen sie
sich frauwen,
das sie darnach ewige freude werden
seh au wen.
wanil die bossen werden zulest dorren
gelich dem graße 705
i;nd werden auch gegeben zu dem ewi-
gen haß.
wann so sie es aller minnste getruwen,
so werden sie umbegeben mit liden und
undruwen.
wan glucksamkeit der narren
machet sie in iren sunden voUenharren ;
710
aber so der hamraer hoher über sich er-
haben wirt,
so er darnach hertiglichen under sich
fert.
so man den bogen harter hinder sich
zuhet,
so er den pfile hertiglicher von ime
tribet.
als vil hie in ziit gott gnediger ist, 715
so vil harter wirt er auch sin zu lest,
und darumbe als verre als es an dir ist,
so habe frieden bii den du bist,
nit beger räche gein diiien Wiedersachen :
ich werde es wol siecht zusehen uch
machen. 720
wann wer diesse durtze ziit
vor die ewige freude git,
der hat sich selber gar betrogen [9^]
und zimmert uff ein regenbogen.
darumbe hastu got, so halt ine fast,725
wan er ist ein guter gast;
nit laß in von dir wichen,
80 enmag nicht böses in dich geslichen.
den boesen sol nust in dem himmelrich
werden ;
so sold die goden kein trost hain hi off
erden,
sunder einer goder hoffnung sulden se
sich erfrauwen,
das sie dar na mögen ewige freud be-
schauwen.
die boesen werden dorren gelich dem
graiß
und darzu gegeben in den ewigen haß.
so si es allerminst getruwen,
wirt si umbgeben leid und ruen.
den gelucksamheit der narren
mechet sie in sunden beharren;
aber so ein hammer me hoer of wirt
gehaben,
60 er me herter beginnet zu schlain,
[IS'']
und so man einen bochgen wider hinder
sich zuhet,
so er den phil harter für sich tribet.
also vil got der herrden sundichen men-
schen of disser erden genedich ist,
als vihder me hartter in ist zo lest,
dar umb so ver alß in dir ist,
so behalt freid bi dem du bist,
nit beger zo rechen gegen dein weder^
Sachen :
got wurd es wol swischen uch schlecht
machen,
dan wer disse kurtz ziit
vor die ewige freud nit gibt,
der hait sich sels bedrogen
und zimmert off einen regenbogen.
dar umb haiß du got, so halt ein fast,
wan er ist gar ein goder gast ;
nit laiß iin vain dir wigen,
60 mach nust boes in dich schlichen.
212 LITTERATUR
LITTERATÜß.
Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen. Vors
Karl Simrock. Drittesehr vermehrte Auflage. Bonn bei Adolf Marcus.
1869. XII und 625 Seiten, gr. 8.
Der Umstand, daß nun wieder nach wenigen Jahren eine neue Auflage
des rubricierten Buches nothwendig geworden, zeugt deutlich genug dafür, daß
es Bedürfnissen entspricht, die sich sicherlich nicht bloß in den gelehrten Krei-
sen der Germanisten fühlbar gemacht haben, sondern daß es dieselben theil-
weise erst erweckt und sich auch auf diese Weise kein geringeres Verdienst
erworben. Man sieht oft Simrock's Edda und Mythologie da angeführt, wo
Kenntniss der germanischen Götterwelt ohne ihn nicht hingedrungen wäre, und
Gleiches gilt von seinen anderen Arbeiten. Bleiben wir jedoch bei der Mytho-
logie stehen, so habe ich zuvörderst die bereits bei Besprechung der zweiten
Ausgabe (Germ. X, 107) gemachte Bemerkung zu wiederholen, daß im Ver-
gleich mit der vorhergehenden auch in der vorliegenden die Gesammtheit seiner
Ansichten im Ganzen und Einzelnen, so weit ich wahrgenommen, wesentlich un-
verändert geblieben, wogegen sich zahli-eiche Zusätze zur weiteren Entwicklung
und Bestätigung des früher Ausgesjirochenen vorfinden; weggelassen dürfte nur
wenig sein, hauptsächlich blos S. 165 — 66 der 2. Ausg. Ich komme weiter
unten auf jene Zusätze zurück, will aber gleich hier bemerken, daß, wenn
Simrock meine ei-wühnte Anzeige nicht gleichmässig berücksichtigt hat, sich
dawider nichts sagen läßtj er glaubte eben dem von mir Angeführten nicht
überall beistimmen zu können; nur nimmt es mich Wunder, daß Berichtigungen
offenbarer Versehen von ihm nicht beachtet worden sind. Oder hängt dies
etwa damit zusammen, daß auch eine nicht geringe Zahl von Druckfehlern
und unrichtigen Citaten sich in beiden Ausgaben identisch wiederfinden? geht
S.'s Festhalten an dem Bestehenden {conservatism the tvyse call it) so weit?
denkt er wie der alte hochconservative Lord Eldon, daß kleine Mängel, gleich
den Muttermalen einer Geliebten, die Schönheiten und Vorzüge eines Gegen-
standes (wie die rotten boroughs die der englischen Verfassung), nur desto mehr
hervortreten lassen? oder warum soll der schottische Wassergeist Shellycoat
durchaus zu einem Hausgeist werden und es bleiben (S. 435)? etwa, weil
Grimm ihn dazu gemacht? aber dieser hat sich geirrt, wie ich ganz deutlich
gezeigt (Germ. 10, 112, wo die Verweisung auf Müllenhoff zu streichen ist);
und warum hat S. selbst die unrichtige Schreibung Shellykoat (mit k statt c)
und das unrichtige Citat „M. 428" statt „M. 479" beibehalten? Ferner, wa-
rum soll denn durchaus meisje auf holl. ein Mäuschen bedeuten (S. 446),.
was doch unrichtig ist (s. Germ. a. a. 0.)? Item, warum sind S. 198 wieder-
um die 700 nützlichen Historien stehen geblieben, da die daraus mitgetheilte
Geschichte doch schon bei Aesop vorkommt? (s. Germ. a. a. 0. S. 111; zu
Kurz's Nachweisen zu Waldis 3, 40 füge noch Herod. 1, 34 — 45, auch bei
Yal. Max. 1, 7 Ext. 4; ferner eine englische Sage, von mir mitgethcilt in dea
LITTEEATUR. 213
Hcid. Jahrb. 1868 S. 91 Nr. 11 „Die Weissagung"). Anderes übergehe ich, wie
z. B. den sehr elastischen und für mythologische Ausdeutungen sehr beque-
men nordischen Winter von sechs, sieben, acht und neun Monaten oder komme
gelegentlich darauf zurück. Zunächst will ich Verschiedenes anführen, was sich
mir bei Durchlesung dieser neuen Ausgabe dai-geboten, obwohl es meist auch
auf die frühere Anwendung findet, so z. B. heißt es S. l7: „Darin aber trifft
die eddische Überlieferung mit der griechischen und indischen
zusammen, daß die Süudfluth der Erschaffung des Menschen-
geschlechtes vorausgeht." Aber die Menschenschöpfung hat nach der
Vorstellung der Alten vor der Sündfluth stattgefunden, wie die Sage von
Prometheus und Deukalion zeigt. Über die SündÜuthsage überhaupt s. Ewald
in den Jahrb. der biblischen Wissensch. Bd. VII. S. 21 — S, 21. „Der Mann
im Monde." Eine Musterung der betreifenden Vorstellungen der verschiedenen
Völker s. im „Ausland" 1869 Nr. 45 in einem Aufsatz von Oscar Peschel.
— S. 23. „Des Kuckucks Bezug auf das Siebengestirn ist aber
noch darin begründet, daß er nur von Tiburtii bis Johannis
seinen Ruf erschallen läßt und nur um diese Zeit das Sieben-
gestirn am Himmel sichtbar ist." So nach Grimms Myth. 692; es muß
aber heißen: "^nicht sichtbar ist'; denn die Auslassung des nicht in der ange-
führten Stelle bei Grimm ist ein sinnstörender Druckfehler; s. Ztschr. f. d.
Myth. 3, 309 (nämlich auf der Seite, die auf S. 308 folgt, denn die Seiten
309 — 328 erscheinen durch Versehen zweimal hintereinander). — S. 111
„Weltuntergang." In den Gott. Gel. Anz. 1866 S. 1331 f. habe ich eine
Reihe von Zügen der tatarischen Heldensage zusammengestellt, die mit andern
der deutschen Mythologie übereinstimmen und worunter auch der von den
obersten Göttern, den Kudai's, erscheint, die wie die nordischen und Zeus
(s. auch J. G. Müller Gesch. der amerik. Urreligionen S. 148) unter das
Schicksal gestellt sind und das Ende der Dinge voll Angst erwarten (das dort
ausgefallene Citat über das Lebenswasser, welches am Fuße der goldenen
Birke in goldener Schale vergraben liegt, ist „Schiefner S. 62 V. 425 ff.").
— S. 116 f. „Naglfar." Grimm sagt ungenau an der von S. angeführten
Stelle, daß dieses Schiff aus den schmalen Nägelschuitzen der Leichen zusam-
mengesetzt sein werde; vielmehr, wie S. richtig anführt, aus den unbeschnit-
tenen Nägeln jener. — S. 142 „Deutsche Qualhölle voll Sumpf und
Schlamm, Meuchelmörder und Meineidige müssen sie durchwa-
ten." Schlamm und Koth finden sich auch in der griechischen Hölle; s. Wel-
cker Gr. Götterlehre 2, 527; Kock zu Aristoph. Fröschen V. 145 — 150, wo
namentlich auch die im Schlamm gepeinigten Meineidigen erwähnt werden und
Kock dazu die betreffende Stelle der Wölusjja (nach Simrock) anführt. Mit
dem aus Schlangenrücken gewundenen Saal und Nidhöggr vergleichen sich die
oq)Eig xal &rjQia bei Aristoph. 1. c. v. 143. — S. 143 „Nobiskrug." Simrock
verweist hierzu auf Gervas. 168. Das dort Angedeutete ist weiter ausgeführt
und genauer bestimmt in meinem Aufsatz: „Ein alter Brauch" Philol. 20,
378 fi". und ferner ergänzt in Germ. 10, 110; Lazarus und Steinthal's Ztschr.
f. Völkerpsych. 5, 68 (wo zu lesen „Eckermann 2, 44. 75"). Hierzu füge ich
jetzt noch folgende Stelle aus Tzetzes Chil. XII, 590 f.: „'EpjU-^g rrjg Maiag
0 viog, '^Egfir^g de Kai d ^oyog — 'Eg^rjg ■aal Gv^nag dvÖgiag xal o
CcoQog TC3V Ud'Oiv^ Diese letzten Worte „'^EQ^ijg. . . xal d öaQog xcov
214 LITTEEATUR.
XCd'dV ('„Hermes bedeutet auch einen Steinhaufen") dienen zur Bestätigung
der Ausdrücke SQliaxsg, SQ^ata^ welche, wie ich in Philol. 1. c. gezeigt, ur-
sprünglich alte Grabdenkmäler bezeichnet haben müssen. Das Hinzuwerfen von
Steinen auf Gräber bespricht auch W. Schwartz in der Ztschr. f. Gymnasial-
wesen 20, 798 f., der namentlich auch die von mir mehrfach erwähnte Sitte
Todte auf Bergen zu begraben, wo dann jeder Vorübergehende einen Stein
hinzuwirft, durch ein neues Beispiel aus den Fuchsinseln (Unalaschka) belegt,
wozu ich nun auch das folgende aus classischer Zeit hinzufüge: „In Gargani
summitate duo sepulchra esse dicuntur fratrum duorum; quorum cum major
virginem quandum despondisset et eam minor frater conaretur auferre, armis
inter se decertati sunt , ibique ad memoriam, invicem se occidentes, sepulti,
quae res admirationem habet illam, qua si qui duo, inter ipsam sjlvam agen-
tes iter, uno impetu vel eodem momento saxa adversum sepulchra jecerint, vi
nescio qua saxa ipsa separata ad sepulchra singula decidunt." Serv. Aen.
11, 247. Anderes für jetzt übergehend, führe ich bloß noch folgenden sibyl-
lyschen Vers nach Casaub. zu Theophr. 17 {tcsqI decöcd.) an: „xdv naQOÖoLöc
XlT^CJV 6vyxo}}iata tavta ßsßsod-e" (auch beim Vorübergehen auf den Heer-
straßen ehret diese Steinhaufen), wo die kC^av Gvyxa^axa den von mir im
Philol. 1. c. S. 381 erwähnten XaCva s^oyxa^ara entsprechen. — S. 172 „Kin-
derstamm." In Malory's Morte Darthur (Book I. Ch. 3. 4) wird erzählt, daß,
als nach dem TodeUther Pendragon's, der keine legitimen Leibeserben hinterlassen,
am Tage der Königswahl die Großen des Reiches in der Hauptkirche Londons
versammelt waren, „auf dem Kirchhofe gegenüber dem Hochaltar ein großer
viereckiger Stein gesehen wurde, in dessen Mitte etwas, was einem Amboß
von Stahl ähnlich sah, einen Fuß hoch emporragte ; darin steckte mit seiner
Spitze ein schönes, entblößtes Schwert, und um dasselbe waren mit goldenen
Buchstaben folgende Worte geschrieben: „„Wer dieses Schwert aus diesem
Steine und Amboß zieht, ist von Geburt rechtmäßiger König von England.""
Und da nun keiner der Gegenwärtigen das Schwert herauszuziehen vermochte,
war der noch junge Arthur allein dies im Stande und wurde demgemäß Kö-
nig." Dieser Zug ist wahrscheinlich dem französischen Merlin entnommen
(s. Dunlop-Liebrecht S. 67") und erinnert an die griechische Sage von The-
seus und an die nordische von Sigmund; so wie nämlich Arthur der Sohn
zweier Väter ist, des Herzogs von Tintagil und des Königs Uther Pendragon,
ebenso ist Theseus der des Aegeus und Poseidon, wie Sigmund der des Wei-
sung und Odhin („Odhin selbst erscheint bekanntlich an der Spitze des Wöl-
sungenstammes, denn Sigi, mit dem er beginnt, wird Wöls. S. Cap. 1 Odhins
Sohn genannt; an Sigmund hat er noch näher Antheil, denn Wölsung hatte
ihn mit einer Walküre gezeugt, die Cap. 2 Odhins Geliebte heißt." Simrock
Myth. I7l). Arthurs Schwertprobe haben wir eben gesehen, ebenso gewinnt
Theseus seines Vaters Schwert durch das Emporheben des schweren Steines,
unter den jener es verborgen, und auch Simgund vermag allein nur das Schwert
aus dem Kinderstamme zu ziehen, in den es Odhin gestosseu. Übrigens gleicht
Arthur dem Sigmund auch noch darin, daß er gleich diesem mit seiner Schwe-
ster einen Sohn zeugt, worauf ich schon zu Dunlop (S. 470 Anm. 143) hin-
gewiesen. — S. 173 „reyrsproti.^ In einem Rittergedichte des Florentiners Antonio
Pucci „Historia della reina d'Oriente" (herausgegeben von Anicio Bonucci als
LITTERATUR. 215
Nr. 41 der „Scelta di Curiositä Letterarie. Bologna. Eomagnoli") befinden
sich unter anderen Spuren von Volkssagen, welche A. Wesselofsky in dem
Ateneo Ifaliano 1866, 15. Aprile p. 1 ff. zusammengestellt hat, auch folgende
zwei Strophen, welche sich darauf beziehen, daß, als die Königin des Orients
das furchtbare Heer des Königs von Rom gegen sich heranziehen sieht, sie in
ihrer Bedrängniß den Himmel um Hilfe anfleht :
„Un agnol, poi che l'orazion fu detta,
Li apparve e disse: non ti sgomentare,
Perche di Dio se' tu stata diletta,
Mandate m'ha per non ti abbandonare.
E poi li disse: To' questa bacchetta,
Tra' tuoi nemici si l'abbi a gittare,
Dicendo: gite come fumo al vento;
E lo tuo cor di lor sarä contento.
Poich'6 partita quella santa voce,
L'alta Reina a cavallo e montata,
Fecesi il segne de la santa croce,
Inverso a' suoi nemici ne fu andata,
E come giunse, aller tutta feroce
La bacchetta tra lor ebbe gittata,
Dicendo come 1' Agnol detto avia;
E tutta quella gente si fuggia.
(Cant. n, 13. 14.)
Mit Recht weist hierbei Wesselofsky (p. 9) auf Odhin's reyrsproti hin,
und ist es interessant, gegen Ende des 14. Jahrh. einer derartigen Sage in
Italien zu begegnen, — S. 195 „Der norwegische Gurerysse (Riese
Guro) oder Reisarova mit ihrem langen Schwanz (Myth. 397)". Die
Stelle bei Faye, worauf Grimm sich bezieht, die er aber mißverstanden hat, lautet
folgendermaßen: „I Spidstn for Faerden farer Guro Rysse eller Reisa " Eova med
sin lange Eumpe u. s. w." Dieß heißt: „An der Spitze [von Aasgardsreia] fährt
Guro Rysse-rova oder Reisa rova", d. i. Guro Stutenschweif; rysse und reisa, isL
hryssi und hreisa, bedeuten beide Stute, und rova isl. röfa ist = Schweif. In
einer Anmerkung fügt Faye noch hinzu : „I Nissedal kaldes hun Rumpeguro
[Schweifguro], der er vaen fortil, men huul bog og har en stör Etesterumpe/'
Über Guro = Gudrun s. Mannhardt Zeitschr. f. d. Myth. 4, 428; Guro ist
also kein Riese, wie Simrock meint. — S. 203 «Rigr oder Heimdall".
Gegen die Identität derselben s. Herrigs Archiv 30, 305 ff. — S. 209 „Von
Karl dem Großen wird auch erzählt, er habe zu Aachen ein
halbgöttliches Weib zur Geliebten gehabt u. s. w." Daß eine ent-
sprechende Sage, in welcher auch das Korn (granum) im Munde der Gelieb-
ten verkommt, im Orient gleichfalls vorhanden ist, habe ich gezeigt in den
Gott. Gel. Anz. 1866 S. 1639 und wiederhole sie hier zur Bequemlichkeit
der Leser: „Der Chalif Jezid (der von 679 — 683 regierte), warf eines Tages
einer seiner Gemalinnen, die er bis zum Wahnsinn liebte, beim Gastmal scherz-
weise einen Traubenkern zu, an welchem sie jedoch erstickte, als sie ihn ver-
schlingen wollte. Jezid gerieth hierüber ganz außer sich vor Schmerz und
wellte sich von dem todten Körper seiner Geliebten durchaus nicht ti-ennen,
bis endlich seine Diener, welche den Übeln Geruch desselben nicht länger er-
^Iß LITTERATUE.
Xa-agen konnten, den 'Chalifen durch ihr Flehen bewogen, den Leichüam be*
graben zu lassen." S. d'Herbelot s. v. Jezid (2, 834 der deutschen Übers.).
Eine ähnliche Erzählung findet sich ebendas. s. v. Gelaleddin (2, 486 f.),
■wonach dieser Sultan von Chowaresmien (regierte etwa von 1218 — 1236) in
eine von seinen Sklavinnen so sterblich verliebt war, daß er ihren Leichnam
noch lange Zeit nach ihrem Tode bei sich behielt und demselben alle Tage
zu essen vorsetzte, sich dabei nach ihrem Befinden erkundigte, und ob es
besser mit ihr stehe als an dem vorhergehenden Tage. — S. 219 „Orion".
Dieser wird nicht aus dem Speichel, sondern aus dem Urin der drei Götter
geschaifen, welcher hier aber wohl so viel wie Samen bedeutet; man vergleiche
die indische Sage von Hasischta. Über die Identität des Begriflfes von Samen,
Harn, Blut und Speichel vgl. Gervas. 70 fi". — S. 245 „Thor als Her-
cules." Außer den von S. angeführten Analogien vergleiche man auch noch
Thor als Ochsenfresser in Hymiskv. 15. Thrymskv. 26 mit Herakles Bupha-
gos, Pamphagos, Adephagos, und Thor, der die Ebbe trinkt (Gylfag. 47) mit
Herakles als Zecher; s. Jacobi MythoL Wörterb. 414 Anm. 1. — S. 255
,Thor angelt die Midgardschlang&." Mau vergleiche die folgende
neuseeländische Sage. „Als Küpe an der Ostküste Castle-Point, das er Tc'
Wheke-Muturangi nannte, erreichte, floh aufgescheucht ein großer Tintenfisch
(cuttle-fish) aus einer Höhle dieses Vorberges in der Richtung gegen Eau-
kowa oder Cooks- Straße; Küpe folgte, ruderte zur Mittelinsel in die Awa-iti-
Straße, spürte eine heftige Strömung vom Lande her und nannte die Einfahrt
Kura-'te-au. Hier hatte der Fisch sich verborgen und griff mit seinen Armen,
die von Saugern besetzt waren, nach dem Kahn, um ihn herabzuziehen'; Küpe
sah es und warf eine leere riesige Wassercalabasse aus dem Kahn. Der Fisch,
welcher den Kahn zu fassen glaubte, erhob sich, um ihn niederzudrücken mit
vollem Körper, wurde von Kupe's Axt getroffen und in zwei Hälften zer-
hauen." Schirren, Die Wandersagen der Neuseeländer u. s. w. S. 2^. Hier
entspricht die Wassercalabasse dem von Thor als Köder gebrauchten Stier-
haupt, die Axt dem Hammer Thors, das Zerhauen des Tintenfisches in zwei
Hälften den Worten in Gylfag. 48: „Die Leute sagen: Thor habe der
Midgardschlange im Meeresgrunde das Haupt abgeschlagen", und endlich dei'
Küpe begleitende Reti (Schirren S. 113) dem Hymir. — S. 261 univer-
salis columna quasi sustinens omnia." Vergl. August. De Civ. Dei
7, 11, wo der Beiname des Jupiter Tigillus also erklärt wird: quod tan-
quam tigillus mundum contineret ac sustineret. — S. 267 Z. 8 v. u. streiche
das Citat „Kuhn W. S. 2, 200." — S. 276 „Heimdali ist von neun Schwe-
stern geboren, es sind die Wellenmädchen, Oegirs Töchter." Ich will
hiebei daran erinnern, daß die zehnte Meereswoge gewöhnlich größer ist als
die neun vorhergehenden, daher die Ausdrücke fluctus decimus decu-
manus, dExaxvfiLa: vgl. Festus s. v. decumana und Fassow s. \. tQiicv^itcc.
— S. 276 „Regenbogen". Folgendes nordenglische Kinderliedchen ist wegen
der darin enthaltenen Perso lification des Regenbogens, wobei ihm auch Kinder
beigelegt werden, bemerkenswerth:
„Rainbow, rainbow, haud awa' harne,
A' yer bairns are dead but ane,
And it lies sick at yon grey stane,
And will be dead ere you win hame.
LITTERATUR. 217
Gang owre the Drumaw and yont the lea,
And down by the side o' yonder sea;
Your bairn lies greetln like to dee,
And the big tear-drop is in bis e'e."
Henderson, Notes on the Folklore of the Northern Counties of England etc.
Lond. 1866 p. 16. — S. 311 „Njördr von Skadi wegen seiner
schönen Füße zum Gemahl erwählt." F. G. Bergmann, Les Getes
etc. Strasb. u. Paris 1859 S. 247 bemerkt gelegentlich dieser Göttersage:
„Je ne sais s' il y a quelque rapport eloigne entre ce mode de choisir un
epoux et l'epreuve k laquelle on soumet le nouveau mari(5, aux noces dans le
Berry." „Quand sonne Theure du repos pour les epoux, on fait ranger par
terre toutes les femmes de la noce ensemble, et sur le dos; ou les dechausse
de leur bas et de leur souliers ; on les cache toutes d'un drap, depuis la
figure jusqu'aux mollets exclusivement, qui seules restent decouverts. Dans ce
pele-raele de jambes nues, le mari doit reconnaitre, sans se tromper, celles
de sa femme. S'il met la maiu dessus, il a le droit d'aller se coucher im-
mddiatement; siuon, son bonheur est renvoye k la nuit du lendemaiu." Felix
Pyat, Les Frau^ais paints par eux memes. T. II. p. 329." — S. 312 Ro
senlachen. S. Beufey's Pantschat. 1, 380. — S. 316 „Auf Pfauen
schwören." S. Grimm RA. 901. Vgl. meine Anzeige von Uhlands Schrif-
ten Bd. III in den GGA, 1867 S. 179. Noch in später Zeit kommen
dergleichen Gelübde auf Phasanen vor; s. Barante, Hist. des ducs de Bour-
gogne. VIII, 18 (3. ed.) — S. 326 „Venus Libitina." Diese
gehört nicht hieher, denn sie entspricht nicht der Venus vulgivaga. —
S. 340 „Die unter we Itliche n Schätze bedeuten die Güter der
Erde, den reichen Pflanzensegen.'' Bei Philostr. Vita Apoll. 6, 39 wird
der Erde geopfert, daß sie einen Schatz schenke; sie erhört die Bitte und
schenkt außer dem Golde auch noch eine reiche Gelernte. — S. 353 „Herodias
wird in den leeren Raum getrieben und schwebt ohne Unter-
laß." Von einer Mehrzahl durch die Luft gejagter Töchter des Herodes weiß
oder wußte eine catalanische Sage (la danza aerea a que estan condenadas las
Herodiadas por la muerte del bautista) s. Ferd. Wolf Proben portug. u. catalan.
Volksromanzen Wien 1856 S. 29 (Sitzungsber. der phil.-hist. Kl. XX, 43). —
S. 371 „Die wilden Frauen haben ihren Aufenthalt bei alten
Mal bergen und Freisteinen. Wolf HS. 150." In der zweiten Auflage
war citiert Wolf WS. 150; da aber Wolf keine westph. Sagen geschrieben,
so hat Simrock, ohne noch einmal nachzusehen, dies jetzt in „Hess. Sagen"
umgeändert, wo aber nichts Hierhergehoriges steht. Gemeint ist jedoch Kuhn
WS. 1, 150, wo indeß nur wegen ,, Frauenstuhl" auf S.'s Mythol. S. 417
(I. Aufl.) verwiesen wird, weil da von „der wilden Frauen Gestühl'' die Rede
ist; von Malbergen und Freisteinen spricht Kuhn a. a. 0. nicht. — S. 379
„Bertha schneidet dem, der an ihrem Feste (Epiphania) andere
als die althergebrachte Speise zu sich genommen, den Bauch
auf u. s. w." Nach einem ähnlichen Glauben in Italien bringt Befi"aua am Drei-
königstage nicht bloß den Kindern Geschenke (DM. 260), sondern schneidet
auch andern derselben den Bauch auf, und um dem zuvorzukommen, ist es
probat Bohnen zu essen. „Altri putti nuUadimeno ne cerca la Beffana per
forare loro il corpo; ad evitare il quäl male il rimedio e trovato di mangiar
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 15
218 LITTERATUR.
fave, lo che si usa tuttora da molte persone in quella sera." Manni, Istorica
Notizia dell' origine e del significato delle BefFane p. 16 bei Du Mdril Hist.
de la Com^die. Paris 1869 vol. II p. 117. Welche Rolle die Bohnen in
Deutschland am Dreikönigsabend spielen, ist bekannt genug (s. Simrock a.
a. 0.); in Italien scheinen sie gegen die Beffana ebenso gebraucht zu wer-
den, wie in Frankreich und sogar schon im Alterthum gegen die Wiedergän-
ger. „II y avait naguere des provinces oü les enfants chassaient les revenants
en jetant des feves. Dacier In Pauli Diaconi excerpta commentarii p. 426 ed,
Lindemann. Varron disait d^jä, De vita populi Romani 1. I: Quibus tempori-
bus, in saci-is fabam jactant noctu, ac dicunt se lemures domo extra januam
ejicere. Voy. aussi Ovide Fast. 1. V v. 436 et suivants.'^ Du Meril Etudes
sur quelques points d'Archeologie etc. Paris u. Leipz. 1862 p. 119. —
S. 392 „Riesen iind Zwerge werden zu Stein, wenn ein Strahl
der Sonne sie berührt." Daß diese Vorstellung auch sonst noch und
zwar bei den Ureinwohnern von Hispaniola vorhanden war, habe ich zu
Gervas. 83 gezeigt; vgl. J. G. Müller Gesch. der amerikan. Urrelig. S. 179.
Aber auch auf den Fidschi-Inseln findet sie sich, wie aus der Angabe des
Engländers John Denis Macdonald hervorgeht, dessen Bericht über seine im
J. 1856 gemachte Reise 1857 erschien und worin es nach dem Auszuge in
Le Tour du Monde, Paris 1861, vol. I p. 194 also heißt: „Ndenge'e, la di-
vinit^ superieure des Vitiens, avait envoyd Lando-Alewa, une deesse, et Lando-
Tangam, un dieu, pour sceller au sein des eaux le Ndaveta-Leva [eine der
größten Fidschi-Inseln] ; mais tous deux s'^tant laissö surprendre dans l'exdcu-
tion de ce travail par les premieres clartes de l'aurore, furent metamorphosds
en rochers, qui forment le recif meme, dont nous venons de parier." (Dies
Riff befindet sich in der Nähe der genannten Insel.) Eine von der Simrocks
abweichende Erklärung dieser Vorstellung giebt Kuhn Herabkunft des Feuers
93. — S. 419 ,, Eiben borgen Verschiedenes von den Menschen
für ihre Hochzeiten und Feste." Nach dem Volksglauben in Dardistan
pflegen die unter der Erde wohnenden Dämonen bei ihren Hochzeiten ganz
ebenso zu verfahren und das Geliehene jederzeit richtig wiederzugeben.
S. Trübner 's Record no. 53 S. 647 nach Leitner's nächstens erscheinendem
Werke über Dardistan. ■ — S. 426 „Das Vieh, das vor der Unterwelt
weidet und dessen Hirt" vergleichen sich den Heerden des Hades und
dessen Hirt Menoitios. — S. 427 „Wer Speise und Trank der Unter-
irdischen genießt, ist ihnen verfallen und kann nicht mehr ins
Menschenleben zurück." Vgl. Müller und Schambach Nieders. Sagen
S. 373. Auch nach einem japanesischen Mythus kann die von ihrem Gemal,
dem Gott I-za-nagi bis in das Reich der Wurzeln (die Unterwelt; vgl. Nifl-
heim unter einer Wurzel Yggdrasils) verfolgte Göttin I-za-nami mit demsel-
ben nicht wieder zurückkehren, weil sie bereits an dem Herd der Unterwelt
gegessen (Pfizmaier Theogonie der Japaner, in den Sitzungsber. der phil.-
hist. Cl. der Wiener Akad. Bd. XLVII. S. 435). Hier haben wir die etwas
veränderte Sage von der in den Hades entführten Persephone und dem dort
genossenen Granatkern. Diese unterweltliche Frucht erinnert an den gleichar-
tigen Perseabaum, der in der egyptischen und anderen Mythologien eine so
hervorragende Rolle spielt, wie Jul, Braun nachgewiesen hat, s. dessen Natur-
geschichte der Sage II, 476 s. v. Baum des Lebens. Auch der Gegensatz
LITTERATUE. 219
kommt vor; so erzälilen die Bewohner der Tonga-Inseln, daß die Töchter des
Gottes Langi (Himmel) sich heimlich und gegen das ausdrückliche Verbot
ihres Vaters auf die Erde schlichen, ,,weil sie sich nach der Liebe der schö-
nen Männer von Tonga sehnen. Allein alle Fürsten gerathen beim Anblick
der schönen Himmlischen sofort in Streit, wer sie besitzen soll und kämpfen
so heftig, daß die Götter den Lärmen hören und rasch den Langi, um seine
Töchter zu strafen^ nach Tonga senden ; die eine war schon todt, denn sie
hatte irdische Speise genossen; die andere tödtet der erzürnte Vater. Dieser
Proserpinenmythus findet sich auch sonst in Polynesien. Vom Paradiese aus
fuhren einst die Götter nach den eben geschaflenen Tonga-Inseln, die ihnen so
gut gefielen, daß sie daselbst zu wohnen beschlossen und deßhalb ihren Kahn
zerbrachen. Allein kurze Zeit darauf starben einige von ihnen, die anderen,
entsetzt, versuchen wieder in ihre himmlische Heimat zurückzufahren, aber
umsonst. Die anderen Götter verkünden ihnen, weil sie Frucht der Erde ge-
gessen, seien sie nun selber sterblich." So nach Mariner's Tonga Islands bei
Gerland Altgriech. Märchen in der Odyssee. Magdeb. 1869 S. 24. Vgl. Kuhn
Herabkunft 83 Anm. — S. 427 „Tischchen deck dich." Amalthea , die
Tochter des Haimonios, hatte ein Stierhorn, welches, wie Pherekydes sagt, die
Kraft besaß, jede gewünschte Speise oder Trank im reichsten Maße herbei-
zuschaffen. Apollod. 2, 7, 5. In Frere's Old Deccan Days or Hindoo Fairy
Legends ist in dem Märchen Nr. 12, welches KM. Nr. 36 „Tischchen-
deckdich" entspricht, von einem Kruge die Rede, aus welchem man die
köstlichsten Speisen wol für hundert Personen herausnimmt, und je mehr
man herausnimmt, desto mehr bleibt immer darin (vgl. meine Anz. in den
Heidelb. Jahrb. 1869 S. 493). — S. 428 „Den Marmennil suchen die
Menschen in ihre Gewalt zu bringen, damit er ihnen weissage.
...Er hüllt sich aber gern in hartnäckiges Schweigen und
bricht es nur unwillkürlich." Es ist ein alter Zug, daß übermenschliche
Wesen die ihnen innewohnende höhere Weisheit nur gezwungen den Sterb-
lichen kund thun. Bekannt ist der Mythus von dem Satyr oder Silen, der
von Midas durch Mischung einer Quelle mit Wein berauscht, eingeschläfert
und gefangen wurde, dann aber seine Freiheit durch Mittheilung weiser und
verborgener Dinge wieder erhielt. Über die im Alterthum allgemein angenom-
mene Kunde der Satyre von den verborgenen Dingen s. Casaub. de Satyr.
Poesi p. 48. Halae 1774, vgl. Davis, zu Cic. Tusc. 1, 48. S. auch Kuhn
Herabkunft S. 33 — 36, wo zu den S. 34 angeführten Sagen noch hinzuzu-
fügen ist Straparola IV, 1 u. Schneller Märchen und Sagen aus Wälschtirol
S. 213 f. die Sage vom Salvanel (d. i. Salvauello, Silvanus). Hierher gehört
auch die von Kuhn a. a. O. u. Simrock (S. 565) nach dem mhd. Gedichte
„Salomons Lob" erwähnte Sage von dem Drachen, der erst, nachdem er be-
rauscht und gebunden ist, dem Könige ein zum Tempelbau nothwendiges Ge-
heimniß oflPenbart. Diese Sage stammt aus dem Talmud, wo aber statt des
Drachen der Geist Aschmedai eintritt; s. W. Schwartz Poetische Natur-
anschauungen, Berlin 1864. I, 79 (nach Eisenmenger). — S. 429 „Melu-
sine." Daß diese Fee böhmischen Ursprunges sei , dünkt mir nicht wahr-
scheinlich ; ihr Name kann durch das böhmische Volksbuch von derselben
(Gräße Lehrbuch 2, 3, 385) leicht unter dem Volke bekannt und von die-
sem dem geisterhaften Wesen beigelegt worden sein, von dem Grohmani,
15*
220 ' LITTERATUR.
spricht. Dagegen empfiehlt sich eine andere Conjunctur. Melissa war näm-
lich ein Bfeiname der Artemis-Selene und identisch mit der asiatischen My-
litta der Himmelskönigin (Melechet), diese aber ist dieselbe wie Astarte,
Atargatis, Derketo usw., sämmtlich Zeugungsgöttinnen und gewöhnlich, beson-
ders die letzteren beiden, an der unteren Hälfte in Fischgestalt dargestellt.
Hiervon ausgehend, sagt Baring-Grould Gurions Mjths of the Middle Ages,
Lond. 1868, n, 234: „The name Melissa was probably introduced into Gaul
by the Phocian colony at Massilia, the modern Marseilles, and passed into
the populär mythology of the Gallic Kelts as the title of nymphs, tili it was
finally appropriated by the Melusina of romance." Dieß ist um so wahr-
scheinlicher, als das erste Auftreten der Melusinensage (Gervas. p. 4) in der
nächsten Nähe von Marseille stattfindet; s. meinen Aufsatz Amor u. Psyche
usw. in Kuhn's Ztschr. f. vergl. Sprachf. 18, 64 (das dort erwähnte Städt-
chen Trets liegt zwischen Aix u. Marseille). Diese kleinasiatische Abstam-
mung also würde denn auch den Fischschweif der Melusine erklären. Daß
übrigens jene Bemerkung Gould's ursprünglich ihm selbst angehöre, möchte
ich bezweifeln, da er nur gar zu gern litterai-isches Eigenthum anderer, na-
mentlich deutscher Gelehrten sich stillschweigend aneignet; s. meine Anzeige
in den Heid. Jahrb. 1868 S. 644 ff. — S. 433 „Der Taterman ist wohl
von Tatern, Zittern benannt." Gelegentlich des altnl. tatolf habe ich in
meiner Anzeige von Kausler's Denkm. Bd. HI in den GGA. 1866 S. 1035
Folgendes bemerkt: „Dies Wort ist wahrscheinlich eine Nebenbildung von
tatrman und gebildet wie Rudolf, Ludolf, Morolf usw. s. Grimm, Gramm.
2, 330 — 334. Myth. 721 f. (über die Bedeutung der Ableitungssilbe -oZ/);
tatrman aber ist = (hölzerne) Puppe, Kobolt, s. Myth. 468 — 471, vgl. Sim-
rock Myth. 471 (2. Aufl.) und ist vielleicht aus dem engl, tatter (altn.
töti') zu erklären (Grimm 1. c. 470), wie eben auch tatolf muthmaßen läßt,
welches nach Kilian eigentlich eine Puppe für Schneider, die Kleider daran
anzupassen, bedeutet. Lumpen und Kleider werden oft durch das nämliche
Wort bezeichnet: so franz. chiffons, engl, buntings, lat. pannus, woraus
ital. panno Tuch und panni Kleider (span. pauo u. paiios), gr. Qaxog
(ßgaxog) ; also tatolf Lumpenpuppe, Kleidei-puppe, später wie tatrman, stum-
mes, hölzernes Koboldsbild und als solches für einfältig, dumm gebraucht.
Demnach wäre also die Bedeutung ,, Gliederpuppe für Schneider" die ältere
und dei'gleichen mögen allerdings schon früh im Gebrauch gewesen sein. Oder
wurden Götzen- und Koboldspuppen auch aus Lumpen und Fetzen gebunden
und hingestellt, so daß die Bedeutung „Gliederpuppe" die spätere ist?
Vgl. Grimm Myth. 469. 470. Doch bietet sich für tatrman (tatolf) auch noch
die wahrscheinlichere Ableitung aus Tater, Tatter, d. i. Tatar, wenn man sich
nämlich der Schilderungen des gräulichen Aussehens der Hunnen und Tata-
ren erinnert, wie sie uns die Schriftsteller des Mittelalters geben. Jene Wör-
ter bedeuteten dann also eigentlich Fratzenbild, dann aber Kobold. Das
-man in tatrman ist ein Anhängsel wie in Peterman, Heinzelman, popelman
{popel = Popanz) u. s. w." — S. 437 „R am s lohn". Was an dieser Stelle
nach Kuhn NS. 398 von dem diesen Namen tragenden Ahrenbüschel gesagt
ist, stammt, wie S. anführt, aus Menzels Odin 173, welcher letztere sich aber
versehen hat. Bei Kuhn S. 395 Nr. 99 nämlich (nicht Nr. 398, die nicht
vorhanden ist), steht Folgendes: „Im Saterland läßt man bei der Roggenernte
LITTERATUE. 221
einen Busch stehen, den man mit bunten Bändern umbindet; man nennt ihn
Peterbült oder Peterbölt. Scharrel und Ramslohe". Letztere beiden Namen
sind die der Dörfer, wo dieser Gebrauch herrscht; Menzel aber hielt sie für
Benennungen des Ährenbüschels und las überdies Ra ms lohn statt Rams-
lohe, so daß er irrthümlicherweise die von Simrock •wiederholten Folgerun-
gen daran knüiifte, die deßhalb wegfallen müssen. — S. 446 „Rattenfän-
ger von Hameln." „It is singular that a similar story should exist in
Abyssinia. It is related by Harrison in his ,,Highlands of Aethiopia", that the
Hadjiuji Madjuji are daemon-pipers , who, riding on a goat , traverse a ham-
let, and by their music, irresistibly draw the children after them to destruc-
tion." Baring Gould Myths etc.: 2, 158, vgl. oben Bd. XIV, S. 398 f. Noch
will ich auf eine nordgrönländische Sage hinweisen, die ich in den Heidelb.
Jahrb. 1869 S. 123 mitgetheilt und die demselben Sagenkreise anzugehören
scheint. Einem alten Manne wurde der Sechundfang durch das Geschrei von
Kindern zunichte gemacht, die sich in einer benachbarten Bergkluft mit einer
Anzahl junger Mädchen, ihren Wärterinnen, befanden und dort spielten. Dar-
über erbittert rief er aus: „Bergkluft, schließe dich!" Dies geschah alsobald
und die armen Geschöpfe waren sämmtlich in den Berg eingeschlossen. Die
kleinen Kinder fiengen an zu hungern und zu weinen und die Mädchen such-
ten sie zu trösten. Endlich nach langer Zeit kamen wirklich die Mütter und
brachten Wasser, das sie durch eine Spalte hinuntergössen. Da jene das Was-
ser sahen, drängten sie sich herbei und leckten es auf und die Mütter konn-
ten dies sehen, ihnen aber nicht weiter helfen. Endlich kamen jene alle vor
Hunger um. — S. 448 „Daß die Seele auch als Licht erscheint,
sehen wir aus den Märchen von den Probestücken des Meister-
diebes BM. 21. KM. 192." Ebenso in Simrocks Märchen Nr. 54. Die Stelle
im Theatrum de Voneficis (Frankfurt am Meyn 1586), worauf ich in meiner
Besprechung der letzteren in Benfey's Or. und Occ. 3, 376 hingewiesen, lautet
wie folgt: „Es schreibt auch jetztgemeldter Eras(mus) es sey eben der Pfar-
herr gewesen, der auflF den H. Pfingsttag lebendig Krebs auff dem kirchhoff
habe kriechen lassen mit angeheflPten brennenden wachßkertzlein. Da dieselben
bei den gräbern umbher krochen^ war es nachts erschrecklich, vnd dorfft nie-
mand nahe hinzugehen. Darvon w^ard ein groß geschrey. Wie jederman vbel
erschrocken war, stund der Pfarrherr an die Cantzel, vnnd sagt, es weren See-
len der abgestorbnen, die begerten dz man sie auß der großen noth durch
Messen vnd almusen wölte erlösen. Diser betrug ist bald hernach also offen-
bar worden: man hat ein krebs zwen in den steinen vnd scherben gefunden,
die der Pfarherr nit wider hat auffgelesen, an denen die wachskertzlin noch
gewesen sind." Diese Stelle stammt aus den Briefen des Erasmus 1. XXII
p. 854, woraus sie Ludovicus Lavaterus „Von Gespenstern, Ungehewren usw.
Theil I. Cap. 8 in dem genannten Theatrum S. 129 mittheilt. — S. 452 f.
„Hexenproben durch Werfen ins Wasser." Dieselbe fand bis vor
Kurzem zu Malwah in Hindostan ganz ebenso statt. Gervas. 188 Anm. 61.
Auch Steph. Byz. s. v. &ißa erzählt von einer zauberischen und Schaden stif-
tenden Völkerschaft im Pontus, deren Athem den Nahestehenden tödtlich sei
und deren Körper, ins Wasser geworfen, nicht untertauche (^xal ta GayLaxa
avTCOv Qtcpivxa eig %^äkaG6av ov xaradvovöt). Hier müssen lebende Per-
sonen gemeint sein, denn todte Körper schwimmen stets auf der Oberfläche
222 LITTERATUK.
des Wassers, was also nichts besonders wäre. — S. 454 „Helgi aber, der
zum dritten Male wiedergeboren war, hieb einst im Kampfe u. s.w."
Helgi war zwar als Haddingjaskati zum dritten Male geboren, aber nur zum
zweiten Male wiedergeboren. — S. 458 „Hexen reiten auf Besen." „The
witch's broom, or besom, appears to be not less ancient than her eauldron,
for it is known in the folk-lore of the Hindus as well as in that of the
west." „The Asiatic as well as the European witches practise their spells by
dancing at midnight, and the principal instrument they use on such occasions
is a broom." Asiatic An. Regist, 1801. Miscell. Tracts p. 31." Kelly Curio-
sities of Indo European Tradition etc. Lond. 1863 p. 225. — S. 458 „Nach
Myth. 992 heißt hugsa dalekarlisch Hexe. Wäre an hugjan den-
ken zu denken?" Auf isl. heißt hugsa denken, was noch näher liegt. —
S. 459 „Elsterncultus, welchen Gr. Myth. 640 nachweist", nämlich
Spuren desselben in Poitou. Der edle span. Frauenname Urraca dürfte also
doch wohl von der Elster (urraca) entliehen sein, wenn diese mythische An-
tecedentien hat, woran Diez (WB. H s. v.) nicht dachte. — S. 460 „Daß
die Todten geritten kommen, sehen wir aus Modgudrs Worten
zu Hermodr." Daß ehedem die Todten auch auf Pferden reitend nach dem
Grabe geführt wurden, zeigt Rochholz Aarg. Sag. 2, 22 f. — S. 478 „Über
die berüchtigte Semmelgeschichte Liebr. Germ. X, 109." Die be-
treifende Stelle steht bei Jean d'Outremeuse vol. HI (nicht H). — S. 479
„Die Kuh Sibilja, vor deren Gebrüll sich Niemand erhalten
konnte; daherpflegte sie der König Eystein mit in diu Schlacht
zu führen." Ihr entspricht (auch im Namen) die göttliche Kuh Sabala, die
durch ihr Brüllen dem Vasischta hundert Könige schafft, welche das Heer
Visvamitra's vernichten. Jul. Braun Naturgesch. der Sage 2, 431. Hieher ge-
hört auch wohl das von Herbelot s. v. Aschmuil (l, 424 der deutsch. Übers.)
Angeführte, wo es nämlich heißt: „Was aber die Schechinah, die über der
Bundeslade war und von welcher diese ihren Namen hatte, anlangt, so ver-
sichern die muselmännischen Schriftsteller, daß es das Bild eines Thieres ge-
wesen, das einem Leopard ähnlich gesehen, der, so oft als man die Bundeslade
gegen die Feinde des Volkes Gottes aufbrechen lassen, sich auf die Beine er-
hob und ein solches schreckliches Geschrei erhob, daß es sie ganz außer sich
brachte und zu Boden schlug." Man vergleiche auch noch was Holmboe in
seiner Abhandlung Om Civaisme i Europa S. 38 ff. (Vid.-Selskabets For-
handlinger for 1866. S. 217 ff. Christiania) über die sich sowohl in Indien,
wie im alten Norden findende göttliche Verehrung der Kühe mitgetheilt hat;
ferner die eiserne Kuh bei Mannhardt Germ. Mythen 51. — S. 484 „Hat-
ten die Alten so genaue Vorstellungen über dieLage des Embryo?"
Warum nicht? Sie erhielten dieselben freilich nicht auf dem anatomischen
Theater; aber in jenen wilden Zeiten, wo man die Kriege mit so unmensch-
licher Grausamkeit führte, mochte es nicht selten geschehen, daß schwangere
Frauen getödtet und ihnen der Leib aufgeschnitten wurde, was sogar noch in
neueren und neuesten Zeiten selbst unter Christen vorgekommen sein soll
(vgl. Liliencron', Volkslieder Nr. 157, Str. 9). Ich füge nun noch zu den
Germ. 10, 108 angeführten Beispielen einige andere, aus denen wiederum
erhellt, daß man unter den verschiedensten Völkern den Leibern der Gestor-
benen im Grabe die nämliche Stellung zu geben pflegte, die sie vor der Ge-
LITTERATUE. 223
burt im Schöße der Mutter eingenommen hatten. „Die Sitte, die Todten in
ziisammengekaiierter Stellung, die Knie nahe am Kinn und die Hände auf
der Brust gekreuzt zu begraben, reichte bis zu den Gruoytecas-Inseln [ganz
nahe bei der Insel Chiloe] , wie die natürlichen Mumien des Museums zu
Santiago beweisen." Augsb. AUg. Zeit. 1867 S. 2387. Im Museum zu Lima
befinden sich vier oder fünf Mumien von Inkas „assises dans une position
accroupie et la tete penchee." Eevue Moderne. Paris 1865 vol. 34 p. 54.
,,Nach Laurentius Lydus de mensibus IV, 26, p. 183, vgl. IV, 21, p. 177
ed. Eöther kehrt der Todte zu nochmaliger Geburt in den Mutterschoß der
Natur zurück. Alles was die erste Entstehung des Menschen auszeichnet, wie-
derholt sich nun. Die Empfängniss, die Schwangerschaft, das Wiegenalter kehrt
zurück. Die Gräber Unteritaliens liefern für jede dieser Entwickelungsstufen
entscheidende Denkmäler. Wir finden naturgetreue Nachbildungen des uterus
gravidus Die keltische Sitte, dem Leichnam im Grabe die Haltung und Lage
des Kindes im Mutterleibe zu geben, ist öfter, neuerlich selbst in der Provinz
Constantine beobachtet worden (Revue archeol. 1862 p. 524). Sie kann nur
als eine Äußerung des Glaubens an Wiedergeburt aufgefaßt werden. Etrurien
schließt sich an. Mehrere der Gräber von Marzabotto (am Eingange der Apennin -
thäler, zwei Stunden westlich von Bologna) .... wiederholen . . . die Form des
Uterus plenus, wie diese sich in den angeführten Terracotten darstellt." Bach-
ofen, die Unsterblichkeitslehre der orphischen Theologie u. s. w. Basel 1867
S. 37". 38*. Vgl. auch noch folgende von demselben in seiner Gräbersymbolik
Basel 1859 S. 91 angeführte Stelle aus Cic. de legg. 2, 22: „Redditur enim
terrae corpus, et ita locatum ac situm quasi operimento matris obducitur."
Zu wie falschen Ansichten die Unkenntniss dieser, wie wir gesehen, so alten
und weitverbreiteten Sitte Anlaß geben kann, erhellt z. B. aus folgender Nach-
i'icht des Journal de Liege vom 29. Mai 1861: „On nous dcrit de Hasselt le
28: En creusant de nouvelles caves sous la Soci^te Litteraire on a trouvd un
squelette humain parfaitement conservä, quoique, selon toutes les apparences,
il y ait sejourne depuis deux ä trois siecles. Ce squelette parait etre celui
d'un jeune homme de 25 ä 30 ans. La position, dans laquelle on l'a trouvd,
a fait d'abord supposer un crime mysterieux. II etait assis, le dos vout^,
la tete fortement courbee vers les genoux, les jambes repliees sur elles memes,
et la terre conservait parfaitement les traces des os du bassin. Hier on a de-
couvert six autres squelettes. Cette nouvelle decouverte semble prouver que
c'est dans cet endroit qu'on enterrait les suicides et les heretiques." Nicht von
einem christlichen Begräbnissorte für Selbstmörder und Ketzer, die man nie in
dieser Stellung begraben, sondern von einem alten keltischen handelt es sich
also hier, und der Grund der in Rede stehenden sich so vielfach wiederholen-
den Begräbnissweise dürfte ohne Zweifel der oben angegebene sein. — S. 485
„Kinder bei Neubauten in Grundwälle eingemauert." Zu meinem
von Simrock angeführten Aufsatz im Philol. 23, 679 füge noch den Nachtrag
ebend. 26, 727 ff. Daß die dort erwähnten Thieropfer auch noch jetzt vor-
kommen, zeigt ferner Wuttke Deutscher Aberglaube §. 439 (2. Ausg.); Rochholz
Aarg. Sag. 2, 19; dessen Glaube und Brauch 2, 144. Aus Guldalen in Nor-
wegen berichtet die Zeitschrift Folkevennen Kristiania 1859 VIII, 472:
„Kommer Sygdom i Faareflokken, og Gründen antages at vaere den , at de
Underjordiske ere fornaermede, slagtes et Faar paa den Maade, at Hovedet
224 LITTERATUR.
afliugges med en Oxe — da standser Sygdommen." — S. 492 „Seiden-
fäden, heilige Schnüre, eiserne Ketten um Kirchen." An der von
S. erwähnten Stelle Philol. 19, 582 habe ich die Hegung durch Fäden und
Schnüre besprochen (füge hinzu GGA. 1865 S. 464); die um die Kirchen
gelegten Ketten hingegen in den Heidelb. Jahrb. 1868 S. 652. Offenbar war
der ursprüngliche Sinn dieser Umhegung eine Schenkung des eingeschlossenen
Gebäudes oder Gebietes an die betreffende Gottheit, deren Bildsäule die En-
den des Bandes in die Hand gegeben wurden ; irre ich nicht, so finden sich
auch schon im Alterthum Beispiele davon. Noch führe ich folgende Strophe
eines altdänischen Volksliedes an: „Min kiaere Herre, lade wi det gaat — i
lade vore Land met Jernlencker beslaa! — daa kommer der ingen vd eller
ind — vden Told , Mand eller Quind." Svend Grundtvig Danmarks Gamle
Folkeviser Nr. 139 B. Str. 5 (HI, 281). — S. 493 „Über Baumwoh-
nungen und Baumgeburten Liebrecht Heidelb. Jahrb. 1866, 367
und Philol. 19, 582." Letzterer gehört nur hierher wegen der dort S. 583
mifgetheilten mongolischen Sage (wo zu lesen 1. serie V, 273 und weiter
unten grossesse st. guassesse)) zu ersteren (S. 867, nicht 367) füge hinzu
ebendas. 18G8 S. 93 f. GGA. 1868 S. 114 f. — S. 503 „Die Sudkunst
(seidr) scheint ihren Zauber unmittelbar aus dem Opferkessel
zu schöpfen. A. M. ist Maurer 136." Auch F. G. Bergmann in der
sehr lesenswerthen Abhandlung „Influence exercäe par les Slaves sur les Scan-
dinaves dans l'Antiquite. Colmar 1867, worin er namentlich den Ursprung und
die Bedeutung der Worte skald, völva und seidr bespricht, ist anderer Mei-
nung und bemerkt unter Anderem p. 13: „Le Seidr n'etait pas lui-meme un
chant magique ou une incantation, puisqu'il est dit, dans les traditions,
que les femmes qui pratiquaient le Seidr (Seidkonar), accompagnaient cette
Operation magique d'une incantation. Le Seidr n'etait pas non plus une
cuisson magique ou une Operation pratiquee moyennant le feu, comme
pourraient le faire croire les mots de sioda (cuir, bouillir; all. siden) et de
seydir (feu pour cuire), qui ressemblent ä seda (pratiquer le seidr) et k
seidr. Le nom de Seidberendr (Porteur de Seidr), par lequel on d^signait
les sorciers et les devins, indique que le seidr etait quelque chose de por-
tal if. Or, comme on ne porte pas le feu ni la cuisson, l'expression de
Seidberendr prouve egalement, que le seidr n'a pas etd une Operation
magique dans laquelle on se serait servi du feu ou de la cuisson." Bergmann
erklärt seidr also namentlich durch Vergleichung mit slavischen Wörtern für
einen Zauberstrick, eine Zauber schlinge, deren man sich bediente, um
Personen oder Dinge auf zauberische Weise zu binden oder zu schwächen.
Hierbei hätte er auf jene Stricke, Fesseln, Hafte hinweisen können, die in dem
ersten Merseburger Zauberspruch den Hauptgegenstand bilden, wobei zu be-
merken, daß es auch hier Weiber sind, die den Strickzauber üben, wie sonst
gewöhnlich den seidr. Dann erwähne ich auch noch das Nestelknüpfen, welches
gleichfalls ein mit einer Schnur oder einem Band geübter Zauber ist. Berg-
mann selbst zieht indeß eine zweite Erklärung des seidr vor, wonach er wie-
derum auf slavische Ausdrücke sich stützend, denselben für einen Siebzau-
b e r hält, indem mau durch das Zaubersieb gute oder böse Wirkungen her-
vorrief. Auch hier hätte Bergmann auf den sonst noch vielfach geübten Sieb-
zauber hinweisen können; s. Sirarock im Reg. 8. v. Sieb, Siebdrehen. —
LITTERATUK. 225
S. 503 „Atzmann". In Betreff dieses unter mannigfachen Völkern geübten
Zaubers s. Tylor, Über die Urgeschichte der Menschheit. Deutsche Übers.
S. 151 f. Ein weiteres Beispiel aus Indien wird augeführt in Henderson's No-
tes etc. p. 198, wonach ein Mann aus der Gegend von Pakunari in der
Nähe der Thür seines Hauses ein Holzbild vergraben fand, welches an ver-
schiedenen Stellen mit Nägeln durchbohrt war, damit er selbst an den näm-
lichen Theilen seines Körpers heimgesucht würde. — Ebend. „Man glaubte,
die Hexen könnten den Leuten das Herz aus dem Leibe essen."
Vgl. Schwartz, Die poet. Naturanschauungen u. s. w. 1, 19 und die von mir
in der Anzeige dieses Buches (Heid. Jahrb. 1864, S. 826) aus Pietro della
Valle's Reisen angeführte Stelle, die sich gleichfalls auf orientalischen Volks-
glauben bezieht. S. auch die Abhandlung von Rochholz „Das Märchen vom
gegessenen Herzen" in der Zeitschr. f. deutsche Philol. 1, 181 — 198. — S. 509
„Siebdrehen", Unter den Arabern besteht ein ähnlicher Aberglaube. Zu
dem Sprichwort: „Super hoc circumversus est urceus" bemerkt Freytag 2,
115 Nr. 103 Folgendes: „Proverbii hujus originem haue fuisse narrant. Ha-
riolus ut in domo furti auctorem cognoscat, inter duos indices posito urceo,
fascinationibus, quae flando fiimt, et incantationibus utitur. Tum, si furem se
inveuisse putat, urceus circumvertitur (dum hariolus ista verba dicit) et ad
personam furti ipsi suspectam pervenit. Proverbium significat, personam rei
notitiam habere vel ad eam rem spectare." — S. 510 „Unmittelbar sel-
ber schienen die Götter den Weg zu weisen, wo ihre an den
Hochsitzpfeilern ausgeschnitzten Bilder ans Ufer trieben,
M. 1094." Es wird vielleicht nicht unwillkommen sein, wenn ich aus meinem
Aufsatz „Nord und Süd" (Philol. 26, 729 f.) folgende hierher gehörige
Stelle wiedei'hole. „Mir scheint, daß auch Griechenland in ältester Zeit diese
Sitte kannte und Colonieuführer Götterbilder zu gleichem Zwecke aus den
Schiffen warfen; denn nur so gewinnt die Diomedes betreffende Sage, die
Tzetzes zu Lycophr. 615. 625 ff. anführt, einen rechten Sinn. Er erzählt
nämlich, daß dieser nach Italien ausgewanderte Heros wegen seines Sieges
über den Kolchischen Drachen in Daunien aus Steinen der ilischen Mauer,
die er als Ballast mitgebracht, sich selbst Bildsäulen errichtete, welche jedoch
von dem König Daunos, nachdem er den Diomedes getödtet, mit diesem selbst
in das Meer geworfen wurden ; aber sie tauchten iminer wieder empor und
nahmen ihre alten Plätze wieder ein ; so berichtete der Sicilier Timaeos und
Lykos. Diese Angabe nun, daß Diomedes sich selbst Bildsäulen errichtet,
klingt ziemlich ungereimt, erklärt sich aber in Verbindung mit der folgenden
von dem Wiederauftauchen derselben aus dem Meere sehr wohl, wenn man
annimmt, daß der ursprünglichen, später aber aus Unkenntniss verunstalteten
Sage nach ein griechischer Colonienführer, der wahrscheinlich seines Namens
wegen den Gott Diomedes als seinen besonderen Schutzgott verehrte und
daher Bildsäulen desselben (natürlich hölzerne) bei sich im Schiffe hatte, diese
in der Nähe der italienischen Küste auswarf und durch sie nach Daunien ge-
führt wurde, wo er sie in seinem neuen Wohnsitze ebenso wieder aufrichtete,
wie dies ohne Zweifel auch mit den Hochsitzsäulen der alten Nordländer nach
ihrer Landung geschah. Daß ferner diese Götterbilder des Diomedes nach des-
sen Tode durch einen feindlichen Häuptling ins Meer geworfen wurden, gleich-
wohl aber wieder ans Land schwammen, kann man dabei immerhin annehmen,
226 LITTERATUR.
dadurch gewänne sogar die Angabe von der mehrmaligen Wiederholung letz-
terer Thatsache ihre Erklärung." — S. 511 „Von der Hydromantie
macht Göthe Gebrauch im Großkophta, nur daß eine Glasku-
gel die Stelle des Wassers vertritt." Dies gleicht also der ELrystallo-
mantie, über welche 3. Düntzer in Scheible's Kloster 5, 118, der auch auf
Göthe verweist. — S. 513 „Heilende Hände . . . legten sich noch
spät die französischen Könige vielleicht als Siegfrieds Erbe
bei." Anderer Meinung ist Paulus Cassel Le Roi te touche. Berlin 1864;
er leitet die heilende Kraft der Könige von Christus her, dessen Stellvertreter
auf Erden jene seien. „Die Könige üben nicht mehr die Ceremonie aus, in
der sie Kranke berühren. Das Vorbild dessen, dem sie es uachgethan, steht
aber noch immer vor ihnen. Sie sind Hirten, sind Könige, sind Arzte. —
Sie haben die theuere Kraft zu weiden, zu regieren, zu heilen — mit Bei-
spiel, Herz und Geist und lebendigem, unerschütterlichem, wahrhaftigem
Glauben an den der spricht: — „Ich der Herr bin dein Arzt." — Halleluja!"
— S. 514 „Wenn man die Kranken durch ausgehöhlte Erde, hohle
Steine und gespaltene Bäume kriechen ließ, wurde durch diese
symbolische Handlung eine verjüngende Wiedergeburt beab-
sichtet. Liebr. Gerv. 170." An dieser Stelle habe ich unter Anderem auf
einen indischen Religionsgebrauch hingewiesen, wonach der die symbolische
Wiedergeburt Suchende sich in eine goldene Kuh einschliessen und dann
durch die Geburtstheile derselben herausziehen läßt. Dieser Umstand gibt
Aufklärung über folgende Notiz, welche unlängst die Augsb. Allg. Zeitung
1869 Nr. 255 S. 3941'' nach der Madras Mail brachte und worin es hieß:
„Eine andere nicht minder theuere Feierlichkeit soll nächstes Jahr stattfinden,
genannt Ernjagherpum, wobei Se. Hoheit fder Maharadschah von Travancor)
durch eine goldene Kuh gebt, die dann ebenfalls geistliches Eigenthum wird."
Was übrigens die Rolle der Kuh bei dieser symbolischen Handlung betrifft,
so stellte sie ohne Zweifel ursprünglich die große Erdmutter dar, aus deren
Schoß wir hervorgegangen, in welchen wir zurückkehren und aus dem wir,
ob wirklich oder symbolisch, auch wiedergeboren werden können; deßhalb
auch ließ der egyptische König Mykerinos seine Tochter in einer goldenen
Kuh begraben. Herod. 2, 129, wie Osii-is die Isis in einer hölzernen. Steph.
Byz. s. y. BovÖtQig. Diese ganze Anschauungsweise erklärt uns übrigens auch,
warum man, wie Simrock a. a. 0. bald darauf anführt, „Leichen zwischen
entzwei getheilten Wagen, die für heilige Geräthe galten, hindurchtragen,
des Falls verdächtige Mädchen hindurchgehen ließ." In ersterem Falle in Be-
zug auf die Leiche wird eine einstige Wiedergeburt symbolisch angedeutet.
Jedoch hierüber sowohl wie hinsichtlich der der Schwangerschaft verdächtigen
Mädchen verweise ich auf meine Anzeige von Wuttke's „Deutscher Aber-
glaube" in den Heid. Jahrb. 1869 S. 812 zu §. 695. — S. 516. Daß die
Dichtung von der Bildung des earknastein (1. iarhiasteinn) aus Kinderaugen
dadurch veranlaßt wurde, daß der Waise, pupillus an Augapfel erin-
nerte (vgl. Grimm DM. 1167 f.), glaube ich nicht. Die Vorstellung, daß die
Sehe des menschlichen Auges ursprünglich aus einem Edelstein gebildet sei,
mag wohl eine allgemeine und in der Wielandsage nur zufällig auch auf
Kinderaugen angewandt sein. Vgl. WB. 1, 812 s. v. Augenstein, und so
heißt es auch im neugriech. Lieds bei Passow Nr. 355: Kql^u tavs vcc
LITTERATUE. 227
q)ccr] 1^ yrj xct (idrta ra t,acpvQia^ — /7ot) Ta%uv ra QrlyoTiovka nstgacs gra
dax'f^v^.idicc. „Schade wäre es, wenn die Erde die saphierenen Augen ver-
zehrte, welche die Königskinder als Steine in den Ringen tragen könnten." —
S. 517 „Lyncurius". Dieser Stein sollte nicht aus den Augen des Luchses,
sondern aus dessen Harn entstanden sein , worauf schon der Name hin-
deutete, wie man glaubte, s. z. B. Plin. 8, 38 (57), der übrigens wie das
ganze Alterthum das Wort als Neutrum gebraucht (Lyncurium, AvyxovQiOv);
die männliche Form ist späteren Ursprunges. — S. 521 „Umzug mit dem
Bären." Dieser Bär erweckt die Frage, wie wohl dieses Thier zu der ihm bei
mancherlei deutschen Volksfesten zugetheilten Eolle gekommen sein mag
(vgl. Kuhn und Schwartz NS. im Reg. s. v. Bär), da es doch sonst im ger-
manischen Alterthum, außer in der Thierfabel, fast gar nicht auftritt. Mir
scheint hier deßhalb eine schon vor langer Zeit eingetretene Verwechslung zu
Grunde zu liegen, indem Bär auch einen Bachen oder Eber bedeutet (WB.
1, 1124), welcher letztere als Fro's Thier bei jenen Festen weit mehr an
seiner Stelle wäre, so z. B. zu Lätare in Halberstadt^ wo St. Stephan auf
Fro zu weisen scheint (Simrock 245); zu Weihnachten (NS. 403), wo ja
der sonargöltr (jetzt in Schweden julgalt) eine so große Rolle spielte, wie
auch jetzt noch nach geldrischem Aberglauben Derk mit dem Beer (Dietrich,
d. i. wahrscheinlich Fro , mit dem Beer) in der Christnacht seinen Umzug
hält; ferner bei Hochzeiten (NS. 433 Nr. 281), wo das Thier des Gottes der
Fruchtbarkeit und des Ehesegens gleichfalls besser hingehörte als der Bär;
ebenso tritt zu Pfingsten ein Bär auf (NS. 384), dagegen in Dänemark der
gadebasse, was Grimm DM. 736 durch „Gassenbär" erklärt und mit diesem
Bär wiederum Eber gemeint ist; denn das dän. basse bedeutet nur letztern,
obwohl Grimm wegen des altn. bassi, Bär und Eber, es für erstem genommen
hat. Deshalb auch wird ferner bei dem DM. 745 erwähnten Wildifer (Wilde-
for) nicht die Bärenhaut, sondern der Name das Ursprüngliche und letztere
nur später hinzugefügt sein, um einen vermummten Tanzbären zu erhalten.
Auch Wilhelm Grimm nimmt an, Wildeber werde wohl, wie der Name schon
anzeigt, nicht als Bär, sondern als gezähmter Eber umhergezogen sein
(Heldens. 30. 388. Erste Aufl.) — S. 552 „Man darf vermuthen, daß
Skakespeare, dem die alte Symbolik so lebendig war, eben aus
diesem Grunde die Hochzeit des Theseus mit der Hippolyta auf
Maitag legte." In England sind jedoch Hochzeiten im Mai sehr verpönt.
„It is a common notion amongst ladies that May-marriages are unlucky."
Choice Notes from Notes and Queries 1, 190 f., wo dieser Aberglaube auf
den römischen (Mense malas Maio nubere vulgus ait. Ov. Fast. 5, 490) zu-
rückgeführt und erwähnt wird, daß er um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
auch in Italien noch bestand, wie er jetzt noch in Frankreich allgemein unter
dem Volke sich findet, so daß in Berry sogar jede unter üblen Anspielen ge-
schlossene Hochzeit eine Maihochzeit (mariage de mai) heißt. Edel. Du
M^ril Etudes sur quelques points d'Arch^ol. Paris 1862 p. 121. — S. 558
„Eine große Menge Figuren ist bei dem schwäbischen P fingst-
ritt betheiligt." Einen gleichfalls mit zahlreichen Figuren versehenen
alten Pfingstzug durch die Straßen von Huy (an der Maas, nicht weit von
Lüttich) schildert Alberic. Trium Font, ad ann. 1224 (2, 513) auf folgende
Weise: „Universitas Hoyensium tam senes quam juvenes masculini sexus an-
228 LITTERATUR.
tiqnos ludos, vestibus mulierum induti, barbis rasis, redncunt ad
memoriam: habebant enim praecellentes personas secundum diversitates loco-
rum, Imperatorem videlicet, Regem, Ducem, Comitem et Abbatem. Quidam
eorum erant armati loricis et galeis fulgentibus, gladiosque nudos portantes
in manibus suis: pellifices habebant pellicea grisea et vulpina deforis pilos
habentia, et omnes alii, prout poterant, ad modum mulierum erant ador-
nati, qui quomodolibet [quolibet; Chapeav. 2, 241 nach dem Magnum Cbron.
Belgic] die festi pentecostes, nullo domi remauente, ibant processionaliter bini
et bini per vicos et plateas cantando et ad diversa loca extra oppidum cho-
reas dicendo [ducendo. Chap.]" Bemerkenswerth sind hier besonders die als
Frauen verkleideten Männer und man denkt dabei an den von Tacit. Germ.
43 erwähnten Priester in weiblicher Tracht; vgl. Kuhn, Mark. Sag. S. 346,
wonach in der ehemaligen Grafschaft Ruppin in der dem Weihnachtsfest zu-
nächst voraufgehenden Woche auf dem Lande ein Umzug gehalten wird, wo-
bei mehrere Bursche sich als Weiber verkleiden und „die Feien" heißen.
Ebenso ziehen in der Woche vor Ostern die jungen Bursche in Ost-Lancashire
auf dem Lande umher, wobei die einen Instrumente spielen, die anderen tan-
zen und sich gelegentlich auch junge Frauenzimmer anschließen, in welchem
Falle sie Männerkleidung, die Bui-schen dagegen Frauenkleidung tragen. Man
erinnert sich bei diesem Kleidertausch an die Feste, welche einst in Vorder-
asien zu Ehren der Aschera, des Baal-Melkart usw. auf gleiche Weise ge-
feiert wurden; s. Bachofen, Die Sage von Tanaquil S. 52 f. Anm. 19. Chwol-
son. Die Ssabier und der Ssabismus 2, 470. 731 n. 95. — S. 571 „Liebrecht
He id. Jahrb. 1868 Nr. 6." Nicht ich, sondern der das. S. 82 ron mir an-
geführte Bastian sieht in dem dort erwähnten Gebrauch der Naturvölker eine
Spur deutschen Volksglaubens. Diese Gelegenheit zur Ausübung des suum
cuique will ich zu der Bemerkung benützen, daß meine von Simrock 507
berührte Zurückführung von main de gloire auf mandragora, wie ich
erst später wahrnahm, sich bereits DM. 1155 findet.
Hiermit schließe ich die Heihe der Einzelnheiten, die sich mir bei Le-
sung der neuen Auflage von S.'s Myth. geboten und komme nun auf ein
anderes Capitel, das bei fast allen in Deutschland gedruckten Büchern eine
ebenso große wie unangenehme und störende Rolle spielt; ich meine das der
Druckfehler; leider ist dies hier kein sehr kurzes, was um so mehr zu be-
dauern, als die betreuenden Irrthümer meist sich auf Citate beziehen. Da nun
dieselben sich oft sogar in allen dreien oder doch den zwei letzten Ausgaben
wiederholen, so will ich die wichtigsten, so v/eit sie mir aufgefallen, hier ver-
zeichnen und hoffe damit einen nicht unwillkommenen Dienst zu erweisen.
Also S. 30 Z. 7 lies 58; — 93, 4 1. 90; — 130, 12 v. u. 1. 1868; —
cbend. 11 v. u. st. Tripe 1. Tere; — 135, 8 st. werthe Fürsten 1. bewährte
Leute; — 139, 11 1. un verlorenen; — ebend. 13 1. verlorenen; — 171, 4
V. u. I. Wölsung; — 178, 9 v. u. 1. jedes; — 185, 3 v. u. 1. VII; —
199, 4 1. 481; — 234, 3 statt f. M. S. lies f. M. ; — 235, 10 1. Lokh-
man und Villano; ebend. 11 1. 260; — 240, 10 st. Sohn 1. Gatte; —
258, 19 1. Lex; — 260, 7 1. v. d. Hagens German. 1, 288; — 275, 19 1. GDS.;
— ebend. 29 1. 19; — 277, 12 v. u. 1. heimskastr; — 285, 18 1. Nr. 92 S. 41;
— 316, 2 1. RA. 901; — 356, 13 v. u. 1. 56; — 317, 7 v. u. st. 32 1. 31; —
320, 4 v. u. 1. 56; — ebend. letzte Zeile 1. Antwerpen und Manneken-Pis ; —
LTTTERATUR . 229
324, 10 St. MW. 1. WM.; — 325, 5 1. Sta£fordshire ; — 328, 3 2. 13 1. von
Freyja auf Frigg; — 331, 6 statt der 1. den; — 347, 3 v. u. 1. 65; — 352, 6
V. u. 1. aux neiges; — 355, 17 v. u. 1. angulus; — 362, 9 v. u. 1. 173; —
370, 19 V. u. St. 645 1. I, 6; — 377, 7 st. Wanzen 1. Warzen; — 3 79, 4 v. u. 1.
Twelfth; — 382, 16 v. u. st. Jnk 1. Ink; — 401, 7 1. 177; — 418, 10 v. u. st.
sie 1. die draci; — ebend. 9 v. u. 1. 988; — ebend. 8 v. u. 1. ihren schwachen
Abkömmlingen; — 430, 3 1. welchen; — 432, 3 1. verlangen; — 435, 6
V. u. I. 479; — 446, 18 1. 229; — 457, 2 v. u. 1. kveldridur; — 465, 5
V. u. 1. das anderemal Skirnir für den Freund; — 501, 20 1. S. 394; —
506, 13 1. veum; — 511, 17 v. u. 1. VI; — 512, 14 v. u. 1. 1115; — 531, 8
V. u. 1. So erzählt man in Eichsfeld; — 541, 8 1. twelve; — 543, 19 1. von
ihm; — 553, 23 1. der der Hochzeit; — 571, 20 1. MS. 363; — 583, 15
]. 478.
Ich will hier nur noch auf einige der bereits erwähnten größeren Zusätze
zu dieser neuen Auflage zurückkommen ; sie befinden sich fast alle in dem
späteren Theil; so z. B. der ganz neue §. 130" (S. 464 — 470), worin sämmt-
liche in dem ganzen Werke an verschiedenen Stellen dargelegte Berührungen
der Götter- und Heldensage übersichtlich zusammengestellt sind; der §. 145
hat auf S. 541 — 547 eine anziehende Erweiterung erhalten, worin die Nach-
wirkung und die Spuren der Vorliebe der alten Deutschen für den „grünen
Wald" auch in heute noch vorhandenen Sitten und Gebräuchen nachgewiesen
werden; auf S. 551 — 554 findet sich das Hauptsächlichste wiedergegeben aus
der Abhandlung, welche S. seiner Übertragung von Shakesi'Care's Midsummer-
night's Dream (Hildburgh. 1868) beigefügt und worin er sich darüber
rechtfertigt, daß er jene Benennung durch „Walpurgisnachtstraum" wieder-
gegeben u. s. w. Von kürzeren Zusätzen hebe ich nur den auf S. 260 hervor,
woraus erhellt, daß S. die so schöne Darlegung Uhlands (Schriften VII, 567
bis 588) in Betreff des Entstehens der Sage vom Herzog Ernst für nicht
zutreffend erachtet und statt einer historischen Grundlage derselben eine mythische
annimmt, die nähere Ausführung dieser Ansicht aber sich vorbehält. Anderes
übergehe ich und will nur noch mit vorzüglichem Lobe das Register erwähnen,
welches in dieser Auflage mit ganz besonderer Sorgfalt gearbeitet ist und zur
bequemen Benutzung der „Mythologie", die sich eine so hervorragende und
wohlverdiente Stelle auf dem Gebiete, dem sie angehört, erworben, nicht wenig
beitragen, so wie dieselbe immer weiteren Kreisen zur Belehrung nahe brin-
gen wird.
LÜTTICH. F. LIEBRECHT.
Kumpelt, Dr. H. B. , das natürliche System der Sprachlaute und sein Ver-
hältniss zu den wichtigsten Cultursprachen mit besonderer Rücksicht auf
deutsche Grammatik und Orthographie. Halle 1869. 8.
Es ist eine verdienstliche Aufgabe, die hier auf eine sehr ansprechende
Weise gelöst wird. Physiologie und Linguistik sind hier zum erstenmale in
geordneter Systematik mit einander verbunden und die Resultate ihrer natur-
gemäß getrennten Arbeit als ein Ganzes in übersichtlicher und klarer Darstellung
vorgelegt. Die populäre Haltung eines solchen Buches rechtfertigt sich von
230 LITTERATUR.
selbst; sie ist in diesem besondern Falle, wo sie auf gründlicher Sachkenntniss
nach beiden Seiten hin beruht, um so berechtigter, als es sich um die Ver-
breitung großer wissenschaftlicher Thatsachen von allgemeiner Gültigkeit und
nicht bloß um die isolierte Berücksichtigung einer einzelnen Sprache oder Sprach-
erscheinung handelt, obwohl selbstverständlich, wie auch der Titel anzeigt, die
Erscheinungen unserer deutschen Sprache den Ausgang und das Ziel der Unter-
suchungen bilden.
Je mehr aber dieses Buch nicht bloß dazu bestimmt ist, eine bisher
schmerzlich empfundene Lücke auszufüllen, sondern durch Form und Inhalt
sich ohne Zweifel in einem ausgedehnten Leserkreise wohlverdiente Anerkennung
und Autorität erwerben wird, um so mehr scheint es gerathen auf einige Punkte
hinzuweisen, wo nach unserem Bedünken die Ansichten des Verfassers oder
seiner Gewährsmänner einiger Beschränkung oder Erweiterung bedürfen. Wir
glauben damit der Sache, die er mit so vielem Talente und Eifer vertritt, am
besten förderlich zu sein , wenn wir gewisse Einseitigkeiten , wie sie sich auf
so natürliche Weise bei den Vertretern eines relativ neuen wissenschaftlichen
Principes geltend zu machen pflegen, in dem Flusse einer unbefangenen und
wahrhaft objectiven Kritik aufzulösen bestrebt sind. Denn es ist keine Frage,
daß unsere Linguistik im Durchschnitt noch viel zu wenig die Ergebnisse der
naturwissenschaftlichen oder physiologischen Betrachtung der Sprachlaute sich
zu eigen gemacht hat, aber es ist ebenso wenig fraglich, daß ihr der Zutritt
zu diesem Felde nicht gerade durch ein Entgegenkommen von jener Seite er-
leichtert worden ist.
Zuvörderst constatieren wir diese Thatsache, von der wir herzlich wünschen
und auch mit Zuversicht hoffen, daß sie recht bald ein überwundener Stand-
punkt heißen möge. Es scheint uns nämlich, als wenn der Verfasser dieses
Buches in einer gewissen Verstimmung, wie sie sich ja so leicht gegenüber der
vis inertiae des Publicums bei einem eifrigen und von seinem Stoffe ganz er-
füllten Forscher zu erzeugen pflegt, doch mit etwas zu schwarzer, oder wenn
man lieber will grauer Farbe den gegenwärtigen Zustand der Liiutlehre, ins-
besondere auf dem Specialgebiete der deutschen Grammatik gemalt hätte. Es
ist wahr, Jacob Grimm ist niemals auf die physiologische Seite des Lautwesens
consequent eingegangen, weil ihm dazu, wie es seheint, ebensowohl die Neigung
wie die Vorkenntnisse gebrachen. Doch hat er wenigstens überall, wie ja auch
Hr. R. oft genug erwähnt, auch dem lebendigen Klange nachzuspüren getrachtet,
so gut er es nach seinen empirischen und sporadischen Hülfsmitteln vermochte.
Daß er sich dabei mitunter geirrt, daß er namentlich die urkundlich fixierte
Gestalt des Buchstabens als das Maßgebende betrachtet und von dieser aus
seine Folgerungen auf das Wesen des dadurch dargestellten Lautes nicht immer
das richtige treffen konnte, ist ein offenbares Geheimniss, wenn es auch noch
nicht oft mit so rückhaltloser Schärfe, wie es hier geschieht, dargelegt worden
ist. Daß sich manche unter seinen Schülern und Nachfolgern — und wer,
der wissenschaftlichen Sprachstudien ergeben ist, wird es sich nicht zur Ehre
anrechnen, zu den einen oder den andern, oder in gewissem Sinne zu beiden
zu gehören — mit den physiologischen Irrthümern des Meisters zufrieden gaben
oder neue damit verbanden, ist unläugbar. Doch ist damit weder der Fortsetzung
und weiteren Durchführung des großen von Jacob Grimm begonnenen Werkes
einer wahrhaft historischen Betrachtung der Sprache überhaupt und der deut-
LITTERÄ.TUR . 231
sehen insbesondere, noch dem physiologischen Erkenntniss der Lautvorgänge
ein wesentlicher Eintrag geschehen. Datiert die letztere, so weit sie von der
Hand der eigentlichen Sachverständigen geschaffen ist, überhaupt doch erst aus
dem letzten Jahrzehent, denn was vor 1856, vor Brücke's Grundzügen, auf
diesem Gebiete geleistet war, muß doch bei allem Verdienste im Einzelnen als
unzureichend gelten. Der Linguistik ist also erst seit verhältnissmäßig kurzer
Zeit Gelegenheit gegeben, die physiologischen Hülfsmittel, die sie aus sich her-
aus unmöglich schaffen konnte, zu benützen, und wenn man die Kürze der
Zeit ei-wägt, kann man billigerweise mit dem Erfolge nur zufrieden sein. Es
bedarf nur der Verweisung auf Rudolf v. Raumer, der das Lautsystem der
deutschen Sprache in seinen sprachwissenschaftlichen Abhandlungen beinahe von
allen Seiten her und an allen Stellen mit seiner ebenso gründlichen wie licht-
vollen Methode gewissenhaftester Prüfung des Thatbestandes wie kein Anderer
aufgestellt hat. Aus ihnen allein ließe sich eine systematische Darstellung des-
selben herstellen, die wenig Lücken und noch weniger erhebliche Irrthümer
zeigen würde. Hr. R. läßt den eminenten Verdiensten dieses Forschers, wie sich
von selbst versteht, die gebührende Anerkennung zu Theil werden, aber er steht
damit nicht allein. Ein Blick auf die neuere linguistische, speciell germanistische
Litteratur zeigt, daß alle Mitstrebenden die Leistungen eines so hervorragenden
echten Schülers und Nachfolgeis von Jacob Grimm wohl zu würdigen und zu
vei-wenden wissen. Es ist damit zugleich die Thatsache auf die glänzendste
Weise festgestellt, daß die streng historische und die exact physiologische Be-
trachtung der Sprache von einem und demselben Forscher mit gleicher Meister-
schaft gehandhabt werden kann, und diese Thatsache genügt, um den großen
Fortschritt, der aus dieser Verknüpfung für die Linguistik hervorgeht, gegen
alle antiquierten Vorurtheile, gegen die Bequemlichkeit und Trägheit, aber auch
gegen den allzu jähen Eifer einseitiger Vorliebe für die bloß naturwissenschaft-
liche Betrachtungsweise der Sprache sicherzustellen. Auch dieser ist der Sache
nur schädlich , und gibt sich , wie ein Blick auf so manche exclusiv physio-
logische Erklärungsversuche der Sprachprocesse beweist, welche die neueste
Zeit hervorgebracht hat, arge Blößen. Denn eine unbefangene, von allgemein
wissenschaftlicher Durchbildung getragene Erwägung des Sachverhalts wird bald
erkennen, daß doch immer nur ein relativ kleiner Theil des ganzen Sprach-
lebens vor der Loupe oder unter dem Kehlkopfspiegel der Physiologen sichtbar
oder gar verständlich wird.
I. Die erste Veranlassung, nach unserer Absicht Einiges zur Erläuterung
und Verständigung zuzufügen, gibt uns eine Anmerkung auf p. 37: „Den Laut-
werth der Vocale nach ihrer etymologischen Herkunft bestimmen zu wollen,
ist ein äußerst mißliches Unternehmen. Insbesondere ist die Behauptung J. Grimm's,
das deutsche e habe einen verschiedenen Laut, je nachdem es aus a oder aus i
stamme, nur mit der größten Behutsamkeit aufzunehmen und für weite Land-
striche ganz gewiß falsch." Zuvörderst behauptet J. Grimm den Unterschied
der beiden e nur „für die Hauptfalle" D. G. 1^, 220, ohne freilich zu be-
stimmen, was er darunter meint. Eine durchgreifende Zusammenstellung und
Untersuchung aller e-Laute der gegenwärtigen Sprache, in ihrem Lautwerthe
verglichen mit dem der früheren Zeit, kurzweg des Mhd. ist weder von ihm,
noch — so viel wir wissen — von irgend einem Andern versucht worden. Und
doch wäre dieß eine unerläßliche Vorarbeit; ehe sie gemacht ist, wird es allen-
232 LITTERATUK.
falls erlaubt sein, wie es hier geschieht, sich mit allgemeinen Muthmaßungen
in der Form von Behauptungen zu begnügen, aber der Linguistik erwächst
daraus kein Gewinn. Eine solche Untersuchung wäre sicherlich unendlich schwierig,
aber ihre Ergebnisse würden die Mühe belohnen. Sie müßte zuerst eine Statistik
der gegenwärtig lebendigen Aussprache des Schriftdeutschen durch ganz Deutsch-
land geben und nachweisen, wie die verschiedenen hier in Frage kommenden
Buchstaben und Buchstabenverbindungen e, d', ae, ee, eh, äh wirklich lauten ;
daran würde sich eine ebenso sorgfältige Statistik der Aussprache im eigent-
lichen Volksmund schließen, und beides zusammen wäre dann mit der gebildeten
mhd. Aussprache und mit dem, was wir von den eigentlichen Volksmundarten
jener Periode wissen, zusammenzuhalten. Die mhd. Schreibweise, die in aus-
gedehnter Weise phonetisch ist, erleichtert diese an sich sehr bedenkliche Unter-
suchung in etwas, ebenso gibt der Reimgebrauch der feinhörigen Dichter des
Mittelalters bekanntlich auch für die meisten Fälle eine sichere Handhabe. Aus
beiden Hülfsmittelu läßt sich wenigstens entnehmen, in welchen Fällen eine
Identität des Lautes stattgefunden haben muß , und in welchen trotz der glei-
chen Schreibung e, was für die sog. Brechung, den Umlaut und die aus früherem
Diphthong entstandene Länge in gleicher Weise zur Verwendung kommt, doch
eine erhebliche Differenz im Lautwerth angenommen werden darf. Wie freilich
der lebendige Laut des Mhd. selbst in dieser seiner Verschiedenartigkeit ge-
klungen habe, läßt sich nur vermuthen, aber nicht beweisen. Gewöhnlich wird
angenommen, das aus dem i entstandene e sei unserem sog. geschlossenen, das
aus dem a entstandene unserem offenen gleichzustellen; e, wie wir es in unseren
kritischen Ausgaben, die Handschriften aber bekanntlich sehr selten bezeichnen,
unterschiede sich im Bereiche der Längen dann ebenso von ae. Indessen lassen
sich doch auch, worauf wir schon bei anderer Gelegenheit aufmerksam machten,
sehr erhebliche Gründe für die entgegengesetzte Auffassung anführen. Der
Gegenstand möchte für die Bestimmung des heutigen Lautwevthes insofern eine
nicht bloß archäologische Bedeutung haben, als es nicht gleichgültig ist, zu
wissen, ob die heutige Aussprache erst der modernen Zeit angehört, oder im
Wesentlichen schon vor 700 Jahren vorhanden war, und deßhalb sei er der
Forschung angelegentlichst empfohlen, die ihn bisher wenig beachtet hat. Der
gegenwärtige Lautstand des e aber ist im Großen und Ganzen eben doch kein
anderer, als ihn J. Grimm bezeichnete, nur daß mit seinen „Hauptfällen" wenig
geholfen ist. Kurz zusammengefaßt liegt die Sache so: alle deutschen Dialecte
ohne Ausnahme , §o weit sie wirklich noch die ungestörte Volkssprache dar-
stellen, unterscheiden zwei e-Laute — abgesehen von den vielen möglichen
und wirklichen Nuancen — die im Wesentlichen sich unter die Terminologie
eines offenen und eines geschlossenen bringen lassen. Daß der erstere bis nahe
an ein wirkliches a herandringen und von einem weniger scharfen Gehör geradezu
für ein solches genommen werden kann, ändert so wenig an diesem Haupt-
und Grundverhältniss, wie die andere Thatsache, daß das geschlossene e mund-
artlich bis nahe an's i zu streifen und mit ihm verwechselt zu werden pflegt.
Prüft man die Vertheilung dieser beiden Laute nach den Postulaten der Sprach-
geschichte, so ergibt sich, daß der erstere dem mhd. e, um diese allgemein
geläufige Bezeichnung zu gebrauchen, der andere dem e entspricht. Ausnahmen
sind zugegeben, aber sie werden sich alle unter feste Gesetze bringen lassen:
entweder hat der Einfluss folgender Consonanten oder eine falsche Analogie,
LITTERATUR. 233
die nicht bloß die „Gebildeten" oder Buehgelehrten, sondern auch das „naive
Volk" recht oft auf Irrwege leitet, sich eingedrängt. Das eine ist unzweifelhaft
vor der Consonantenverb. rd, rt, rz geschehen, wo die meisten Mundarten nur
e. dulden, was sogar in die gemeinschriftdeutsche Aussprache übei'gegangen ist,
das andere scheint nur in vereinzelten Beispielen und am meisten in solchen
Mundarten aufzutreten, die einer vielfachen Berührung mit undeutschen Sprach-
elementen ausgesetzt waren. Wenn sich Hr. R. gegen J. Grimm's Axiom auf
seine schlesische Volksmundart beruft, die regen pluvia nicht von regen movere
unterscheide, so geben wir die Thatsache zu, d. h. Jedermann wird diese Aus-
sprache leicht vernehmen können, aber bei einiger Aufmerksamkeit wird er in
den Grenzen desselben Dialectes noch einer ganz andern begegnen, die beide
Wörter sehr wohl von einander trennt, und entweder ragen und regen, oder
wohl auch ragen und riägen mit dem so beliebten „halben" Diphthonge, oder
auch regen und riegen zu sprechen versteht. Der Volksmund hat auch überall
sich die Fähigkeit bewahrt, die Hr. R. an einer andern Stelle dem heutigen
deutschen Organ abspricht, c als wirkliche Kürze zu sprechen, und zwar nicht
bloß vor Consonantenhäufungen, wie in ende, held oder in allen den Fällen,
wo die nhd. Orthographie aus etymologischen Gründen ä schreibt, um den
ursprünglichen Vocal des Thema's zu bezeichnen, also z. B. in loände, hände,
von wand, hand, obwohl — setzen wir hinzu — der Einfluss der Schule oder
der höheren Bildungssprache dieses nicht bloß historisch berechtigte e mehr
und mehr verdrängt. Wo sich eine deutsche Mundart überhaupt die Fähigkeit
bewahrt hat, die altberechtigten kurzen Vocale vor einfachem Consouant zu
sprechen, wie es noch in vielen Landstx-ichen des Südwestens gehört wird,
da ist auch noch immer ein wirkliches reden, legen, heben, nicht ein reden,
legen etc. zu vernehmen, der Quantität und möglicherweise auch der Qualität
nach identisch mit dem mhd. Laute, der uns freilich vom streng historischen
Standpunkt, weil Umlaut des a, als ein e zu gelten pflegt.
Die „gebildete" Aussprache hat dieß natürliche Verhältniss ohne Zweifel
sehr oft verrückt — wie wäre sie sonst gebildet, wenn sie es nicht gethan
hätte? — aber ganz zerstören konnte sie es doch nicht. Hr. R. möge sich
nur hüten, zufälligen Spielarten des Lautes, wie er sie in seiner nächsten
Umgebung vernimmt, irgend eine Allgemeingültigkeit zuzuschreiben; wenn die
(d. h. manche) „Gebildeten" regen pluvia und regen movere nicht von ein-
ander unterscheiden, so haben wir doch schon nachgewiesen, daß es das Volk
noch sehr wohl versteht, und anderwärts verstehen es auch solche, die nicht
zu dem Volke in diesem Sinne zählen. Es ist wahr, die Schule und falsche
Analogie, wie sie sich so begreiflich aber doch so störend in eine wesentlich
auf reflectierter Handhabung beruhende Schriftsprache einzudrängen pflegt,
haben z. B. dem Umlaut des «, weil er graphisch mit ä bezeichnet wird, ganz
gegen die sonst instiuctiv befolgte Regel den Werth eines ofi'enen e gegeben,
so daß e in Hände ebenso klingt wie in geben, und die Volkssprache fügt sich
dieser Verunstaltung mehr und mehr. Denn eine Verunstaltung wird es nicht
vom pedantischen Standpunkt des archäologischen Linguisten, sondern von dem
wahrhaft frei- und weitsichtigen des lebendigen Kenners der Sprache heißen
müssen, wenn zwei Laute, die dazu bestimmt sind, unzählige Wörter und Formen
auseinanderzuhalten und die ohnehin so bedenkliche Monotonie in der sinnlichen
Erscheinung der Muttersprache auf das energischste zu unterbrechen, zusammen-
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 16
234 LITTERATLTE.
gewürfelt werden. Wo ein deutscher Sprachunterricht existiert, erscheint es uns
als eine seiner wesentlichsten Aufgaben , klar in das Sachverhältniss zu sehen
und nicht zu weiterer Verunstaltung der Muttersprache, also zu dem Gegentheil
dessen, wozu er bestimmt ist, beizutragen.
Wir haben bisher nur das Verhältniss der jetzigen e-Laute zu den mhd.
Kürzen besprochen. Die andere Seite, das Verhältniss zu den mhd. Ijängen
e und ae, bietet größere Schwierigkeiten, weßhalb wir es hier auf sich beruhen
lassen. Nur das Ergebniss sei kurz ausgesprochen; auch hier ist die berechtigte
Doppelnatur des e bis heute von allen Mundarten gewahrt, und nur hie und
da in der gebildeten Sprache verstört aber nicht zerstört.
II. Die Bezeichnung der vocalischen Länge im Neuhochd. ist begreiflich
auch hier ein Gregenstand der Erörterung. Alle Systematiker sind darüber einver-
standen, daß die jetzige Inconsequenz nicht länger haltbar sei. Die Mittel der
Abhülfe werden bekanntlich sehr verschieden gewählt. Die eigentliche Praxis
geht inzwischen langsam, aber consequent auf ein bestimmtes Ziel los, nämlich
alle besondere Bezeichnung der Quantität ganz aufzugeben. Die Doppelvocal-
zeichen sind auf diese Art schon fast beseitigt und sehr viele k mit ihnen. Da
es so steht, wird man sich auch mit der Einführung neuer Längezeichen nicht
einverstanden ei-klären, gleichviel ob man sie als Circumflexe, oder wagrechte
Striche, oder auch als das bekanntlich als Dehnungszeichen gewissermaßen
historisch berechtigte h, consequent angewandt, einführen will. Die Circumflexe
scheinen von technischer Seite her am wenigsten zu empfehlen, weil sie den
Druck und die Schrift am meisten erschweren würden, ähnliches gilt von den
Längestrichen, am bequemsten wäre noch das h, wenn man sich erst daran
gewöhnt hätte, so viele „überflüssige" Buchstaben mehr zu setzen. Am besten
ist es also von Seite der Systematiker, gar nicht gegen die doch unaufhaltsam
sich vollziehende Thatsache zu remonstrieren , sondern sich ihr zu fügen. Das
ßedürfniss nach möglichster Kürze der doch immer nur symbolischen, also nur
bis zu einer gewissen Grenze ausreichenden Widergabe des Lautes, die Analogie
aller anderen europäischen Schriftsysteme, von denen kein einziges eine con-
sequente Bezeichnung der Längen durchgeführt hat, die meisten aber gar nicht
einmal den Versuch dazu machen, streitet für sie. Darum möge man überall
da, wo es auf wissenschaftliche Betrachtung der Sprache abgesehen ist, auch
für unsere mhd. Vocale Längezeichen — gleichviel welche — gebrauchen,
über die man sich leicht verständigen wird, die eigentlich lebendige Verwendung
der Sprache in Schrift und Druck kann ihrer entrathen, wie sie deutlich zeigt.
Sie kann es um so mehr, weil sie mit richtigem Instincte, wie es scheint, her-
ausfühlt, daß sie gerade in den Fällen, wo etwa ein Fremder über die deutsche
Quantität schwanken könnte, wo es also hauptsächlich darauf ankäme, dem
Irrthum vorzubeugen, selbst nichts allgemein gültiges bieten könnte. Man er-
wäge die einsilbigen Wurzelwörter mit einfachem consonantischem Schlüsse, wie
Bad, Tag, Lob etc. Zwei Drittel, ja drei Viertel aller gebildeten Deutschen
sprechen sie — historisch erklärbar durch den Einfluss des centraldeulschen
Lautwerthes auf die allgemein deutsche Aussprache seit dem 16. Jahrb. oder,
sagen wir frischweg, seit Luther — als vollkommene Längen: die Quantität
des a in Bad, Tag ist die nämliche wie die in loahr, Rafh, das o in
Lob dasselbe wie in los, und nur in einigen Strichen des Nordostens hört
man noch die historisch begründete Kürze, aber freilich selten die reine
LITTEEATUR. 235
der mhd. Periode, meist die geschärfte, wie sie überall im Nhd. iii hoch-
tonigen Silben durchgedrungen ist, so weit sie nicht eine Verlängerung des
Stammvocals erfahren haben. Insofern ist die Identificierung dieser Spielart
der nhd. Aussprache mit der mhd., die auch Hi-. R. wie mancher andere
deutsche Grammatiker vollzieht, doch nur sehr bedingt zuzugeben. Selbst in
der Aussprache der Grebildeten seiner Heimat, der er hier wie anderwärts
eine ihr keineswegs zustehende Allgemeingültigkeit für ganz Deutschland bei-
legt, lautet Tag nicht mit der einfachen Tenuis k aus, wofür mhd. gewöhnlich
c geschrieben wird, sondern mit der aspirierten Tenuis, wofür man k oder
kh schreiben dürfte. Auch klingt dieser Schlusslaut in den meisten Fällen
nicht als ein einfacher Consonant, sondern als Doppelconsonant, um einst-
weilen diese herkömmliche aber wissenschaftlich unzureichende Bezeichnung
zu gebrauchen, deren Werth zu prüfen sich bald Gelegenheit geben wird.
Man müßte consequ enter Weise, wollte man der Aussprache völlig gerecht
c
werden, takk oder takkli schreiben, was freilich seltsam aussehen würde.
Übrigens betonen wir ausdrücklich, daß diese Aussprache auch in den be-
zeichneten Landschaften, wobei wir vorzugsweise die scblesische Heimat des
Hrn. R. im Auge haben, keineswegs aus jedem Munde vernommen wird, man
hört ebenso oft, namentlich im eigentlichen Volke, auch den einfachen Aus-
c
laut, also tak oder takh, ja mitunter auch noch die reine Tenuis, so weit
diese übei'haupt von einem deutschen Munde hervorgebracht werden kann,
dieselbe, die wir auch häufig, aber wahrscheinlich nicht überall in der Aus-
sprache der entsprechenden mhd. Form voraussetzen dürfen. Daneben aber
fehlt auch die im übrigen Deutschland gültige Aussprache nicht, des g als
einer Aspirate, und zwar findet sie sich nicht bloß bei Eingewanderten,
welche die heimische Gewohnheit festhalten, sondern auch strichweise im
eigentlichen Volke, wo nicht an fremde Einfliüsse gedacht werden kann, und
damit das Maß voll werde, kann man auch noch die reine Media im Aus-
laut hören, also ein wirkliches ^, nicht ein k oder kh, aber auch nicht
ein g oder gh, wie weitaus in den meisten andern deutschen Landschaften.
Die Quantität des vorhergehenden Vocals ist selbst wieder eben so viel
Modificationen unterworfen, so daß also tak und täk, tak und tat, tag und
tag oder g neben und durcheinander oft in demselben Munde gelten, nur
ein t&kk ist selbstverständlich unmöglich, denn die Verdoppelung dis Con-
sonanten ist hier nichts weiter als das Hülfsmittel zur Erhaltung der Kürze
des bochbetonten Stammvocals.
In der Aussprache tak berührt sich diese Mundart — rein zufällig —
mit manchen des Südwestens, die im Auslaut die alte mhd. Tenuis noch
bewahrt haben.
HL Wir haben im Vorigen das schwierige Gebiet der Doppelcousonanteu
schon gestreift, und wollen es jetzt noch einmal und zwar mit festerem
Tritte beschreiten. Hr. R. hat durch klare und gründliche Darstellung des
Sachverhaltes vom physiologischen Standpunkt aus sich das Verdienst er-
worben, unsere gewöhnliche grammatische Doctrin von allerlei Irrthümern
und Confusionen zu befreien, in die sie hauptsächlich durch die Schuld der
Schriftbezeichnung verstrickt war. Seine Darstellung zeigt, daß auch die
16*
236 LITTERATUE,
sog. Tenuis oder nach physiologischer Bezeichnung der harte Verschlusslaut,
also Pi t, k, nach den verschiedenen Graden der Emphase, mit der er ge-
sprochen wird, eine verschiedene Zeitdauer in der Aussprache gewinnen kann.
Insofern ist es gerechtfertigt, auch auf die Consonanten das Quantitätsver-
hältniss, welches man sonst nur auf die Vocale beschränkt, zu übertragen
und von eonsou. Kürzen und Längen zu sprechen. Die Kürze entspräche
dem, was man gewöhnlich einfachen Consonant nennt und als solchen schreibt,
die Länge der Doppelconsonanz , obwohl zugegeben werden muß , daß ein
solcher „langer" Consonant niemals die quantitative Ausdehnung erhalten
kann, welche jeder lange Vocal unter Umständen erhält. Denn daß die
vocalische Länge sich zu der Kürze immer wie 2 : 1 verhalte, ist eine
nunmehr völlig antiquierte Vorstellung. Sie mag für die mechanische Be-
trachtung der Metrik von Nutzen sein, für welche sie auch ursprünglich
aufgebracht wurde: für die lebendige Sprache gilt sie nicht. Hier kann das
Verhältniss von Länge und Kürze unter Umständen wie 3:1, 4:1 etc.
sein. Dagegen dürfte es aus physiologischen Gründen nicht gut möglich
sein, irgend einem Consonant — nicht bloß einer Tenuis, wo es natur-
gemäß am wenigsten angeht — eine solche übermäßige Lautausdehnung im
Verhältniss zu andern zu geben.
Der Ausdruck „consonantische Länge" beseitigt alle die unzureichen-
den Vorstellungen, die sich an die hergebrachte Terminologie Doppelconsonant
heften. Denn ein Doppelconsonant wäre etwas ganz anderes, als was nach
dieser Vorstellung damit gemeint sein soll. Ein Doppelconsonant, z. B. pp,
würde hervorgebracht werden, wenn Lippe und Zunge zweimal hintereinander
diejenigen Stellungen einnehmen, die zur Hervorbringung des einfachen p
nöthig sind. Aber da, wo wir pp schreiben und sprechen, geschieht dieß
nicht, sondern es wird der Vorgang nur einmal, aber allerdings mit einer
gewissen Emphase vollzogen. Dieß bezeichnet die Schrift, nach derselben
Analogie wie sie noch jetzt öfters ein langes a mit aa schreibt, z. B. Aal,
mit zwei Lautzeichen.
Für die gegenwärtige deutsche Aussprache der Gebildeten und aller
Dialecte gibt es sonach — und hierin stimmen wir Hrn. R. völlig bei und
haben es auch anderwärts schon geltend gemacht — nur conson. Längen,
oder wie wir sie dtn-t bezeichnet haben, verstärkte oder verschärfte Con-
sonanten und keine Consonantenverdoppelungen. Ob die frühere Sprache aber
nicht wirkliche derartige Doppelconsonanten besessen, d. h. gesprochen habe —
denn daß sie schon seit dem Gothischen geschrieben wurden, ist allgemein
bekannt — dieß zu bejahen oder zu vei'neinen ist nicht so leicht. Hr. K.
glaubt, daß das gegenwärtige Sachverhältniss auch maßgebend für die Ver-
gangenheit sei , daß also auch die mhd. und ahd. pp, tt, ck keine wahren
Doppelconsonanten gewesen seien. Doch ist aus der heutigen Aussprache
kein unbedingter Schluss auf die der Vergangenheit zu machen. Wenn dem
heutigen deutschen Organ die Erzeugung wirklicher Doppelconsonanten schwer
oder unmöglich fällt, warum kann es nicht einstmals, wo es, wie viele Spuren
andeuten, gelenkiger und behender war, diese Fähigkeit besessen haben?
Doch wir wollen uns hier auf keine sprachgeschichtlichen Untersuchungen
einlassen , deren Langathmigkeit sich mit unserer heutigen Aufgabe nicht
verträgt. Nur eine Bemerkung sei noch gestattet: unter den heutigen euro-
LITTERATUK. 237
päischen Spiachen hat wenigstens eine, die italienische, noch wirkliche Doppel-
consouanten. Das ital. nn, tt, pp etc. lautet in manchen Mundarten, wie es
uns ganz lebendig vorschwebt, wie zwei selbständige n etc., die mit großer
Volubilität aber vollkommen vernehmbar nacheinander ertönen.
Sobald man das Wesen der geschriebenen deutschen Doppelconsonanten
richtig erfaßt, wird es auch keine Schwierigkeit haben, ihre heutige Stel-
lung im Auslaut zu begreifen. Hr. R. ist der Ansicht, solche Doppelungen
seien als einfache , oder nach seiner richtigeren Terminologie als kurze
Laute zu fassen, und die graphische Gemination erscheint ilim nur als eine
orthographische Pedanterie, wie wir deren so viel besitzen, als ein unberech-
tigtes Festhalten der in den mehrsilbigen Formen wirklich vorhandenen Länge,
wofür Doppelconsouanz geschrieben wird. In Äll^ kann etc. glaubt er also,
sollte eigentlich, wie im Mhd. und im heutigen Holländischen, worauf er
sich ausdrücklich beruft, nur ein einfaches Z, n etc. geschrieben werden.
Undenkbar wäre es nicht, daß auch hier eine Schulpedanterie sich ein-
gemischt hätte; haben wir doch oben auf ein anderes noch eclatanteres
Beispiel dieser Art hingewiesen, wodurch der Lautstand der heutigen Aus-
sprache wesentlich beeinträchtigt worden ist. Aber selbst wenn dem so wäre,
so muß zugegeben werden, daß jetzt auch im Auslaut genau dieselbe con-
sonantische Länge gehört wird wie im Inlaut, Wir berufen uns auf das
Ohr eines jeden Urtheilsfähigen, ob es in All einen schwächern consonan-
tischen Laut als in Alles vernimmt. Wer nun überhaupt sich bestrebt, der
deutschen Schreibung ihren phonetischen Charakter zu bewahren, resp. her-
zustellen, muß nothwendig bei der Schreibung all etc. verharren. Daß das
mhd. und andere Zweigsprachen es nicht thun, kann ihm gleichgültig sein.
Wie es sich mit dem Holländischen verhält, wollen wir hier bei Seite
lassen, aber für das Mhd. wird dieser Wechsel zwischen In- und Auslaut
ohne Zweifel auf einer feinen Wahrnehmung des lebendigen Lautes be-
ruhen, wie ja auch die Reime beweisen. AI hat damals mit einfachem oder
kurzem l ausgelautet, ohne daß wir daraus allein den allerdings sehr nahen
Schluss zu ziehen wagten, in dem mhd. allen sei II als ein wirklicher Doppel-
consonant, in dem oben entwickelten Sinne, und nicht bloß als eine cons.
Länge gesprochen worden.
Wenn Hr. R. p. 116 zur Stütze seiner Theorie sagt: „Interessant sind
die Ausnahmen jener (verkehrten) grammatischen Regel: es werden nämlich
im Auslaut trotz vorhergehenden kurzen Vocals nicht geminirt a) alle die-
jenigen Consonanten, welche im Deutschen mit zusammengesetzten Zeichen
geschrieben werden, ch , seh etc. 5 b) gewisse kleine , oft gebrauchte Wört-
chen, meistens Partikeln, nämlich an, in etc.", so bedarf diese Verbindung
ziemlich heterogener Erscheinungen einer erläuternden Bemerkung. Daß die
als Doppelzeichen in der Schrift figurierenden ch im Auslaut nicht geminiert
werden, ist eine bloß graphische Thatsache, die mit ihrem Lautwerth eigent-
lich nichts zu schaffen hat. Man wollte die unbequeme Consonantenhäufung,
die durch ihre verdoppelte Schreibung entstanden wäre, der Schrift nicht
zumuthen, und glaubte dieß um so eher thun zu können, als man in aller
Naivetät ein geschriebenes Doppelzeichen auch für einen wirklichen Doppel-
laut hielt. Jetzt wissen wir freilich, daß ch ein einfacher Laut ist, auch
seh ist nach unserer Überzeugung ein solcher, aber die Art der Sprach-
238 LITTERATUR,
erforschung, die zu diesem Ergebniss geführt hat, ist ja erst eine Schöpfung der
letzten Jahre. Keine Frage, dnß der Laut des cÄ, seh etc. ebenso wie jedor
andere einfache Consonant „einer Verlängerung" zugänglich ist, also con-
sequenter Weise im In- und Auslaut doppelt geschrieben werden müßte,
aber die deutsche Orthographie wird sich höchst wahrscheinlich, so lange
sie nicht ganz neue Zeichen für die alten zusammengesetzten, auf den Ur-
sprung dieser Laute verweisenden wählt mit der bisherigen Praxis begnügen
und es der lebendigen Aussprache überlassen, aiich mit „kurzem", loch mit
„langem" Consonanten hervorzubringen.
Was aber jene andere angebliche Ausnahme einer, wie Hr. R. sie
nennt, verkehrten Regel betrifft, so schreibt das Nhd. mit vollem Rechte
an, in, das, was, weil es wirklich so und nicht ann etc. spricht. Der Grund
ist nicht schwer zu entdecken. Es ist nicht der, welchen J. Grimm gefunden
zu haben glaubte (Gr. 1^, 214), der häufige Gebrauch, sondern die natür-
liche Tonlosigkeit dieser Wörtchen. Ist ja doch , wie wir anderwärts aus-
geführt haben, die veränderte Tonstärke des Nhd. im Gegensatz zu dem
Mhd. überhaupt die letzte Ursache ebensowohl der sog. unorganischen Ver-
längerung der betonten Vocale des Nhd. wie der sog. unorgan. Gemination
der Consonanten. Und von diesem Standpunkt aus dürfte man diese Gemi-
nationen vielleicht zweckmäßiger potenzierte Consonanten statt des auffallen-
den „verlängerte" nennen. Daß aber manche deutsche Mundarten und in
Folge dessen auch die mehr oder minder mundartlich gefärbte oder angehauchte
x\ussprache der Gebildeten hie und da nicht bloß in diesen „kleinen Wört-
chen", sondern auch in solchen, welche die volle natürliche Tonhöhe der
eigentlichen Begriffswörter haben, doch noch den einfachen Consonanten im
In- und Auslaut zu erhalten vermochte, ist schon oben bemerkt. Doch ist
die Erscheinung zu particulär, als daß sie auf die Durchschnittsbetrachtung
der gegenwärtigen Sprache von Einfluss wäre.
Kein Zweifel, daß diese sog. unorgan. Geminationen des Inlautes ebenso
wie die des Auslautes dem Nhd., im Gegensatz zu dem Mhd., einen schwer-
fälligeren und derberen Charakter verliehen haben. Ob man aber den Ver-
lust an geschmeidiger Beweglichkeit oder den Gewinn an Kraft und Energie
des Lautes höher anschlagen will, hängt von dem Geschmacke eines Jeden
ab. J. Grimm hat darin bekanntlich nur „eine Vergröberung der Aussprache
und des Gefühls" empfunden, und sein Urtheil ist begreiflich für die meisten
maßgebend geworden.
IV. Wir haben für unsere heutige Sprache die Gemination des Auslautes
als einen wesentlichen Cbarakterzug behauptet und nebenbei damit auch für
unsere gewöhnliche Orthographie eine Lanze gebrochen, ohne es zu wollen,
weil sie es im allgemeinen wahrlich nicht verdient. Wir sehen uns zu glei-
cher Haltung genöthigt einer anderen Ansicht Hrn. R's. gegenüber p. 119:
„Im Deutschen kommt auslautende Lenis (Media) phonetisch nicht vor ; die
Wörter, wo sie graphisch steht, z. B. Lob, Dieb, Bad, Bad, Tag, Weg, wer-
den von Jedermann gesprochen Lop, Dip etc." Nicht einmal von Jedermann
oder was wohl darunter verstanden wiid, jedem, der sich einer reflectiert
„gebildeten" Aussprache befleißt, in der Heimat des Hrn. R. oder in andern
Landschaften des deutschen Nordostens, obwohl man hier, zum Theil auf der
breiten und sicheren Basis der Volksmundarten diese Aussprache häufiger
LITTERATUE. 239
hört, als in andern Theilen Deutschl.ands , auf reichlich drei Viertel des gan-
zen deutschen Sprachgebietes, wo sie als Ziererei oder als Provinzialismus zu
gelten pflegt. Deßhalb wird das eigentliche Sachverhältniss so zu bestimmen
sein, daß die nhd. Schreibweise nach dem Grundsatze a potiori in ihrem
Rechte, d. h. wirklich phonetisch ist, wie umgekehrt auch die mhd. Ortho-
graphie, wenn sie hier fast einstimmig die Tennis gebrauchte, wirklich pho-
netisch gewesen sein wird, was sie ja im Durchschnitt überall ist. Schon
oben hatte sich Veranlassung geboten, die Natur des gegenwärtigen deut-
schen Auslautes in hochbetonten Silben zu prüfen, und daran anknüpfend,
wollen wir noch den eigentlich genetischen oder historischen Beweis dafür
bringen, daß das Nhd. ihn gar nicht anders behandeln kann, als es fac-
tisch geschieht. Es wird allgemein zugestanden werden, daß unser gegen-
wärtiges Lautsystem eine entschiedene Neigung hat, vocalische Längen in
hochbetonten Silben gleichsam als die natürlichen Begleiter einer folgenden
Media aufzufassen und umgekehrt die Kürze und die Tenuis als wahlver-
wandt zu betrachten. Wo nun Nhd. in den oben erwähnten einsilbigen
und hochbetonten Formen eine vocalische Länge im Gegensatz zu der im
Mhd. herrschenden Kürze durchgedrungen ist, wie dieß im größten Theile
des deutscheu Sprachgebietes auch in den Volksmuudarten geschah , wird
auch die Media gleichsam instiiictiv gefordert sein. So wurde aus dem Mhd.
lop ein nhd. lob, ja nicht bloß dieß, sondern auch aus rät ein räd, ob-
wohl hier die Tenuis wui'zelächt genannt werden muß. Und zwar geschah
dieß nicht bloß im Bereiche der Mundarten, die, wie man behauptet, Tenuis
und Media nicht von einander scheiden, sondern überall, mit Ausnahme
einiger Landstriche im Südwesten und Nordosten, die neben andern Archais-
men auch diesen erhielten und hierin, wie man es bezeichnen darf, noch
auf mhd. Lautstufe stehen. Unsere nhd. Orthographie, das Product der
mannigfaltigsten mundartliehen Einflüsse, durchkreuzt von verschiedenen histo-
rischen Remininiscenzen und gelehrten Theoremen, stellt sonach den Sach-
verhalt nur halb dar, aber wenigstens zur Hälfte richtig, doch wäre es
kein Gewinn für die deutsche Sprache, wenn wir uns hier eine rein pho-
netische Bezeichnung aufdrängen ließen, die überhaupt einem etwas freier
und weiter umschauenden Blick nicht gerade als das absolute Ideal für eine
Cultursprache erscheinen wird. Lassen wir den Volksmundarten ihr gutes, im
naiven Instinct des gemein-deutschen Organs begründetes Recht, mhd. rat
und 7'ät, oder gar baden und bäteii im Laut zu identificieren. In Mitteldeutsch-
land haben sie es, wie es scheint, von jeher gethan, und die angeblichen
niederdeutschen Einflüsse, denen man diese und andere Eigeuthümlichkeiten
dieser Dialectgruppe neuerdings so bereitwillig zuschiebt, tragen nach unserer
Ansicht nicht die geringste Schuld daran. Andere oberdeutsche Mundarten
sind demselben natürlichen Zuge gefolgt, gleichviel ob ihre Media mit etwas
geringerer Verengung der Stimmritze gesprochen wird, als in Mitteldeutsch-
land. Aber für die Sprache der Gebildeten, die nun einmal bis zu einer
gewissen Grenze immer ein Product der Reflexion ist und sein muß, kann
der von der Orthographie festgehaltene Unterschied der Tenuis und Media
dereinst noch ein sehr werthvolles Hülfsmittel zur innern Bereicherung oder
vielmehr zur Wiederherstellung des früheren Reichthums der Sprache werden.
Denn man mag die Sache ansehen wie man will, es bleibt immer ein
240 LITTEEATUR.
höchst bedenklicher Verlust, wenn eine Unzahl von Sprachformen, die sich
einst im Laute scharf von einander sonderten, in einen Brei zusammen-
gerührt werden. Das pure grobe Bedürfniss, sich nothdürftig verständlich zu
machen, ist doch nicht das einzige, worauf es beim Sprechen einer Cultursprache
ankommt, und selbst dieß wird in unserem Falle sehr oft nicht befriedigt
werden. Wenn daher unser praktischer deutscher Sprachunterricht, dessen
bildenden und verbildenden Einflüssen mehr und mehr jedermann in Deutsch-
land anheimfällt, anch nur aus bloßer Pedanterie scharf darauf vigiliert, daß
dem ..weichen" und „harten" t ihr Recht angethan werde, so wollen wir
uns darüber freuen. In diesem Falle vollzieht er wirklich die Heilung einer
hässlichen Wunde an unserem Sprachkörper und es ist gar kein Unglück —
auch von einem viel höheren und bedeutsameren Standpunkt aus — wenn das
deutsehe gfibildete Organ jener trägen Bequemlichkeit entsagen lernt, in
welcher die zuchtlos dahin bummelnden Volksmundarten begreiflich für ihr
Leben gerne verharren und sich so recht gründlich wohl fühlen.
Da wir es einmal mit den harten und weichen Lauten zu thun haben,
wollen wir noch einen Blick auf Hrn. R's. Geschichte des Buchstaben sz im
Hochdeutschen werfen, worin das phonetische und historische Sachverhältniss
klar und bündig, und sowohl für den gelehrten Linguisten, wie für den
gewöhnlichen Leser vollkommen befriedigend dargelegt wird. Selbstverständlich
erweitert sich die Betrachtung dieses einen Lautes und seines Buchstaben-
zeichens zu einer Untersuchung der gesammten s-Laute der deutscheu Sprache,
welche dieselben Vorzüge wie jene kleine Monographie zeigt. Mit dem Gange
der Untersuchung, wie mit ihren Ergebnissen wird man sich wohl bei einiger
Unbefangenheit des wissenschaftlichen Standpunktes einverstanden erklären
müssen; nur zu einigen erläuternden und berichtigenden Bemerkungen glau-
ben wir auch hier berechtigt zu sein.
Die doppelte Natur unseres nhd. s-Lautes steht außer Frage. Die
gebildete Aussprache und alle Dialecte unterscheiden ein hartes und weiches
s, wie ja alle Spiranten im Nhd. in doppelter Qualität vorhanden sind.
Daß einzelne Dialecte das Gebiet beider eigenthümlich begrenzen, ändert
an dieser Grundthatsache nichts. Die gebildete Aussprache des Nhd. schwankt
gleichfalls, z. B. im Anlaut, wo das weiche s entschieden im Vordringen
begriffen ist, aber sich doch noch nicht allgemein durchgesetzt hat. Ob
es aber möglich sein wird, diesen doppelten Laut auch durch eine Differenzierung
der Schriftzeichen für das Auge zu unterscheiden, wie es von verschiedenen
Seiten und auch von Hrn. E. mit großem Nachdruck befürwortet wird,
steht dahin. Wir besitzen freilich zwei Zeichen, aber kein Machtspruch
der Doctrin wird es so leicht dahin bringen, ihre bisherige vom Stand-
punkt der Lautlehre so ganz willkürliche Verwendung zu regeln. Auch
ist keine große Gefahr im Verzuge: mag man immerhin das sog. Schluss-*
ebensowohl in las wie in was schreiben und drucken, Niemand wird dadurch
irre werden, und beide als denselben Laut aussprechen. Und hier ist es,
wo wir einen Irrthum Hrn. R's berichtigen müssen, zu welchem er vielleicht
durch seine allgemeine Ansicht über das Wesen des nhd. Auslautes geführt
worden ist. Der allgemeinen Erfahrung zuwider behauptet er, im Auslaut
stehe nur das harte s, ganz so wie er auch nur die Tenuis der Mutae
hier gelten lassen will. Aber die Sache verhält sich genau so wie überall.
LITTERATUE. 241
Wo im Inlaut ein weiches s steht, also nach vocal. Längen, steht es auch
im Auslaut: lafen und las zeigen dieselbe Sibilans, ebenso, was Hr. K., wie
wir schon oben sahen, gleichfalls läugnet, ist das s im Auslaut überall da
der Gemination — in dem oben entwickelten Sinne — fähig, wo es im
Inlaut eine solche zeigt, also Roßes und Boß. Und diese Gemination
scheint nach unserem Lautgefühl nur das harte s zu treffen, wie ja auch
nach der gemein hochdeutschen Auffassung nur die Tenues der Mutae und
nicht die Mediae der Gemination fähig sind.
Wollte man im Bereiche der s-Laute eine völlig phonetische Ortho-
graphie durchführen, so würde auch das hochdeutsche anlautende vor s andern
Consonanten, d. h. physiologisch der cacuminale Zischlaut Schwierigkeiten
machen. Wie soll man springen, stehen etc. phonetisch schreiben? Scheinbar
sehr einfach, gerade so wie schmieden, schmeißen, wo seh auch erst seit
dem 15. Jahrhundert sich allmählich in der Schreibung festgesetzt hat. Aber
das böse ch ist ja selbst für den phonetischen Orthographen ganz un-
brauchbar, und es wäre geradezu verkehrt, wollte man ihm noch größeren
Spielraum geben. Deßhalb wird es am gerathensten sein , auch hier alles
beim alten zu lassen , d. h. auf den trotz aller Schleuderei und allem
wurzelächt deutschen bornierten Eigensinne partikularistischer Querköpfigkeit
doch unaufhaltsam sich vollziehenden Läuterungs- und Vereinigungsprocess
mit seiner unwiderstehlichen Schwerkraft zu vertrauen , der langsam aber
sicher auch hier vernünftige Ordnung und Einheit schaffen wird. Ein vor-
eiliges Dazwischenfahren macht, wir erleben es in unserm lieben Deutschland
alle Tage, die Confusion nur ärger.
Da wir einmal auf orthographischem Gebiete uns bewegen, schließlich
noch eine Bemerkung. Hr. R. verwirft mit vollem Rechte, wie jeder vor-
urtheilsfieie Kenner der deutschen Sprache und aller hochd. Mundarten,
jeden Lautunterschied zwischen dem aus urdeutschem t entstandenen s, sz
oder wie man es nennen will, und dem altherkömmlichen «: nicht ihm
allein, sondern jedem deutschen Ohr klingt messe, metior, und Messe, missa,
ganz gleich, und wer es anders behauptet, faselt, mit Erlaubniss zu sagen.
Will man eine phonetische Orthographie, für welche gerade hier wegen der
fast unerträglichen Verwirrung der Praxis die triftigsten Gründe sprechen,
so müßte man auch alle sz nach demselben Systeme behandeln wie die
andern s, also z. B. helfen, hiß etc. schreiben. Aber damit ist Hr. R.
nicht einverstanden: hiß, haben wir gesehen, will er überhaupt nicht gelten
lassen, weil er vermeint, im Auslaut müsse die Gemination weichen, und
für das s in heißen behauptet er eine andere Geltung als für das s in
reifen, proficisci. Er glaubt hier ein hartes s zu hören und widerspricht
sich selbst damit recht gründlich, denn wenn die aus altem t entstandenen
s-Laute in Qualität den eigentlichen s ganz gleich sein sollen — was sie
wirklich sind — so kann auch hier nur allein das weiche s — nach vocal.
Länge — Platz haben. Für das Auge allerdings, und das wird der latente
Beweggrund für diese Inconsequenz sein, würden damit eine Menge bisher
geschiedener Formen zusammenfallen, aber daran pflegt ein stricter Phone-
tiker ja keinen Anstoss zu nehmen. H. RÜCKERT.
242 MISCELLEN.
MISCELLEN.
Adolf Holtzmann.
t 3. JuH 1870.
Wieder liegt eines Fachgenossen Leben abgeschlossen vor uns, der in
die Entwickelung der germanistischen Wissenschaft während der letzten Jahr-
zehnte anregend, fördernd, zum Theil revolutionär umgestaltend eingegriffen
hat. Geboren am 2. Mai 1810 zu Karlsruhe, wo sein Vater Professor am
Lyceum war, mußte Adolf Karl Wilhelm Holtzmann nach des Vaters frühem
Tode (1820) den Kampf mit dem Leben zeitig aufnehmen. Weniger Nei-
gung, als Kücksicht auf die Nothwendigkeit einer baldigen Lebensstellung
führte ihn der Theologie zu, deren Studium er seit 1828 in Halle, seit
1829 in Berlin sich widmete. Er bestand auch wirklich 1831 in Karls-
ruhe das theologische Examen, und erhielt eine Vicarstelle in Kandern.
Indess der innere Drang seiner Seele ließ sich, nachdem der Pflicht genügt
war , nicht bekämpfen ; sein Sehnen war der Sprachwissenschaft zugewendet,
und es gelang ihm 1832 von der Regierung eine Unterstützung zu einer
längeren Studienreise zu erhalten. Er begab sich nach München, und 1834
nach Paris, wohin er 1836 nochmals zurückkehrte. Eine Reise nach Eng-
land wurde durch seine Berufung als Erzieher der Prinzen Karl und Wil-
helm von Baden 1837 vereitelt. Die nicht ausgedehnte Mußezeit seiner
Stellung widmete er literarischen Arbeiten. Eine seiner Neigung ganz zu-
sagende Thätigkeit und größere Freiheit für seine Arbeiten fand er jedoch
erst, als er 1852 zum Professor der deutschen Litteratur und des Sanskrit
an der Universität Heidelberg ernannt wurde. Dieser Periode seines Lebens,
den letzten 18 Jahren, gehören daher seine meisten und bedeutendsten
Arbeiten an.
Holtzmann's Studien in München und Paris waren überwiegend auf
das Altindische gerichtet, dehnten sich aber schon damals, hauptsächlich
durch Schmellers Anregung, auf das germanische Gebiet aus. Seine orientali-
stischen Arbeiten zu würdigen ist hier nicht der Ort; sie verläugnen die
Eigenthümlichkeiten seines Geistes, durchdringenden Scharfsinn, kühne Com-
binationsgabe , genialen Blick so wenig wie seine germanistischen. Um die
Entzifferung der Keilinsjhriften hat er sich wesentliche Verdienste erworben;
seine Abhandlung 'über den griechischen Ursprung des indischen Thierkreises'
flSil) widerlegte eine irrige Ansicht berühmter Sanskritisten, seine indischen
Sagen eröffneten weitere Blicke in die Zusammenhänge des Epos verwandter
Völker. Anfang und Ende seiner schriftstellerischen Thätigkeit wurzelt jedoch
auf dem deutschen Gebiete. Seine Ausgabe des althochd. Isidor (1836),
MISCELLEN. 243
dessen Handschrift er in Paris abgeschrieben, zeichnet sich nicht nur durch
ihre Genauigkeit als Ausgabe, sondern ebenso durch ihre namentlich gram-
matischen Beigaben aus, die zum Theil von weittragender Bedeutung sind
und der Forschung vorauseilten. Sie zeigen gleich im Beginn die große
Begabung Holtzmann's für grammatische Untersuchungen. Die kleinen Ab-
handlungen über Umlaut (1843) und Ablaut (1844) behandelten wichtige
Themata in durchaus selbständiger, neuer Auffassung, auf Grundlage einer
umfassenden Sprachbetrachtung; ihre Resultate waren zum Theil umgestal-
tend und sind der Sprachwissenschaft im Ganzen und Einzelnen gewinn-
bringend geworden. Wir sehen ihn überall unerschrocken den Meinungen
berühmter Männer entgegentreten, ja es ist als behandle er mit Vorliebe
Fragen, bei denen er auf Widerspruch zu stossen gewärtig sein mußte.
Auch seine nächste germanistiöche Abhandlung 'über die Malberger Glosse*
(1852), womit er sein Lehramt antrat, bekämpft die Irrthümer der Kelto-
manen, weicht aber ebenso von J. Grimm's Erklärungen ab, indem sie
einen ungleich alterthümlicheren Sprachzustand der Glosse nachzuweisen sucht.
Noch mehr macht jener kampfbereite Zug sich in seinen Untersuchungen
über das Nibelungenlied (1854) geltend, in denen er der bis dahin fast
allgemein geglaubten Ansicht Lachmann's über die Entstehung der Nibelungen-
dichtung eine schroff widerstreitende gegenüberstellte. Sein richtiger Aus-
gangspunkt war die Einsicht in die Unhaltbarkeit der von Lachmann auf-
gestellten Meinung; seine Gegenansicht freilich entbehrte einer streng durch-
geführten Begründung und ließ im Einzelnen au philologischer Genauigkeit
manches zu wünschen übrig. Jedenfalls gebührt Holtzmann das Verdienst,
auch hier eine wissenschaftliche Frage von großer Tragweite in Fluss ge-
bracht und von neuen Seiten beleuchtet zu haben. Seine sich daran an-
schließenden Ausgaben des Nibelungenliedes, die größere (1857) und die
kleinere (1858 und 1863), ebenso wie die der Klage (1859) versuchten
praktisch die in den Untersuchungen niedergelegten Ansichten durchzuführen.
Bald nach diesem Buche erschien sein nicht minder durch Neuheit und
Kühnheit überraschendes Werk 'Kelten und Germanen' (1855), worin er
ebenfalls einer noch viel weiter verbreiteten Ansicht entgegentrat, indem er
darin den Zusammenhang der Kelten mit den Gaelen läugnete, dagegen
den mit den Germanen verfocht. Eine wirkliche Widerlegung Holtzmann's ist
nicht einmal versucht worden, man beschränkte sich auf ein paar vornehm ab-
weisende Kritiken, und doch verdienen die von ihm aufgestellten Ansichten in
hohem Grade Beachtung, wenngleich auch hier wie in dem Nibelungenbuche
die Details der Ausführung hinter dem Entwurf zurückbleiben, und das
Herbeiziehen von Zweifelhaftem die Beweiskraft schwächt. In den zahlreichen
Abhandlungen der fünfziger und sechziger Jahre, womit er die Germania
schmückte, tritt fast überall uns ein verwandter Zug entgegen: überall
neues, anregendes, eigenthümliches, kühnes, aber freilich auch oft in Kühn-
heit zu weit gehendes. Frei davon sind seine trefflichen Abhandlungen
über die deutschen Glossare, das deutsche Duodecimalsystem, das gothische
Adjectivum, fast ganz auch die anziehende über Artus, während 'der Dichter
des Annoliedes* gerechte Bedenken erweckt. Auch in der einzigen auf die
neuere Litteratur bezüglichen Arbeit , seinem Vortrage bei der Schillerfeier
(1859), begegnet uns der gleiche Zug: er verficht hier Schillers Christenthum
244 MISCELLEN.
und christenfreundliche Stellung gegen die herrschende Ansicht, die ihn bei-
nahe zu einem griechischen Heiden macht. Seine reifste und vollendetste
Arbeit, zugleich seine letzte, sollte leider ein Bruchstück bleiben: wenige Monate
vor seinem Tode erschien seine 'Altdeutsche Grammatik (l. Band, 1. Hälfte,
1870), die Frucht langjähriger tiefer Arbeit und der glänzendste Beweis
für die hohe grammatische Begabung seines Geistes. Nicht nur ihm mußte
es im Sterben schmerzlich sein, dieß AVerk nicht vollenden zu können, son-
dern jeder, dem der Fortschritt unserer Wissenschaft am Herzen liegt, muß
es als einen großen Verlust für dieselbe ansehen, daß ihm die Vollendung
nicht beschieden war.
Mit der Geschichte der Germania steht Holtzmann's Persönlichkeit in
näherem Zusammenhange als manchem bekannt ist. Von ihm gieng der
erste Gedanke der Begründung einer neuen Zeitschrift aus; sein Nibelungen-
buch und der daran sich knüpfende heftige Streit hatte wohl wesentlich
mit dahin gewirkt. Ursprünglich wollte er die Redaction auch selbst über-
nehmen, aber er trat sie, noch ehe etwas erschien, an Pfeiffer ab. Von
Holtzmann rührt das Ankündigungsprogramm der Germania, welches vor und
mit dem ersten Hefte ausgegeben wurde. Gleich von Anfang an war er
daher einer der eifrigsten Mitarbeiter und ist es bis in die letzten Jahre
seines Lebens geblieben.
Wenn eine Neigung für Paradoxa uns in Holtzmann s Arbeiten über-
rascht , so beruht das auf der Ursprünglichkeit und Originalität seines
Geistes. Denn 'anders als sonst in Menschenköpfen malte sich in diesem
Kopf die Welt ; er wandelte, von Autoritäten unbeirrt, selbständig seinen Weg
und hatte den Muth, seiner Überzeugung das Wort zu leihen, das er mit
Gewandtheit und Witz zu führen verstand *). Aber jene Neigung beruht auch
auf einer unwandelbaren Wahrheitsliebe, die keine persönliche Rücksicht
kennt, wo es den Dienst der Wissenschaft und Wahrheit galt. Er war
nichts weniger als eine streitsüchtige Natur; die Milde seines Wesens mochte
kaum vermuthen, wer ihn nur aus seinen Schriften gekannt und ihm per-
sönlich gegenübertrat. Die akademische Thätigkeit hatte er verhältnissmäßig
spät begonnen; sie war, wenn auch keine sehr ausgebreitete, doch durch
die Anregung, die sie gab, segensreich und erfreulich.
Auch in seinen Vorträgen gab er des Eigenthümlichen viel und setzte
die Arbeit des Geistes auch im Hörsaale fort, gerade dadurch aber den
Hörer fesselnd und anziehend. Es ist zu hoften, daß von dieser Seite seines
geistigen Wirkens noch manches an die Öffentlichkeit ti-itt, das uns die
reiche Begabung dieses Mannes noch mehr erkennen und verstehen läßt.
Übersicht der litterarischen Thätigkeit Holtzmann's.
I. Selbständig erschienene Arbeiten.
1836. Isidori Hispalensis de nativitate Domini, passione et resurrectione,
regno alque judicio epistolae ad Florentinam sororem versio francica saeculi
*) Diese Eigenschaften treten am meisten in der rasch geschriebenen Entgeg-
nung 'Kampf um der Nibelunge Hort' (1855) und in seinen oft scharfen Recensioneu
zu Tage.
MISCELLEN. 245
octavi quoad superest, ex codice Parisiensi edidit, annotationibus et glossario
instruxit Adolfus Holtzmann. Carolsruhae.
1841. Bruchstücke aus Walmikis Ramajana, übersetzt von A. H. Karlsruhe.
Über den griechischen Ursprung des indischen Thierkreises. Ebenda.
Indravidschaja. Eine Episode des Mahäbhärata, herausgeg. von A. H.
Ebenda.
1843. Rama. Ein indisches Gedicht nach Walmiki. Deutsch von A. H.
2. verm. Aufl. Ebenda.
Über den Umlaut. Zwei Abhandlungen. Ebenda.
1844. Über den Ablaut. Ebenda.
1845. Beiträge zur Erklärung der persischen Keilinschriften. I. Heft.
Ebenda.
Indische Sagen. I. Theil. Ebenda.
1846. Indische Sagen. II. Theil. Ebenda.
1847. Indische Sagen. III. Theil. Ebenda.
1852. Über das Verhältniss der Malberger Glosse zum Texte der Lex
Salica.
1854. Untersuchungen über das Nibelungenlied. Stuttgart.
Indische Sagen. 2. verb. Aufl. Stuttgart.
1855. Kampf um der Nibelunge Hort gegen Lachmann's Nachtreter.
Stuttgart.
Kelten und Germanen. Eine historische Untersuchung. Ebenda.
1857. Das Nibelungenlied in der ältesten Gestalt mit den Veränderungen
des gemeinen Textes. Herausgeg. und mit einer Einleitung versehen. Ebenda.
1858. Das Nibelungenlied in der ältesten Gestalt. Schulausgabe. Ebenda.
1859. Die Klage in der ältesten Gestalt mit den Veränderungen des
gemeinen Textes, als Anhang zum Nibelungenlied, herausg. und mit einem
Wörterbuche und einer Einleitung versehen. Ebenda.
1860. Zur Schillerfeier. Ein Vortrag, gehalten in der Dienstagsgesellschaft
zu Heidelberg den 8. November 1859. (Als Manuscript für den Verfasser ge-
druckt.) Heidelberg.
1863. Schulausgabe des Nibelungenliedes. 2. umgearb. Aufl. Stuttgart.
1865. Der große Wolfdietrich herausg. von A. H. Heidelberg.
1870. Altdeutsche Grammatik , umfassend die gotische, altnordische, alt-
sächsische, angelsächsische und althochdeutsche Sprache. I. Bd., 1. Abth. Die
specielle Lautlehre. Leipzig.
II. Abhandlungen in Zeitschriften.
1. Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft. — Über die
zweite Art der achämenidischen Keilschrift I. 5. Bd. (1851), 145 — 178;
IL IH. 6 (1852), 35—47. — Über S. Flowers Keilinschrift 6 (1852), 379
bis 388. — Zur Abwehr 456—457. — Über die zweite Art etc. IV. 8
(1854), 329 — 345. — Neue Inschriften in Keilschrift der ersten und zweiten
Art 539 — 547.
2. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, von Th. Aufrecht und
A. Kuhn. — Vyäsa und Homer 1 (1852), 483 — 491.
246 MISCELLEN.
3. Germania. Vierteljahisschrift etc. von Franz Pfeiffer. — Die alten
Glossare I. I (1856), 110 — 117. — Über das deutsche Duodecimalsystem
217 — 223. — Regiert die Präposition mit den Accusativ? 341 — 346. —
Zum Isidor 462—475. — Der Dichter des Annoliedes II (1857), 1—48. —
Zur und su 214-217. — Das Großhundert bei den Gothen 424-425. —
Sihora 448 — 449. — Min im Vocativ 464 — 466. — Nibelungen, Bruchstück R
III (1858), 51 — 56. — Meistergesänge des XV. Jahrhunderts 307 — 328. —
Nibelungen, Handschrift k. Der Nibelunger Liet IV (1859), 315 — 337. —
Meistergesänge etc. V (1860), 210 — 219. — Aus der Colmarer Liederhand-
schrift 444 — 448. — Das Adjectiv in den Nibelungen VI (1861), 1 — 24. —
Zum Nibelungenliede VII (1862), 196—225. — Das gothische Adjectivum VIII
(1863), 257—268. Die alten Glossare II. 385—414. — Zu Beowulf 489 bis
497. — Der Name Germanen IX (1864), 1— 13. — Das lange a 1 79— 191. —
Zum Hildebrandsliede 289 — 293. — Althochdeutsche Glossare und Glossen XI
(1866), 30 — 69. — Artus XII (1867), 257 — 284.
III. Recensionen.
1. Heidelberger Jahrbücher. — Skeireins airaggeljons thairh Johannen
von Maßmann, 1835, Nr. 54. — Poemes islandais, tiräs de l'Edda de Sae-
mund par Bergmann, 1839, Nr. 67. — Maßmann, die deutschen Abschwörungs •
formein, 1840, Nr. 45. — Ritusanhära ed. v. Bohlen, Nr. 58. 59. — Grimm,
deutsche Grammatik I. 1841, Nr. 49 *). — The Persian cuneiform inscription
at Behistun by Rawlinson, 1847, Nr. 6. — Die Grabschrift des Darius von
Hitzig, Nr. 6. — Über die Keilinschriften von Benfey, Oppert und Rawlinson,
1849, Nr. 51. 52. — Grotefend, Erläuterung der Keilinschriften babyl. Bau-
steine etc., 1852, Ni'. 5. 6. — Heinrich von Veldeke von Ettmüller, 1853,
Nr. 25. 26. — Theophilus von Hoffmann von Fallersleben, Nr. 26. — Wein-
hold, deutsche Dialektforschung, Nr. 53. — Crescentia von 0. Schade, Nr. 53. —
Schröer, Geschichte der deutschen Literatur, Nr. 56. — Menzel, zur deutschen
Mythologie, und L. de Baecker, de la religion du nord, 1855, Nr. 24. —
Höfer, wie das Volk spricht, Nr. 24. 25. — Zendavesta by Westergaard,
vol. I, Nr. 28. — Germania, von Frz. Pfeiffer, 1856, Nr. 3. 4. — Brandes,
das ethnograph. Verhältniss der Kelten und Germanen ; Rdnard , de l'identite
de la race des Gaulois et des Germains, 1857, Nr. 19. — Nibelungenlied,
von A. Holtzmann, Nr. 46. — Der Nibelunge Noth und Klage, von Lachmann,
1859, Nr. 31. 32**). — ISIaßmann, das Zeitbuch des Eike von Repgow;
Schöne, die Repgowsche Chronik, 1860, Nr. 13. — Pantschatantrum, von
Kosegarten; Pantschatantra, von Benfey, Nr. 17. — Bibliothek des litterar.
Vereins in Stuttgart 47—57, 1861, Nr. 13. — Berthold von Regensburg, von
Pfeiffer, 1862, Nr. 40. — Otfrieds Evangelienbuch, von Rechenberg, Nr. 53. —
Über die Flexion der Adjectiva im Deutschen, von Meyer, 1863, Nr. 18. —
Dietrich, altnordisches Lesebuch, 1864, Nr. 30. — Heldenbuch, von Kdlcr,
1867, Nr. 26. — Pott, über die Nationalität der Kelten, Nr. 41. — Stark,
die Kosenamen der Germanen, 1868, Nr. 24.
*) Vermehrt wiederholt in der Schrift über den Umlaut, 1843.
*») Wiederholt Germau. VII, 196 225.
MISCELLEN. 247
2. Zeitschrift der deutschen morgenländischen G-esellschaft. — E. Morris,
Memoirs on the Scythic version of the Behistun inscription, 1854, S. 394 — 396.
3. Germania, von Fr. Pfeiffer. — Zacher, das gothische Alphabet Vulfila's I
(1856), 124-125. — Cädmon's Dichtungen, von 15outerwek 244 — 247. —
Des Landgrafen Ludwigs des Frommen Kreuzfahrt, durch F. H. v. d. Hagen
247 — 254. — Heliand, von J. R. Köne 255 — 256. — Grässe, der Sagen-
schatz des Königreichs Sachsen 370 — 371. — Adam par V. Luzarche 371 bis
375. — Jonckbloet, Geschiedenis der middenuederl. Dichtkunst 488 — 501. —
Liliencron, über die Nibelungenhandschrift C II (1857), 1 22— 128. — Otfrieds
Evangelienbuch, von J Kelle 384. — Van den Vos Reinaerde door Jonck-
bloet III (1858), 121 — 122. — Lindenschmit, die vaterUind. Alterthümer der
fürstl. Hohenzoller'schen Sammlungen zu Sigmaringen; Lindenschmit, die Alter-
thümer unserer heidnischen Vorzeit VI (J861), 110 — 112. — Diefenbach,
Origines Europaeae 112 — 113. — Beovulf, herausg. von M. Heyne; Beowulf,
übersetzt von M. Heyne VIII (1863), 506—507. — Müllenhoff und Scherer,
Denkmäler deutscher Poesie und Prosa IX (1864), 68 --75, — Peuker, das
deutsche Kriegswesen der Urzeiten 229 — 230. — Mahn, Ursprung und Be-
deutung des Namens Germanen X (1865), 113. — Ulfilas von M. Heyne XI
(1866), 221 — 224. — Heliand, von M. Heyne 224.
Georg Gottfried Gervinus.
Wenn wir versuchen, das Bild dieses Mannes zu zeichnen, dessen Name
bald von Anfang an mit denen der Gründer der deutschen Sprachwissenschaft
innig verbunden erscheint, so verzichten wir von vornherein auf Vollständigkeit
in jeder Hinsicht: auf biographische, weil sein Leben so tief verwebt erscheint
mit der Zeitgeschichte und nur im Zusammenhange mit ihr ganz verstanden
werden kann, und auf sachlich-darstellende, weil seine Geistesthätigkeit so ver-
schiedenen Gebieten angehört. Di'.' Verschiedenartigkeit der Stoffe , die dieser
Geist zu durchdringen und zu beherrschen verstand, und die Art und Weise,
wie er sie beherrschte, erfüllt mit Staunen nicht nur vor dem Umfange seines
Wissens, sondern mehr noch vor dem weittragenden Fluge seiner Gedanken,
die, aus jener Wissensfülle schöpfend, den Blick geschichtlicher Combination
überall weilen lassen und überall her Analogien herbeiziehen Was aber durch
die verschiedenartigen Werke hindurchgeht und sie geistig mit einander ver-
bindet, ist die strenggeschichtliche Betrachtungsweise, ist der innige Zusammen-
hang, in dem sie alle mit dem Geistes- und Culturleben, mit der nationalen
Entwickelung der Völker stehen. Und so sind sie alle aus dem gleichen Geiste
historischer Forschung, historischer Betrachtung geboren: der Historiker Ger-
vinus tritt uns in ihnen allen entgegen, mag er den Entwickelungsgang der
deutscheu Dichtung zeichnen, oder die Geschichte des 19. Jahrhunderts schreiben,
mag er in Shakespeare's Dichterwerkstatt, oder in das Werden von Händeis
Tondichtungen uns geleiten.
Gervinus wurde am 20. Mai 1805 zu Darmstadt geboren, und besuchte
bis zu seinem 14. Jahre das dortige unter Zimmermann's Leitung stehende
248 MISCELL EN.
Gymnasium. Des Schulzwanges müde, entschloß er sich rasch Buchhändler zu
werden und trat als Lehrling in die Marcus'sche Buchhandlung in Bonn, kehrte
jedoch nach kurzer Zeit nach Darmstadt zurück und widmete sich vier Jahre
lang in einem dortigen Handlungshause dem kaufmännischen Berufe. Es ließ
sich erwarten , daß sein schon auf der Schule mächtig erregter Wissensdurst
in dem gewählten Berufe keine Befriedigung finden würde. Auch ein Versuch,
die Künstlerlaufbahn als Schauspieler einzuschlagen, gieng fehl, und so kehrte
er, trotz des Vaters Willen, nach mehr als fünfjähriger Unterbrechung zu den
Studien zurück, machte, mit eiserner Energie arbeitend, das Abiturientenexamen
und bezog Ostern 1824 die Landesuniversität in Gießen, die er jedoch, wenig
befriedigt, nach einem Jahre mit Heidelberg vertauschte. Hier gab Schlosser's
Anregung den Ausschlag für seine ganze Lebensrichtung. Nicht nur daß Schlosser
ihn dem Studium der Geschichte sich ganz hinzugeben veranlaßte , wichtiger
beinahe noch war der Einfluß, den der Umgang mit diesem Manne auf seinen
Charakter ausübte. Nach Vollendung seiner Studien wirkte er zwei Jahre (1828
bis 1829) als Lehrer an einer Frankfurter Erziehungsanstalt^ nahm dann eine
Hauslehrerstelle in Heidelberg an und habilitierte sich 1830 an der Universität.
1832 unternahm er in Begleitung eines jungen Engländers eine Reise nach
Italien, von der er im folgenden Jahre zurückkehrte. 1835 zum außerordent-
lichen Professor ernannt, brachte er es bald durch den Ruf seiner historischen
Arbeiten zu einer bedeutsameren Stellung: 1836 wurde er auf Dahlmann's
Betrieb als ordentl. Professor der Geschichte und Litteratur nach Göttingen
berufen. In beglückender Thätigkeit und den angenehmsten persönlichen Ver-
hältnissen, zumal seitdem er sich mit Victoria Schelver, der Tochter des Heidel-
berger Professors der Botanik, verheiratet hatte, genoß er den Reiz eines von
Liebe und Freundschaft vei'schönten Daseins — als die bekannte Katastrophe
des Jahres 1837 dieß alles zertrümmerte. Seines Amtes entsetzt, weil er an
Treue und Eid gehalten , des Landes verwiesen , begab er sich zunächst auf
1 '/g Jahre nach Italien, und ließ sich, von dort zurückgekehrt, 1839 in Heidel-
berg nieder, wo er als Honorarprofessor (seit 1844) mit der Universität in
einem Zusammenhange stand, der ihm jedoch volle Freiheit ließ. Von seinem
Lehramte machte er nur selten, zuletzt 1847, Gebrauch. So kam das Jahr 1848
heran, dessen gewaltige Erschütterungen ihn noch ungleich mehr als die deutsch-
katholische Bewegung des Jahres 1844 mit sich rissen. Aber der wenig tröst-
liche Gang, den die Dinge nahmen, verleidete ihm das unmittelbare Eingreifen
in das politische Leben, und wenn auch stets seine Entwickelung theilnehmend
begleitend, zog er sich doch vom Schauplatze zurück, und wandte sich wissen-
schaftlichen, litterarischen wie historischen Arbeiten zu. Es erschienen in rascher
Folge sein Shakespeare (4 Bände, 1849 — 50), seine Geschichte des neunzehnten
Jahrhunderts (8 Bände, 1855 — 66), die ein Torso geblieben, und sein Händel
und Shakespeare. Zur Ästhetik der Tonkunst (1868). Wohl waren es lange
vorbereitete Werke, Früchte tiefster Durchdringung der betreffenden Stoffe, aber
doch muß man staunen, wie auch nur ihre Ausarbeitung in verhältnissmäßig
so kurzer Frist möglich war. Diese gewaltige Kraft des Schaffens blieb ihm
bis in die letzten Tage seines Lebens, und aus des Schaffens Fülle hei-aus
riß ihn, nach kurzer Krankheit, die anfänglich wenig bedenklich schien, der
Tod am 18. März 1871.
MISCELLEN. 249
Gervinus hatte die letzten Jahre, nachdem er die Vollendung der Geschichte
des 19. Jahrhunderts aufgegeben, fast ausschließlich der Neubearbeitung schier
'Geschichte der deutscheu Dichtung gewidmet, welche in fünfter Ausgabe zum
Theil gäuzlich umgearbeitet wurde. Damit war er zu dem ersten großen Werke
seiner litterarischen Laufbahn zurückgekehrt. Seine Geschichte der poetischen
Nationallitteratur der Deutschen^ wie das Werk ursprünglich (bis zur 4. Auflage)
hieß, erschien zuerst 1835 — 42 in fünf Bänden, und muß in jeder Hinsicht
als ein epochemachendes Werk bezeichnet werden.
Zwar der Compendien deutscher Litteraturgeschichte gab es schon da-
mals mehrere , aber keine zusammenhängende , den Innern Eutwickelungsgang
der Litteratur zeichnende Darstellung. Koberstein's Grundriß war der erste
Versuch einer solchen, aber auf begrenzter Grundlage, mehr andeutend als
ausführend. Mit ganz anderem MaL'stabe ging Gervinius an seine Arbeit. Ohne
irgendwie mit gelehrten Citaten zu prunken, ja den gelehrten Anstrich fast
geflissentlich vermeidend, ist sein Werk doch wie wenige unmittelbar aus den
Quellen herausgearbeitet. Für die mittelalterliche Litteratur gab es ohnehin der
orientierenden Vorarbeiten erst wenige, für die neuere, namentlich die neueste
Zeit war dagegen die Menge des über einen Schriftsteller Gesagten und Ge-
schriebenen eher überreich 5 auch hier also war es wohlgethan, daß ein so selb-
ständig angelegter Geist die Werke der Dichter unmittelbar auf sich wirken
ließ. Die große Selbständigkeit und Unbefangenheit seines ürtheils, das von
keiner Autorität sich beeintiußen ließ, macht sich auf jeder Seite des Werkes
fühlbar. Aus der nationalen Begrenzung heraus führte Gervinus aber den Blick
des Lesers auf die Poesie anderer Zeiten und Völker, vor Allem der Griechen,
in deren unsterblichen Schöpfungen er den Maßstab des Vollendet- Schönen
fand. Diese sein ganzes Werk begleitende Vergleichung mit der griechischeu
Poesie hat man ihm gleich beim ersten Erscheinen am meisten übel gedeutet
und hat darin eine Einseitigkeit des Standpunktes erblicken wollen, der die
Individualität eines Volkes nicht objectiv zu erfassen vermöge. Allein dieser
Vorwurf scheint mir durchaus unbegründet. Mit einem von dem Besten aller
Nationen genährten Geiste gieug Gervinus an seine Aufgabe; wie konnte ihm
da verborgen bleiben , daß bei so vielen Erscheinungnn der deutschen Poesie
alter und neuer Zeit ein Mißverhältniss zwischen Wollen und Vollbringen,
zwischen Absicht und Ausführung zu Tage tritt? daß nur selten jene vollendete
künstlerische Einheit erreicht wird, die er an den Griechen bewunderte. Aber
mehr noch als in ästhetischer zog er in nationaler Rücksicht die Griechen zur
Vergleichung heran. Denn ihm war untrennbar die Poesie eines Volkes vom
ganzen Staats- und Culturleben desselben, und wieder fand er die rechte Ver-
einigung beider bei den Griechen, vermißte sie in den meisten Epochen unserer
deutschen Dichtung. Eine Poesie, die sich einseitig losgelöst hat von der poli-
tischen Entwickelung, schien ihm nur halb ihre Aufgabe zu erfüllen, ja sie
schien ihm bis zu gewissem Grade bedenklich und des Verwerfens werth,
wenn andere ebenso heilige Interessen darüber vernachlässigt werden. Daher
hat er am Schlüsse seines Werkes den Blick auf die Zukunft gerichtet, auf
eine Periode unserer Geschichte, in der, wie einst bei den Griechen, poli-
tisches und geistig-ästhetisches Leben Hand in Hand gehen würden. Nicht
Geringschätzung seines Volkes war es, was ihn so oft streng, scheinbar zu
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 17
250 MISCELLEN.
streng urtheilen ließ, sondern Liebe , die seinem Volke das Höchste anmuthete,
weil sie es dazu befähigt hielt.
Der Ruf des Werkes und seines Verfassers verschaffte demselben rasch
die allgemeinste Verbreitung. Schnell folgten sich die Auflagen, die vierte er-
schien 1853, von der fünften sah er noch den ersten Band (1870), beinahe
doppelt so stark als in der vorhergehenden, vollendet; über dem Drucke des
zweiten und der Arbeit an demselben ereilte ihn der Tod, als sein Geist noch
in Jugendfrische schuf. Die kurze Vorrede zum ersten Bande, während des
deutsch-französischen Krieges geschrieben, zog ihm mehrere Angriffe zu, die
durch die damit verbundenen Erregungen und Gemüthsbewegungen sein Ende
mittelbar herbeigeführt haben. Vielleicht hätte er wohl gethan, statt der kurzen
eine, wie es ursprünglich sein Plan war, tiugehendere Vorrede vorauszuschicken,
die nun hoffentlich nicht vorenthalten bleiben wird. Eine politische Vorrede zu
einer Geschichte der Dichtung kann nur den befremden, der nicht beachtet,
wie das ganze V^^erk mit der politischen Entwickelung des deutschen Volkes
sich auf's innigste berührt. Aber auch nur der, dem des ganzen Buches Ten-
denz unverständlich geblieben, konnte in der Vorrede den Ausdruck einer Ver-
stimmung oder Verbitterung über das Fehlschlagen eigener politischer Pläne
ei blicken. Fern liegen mußten solche kleinliche Motive bei der Beurtheilung
eines Mannes, dessen warmer Herzschlag für sein Vaterland hörbar genug aus
seinem Leben und seinen Werken herausklingt, und der der Größe seines Volkes
ein gut Theil seiner besten Kraft geopfert hat. Mir kommt nicht zu, mich zum
Sachwalter seiner politischen Überzeugungen aufzuweifen. Aber wer die Grad-
heit und Wahrheit dieses Charakters kannte, muß es für unmöglich erklären,
daß Eigensinn oder gekränkte Eitelkeit ihn mit seiner Überzeugung derjenigen
einer ganzen Welt entgegentreten ließ. Denn Lauterkeit, sittliche Hoheit,
unbestechliche Wahrheitsliebe zeichneten ihn ebenso aus wie sein feines Ver-
stäiidniss des Schönen, sein weitgreifender Blick, sein staunenerregendes Wissen.
Nicht umsonst haben die Edelsten unseres Volkes, haben Männer wie Dahl-
mann und die Brüder Grimm ihm ihre Freundschaft durch ein langes Leben
geschenkt, denn auch er war der Edelsten einer, die Deutschland mit Stolz
seine Söhne nennt.
HEIDELBERG, 20. Mai 1871. K. BARTSCH.
Franz Joseph Mone
starb am 12. März 1871 zu Karlsruhe im 75. Lebensjahre. Aus einer ursprüng-
lich niederländischen Familie (Moone) stammend, war er am 12. Mai 1796 zu
Mingolsheim bei Bruchsal geboren, studierte seit 1814 in Heidelberg Philologie
imd Geschichte, und habilitierte sich daselbst 1817 in der philosophischen
Facultät. 1819 zum außerordentlichen, 1822 zum ordentl. Professor der Ge-
schichte ernannt, hatte er außerdem seit 1825 die Leitung der Universitäts-
Bibliothek, der er seit 1818 als Secretär angehörte. 1827 ward er an die
Universität Löwen in Belgien als Professor der Geschichte und Statistik be-
rufen, kehrte aber, durch die Revolution vertrieben, 1831 nach Heidelberg
MISCELLEN. 251
zurück, wo er zunächst als Privatgelehrter lebte. Nach vorübergehender publi-
cistischer Thätigkeit wurde er 1835 zum geh. Archivar und Director des
Landesarchivs in Karlsruhe ernannt und verblieb in dieser Stellung bis 1868,
wo er in Ruhestand trat. — Während die erste Hälfte von Mone's Wirken
überwiegend auf die Litteratur gerichtet ist, wandte er sich in der zweiten
fast ausschließlich der Geschichte zu. Seine erste deutsche Arbeit war die
Einleitung in das Nibelungenlied' (Heidelb. 1818), worin er sich, was die
mythologische Erklärung angeht, ganz den Ansichten seines Lehrers Creuzer
anschließt, wie auch seine 'Geschichte des Heidenthums im nördlichen Europa'
(2 Bde. Heidelb. 1822—23), die den 5. und 6. Theil von Creuzer's Symbolik
bildet, ganz unter gleichem Einfluss entstanden ist. Schon damals gieng er mit
größeren altdeutschen Arbeiten um: er beabsichtigte das Rolandslied zu edieren
und gab den Otnit (Berl. 1821) heraus. Eine Sammlung verschiedener litterari-
scher Arbeiten und Quellen veröifentlichte er in seinen 'Quellen und Forschungen
zur Geschichte der teutschen Litteratur und Sprache (1. Bd. Aachen und Leipzig
1830), die ein umfangreiches, wenn auch nicht gleichmäßig tiefes Wissen zeigen.
Den von Freih. v. Aufseß begründeten 'Anzeiger für Kunde des deutschen
Mittelalters übernahm er vom 3. Jahrgang an mit Aufseß gemeinsam, vom 4.
bis 8. (1835 — 39) besorgte er die Redaction allein. Es war die erste ger-
manistische Zeitschrift, freilich nicht ausschließlich germanistisch, sondern ebenso
historisch, aber ihr Schwerpunkt lag doch auf der philologischen Seite, und
hier wurde der Anzeiger durch zahlreiche Mittheilungen eine werthvolle Quellen-
und Materialiensammlung, deren fleißigster Mitarbeiter Mone selbst war. Be-
sonderes Interesse wandte er schon hier der Heldensage zu und veröfientlichte
gleichzeitig seine Untersuchungen zur deutschen Heldensage (Quedlinb. 1836).
Auch die mittelniederländische Litteratur war im Anzeiger gepflegt worden,
einen vollständigen Quellennachweis gab Mone in seiner verdienstlichen 'Über-
sicht der niederländischen Volkslitteratur älterer Zeit (Tübing. 1838). Dann
sehen wir ihn die Quellen des deutschen Schauspiels in seinen Altdeutschen
Schauspielen (Quedlinb. 1841) und seineu Schauspielen des Mittelalters' (2 Bde.
Karlsruhe 1846) eröffnen und dadurch ein neues Verdienst sich erwerben. Der
lateinischen Poesie des Mittelalters hatte er schon in seiner Ausgabe des Rei-
nardus Vulpes (Stuttg. 1832) sich mit Vorliebe zugewendet; später war es die
Hymnenpoesie, um die er sich verdient machte; den 'Latein, und griech. Messen
(Frankf. 1850) folgten die drei Bände 'Lateinische Hymnen' (Freiburg 1855
bis 1857). Von seinen historischen Arbeiten nennen wir nur die Quellen zur
badischen Geschichte (1845 ff.) und die 1850 begründete Zeitschrift für Ge-
schichte des Oberrheins, in denen er ein erstaunlich reiches Material bewältigte
und meist allein bewältigte, ein Material, das auch dem Sprachforscher viel
des Werthvollen bietet. Dagegen müssen wir seine 'Untersuchungen über die
gallische Sprache und ihre Brauchbarkeit für die Geschichte' (Karlsruhe 1851)
und mehr noch seine 'Celtischen Forschungen zur Geschichte MitteleuropaV
(Freiburg 1857) als Verirrungen eines von der Celtomanie angesteckten Geistes
bezeichnen. — Seine Arbeiten sind beachtenswerth durch die Vielseitigkeit des
Interesses, seinen erstaunlichen Sammlerfleiss und ein umfassendes Wissen;
seine Ansichten sind nicht immer von Flüchtigkeit und Grillenhaftigkeit, seine
Textpublicationen nicht immer von Mangel an Genauigkeit und Correctheit
freizusprechen. Auf einzelnen zu seiner Zeit noch wenig bearbeiteten Gebieten,
17*
252 - MISCELLEN.
wie dem der mitteluiederländischen Litteratur, des altdeutschen Schauspiels,
der Hymuologie, hat er sich bleibende Verdienste erworben, die durch seine
Leistungen auf historischem Gebiete noch wesentlich vermehrt werden.
K. BARTSCH.
Benedict GreiflF,
ein geschätzter Mitarbeiter dieser Zeitschrift, ist am 13. Mai 1871 zu Augs-
burg gestorben. Er bekleidete neben seiner Lehrerstellung am St. Anna-
Grymnasium das Amt eines Stadtbibliothekars, sowie eines Secretärs des histoiü-
schen Vereins von Schwaben und Neuburg. Ohne Germanist von Fach zu sein,
widmete er doch den altdeutschen Studien eine lebhafte Theilnahme. Seine hier-
her schlagenden Arbeiten sind fast sämmtlich in der Germania erschienen. Gleich
im 1. Bande veröffentlichte er aus einer Augsburger Hs. ein interessantes Spiel
von S. Georg (I, 165 — 192) und knüpfte daran ansprechende Vermuthungen
über Verfasser und Zweck des Stückes. Seinem Spürtalent verdanken wir ferner
die Entdeckung der Augsburger Bruchstücke von Wernhers Marienleben in
ursprünglicher Gestalt, die er Germ. VII, 305 — 330 herausgab. Ebenda fand
er auch ein Bruchstück von H. Heslers poetischer Paraphrase der Apokalypse,
das er gleichfalls in der Germ. (X, 70 — 74) veröffentlichte. Sein letzter Bei-
trag Schwabenstreich' (XIII, 76) ist jedoch nicht das letzte, was er zur Ger-
mania steuerte; in meinen Händen befinden sich noch mehrere nicht werthlose
Mittheilungen aus der Augsburger Bibliothek. Noch sei erwähnt sein Pro-
gramm'Berhtolt von Regensburg in seiner Wirksamkeit in Augsburg (Augsburg
1865) und die Publication des Tagebuches von Lucas Rem aus den Jahren
1494 — 1541 (26. Jahresbericht des genannten Vereins. Augsburg 1861), ein
interessanter Beitrag zur Handelsgeschichte von Augsburg, der auch sprachlich
anziehend ist. K. B.
Nachtrag zu S. 165, 10: Riezler (Forsch, zur D. Gesch. 10, 117—118)
denkt — indem er die „Textänderung: lebte min herre", wagt — an Barbarossa's
Zug gegen Saladin 1189, der doch zu Lande über Constantinopel gehen
sollte. Allein Hartmann sagt ganz klar: über mer ziehe jetzt sein Eid und
Gottes Minne ihn, den sonst Saladin, wenn er noch lebte, und all' sein Heer —
so viel als: alle Teufel — nicht fortgebracht hätten.
Zu 167, 8: Eine Sammlung der hartmännischen noch jetzt in der Her-
schaft Ow gebräuchlichen Sonderausdrücke etc. und deren Veröffentlichung
steht bevor.
Berichtigung. Lies S. 80, Z. 3 v. u. : als Possessor.
RUNEN AUS ROM UND WIEN,
VON
H. F. MASSMANN.
Prof. Reiffersclieid in Breslau theilte mir, während ich 1868 iu
Rom weilte, von Bonn aus freundlich die Nummer der vaticanischen
Handschrift Urbin. 290 membr. fol. mit, als in welcher sich auch Runen
mit einer vorausgehenden merkwürdigen Angabe über gothische Schrift-
werke befänden. Die Veröffentlichung der letzteren hatte Prof. Reiffer-
scheid sich selbst ausdrücklich vorbehalten ; doch hat er auf Ersuchen
des Herausgebers dieser Zeitschrift nunmehr gestattet, daß dieselbe
gleich jetzt mit den Runen von mir bekannt gemacht werde.
Die besagte Pergamenthandschrift gehörte einst der Abtei Brim-
weiler bei Köln *), S. 62" stehen die Nomina episcopoi^ü scae COLONIEN-
*) 'Nach meiner Mittheilung. In der Handschrift findet sich nämhch keine directe
Notiz über ihre Herkunft, aber sie ist die nämliche, aus welcher Boehmer FRG
m LVn sq. 382-388 und Pertz Mon. SS. XVI 724—728 (vgl. I 99-101 II 216)
Letzterer nach einer Vergleichung Bethmanns, die annales Brunwilarenses ediert haben.
Weder Boehmer noch Bethmann haben der letzten Seite des Codex f. 71'' irgend
welche Aufmerksamkeit geschenkt, offenbar weil die Schrift auf derselben fast ganz
erloschen ist. Über das Eunenalphabet hatte ich mir bloß Notizen gemacht, da bei
der Schwierigkeit der Lesung eine Abschrift der Zeichen und Buchstabennamen ohne
alle Hilfsmittel mir zu bedenklich schien. Um so freudiger ergriff ich die Gelegenheit,
Maßmann darauf aufmerksam zu machen, der kurz vorher durch die von Tischendorf
und Gabelentz aufgegebene Entzifferang des Ultilaspalimpsestes in Turin sich auch
meinen Dank erworben hatte. Dagegen legte ich gleich von Anfang an großen Werth
auf die Vorrede der Eunen, aus denselben Gründen wie Maßminn : namentlich war auch
mir die Nähe von Werden [S. 255] aufgefallen. Weiter gehende Combinationen muß ich
einstweilen unterdrücken, da sie ihre Begründung und Erkläning nur im Zusammen-
hang umfassender Untersuchungen über die Cberliefeining des literarischen Alterthums
im Abendlande, mit welchen ich seit längerer Zeit beschäftigt bin, finden können.'
Reifferscheid.
(iKUMANIA. Neue üeih« IV. (XVI.) Jahrg. 18
254 H. F. MASSMANN
/SIS AECEAE und 64" die '>^ Nomina epör Treuiretmü«-. Die Handschrift
(Astronomiae et Astrohgiae Über) stammt vom Jahre 1082 *).
Für unsern Zweck enthält die Handschrift 1. ein griechisches
ABC mit daneben stehender Bedeutung oder Benennung der Buch-
staben alfa, beta, gamma . . . lanta .. . chi, psi, 2. daneben dieselben
Buchstaben als Zahlzeichen mia, dia, tria, tessares . . . nia, deca 1' desi,
diiiiuenta, triiimenta, tetrmnenta, pententra, exenta . . . ecaton, dia-
cusie . . . chilcj dischile, mirias, dismurias, trimuriad, ecusimuriad,
trientarauriad, serentamuriad . . . diacusie muriades, muriamuriad, ennia-
cussie (und nochmals niacusie) **).
Auf der Kehrseite nochmals das griechische ABC nach Zahlwerth
(mia, dia, tria, ecosi, trianta, seranta, peutenta, ekaton, diacusin . . .
niacusin, ecosin, ogdenta muriad^ nienenta muriad, dann abermals das
griechische ABC nach Buchstabenwerth (~ lanta . . . simna) bis co pro o.
Hiernach die folgende äußerst merkwürdige Mittheilung, die hier
genau wiedergegeben wird. Das Anfangs-i> roth.
Läiteras seqiientes \ cü minio colore nota\te nordmanni i suis usitant |
carmmiU. V. uocant'' cqxt cos \ rune. St mite 'Tinulli. q. opi\nant'' qd quando
gothi (& I uuandali gentes de finil) \ norämannoruvi egredientes \ j) germaniä
V. italiä ad \ mare***) uenientes. pq. illvd j transuecti i offrica csiste\hant.
crescente apä eos xpi\ana religione xpiani ex parte \ effecti. doctores eorum tä
nouü qua uetus iestametü i suä \ linguä hoc i theoiofisca. V \ in tJieotonicä j
cuertert \ cü istis litteRis\.
Hiernach folgt das Runen-ABC, wovon sogleich! —
Jedermann sieht die Vermischung einer, wie wir weiter erfahren
werden, wohlbegründeten Bedeutung oder Verwerthung der Runen mit
einer der merkwürdigsten Beziehungen auf die gothische Bibelüber-
setzung durch ihre doctores, d. i. Ullilas etc., zugleich mit der be-
stimmtesten Angabe, daß die gothische Sprache (sua lingua) die deutsche
sei (theotisca vel theotonica), so wie daß die Vandalen, die mit jener aus
dem Lande der Norämannortim mit nach Afrika gezogen, gleichfalls
*) 'Richtiger läßt sich der Codex (membr. Großoctav. foUorum 71) als eine
Compiitiishandschrift bezeichnen. — Nach den Schriftzügen gehört die Handschrift zu
ihrem größten Theil (auch fol. 71'^ aii's Ende des zehnten oder in den Anfang des
eilften Jahrhunderts. Die ii-rige Angabe Maßmann's stützt sich auf die Ostertafeln
welche die älteste Hand von 988—1082 geführt hat. Daraus folgt aber in Überein-
stimmung mit dem Schriftcharakter mit Evidenz, daß der Codex im Jahre 988 ent-
standen ist.' Reif fers cheid.
**) Hienach noch Diptongi grecorfl | ai pro ce, ei pro i, oi pro y, ov pro m.
***) Offenbar das Mittelmeer,
RUNEN AUS ROM UND WIEN.
255
„deutsch" gesprochen haben. Erinnert dieses imwillkürhch an das be-
kannte ^ bekanntlich falsche, nun so schön berichtigte Augustinische
j^Sihora armen'''' der Vandalen, so möge hier noch leise auf die Möglich-
keit hingewiesen werden, daß aus der Örtlichkeit von Braunweiler bei
Köln vielleicht ein dämmerndes Streiflicht auf Werden und das räthsel-
hafte Erscheinen des Codex argenteus daselbst fällt, dessen erste Er-
wähnung uns ja auch über Köln zugekommen ist.
Das unmittelbar darauf folgende Runen- ABC ist cum minio colore
geschrieben, deßhalb sehr verwaschen und erloschen, aber auch die
schwarz daneben stehenden Bedeutungen der Zeichen. Leider kann ich
von den Runen und ihren Benennungen keine Durchzeichnung geben,
da in der Vaticana eine solche nicht gestattet wird. Wo die Benen-
nungen erloschen sind, setze ich in Klammern die weiteren Möglich-
keiten^ wie sie den Augen erscheinen oder erschienen, hinzu.
1^ As(c)
^ biric
P chön
^ dhorn
M ^ch
r feh
^ gubu (gibu?)
X hägal
I fs
J kol
r lägo
\^ man
i nöth
|C othÜ
P perc
t^ chon (hon?)
4: (? reht ? thr ? cho ?)
H sugil
^ täc
p. hur (d. i. ur)
r h beluch (? beluth)
u horsi
\f/ üa (? zia)
Y fue *) •
n uor
Zweite Spalte fortsetzend
und wiederholend.
"f d. d6rn
\^ eeos (? cos)
1^ r. rat
h c. cen
vj, g. gibu (?)
P h. hun
1^ k. kan
k n. 1 (?)
f g. gar (?)
r* p. peta (?)
rti X. hix (?)
V\ s. sigi
t t. ti
B b. birh (? berh)
^ e. ech
^ m. man
M lägo (r 1 ?)
|C n. no (? ne, uc)
*) Von hier an Fudorc.
18'
256 H. F. MASSMANN
S 0. odil H g- riir (?)
f^ a. ac (?) Y z. ürb (? url ? urb ? uth
I^J a. dsc ? zirl)
Hiernach folgt DE MENSIBUS hebreorum (rotli) \Nisan. 1 ApriU$.
Farmuthi VIII. VI. k. April' u. s. w. | De mensihus egiptiorum (roth). —
Darnach wieder zu den Runen zurückkehrend:
Isrune dicunt' qiie i- litteris per totU | scribuntur. noe, (=^ ita?) id
quohis iiersus primü breuiorb' ■{■ ] que aut littera sit in nersü. longioribus. j
nt noJn \ cerni his Ufteris scribaf. ita.
illllll. nillllll. ilim. ilL illllim. I
Wonach zwei Zeilen, mit einem rothen Buchstaben beginnend,
ausgekratzt sind. Darnach
hagalrune dicunt'' que in sinistra parte quartus \ sit uersns ostendunt in
■ dex(tra parte) quota siit) litte{ra ausgerieben) *),
Man sieht, das obige Runen- ABC und diese Xachholung der
Isrune und hagalrune stimmen ganz zu Cod. S. Gall, 270. (W. Grimm
Runen, S. 110), nur daß hier zwischen iisruna und hahalruna noch
lagoruna (\-) steht und nach hagalrune noch stofruna und clofruna folgen.
Übrigens steht hier auch corid statt cerui, wonach die Striche sich um-
stellen. Ahnlich folgen sich in der Salzburger Pergament-Handschrift
(X. 28, früher S. 119) 4". des 12. Jhd. auf vorletztem Blatte (Kehrseite)
nach dem Runcn-ABC (/. u. d. o. r. c. etc.) die Isruna . . lagoruna . .
hagalruna und strophruna; doch auch wieder mit Verwirrung der Striche.
H.
Ich reihe au oben mitgetheilte merlcwürdige Angabe über Gothen
und Vandalen eine andere ähnliche aus Cod. Vindobon. 1609 (Theol.
DCCXXXH, Denis DCCCXXVHI. Th. 1, S. 2977), in welcher Hand-
schrift auch eine Menge Alphabete enthalten sind.
Nach einer Aufführung des lateinischen ABC auf Bl. V nach
der Entstehung derselben folgt unmittelbar das griechische ABC mit
den Benennungen (zeta, eta . . lanta moy noy . . simma — o longa) und
den darüber geschriebenen Zahlwerthen (mia, dia, tria, tesseris . . icosi,
treanta, tesseranta, pentinta, exinta . . enoninta, eckaton, diacon, tria-
con .. octacoN, ennacoN, chile, dischile, mire, mia), folgt auf 2'' eine
*) Nach diesen Niederschriften über die Eunen folgt nochmals (mit schwärzerer
Dinte) das griechische ABC: A alfa o, B uitta, pro u, y gamma pro g ■ . . ita, thita, zeta,
kapa, lauda . . . cotogema (statt ome a).
RUNEN AUS ROM UND WIEN. 257
Abhandlung über die griecliisclien, hebräischen, lateinischen Alphabete,
darnach folgt das scythische ABC mit dem Geständnisse: In istis ad-
huc litteris \faUemur & in aliquibus uitium agemus \ quos emendate.
Darnach aber folgen abermals die Runen mit vorausgehender
folgender Angabe^ die sich jener römischen eng anschließt:
Litteras qidppe quas utuntur marcomanni \ quos nos Nordmannos
uoeamus infra scrip\tas habentur. aquihus originem qui theo discam loquun-
tur linguam tradunt cum \ quihus carmina sua. incantationesq' ac dmina\
tiones signißcare procurant. qui adhuc imganiritus inuoluuntur.
Hiernach noch mancherlei Mittheilungen (auch Eginhards Nomina
ventorum und Nomina viensium (auch deutsch) mit folgenden andern
deutscheu Glossen).
Die ganze Handschrift wiederholt sich übrigens nochmals im Cod.
Vindohon. 17G1 (Theol. DCCCLXIH, Denis I, S. 139), membr. 16"
vom 11. Jhd. Bl. 97'*); selbst die falschen Lesarten der obigen Hand-
schrift 1G09 {quas utuntur und tradunt statt trahunt) wiederholen sich
hier; doch liest 1761 (statt quos) uos emendate und quia adhuc jpagani.
Nur schließt n. 1761 noch mit folgenden Bemerkungen (104*), die an
die Isrunae wieder erinnern.
Hxijusmodi genus descriptionis notae caesaris apj)ellat\ qd cü litteris
que antiqua man' appellat' perficit' cü quis romanorum in aedißciis parietil)
V in turris aut in monumentis saxeis. oh memoria sui suorumq^ aliqd litteris
coWiendare scidpando curauerat. eas cü pvnctis & trihulis obligat. Ne
statt quis ignarus legere possit id sup" in paucis ostensum est A. E. I. 0. Y.
:: .:::■: \ .N C. R TV IB S :■: S\B :: N: F : C-: RCH .\ P. S\C :: P.
GL:'.R".:S. Q:M:R\ T. R . S.
Genus uero hui' descriptionis J,ä qd sup" cü punctis. V & uocalih ;
qua suhf cü aliis uocalih; qua solitü est. informatv contin&ur. ferf" qd scs
honifaci' archi eps. ac martyr de angidsaxis ueniens. hoc antecessor'h' nris
denionstrar<&. qrl tafn non ab illo inprimis coeptü e. sed ah antiquis istius
modi usus creuisse comperim'. AEIOY. \ B. F. K. P. X. KBBXS. ocfp. fPR
tKS. KEP. 1 KNSTBP. SBFFKRP \ BRCHK. \ fENENS. ßCBK
PfPR.\
a b
c d e f g
h i
k 1
m n 0 p
q r
ik ia
ib ic id ie
is iz
s t
u X r z
ih it
k ka kb kc
*) über die Glossen dieser Handschrift s. Hoffmann'e Glossen S. 56.
258 H. F. MASSMANN, RUNEN AUS ROM UND WIEN.
abcd e fgh
il. ill. illl. ilUl lUlIl. illllll. ul. iill.
i k 1 m n 0 p
iilU. iillll. Illllll. iillllll. ml. Hill. iiiUl.
q r s t u
Illllll. Iillllll. mllllll. Hill. imll.
X y z.
Illllll. Iillllll. iiiilllll.
Ich lasse hiernach die Runen aus den beiden Wiener Hand-
schriften (1G09 und ] 761) folgen, die ich durchzeichnen konnte. *)
Cod. 1609 f. 3^
asc. biritli. eben. thorn ech
ajj-
bB
er
dW
cM
fech
gibu.
hagale.
bis.
ij
gilch
lagv.
man
not
othil
perc
Cod.
1761. f. 100. a.
asch. .bh-iht.
ai: biß
.chen.
.thorn.
dW
.eho.
eM.
.fehe. .gi
fF g-
ibii. .hagale.
.bis gi
Ich lag^'
1 >^
f. 100".
rehtt
man.
mP<l
suhil
.not.
tac
othil
hiir
.percb.
•pK.
helahc
.chon.
huyri
rX- slr .t4^ uH. c^^ yT z^.Item.
*) Andere Runen-ABC's werde ich später mittheilen. Das Verhältniss aller dieser
Runenalphabete zu Thorodd's altnordischem (Holtzmann's Altdeutsche Grammatik I, 1,
Leipzig 1870, S. 14) wäre zu untersuchen.
TU. WISEN, ALTNORDISCHE WORTDEUTUNGEN. 259
ALTNOEDISCHE WORTDEUTUNGEN.
VON
THEODOR WISEN.
1. Grdniij grduca^ grscnast.
Wir betrachten zuerst das Zeitwort grcenast, das nur an wenigeu
Stellen in der altnordischen Litteratur vorkonnnt. Es wird dasselbe
überall in solchem Zusammenhange getroffen, daß zwar der Inhalt des
Ganzen nicht dunkel ist; dabei aber sind bei Erklärung der Etymologie
dieses Zeitworts und dessen verschiedener Bedeutungen den Sprach-
forschern gewisse Schwierigkeiten begegnet, die bis jetzt noch nicht
erledigt zu sein scheinen.
Das Wort grcvnast kommt meines AVissens an folgenden Stellen
vor: Helgakvida Hundiugsbana II, 50 Bugge: .Jcvect ek grams pinig
grcenast vdnir;'''- Sturl. S. 3, 26: .^grcenist fridr'-^ (wo gnvnist mit
rcena adalhendiug bildet); Biskupa Sögur I, 489: „var pd samiliga vmt
])eim i fyrsto, en pö groendist hrdtt.^^ An allen diesen Stelleu fordert
der Zusammenhang, daß grcenast mit 'sich vermindern, geringer werden,
abnehmen' oder ähnl. übersetzt werde. Es steht demnach mit grcmasf,
tenuari, minui, evanescere, vollkommen gleichbedeutend. Es ist aber
dennoch nicht recht, wie Rask und die Arna-Magnäische Edition der
altern Edda es thuu, in Helgakvida H. II, 50 ganz einfach nur grennast
statt grcenast einzusetzen, denn, wenn auch die Bedeutung dieser
Wörter dieselbe ist, müssen sie doch formell aus einander gehalten
werden. Ebenso irrig ist es mit Lüning und Fritzner groenast zu
schreiben, denn es ist doch unbegreiflich, wie dieses Wort, das er-
grüneu, grün werden, grünen' bedeutet^ zugleich zu der Bedeutung 'sich
vermindern' kommen könnte.
In den „Aarböger for Nordisk Oldkyudighed og Historie", 18G6,
S. 383—5, hat Gislason bei Erörterung der Helgakv. H. II, 50 mit
Recht die Aufnahme der Lesarten grennast und groenast verworfen und
die unwiderlegliche Bemerkung gemacht, daß gra>nast hinsichtlich der
Form sich zum Adj. grdnn in ganz derselben Weise verhält wie vcenast
260 THEODOR WISÄN
ZU van, rccnast zu rdn, mcelast zu mal, u. s. f. Audi Bugge a. a. O.
seiner Edda-Edition hat sich für die Möghchkeit der Bildung des Zeit-
worts grcenast vom adj. grdnn ausgesprochen.
Beide geehrten Sprachforscher halten jedoch die Ansicht fest^ das
Adj. grdnn sei mit grdr = grau gleichbedeutend. Wie wird man sich's
denn aber denken, daß von einem Adjectiv mit der Bedeutung 'grau
ein Zeitwort mit der Bedeutung *^sich vermindern' könne hergeleitet
werden, zudem das Zeitwort groenast in der alten Litteratur nie mit
der sinnlichen Bedeutung 'grau werden vorkommt? Bugge stellt die
folgende Serie auf, um den Uebergang zwischen den verschiedenen
Bedeutungen des Zeitworts grcenast (oder des damit gleichdeutigeu
grdna) zu bezeichnen: 1) grau werden; 2) unfreundlich werden; 3) sich
vermindern, abnehmen. Zwischen 2) und 3) scheint doch der Sprung
allzu groß, und es möchte schwer halten sowohl irgend einen analogen
Begriflfsüb ergang darzulegen als auch aus der alten Litteratur die An-
wendung des Wortes in den drei verschiedenen, hier oben angeführten
Bedeutungen zu belegen. Gislason (a, a. O.) findet nichts natürlicher
als daß man sage, „der blaue Himmel der Hoffnung ergraue, wenn er
daran sei von den Nebeln des Mißmuthes oder der Verzweiflung be-
schleiert zu werden." Uns will es aber bedünken als sei dies eher
eine moderne Vörstellungs- und Ausdrucksart als eine solche, die in
einem der Lieder der altern Edda füglich erwartet werden darf. Ein
solches Bild einer „grau werdenden Hoffnung" scheint sogar für einen
Dichter unserer Tage zu kühn, und ein solcher Ausdruck könnte mög-
licherweise bezeichnen, die Hoffnung werde alt, ältlich u. s. f , aber
nimmermehr, daß dieselbe abnehme und verschwinde. Sonderbar wäre
es auch, daß im genannten Ausdruck eben die reflexive Form grcenast
sollte gebraucht werden, da es doch natürlicher gewesen wäre, das in
Analogie mit hldna, hv'äna, sortna u. a. gebildete Zeitwort grdna an-
zuwenden.
Alle diese Schwierigkeiten werden durch die Annahme beseitigt,
das Zeitwort grmnast sei gebildet von einem Adjectiv grdnn = schlank,
schmal,, dünn, fein, und folglich mit grannr, nicht aber mit grdr gleich-
bedeutend. Die Existenz eines solchen Adjectivs wird von der in
schwedischen Mundarten befindlichen Form gran (mit langem ä) be-
stätigt, die mit grann (kurzes a), grann (= altuord. grannr) wechselt.
Vigfusson erkennt auch grdnn als eine Wechselform von grannr, indem
er in seiner Bearbeitung von Cleasby's Wörterbuch, s. v. GRANNR,
sagt: ,,it appears with a long vowel in grdn vdn = thin, slender hope"
(Gisl. Sürs S. 06), etc.
ALTNORDISCHE WOKTDEUTUXGEN. 261
Wenn diese Annahme richtig ist, so ist 'vermindert werden, ab-
nehmen' eben die ursprüngliche Bedeutung des Zeitworts gi-cenast, und
die Uebersetzung von Helgakv. Hund. II, 50 und Sturl. S. 3, 26 wird
einfach und natürhch. Nicht minder leicht zu erklären wird denn auch
der Ausdruck Bisk. S. I, 489 ,.grcBndist med peim^, welcher nicht über-
setzt werden darf „es wurde zwischen ihnen grau", sondern in Über-
einstimmung mit den Redensarten „verdr fdtt med peim, fcekkast med
])eim^^ u. dergl. aufgefaßt werden muß. Diesen Ausdrücken liegt ganz
dieselbe Vorstellungsweise zu Grunde.
So wie man von van sowohl vcena, vcenast als vdna hat, so muß
man auch von grdnn, tenuis, subtilis, beide Wechselformen grcenast
und gi-dna annehmen. Der altnordische Ausdruck ^gamanit grdnar'^
bedeutet somit nicht etwa daß der Spass „grau werde", sondern daß
er minder werde. Ebenso übersetze ich die von Ivar Aasen erwähnte
Redensart „Jce graana' mce doem =rz groendist med peim. Auch in Sturl.
III, 216 möchte ich dieses Zeitwort grdna am liebsten annehmen, wie-
wohl grdna dort auch accus, sing. fem. sein könnte.
Vielleicht wäre es am vorsichtigsten diesen Aufsatz hier zu be-
schließen. Wir können aber nicht einen lange gehegten Zweifel unter-
drücken, daß nämlich das Adjectiv grdnn niemals mit der Bedeutung
canus, griseus, cinereus, wie Egilsson im Lexicon poet. antiq. lingu»
septentr. angibt, vorkomme. Das Adjectiv grdnn gehört lediglich der
Sprache der Skalden; es findet sich weder in den Prosaschriften noch
in der altern Edda. Wir haben auch das Vorkommen des Wortes an
keinen andern Stellen als den von Egilsson im Artikel grdnn aufgezählten
bemerkt. Betrachtet man indessen etwas näher diese von Egilsson an-
geführten Citate, so findet man, daß die Bedeutung 'dünn, schmal
schlank, fein oft viel besser als 'grau, immer ebenso gut als dieses
Wort paßt. Das kann doch nimmermehr auf einer baren Zufälligkeit
beruhen. Ein Mißverständniss des Wortes ist ohnehin leicht erklärlich,
da es nur auf die künstlichere Dichtersprache beschränkt war und
ausserdem seine phonetische Gleicheit mit grdr leicht zu einer Ver-
wechslung verleiten konnte.
Betrachten wir Egilssons Belegstellen, so finden wir zixerst, daß
drei Thiernamen, nämlich die Schlange, der Wolf und der Hund, mit
dem Epithet grdnn vorkommen. Die Schlange betreifend, so wird sie
(in Gydingsvisur, str. 4) grdnn grafpvengr genannt, und es ist wohl
natürlicher hier grdnn =-- länglich, schmal, zu übersetzen, als 'grau,
da es ja Schlangen von verschiedener Farbe giebt. Daß der Wolf
'grau genannt werde, ist etwas gewöhnliches, aber eben so natürlich
262 THEODOR WISEN
ist, daß der Wolf in Bezug auf seine längliche, schlanke Gestalt das
Epithet grdnn erhalte, wie er auch in derselben Hinsicht svdngr genannt
wird (ein Wort, das nicht immer hungrig übersetzt werden darf, son-
dern oft in seiner ursprünglichen Bedeutung 'schlank, zart, länglich',
vorkommt — eine Bedeutung, die svdngr, svang, in schwedischen Mund-
arten noch heutzutage besitzt). Daß der Hund grdnn, schmal und läng-
lich, geheißen werde, ist nicht minder natürlich als mit Bezug auf den
Wolf. Besonders verdient bemerkt zu werden, daß man nicht mit
Egilsson strütr inn grdni = canis einerei coloris übersetzen kann, so-
fern man desselben Verfassers Deutung von sfn'itr = canis coUo can-
dido vel nigro, cetera discolor, gut heißt; denn da liegt ja im selben
Namen strütr ausgedrückt, daß der Hund nicht grau war.
In Geisli, str. 32, wird geschildert, wie für ein dänisches Weib,
das sich erlaubte an dem Festtage des heilisren Olaf unsresetzlich zu
backen, das Mehl zu feinem Gries {at grdnu grjöti) wurde. Dieses grdnt
grjüt darf nicht übersetzt werden 'grisea saxa' (!), denn die Farbe ist
hier vollkommen gleichgültig, wogegen grjöt allein gewöhnlich von
größeren Steinen gesagt wird, und somit hier das Epithet gj^dnt mit
Nothwendigkeit erfordert, damit die Bedeutung 'Gries, zermalmter
Stein, herauskomme.
Grdnn kommt auch mit der Bedeutung 'fein, reinlich, zierlich,
kostbar u. s. w. vor. Hieher muß der Ausdruck gi^dn shinn in Forn-
manna Sögur H, 280 gezogen werden. Zwar heißt es in der voran-
gehenden Erzählung, daß Thorkell yfir ser dgceta guctvefjar shikhju
samdregna liinuni hezta gram sJcinnum hatte; dieß aber darf uns nicht
abhalten einzugestehen, daß in der eben citierten Strophe Hallarsteinn
vorerst die Kostbarkeit und Zierlichkeit des zum Mantel angewandten
Tuches und Pelzwerkes betont habe. Grdn sldnn giebt somit eine
bessere Deutung als grd sklmv^-). Ungefähr dieselbe Bedeutung hat
grdnn in Olafsdr. Tryggv. str. 24, wo es vom Wolfe gesagt wird, daß
er zu einem Schlachtfelde mit unbeschmutzten, reinen Pfoten {gränar
foetr) kam, aber mit rothen, blutbesudelten davon gieng.
Noch bleibt uns eine von Egilsson augeführte Stelle zu betrachten
übrig, nämlich Snorra Edda I, 254 (ed. Arna-Magn.) : liolmr inn grdni,
das mit Holmr inn grdi (Fornmanna S. HI, 222) gleichbedeutend sein
*) In Scripta Histor. Island, 11 , 265 hat Egilsson zwar in den Text die Deutung
canse pelles aufgenommen, scheint aber keine bestimmte Ansicht von der Bedeutung
des grdnn gehabt zu haben, da er in einer dazu gehörigen Note grdnn = groenn, viridis,
oder aber auch = grönn, tenuis, ansieht. Letztere Deutung ist unzweifelhaft die
richtigere.
ALTNORDISCHE WOKTDEUTUNGEN. 263
sollte. Dieß dürfte doch vielleicht nicht so ganz ausgemacht sein, in-
dem die Lesarten an der bezüglichen Stelle zu schwanken scheinen.
Liest man:
Frd eh vkt hulm at heyja
küdingar fr am gingit
— lind vard grdn — inn grdna
geirjnng — i tvau springa',
so bekommen wir in der dritten Verszeile gegen die Regel adalheuding
statt skothending, und es ist daher Grund mit Codex Upsaliensis ^inn
qrona'"'' (von gröinn = grünend, grasbewachsen) statt grdna zu lesen.
Wir finden demnach die Existenz eines Adj. grdnn mit der Be-
deutung '^grau zum wenigsten unsicher. Ein Analogen einer solchen
AVechselform wie grdr und grdnn kann noch weniger nachgewiesen
werden. Daß aber kurzes a, wen geminiertes n folgt, in der Stamm-
silbe zu a (altnord. d) getrübt werde, ist in schwedischen Mundarten
etwas gewöhnliches, z. B. hann (band) = hann-^ anne (ande) =^ anne\
sann (sand) = sann, ganz wie grann = gränn (vgl. die dänischen
Wörter Haand, Aand u. dgl., ausgespr. wie Haann, Aann). Ahnlich ist
im Altnordischen der Übergang von grannr zu grdnn.
In Zusammenhang mit dem eben Angeführten möge auch erwähnt
werden_, daß der Name Grdni des Pferdes Sigurd Fafnisbanes ganz
gewiss nicht mit Egilsson „a cinereo colore" erklärt werden darf,
sondei'n = schlank, fein gebaut. Dieß ist für Pferde ein gewöhnliches
Epithet. So werden in Grimnismäl, str. 37, die Pferde der Sonne
svdngir = schlank (nicht = hungrig) genannt; vgl. Helgakv. Hund
I, 42 (Bugges Ed.) und Oddrünar grätr str. 3. — Auch in Rigsmäl
Str. 38 wird das Pferd svangrifja genannt — ein zierliches Epitheton,
das dort mit grdnn vollkommen gleichbedeutend steht. Die in der aus
späterer Zeit datierenden Nornagests Saga cap. 7 gegebene Beschrei-
bung von der Größe des Pferdes Sigurds dürfte uns nicht abhalten,
auf die jetzt vorgeschlagene AVeise den Namen Grdni zu erklären, zu-
mal Jonssons und Egilssons Deutung dieses Wortes in den altnordi-
schen Schriften der Stütze entbehrt.
2. Hertrygd, Hertygd.
In der Erfidrapa Hallfred Vandrsedaskalds über König Olaf
Tryggvason begegnet folgende Strophe (Heimskringla , Ol. Tryggv.
S. c. 110):
y^Geta skal mdls pess er vicela
menn at vdpna sennu
264 THEODOR WISEN, ALTNORDISCHE WORTDEUTUNGEN.
dölgu fangs vid drengi
ddctöflgan gram kvddu.
Baäa hertrygdar hyggja
hnekkir sina rekha
(pess Ufa pjddar sessa
Prdttar ord) d flötta.
Snorre Sturluson sagt in seiner Erzählung von der Schlacht zu
Swolder, daß die Männer Olaf Tryggvasons, ala sie die sämmtlichen
Schiffe des Feindes gewahr worden, den König wegzusegeln und sich
in keinen Streit gegen eine so überlegene Macht einzulassen baten.
Der König aber atitwortete: ^Fällt das Segel; nicht sollen meine Mannen
an Flucht denken, ich bin niemals im Streite geflohen. Gott sorge für
mein Leben, aber nie will ich mich auf die Flucht begeben.* Auf
diese Worte deutet Hallfred in seiner hier oben citierten Strophe.
Es ist nur die zweite Hälfte der Strophe, die eine Schwierigkeit
bei der Deutung macht. Und diese Schwierigkeit liegt lediglich in
dem Worte hertrygdar. Daß es eben dieses Wort sei, das corrumpiert
worden^ zeigt sich schon aus den vielen Varianten^ die an der ent-
sprechenden Stelle in den verschiedenen Handschriften sich finden und
die in Egilsson's Lex. Poet. s. v. hertygd verzeichnet sind. Man liest
hertrygdar, hertygdar, her tryggvan, hertryggvir, herdyggvir, hratt ygdar.
Schon aus textkritischen Gründen wird demnach das Wort hertrygdar
(mit dessen Varianten) verdächtig, und noch mehr, wenn auf den Zu-
sammenhang gesehen wird. Wörter wie hertygd, hertrygd, hertryggvir,
herdyggvir finden sich in der Sprache nicht; hratt ygdar ist ebenso
gänzlich unübersetzlich; her ti-yggvan, das augenscheinlich der Emen-
dation eines Abschreibers seine Existenz verdankt, würde nach der von
Egilsson angenommenen Deutung einen erträglichen Sinn geben können.
Egilsson findet, daß die Besserung im Worte sina, das er zu Svia
ändert, liege. Dieß kann aber nicht richtig sein, denn einerseits
stimmen alle Handschriften in der Lesart sina überein, und anderer-
seits bleibt dennoch hertrygdar (oder was man statt dessen sonst lesen
will) nicht minder unbegreiflich. Hnekkir Svia rekka enthält ausser-
dem eine Anticipatiou von etwas, das erst bei einer späteren Gelegen-
heit sich ereignete. Liest man hnekkir Svia rekka hada her trygg-
van hyggja d flötta, so erhält man einen keineswegs guten, aber doch
annehmbaren Sinn, obwohl die Ermahnung König Olafs, falls das Heer
schon trygt war, ziemlich unmotiviert und überflüssig erscheint.
Der Fehler liegt augenscheinlich in hertrygdar (der am wenigsten
corrumpierten Lesart), und ebenso augenscheinlich muß dieß Wort in
tortrygd<ir verbessert werden. Wir lesen demnach:
E. FÖRSTEMANN, STKASSENNAMEN VON GEWERBEN. 205
Bada tortrygdar hyggja
hnekki'r nna rekka
. d ßutta ;
d. h. 'repulsor diffidentise suos milites vetuit fugam meditari'. Der
Ausdruck hnekkja tortrygd eins kommt an mehreren Orten vor. Vgl.
z. B. Forumauua S. VIII, 48.
LUND, Mai 1871.
STKASSENNAMEN VON GEWERBEN.
VON
E. FÖKSTEMANN.
(Dritte Sammlung. Vgl. Jalirgang XIV, 1-26; XV, 261-284.)
Zum dritten und wohl zum letzten Male bin ich im Stande, reichen
Stoff für die gewerblichen Straßennamen zusammenzutragen. Der
Gegenstand^ bis dahin kaum angerührt, hat mehr und in weiteren
Kreisen angesprochen als ich erwarten durfte, und das Verzeichniss
derer, welche mir neue Beiträge geliefert haben', enthält außer mehr-
reren schon früher erwähnten Förderern der Sache einige Namen von
besonders gutem wissenschaftlichem Klange und zwar vom äußersten
Osten bis zum äußersten Westen der deutschen Zunge hin. Ich gebe
hier mit innigstem Danke diese Namen in alphabetischer Reihe: Ber-
theau, Pastor in Hamburg; FrensdorflC, Prof. in Göttingen; Gelbe^ Ober-
lehrer in Chemnitz; Heller, Pastor in Travemünde bei Lübeck; Here-
mans^ Prof. in Gent; v. Keller, Prof. in Tübingen; Krause^ Gymnasial-
directorin Rostock; Latendorf, Prof. in Schwerin; Lisch, geheimer
Archivrath in Schwerin; Pressel, Prof in Ulm; Pütz^ Prof in Cöln;
Russwurm, Archivar in Reval; Schiefner, Staatsrath und Mitglied der
kais. Akademie in Petersburg; Frau P. v. Sick, geb. v. Huber in Stutt-
gart; Sieber, Lehrer am Pädagogium in Basel; Spengel und Strauch^
beides Primaner in Hamburg; Zingerlc;, Prof. in Innsbruck. Ferner
habe ich zu zwei verschiedenen Malen besonders reiche und gründ-
liche Zuschriften von dem schon Germania XIV, 2 erwähnten Anony-
266 E. FÖRSTEMANN
mus aus Nürnberg, der ungesehu und treu meine Wege verfolgt, er-
halten. Endlich ist zu erwähnen, daß schon meine zweite Sammlung
einige dankenswerthe Zusätze von der Hand des Prof. J. M. Wagner
in Wien erhalten hat; zwei derselben stehen als Anmerkungen unter
dem Text, dergleichen ich sonst in allen meinen Arbeiten vermeide.
Unter den nun benutzten gedruckten Quellen muß ich, um sie
unten öfters kurz citieren zu können, hier noch besonders hervor-
heben Deecke, E.^ Lübeckische Ortsnamen im vorigen Jahrhundert,
Lübeck 1859. 4. 15 S. Eine fleißige Arbeit; leider ist bei den ein-
zelneu Namen nicht angegeben, ob sie noch gegenwärtig gültig sind.
Jetzt liefere ich zuerst wieder wie früher ein alphabetisches Ver-
zeichniss und hebe durch ein vorgesetztes Sternchen diejenigen Grewerbe
hervor, die schon in den früheren Sammlungen vorkamen.
*Aalstecherbruch, nur ein älterer Name für die Aalstecher-
strasse in Rostock.
*Ünter den Altbüetzern im 14. Jahrhundert in Basel, jetzt
ein Theil der Stadthausgasse. Auch die neu umgenannte Blücher-
strasse in Rostock, die ich XV, 266 besprach, gehört nun hieher; Lisch
schreibt darüber: „Die Strasse hieß immer Oltbödelstrate (oder 01t-
boterstr.), noch zu meiner Studentenzeit. Da wurde man ohne Ge-
schichte überklug und übersetzte dieß in Altbettelmönchstrasse und
schrieb dieß an die Strassenecke, obgleich die fratres communis vitae
nie Bettelmönche, sondern fleissige Arbeitsbrüder gewesen sind. Der
Name Oldbodelstrate ist auch alt, z. B. 1519, s. Mecklenb. Jahr-
bücher IV, S. 255, 267 und öfters". Zu den schon XIV, 3 angeführten
Synonymen für Aitbüsser scheint auch zu gehören altrusen Urk. v.
1444 (Leipziger Urkundenbuch N. 229).
*Ammannsstraat Antwerpen.
"Apothekergarten und Apothekerhof dicht bei Lübeck,
Deecke S. 7. W^ie Heller zu Travemiinde meldet, war Apother-
twiete in Lübeck der frühere Name der „weiten Krambuden". Apo-
thekerstrasse Hadersleben (Schleswig), Reval. Ein Apotheker Con-
rad Lochuer kommt in Nürnberg schon 1399 von (Chroniken der frän-
kischen Städte I, 69, 17; 273, 24).
*Aschgerber Strasse in Reval; mau soll sie auch früher Arsch-
gerberstr. gesprochen haben, indem man an die Wohnung des Büttels
dachte. Dadurch ist die imerklärliche Form Aschgeber (Germania
XIV, 4) auf ihre ältere Gestalt zurückgeführt. Zur Sache selbst finde
ich bei Hildebrand Chemische Betrachtung der Lohgerberei (1795) S.
24 die Bemerkung, daß der A escher, in den die Felle kommen, um
STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 267
die Haare herauszubringen, das ist^ Avas man in der Chemie Kalkmilch
nennt. Ob das Verbum ab es ehern (s. Grimm Wbch.) hiemit zu-
sammenhängt? Die unmittelbare Entstehung dieses Wortes aus Asche
cinis ist begrifflich etwas sclnvierig.
*Bäckergasse Augsburg. Bäckerstrasse Altena, Bremen,
Hameln, Riga. Bäcker gang in Lübeck dreimal. Beck er grübe
in Lübeck bei Deecke S. 2. Auch eine Örtlichkeit Beckerwisch bei
Lübeck Deecke S. 7. Bäckerbreitergang (angiportus pistorum major)
in Hamburg seit 1G18 und noch jetzt vorhanden. Dagegen hat die
Bäckerthorgasse in Innsbruck mit den Bäckern nichts zu thun, denn
sie hieß fi'üher Pickernthorgasse vom Pickernthor.
'••'Badergasse Mainz. Badergässchen Basel. Das erste Haus
heißt „zum alten Bad". Baderstrasse Reval (Esthland). Badstubeu-
strasse Hadersleben (Schleswig), Reval. Stavendamm Bremen.
Stobenstrasse a. 1G70 in Braunschweig; s. Ztschr. des histor.
Vereins für Niedersachsen 1869 S. 240. Auf eine Stabenstrasse in
Lübeck macht mich Heller in Travemünde aufmerksam,
*Zu Battinmacher ist folgendes zu bemerken: Battinen, Pat-
tinen, Pattinken sind Holzschuhe aus Holzsohle und vollem Fussleder;
das Wort ist ebenso im deutschen Posen wie in der Rheinprovinz be-
kannt. In Stade sind es Holzpantoffeln mit Holzsohle und vorderm
Oberleder (sogenannte Klapp-Pantoffeln) im Gegensatz gegen die aus
einem Holzstück gefertigten vollständigen Schuhe oder „Klönken",
die von der Weser (vielleicht von der Ems) an durch das ganze Moor-
und Wasserland bis oben nach Jütland üblich sind. Battinmacher sind
demnach wohl Holzschuher. Das Volk lehnt sich das Wort an pedden
treten an. In Westfalen sagt man Pantinen, jetzt auch in der Be-
deutung von Überschuhen.
* Unter den Becheren (picatores^ picai'ii, Verfertiger hölzerner
oder zinnerner Becher) Basel sec. 14; jetzt ein Theil der „freien
Strasse".
*Bekermakers träte a. 1492 in Bremen, s. Brem. Jahrb. V,
193; 196.
Beeuhouwerstraat Antwerpen, Gent. Also ein Synonymum
von Knochenhauer, Fleischhauer u. s. w.
Bergmanns gas se Prag.
Bier spünder gang Lübeck. Bierspünder sind wohl diejenigen,
welche das Bier auf Fässer ziehen.
Bier ste eher thurm (wegen der früher dort angestellten Bier-
probe). Lübeck, Deecke S. 6. Vgl. die Weinstichergasse in meinem
zweiten Aufsatz.
2(38 t:. förstemann
*Bindergasse Botzen (Tirol).
*Bleicherstrasse Bremen, Frankfurt a. M., Wandsbeck; auch
die Bleichergasse in Altena nennt man jetzt -Strasse. Bleiche rtwiete
Bergedorf bei Hamburg. Bleekersreke Gent.
Boten gas sehen Cölu. Wohl synonym mit den Rathsdienern
u. s. w.
*Böttcher Strasse oder Böddeckerstrasse Lübeck; s. Deecke
S. 2. Böttcherstrasse in Bremen schon sec. 15; s. Brem. Jahrb. V
193, 196.
B r a u n t w e i u b r e n n e r g a n g Lübeck.
*Br au er Strasse Altena (grosse und kleine Br.), Neumünster
(Holstein), Riga. Brou wersstraat, Broiiwers vliet Antwerpen.
Bräumeistergasse Pest.
*Brenner Strasse (nicht mehr -gasse) in Hamburg erst seit 1824;
jetzt getheilt in grosse und kleine Br.
*Büdelmakerstrasse Lübeck; s. Deecke S. 2.
*Büttelstrasse Lübeck; s. Deecke S. 2.
Daß *Kaffamacher = Sammtweber oder -bereiter ist, unter-
liegt keinem Zweifel. Das, woraus der Sammt bereitet wurde, hieß
auch Kaff-haar. Kaff bedeutet Kleingeschnittenes, nach Weigand I, 552
Spreu; in den Vierlanden bei Hamburg nennt man eine Art Häcksel,
die in Matratzen und Betten kommt, noch jetzt Kaff. Auch was Schütze
II, 210, 211 sagt^ ist vollkommen richtig. Auch in Wernigerode kennt
man das Wort im Sinne von kleingeschnittenem Heu.
*Drehergasse Stuttgart, früher „finstere Münzgasse".
Dune ker st rate früher in Reval; es war wahrscheinlich eine
Strasse, in der jetzt noch Färber wohnen und die nach einem derselben
Makerstrasse genannt wird. Schon ahd. tunichön linire, doch die Tün-
cher fehlen noch sowohl im ahd. als mhd. Wörtei'buch.
*Färbergasse und Färberbrücke Nürnberg. Die Färber-
strasse in Stuttgart scheint nicht alt zu sein; sie hieß früher Schön-
farbgasse. Verversbrug und Verversrui Antwerpen.
Fassbindergasse Cöln.
Fasser gasse Hall in Tirol, = Binder- oder Böttchergasse. Das
Wort ist mir sonst noch nirgend begegnet.
Feldschmiedekamp Itzehoe (Holstein). Mit unserm fem. Feld-
schmiede (officina fabri castrensis) hat wohl dieses Wort nicht unmittel-
bar etwas zu thun; es scheint auf einen Feldschmied zu gehn; ist das
ein auf dem Felde wohnender Schmied oder ein Schmied für Feld-
ereräthe?
ST KASSENNAMEN VON GE\YEKBEN. 2G9
Vildersstraat (ieut. Nicht etwa zu den Filterü, sondern hol-
länd. Vilder, einer der das Fell abzieht, Schinder.
*Fischerbrücke Berlin, Hamburg (bis 1842). Fischerdeich
Bremen. F i s c h e r g a s s e Augsburg, Nürnberg. F i s c h e r g r u b e Lübeck ;
s. Deecke S. 3. Fi scherhaufen (sogar zwei) vor Wien an der Donau.
Fischerstrasse Dorpat^ Itzehoe. Auch die frühere Fischergasse in
Altona heißt jetzt -Strasse. Dagegen hieß Fischerstrasse in Schwerin
früher die ganze Münzstrasse; jetzt nur eine aus wenigen Häusern be-
stehende Verbindung zwischen Münz- uixl Königsstrasse. Fischer-
breite, Fischerbuden und Fischerhorst sind sämratlich Örtlich-
keiten bei Lübeck, s. Deecke S. 9. Under den vis ehern, under
vis ehern im Augsburger Steuerregister von 1380, 1424, 1456 (Auo-s-
burger Stadtarchiv), hey den v ischern Augsburger Chronik des 15.
Jahrh. (Städtechron. IV, 328); über die Lage vgl. ebds. Anra. 1. Für
das überall häufige Fischmarkt sammle ich nicht.
*Die Fleischhackergasse in Nürnberg wurde früher auch
Fleischergasse genannt.
Fleischmengergasse Cölu.
Fuhrleutestrasse (grosse und kleine) Bremen.
*Fuhrmannsgasse Pest. Fuhrmannsstrasse (oder ist etwa
Fährm- zu lesen?) Kiga.
''Zu den Fütterern vgl. auch futterer bei Dreyhaupt Saalkreis
11, 558; das dort abgedruckte Innungsprivileg kann aber nicht aus
der Zeit Erzbischof Wichmanns stammen.
Garbe reit ergang Lübeck. Vgl. Garbräter im zweiten Auf-
satZ;, Avoraus es vielleicht entstellt ist; oder ist an das Garmachen
(gerben) der Felle zu denken?
*Gärtnergasse Mainz, Pest. G ärtnerkoppel bei Lübeck,
Deecke S. 9. Gärtners trasse Potsdam. Gärtner weg Frankfurt
a. M.
"Gerber gang Hamburg; die dortige Gerberstrasse hieß auch
„bei den Gerbern'^. Gerbergasse Botzen (Tirol), Hall (Tirol), Prag,
Würzburg. Gerberhof Bremen, Itzehoe. Gerberstrasse Wismar.
Die schon erwähnte Gerbergasse in Basel hieß sec. 14 „under den
Gerbern", a. 1294 „inter cerdones".
*Goldschmidgasse Wien; die Goldschmidgasse in Nürnberg
kommt schon a. 1396 vor. Goldschmids trasse Reval (Esthland).
Gräbergasse Mainz. Es sind vielleicht Brunnengräber gemeint.
*Graupnergasse Teplitz. In Schlesien heißt Gräupner ein
Krämer, der mit Mehl, Hülsenfrüchten u. s. w. („Gegräupe") handelt.
GERMANIA. Xete Reihe IV. (XVI. ,I;,lirg ) 19
270 ^- FÖKSTf:MANN
Unter den Grautüchern, Gratücliern Basel sec. 14. Das
Gewerbe der Grautücher und der Handel mit wollenen Tüchern über-
haupt gehörte zu den einträglichen; es trieben denselben ansehnliche
Geschlechter. Verkauften sie bloß die grauen Tücher, welche im
gewöhnlichen Leben als Mäntel oder Köcke getragen wurden und
der Färbung nicht bedurften, so hieß man sie Gewandschneider;
s. Germania XIV, 8. Vgl. Fechter Topographie Basels im 14, Jhd.
Grempergasse Basel, jetzt ein Theil der Greifengasse. EtAva =
Grapnergasse?
*Groper grübe Lübeck, s. Deecke, S. 3; in der Nähe liegen
„die Kohlgrapen". Auch in Hamburg sagt man nicht Gröpertwiete,
sondern Gröpertwiete. Gröpelstrasse hieß a. 1361 die jetzige Rosen-
strasse in Hamburg.
*Grützmaclierhof Lübeck. Grützmacherstrasse Bremen.
*Gortersstraat Antwerpen, von den Grützhändlern.
*Hakeus träte (d. h. Hökersti'-) Bremen a. 1446; s. Brem.
Jahrb. V, 193, 196. Die Höker oder Haken (penestici) sind nach
Laurent literar. Centralblatt 1869 Nr. 13 in Hamburg als Butter-
händler zu fassen, nicht mit Koppmann als Gänsehändlerinnen anzu-
sehen; nach letzteren heißt wohl nirgends eine Strasse, aber man
kauft in Hamburg noch beute bei Butterhändlern gern und vor-
wiegend auch eine fette Gans.
*Hefnerplatz (amtlich Häflfuerplatz geschrieben) Nürnberg. Es
ist sehr zu bezweifeln, daß dieser Name von den Hafnern =: Töpfern
herkommt, da dergleichen dort nie gewohnt haben und der Plural
von Hafner in Nürnberg nicht umlautet. Man kann an Hefner, d. h.
Bereiter von Hefe denken.
*Hirtenstrasse Bei-lin.
Hoveniersberg und Hoveniersstraat Gent; vgl. holländ.
hovenier Gärtner.
Hufnerstrasse in Barmbeck bei Hamburg ist ein neuer Name.
Das hochdeutschere Hübner ist ja auch ein häufiger Familienname^
Schon mhd. kommt huobensere als Inhaber einer Hube, Hufe (raan-
suarius) vor.
*Huidenvettersstraat Antwerpen. Huidenvettershoek und
Huidenvetterslei Gent.
*Unter den Hutern, früher in Nürnberg, seit 1809 amtHch
Kaiserstrasse, doch ist der alte Name noch jetzt viel im Gebrauch.
Sind diese Nürnberger und die früher erwähnten Wiener Huter Hut-
macher? oder etwa Hüter, Wächter?
STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 271
*Hutfilterstras5e in Rostock, jetzt kleine Wasserstrasse.
*Die frühere Hiitmachergasse in Altena heißt jetzt stets
-Strasse. Unter Hutmacher Cülii.
Huurdochtersstraat Gent, nach den Dienstmägden genannt;
huur darf nicht mißverstanden werden; es ist das hochdeutsche
Heuer Miethslohn (bei den Seeleuten noch ganz im Gebrauch).
*Die Irchergasse in Nürnberg lief und läuft oberhalb der
Weißgerbergasse hin. Beide noch jetzt bestehende Namen sind ursprüng-
lich identisch. Häuser, in der jetzigen Weißgerbergasse gelegen, wer-
den in alten Hausbriefen als in der Irhergasse gelegen bezeichnet.
* Jägergässchen Augsburg. Jägerhof Dresden, Hannover (in
beiden Fällen von der fürstlichen Jagd), vor Lüneburg (Sitz des
Jägers des Klosters St. Michaelis). Jägerstraße Bremen, München,
Stuttgart. - - -
Kammmachergasse Cöln, Ulm.
Kammersstraat Antwerpen und Gent; von den Brauern be-
nannt, wie mir Heremans schreibt. Ich finde holländ. und fläm. kam-
mer für Wollkämmer: meine lexicalischen Mittel führen mich nicht
auf die Brauer. Gehört die Kämmergasse in Cöln mit den flämischen
Städten zusammen oder zu den Kammmachern?
*Kangißer in Leipzig begegnen a. 14-4:6 ^Leipziger Urkunden-
buch n. 244).
•^ Kar penkäu ferhof bei Lübeck; in dieser halb plattdeutschen,
halb hochdeutschen Form findet sich der Name bei Deecke S. 10. Vgl.
auch Pferdekäufer unten.
Kärrnergasse (wenn ich in meiner handschriftlichen Quelle
nicht falsch lese) Würz bürg.
Kattundruckergang Lübeck.
"'■' *Für Klempner begegnet auch Klipper. Vgl. Dreyhaupt Saal-
kreis II, 557; auch in Leipzig; vgl. Grimm Wörterbuch V, 1206.
Klockerstrasse Lübeck, Deecke S. 4. Ein anderer Name für
die schon angeführte Glockengießerstraße.
Knechthaus Stade. Haus der Brauerknechte, die früher wirklich
Brauerknechte, jetzt aber trotz des Namens nur Todtengräber sind.
*Knochenhauerliolz, Knochenhauer wiese bei Lübeck,
s. Deecke S. 11. Knochenhauerstraße Bremen.
*Unter den Köchen Basel sec. 14. Die Speisen, welche hier
zu haben waren, bestanden vorzüglich in gesottenem und gebratenem
Fleisch, Würsten, gespickten und wohl zubereiteten Vögeln, Amseln,
Drosseln und „Zimberlingen"; auch in kleinen Vögeln, welche an
19*
272 ''^- FORSTHMANN
„Spießleiu" gesteckt waren. lu der Nähe befanden sich auch die
„Häringstetten", wo die Häringe verkauft wurden. Diese Localität
bildete einen Theil des Kornmarkts oder Marktplatzes; ihr Name ist
jetzt ganz verschollen.
„Uf Kölerhusern" oder Kolahüseren, a. 1379 Koliberg,
a. 1302 mons dictus Kolehuseren, später Kohlenberg. Eine An-
höhe bei Basel, welche bis zum Erdbeben a. 1356 nach außen hin
noch offen war. Hier wohnten Köhler, die für den Kohlenbedarf der
Stadt sorgten. Vgl. Gödecke Pamph. Gengenbach Vorrede XVII und
p. 344. Kohlergasse Augsburg.
*Zur Kohlgärtner Straße in Rostock. Die Kohlgärtner (der
Name gilt noch) heißen hier im 13. Jahrhundert ortulaui. Orti cau-
lium et humulorum kommen z. B. a. 1355 vor.
Ko hl höker Straße Bremen.
Kolveniersstraat Antwerpen, heißt so nach den Büchsen-
schützen (holländ. kolver, kolvenier).
*Kramerberg und Kramermühle bei Lübeck, s. Deecke
S. 8. Kram er gas se sec. 14 in Basel, a. 1272 vicus in&titorum, inter
institores (jetzt Schneidergasse) ; Krämergasse oder -gässleiu in
Nürnberg, schon alt und noch jetzt geltend. Krämerstraße Itzehoe.
Kramerstraße Dorpat, Riga (sec. 15 platea institorum, krem erstrate).
Kremerstrate a. 1525 u. 1526 Reval (platea institorum, jetzt Königs-
straße). In der Kramerei Cöln. Inter institores Leipzig, Urk. v.
1292 im Hauptstaatsarchiv zu Dresden (Leipziger Urkundenbuch Ein-
leitung p. XXVII). Die Krämerstraße (institorum) in Stade war früher
von der Hökerstraße (penesticorura) geschieden, jetzt bilden beide die
Hökerstraße. Die dortigen Urkunden scheiden scharf: 1. penestici
(Höker, Grünhöker, Fetthöker), im 14. Jahrhundert getrennt hokere
und hönerhokere (also Geflügelhändler) ; ihr Amt heißt das „Hack-
wark"; 2, das Amt der „Seidenkremer" (institores). Auf einem Plane
des 17. Jahrhunderts heißt aber das Kaufhaus dort nach holländischer
Sitte „Mercator".
Kuchenbäckergasse München.
* Küfergasse Esslingen. Küferstraße Stuttgart; hier sind
sicher Weinzieher, nicht Böttcher gemeint. Kyp erhörst bei Lübeck,
Deecke S. 11. Kuipersstraat Antwerpen. Kuiperskaai und Kui-
persstraat Gent. In Bremen heißen die Speicherarbeiter (Packer)
Küpper; ob dieß dasselbe Wort ist?
Künstlerstraße Zürich, gewiß nicht alt.
STKASSENNAMEN VON GEWEHBEN. 273
*Coppersleger Straße nach Heller (in Travemünde) früher in
Lübeck, jetzt Schmiedestraße.
*Kupferschmiedestraße Lübeck (Deecke S. 4), vielleicht
gleich der vorigen Straße.
*Küterstraße oder Köterstraße Lübeck (Deecke S. 4)
ebds. auch Kütergang. Ein Kütergang auch früher in Schwerin, jetzt
Friedrichsstraße. Küterstraße Dorpat, Riga (hier a. 1404 platea
carnificiim, kutherstrate). Die Form Kütinerstraße in Sternberg fMecklen-
burg) ist nur corrumpiert aus Küterstraße; bei Sternberg hat niemals
ein Kütin gelegen.
*Leder ergasse Regeusburg. Lederstraße oder Ledder-
straße (wohl aus Lederer-) Lübeck; Deecke S. 4. Ledergassc
Stuttgart. Under den ledrern, under ledrern in Augsburg im
Steuerregister von 1380 und 1456 (Augsburger Stadtarchiv).
Leimsiede rfeld bei Lübeck. Deecke S. 11.
Lynmakersstraat Antwerpen, nach Heremans so genannt von
den Seilern (Leinenmachern), nicht etwa von der Leinwand.
* Lein Weberstraße Königsberg.
Lichterziehershof oder -höflein Nürnberg.
*Löhergasse (geschrieben Leergasse) Mainz. Löhrgasse Cöln.
*Lohgerb ergasse Schweidnitz.
Lottergasse a. 1313 in Basel, vor einigen Jahren in Spitalstraße
umgewandelt. Loter ist Spielmann, Possenreißer, Gaukler. S. Wacker-
nagel Litteraturgeschichte p. 103, Anm. 22.
*Malerstraße Riga.
Melkerplatz Bremen: dazu gehören also wohl die verschiedenen
Molkenstraßen, der ]\Iolkeumarkt in Berlin u. s. w. Die Rostocker
Molkenstraße heißt urkundlich platea Frisonum, wohl schwerhch weil
die Frisones gleich dem heutigen „Holländer" Milchleute waren; sie
kommen im Gegentlieil als Tuchhändler, z. B. in Stader Urkunden vor.
Unter den Messerern (=: Messerschmide) früher in Basel, ein
Theil des jetzigen Blumenrains.
Metsersstraat Gent; zu fläm. metser neben metselaer, hoUänd.
metzelaar Maurer.
*Metzgergasse Meran (Tirol), Stuttgart, Tübingen. Metzger-
bachgasse Eßlingen. Metzger au vor Straßburg.
*Müllergasse Cassel. Müllerstraße Berlin. Mulenaars-
straat Gent.
*(Zu Mult ergasse). Vielleicht sind Multer, Mulzer (Malzmacher)
gemeint, obwohl die fehlende Lautverschiebung bedenklich macht. Mit
274 E. FÖRSTEMANN
dem Bäckergewerbe ist das leicht vereinbar, da die Wärme der Malz-
darre leicht vom Backofen gegeben werden kann. In Rostock blühte
die Mulzcrei bis vor kurzem als eigenes Geschäft und besteht auch
jetzt noch.
*Nädlerschwibbogen Lübeck; s. Deecke S. 5. Nädlerhorst
bei Lübeck; s. Deecke S. 12. Nadlergraben Nürnberg, auf der
Lorenzer Stadtseite; s. Endres Tuchers Baumeisterbuch p. 347.
*Nagelschmidsgang Lübeck. Nagel schmitthor a. 1635 zu
Braunsberg in Preussen.
*Pel zergang Lübeck. Pelzergasse Cöln.
*Unter den Bermendern oder Berminern Basel sec. 14; jetzt
Kornmarkt.
Unter Pfannenschläger Cöln, jetzt officiell zur Hochstraße
gerechnet. Die Pfannenschläger werden wohl ziemlich gleich den Kupfer-
schlägern sein (Pfannenschmide).
Pferdekäuferhof [bei Lübeck, Deecke S. 12. Perdekoper-
s träte Reval a. 1527, jetzt Pferdekaufstraße. S. oben Karpenkäufer.
Pfiefergang in der Feldmark von Spaugenberg bei Rothenburg
(Hessen).
*Pfistergasse Zoiingen im Aargau. Pfisterthörle in Stutt-
gart, jetzt abgebrochen, neben der herrschaftlichen Pfisterei.
*Plattnergasse in Innsbruck im IG. Jahrhundert; die in ihr
verfertigten Harnische giengeu bis nach Frankreich, lu Nürnberg wurde
am Frohnleichnamstng 1465 den Plattnern am Plattenmarkt ein
Mayen (Maibaum, Birke) vergönnt bei ihrem Brunnen zu stecken.
Diese Plattner wohnten nur auf der einen Seite des Plattenmarkts,
welche bloß drei Häuser enthält.
Plottersgracht Gent, nach den Wollpflückern benannt; holl.
und flära. ploter „derjenige, welcher Schaffelle ab wollt".
*Pötterberg bei Lübeck, Deecke S. 12. Li Rostock heißen die
Töpfer Pütter, in Stade Pütjer bis heute. Ein am Montag gehaltener
Töpferraarkttag heißt in Rostock Püttermandag.
*Racker Straße oder Reckerstraße in Hamburg hieß früher
die jetzige Lilienstraße; platea cloacaria; der Tradition nach soll dort
der Schinder gewohnt haben; a. 1380 kommt ein magister cloacarii vor.
*Rademachergang Lübeck. Rademacherwinkel Hannover,
die alte Grenze zwischen Alt- und Neustadt.
*Reeperstraße Riga; Röperstraße Altena, hieher? Reper-
bahn bei Lübeck, Deecke S. 13. Auch in Bremen gibt es eine Reper-
bahn, und zwar neben der Seilerstraße. Also auch hier der schon aus
STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 275
Lüneburg erwähnte Unterschied. Die schweren Taue machen nur die
Reeper, die leichte Arbeit die Seiler. In Lüneburg war ein Amt der
Reeper, die dortigen Seiler gehörten zum Seileramt nach Lüchow. Von
Hannover ab nach Süden scheint es nur Seiler, keine Keeper zu geben;
in Göttingen und Kaienberg kennt man dieß Wort Reeper nicht (auch
Schambach hat es nicht). Dagegen existieren in dieser Gegend zwei
andere Wörter Reeper: 1. ein Scheltwort = Range, Ruinierer; 2. ein
Flachsraufer; vgl. die beiden Verba rcpen bei Schambach.
Rhe der Straße Bremen; doch ist der Ursprung nicht ganz sicher,
da reder, rederus im Mittelalter in der Gegend von Bremen auch für
Reiter vorkommt.
Röhrer gasse Cölu. Das sind wohl die Röhrenbohrer, die mit
den Wasserröhren zu schaffen haben.
Röseler Straße Hannover. Zu diesem Ausdruck ist zu verglei-
chen die Leipziger Urkunde von 1373 (Leipziger Urkundenbuch S. 43),
worin „den bescheyden alden schoworchen gnant die reseler" das Recht
eine Lmung zu bilden verliehen wird.
Zagemansstraat Gent; vgl. den Hamburger Sägerplatz und
die folgenden Namen.
*Sägergässchen Basel; hier befinden sich noch jetzt zwei
Sägen und eine Farbholzmühle; Sägerstraße Riga.
Salunenmacher Straße oder Schlumacherstr. Lübeck; Deecke
S. 6. In den Lübeckischen Zunftrollen habe ich die Salluuenmaker schon
XIV, 25 nachgewiesen. In Müller-Zarncke's mhd. Wbcli. wird schalüne
als ein Stück des Bettgewandes erklärt und angefragt, ob das Wort von
der Stadt Chalous herkomme. Ich wage darüber nicht zu entscheiden.
Sängerstraße Stuttgart, ist neu.
*Sattlergasse Königsberg. Unter den Sattlern früher in
Nürnberg.
*Schäferstraße Berlin, Gadebusch (Meklenburg). 'if '-^
*Scheer State, platea rasorum, a. 1414 in Riga.
*Meine Bemerkung zu Schüferdekkersteglein ist ihrer Kürze
wegen mißverstanden worden. Ich finde darin allerdings unser Schiefer-
decker, der Schiefer heißt aber holländ. schilfer (wohl zu schälen,
Schale), während schon im Ahd. das 1 eingebüßt ist.
*Schiffergang Lübeck, s. Deecke S. 3. Schifferstraße
Bremen. Schipp ersbreed st raat Antwerpen.
Schiffmannsgasse Pest.
*Schinderthurm Northeim bei Göttingen; der Anger des Schin-
ders hieß aber dort Slinganger, mit der I-'illokü'c: vgl. oben die Vilder-
stra^at. • . . ■ : <:-!:'>'-. • i.r'n-- ' " ' '■• ' r;'V--i7/
276 1^- FÖRSTEMANN
*Sclilachterg-ang Lübeck. Schlachterstraße Hadersleben
(Schleswig). In Stade ist das Wort Knochenhauer erst neuerdings durch
Schlachter verdrängt. Letzteres Wort ist aber dort alt im Gewerbe des
Kopslachters, Kopf- oder Hausschiachters, der im Gegensatz gegen
den alten Knochenhauer und jetztigen Schlachter nur Schweine schlachten
und mit Wurst handeln darf.
*Die SchlägerstraÜe in Hannover ist erst neu benannt nach
einem Familiennamen.
*Schlosserstraße Stuttgart, ist neu. Schlossereistraße Riga.
*Schmiedgasse, unter den Schmieden sec. 14 in Basel,
jetzt Spalenberg. Hier wohnten die Helmer und Halsberger; nicht weit
davon steht das Haus der Schmiedezunft. — In Nürnberg sind drei
Schmiedgassen nachzuweisen, eine obere und eine untere auf der
Sebalder Seite und eine dritte auf der Lorenzer Seite, seit 1809
in Ludwigstraße umgewandelt. Schmiedestraße Altena (früher
-gasse), Dorpat, Hadersleben (Schleswig), Pernau (Livland), Reval
(Esthland, schon sec. 15 Smedestrate), Riga (schon sec. 15 platea
fabrorum, smedestrate).
*Schornstein fegergang Lübeck. Schornstein feger gasse
Berlin.
Schouwvagersstraat Gent; von den Schornsteinfegern, vgl.
holländ. schouw Schornstein.
"*Schreibergasse Constanz.
Schreiner Straße Stuttgart. Schreiner kommt hier zum ersten
Male in Straßennamen vor; es scheint doch als FremdAvort nie so recht
volksthümlich gewesen zu sein.
Schrjnwerkersstraat Antwerpen, nach den Schreinern.
*Schroderstrate sec. 15 Reval, jetzt Apothekstraße.
Schoenlappersstraat Gent; schoenlapper (auch holländ.) ist
Schuhflicker, Altbüsser.
*Schuhmacherort Heide (Schleswig). Schuhmacherstraße
Altona (wohl eigentlich Schumacherstr. , nach dem bekannten Astro-
nomen). Schuhmacher- neben Schusterstraße Riga (schon sec.
15 platea sutorum). Aber die angebliche Schuhmacherstraße in Lübeck
existiert nicht, vielmehr eine Schlumacher- oder Salunenmacherstraße
(s. ds.) Schoenmakersstraat Antwerpen. Schusterbrücke früher
in Hamburg. Schustergasse Mainz, Stuttgart. Schusterinsel in der
Düna bei Bolderaa unterhalb Riga. Unter den Schustern früher in
Nürnberg, ebendaselbst besteht noch jetzt eine Schustergasse. Bei den
Schustern soll zur Zeit der Hansa eine Örtlichkeit in Bergen (Nor-
wegen) genannt sein. Schuh Straße (schon sec. 15 schostrate) Reval.
STKASSENNAMEN VON GEWEIMJEN. 277
*Scliützengasse und Schützengraben in Basel; beide Stra-
ßen führen zum Schützenhaus und der Schützenmatte: Namen aus
neuester Zeit. Schützenhof in Barmbeck bei Hamburg. Schützen-
pforte Hamburg, Schützenstraße Braunschweig, Bremen, Frankfurt
a. M., Hamburg, Kiel, Leipzig, München, Schwerin, Weimar; aber die
Schützenstraße in Rostock ist nur nach einem Familiennamen benannt.
Schutterssteeg Antwerpen, nach Heremans hierher.
* S c h w e r t f e g e r g a s s e Potsdam.
Schwertnergasse Cöln. Hier begegnet mir zuerst das einfache
AVort für Schwert feger, wenn anders dieser Name so zu deuten ist.
Seidmachergässchen und unter Seidmacher Cöln.
*Seilergasse Baden (nach A. v. Keller), Insbruck. Seiler-
straße Bremen. Vgl. auch Reperbahn u. s. w.
Zilversmidsstraat Antwerpen.
*Die frühere Spieglergasse (äußere Laufergasse j in Nürnberg
kommt schon am 8. Nov. 1527 vor.
Spielleutestraße Bremen.
Spinne rsstraat Gent; der Name ist neu.
Spinnrademachergang Lübeck; also eine Unterart der Kade-
macher.
Spitzengasse (gr. und kl.) Cöln, ein abgekürzter Name, denn
dort wohnen Spitzenklopperinnen.
*Sporergasse Cöln, Stuttgart, früher in Strassburg. Sporer-
th or Darmstadt. Unter den Sporren, der Sporrer gasse, a. 1349
domus undern Sporren, sec. 14 in der sperren gassen apud
macellum, jetzt Sporengasse in Basel.
Spulmannsgasse Cöln. Sind das Anfertiger von Spulen? Im
mhd. Wbch. begegnet spuoler = einer, der das Garn zum Weben auf
Spulen spinnt.
Stecknitz fahr er gang Lübeck; die Stecknitz fließt bei Lübeck
mit der Trave zusammen; das Wort ist also gebildet wie Schonenfahr er,
Bergenfahrer, Grönlandsfahrer.
Steinenmüllergang in Basel; er führt an einer Mühle vorbei
in die Steinenvorstadt; also eine ganz eigenthiimliche Wortbildung, die
eigentlich bei Müller zu erwähnen wäre.
*Steenhouwersvest Antwerpen. Steenhouwersstraat Gent.
Sutergasse, vicus sutoram, a. 1260 Sutergasse, 1281 Suster-
straße in Basel, ein Theil der jetzigen Gerbergasse. Einige andere
Suster- und Süsterstraßen gehören nicht hieher, sondern zu Schwester^
von den Nonnenklöstern.
278 E. FÖRSTEMANN
Tapissiersstraat Antwerpen, von den Tapetenwirkern.
*Tasclinergässlein wird in einer Urkunde vom 21. Mai 1696
in Nürnberg das früher und später, auch jetzt noch so genannte Schul-
gässlein genannt. Unter Taschenm acher Cöln; vgl. auch den Namen
des Schriftstellers Tescheumacher.
Taverniersstraat Gent, nach den Schaukwirthen benannt.
*Tischlergang Lübeck. Tischlergasse Prag.
*Todtengräbergässchen Chemnitz, jetzt amtlich Hospitalgasse.
*Töpfergang Lübeck. T ö p f e r g a s s e Frankfurt a. Main. T ö p f e r-
twiete Bergedorf bei Hamburg.
*Tuchmachergasse Prag.
Twyndersstraat Gent, von den Zwirnern, holl. twynder.
*Voldersvest Antwerpen. Voldersstraat Gent. Gehört auch
die Follerstraße in Cöln hierher?
Wagemausstraat Gent. Auch in Lübeck soll, wie ich durch
Heller in Travemünde erfahren, früher eine Wagemannsstraße gewesen
sein. Es sind doch wohl Wagner gemeint.
* W agner s tra ß e Hannover.
Walldienerhof Rostock; die Walldiener gehörten hier zur
familia consulum. In Festungen kennt man noch jetzt Wallmeister.
Wandraacherhof Lübeck, also gleich den hamburgischen Wand -
bereitem.
*Wäscherhof Nürnberg, uralt und noch jetzt.
* Webergasse Esslingen, (obere und untere — ) Wiesbaden.
Weberkoppel bei Lübeck, Deecke S. 15. Weberstraße Berlin,
Bremen, Lübeck (Deecke S. 6), Riga, Stuttgart, früher in Ulm (jetzt
Frauenstraße). Weversstraat Gent (neuer Name). Webersplatz in
Nürnberg erst in neuerer Zeit aufgekommener Name für den freien
Platz unterhalb der sogenannten „sieben Zeilen", in denen früher lauter
Weber wohnten. Zu der schon erwähnten Webergasse in Basel ist zu
bemerken, daß die alte Webergasse (a. 1273 vicus textorum) jetzt
unterer Henberg heißt. Gegenwärtig giebt es eine Webergasse in Kl ein-
Basel; diese hat ihren Namen wahrscheinlich von dem Weberhaus des
Klosters Klingenthal.
Wechslerbrücke und Wechslergasse früher in Hamburg,
letztere schon a. 1359 genannt, wahrscheinlich die jetzt „bei der alten
Börse" genannte Straße.
* Wei ßgerb ergasse Schweidnitz.
Weißmalergasse (Weissmaulergasse) früher in Augsburg, jetzt
Karolinenstraße. Bekannt ist der Familienname Rothmaler.
STKASSENNAMKN VON GEWERBEN. 279
Wendenstraße Rostock gehört vielleicht trotz des ethnographi-
schen Namens hierher, denn wenn auch die Wendenstraße (Slavorum
platea) oder Wendische Wyk vor Uostock gerade wie Wendischdorf
in Lüneburg die Wohnsitze der Wenden angeben, so scheint die Wenden-
straße innerhalb Rostocks, vielleicht auch Wendlander Schild
(eben daselbst) zugleich Gewerbename zu sein, da hier Wende (Slavus)
und Specksnyder (lardum vendens, lardiscida) völlig identisch und pro-
miscue gebraucht werden. Vgl. Lisch Jahrbücher XXI (1856) p. 28 ff.
AVende als Speckschneider ist demnach völlig gleich mit dem Fett-
höker in Stade, dem Vullhaken oder Fetthaken in Lüneburg und
liichthakeu in Rostock, also eine Hökerstraße, platea penesticorum.
l^as Wendenthor liegt in Rostock an der Wendenstraße. — Aber
die Wiener Wendkremer (Germania XV, 280) lipgen wol fern. ._.
*W ollen weberstraße Neu-Buckow (Mecklenburg).
W 0 1 1 w e r k e r g a s s e Regensb urg.
r ■ ' Ziramermannstraße Neumünster (Holstein). Zimmerstraße
in Berlin hierher?
So weit dieses dritte Verzeichniss. Dasselbe bereichert auch die
den beiden ersten Sammlungen angehcäugten allgemeinen Bemerkungen
in früher ungeahnter Weise, und wer einst jene drei Verzeichnisse viel-
leicht mit noch anderem Stoffe vermehrt zu einem einzigen umarbeitet^
wird auch jenen Bemerkungen eine ganz neue und vollkommenere Ge-
stalt zu o-eben haben. Ich beschrcänke mich hier auf einzelne Zusätze :
Zu Germania XIV, 20 und XV, 281. Das „unter" in den Straßen-
namen ist außer den schon genannten Städten nun auch in Augsburg,
Basel, Leipzig, Nürnberg und Regensburg nachgewiesen. Über diesen
Punkt schreibt mir Pütz aus Cöln: „Das unter wird in Cöln nicht
nur im Munde des Volks, sondern auch officiell mit dem unflectiertcn
Plural gebraucht und erinnert an das lateinische Beispiel inter sica-
rios bei Cicero Catilina I." Heremans in Gent meldet: „het heeft in
de brouwers gebrand sagt man in Antwerpen statt in de brouwers-
straat." Über dieses in bei Straßennamen vgl. für Magdeburg Städte-
chroniken VII, 184; Magdeburger Geschichtsblätter I, S. 15 (1866).
Zu XIV, 25: Neben der Görlitzer Armesündergasse und Verräther-
gasse kann ich jetzt auch eine Armesündergasse in Reval (Esthland)
nennen; sie führte zum Galgen hinaus. Ein Ehebrechergang ist noch
jetzt in Hamburg, ein Ehebrecherstieg nach Deecke S. 9 bei Lübeck
vor dem Mühlenthor. Eine Kipperbrücke war früher in Hamburg, vom
Handel mit schlechtem Gelde benannt; dahin gehört auch wohl die
dort noch vorhandene Kibbeltwictc (Schütz II, 260j. Auf das Verbrechen
280 E. FÖRSTEMANN
der Hexerei führt die Tooveressenstraat in Gent. Diebsgänge könnte
man ans manchen Städten verzeichnen.
Zu XIV, 25 und XV, 281, wo ich reiche Verzeichnisse von ge-
werblichen Ausdrücken aus Lübeck, Nürnberg und Wien nachwies,
kann ich jetzt auf die alten Gewerbe in Osnabrück hindeuten, wie
man sie verzeichnet findet in den Mittheilungen des historischen Vereins
zu Osnabrück Bd. VII (1864) S. 24 ff. Hier begegnet wiederum eine
Anzahl von Ausdrücken, die in meinen bisherigen drei Sammlungen
noch keine Gelegenheit hatten zu erscheinen.
Den früher kaum geahnten Reichthura unserer Gewerbebezeich-
nungen werden auch folgende vereinzelte Bemerkungen darthun:
Schmelzer oder Fettmenger begegnen schon neben der Über-
setzung unguentarii in einer Urkunde von 1281; s. Hoffmann Gesch.
von Magdeburg I, 330 und 508. Wir haben also nun Fett-, Fisch-,
Fleisch-, Stahl- und Waitmenger.
In Augsburg lernen wir Grauloder, Geschlachtgewand er^
Schäffler und Salzfertiger kennen; s. Städtechroniken IV, 146.
In Breslau und Liegnitz erscheinen Kräuter; s. Grimm Wbch.
V, 2114.
Sonnen kramer in Leipzig zeigen sich um 1450 (Leipziger
Urkundenbuch n. 263); vorkauff'er und sonnenkramer, wer uö" dem
markte wil feile haben und feile hat in budin, ufF schrayn addir uff
der erdin.
Lesterer in Leipzig a. 1462 (Leipz. Urkundenb. n. 353, vgl.
auch 369, 405): lantfleisschawer die man lesterer nennet. Auch in Halle
ist der Name für unzünftige Fleischer bekannt; s. Dreyhaupt Saalkreis
II, 556.
Salzhacken in Leipzig a. 1482 (Lpz. Urkundenb. n. 520).
Ein so gewaltiger noch immer unerschöpfter Reichthum unserer
»Sprache ist nur möglich in Folge der köstlichen Frische und Freiheit,
welche sie sich auch auf diesem Gebiete bewahrt hat. Einen Blick in
diese lebendige Quelle hinein möge folgende Mittheilung aus meiner
eigenen Kindheit gewähren: Meine Großmutter besaß in Danzig ein
Gehöft, auf welchem zwei Häuser standen, in denen etwa sechs Familien
niedern Standes zur Miethe wohnten. Das Gehöft hieß der weiße^Bär,
denn über dem Thore befand sich ziemlich roh aus Holz geschnitzt
ein Eisbär. Einst erhob sich ein großer Sturm, der Bär fiel herunter
und gieng dabei gänzlich zu Grunde. Die Bewohner des Gehöftes er-
klärten nun, daß sie in ihrem Erwerbe geschädigt würden, wenn man
das Zeichen ihrer Wohnung nicht wieder ersetzte, es müsse durch-
.STKASSENNAMEX VuN GE\V?:EBEN. 281
aus ein neuer Bär gemacht werden. Nun machte es nicht geringe
Schwierigkeit, bis ein „B'^i'kemaker" (Bärchenmacher) gefunden war;
endlich fand er sich und Heferte nach kurzer Zeit seine Phidiasarbeit.
Das eben mitgetheilte Wort steht hier gewiß zum ersten Male gedruckt
und gesprochen ist es wohl auch weder früher noch später, nur während
weniger Tage vielleicht von einem halben Dutzend Personen. In nicht
viel anderer Weise mag mancher ähnliche Ausdruck zu beurtheilen
sein; Zeit, Ort und Gelegenheit rufen ihn hervor und nach kurzem
Gebrauche in engerm Kreise hat er ausgelebt.
Zu meiner Bemerkung über den geographischen Verbreitungskreis
des Wortes twiete kann ich noch einiges beibringen. Twiete in Lübeck
erwähnt Deecke S. 2. In Stade heißen vier kleine Quergassen: Lämmer-
twiete, Große-, Kleine-, und Steifenstwiete. In Northeim bei Göttingen
vor der Stadt heißt ein Querweg durch Gärten Twechtje, die Gärten
selbst „an der Tw.", auch wohl ,.in der Tw," In Schwerin existierte bis
1869 eine Ackertwiete, die jetzt ein Theil der Paulsstraße ist. In Berge-
dorf bei Hambm-g giebt es eine Bleichertwiete und eine Töpfertwiete.
Germania XV, 283 hatte ich angeregt, man möge das Verhältniss
der Gewerbebenennungen auf einfaches -er zu denen auf -macher einmal
untersuchen. Dazu kann man auch die auf -werker (Schrjn-, WoU-
werker) und die auf -bereiter (Gar-, Wandbereiter) erwägen; auch die
auf -menger (s. oben) , -hauer, -schmid, -manu, -leute bilden förmlich
kleine Ciassen.
Ehe ich aber von diesem nach so vielen Seiten hin ergiebigen
Gegenstande ablasse, liegt es mir am Herzen, die Frage nach dem
Alter solcher Gewerbebenennungen in unsern Ortsnamen zu berühren.
Wir haben aus den obigen Sammlungen ersehen, daß mit wenigen Aus-
nahmen unser Material für die deutscheu Straßennamen nur bis in's
dreizehnte Jahrhundert zurückreicht. Aus früherer Zeit giebt es ja keine
deutschen Urkunden und die altern lateinischen bieten kaum Gelegen-
heit zur Erwähnung von Straßennamen. Aber der hier besprochene
Gebrauch ist sicher weit älter, wie wir aus einem andern ganz nahe
liegenden Gebrauche ersehen, den wir glücklicherweise noch fünf Jahr-
hunderte höher hinauf, bis in's achte Jhdt. hin verfolgen können. Je
weiter wir in der Geschichte unseres Vaterlandes zurückgehen, desto
seltener und unbedeutender erscheinen uns die eigentlichen Städte die
große Masse des Volkes lebt in einzelnen Höfen und Weilern, die
meistens wohl nur aus wenigen Häusern bestanden. Bei dieser Verein-
zelung konnte sicher manches der heutigen Gewerbe noch nicht «-ewerbe-
mäßig getrieben werden ; man war lange meistens sein eigener Tischler,
282
K. rÖRBTEMANN
Schneider, Schuster, Bäcker, Brauer. Aber das Bedürfuiss nach be-
sondern Schmieden aller Art, Glasern, auch Hirten muß doch schon
sehr frühe vorhanden gewesen sein; wo ein solcher Gewerbetreibender
von seinem Hofe oder Weiler aus vielleicht einen ziemlichen Strich
Landes versorgte, da lag es nahe, dessen Wohnsitz nach seinem Ge-
werbe zu bezeichnen. Und in der That kennen wir diese Vorläufer
unserer gewerblichen Straßennamen aus nicht wenigen Beispielen; sie
erscheinen meistens als elliptische Pluraldative und entsprechen am
nächsten den alten Straßennamen mit unter und in. Nachdem ich im
zweiten Bande meines Namenbuches (1859) vieles dahin gehörige
Material niedergelegt, aber großentheils noch nicht richtig sprachlich
erkannt hatte, stellte mein Freund Ignaz Petters noch in demselben
Jahre in der Germania IV, 34^ manches dahin gehörige in sehr dankens-
werther Weise zusammen und ich konnte in meinen Ortsnamen (1863)
S. 185 und 197 schon mehreres der Art an seinem Orte besprechen.
Ich liefere hier nun in alphabetischer Folge eine Reihe solcher Oi-ts-
namen aus dem achten bis elften Jahrhundert, verweise für die ge-
naueren Citate auf mein Namenbuch und hebe durch ein Sternchen
auch hier diejenigen Ausdrücke hervor, die schon in meinen drei
Straßensammlungen erwähnt sind.
Arnari oder Arneri^ welches in den fuldischen Urkunden öfters,
z. B. a. 973 begegnet, ist Groß- und Klein-Oerner, nordöstlich von
Mansfeld, nordwestlich von Eisleben. Ein unbekannter Ort in Friesland
(ich denke zunächst an Eenrum bei Appingedam, westlich vom Dollart)
erscheint sec. 10 und 11 in den von Crecelius mitgetheilten Registern
als Arnarion, Arneron, Arneru. GrafF I, 427 führt ein arnari quae-
stuarii auf; der genauere Sinn des Wortes in den beiden Ortsnamen
entgeht uns noch, es mögen hier mercenarii irgend einer Art ge-
meint sein.
*Cuopharen, Chuofarin, Chufarn u. s. w., sec. 11 öfters, ist
Kuffern oder Kuffing, SO v. Mautern in Österreich. Die Rebengelände
der reichen Klosterstiftungen dieser Gegend werden hier wohl frühe
besondere Küfer zur Ansiedlung bewogen haben.
Fanari, Vaneri (auch ungenau Panre), schon sec. 8 und 9 mehr-
fach, besonders in fuldischen Urkunden erwähnt, ist Groß- und Klein-
Fahner, NO von Gotha. An Sumpfbewohner (goth. fani) ist schon wegen
des mangelnden Umlauts nicht zu denken; man wird das goth. fana
panna herbeiziehen müssen; da es jedoch unnatürlich wäre hierFahnen-
träo-er zu suchen, so ergibt sich der Sinn von Tuch wirk ern als der
wahrscheinlichste.
STKASSENNAMEN VON (JEWKRBFX. 28:5
Vezzerun, Vescera (einmal mit dem Zusätze ubi ferrum con-
flatur) kennen wir schon seit sec. 10 als das heutige Vessra (Vesser)
bei Schleusingen in Thüringen. Dort werden Ketten (ahd. fezzera) und
wohl auch andere Eisengeräthe geschmiedet worden sein, wie auch
Grimm Wbch. III, 1558 annimmt.
Figularun, das zweimal in einer Urkunde von 1058 genannt
wird, ist Figler im niederbairischen Landgericht Eggenfelden. Das
Wort, welches allem Anscheine nach hieher gehört, ist doch schwer
zu verstehen. An lat. figulus mit deutscher Endung möchte man kaum
denken; das mhd. Wbch. führt ein vigele für Violine auf, danach
könnten dort Fidler gewohnt haben; oder sollen wir mhd. vilsere (aus
vihilari) Feiler, Feilenhauer herbeiziehen? ich wage nicht zu ent-
scheiden.
Frumara, Frumarom bezeichnet a. 793 u. 838 Frommern in
Wirtemberg, NO v. Rotweil. Sprachlich damit gleich wird sein ein
seit sec. 8 mehrfach erwähntes Phrumari, Phrumare, Pfrumarum, jetzt
Pframering, S von Erding, NO von München. Es müssen Diener oder
Arbeiter gemeint sein, ahd. frumara, mhd. vrumaere. Ein rheinisches
schon seit 897 genanntes Gunteresfrumere führt sogar den Namen des
Herrn oder Arbeitgebers mit an; wir kennen den Ort nicht näher.
Furari, Furaren, seit 874 in fuldischen Urkunden vorkommend,
ist jetzt Furra (Gr. itnd Kl.) an der Wipper, S von Nordhausen, NW
von Sondershausen. Man denkt dabei gewiß mit Recht an ahd. forari
Lastträger, mhd. vüersere Fuhrmann.
Gansaraveldi, sec. 11 öfters genannt, ist vielleicht Gänsern-
dorf im Viertel unter dem Manhartsberge. Darin muß ein ahd. gansari
Gänsehirt liegen.
*Gleserecella in unbestimmter aber früher Zeit erwähnt, heißt
noch jetzt Gläserzell, unterhalb Fulda. Aus so früher Zeit ist sonst
noch kein glasari nachzuweisen,
Goldarun, sec. 9 — 11 öfters vorkommend, ist das heutige Gol-
dern bei Teisbach, NO von Landshut. Das muß doch den Wohnsitz
von Goldschmiden bedeuten; bis jetzt kenne ich freilich noch kein
goldari.
Agastaldaburg (für Hag-) kommt a. 1046 vor; es war eine
Burg an der alten Yssel, NO von Cleve, SO v. Arnheira; der dort
liegende Ort Oulst erinnert vielleicht an den Namen. Wir haben also
hier eine ars. servorum oder wohl besser mercenariorum.
*Huotarn Hutam, sec. 11 öfters genannt, ist Hütern, N v. Passau.
Schon G raff führt ahd, huotari custos an. - '— — *--
284 K. F()KSTEMaXN
*Kezzilari, in fuldischea Urkunden seit 874, ist das heutige
Kessler zwischen Kahla und Blankenhayn, SW von Jena, wohl die älteste
Erwähnung von Kesselschmiden.
*Knechtahusun sec. 11; der Ort lag bei Steinheim, SO von
Detmold.
Mutarun seit sec. 9 öfters; Mautern au der Donau, zwischen
Linz und Wien. Da müssen Zolleiunehmer fgoth. motareis) gewohnt
haben.
*Phistarheim, sec. 11 mehrmals, jetzt Pfistersheim, SO vou
Landshut.
Sangarhusen, Sangirhusen, seit a. 991 nachzuweisen, Sanger-
hausen zwischen Eisleben und Nordhausen. Hat man etwa ein sangari
der den Wald durch Feuer niedersengt (schwendet) anzunehmen?
Vgl, auch unten Zangaren. Ahnlich ist vielleicht Riuttare (Namen-
buch II, 1199) zu verstehen von Leuten, die den Wald ausreuten,
doch kann hier auch an Bewohner eines Riuti gedacht werden.
*Satalarun. Satalara ist schon seit a, 748 mehrfach erwähnt,
jetzt Sattlern im niederbairischen Landgericht Landau. Während Kehrein
ein seltenes s adele (ein Stück Feld) herbeizieht, denkt Karl Roth an
wirkliche Sattler, und ich sehe nicht, was man dagegen sagen könnte.
Dazu mag auch das schon sec. 8 im Neckargau erwähnte Sadelerhuser
gehören.
*Scafarafeld, sec. 9 und 10 mehrmals, vielleicht Schafterfeld
an der Ips im Viertel ob dem AViener Walde, zu ahd. scäfari opilio.
Sceftilari, -aron, seit sec. 8 oft, Schäftlarn, S von München,
unweit der Isar, wird wohl auf die späteren Speermacher gehen.
Scalcaburg, sec. 11 öfters, jetzt Hausberge an der Weser bei
Minden. Scalcobah sec. 9 in Österreich. Scalcobrunnon in früher aber
unbestimmter Zeit bei Salmünster. Also synonym mit den oben er-
wähnten Namen Arnari, Frumara, Agastaldaburg und Knechtahusun.
* Seil tarn öfters sec. 10 und 11, Schildtoru in Oberösti-eich,
Innkreis. Sciltarun Mchb. sec. 11 (n. 1202), Schiltern bei Schwind-
kirchen, Landgericht Haag, Schildarius (so) schon a. 798 in den Salz-
burger Urkunden, vielleicht Schilding im Salzburggau. Dort würden
goth. skildarjos wohnen, wohl Verfertiger von Schilden, schwerlich
schon in abgeleiteter Bedeutung Maler.
*Schmide sind die nothwendigsten unter den Handwerkern und
deßhalb die ältesten und edelsten. Damit stimmt gut überein, daß nach
ihnen weit mehr als nach andern Gewerbtreibenden zahlreiche Orter
benannt sind. Man sehe die verschiedenen Smidaheim, Smidahuson
«TKASSENNAMEN VON GEWERBEN. 2S5
u. s. w. in meiuem Namenbuch nach und erwäge, daß die oben an-
geführten Namen Vezzerun, Goldarun, Kezzilari, auch das unten er-
wähnte Zeinarin auf verschiedene Arten von Schmieden hinweisen; ja
die eben erwähnten Verfertiger von Schaft und Schikl können des
Schmiedens kaum entrathen.
(Den in meinem Namenbuche angeführten Ortsnamen Snedere-
broch auf Schneider zu beziehen darf man nicht wagen.)
Sweigra (auch ungenau Soagra), sec. 9, ist Schwaigern W von
Mergentheim, Sweigera, Sueigerin, sec. 10, dagegen Schwaigern, W von
Heilbronn. Darin liegt ahd. sweigari Hirt ebenso wie in den Zusammen-
setzungen Sueigerheim und Suegerestete, über die man das Namenbuch
nachsehe.
Telsaran in einer österreichischen Urkunde des 11. Jahrhunderts
könnte nach dort ansässigen Färbern benannt sein; vgL mhd. telze
Farbe, betelzen beflecken.
* Web er es tat, schon sec. 8 erwähnt, ist Weberstädt, W von
Langensalza, NW von Gotha. Schon ahd. webari textor.
*Wehslaron, ein westfälischer Ort, wird schon sec. 9 erwähnt.
Es fällt fast auf, so frühe Wechsler hier zu finden, doch wer vermag
den historischen Anlaß zu wissen?
Zu lat. vinitor, vinitorium, deutsch Winzer gehört schon in alter
Zeit eine Anzahl von Ortsnamen. Ich erwähne Winitorium, seit
a. 882 bekannt, später Wintere, Winetre, jetzt Königswinter bei Bonn.
Ferner Win zum a. 10G7, wahrscheinlich Winzer im Landgericht Mindel-
heim. Endlich portus qui Wincirin dictus est (cum v in eis) a. 1062,
jetzt Winzer unterhalb Regensburg. Ja selbst Formen wie Winterberg,
Wintersteti u. s. w. mögen nicht immer zu wintar hiems gehören.
Zangaren a. 1040, in der Gegend von Ranshofen am Inn, bleib*
noch ungewiß. Man hat die Wahl, entweder eine Ableitung von Zange
forceps anzunehmen, die auf verschiedene Gewerbe hinweisen könnte,
oder an eine unorganische Schreibung für Sangaren zu denken, die
dann mit dem ersten Theile von Sangarhusen zusammenfallen würde.
Zeinarin, a. 1083 und 1096, jetzt Zaina im Viertel unter dem
Manhartsberge, muß zu goth. tain, ahd. zain gehören, und dann läge
der Sinn von Goldschmiden zunächst, vielleicht aber ist auch an das
abgeleitete zainja Korb zu denken, und dann hätten wir wohl Korb-
flechter anzunehmen.
Zidelare, Cidalarin u. s. w. begegnet seit sec. 8 öfters und
bezeichnet theils Zeitlarn, N von Regensburg, theils einen Ort zwischen
Linz und Steyer, theils Zeidlarn im Landgericht Eggenfelden, theils
GKKMANJA. Neue Ui-ihe IV. (X VI.) Jahr,'. 20
28G K. J. SCHRÖER
endlich Zeidlarn an der Alz. Hierin wie in dem zusammengesetzten
Cidalaribah und Zidalaregowe haben wir deutlieh ahd. zidalari apiarius.
Einige Formen dürfen nicht verführen, sie hicher zu nehmen.
Dahin gehört das sec. 9 begegnende Fizkere, worin wir nicht Fischer,
sondern Anwohner der Fischa in Niederösterreich zu sehen haben;
ferner Forstarun sec. 11, jetzt Forstern bei Braunau im Innviertel,
gewiß nicht Förster, sondern Forstbewohner; ebenso Hornarun a. 1046,
nicht Horndrechsler, sondern Bewohner von Hörn im Viertel ob dem
Manhartsberge. Selbst das oben angeführte Goldarun würde, wenn sich
in der Nähe etwa eine Goldach auffände, hier auszuscheiden sein.
Und hiemit halte ich an. Ob ich die Feder wieder für diesen
Gegenstand ergreife, hängt von der Menge und Art des etwa neu zu-
strömenden Stoffes ab. Jedenfalls wollen wir die Sache, deren Ergiebig-
keit dargethan ist, im Auge behalten und die Forschung weiter zu
vertiefen suchen, während sie zu verbreitern die Aufgabe unserer über-
seeischen Brüder in England und Skandinavien sein wird.
DRESDEN, den 30. Mai 1871.
MYTHISCHES VON DEM DURCH DEN GUNZENLE
GEFEIERTEN KONRAD.
Franz Pfeiffer hat in seiner Abhandlung über Heldengräber und
Dingstätten (Gennan. 1, 81—100, wiederholt: Freie Forschung 275
bis 306) in überzeugender Weise dargethan, daß der Gunzenle ein
Ehrendenkmal, ein Kenotaphion, sei; ein ahd. hleo, got. hfaiv, wie
der Trüsileh ein Ehrendenkmal des Drusus u. a. Bezeichnuns^en von
Orten mit -le, die dort näher besprochen sind. — Es fragt sich bei
Gunzenle nur noch darum, wem dieser le geweiht war? Pfeiffer denkt
an Herzog Kunrad, der in der Ungerschlacht auf dem Lechfeld ge-
fallen ist, hält aber dann den Herzog Kunrad von Alemanieu, Zeit-
genossen des h. Gallus, mit noch mehr Wahrscheinlichkeit für denjenigen,
der hier mit einem Le geehrt ward (CunzenhlSo, Gunzenle).
Die älteste Erwähnung des Gunzenle im chronicon Ebersbergense
antiquius bezieht sich auf jene Schlacht am Lech. In der Fortsetzung
des Regiuo wird diese Schlacht nur vorübergehend erwähnt;, aber der
MYTHISCHES VON DEM KONÜAD DES UUXZENLE. 287
Tod des Kourad als wichtiges Ereignis hervorgehoben. So auch im Chro-
nicon Budense und in der ungr. Chronik des Heinrich von Mogelin. — Ich
glaube, daß die Wahl hier nicht zweifelhaft und daß nicht von dem ale-
mannischen, sondern nur von dem ostfränkischen Konrad von Lothringen,
dem Schwiegersöhne des Kaisers, die Rede sein kann. Dieser hatte so
entscheidenden Einfluß auf den Ausgang des Kampfes und sein Name
war so sehr in aller Munde, daß er bei den Ungern in der Erinnerung
mit dem Kaiser verwechselt wurde. Seine Heldeuthaten und sein Tod
in dem ruhmvollen Kampfe sind zur Sage geworden, die von den Ungern
später mit mythischen Zügen ausgeschmückt wurde. Dieser Umstand
scheint mir die Wahrscheinlichkeit, daß der Kaiser seinem tapfern ~
Schwiegersohne, der in einer so denkwürdigen Schlacht gefallen war,
einen Ehrenhügel errichten ließ, oder daß ihm denselben seine Krieger
selbst errichteten, zu erhöhen, so daß wir, wenn im 11. Jahrhundert
schon anf dem Lechfelde, wo die Schlacht statt fand, ein Gunzenle
erwähnt wird, an Niemand sonst denken werden als an Konrad von
Lothringen, der da gefallen ist.
Daß die Ungern den Kaiser, dem sie auf dem Lechfelde gegen-
über standen, Konrad nannten, ist doch nur so zu erklären, daß der in
der Schlacht so bedeutsam hervorgetretene Konrad in der Erinnerung
mit dem Kaiser Otto verwechselt wurde. Schon Anonymus Belai notarius
theilt den Irrthum, indem er die Schlacht, in welcher die Führer Lelu
und Bnlchu gefangen und erhenkt worden sind, Cap. 53 Cuonrado
imperatore geschehn läßt, obwohl er sie an den Inn verlegt. In dem
nächsten Capitel nennt er den rex Teotonicorum wieder Atho und
Hotho und erzählt von einer Racheschlacht der Ungern, in w^elcher sie
quem dam magnum ducem, virum nominatissimum interficiunt, wohl
wieder eine Erinnerung an Cuonrad, womit die entscheidende Nieder-
lage am Lech zugedeckt werden soll.
Noch anziehender ist die f?pätere Ausschmückung bei den Chro-
nisten. Ich will dieselbe nach Heinrich von Mogelias Chronik mittheilen,
weil ich von dieser den besten Text zu "eben vermag:.
Capitel 15:
in dem sebinzenden jore zugin di Hungir ilz in dütsche land nnde
quomen kegin Augsburg; do legeten si sich voo' die siat. do was der bischof
Ulrich mit den edelen lütin von Sicobin und hulfin den statlütin kegin
den Hungirn, tvenne di Hungir icolden von der stat nicht zihen, si hetten
si denne gewunnen. do santin di hurgir zu k eis er Kdnrad daz her en
zu hülfe queme. do quam keisir Kdnrad mit einem grozin here mit Düt-
schin und mit Lamparten, do toeren di Hungir gerne geflohin und moch-
20*
288 ^^- J- SCHRÖER
tin nicht, icenne claz icazzer hatte sich dirgozzen daz iz vor di stat ßoz,
daz si nicht mochtin ohir daz wazzir ßien. Unde zu den andirn siten
quam keisir Konrad qf si mit dem here, also daz daz meiste teil der
Hungir dirslagin xoart und di andern gef angin, daz keinir iveg quam
in demselhigen strite. do wurden gef angin Lehel imd Bulchu, di edeln
hoii-ptlide und wurden gefürt vor den keiser. do sprach keisir Konrad:
,durch waz sU ir der cristenheit so gar mordlich worden'?' des aniicurten
di Hunger und sprachen : \vir sint eine räche gotis und siat von im
gesanf, daz loir srdlin iuivir geisil sm und suUen iuch martirn und loenne
loir iuch nicht martirn, so martirt uns got.^ — do sprach keisir Konrad:
,%üaz tddis xcellit ir sterhinP do sprach Lehel: ,ldz mir ein hörn her
hrenqin und loz mich dorm llosin noch minem landseten/ daz hh der
keisir hrengin. do nam Lehel daz hörn in di hand als ap her hlosin wolde
und slüg keiser Konrad an di stirne daz her starh an der stund
und sprach: ,du stirbist vor mir und wirst m2n diner in gener icerlid!^
■wenne daz lant von Cifia hatte einen glohin, so einir den andirn dirslüg,
daz der töte im denne dinte in gener werld. do nam man di zivene houpt-
manne tcnd hing si zu Eegenspurg an einen galgen.
Deutlich ist hier die sagenhafte Erweiterung des Vorfalles zu er-
kennen, Konrad wurde durch einen Pfeil in den Hals getroffen, hier
wird er an di stirne geschlagen.
Ich wage es ohne weiters hier eine Übertragung eines Zuges aus
der ungarischen Dietrichsage anzunehmen. Die von Simon Keza chro-
nicon Hungarorum I, 11, 12 geschilderte Schlacht, in welcher Dietrich
durch einen Pfeilsplitter*) an der Stirne verwundet wurde, ist
in Liedern bei den Ungern bis in's 16. Jahrhundert gesungen worden,
wie aus Nicolaus Olahus bekannt ist. Ich glaube, daß diesen Liedern
auf jene furchtbare Ilunneuschlacht, an die ein für die Ungern so ver-
hängnisvolles Ereignis, wie die Schlacht auf dem Lechfelde, wieder
erinnern mußte, Züge zuzutrauen sind aus mythischen Liedern von
Götterkämpfen, wie der Hiadniugakampf, wo am Ende, nach der ur-
sprünglichen Fassung (bei Saxo), die Gegner Hoginus und Ilithinus
sich gegenseitig tödten, vom Weltbrand, der sich daran anschließt, wo
die Götter sich gegenseitig tödten. — Daß Konrad zum Kaiser gemacht
wird, der Lchcls Tod beschließt^ daß Lehel ihn tödtet, bevor er getödtet
*) W. Grimm deutsche Heldensage S. IG-k Daselbst ist zu berichtigen, daß
halhatatlan nicht der Heilige, sondern der Unsterbliche bedeiitet. So ist daselbst S. 166
die erwähnte angebliche Übersetzung des Keza nichts anderes als Heinr. von Mogelins
ungr. Chronik.
MYTHISCHES VON DEM KONRAD DES GUNZENLE. 289
wird, zeigt ein sichtbares Streben ein gegenseitiges Tödten der Holden,
wie in jener Weltscldacht, in die Geschichte hineinzutragen.
AVas mich zunächst zu einer solchen Betrachtung veranlaßt ist
der Umstand, daß jener Konrad von der Schlacht auf dem Lechfelde,
der nach der Sage zum Kaiser und von Lehel erschlagen Avard, von
den Ungern wirklieh zur mythischen Gestalt, ja an den Himmel ver-
setzt wurde. Der große Bär^ das Gestirn, mittelnlederläudisch AVoens-
waghen, ahd. wahrscheinlich Wuotanes Avagan, augelsächs. vsenes ]ms1
Wagendeichsel oder Carles vnsn, dänisch Korlsvogn, schwed. Karlwagn
s. Gr. Myth. 138 heißt madjar. Gönczöl szekere = GönziJls Wagen und
die ungrische Jlythologie von Ipolyi (Magyar M3'thologia irta Ipolyi
Arnold. Pest 1854) S. 2G8 belehrt uns darüber wie folgt.
, Eines der bekanntesten Gestirne ist der große Bär, in unserer Sprache
der Gönzölwagen *). Gönzül soll der Erfinder des ersten Wagens sein.
Andre sagen Gönzöl war ein berühmter Zauberer, er sprach mit
Vögeln, Pflanzen und Steinen, war Sterndeuter, that viel Wunder
(was alles an Odin erinnert). Sein Tod ist unbekannt, darum glaubte
man er sei an den Himmel versetzt, und wie er allnächtlich auf einem
Wagen mit krummer Stange fuhr, so fährt er jetzt bei Nacht durch den
Himmel. Er hatte keine Nachkommen und die seinen Namen tragen
stammen nicht von ihm. Ein alter Hirte erzählte aber: es sei der deutsche
Kaiser Gönzöl mit seinem Frachtwagen, den die Madjaren umgebracht
haben. — Gönzöl ist demnach ^ Wodan. Bekanntlich zieht Dietrich
an der Spitze des Heeres als Wodan Gr. ]\Iyth. 346. In jener Stelle von
der Hunnenschlaeht bei Keza heißt es von Dietrich noch: hunc De-
tricum galeam quondam habuisse, et illam quanto magis defercbat
tanto majore claritate refulsisse fabulantur: der leuchtende Kampf-
helm Odins. Die Identität des wilden Jägers (Wodan) mit Dietrich von
Bern tritt besonders auffallend hervor in den Lausitzer Sagen s. K. Haupt
Sagenbuch der Lausitz S. 121. — Dadurch gewinnt obige Vermuthung
an Gewicht, die sagenhafte Verwundung der Stirne Dietrichs sei hier auf
Konrad übertragen und damit Konrad an die Stelle Dietrichs gesetzt
worden. — Aber auch in der deutschen Mythe heißt Wodan Kunz.
Vernaleken Mythen und Bräuche S. 50 tlieilt mit aus Troppau: in dem
Bergstädtchen Bennisch braust auf dem dreibeinigen Schimmel
der Kunz durch die Nacht. Er soll einst Bürgermeister des Städtchens,
aber auch als Zauberer bekannt gewesen sein. — Hieher zu ziehen
*) Statt das Ganze mit allen Einzelheiten zn übcr.?etzon , gebe ifli vuii hier ab
nur das Wesentliche im Auszug.
290 K- J- SCHRÖER
ist nun, daß ehedem Kunzenstäuber und Kunzenspieler so viel als
Zauberer hieß; den Cunzen spielen, Fabian und Cunzenspiel ist ein trie-
gerisches Spiel, das bei Fischart noch Kunzenjägerspiel hieß, Frommann
VI, 235. 369 (mhd. kunstofel kunstofeler mhd. Wb. I, 914 wird nicht
hieher zu ziehen sein). Kunz ist demnach auch in deutscher Mythe
= Schiramelreiter (^ Wodan), Zauberer und Jäger.
Daß sonst Dietrich von Bern auch zum Theil Träger der Sage
von Donar war, daß er sich in einen Bären verwandelte, in Bären-
haut hüllte, gleich Donar und Zalmolxis, weshalb er, als Sonnen-
gott, mit dem Bären, der den Winter verschläft, verglichen werden kann,
ist Germania VI, 317. 320, XIII, 214 besprochen. Das Bärgestirn ist
zugleich der Wagen des Bären. Merkwürdig, daß schon im Indischen
der große Bär zugleich der Wagendes Nahuscha ist, der von den
sieben Rischi gezogen wird. „Da in der Sprache der Götter der Name
Rischi fast gleichlautend ist mit dem Namen des Bären Rikscha, so
haben die Menschen aus den sieben Rischi einen großen Bären ge-
macht. Daneben sieht man auch noch den Nahuscha, wie er eben
als Schlange herabstürzt." Holtzmann Sawitri Anmerk. S. 30.
In Gottschee heißt der Nordwind: der Bär (mein Wtb. S. 131),
womit der Wind der Wintergegend personificiert erscheint und an den
nordischen Beinamen des Thorr = Biörn erinnert.
Merkwürdig ist nun der von Grimm Mythol. 633 aus einer Ur-
kunde von 1290 angeführte Chuonrat der heiligbär, der eine wei-
tere Verbindung zwischen Kunz und dem Bärenmythus herzustellen
scheint.
Bei den Madjaren heißt das Gewitter Himmelskrieg, egi hdborii.
Die Beziehung der Vorstellungen von einer Weltschlacht, in welcher
die Hunnen auf den Feldern von Chalon Nachts wieder aufstehen und
kämpfen, oder die Madjaren auf dem Lechfelde, Ipolyi Seite 357. 380
zu den Vorgängen am Himmelszelt, ist bei den Madjaren noch ganz
deutlich vorhanden. Die Milchstraße heißt der Kriegsweg bei den
Szeklern, hadak ütja, die Engel steigen auf der Milchstraße zum Wahl-
platze nieder Ipolyi 271. Wie die Szekler die Milchstraße zu dem
Heerführer Csaba und zu Attila in Beziehung setzen, wird erzählt
Ipolyi 581.
Besonders bemerkenswerth ist nun, daß ein Gestirn, aus drei
Sternen bestehend, Mathias' Hörn heißt und mit dem Szekler Gestirn-
namen Lehels Hörn ein und dasselbe ist. Ipolyi 273 f Damit erscheint
das mythische Ereignis aus der Weltschlacht auf dem Lechfelde, daß
Lehel mit einem Hörn den Gönzül (Konrad) erschlägt, an dcu Himmel
MYTHISCHES VON DEM KONRAD DES GUNZENLE. 291
versetzt. Ferner hei l.U ein Gestirn madjarisch: König LadislausWagen
— wohl mit dem Gönzölwagen eines und dasselbe — und von König
Ladislaus heilet es im Madjarischen, er sei des Himmels Stallmeister
und peitsche die Pferde des Gönzöhvagen. — Hier ist wohl Ladislaus
der Heilige gemeint, später wurde Ladislaus Jagello an seine Stelle gesetzt.
In dem Brückenspiel der Kinder, das den Übergang der Seelen
in den Himmel darstellt, kömmt, nach dessen madjarischer Fassung *)
eine Heerschaar des guten Polenkönigs Ladislaus an die Brücke und
die Fergen (Heimdallr?) an der Brücke sagen: auch Ladislaus ist uns
feiud. — Wenn LaHslaus gleich Gönzöl (= Odin) steht, so kann Lehel
Avohl Heimdallr sein; Heimdallr ist L-ing, Odin Innin s. Myth. 335.
Das Hörn Lehels erinnert an Heimdalls Giallarhorn, in das er
bläst vor seinem und der Welt Untergang. Daß er mit dem Hörn den
deutschen Kaiser erschlägt, damit der in der andern Welt ihm dienst-
bar sei, erinnert an den gleichfalls auffallenden Zug in der nord. Mytho-
logie: daß Frey den Sturmriesen Beli mit dem Hirschhorn erschlägt
s. Weinhold die Riesen S. 15 (aus den Sitzungsber. der kais. Akad.
Bd. 26).
Ein Kampf oder eine Gegnerschaft zwischen Odin und Heimdallr
ist wohl nicht anzunehmen — oder gab es eine Mythe, wo Odin die
himmlische Brücke beschädigte? — aber vielleicht eine Verwechslung
der zu Helden gewordenen Götter. Dietrich der Gothe wurde mit
Dietrich dem Frankenkönige identificiert, den Iring erschlagen; war
ja der mit dem Kaiser Otto verwechselte Konrad ein Franke. Die
Erzählung des Widukind von Corvei, die alten Liedern entnommen
ist, erinnert hier sehr an die ungrische Erzählung von der Lechfeld-
schlacht. Nachdem Iring den Franken Dietrich erschlagen, legte er
Irmenfrieds Leichnam auf ihn, damit der im Leben besiegte im Tode
Sieger sei; dann sei Irings Namen an den Himmel versetzt worden,
indem die Milchstraße Iringsstraße genannt wurde. — Dieß erinnert an
die ungrische Erzählung, Lehel habe den Franken Konrad erschlagen,
damit der Sieger nach dem Tode dem Besiegten dienen müsse. Hier
wurden Lehels Hörn und Konrad an den Himmel versetzt.
Die ungrische Benennung der Iringsstraße oder Milchstraße, hadak
utja, Kriegsstraße, wird wohl mit dem erwähnten ^gihaborü, mit dem
Himmelskriege in Zusammenhang stehen (das madjar. had, der Krieg,
stimmt merkwürdig zu ahd. hadu).
*) Ich habe sie mitgetheilt im Beitrag zur doutschen Mythol. Presburg 1855,
Seite 52.
292 SCHEÖER, MYTHISCHES VON DEM KONRAD DES GUNZENLE.
Überschauen wir den zurückgelegten Weg, so scheint sich zu er-
geben : In der Schlacht auf dem Lechfelde ragt die Gestalt des fränki-
schen Konrad so bedeutend hervor, daß ein an Ort und Stelle ent-
standenes Ehrendenkmal, das einem Konrad gesetzt ist und hundert
Jahre nach der Schlacht zum ersten Mal genannt wird, sich wohl auf
ihn beziehen wird.
Die Schlacht auf dem Lechfelde wurde in der Sage mit mythi-
schen Zügen von einer Weltuntergangsschlacht ausgeschmückt, wie
einst die große Hunnenschlacht. Züge der Sage von der letzteren wur-
den auf die erstere übertragen.
Die Haupthelden wurden an den Himmel versetzt: Konrad und
Lehel, sammt dem mythischen Hörn.
Die mythische Bedeutung der Brückenspiele gewinnt an Gewicht,
indem wir nun annehmen dürfen, daß König Ladislaus, der dem Brücken-
hüter feind ist, wirklich an die Stelle eines mythischen Wesens getreten
ist. König Ladislaus Wagen ist Gönzöls Wagen. Gönzöl ist Wodan
und Lehel mit dem Hörn ist Heimdallr mit dem Giallarhorn.
Ob die auf dem Lechfelde gefangenen und dann hingerichteten
madjarischen Heerführer Lehel oder Leelu und Bulchu oder Ver-
bulchu wirklich Namen geschichtlicher Personen, oder ob es ganz
mythische Wesen sind, wäre noch zu erwägen.
Lelielu (ueumadj arisch lehelö) bedeutet der Athmende; Ver-
bulchu (neumadjar. verbülcsii) etwa: Blutsühne. Das klingt doch sehr
mythisch.
Als Todtenführer wird in der madjarischen Mythe, wie in der deut-
schen, sonst der Erzengel Michael angeführt; also für Mercur — Wuotau,
Er ist der praepositus paradisi Caesar. Heisterbac. VIH, c. 45 *) und im
Ungrischeii heißt die Todtenbahre Szent Mihäly lova: des heil. Michael
Pferd; megrügta Szt Mihaly lova: es schlug ihn des h. Michael Pferd =
er stirbt; schwer ist's die Schläge des Pferdes vom heil. Michael heilen,
sagt der Madjare für: dem Tod ist kein Kraut gewachsen Ipolyi 371.
Wolf Beiträge z. M. I, 32. Dieß mag zugleich als Fingerzeig dienen,
wäe sich in der madjar. j\Iythe so häufig deutsche und slavische An-
schauungen finden; so daß Entlehnung sogar in den meisten Fällen leichter
nachzuweisen sein wird, als das Avas diesem Volke eigenthümlich ist.
In den Brückenspielen der Kinder, in denen der Übergang
der Seelen in die andere Welt dargestellt Avird, erinnert eine mad-
*) Wittich liält im Ij.iuriii 238 denselben für einen Engel; duz viac vil v:ol ein
en'jd sin^ seale Michahel der vcise und ittct vz dem paradisc.
LUTTERBECK, ZUIJ ORTSNAMENFORSCHIING. 293
jarische Fassung des dabei gesungenen Liedes, worüber ich einen vor
langer Zeit schon geschriebenen Aufsatz demnächst mitzutheilen denke,
an den Übergang der Burgonden über die Donau (Nibel. 1533 f. bei
Bartsch, 1473 f. bei Lachmann). Der Anführer der Seelen heißt im
madjar. Brückenspiele König Ladislaus, und erscheint hier, wenn man
die Analogie fortsetzen will, für Günther, was ebenfalls an Gönzöl
(Gunzel) erinnert, für den hier Ladislaus eintritt, indem der Gönzöl-
wagen auch Ladislauswagen heißt. K. J. SCHRÖER.
ZUR ORTSNAMENFORSCHUNG.
1. über den Namen der römischen Feste Aliso.
Die von Drusus im J. 11 v. Chr. bei Gelegenheit seines Kriegs-
zuges gegen Sigambrer und Cherusker an der Mündung des „Elison"
in die Lippe (Dio Cass, 54, 33) zunächst nur als Brückenkopf zur
Sicherung des Überganges über diesen Fluß erbaute, dann aber als
„Castellum" im Sinn einer bleibenden Anlage festgehaltene und noch
weiterhin ausgebaute Feste Aliso (griech. "AXslGov Ptol. 2, 11), ist von
den Römern so lange, als sie überhaupt noch an Eroberungen im nord-
westlichen Deutschland dachten, d. h. bis zu der vom Kaiser Claudius
im J, 47 u. Chr. angeordneten Zurückziehung aller dortigen praesidia
auf die linke Rheiuseite (Tac. Ann. 11, 19), als ein vorgeschobener
Posten und Hauptstützpunkt ihrer sämmtlichen Unternehmungen bis zur
Weser hin angesehen Avorden. In der Geschichte ist sie wichtig gewor-
den vor Allem im Jahre 9 n. Chr. durch ihre Nähe beim Schlacht-
felde des Varus, dann durch ihre Belagerung von Seiten der Deutschen,
und zuletzt durch die Sorgfalt, die noch im J. 16 Germanicus auf ihre
gesicherte Verbindung mit dem Rhein verwandte (Tac. Ann. 2, 7, vgl.
Vell. Fat. 2, 120). Seit Closterraeyer's und Ladebur's Forschungen hat
man meistentheils entweder Elsen an der Ahne oder Liesborn an der
Liese für den Platz gehalten, wo Aliso einst gelegen habe. Die sehr
gründlichen imd erfolgreichen Untersuchungen des Hofrathes Dr. Esellcn
(zuletzt in seiner Geschichte der Sigambern, Leipzig 1868) haben es
aber so gut als gewiß gemacht, daß seine Stelle am Zusammenfluß der
294 LUTTERBECK
Alise und Lippe, eine Viertelstunde unterhalb Hamm, gewesen ist.
Außer der Lage des Ortes scheint uns auch sein Name wohl einer
nähern Betrachtung würdig zu sein, indem es sich, wenn wir nicht
irren, herausstellt, daü er deutsch ist und einer sehr weitverbreiteten
sprachlichen Sippschaft angehört, deren sehr naheliegende und unver-
kennbare Bedeutung man aber gleichwohl ganz vergessen oder doch
bis jetzt übersehen hat. Die Wiedergewinnung eines alten Begrifies
möge es entschuldigen, wenn wir hier vielleicht zu umständlich darauf
eingehen, um ihn gleichsam von Neuem festzustellen. Es dient nämlich
der Name Alse, Else, Ilse mit noch mehreren Nebenformen im Deutschen
und den damit verwandten Sprachen (dem Celtischen, Slawischen,
Griechischen, Illyrischen, Italienischen, Französischen u. s. w.) so auf-
fallend oft zur Bezeichnung von Wasser, Bach, Fluß, daß man dabei
kaum mehr an einen Eigennamen, sondern nur an ein altes Appella-
tivum dafür denken kann, was denn auch durch die Etymologie des
Wortes und seine sonstige Anwendung bestätigt wird. Seine älteste
und einfachste Form finden wir in Alsa, dem Namen eines Flußes im
Lande der illyrischen Veneter, westlich von Aquileja, bekannt durch
die Schlacht zwischen Constantin dem Jüngern und seinem Bruder Con-
stans, 340 n. Chi\ Derselbe Fluß heißt jetzt Ausa, mit bekanntem Über-
gang von l in u, der auch in den französischen Namen Ose und Oserain
stattgefunden zu haben scheint, verglichen mit Alesia, der berühmten
mandubischen Festung im lugdunensischen Gallien, die an diesen Flüßen
lag und von ihnen wohl auch ihren Namen hatte (vgl. Jul. Cäsar von
Napoleon 2, 290). Über Alsa fügen wir noch bei, daß das s darin
durchgängig = ß gesprochen zu sein scheint , indem sich daraus sein
häufiger Übergang in z erklärt; und ferner, daß vor dem s ein i durch-
getönt haben muß, da dieses sehr oft hier wirklich erscheint, oder aber
durch seinen Wegfall die Umlautung des vorhergehenden a in e be-
wii'kt hat, welches a außerdem auch leicht zu i geschwächt werden
konnte. So haben dann die Alz am Chiemsee, die Else im Osnabrücki-
schen, die Ilse am Harz, die Olsa, Nebenfluß der Oder nebst Öls, die
Elza, Nebenfluss des Arno, die Elz, Nebenfluß des Neckar nebst
Neckarelz, die Elz, Nebenfluß der fränkischen Saale nebst Eisbach,
die Elz, Nebenfluß der Mosel bei Koblenz, die Elz, Nebenfluß der
Emscher nebst Alsum, und die Elz im Luxemburgischen in ihren For-
men nichts Auffallendes. Die Insel Alsen ist gleichfalls, wie es scheint,
nur ihres Wasserreichthums oder etwa ihrer Sümpfe wegen so genannt
worden. Anstatt des s erscheint ein r bei der Aller im Hanno ver'schen und
der Hier im Badischen, während die Aiser bei Wien den Zusatz er,
ZUR OHTSNAMENFüK^ClIUNG. 295
die Alster bei Hamburg und die Elster bei Leipzig den Zusatz ter, die
Alsenz, Nebenfluß der Nahe, und die Elsenz, Nebenfluß des Neckar,
den Zusatz enz (beide alt Alisontia) erhalten haben (vgl. Förstemann).
Der 111 in Tirol und im Elsaß gehört dagegen wohl kaum hieher und
gewiß noch weniger die Alme in Westfalen und die Um in Thüringen.
Umgekehrt aber ist der Wegfall des l in Ahse (eigentlich Ahße gesprochen,
früher einmal auch Orze genannt und ganz ähnlich gebildet wie franz.
Ose, Oze). Deßgleichen in Ise, Nbfl. der Aller und nicht minder vielleicht
auch in Yssel, Isee, Isar, Iser, franz. Oise, den gewöhnlichen Laut-
gesetzen ganz entsprechend. Im Griechischen fand sich ebenfalls ein
Fluß Elisa in Elis und der Bach Ilissos bei Athen; das Wort cikaog
erklärt sich am leichtesten als heiliger Hain an einem Fluß ; ikv^
(für l'iJ^g?) heißt Schlamm, und darnach ist "iXiov schon von einigen
Alten als Sumpfstadt erklärt worden (Hesych.^. Allem Anscheine nach
stand hier anfangs überall ein Digamma vor dem Wort, ebenso wie
in Elog, 'EXäa, lat. Velia, Velabrum u. s. w., also lauter Sumpforte.
Ein w oder u finden wir auch im Deutschen, z. ß. Ulster, Nebenfluß
der Werra, Ülzen, Stadt in Hannover an der Ilmenau, Welse, Neben-
fluß der Oder u. s. w. Auf denselben Begriff Wasser, Fluß, vSumpf
beziehen sich ferner: die Alse, ein Fisch, die Alsenech, eine Pflanze,
= Selinum palustre, die Else ;= Wermuth, die Else, Eller, Erle, ein
Baum an einem Wasser, der Elsengrund = Erlengrund; aber nicht
Elster, der bekannte Vogel, alt agalastra genannt. Hiernach gebildete
Ortsnamen sind in Deutschland sehr häufig, z. B. Alzey in Rheinhesseu
(alt Alzeia), Aisbach in Sachsen-Rudolstadt, Eisbach in Franken, Ais-
hausen im Elsaß, Alsleben an der Saale; wogegen Alsfeld an der
Schwalm (alt Adelesfeld und Alahesfeld), Aisheim bei Worms (alt Ala-
hesheim) und so wohl auch Alzheim an der Donau, nicht von alsa,
Wasser, sondern theils von Adalo (Eigenname), theils von alah, alh,
Heiligthum;, ihren Namen haben. (Weigand Ortsn., Förstemann.) — Das
indogermanische ars = fließen, gleiten, netzen (man s. Fick's Indogerm.
Wörterbuch S. 14), woher sanskrit. arsh in gleicher Bedeutung und
auch griech. SQörj^ Thau, bietet sich ganz ungesucht dar als die Wui'zel
dieses von uns jetzt nachgewiesenen altdeutschen Wortes alsa und
seiner Nebenformen. Genau ebenso gedacht ist auch der deutsche
Flußnarae Lippe, als Luppia, indem derselbe gewiß von dem indogerm.
lib, griech. Xsißnv = gießen, netzen abzuleiten sein dürfte, ebenso
wie der celtisch-deutsche Name Rhein von sru, Qeecv, rinnen. — Wir
kommen jetzt auf den Ortsnamen Aliso selbst und bemerken zuerst
über die Mittelsilbe dieses Wortes, daß sie in der römischen Aussprache
höclist wahrscheinlich weder lanrr noch betont trcwcscn sein wird, ob-
296 LUTTEKBECK
wohl mau das Erste aus dem griech. "AXtiGov des Ptolemäus uud das
Andere außerdem auch noch aus dem griech. 'EIlöojv des Dio Cassius
geschlossen hat. Bei den Alexandrinern nämlich wurde oft auch das
kurze t durch st ausgedrückt; z. B. statt rjyyLKSv wurde auch rjyysLXSv,
statt xad-iöag auch xad-ii0ag geschriehen u. s. w. (s. Alex. Buttmann
N. T. Gram. S. 5. Marc. 9, 35 ed. Lachm.) Ferner konnte der Fluß-
uame 'EkiGav im Griechischen allerdings nicht anders, als entweder
auf der vorletzten oder, wie bei 'EIlGOcÖv^ einem Fluß Arkadiens, auf
der letzten Silbe betont M^erden ; vermuthlich aber hat Dio Cassius den
Namen des Flußes nur aus dem Namen der Stadt entnommen, indem
der Fluß von ihm Avohl eher "E).i<5a hätte genannt werden müssen
nach der Analogie aller andern deutschen Fluünameu dieser Art. Daß
das i in Aliso kurz war, scheint aus dem leichten Verschwinden des-
selben ^ in Ahsontia, Else, Elz u. s. w. unzweideutig zu folgen. Ferner
muß auch noch beachtet werden^ daß die liömer am Ende des Wortes
Aliso gewiß ein nasales n haben hören lassen, Avie schon aus dem
Genitiv Alisonis etc. und dem griech. "AXbl6ov zu schließen ist. Dieses
Alison nun aber entspricht durchaus den jetzigen deutschen Ortsnamen
Elsen oder Alsum, d. h. wir haben darin ohne Zweifel einen Dativ plur.
zu sehen; und zwar ist die noch heutzutage in Westfalen, Schleswig-
Holstein etc. sehr übliche locative Endung -um statt -un oder -on gewiß
die ältere gewesen für das Altsächsische sowohl als für das Gothische :
Schleicher, Compendium. §. 261 ff. Auch -heim ist ein Dativ, wie heute
ein Ablativ und heint ein Accusativ^, Alison oder Alsum heißt also wört-
lich: „zu den Flüssen", Lippe und Ahse, ähnlich wie das heutige
Alsum „zu den Flüssen'' Emscher und Elz, an deren Zusammenfluß
es liegt, wie Beckum oder Beckeme „zu den Bächen", nämlich den-
jenigen, aus deren Zusammenfluß die Werse entsteht. Gießen^ „zu
den Gießen oder Flüßen" Lahn uud Wieseck u. s. w. Elsen an der
Alme dagegen hat seinen Namen von einer Familie Ilsen, die sich
im Mittelalter dort anbaute. Ob sich dort außer der Alme auch noch
etwa ein kleinerer Bach oder sonst ein Wasser findet, ist mir un-
bekannt; jedenfalls ist die Lippe zu entfernt, um zugleich mit der
Alme den Pluralnamen Elsen begründen zu können. Auch der Name
der Insel Alsen wird, wie schon gesagt, „zu den Wassern" bedeutet
haben, wogegen Aisheim an eben dieser Stelle nur einfach „Wasser-
Btadt", wenn nicht vielmehr „Heiligthumsstadt" bedeutet haben würde.
Übrigens ist Alsum an der Emscher und der Elz ofienbar fast gleich-
namig mit dem benachbarten Walsum, welches selbst nur einer Um-
stellung von Wasal, d. h. ..feuchter Grund" oder „Grund am Wasser"
ZUR ORTSXAMENFORSCHUXG. 297
(s. Oscar Scliatle altd. AVörtcrb. S. G95) seiueu Ursprung verdankt und
also = Wesel uud wohl auch = Basel ist, Avährend Alison seinem
Xaraeu und etwa auch seiner Bestimmung nach in der Römerzeit
beinahe sechszig Jahre hindurch allerdings ein deutsches Coblenz im
Kleinen gewesen ist.
GIESSEN. LUTTEEBECK.
IL Über Ortsnamen auf -losen.
Der mehrfach besprochene schwäbische Dorfname Ganslosen gibt
mir Anlaß _, einiges über das genannte Thema vorzubringen. Ich habe
Tausende deutscher Wald- und Flurnamen aus Urkunden, Lager-
büchern^ Flußkarten u. dgl. gesammelt und nach ihrer muthmaßlichen
Bedeutung zu ordnen gesucht. In dieser Sammlung findet sich auch die
Ortsnamensippe auf -losen. Erlauben Sie mir, das hierher bezügliche
bekannt zu geben.
Wir wissen aus der Geschichte der deutschen Mark- uud Hofver-
fassuug, wie in allen Ländern germanischen Rechtes, sowohl umfjing-
reiche Gemeindeländereien (Allmanden) als auch Gewandungen von
Fronhöfen, dort an die berechtigten Markgenossen, hier an die hörigen
Ho^üuger nach dem Lose vertheilt wurden. (Ludwig von Maurer: Ein-
leitung in die Gesch. d. deutsch. Markgenossensch. 1 — 3, 79 — 80, 278 ff.
Ferner desselben: Geschichte der Frouhöfe und Bauernhöfe III 20 bis
203 5 desselben: Gesch. der Dorfverfass. 1, 307 fi'. Endlich sehe man
auch Schmeller baier. Wörterb. 2, 504, 531 ft'.).
Diese Lose oder Lostheilc;, sortes, portiones, nach einem andern
deutschen Worte auch Lussen, Lüssen genannt, wofür ebenfalls zahl-
reiche Belege ersammelt sind, behielten in vielen Marken den einfachen
Namen ihres Ursprunges bei. Sie finden sich, zumal in Schwaben,
ungemein häufig und erscheinen heute als vermessene, in Parzellen
zerschlagene Acker, Wiesen, Weiden uud Wälder. Bei vielen läßt sich
jetzt noch ermitteln, daß sie ager compascuus, AUmaud, waren, viele
sind es zur Stunde noch^ bei dem Rest läßt sich das für frühere Zeiten
mit ziemlicher Sicherheit behaupten. Beispiele für die einfache Form:
in Losen (Weinberge und Acker), in Lösen (Wald) und in Löseneu
(Wald und Feld). Dieselben in schwäbischem Gewände: in Lausen
(Wiesen), in Lausenen (Wiesen), in Löschen (Acker), in Löschenen
(Wiesen), in Loschen (Wiesen). Beispiele für die zusammengesetzten
Formen: a) in denen Los das Bestimmungswort ist, Losäcker, Losbaint,
Losbuch (Wald), Loshalde (Wiesen), Loshaldenberg (Wiesen), Los-
heimer und Losemer (Acker), h) Los a!s Grundwort: Bodenlöse, Boden-
lösen, Erllosen, Grundlosen, Sattellöse.
298 RICHARD ÜITK
Für die zweite Unterart sind alle, die mit hluz (Los) oder mit lüz
(Versteck) zusammengesetzt sein könnten, weggelassen worden. Mona
in seiner Zeitsch. f. Gesch. des Oberrheins 2, 497 führt schon zum
J. 1278 aus der Lörracher Gegend eine Loschebande, offenbar unser
Losbaint, an. Im Vorbeigehen sei gesagt, daß in Oberschwaben Baint von
bannen abgeleitet wird, da bannen s. v. a. den Viehtrieb verschließen
heißt; auch erwähne ich, daß Ulrich Richental in seiner Chronik des
Concils von Konstanz (geschrieben um 1430) sich der Form beinen
für bannen bedient. — Nachdem ich viele der genannten Ortlichkeiten
selbst in Augenschein genommen, habe ich die Überzeugung gewonnen,
unser -losen könne nichts anderes denn sortes bedeuten, und somit
nichts anderes sein, als der Dativ plural von loz. Nicht einmal der
Schlammletten, der Löß, kann ernsthaft in Frage kommen, eher noch
in einzelnen Namen das ahd. stf. losi, losä = redemtio, Entschädigungs-
abgabe, Pachtgeld, zu dem die in Urkunden nicht selten vorkommen-
den Composita: holzlosi, stumplosi, kirchlosi u. s. w. gehören. Eine
(Jrtlichkeit Grundlosi nennen Grimm's Weisth. 1, 302 im Aargau, eben-
dort befindet sich heute noch ein Dorf Würenlos, im Bregenzer Walde
ein Dorf Oblosen. Bei Mone a. a. 0. 2, 88 wird im J. 1226 eine silvula
vincloz genannt. Ganz etwas anderes, als die obengenannten, bei
Klosterwald in Hohenzollern liegenden Erllosen, ist der Bach Erlös im
wirt. Oberamt Ehingen. Es wird dieses wohl Erl-os zu trennen sein.
Osa glaube ich zu osjan stellen zu sollen, sofern es sich hier um
einen zeitweise versiegenden Bach handelt. Wie Grund und Boden in
der Redensart zusammengehören, so treten sie auch in Ortsnamen
neben und für einander auf. Weitaus in den meisten Fällen bedeuten
sie ein ebenes Feld oder eine ebene Lage am Fuße einer Anhöhe.
Wohl gibt es auch Ortlichkeiten im Boden, die auf Anhöhen liegen,
allein hier ist eben nur die alte Bedeutung dieses Wortes planities.
Ebene, festgehalten, in der es dann freilich ebensowohl ein flaches Floß,
als den Kornboden unter dem Dache bedeuten kann. Försteiiiann führt
das Wort in einer sehr alten Zusammensetzung NB. 2, 909 an: Bodo-
melosenstamph, worunter ich eine Pochmühle auf den Bodenlösen ver-
stehe. Sattellöse, ein Dorf im badischen Seekreis, erinnert an das alte
Feldmaß: satel, sateil = Vg bis Yg Morgen. In Oberschwaben ver-
steht man heutzutage unter Satel die Breite eines Ackerstreifens, soweit
der Säemann den Samen mit einem Wurfe schleudert. Die bei Förste-
mann 2, 876 und 2, 1506 angeführten Kinloson und Westerkinloson
wage ich bei meiner Unbekanntschaft mit den norddeutschen Agri-
culturverhältnissen nicht zu deuten. Ein ebendort 1, 1489 genanntes
ZUR ORTSNAMENFOR^CIirNTf. 299
Wazorlosum mnliiit an oine Stelle in Grimm's Weistli. 1, 540, wo von
dem Mangel eines Weges zu Wasser und Feld die Rede ist. 'Klagt
jemand um wasserlose oder jockweg' etc. etc. Hier handelt es sich allem
nach um das stf. losi.
Nach diesen Anführungen komme ich endlich an unser schwäbi-
sches Schiida, auf das Dorf Granslosen zu sprechen, das heute Auendorf
heißt und das seit dem Erscheinen der „Alemannischen Wanderungen*'
von Bacmeister für einen slawischen Ortsnamen angesehen wird. Das
genannte Dorf liegt in einem engen Albthälchen, das in die rechtseitige
Sohle des Filsthales einmündet und von einem Nebenbach der Fils,
von dem Wettenbach, durchflössen wird. Ganslosen liegt auf einer
kleinen Anhöhe, die das Wettenbachthal in zwei schmale Arme theilt.
Die Arme selbst sind östlich und westlich von steilen und hohen Berg-
wänden eingefaßt, da das Thälcheu von Norden nach Süden streicht,
so daß Ganslosen den übrigen Thallagen gegenüber sichtbarlich allein
vor den häufigen Übersclnvemraungen des Wettenbaches sicher ist.
Die alten Schreibungen Gas und Gos in Gaslosen und Goslosen, wie
das schwäbische gaus in Gauslausen, gehören Angesichts dieser Um-
stände zum ahd. gos = diluvies. Wie das alte, auch in oberdeutschen
Mundarten noch zu findende gos und gus = anser in das schwäbische
gauns hinüberglitt, so ist ihm gos = diluvies, Überschwemmung, auf
demselben Wege der Lautwandlung gefolgt. Wenn das Volk bei gos
nur an die Gans und nicht an ein verschollenes gos = Überschwem-
mung dachte und damit dem guten Ganslosen für alle Zeit einen
„Schlätterling" anhieng, so wird man dieß nur in der Ordnung finden.
Ganz in der Nähe findet sich ein anderer Nebenbach der Fils, die Gos,
an welcher Gosbach liegt. Man wird die alte Kameradschaft nicht ver-
kennen. Zusammensetzungen mit gos sind auch anderswo nicht selten,
ich will nur Goslar, Gosowe, Gosfeld anführen. Goslosen oder Gaslosen
wird dem Vorgetragenen zufolge schwerlich etwas anderes sagen wollen,
als sortes juxta ripam stagnantem. Dafür spricht der jetzige Name des
Gansloser Baches beredt genug. Die Wette oder das Watt bedeutet in
Oberschwaben heute noch s. v. a. stagnum, ausgetretenes Wasser.
Wettenbach ist daher nur die jüngere Übersetzung für ein altes Gose.
Wäre die Lesart Gastlosen, die im 16. Jahrhundert vorzukommen
scheint, alt, so könnte man an sortes extraneorum denken, da die alte
Rechtssprache unter Gast einen Ausmärker verstand, der kein Recht
an die gemeine Mark hatte, dem aber häufig aus „Gunst und gutem
Willen" ein Nutzen an der Allmand verstattet wurde.
AULENDORF in Wirtenberg. RICHARD BÜCK.
300 ^^'AHL SCHRÖDER
SPRACHLICHES ZU CLOSENER.
I. Die Martsche.
Closener erzälilt: Do man zalt 1382 jor, 4 tvocheu noch den ostern,
an der mitfeicochen so die runiofel oder die martsche ist zu Stroshurg,
noch dem nahtmasze, do erhub sich ein gescholle in der Brantgasze zioi-
schent den ziceien geschlehten, den von Mulnheim und den Zornen (Städte-
chroniken VlII 122, 5). Was ist die Martsche? Das Mhd. Wb. 11 ^ 84''
citiert unsere Stelle, gibt sich aber im Übrigen mit einem Fragezeichen
zufrieden. Scherz-Oberlin, der, da es sich um etwas Straßburgisches
handelt, wohl hätte zu Rathe gezogen werden sollen, sagt p. 1005 bei
Martsche (andere Lesung Marsche) : Apud Matthaenm Paris ludus hie
appellatur Martins. Also war die martsche ein Fest oder Spiel, welches
im März gefeiert wurde. Die Schreibung tsch für tz, also martsche
für martze, ist dem Elsässischeu geläufig; s. Weinhold Alem. Gramm.
§. 192 p. 160. Aber daz gescholle erhub sich eben nicht im März, son-
dern vier Wochen nach Ostern, und zwar Mittwoch 20. Mai. Dieser
Widerspruch zwischen dem Namen und der Datierung darf uns nicht
beirren: wir haben es bei der Martsche mit einem sehr alten Ding zu
thun, dessen Name haftete, als die Feier längst verlegt war. Die Rechts-
alterthümer p. 245 geben dafür erwünschten Anhalt: 'Die fränkischen
könige beriefen das volk gewöhnlich an einen ort des Niederrheins,
z. B. Andernach, lugelnheim, doch auch in andere gegeuden. Die
Merovinger im merz, daher camj^.ns martiiis. ... Im jähr 755 verlegte
sie Pippin in den mai, m.ajicam:pus, magicampus.' So könnte man, einen
Schei'zspruch Walthers parodierend, sagen : 'her Merze, ir müeset Meie
sin.' Mit den allgemeinen Volksversammlungen waren sicher heidnische
Opfer verbunden; ebenso war es alte Sitte, bei solchen Zusammen-
künften dem Könige freiwillige Geschenke zu bringen (Rechtsalter-
thümer 244. 245), — was Wunder, daß auch das Volk diesen Tag
sich zu einem Feste mit allerlei Spiel und Lustbarkeit gestaltete, wenn
auch die martsche\ der camjms martius, nicht mehr im März, sondern
im Mai stattfand? Man war eben mit der Benennung nicht scrupulös:
zu Worms feierte Karl d. Gr. im Jahre 781 das Maifeld, aber erst
SPRACHLICHES ZU CLOSENER. 301
einige Monate nach dem Mai, wie es öfter geschah, ohne daß sich die
Benennung änderte. (Rechtsalt. a. a. O.)
Besonderes Interesse gewinnt das alte Fest des campus martius
dadurch, daß die romantische Tradition von König Artus sich an es
anlehnte. 'Die rüntofel oder die martsche' sagt Closener, — kann man
zweifeln, daß darin eine Reminiscenz an die table-ronde enthalten ist?
Dazu mußte fi'eilich das Bewußtsein, daß die martsche das Märzfest
ist, erst völlig abhanden gekommen sein, denn der Herr der Tafelrunde
ist ja gerade
Artus der meienhaere man:
swaz man ie von dem gesprach,
zeinen pfinxten daz geschach
odr in des meien bluomenzit. (Parz. 281, 16.) •;
Auch anderswo war die Erinnerung an die Tafelrunde lebendig;
in Köln bedeutete eine tafelronge *) kurzweg ein Stechen, wie sich aus
einer kölnischen Rathsverordnung von 1345 ergibt: so ivanne man eyne
tafelronge roeft upme aldenmarte zo stechen^ dat dan eyn yecklich wirde
ind loyrdynne^ da rydende lüde off varinde lüde uss ind in loandelent,
sali tzica karren mysts gheven up die hane demghiene, den der rait darhy
schickt, as hee is gesynnet, ind als man enhoyven müren sticht, so sali
mallich gheven eyne karre (Ennen, Quellen zur Gesch. d. Stadt Köln IV
300); und nichts anderes ist es, wenn in Niederdeutschland ein Volks-
fest gral heißt: s. Frisch 1, 365 c; Brem.-nieders. Wörterb. 1, 532 und
deutsches Wörterb. 5, 1980. In Reinke de Vos heißt es v. 3305:
De konnink sach van sineme säl,
eme hagede ser wol de gröte gräl.
Bei Leibniz Script, rer. Brunsw. III 418 liest man: In dussem jare
(1481) was de grall to Brunswick; ebenda II 91 findet sich eine über-
aus anziehende Schilderung eines spectaculum quod gralum appellant,
eine Schilderung, die in Einzelheiten noch heute manches unserer Volks-
feste treffen kann. Endlich berichtet uns die Magdeburger Sehöppen-
chronik (Städtechroniken VII 168 f.) des Breiteren über einen Gral:
de gräle was bereit %ip dem mersche. Dieß mersche erklärt das Glossar
als Marsch'; sollten wir doch vielleicht berechtigt sein, an campus mar-
tius zu denken? Der mersche war eine Elbinsel bei Magdeburg: zur
*) Die auf starker Nasalierung beruhende Schreibung ng für nd ist am ganzen
Rhein zu Hause. Die Agrippina schreibt mit Vorliebe Burgongen, auch ingen ^ in den.
tüseng hat die Oberrheinische Chronik ed. Grieshaber p. 33 ; bei Köuigshofen findet
sich mehrfach angwer-g, angwergman, langgräfin u. s. w. ; s. mein Glossar zu Städte-
chroniken IX p. 1115. Vgl. Weinhold Alem. Gramm. §. 201.
GERMANIA. Neue Reihe JV. (XVI. Jalir^- > 21
302 KARL SCHRÖDER, SPRACHLICHES ZU CLÜSENER.
Volksversammlung, zum campus martius, pflegte man die Nähe eines
Fluües oder eine Insel im Fluße zu wählen (Rechtsalterthümer a. a. O.)
Schließlich sei beiläufig bemerkt, daß die ttiartsche des Jahres
1332, von der wir ausgiengen, eine dichterische Bearbeitung gefunden
hat durch Lamey in den Elsässischen Neujahrsblättern, herausg. von
Stöber und Otte 1844 p. 137 ff.
II. Olbergrien.
Im Jahre 1333 zogen die von Straßburg in's Feld gegen die
Veste Schwanau (Swannowe) bei Erstein, etwa drei Stunden südlich
von Straßburg an der lU, und gewannen dieselbe durch eine eigen-
thümliche Taktik. Closener berichtet darüber: sunderlich die von Stros-
hurg fürtent olbergrien us der stat in dunnefesselin , die warf man mit
eini iverke in daz hüs und entsüfertin ire hürnen und alle Ire wonunge,
daz in gar widerioertig toas. (Städtechroniken VIII 98). Von dieser Be-
lagerung erzählen auch Job. Vitoduranus 101 und ein Gredicht, welches
Wurstisen (Baseler Chronik 172) citiert: beide reden von stercus oder
stercora humana. Endlich heißt es über dasselbe Ej-eigniss in der
Zimmerischen Chronik I, 365, 6 ff.: zic dem heften die von Straszhurg
die secreta und haimliche gemach in ir stat rumen und solchen ivust in
ain unzall tonnen und vesser tlion und die ins leger vieren lassen, die
warden durch sonderliche darzu aufgerichte instrumenta sampt den stin-
kenden faiden aszen in das schlosz geworfen^ dadurch dann die yrofian,
und fruchten zugleich den hrnnnen aller verwust und verderld loard und
die im schlosz genett, das sie nit lenger sich enthalten hunten, derhalben
sich loeiter in die sprach mit den stetten begeben niusten.
Oberlin setzt demnach p. 26 und 1160 unter Albergrieu oder
Olbergrien, Oelbergrien *) einfach faeces oder stercora humana an und
führt mehrere lehrreiche Beispiele auf. DaL^ dabei der Sinn anuähei^nd
getroffen ist, leuchtet ein; versuchen wir, ob wir das Wort auch philo-
logisch feststellen können.
Freilich ist nicht entfernt mit Oberlin an Olbeeren zu denken.
Vielmehr ist elsässisch dl, schwäb. aul, eine contrahierte Form für adel;
es müßte bairisch, wenn belegt, äl lauten. In ganz Deutschland aber,
hoch wie niederdeutsch, bedeutet adel oder addel, contrahiert cd, ]\[ist-
jauche oder Mist; s. Deutsches Wörterb. 1, 177; Schmeller-Frommann
*) Über die Schreibung oe für 6 s. mein Glossar zu Städtechroniken YIIL IX
p. 1117.
K. E. H. KRAUSE, KLEINE MITTHEILUNGEN. 303
1, 34; Vilmar Kurliessisches Idiotikon p. 4; Brem.-nieders. Wörterb.
1, 10; Schütze Holsteinisches Idiotikon 1, 18; Kosegarten Wörterb
d. niederd. Sprache p. 102. Grien bedeutet nach einer bei Oberlin
citierten Stelle s. v. a. Koth, Unrath; es ist dasselbe Wort, welches
Maaler die teutsch Spraach Bl. 192", wenn auch vielleicht nicht ganz
prägnant, als synonym mit Eingeweide aufführt. Demnach bliebe her
zu erklären. Ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich in her nur ein
durch Einfluß des g, mit welchem das folgende Wort anlautet, beein-
trächtigtes stm, herc oder stf. herge erblicke , gebildet wie halsherc oder
halsherge. Es wäre also olhergrien *) nichts anderes als grien, d. h. Koth,
Unrath aus dem olherc, der olherge, d. h. der Cloake.
Die Anwendung dieses geistreichen Mittels, um eine Festung zur
Übergabe zu bewegen, steht übrigens nicht vereinzelt da, ja wenn
Oberlin 1256 Recht hätte, so gab es Wurfmaschinen, die nur zum
Schleudern von hat, kot (niederd. quät) dienten und daher kwotwerg
hieüen. (S. Closener a. a. O. p. 99.) Daß derartige Geschosse von
drastischer Wirkung waren, ist nicht zum Verwundern ; eine sehr pikante
Schilderung derselben gibt Christianus Wierstraat, Reimchronik der Stadt
Neuß (ed. v. Groote. Köln 1855) p. 77, welche man nachlesen mag.
LEIPZIG, November 1870. KARL SCHRÖDER.
KLEINE MITTHEILUNGEN.
1. Moneke. Simon.
Zu A. Hoefer's Meinung (Germ. XIV, S. 216 ff. speciell S. 218),
der Name Moneke könnte aus Simon, Simoneke entstanden sein, glaube
ich einen Beleg liefern zu können, indem monik urkundlich als Tauf-
name vorzukommen scheint. 1353 wird in einer Stader Urkunde
(Stader Osterprogr. 1856 S. 77 f.) ein Bauer 'monik heuniken syle-
mannis sone' genannt; Beiname ist es da sicherlich nicht, ich kann es
nur für den Taufuameu halten, wie der des Vaters Hennih ist^, der
Familienname Syleman oder van dem Syle**); in diesem Falle ist
*) Ein zutreffendes Analogen für die Unterdrückung des auslautenden g (c)
bietet die nicht seltene Schreibung burgräve.
**) Ueber den noch dauernden gleichen Werth des '-mann und des San (van
dem, van der) s. Archiv des Vereins f. Gesch. und Alterth. zu Stade ?,, S. LM).3.
21 *
304 K. E. H. KRAUSE
dann aber, wie im Bremischen so ganz überaus häufig, das Diminutiv
statt des eigentlichen Namens angewandt, der nur Simon sein kann ;
denn monik = monachus wird als Taufhame kaum anzunehmen sein. Der
Name Symon kommt dort gleichzeitig freilich seltener vor (1. c. S. 40),
ist im Bremischen aber im 15. Jahrh. doch häufiger (Arch. des Ver.
f. Gesch. etc. zu Stade 3, S. 283 fi".) Außer dem gekürzten Namen
Hennik (neben Hennike, Henniugh, Hennynghius, Enninghius) für
Johannes kommt in dortiger Gegend noch sehr häufig Kopeke, Kopike,
jetzt Kopeke, für Jacob vor, ein dem monik, moneke zu vergleichen-
des Beispiel*).
Ich füge hinzu, daß in Hamburg 1373 ein Conradus dictus Mo-
neken (Koppmann, Hamburger Kämmereirechnungen I, p. LXXXI
Not. 4) und 1371 ein Schütze Moneke (ib. p. 140) vorkommt, ein
monec 1275 (Meckl. ürk. B. Nr. 1374) in Rostock, wo auch eine mo-
nekenstrafa, wie in der Umgegend monekehaghen 1268 und monekehusen
neben monekenhusen (Ib. IV, p. 52 im Ortsreg. , auch Schröter Beitr.
Heft 1 (einziges) p. III), pl. moneke Tunnicius ed. Hofiinann p. 10
Nr. 153. Der Beiname monek könnte auch castratus oder impotens
bedeuten, wie kaphingst, kapün u. a., das Brem. Wb. 2, S. 184 v. mon-
nik bietet das dort in der Gegend noch übliche 'monneken castrare'.
Zu den Thieren, die nach dem möuch benannt sind, gehört auch
ein Insect (wahrscheinlich 'bruchus' Breui. Wb. VI p. 205), dann die
bekannte Grasmücke, 'Plattmönch' oder '^ Mönch' (sylvia atricapilla),
ferner glaube ich aus Reinekes Verwandtschaft die kleine Otter (Lutra
lutreola) oder den nörz mit seinem mecklenburgischen Namen '«i«>ifc
*) Kupekinus , Cupeke Koppmann Necrolog. cap. Hamb. p. 87 Aug. 15 und
p. 92 Aug. 28. Bekanntlich ist in Frauemiamen die Aphaeresis seit alter Zeit noch
heute üblich ; ich möchte dabei zu Schillers Erklärungen, Germ. XV, S. 410 bemer-
ken, daß Sefke Josephe zu sein scheint (Zeveke : Archiv des Ver. zu Stade 3, S. 295)
da die Kosenamen für Sophie Fia (ib.), Fike, Fiken zu sein pflegen. Sylke, Syllike
wird nicht Sibylla, sondern Caecilia sein (Czille, Czyllike ib., noch heute Zielchen).
Beiläufig: Ghese, Gheseken kommt urkundlich nicht nm- für Gertrndis, sondern auch
für Margarete und sicherlich auch für Gesina und Gisela (Gisselle, Gysel) vor; ich
kenne die Formen Gese, Gesse, Gesze, Geze, Gesike, Gessike, Gessica, Geiszike,
Geiske, Geisske, Ghesecke, Geysche, Geyszke, Geiszke, jetzt ständig Gesche. —
Mette, Metken wird ebenfalls noch jetzt auch als Kosenamen für Margarete, wahr-
scheinlich auch für Magdalene gebraucht. Für Sweneke giebt das Archiv 1. c. Swa-
nicke und Swenicke; es kommen dort aus dem Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrh.
zum Theil seltene (Herche, Henipe, Hemme [eines Johann Schiller Frau; Br. Wb.
V. p. 386 erklärt Hemmeken für Emma], Hebbeke, Asselle, ßeniken, Senime, Lzemme,
Czimme, Beisske), zum Theil auch alterthümliche Fraiieunamen vor (Framehilt,
Willemut).
KLEINE MITTHEILUNGEN. 305
ottermänk' (Schiller Thier- und Kräuterb. X, 7) hierher ziehen zu müs-
sen, für den ich auch ^mink' gefunden habe. — Mönk heißt im Bi'em.
und Holst, auch der Grundpfahl zum Stauen und Ablassen der Teiche,
münk (s. Stüremb. v.) der bei Erdarbeiten, zum Nachmessen der Ar-
beit stehen bleibende Erdkegel, und dem ähnlich ist die Bezeichnung
Mönch für isolierte Felsen und Klippen , wie z, B. in Helgoland , am
Harz etc. Die alten schweren kleinen Hohlziegel heißt man in Bremen
wie in Rostock noch heute bald Mönchsziegel, bald ' mö/ifcen und nön-
ken' (Brem. Jahrb. 2. p. 402 ad p. 117 *,\ den oben liegenden nämlich
mönk, die unteren nönken, was ich erwähne, um eine ähnliche Na-
mengebung aus Nameudeutung zu Germ. XV, 80 anzuführen. Dort
ist meschucke, muschttcke, ohne Zweifel richtig von biscuit abgeleitet
in Rostock nennt man aber heute nach der Deutung rauschüken =
monsieur'chen im Scherz den Oberzwieback mit diesem Namen, den
Unterzwieback aber mamselken.
Bartolt ist der Storch (Germ. XIV p. 219) wohl nur im Anklang
an die letzte Silbe seines Namens adebar genannt, und ähnlich, aber
onomatopoetisch ist 'den Olrik anheen' (ib. p. 220) zu deuten, nach dem
Tone des Aufrülpsens beim Einbrechen. Ich kenne die Redensart in
der Form 'Ae röpt Ollerk\ wie auch ^ Ahsalon rufen' für den Ton des
Schluckauf (slukup) 'ab' oder ' ob' im Scherz gesagt wird.
Für Namengebung aus Nameudeutung halte ich auch kiuenihhe
Streitschnabel als Zwietrachtsäer, bei Schiller Beitr. (Schweriner Progr.
1867) p. 8; denn nach Analogie der Straßennamen in Rostock und
Stralsund : kibbenibber = kivenibberstr. (jetzt Kivenhiverstr.) müsste
nicht kif, Streit, sondern kiße klve Kinnlade das Bestimmungswort sein.
Beide Straßen danken wohl einem Personennamen ihre Bezeichnung;
in den Hamburger Kämmereirechn. findet sich ein Kivenibbe 1381
(Koppmann, 1, p. 310), ein Thidericus Kyvennybbe 1386 (ib. p. 419).
In Bremen wird aber eine Kiefstrate angeführt.
Und nun noch einen Beleg zum Funkeldune des Redent. Spiels
als Saufteufel (Germ, XIV, S. 192): man hört im Bremischen öfter die
Ausdrücke „Funkelhageldün" und 'funkelhagelbesoffen'. Schröder's Deu-
tung ist darnach richtig.
*) 1)1 Bremen hießen sie eigentlich ichdfiten. Brem. Jahrh. 1. c. Brem. Wb. 4.
S. 669, nach letzterem scheint der obere, deckende Ziegel (Mönch) mule genannt wor-
den IM sein, ein Wort, dessen Deutung nicht angegeben, etwa : mule, pantoffel ?
306 K. E. H. KRAUSE
2, Zum Namenrätlisel des Primas.
Im Namenrätlisel des Primas, Carm. Burana 183", sucht Grion in
Zachers und Höpfners Ztsehr. II, 412 den Woliker oder Wolfger von
Ellenbrechtskirchen oder Leubrechtskirchen; er sagt selber, dali er zu-
meist nach vorgefaßter Vermuthiing deute, und so zwingt er ker als hopf
und epa = eph = f als Bauch heran; lool-c-er soll = Völliger', rekfloio
als 'flauer Recke' gedacht werden. Ohne irgendwie in Grions Ausfüh-
rungen einzugreifen oder für oder wider zu entscheiden , erlaube ich
mir den Wolfker, falls er wirklich in den Worten steckt, bequemer
und ich glaube plausibeler herauszuschälen:
Liftera hi's hina me dat vel syllaha trina,
je zweimal zwei Buchstaben, tcolf-krus oder grus^ oder auch drei Silben,
ioolf-1ce-7-HS.
Si mihi dematur caput, (nämlich das Ende: hrus) ex reliquo gene-
ratiir
Bestia {ivolf), si veider (Vordersilbe iüo?f), pennis ero tecta decenter\
d. h. grus f. Kranich; wozu das fem. tecta palJt.
Nil si vertor ero, nil stim laico neque clero.
d. h. krustoolf oder krusewolf , ein nicht unpassendes Beiwort fiir einen
Golias und Kneipenbruder. Kruse f. und krauss, doch wohl m., cruci-
bulum Mild. Wb. I, 890; neben kraus wird auch krus m. zu vermutheu
sein, da nd. krus, kros, kraus für Krug als Trinkgefäß und Wirtshaus
vorkommen; auch die lat. Form crucibulum führt darauf.
3. Lever Meer. 1593. Toten -Über setzen.
Se geuen ock vor, loenn de Seele uth dem Minschen varet, so moth
se de erste Nacht Herberge hehhen by S. Gerderuten, darumme ock S.
Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Döre der groten Stede gebuioet syn,
und darna moth se auer dat Leiter Meer und so fordan. Spegel des
Antichristischen Pawestdoms etc. dorch Nicolaum Grysen Predigern
in Rostock thosamen geordent. Rostock dorch Steffen Miillman
M. D. XCIII. bei Wiechmann Meklenburgs altniedersächsiche Litte-
ratur II 131. Dieser 1870 erschienene 2. Theil des so äußerst ver-
dienten Werkes von Wiechmann -Kadow umfaßt die in Mecklenburg
während der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. erschienenen niederdeutschen
Werke und Einzeldrucke, viele von allergrößter Seltenheit, manche wahr-
scheinlich schon völlig verloren. Die Auszüge, welche Wiechmann bietet,
sind für alle, denen die kostbaren Originale nicht zur Verfügung
KLEINE MITTHEILUNGEN. 307
stehen, sprachlich und culturhistorisch von großer Bedeutung, so p. 68
(a. 1570) der Stralsunder Ausdruck na ordeninge der Jarschare und die
ebendaher stammenden Vermählungs-Ausdrücke in ihrer Reihefolge:
ihoschlach (Abmachung unter den Eltern), upslack (öffentliche Ver-
lobung), hochfldt, die auch S. 122 (a. 1592) ähnlich aus üreifswald ge-
meldet werden. Oder auch die seltenen Rostocker Gewerbenamen
S. 73 (a. 1Ö72): Decker, Brugger, Kiemer ^= Thurm- und Dachdecker^
Steindiämmer oder Steinbrücker, Lehmstreicher, welche an der Sonne
zu trocknende Lehmsteine (kluteu) und Lehrawände oder Scheunen-
tenuen machen. Die unbekannten nd. Worte sind in Noten erklärt;
dazu glaube ich folgende Bemerkungen machen zu dürfen: Krallen-
schnöre S. 54 sind nicht nur Korallen, sondern überhaupt Halsbänder
aus rund gedrehtem Schmuck, z. B. Bernstein (Bernsteinkrallen).
Ingedömpte ist S. 55 wesentlich Leinenzeug, noch jetzt das Hauseinge-
weide; bei Verlöbnissen kann es natürlich dann für Mitgaue, Mitgift
gebraucht werden, wie S. 122. Wandtschmyde, Wandschmyde S. 55, ist
nicht feines Geräth oder Silberzeug, „das als Zierde auf Borten an den
Wänden steht" sondern Silber- und Goldbesatz an den Gewanden,
Spangen, Tressen etc; der Gegensatz sind die Kleider ane Sülvem
hechte edder Schmyde. — By vormidung jngelyueder straff S. 59 ist
nicht „jeglicher" sondern „einbeliebter" d. h. festgesetzter Strafe; das
betr. Edict des Raths zu Rostock enthält ja auch ganz bestimmte
Strafsätze.
4. Nachtrag zu uns, us, ösek, sek*).
Für die Vermischung der Formen bringe ich noch folgende Be-
weise: In den Urkunden zur „Geschichte der Familie von Blücher von
Dr. Fr. Wigger" Th. I, die fast sämmtlich Mecklenburg angehören, steht
regelmäßig uns unse, jedoch in Nro. 358 p. 277 (anno 1374) us, use,
unse promiscue; Nro. 365, p. 283 (vor a. 1377) ebenso us, uns, use,
unse; Nro. 373 p. 2ü4. (a. 1388) use, tmse] Nro. 386 p. 308 f. (a. 1418)
immer use, nur einmal unsem; Nro. 390 p. 312 (a. 1419) nur use, van
user iveghen; Nro. 415 und 441 p. 338 f. und 365 (a. 1431. 1442) nur
US use] die Schreibart wechselt natürlich: unze, unsse, unnse, unsze etc. ■ —
In Fallerslebener Urkunden des 14. Jahrh. in der Zeitsch. des bist.
*) Germ. XVI, 93—97. Daselbst ist 91, 9 zu lesen: gebraucht f. gedruckt; 95,
4 US f. uns; 95, 24 Calenberg; 97, 24 bezweifelt f. bezeichnet.
308 KARL HOPF
Vereins f. Niedersaehsen 1869 p. 114 ff. steht auf dem Gebiete des os
und ösch regelmäßig: uns, unse, nur p. 134 (a. 1337) hat us, tise; p. 135
(a. 1340) uSf M5e; p. 136 f. (a. 1344) us, os, use, unse bunt wechselnd.
Die letzte Urkunde wechselt auch mit wi und we im N. , die beiden
vorletzten haben we.
ROSTOCK. K. E. H. KRAUSE.
SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN AUS DEM
XIII. JAHRHUNDERT.
Der Codex N. 1080 der hiesigen königlichen und Universitäts-
Bibliothek (in Folio, aus dem Ende des 14. Jahrh.) enthält von einer
Hand geschrieben:
a) Caesarii Heisterbacensis Dialogi rairaculorum fol. 1 bis fol. 298 r 1 ;
h) Sieben Miracula, ohne Überschrift fol. 298 r 2 bis 300 r 2;
c) Vita B. Hugonis ordinis Cisterciens. monachi in Tannenbaeh fol.
300 r bis 304 r;
dann den Index auf fol. 305 —308. Letztere ist dieselbe, aus der
Schoepflin in seiner Historia Zaringo -Badensis (Vol. V n. LXXVII)
die bekannten Nachrichten über den letzten Zähringer Berthold V.
mitgetheilt hat; das Ganze ist bis heute noch uugedruckt. Eine Colla-
tion des Caesarius mit der neuesten Ausgabe, die meist nach späteren
Manuscripten gemacht ist, dürfte noch manche interessante Varianten
ergeben.
Die sieben culturhistorisch sehr interessanten Wundergeschichten
sind meines Wissens noch ungedruckt; sie fallen augenscheinlich in
die Zeit von 1218 — 1260; denn Graf Wilhelm III. von Jülich, von
dem in No. I die Rede ist, starb nachweislich — wie auch der Ver-
fasser der Legende angibt — 1218, und bei dem in No. III erwähnten
Erzbischofe von Magdeburg hat man wohl ohne Zweifel an Rudolf
von Dingelstädt zu denken^ der am 29. September 1260 plötzlich bei
der Tafel vom Tode überrascht ward.
Ich lasse darnach die Stücke selbst folgen.
I.
Quoniam rerum placet novitas, nova veteribus placuit novis homini-
bus enodare, quateuus alia ex aliis tam rerum similibus quam novitate
SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. 309"
miraculi clarescant. Innotescat igitur presentibus et futuris posteri,
videlicet hoc tempore anno ab incarnacione domini ]\[CCXVIII rem
evenisse mirandam et ammiracione dignam, sed non tarn mirabili&
gestu quam novitate moderna, preeipue cum nemo sit de nostratibus,
qui vel infernum veraciter pertimescat vel fide et actu virtutum regnum
celorum sollicitus concupiscat. Accidit igitur ut Comes de Greulch qua-
dam die coram multis militibus patris sui parvo ante spacio defuncti
memoriam subito in medio propalaret; verum quia ut de scintilla sepe
modica, si pastum recepei'it congruum, magna poterit civitas cicius con-
cremari, sie sermo ex inproviso prolatus si fomentum senserit, cito sen-
tenciam protelatur; unde accidit ut exemplo (sie!) nescio quo tactusai-dore
rem quam semel dixerat, illico subsequens eandem replicabat. Dixerat
enim se valde mirari, ubi vel in quo statu pater suus nuper a carne
solutus posset detineri, deinque adiciens omni voto se arcius amplecti,
si huius exitum et certitudinem propositi valeat investigare, multum
premii multumque araicicie specialis et perpetue se velle propter hoa
conferre, si modo quemquam reperiret, qui talia nosci potuisset, iuravit.
Quod cum omnes audivissent, unus miles ex presentibus respondit:
Domine mi Comes, si factis dicta compenses, scias velle me quod
dixeras pro viribus comprobare et animum tuum quantum omnipotens
aut permiserit aut dederit alleviare. Quo dicto quid plura? promissum
proficiscitur consumari. Veniens itaque ad quendam congnatorum suo-
rum nigromanticum , eius super hoc auxilium flagitans, breviter rem
agendam congnoscere fecit; qui demones mox convocaus iam dictum
militem ad infernum deduci et completa eius voluntate sanum reduci
precepit. Ingresso igitur purgatorio per diversas cum transportant pena-
rum mansiones, patrem quippe coniitis per singula loca requirens; sed
ibi non reperto eo, transeunt ad penam infernalem ubi et est repertus,
Qui cum vidisset militem, vehementer admirans dixit: Quis te huc, vel
quid queris, adduxit? Et ille protinus causam vie exponens de eius statu
requisivit. Cui Comes respondit: In inferno sine spe finis sum demersus,
verum quia desperatus mundo vixi, sine spe reditus me in hunc locum
defixi. Justus enim dominus deus , licet misericors sit multeque miseri-
cordie, tamen quod vivens magis quisque diligit et eligit, si morte in eo
manens preoccupatus fuerit, id ipsum secum sine fine manebit et ei
dominabitur. Elegi, si semper viverem in mundo, semper vellem peccare
et preeipue dominandi superbiam nunquam proposui declinare. Unde
quia opus dyaboli concupivi, inferni puteum absque retraccione introivi.
Heu me infelicem, heu me sero penitentem; hinc nunquam exibo, sem-
per hie ero; factus sum similis Lucipero, qui ante lucem ante ipsum.
310 KARL HOPF
Cliristum Jhesiim dominari non timuit; fidera quoque eins sicut omnes
superbi a me repnli, necnon me munduin diligere nee debere quidaliud
sperare me credidi; insuper non propter me eum a mundo cruci-
fixum attendi, et sie diligendo mundum incredulitatem promerui. Heu
me, si tamen fidem quamvis peecator essem non amisissem, felieem
me redidissem. Sed quid ultra tibi referam? libei-ari nequeo; penas
minores sentire potero, si ecelesie Stipendium quod abstuli restituatur.
Cui miles flens dixit: Domine mi dilecte, servieio vestro devietus iure
hominii, sicut nunc vestri sum filii, rogo vos intime, quantum huius
responsionis gracia aliquid mihi detis certum inter signa, ut cum
dilecto filio vestro domino meo comiti hec refero, fidem adhibeat, et
quod ab eo petatis ablatum beneficium ecelesie pro domino restituat.
Econtra comes anxius cogitavit, quid filio suo transmitteret, et cogi-
tando reperit quedam verba secreta nimie virtutis, videlicet, ut trium-
phum concederet, si quis ea gestaret; hec insinuans filio omnem scru-
pulum sustulit suspicionis. Receptus ergo miles a comite honoratur,
diligitur, sustollatur et omne quod sub tali signo de patre didicit, comes
firmiter credidit, asserens hec eadem verba preter se et patrem a nullo
sciri. Interim comes militem pro tanto laboris amore cogitavit multum
sublimare seeularibus diviciis et honoribus in altum levare. At miles
dei misericordia preventus, fictilem ac volatilem, transitoriam, vanam,
frivolam, deeeptoriam, cadueam, mortiferam fugiens gloriam, non iam
cecus Adam, sed rationabilis homo et sensatus, coufitetur se attenus errasse?
invanum dies expendisse, gracias agens deo, quia talia meruit future
vite congnoscere probamina, unde valedieens mundo et abrenuncians
dyabolo et pompis eins pro presenti seculo, terrestrem paradisum
claustra monachorum, que sunt officina bonorum operum, flens pre
gaudio intravit. Unde et nos benedieamus domino, qui cecum, surdum,
mutum , quadriduanum, mortuum suscitavit, qui est benedictus in secula
seculorum amen.
n.
Olym erant duo elerici valde sincere dilecti quorum unus cum
moreretur rogatus est ab altero, ut infra tricesimura diem, si ei liceret,
rediret. Rediit ergo ut videbatur non dolens sed tamen ubique secum
infernum habebat. Quod cum socius non erederet, defunctus de manu
propria sudorem expressit, quem contra viventem excussit; de quo
vivens tres guttas in faciem recepit, uuam in frontem, duas in maxil-
lam, que mox cutem et carnem usque ad ossa combusserunt et in
modum nucis tria foramina fecerunt; ille vcro in terram corruit et fero
SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. 311
expiravit. Tunc dixit ei mortuus: Surge; non morieris. Surrexit et
levius habuit. Ait iterum mortuus: Ex hoc dolore penas inferni disce
et ab hiis tibi cave, et dedit ei litteras in huuc modum scriptas:
Beelzebub princeps demoniorum cum satellitibus suis omnesque contrarie
potestates archiepiscopis, episcopis, abbatibus, presbiteris ceterisque pre-
latis amicis suis tartaream salutacionem et inviolate societatis federa,
que dissolvi non poterunt. Magna nobis fiducia in amicicie vestra, caris-
simi; multum de vobis gratulamur, quia sentitis optime nobiscum et
que nostra sunt queritis ubique tuendo atque fruendo quicquid ad
nostrum ius pertinet congnoscitis. Sciatis itaque universitati nostre mul-
tum fore acceptum, et multa graciarum accione studia vestra prosequimur
eo quod inferorum vie et altera prodicionis itinera vix capere possunt
animarum multitudines infinitas, que per ministerium vestrum et per
exemplum vestre conversacionis a via veritatis abducte quottidie nobis
copiose adducuntur; unde regni nostri potencia roboratur magnifice.
Perseverate ergo tamquam fideles et intimi nobis, nobis in amicicia nostra
et in opere quod cepistis ; quia profecto parati sumus et congruam retri-
butionem pro hiis omuibus rependere vobis". Post hoc mortuus evanuit.
Alter i'eligionem ingressus optime obiit, sed cicatrices de combusturis
usque ad mortem habuit. — Sequitur aliud.
III.
Est civitas metropolis in Saxonia Megdeburg nomine, cui pre-
fuit antistes omni vesanie deditus et provinciarum devastator, proprie
ecclesie dilapidator existens et rerum temporalium inutilis distractor;
sed deus omnipotens qui neminem perire desiderat misericorditer ex-
pectans se converti, quod ipse segniter neglexit. Unde memorabile versa
vice sue non indignum. Est eciam opidum a civitate memorata distans
quasi quatuor leucas iuxta descensum fluvii Eiben, ad quod prefatus
episcopus quadam die pervenit, corpore quidem sanus sed mente
vesanus. Ipsa namque nocte cum decumberet in lecto, ulcione divina
Collum strangulatur a dyabolo. Mira res; ipsa itaque nocte cum tlie-
zaurarius maioris ecclesie in sacrario decumberet in lecto et membra
sopori dedisset, vidit in sompnis ante principale altare dominum seden-
tem ad iudicium cum matre virgine Maria et suis apostolis; afluit et
sepedictus episcopus. Tandem supervenit sanctus Mauricius eiusdem
ecclesie patronus quasi vir strenuus lorica militari armatus causa
movendi querimoniam contra episcopum suum, petens a domino sibi
dari advocatum scihcet sanctum Paulum. Quo sibi dato conquerebatur
de episcopo suo, quod ecclesia sua per ipsum rebus esset dissipata et
312 KARL HOPF
honore destituta, et Paulus adiecit dicens: Oportet episcopum esse
irreprehensibilem, castura, non prodigum, sobrium^ modestum, et cetera
que in eius epistola memorantur. Hiis auditis episcopus peeiit sibi
eciam dari beatum Petrum apostolum pro se patrocinandum, quo sibi
denegato, dixit sibi contra Paulum litigandum non esse contra consodalem
suum; petivit ergo beatam virginem pro se patrocinari, Ipsa quoque
rennuente, petivit per sentenciam sibi dari. Dixit dominus ad matrem
suam beatam virginem: Mater, promoveas verbum suum. At domina
nostra ad filium: Obsecro te, fili mi, ne urgeas me interpellari pro
eo; attestor te ipsum, quod multociens intercessione mea averterim
indignacionem tuam ab eo, ut sie aliquando resipisceret, sed frustra
laboravi. Iterate dominus ad matrem suam ait: Ego sum misericors
te tu raater minime; miserere te indigentis. Respondit mater: Verum
quidem est, ut asseris; tu non solum misericors, sed et iustus. Ista
Paulo agente dixit: Domine iuste iudex reddens unicuique iuxta opera
sua; ecce Mauricius athleta tuus postulat sibi fieri iudicium et iusticiam.
Dominus dixit: Maurici, episcopus tuus sit in potestate tua et voluntate.
Statim arripiens eum et portavit in humeris suis et de pulpito, in quo
legitur ewangelium, precipitavit eum ante altare sancte crucis et con-
fracte sunt cervices eius. Et statim evigilans subthezaurarius audivit
sonitum pulsantis ad fores ecclesie, et campauarius, qui iacebat in
.ecclesia, surrexit et accessit ad ianuas templi inquirens causam sonitus.
Nuncius qui advenerat dixit se venisse de opido supradicto et episco-
pum denunciavit fore defunctum. Sicque perpendi potest, quod ipse
eadem hora, quando sanctus Mauricius eum deiecit de pulpito, eum
fuisse defunctum. Itaque nuncius ait, ut compulsarentur campaue. Hiis
intellectis sacrista perrexit ad sacrarium, intimans thezaurario que in-
tellexerat, et pulsabantur matutine; post hoc compulsabantur campane,
sicut moris est, ad iudicium defuncti. Hoc itaque facto accurrerunt
plurimi sciscitantes, que causa rei esset, et cum intellexissent, mirabantur,
quod tam subita et inprovisa morte episcopus eorum preventus fuisset.
Cum autem demane corpus exanime deferretur, inventum est Collum
confractura pelle integra et illesa permanente. Per illud exemplum atten-
dant et caveant omnes prelati ecclesiarum, ne res, que a fidelibus col-
late sunt sanctis in elemosinam, ut deo et eius genitrici atque ipsis
sanctis serviatur, inutiliter expendant vel consanguineis tribuant vel alio
modo turpiter devastent, quia ab ipsis usque ad minimum nota requi-
retur in districto examine ab ipsis patronis, ut^ dum minus discrete
expenderint ipsorum temporalia, in ultimo pereant cum corpore et
aniraa. — Sequitur aliud.
SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. 313
IV.
Duo monasteria nigri ordmis iuxta Maguntiam sunt sita, unum
in honore sancti Albani martyris, alterum in honore sancti Jacobi
Zebedei. In quo monasterio accidit quoddam miserabile prodigium
Omnibus religiosis et maxime ipsius ordinis scilicet nigri stupendum,
qui tunc temporis miuime observabatur. Quadam die in sero dicto com-
pleterio tres iuvenes clam descendentes in Renum pre caumate diei
refrigerare se cupientes, hü quadam vehemencia dissoluti Renum in-
silieutes, et unus eorum Ruthgerus nomine prepeti cursu minus cautus
submersus interiit; cum autem illi duo intellexissent soeium eorum
interisse et inopinata morte suffocatum, non sine magna tristicia et
pavore asceudentes quantocius monasterium remearunt; quorum unus
Arnoldus nomine pre nimia tristicia in lectum egritudinis decidit. Sed
ille prefatus R(uthgerus) per alveum Reni defluebat, et uude corpus
exanime evexerunt ad littus iuxta villam Waldaha iuferius Magunciam
unum miliare sitam. Et cum demane abbas de Eberbach magister Rey-
mundus nomine Renum ascendisset, et viso cadavere congnovit per
tonsuram monachum fuisse, fecit eum in ipso loco sepeliri per quen-
dam conversum secum equitantem. Et cum venisset Magunciam, retulit
factum clericis, qui aderant. Porro paulo post nocte dominica, qua de
more vigihe sacre celebrantur, et ille, qui iniirmo deputatus fuerat
minister, vigiliis cum aliis monachis interesset, egroto in conclavi solo
decumbente et lampade coram eo lucente, ecce venit sepedictus frater
R. corpore nudo et humecto, quasi iam de aquis ascendisset. Cum
autem ille decumbens eum vidisset, valde perterritus, tamen muniens
se sigillo sancte crucis, sciscitando interrogavit , ubi esset et quomodo
se res haberent erga eum. Dixit: Ego sum in loco dampnatorum.
At ille: Posset, inquit, tibi aliquid subveniendo prodesse? Respondit:
Nequaquam; sed si indutus fuissem veste illa, salvari potuissem.
Cuculla iacentis pendebat in pertica. Et ait illi: Si tibi proderit, indue
illam, et respondit: Non; sed si in ea preventus morte fuissem, spem
haberem liberari. Ideoque premunire te veni, ne tu in eandem damp-
nacionera pervenias; quia in hac conversacione, qua sie modo conver-
saris nullus vestrum salvari poterit. Et ne reputes me quasi fantasma,
corporaliter sum hie; sed si iam apperiretur locus ubi sepultus sum,
non ibi reperirer. Hoc quoque tibi sit insignum. Ille alter consocius
noster, qui nunc incolumis videtur et est, ab ista tertia die futura
veniet ad me moriturus in mensa. Quod et factum est. Et adiecit:
Et ut scias penam me sequi, si omnes ignes in Maguncia in unum
essent coUecti, non tantum ardorem haberent, quantum ego sustineo.
Et hyans apparuit os suum amplitudine mira et exivit fumus densissi-
314 KARL HOPF
mus cum scintillis et fetore intollerabili, et continuo nusquam com-
paruit. Et dum venisset minister, adhuc tantus fetor erat in conclavi,
ita quod ambo vix ferre poterant. Nam cum die prenotata sederet in
mensa prefatus consocius iocundus et letus immemor existens immi-
nentis periculi facti, allata est exestuans assatura porcina; ipse inter
alios arripiens frustillum carnis inhyanter in os iniecit et statim expiravit.
Hoc intellecto supradicto Arnoldo, statim cum meliorari cepisset, com-
mutavit vitam in meliorem statum et transtulit se ad ordiuem minorum
fratrum et factus est verbi dei egregius predicator.
V.
Regum secreta celare, dei mirabilia revelare perdocemur agyo-
graphya. Unde miraculum nunc incredibile dei dispensacione factum
notificandum plerisque duxi necessarium. In Brabancia in quadam villa
erant duo homines devoti vir, et uxor sua, qui pro munere deo obtule-
runt continenciam in quantum licuit, debitum carnale non solvendo.
Et ideo ne illicitus ardor libidinis urgeret eos ad amplexus naturalis
connubii, fecerunt sibi sterni segregatim. Quadam igitur nocte vir nimis
ardore naturali succensus vocavit uxorem ad lectum; at rennuente
suiTexit maritus et accessit ad eam et ingressus solito more congnovit
eam carnali copula, et ipsa pre nimia indignacione et ira prorupit in
hec verba: Si hie hac vice conceptus erit, ille dyaboli sit. Et factum
est ita; cum mulier hec perorasset, concepit et decursis novem mensi-
bus peperit filiam. Statim dyabolus affuit, puerum rapuit et ad diversas
matronas et mulieres in forma humana deportavit, dicens eum esse
inveutum. Et quia elegantis erat forme, eundem lactaverunt et lac
habundauter per triennium ipsi tribuebant. Post ablactacionem vero in
diversas mundi partes ipsam puellam duxit et preciosissimis vestimentis
vestivit, peetus gemmis, monilibus, anulis et colIum et manus aureis
circulis decentissime adornavit et ad diversa colloquia et concilia, festi-
vitates cousociorum suorum duxit, ut illi congratulentur ei in omni
genere ludorum. Frequenter eciam ducebat eam ad nundiuas et forenses
ludos et choreas, ut in cantilenis et in omni genere musicorum animus
eins demulciretur. Nunquam sinebat ipsam esurire, sitire vel aliquam
penuriam pati, sed semper de melioribus cibariis et habundanter
ministravit. Ubi contigebat eum transire per domicilia bonorum virorum
et ecclesias sanctorum, saltus faciebat, non audens eis appropinquare.
Cumqne iam puella haberet XV annos et esset nubilis, pervenit ad
cenobium quoddam monachorura, ut aliquem ibi de simplicioribus de-
ciperet et ad suara suggcstionem iuclinaret, ipsam foris relinquens.
Cum vero aliquantulam morara faceret, deus pater misericordiarum et
SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN. 315
tocius consolacionis misertus super plasmate suo, misit sanctum JacoLum
apostolum ad ipsam puellam dicens : Quid sedes hie? At illa: Ductor
nieus fecit me sedere liic. Cui apostolus: Tu perdita es, si non acquie-
veris meo cousilio, et corpore et anima peribis. Dyabolus est qui te
ducit. At illa: Quicquid iusseris domine hoc faciam. Ait apostolus:
Da michi dexteram tuam, et impressit in ea signum sancte crucis et
ait: Modo de cetero nou audebit tibi appropinquare. Et instruens
eam pleniter et edocens dixit: Vade, acquire honestam mulierem et
vade in domum patris tui et matris, "qui sunt in proxima villa ultra
duo miliaria, et voca sacerdotem et fac confessionem et recipe symbo-
lum et baptismum et permane in virginitate, ut possis salvari, et totum
processum vite sue ei exponens sicut prelibavimus et valedicens ei
recessit. Dyabolus peracto negotio suo exivit et ad puellara veniens
ait: Ach, quis fuit hie? 0 quid fecisti me relinquens, cum niehil
tibi defuerit et delicate te educaverira? O quam magnum laborem per-
didi, quia de cetero tibi appropinquare nou valeo. Et voeiferaus ela-
more magno et eiulatu evauuit et nusquam comparuit. Puella videns
se liberatam acquisivit sibi rauherem honestam et recto itinere perveuit
in domum patris suis. Et videntes eam decenter ornatam et vestitam,
mirati sunt, quenam esset. Et ait: Tu es pater mens, et hee mater
mea, et totum processum eis recitavit. Recongnoverunt pater et mater
filiam; venerunt parentes et affines, et factum est gaudium magnum,
glorificantes deum, qui faeit mirabilia magna solus. Statim vocavit
sacerdotem, fecit confessionem reeepitque symbolum et baptismum et
alia sacramenta ecelesiastica et in virginitate perseveravit et celibem
vitam de cetero duxit, et eonsummatis diebus vite sue perrexit ad
dominum, cui est honor et gloria in secula seculorum amen.
VI.
Quam periculosa et exeerabilis sit sentencia excommunicaciouis,
et quam salubris fidelis confessio, ex subiecto doceberis exemplo. Re-
tulit nobis Godfridus venerabilis abbas Novi castri, quod est cenobium
in Alzacia Cysterciensis ordinis, quod quidam conversus ibidem quan-
tum perpendi poterat bone vite erat, excepto quod excommunicaeionera
pro nichilo reputabat. Hie in quadam sollempnitate gloriosissime vir-
ginis Marie moi'e solito cum aliis conversis ad altare venit; abbas
eukaristiam sibi porrexit, sed niehil recepit, et in mauibus eins niehil
est inventum, sed, ut eredimus, divinitus corpus dominicum reversum
est super patenam in loeum suum. Conversus vero ut sensit se non
recepisse corpus domiui, tristis et turbulentus recessit, cogitans ex
peceatis suis hoc sibi contigisse. Tandem in se reversus puram cou-
316 KARL HOPF, SIEBEN WUNDERGESCHICHTEN.
fessionem fecit, absolucionem petivit et impetravit. Et iterato ad altare
accedens, sine impedimento corpus domini recepit et cum gaudio domura
rediit; postea vero aliquantulum vitam suam melioravit et de cetero
deum semper cum maximo timore pre oculis habebat. Per omuia bene-
dictus deus qui tauta magnalia servulis suis prestitit et diversis modis
se ipsis manifestat. — Sequitur.
VII.
Beata et gloriosa virgo Maria dei genitrix nunquam reliquit irre-
muneratum qualecunque quamvis exiguum sibi serviciura impensum.
Unde non est tacite subtrahendum, quali modo pro modico servicio
sibi ab ignorante exhibito quam misericorditer sua dignata est pre-
sencia visibiliter visitare. Ei'at quidam plebanus locuples admodum,
qui habebat iuter aliam familiam suam hominem surdum et mutum,
que duo raro disiungi videntur. Tandem ille mutus ad tantam per-
venit egritudinem, ut in lectum decidens expectaret ingressum uni-
verse carnis. Nam ipsa beata virgo venit ad eum in ipso mortis
articulo salutans eum dixit: Salvet te deus Jhesus Christus filius
meus, et in hac sahitacione illico cepit loqui et adiecit, dicit ei:
Fac tibi venire sacerdotem et age penitentiam et confitere pure
peccata tua et sume eukaristiam sanctum corpus domini nostri Jhesu
Christi filii mei et alia ecclesiastica sacramenta et in his rite per-
actis ducam te in requiem tibi preparatam. Et fecit sibi sacer-
dotem inquiri, et cum venisset, confessus est et communicatus com-
munione sancta. Et omnes qui aderant, admirantes interrogabant
eum dicentes^ quomodo et quid ei accidisset, quod tunc loqueretur.
Nam huiusmodi verba fuerunt audita ex ore eius, quod beata vh-go
presencia sua visibihter eum salutasset et iussisset fieri^ sicut pre-
libatum est, et dedisset ei loquelam. Et iterum interrogaverunt eum,
si umquam aliquid servicium exhibuisset ei. Ipse respondit, se ignorasse
et nichil antea de ea audisse nee aliquid scivisse, sed interdum dominum
suum semper septima die ieiunare considerasset et semper sequenti
die populo celebrasse et ita se intellexisse, quod dominus suus in-
tenderet aliquid boni, et sie ea intencione cum eo ieiunavi. Hiis
auditis, dixit ille paterfamilias : Verum quidem est, semper sabbato
in honore beate virginis quo ego solitus sum ieiunare, et ipse ieiuna-
vit mecum. Et hec omnes audientes cum ammiratione magna et voce
glorificaverunt deum et gloriosam eius matrem virginem, que non
derelinquit sperantes in se et servientes sibi.
KÖNIGSBERG. KARL HOPF.
K. MAURER, ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 317
ÜBER
DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE.
Herr Svend Giniudtvig hat in „det kougelige danske Videns-
kabernes Selskabs Forhandliuger 1870" eine Abhandlung „Om de
Gotiske Folks Väbeucd" veröffentlicht, welche zugleich auch in
einem Separatabdrucke erschienen ist, und welche so viel Schönes und
Lehrreiches enthält, daß sie wohl verdient dem Leserkreise der Germania
rasch bekannt gemacht zu werden. Der Gegenstand der Arbeit ist ein
vorzugsweise rechtsgeschichtlicher, und über einzelne einschlägige Fra-
gen hatte ich schon früher Veranlassuag mich auszusprechen; da der
Hr. Verf. mir die Ehre angethan hat^ diese meine früheren Äusserungen
zu besprechen, und mich in freundlichster Weise so zu sagen zu einer
nochmaligen Prüfung meiner Ansichten aufzufordern, mag es ent-
schuldigt werden, wenn gerade ich mit einer Erörterung des von ihm
angeregten Thema's ihm folge.
Es bespricht aber der Verf. drei verschiedene Listitute, deren
Zusammengehörigkeit erst noch festzustellen war. Er handelt nämlich
zunächst von dem Eide auf die Waffen (S. 3 — 21), dann von der
sverdtaka bei der Aufnahme von Leuten in des Königs Dienstver-
band (S. 21 — 25), endlich von dem väpnatak in den Dingversamm-
lungen und sonstigen Zusammenkünften (S. 25—45), worauf er dann
nochmals zum Waffeneide zurückkehrt (S. 45 — 57), und mit einem
theils auf diesen, theils aber auf das väpnatak bezüglichen Nachtrage
schließt; dabei glaubt er das väpnatak auf den Gesichtspunkt des
Waffeneides zurückführen, die sverdtaka dagegen als ein durchaas
selbständiges, mit diesem nicht zusammenhängendes Institut betrachten
zu sollen. Ich werde dieser Dreitheilung folgen, jedoch nur bei dem
väpnatak Anlass zu einer eingehenderen Untersuchung finden.
Daß die Ablegung von Eiden auf die Waffen ein gemein-
samer Gebrauch der gothischen, oder wie wir sagen würden, der ger-
manischen Volksstämme war, belegt der Verf. durch eine reiche Zu-
sammenstellung von Quellencitaten, welche das Vorkommen des Waffen-
eides bei den Quaden und Franken, bei den Alamanneu, Baiern und
Langobarden, bei den Sachsen endlich und Dänen darthun, und nach-
weisen, daß zumal im Holsteinischen dessen Gebrauch bis in das
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahr^-. 22
318 KONRAD MAURER
17. Jhdt. hinein fortdauerte. Selbst aus Schottland wird ein vereinzeltes
Zeugniss erbracht; für den Norden aber, dessen Rechtsquellen den
Waffeneid nicht nennen, wird dessen Gebrauch theils durch fränkische
Annalisten und die russische Chronik Nestors, theils durch ein paar
Eddalieder, und was die spätere Zeit betrifft durch „Aslak Tordssöns
og skön Valborgs vise", dann für Schweden durch das Zeugniss des
Sir Bulstrode Whitelocke festgestellt, welcher als Gresandter Cromwells
in den Jahren 1653 — 54 Schweden besiichte. Es sind bald promisso-
rische Eide, welche, zumal beim Abschlüsse von Verträgen, auf die
Waffen abgelegt werden, bald assertorische, zumal gerichtliche Eide,
und zwar mit oder ohne Eideshelfer. Daß die mehrmals betonte vor-
gängige kirchliche Weihe der Waffen nur eine später hinzugetretene
Förmlichkeit sei, hebt der Verf. wohl mit Recht hervor; ebenso aber
auch, daß die Ablegung des Eides ursprünglich stets auf die eigenen
Waffen des Schwörenden erfolgte, und daß erst in späterer Zeit hin
und wieder an deren Stelle das Schwert des Richters trat. Doch möchte
ich nicht annehmen, daß dabei nur der Umstand maßgebend gewesen
sei, daß sich der Waffeneid vorzugsweise nur in den unteren Gerichten
erhielt, welche für nicht waffenfähige Personen bestanden, vielmehr
eine andere Deutung vorziehen, auf welche ich gleich kommen werde. —
Der Verf. erörtert aber auch, und zwar am Schlüsse seiner Abhandlung,
den für den Waffeneid maßgebenden Grundgedanken, und findet den-
selben nicht in der Auffassung der Waffen als Attribute oder Reprä-
sentanten irgend einer Gottheit, ebensowenig in dem Gedanken, daß
der Schwur mit dem Schwert in der Faust, oder bis in den blu-
tigen Tod gehalten und vertheidigt werden wolle, sondern in der Be-
ziehung auf die Strafe, welche der Schwörende für den Fall des Mein-
eides auf sich herabrufen sollte, das Fallen nämlich durch die eigenen
Waffen. In wirksamster Weise wird diese Deutung unterstützt durch
die Vergleichung der Eide, welche die Völundarkvida, 33, schwö-
ren lassen will:
„at skips bordi, ok at skjaldar rönd,
at mars bsegi ok at msekis egg-',
mit dem Fluche, welchen die Helgakvida Hundingsbana 11, 31 — 33,
unter Bezugnahme auf geschworene Eide der Sigrün in den Mund legt :
„])ik ökyli allir Skridiat pat skip,
eidar bita, er und J)er skridi,
Jjeir er Helga ])6tt oskabyrr
hafdir unua, eptir leggisk!
— — — Rennia sä marr.
ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 319
er und J)er renni, Bitia J)er J)at sverd,
J)6ttu jQandr J)ina er ])u bregdir,
forctask eigir! nema själfum })er
— — — syngvi um höfdi!"
Weitere Belege werden sodann aus Nestors Chronik beigebracht,
welche ebenfalls beim Waffeneide die Worte gebraucht zeigen, daß
den Meineidigen sein eigener Schild nicht beschützen, und daß er
durch seine eigenen Waffen fallen soll; es wird ferner eine Bestimmung
des Haderslebener Stadtrechts von 1292 herangezogen, wonach der
fi'emde Gast, je nachdem er zu Wagen, zu Pferd oder zu Schiff reist,
auf die Radnabe, den Steigbügel oder das Schiffsbord den Fuß beim
Sclnvure zu setzen hat, — eine Bestimmung der Apenrader Schraa
von 1335, dann eines friesischen Gesetzes aus ungefähr derselben Zeit,
welche ganz ähnliche Vorschriften geben, — ja sogar eine Parallele aus
der neuesten Geschichte Indiens, welche eine ganz ähnlich construierte
Eidesformel noch im Jahre 1837 angewandt zeigt. ]\Iir scheint dieser
Nachweis in glänzendster Weise gelungen, und damit ein ebenso werth-
volles als sicheres Ergebniss für die germanische Rechts- und Religions-
geschichte gewonnen; nur möchte ich mir erlauben dem geehrten Hrn.
Vrf. anheimzugeben, ob nicht auch die Ablegung eines Eides in die
Hand des eigenen Liten (Lex Saxon. 8), dann die Eidesabiegung
auf das Schwert des Richters in ähnlicher Weise zu deuten sein möchte.
Der Tod durch die Hand des eigenen Hörigen, — der Tod ferner
durch das Schwert des Richters dürften wohl dem Tode dm'ch die
eigenen Waffen als gleichartig an die Seite treten.
Auch darin bin ich mit dem Verfasser vollkommen einverstanden,
daß er den Gebrauch des Schwertes bei der Aufnahme in
den Dienstverband des Königs von dem Waffeueide vollständig
getrennt hält. Die Hirdskra des K. Magniis lagabsetir lässt denjenigen,
welcher als hirdmadr oder gestr in des Königs Gefolgschaft aufge-
nommen werden soll, nur des Königs Schwert berühren, welches dieser
auf seinem Schoosse liegen hat; bei der Ernennung eines Herzogs oder
Jarles dagegen lässt sie dem Ernannten durch den König zuerst ein
Schwert, und dann noch eine Fahne überreichen. Mir will nicht ein-
leuchten, daß diese Verschiedenheit der Form hinsichtlich der Auf-
nahme in die unteren und oberen Grade des Dienstverbandes eine ur-
sprüngliche sei. Ein paar aus der Fagrskinna, der Haraldss. härfagra
in der Heimskriugla, dann aus der Hrölfss. Kraka entnommene Stellen,
welche der Verf. selber anführt, scheinen mir darzuthun, daß ursprüng-
lich schon die Aufnahme eines gewöhnlichen Inrdmanns durch die
9o ••*
320 KONKAD MAURER
Überreichung eines Schwertes erfolgte; die Bezeichnung „sverdtakarar
konüngs," welche den sämmtlicheu Dienstleuten des Königs mit all-
einiger Ausnahme der Kerzenjungeu zukam, scheint eben dahinzuweisen,
und schwerlich würde bei der Bestellung des Herzogs oder Jarles eine
zweifache Waffe gegeben worden sein, wenn nicht die eine von beiden
bereits zuvor in einem allgemeinei'en Gebrauche gewesen wäre. Ich
möchte demnach in der von der Hirdskra vorgeschriebenen Form für
die Ernennung der hirdmenn und gestir nur eine spätere Vereinfachung
und Abschwächuug einer altern, bei der Ernennung des Jarls und
Herzogs stehen gebliebenen Förmlichkeit erkennen; wie dem aber auch
sei, gewiß ist, daß hier wie dort Schwert und Fahne lediglich als Sym-
bole der Investitur in Betracht kommen, wie ja beide auch bei allen
andern germanischen Stämmen oft genug in gleicher Weise verwendet
werden, — daß ferner hier wie dort der vom Manne zu leistende Eid
dieser Investitur erst nachfolgt, und dabei in gewöhnlicher Weise auf
Reliquien oder auf ein heiliges Buch abgeschworen wird. Mit dem
Waffeneide hat demnach die hier in Frage stehende Benützung des
Schwertes in der That nicht das Mindeste zu thun, vielmehr reiht sich
dieselbe nur der Benützung eines Trinkbechers bei der Aitfnahme
eines skutilsveinn, oder der Benützung eines Handtuches bei der Auf-
nahme eines kertisveinu (Hirdskra, §. 24 und 47) als gleichgeartet an,
indem hier wie dort die Beschaffenheit der zu übernehmenden Dienst-
pflicht für die Wahl des bei der Aufnahme gebrauchten Symboles
maßgebend wird. — Ob übrigens, Avie der Verf. annimmt;, die später
in Schweden sowohl als in Dänemark hin und wieder nachweisbare
Ableistung eines Huldiguugseides auf das Schwert des Königs oder
eines königlichen Beamten imter den Gesichtspunkt einer deraiiigen
sverdtaka, und nicht vielmehr unter den eines vapnatak zu stellen sei,
ist mir sehr zweifelhaft; ich unterlasse aber ein näheres Eingehen au
den Punkt, da es mich zu weit vom nordischen Rechte abführen Avürde.
Was aber endlich die Auffassung des vapnatak betrifft, so ver-
mag ich mich nicht in gleicher Weise mit dem Verf. einverstanden zu
erklären, und dieser Umstand zwingt mich, in Bezug auf diesen Brauch
mich etwas einläßlicher auszusprechen. — Durch eine ziemlich reich-
liche Zusammenstellung von Belegen aus den geschichtlichen sowohl
als aus den Rcchtsquellen thut der Verf. dar, daß in NorAvegen das
vapnatak benützt wurde, um Beschlüsse zu fassen, oder auch die ge-
fassten zu bestätigen. Zumeist kommt dasselbe in den Dingversamm-
lungen zur Anwendung, und zwar wird es am lögj)ing vorgenommen
„innan lögrettu og ütan"; ausnahmsweise findet dasselbe aber auch in
"ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 321
ungeordneteren Versammlungen statt, wo immer größere Menschen-
massen sieh zusammensehaaren und sich veranlasst sehen, einem Col-
lectivwillen Ausdruck zu geben. Zuweilen handelt es sich dabei um
die Erlassung von Gesetzen oder die Annahme eines Königs, zuweilen
um die Verhängung der Acht u. dgl. wegen schwerer Verbrechen;
andere Male findet aber dieselbe Förmlichkeit auch auf civilrechtliche
Urtheile Anwendung, oder selbst auf die an diese sich anreihende Auf-
lassung von liegenden Gütern (jardarskeyting); ja selbst gelegentlich
der feierlichen Übernahme eines Gelübdes wird einmal von derselben
Gebrauch gemacht. Über die Art, wie das vapnatak sich vollzog, sind
wir leider ohne genügende Nachricht. An einer einzigen Stelle wird
gesagt, daß die Leute „bördu saman väpnum sinum" (Heim skr. Ha-
raldar s. gilla^ cap. 18, S. 723); aber gerade diese Stelle spricht
von einer in sehr ungeordneter Weise zusammengelaufenen Volksmenge,
und vermeidet überdieß die Bezeichnung vapnatak. An einer andern
Stelle wird der Handschlag (handfestr) neben dem vapnatak genannt
(Sverris s. cap. 20, S. 55); aber gerade diese Stelle spricht von der
Übernahme eines Gelübdes, und es ist demnach recht wohl denkbar,
daß gerade in diesem Falle neben dem Beschlüsse der Gesammtheit
auch noch die persönliche Verpflichtung jedes Einzelnen in Frage kam,
für deren Übernahme der Handschlag die geeignete Form bot. —
Weiterhin wird dann dargethan, daß derselbe Gebrauch auch in Däne-
mark wiederkehrte, nur daß er freilich hier ungleich früher theils ab-
kam, theils entartete, als in Norwegen. Ein geschichtliches Zeugniss
zeigt das vapnatak hier im Jahre 1076 gebraucht bei Erlassung einer
gesetzlichen Bestimmung über die Thronfolge; das schonische Recht
aber weist dessen Gebrauch bei der Friedloslegung am Landsdinge
nach. Da Andreas Sunesön dasselbe „collisione armorum et contactu"
vor sich gehen lässt, erhält das oben erwähnte „berja saman väpnum
sinum" eine willkommene Bestätigung; aber freilich erleidet die Form
sowohl als das Bereich der Anwendung des vapnatak hier frühzeitig
eine Änderung. Schon ein paar Recensionen des Skaanske Lov, deren
älteste höchstens in den Schluß des 15. Jhdts. hinaufreicht, haben an
der hier maßgebenden Stelle, art. 139, S. 130 (ed. Schlyter) eine ent-
sprechend abweichende Lesart, und eine Reihe anderer, dem 16. und
17. Jhdt. angehörige Zeugnisse bestätigt, daß am Landsdinge von
Schonen der Kläger, welcher eine Achtserklärung gegen seinen Gegner
durchgesetzt hatte, sein Schwert zu ziehen und in einen Balken zu
hauen pflegte, was man dann „huggse hans fred affhanum paa lands-
ticget med syt vapn" nannte. Nicht von einem Zusammenschlagen
322 KONRAD MAUEER
oder Berühren der Waffen;, und überhaupt nicht von einer Collectiv-
handkmg der Dinggemeinde, sondern nur noch von einem einseitigen
Acte des Klägers selbst ist also jetzt die Rede; mit der Form der sym-
bolischen Handlung hat sich ferner jetzt auch deren Deutung geändert^
soferne dieselbe nicht mehr auf die Bekräftigung eines gefassten Be-
schlusses als solche, sondern nur noch auf das gewaltsame Heraushauen
aus der Friedensgenossenschaft bezogen wird; endlich auch das Be-
reich der Anwendung des Actes hat sich nunmehr verengert, indem
derselbe selbstverständlich nur noch bei der Achtserklärung gebraucht
werden konnte. Dürftiger noch sind die für Schweden zu Gebote
stehenden Nachweise. Whitelocke's bereits angeführtes Reisetagebuch
erwähnt zwar den Namen des „weppun tack"; aber die Anwendung,
die er von demselben gemacht werden lässt, zeigt, daß es sich dabei
um einen einfachen WaiFeneid handelte. Bei einer Hochzeit nämlich,
welche die Königin Christine auf ihrem Schlosse zu Stockholm aus-
richten Hess, sah er selber 12 Männer vom Adel durch einen Eid, den
sie auf einen vorgehaltenen Speer leisteten, ihr Zeugniss über die Höhe
der versprochenen Morgengabe bekräftigen, und zugleich sich zur
Überwachung ihrer Entrichtung verpflichten; die Bezeichnung des
Actes will der Berichterstatter von dem Grafen Erik Oxenstjerna er-
fragt haben; aber die Thatsache, daß der Berichterstatter, ein nam-
hafter englischer Jurist, nach seiner eigenen Angabe seinen Gewährs-
mann auf die Ähnlichkeit des Namens mit dem des englischen wapen-
take aufmerksam machte, erregt den Verdacht, daß ein Mißverständniss
auf der einen oder andern Seite begangen worden sein könnte. Sonst
lässt sich aber nur noch aus Urkunden und Gerichtsbüchern des 17. Jhdts.
darthun, daß in Smäland der schonische Gebrauch, bei der Achtser-
klärung dem Gegner den Frieden wegzuhauen gleichfalls beobachtet
wurde, und daß man in derselben Landschaft auch bei der Auflassung
von Liegenschaften an einen Speerschaft zu greifen pflegte; aber beide
Nachweise beziehen sich eben nur auf eine einzige, und zwar an
Schonen zunächst angrenzende Landschaft, und ob Verelius seine
Deutung des Wortes väpnatak^ wie der Verf. meint, wirklich aus der
Praxis der schwedischen Gerichte geschöpft, und nicht bloß aus den
bekannten Stellen der norwegischen Königssagen und Gesetzbücher,
allenfalls mit Benützung von Sir Henry Spelman's Glossarium archaiolo-
gicum entlehnt hat, scheint mir doch recht sehr zweifelhaft. Um so
gewisser ist dagegen, daß wir in England den nordischen Brauch
wieder nachweisen können, wenn auch in etwas eigenthümlicher Ge-
staltung. Wir finden hier in den Gesetzen, und zwar schon seit K.
ÜBER DAS VÄPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 323
Eädgärs Zeiten (959 — 75), das wsepentäc oder wsepenget^ec als eine
dem hundred entsprechende Unterabtheilung der scir oder Grafschaft
erwähnt, und zwar erwähnt als eine Eigenthümlichkeit der nördlichen
Theile des Landes; genaueren Aufschiuli über dasselbe gewähren aber
erst die sog. Leges Edwardi Confessoris. Sie behandeln die
wapentagia als ein Äquivalent des hundredum in den Provinzen, welche
„sub lege Anglorum" stehen (cap. 30); dieß ist indessen ein entschiedener
Irrthum, wenn nicht Schreibfehler, da die Aufzählung der einschlägigen
Grafschaften vielmehr auf die „lex Danorum" hinweist, d. h. auf die
von Dänen und Nordleuten besetzten Gegenden. Sie leiten ferner den
Namen des Bezirkes aus der „lingua Anglica" ab, „quia arma vocant
wappa, et taccare, quod est confirmare" ; wiederum ein Irrthum, da es
kein ags. Wort täc, tac, oder getsec gibt, wie bereits R. Schmid bemerkt
hat, und die Bezeichnung somit nur aus der nordischen, beziehungs-
weise dänischen Sprache abgeleitet werden kann. Sie bemerken endlich,
daß die Veranlassung zu der Benennung der Gebrauch gegeben habe,
daß einem neuernannten Vorsteher des Bezirkes zu gesetzter Zeit an der
gewöhnlichen Dingstätte die sämmtlichen angeseheneren Männer inner-
halb desselben entgegenzukommen, und mit ihren Lanzen dessen hoch-
aufgerichteten Speer zum Zeichen der Huldigung zu berühren pflegten.
Auch auf diese Deutung des Wortes ist nicht zu bauen, wie denn
der freilich beträchtlich spätere Chronist Johannes Brompton dasselbe
ganz anders, nämlich davon ableitet, daß die Vasallen zum Zeichen
ihrer Dienstpflicht bei einem Wechsel in der Person des Herrn ihre
Wafien abzuHefern hatten, also von der heregeat oder dem relevium;
aber immerhin wird man annehmen dürfen, daß der Gebrauch selbst^
auf welchen sich der Compilator des Rechtsbuches beruft, von ihm
nicht erfunden^ sondern aus der Praxis entlehnt worden sein werde,
und kann damit der Gebrauch des väpnatak bei der Annahme eines
neuen Häuptlinges, wie er für Dänemark und Norwegen feststeht, auch
für die dänisch-norwegische Bevölkerung Englands als bezeugt gelten,
gleichviel übrigens ob dessen Anwendung auf diesen einzigen Fall be-
schränkt, oder auch noch in andern üblich gewesen sein möge. End-
lich ist uns auch aus der Normandie ein vereinzeltes Zeugniss der
gleichen Übung aufbewahrt, indem Dudo in seiner unschätzbaren Schrift
de moribus et actis Normannorum IH, S. 96 (bei Duchesne) erzählt,
wie um das Jahr 930 eine Anzahl normannischer Krieger vor einer
schweren Schlacht ihrem Herzoge Treue bis in den Tod gelobte, und
dabei „more Dacorum" zum Zeichen der festen Entschließung und
Vereinigung ^tela mutua? voluntatis pacto una concusserunt".
324 KONRAD MAURER
Kann hiernach das väpnatak als ein den sämmtlichen nordger-
manischen Stämmen gemeinsamer Brauch mit voller Sicherheit be-
trachtet werden, so fragt sich doch noch wie dasselbe aufzufassen sei,
und, was damit auf das Genaueste zusammenhängt, ob die gleiche Sitte
auch bei den Südgermanen sich nachweisen lasse? Der Verf. stellt nun
das väpnatak mit dem Waffeneide zusammen, und nimmt an, daß
dessen Bedeutung in dem gemeinsamen Beschwören des gefassten Be-
schlusses bestanden habe; er will ferner zwar die bekannte Stelle der
Germania cap, 11: „Si disciplicuit sententia, fremitu aspernantur^ sin
placuit, frameas concutiunt: honoratissimum assensus genus est armis
laudare, " hieher beziehen und in gleicher Weise deuten, aber die
Worte desselben Tacitus, Hißtoriarum V, cap. 17: „Ubi sono ar-
morum tripudiisque (ita Ulis mos) approbata sunt dicta," dann die
entsprechenden Angaben Csesar's über die GalHer (Bell. Gall. VII,
cap. 21), sollen nicht hieher gehören, da sie nur von dem Waffenlärm
als Zeichen des Beifalls sprechen. Ich gestehe, daß ich von der Stich-
haltigkeit dieser Auffassung mich nicht zu überzeugen vermag, und will
meine Gründe hiefür in Kürze darlegen. Vor Allem glaube ich be-
tonen zu müssen, daß an keiner einzigen von den vielen Stellen, welche
des väpnatak gedenken, dasselbe mit einem Eide in Verbindung ge-
bracht wird. In der Sverris s, freilich, cap. 16, S. 41 — 42, heißt es:
„J)ä var Sverri getlt konungs nafn ä ]3essu ätta fylkna ])ingi, ok dsemt
med väpnataki, ok svarit hanum land ok ])egnar eptir landslögum
fornum;" aber es sind eben hier deutlich drei verschiedene Acte an-
einander gereiht, welche bei der Annahme eines neuen Königs sich
folgten, das gefa konungs nafn, das dsema honum land ok ]3egna, und
der Huldigungseid, wobei das väpnatak ausschließlich mit dem zweiten
Acte in Verbindung gesetzt wird, nicht mit dem dritten. Allerdings
wird ferner an einer andern Stelle derselben Sage neben dem väpnatak
noch eines Handschlages Erwähnung gethan, welcher gleichzeitig ge-
geben wurde; aber es ist bereits bemerkt worden, daß gerade an
dieser Stelle die Übernahme eines Gelübdes in Frage steht, welches
neben der Gesammtheit auch die Einzelnen als Einzelne betrifft, und
daß daraus die Verbindung der doppelten Form sich erklärt. Beide
Stellen zeigen demnach, daß in den Fällen, in welchen eine Verpflichtung
übernommen werden sollte, neben dem väpnatak noch eine weitere, ge-
rade hierauf bezügliche Förmlichkeit vollzogen wurde, möge dieß nun
ein Schwur oder ein Handschlag sein ; warum dieß, wenn das väpnatak
selbst nichts Anderes als ein Waffeneid war? In einer Reihe von An-
wendungsfällen dieses letzteren ist ferner jede Möglichkeit, an einen
ÜBER DAS VAPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 325
Eid zu denken, ausgeschlossen. Wie soll z. B. das vapnatak, mittelst
dessen ein gerichtliches Urtheil bestätigt, oder eine Auflassung von
Liegenschaften bekräftigt wird, unter den Gesichtspunkt eines Eides
gebracht werden? Ein Versprechen der Unterwerfung unter das Urtheil
oder der Gewährschaft für die Übertragung kann nicht gemeint sein,
da nicht die Partei, sondern die Gerichtsgemeinde den Formalact voll-
zieht; eine Bekräftigung aber der eigenen Ehrenhaftigkeit bei der
Fällung des Erkenntnisses kann ebensowenig in dessen Vornahme ge-
sucht werden, denn diese lag bereits in dem Richtereide, welcher bei
der Bildung der lögretta von deren Mitgliedern zu schwören war. Das
gemeine Landrecht fordert dessen Ableistung ausdrücklich, })ingf. 6.
§. 3, und wenn zwar die altern norwegischen Rechtsbücher, welche die
Dingordnung theils überhaupt nicht eingehend behandelt, theils uns
nicht vollständig aufbewahrt haben, derselben nicht gedenken, so stellt
doch der isländische Richtereid, von welchem uns selbst die alte, heid-
nische Formel erhalten ist, dessen Ursprünglichkeit auch für das nor-
wegische Recht sicher. Endlich dürfte auch jene für den Waifeneid
maligebende Grundanschauung, welche der Verf. mit so überraschender
Sicherheit aufgespürt und festgestellt hat, mit dem vapnatak vollkommen
unvereinbar sein. Die Formel des Waifeneides faßt uothwendig den
einzelnen Schwörenden als Einzelnen, und in seinen Beziehungen zu
seinen eigenen Waffen ins Auge ; der Vorgang beim vapnatak dagegen
zeigt den Einzelnen nur als Glied eines größeren Ganzen thätig, und
bringt seine Waffen mit den Waffen aller andern Genossen in Be-
rührung; wie soll darin der Gedanke an den Tod durch die eigenen
W^affen sich aussprechen, der den Schwörenden für den Fall seines
Meineides treffen soll? Ganz folgerichtig wird darum auch, wo wirklich
ein Collectiveid geschworen wird, bei der Eideshülfe nämlich, nicht die
Form des vapnatak, sondern die des gewöhnlichen Waffeneides ein-
gehalten, und doch hätten wir, wenn jenem erstem wirklich die
Bedeutimg eines Schwures zukäme, gerade hier, wenn irgend wo,
dessen Anwendung zu erwarten. In der That wird denn auch nur ein
einziges Mal der Ausdruck vapnatak auf einen unzweifelhaften Waflfen-
eid angewandt: dieses einzige Mal aber ist jener Bericht des Sir
Bulstrode Whitelocke über einen schwedischen Vorgang aus der Mitte
des 17. Jhdts., ein Bericht also, der von vornherein den Gedanken an
ein Mißverständniss nahe legt, und überdieß auf eine so späte Zeit
sieh bezieht, daß auch abgesehen von einem Mißverständnisse des
Berichterstatters eine Trübung der Auffassung durch Vermischung
zweier äusserlich sieh berührender und beiderseits länjrt im Absterben
326 KONRAD MAURER
begriffener Gebräuche leicht zu erklären wäre. Ich kann demnach
nicht umhin, zu der älteren Deutung des vapuatak zurückzukehren,
und in demselben lediglich eine Form zu erkennen, mittelst deren die
versammelte Menge ihre Willensmeinung, und insbesondere ihre Zu-
stimmung zu einem ihr zusagenden Antrage ausdrückte, also ganz
dasselbe, was die beiden angeführten Stellen des Tacitus in Bezug auf
die Germanen, und was die gleichfalls angeführten Worte Csesar's in
Bezug auf die Gallier beschreiben. Die Gemeinsamkeit der Übung
bei den sämmtlichen germanischen Stämmen betrachte demnach auch
ich als feststehend, nur daß ich dieser einen etwas andern Sinn bei-
legen zu sollen glaube, als welchen der Verf. in derselben findet.
Eine Frage bleibt nach allem Bisherigen noch zu erörtern übrig,
die Frage nämlich nach der Stellung, welche das isländische Recht
zum vapuatak einnimmt. In den Rechtsquellen aus der republikanischen
Zeit geschieht desselben oft genug Erwähnung '); immer aber be-
zeichnet dabei der Ausdruck den Schluß der Dingzeit, und die Hrafn-
kels s. Freysgoda definiert denselben somit ganz im Sinne der
Rechtsbücher, wenn sie sagt: „en ]3at heitir väpnatak, er al})yda ridr
af alj)ingi". Jon Eiriksson hat bereits auf diesen Sachverhalt die Behaup-
tung gestützt, daß der Ausdruck im isländischen Rechte etwas ganz
Anderes bedeute als im norwegischen, nämlich den Zeitpunkt, mit
welchem die Dingversammlung zu Ende geht, und in welchem eben
darum die während ihrer Dauer abgelegten Waffen von den Dingleuten
wieder aufgenommen werden, und er hat auch nicht unterlassen zu
bemerken, daß erst nach der Unterwerfung der Insel unter den König
von Norwegen das väpnatak im norwegischen Sinne des Wortes auf
derselben Eingang gefunden habe, wie dasselbe denn wirklich in der
Järnsida sowohl als in der Jonsbök unzweideutig in solcher Weise er-
wähnt wird. Die meisten Neueren haben sich dieser Annahme an-
geschlossen, R. Keyser sogar mit der, keiner Widerlegung bedürftigen
Modalität, daß er auch das väpnatak der norwegischen Rechte ledig-
lich auf die am Schlüsse der Dingzeit erfolgende Wiederaufnahme der
Waffen beziehen zu sollen glaubt; auch ich selber habe mich bereits
öfter für die von Jon Eiriksson vertretene Ansicht ausgesprochen, und
zumal wiederholt die verschiedene Geltung des gleichen Ausdruckes
in der norwegischen und in der älteren isländischen Rechtssprache
*) Die vom Verf. angeführten Stellen sind nicht erschöpfend; ich kann den-
selben z, B. ohne lang herumzusuchen noch Gragäs, §.62, S. 112, und §. 234,
S. 178, ed. Finsen, beifügen.
ÜBER DAS vlPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 327
hervorgehoben ^). Unser Verf. dagegen glaubt auch in dem väpnatak
der älteren isländischen Quellen denselben Formalact wie im norwegi-
schen Rechte erkennen zu sollen, welcher, am Schlüsse der Dingzeit
vorgenommen, eine solenne Bestätigung aller am Dinge gefassten Be-
schlüsse enthalten habe, obwohl er die Möglichkeit zugibt, daß die
wirkliche Handhabung der betreffenden Formalität sich auf Island aus
dem Gebrauche verloren haben möge; er meint aber überdieü, die
wirkliche Vornahme des väpnatak sei sowohl in der späteren frei-
staatlichen Zeit als in der Zeit der Königsherrschaft durch eine andere,
wenn auch verwandte Förmlichkeit ersetzt worden, nämlich durch das
löfatak, und sei somit in der königlichen so gut wie in der republi-
kanischen Zeit das väpnatak im Grunde nur ein leerer Name gewesen.
Ich glaube indessen dieser Annahme in allen ihren wesentlichen Theilen
entgegentreten zu müssen, und will dieß Schritt vor Schritt unter Dar-
legung meiner Gründe zu thun versuchen. — Meines Erachtens ist zu-
nächst rein undenkbar, daß zu der Zeit, in welcher unsere Rechtsquellen
entstanden, im isländischen Freistaate ein Formalact, wie ein solcher
im norwegischen väpnatak vorlag, am Dinge vorgekommen wäre. Wir
kennen sehr genau den formellen Gang der Verhandlungen in den
Dinggerichten sowohl als in der gesetzgebenden Versammlung des
Freistaates; nirgends wird aber mit einer Sylbe angedeutet, daß für
die Gültigkeit der hier beschlossenen Gesetze oder der dort erlassenen
Erkenntnisse noch ein weiterer, am Schlüsse der Dingzeit vorzunehmen-
der Formalact erforderlich gewesen sei. Wir sind ferner über das, was
am Schlüsse der Dingzeit zu geschehen pflegte, sehr genau unterrichtet.
Wir wissen, daß die gesetzgebende Versammlung noch am letzten
Tage der Diugzeit (jiinglausnadagr) einen Zusammenti'itt zu halten
hatte ^) ; daß der Gesetzsprecher, und zwar am lögberg, also nicht in
der lögretta, den Kalender für das nächstfolgende Jahr vorzutragen,
und alle während der Dingzeit beschlossenen Begnadigungen, dann alle
hier zu Stande gekommenen neuen Gesetze bekannt zu geben hatte *) ;
daß endlich jetzt der öffentliche Verruf aller Klagsachen vor sich zu
gehen hatte, welche erst am Alldinge des folgenden Jahres verhandelt
werden sollten ^), und zugleich der competente Gode zur Haltung des
Executionsgerichtes aufzufordern war, wenn am Dinge Jemand durch
*) Z.B. in meinem Artikel Grägäs in der Ersch u. Gruber'schen Encykloptedie,
S. 47, Anm. 47; dann in einem solchen über Altnoridische Wörterbücher, im
Anzeiger für Knnde der deutschen Vorzeit, 1863, Nr. 12. *) Kgsbk, § 117,
S. 212. ^) Ebendca, §. 116, S. 209, und §. 101, S. 177. ^) Ebenda, §. 76,
S. 124; §. 77. S. 125, und öfter.
328 KONKAD MAURER
Urtheil, Schiedsspruch oder Vergleich der Acht oder Landesverweisung
verfallen war ^). Deutlich werden dabei jene Vorträge und Verkündi-
gungen als der äußerste Schluß der Dingzeit bezeichnet; man kann
Gerichtssitzungen nur begehren „medan ösagt er misseristal upp" oder
so lange nicht „nymseli ero uppsögd" '), und der Termin für das An-
gehen des Goden um einen feransdöm kann eben darum auch durch
die Worte „eptir doma" bezeichnet werden ^), — ja der für die Be-
wachung der Pferde bestellte Hüter der Pferde muß diese „at jiing-
lausnum" den Dingleuten zurückbringen, noch ehe „misseristal se upp-
sagt" ^), und der Zeitpunkt, in welchem der Jahreskalender vorgetragen
wird, steht in genauester Verbindung mit dem anderen, „er menn
bregda tjöldum sinum" ^^), d. h. mit dem Momente, in welchem die
Dingleute von ihren Dingbuden die Bekleidung und Bedachung weg-
nehmen. Der Zeitpunkt der Heimreise sammt den ihm unmittelbar
vorhergehenden Verrichtungen ist damit deutlich genug bezeichnet;
wie sollte es sich erklären, daß dabei nur eben des väpnatak nicht
erwähnt und der für dasselbe charakteristischen Formalien nirgends
gedacht sein sollte, wenn dasselbe überhaupt in einem feierlichen, von
der gesammten Dinggemeinde, oder doch von der lögretta gemeinsam
vorzunehmenden Formalacte bestanden hätte? Dazu kommt, daß uns
nirgends gesagt wird, daß das norwegische väpnatak am Schlüsse der
Dingzeit und zur collectiven Bestätigung aller während der Dauer der
Versammlung gefassten Beschlüsse erfolgt sei; ganz im Gegentheile
wird desselben vielmehr immer nur gelegentlich einzelner Beschlüsse
und in einer Weise gedacht, welche zu der Annahme berechtigt, das-
selbe sei jedem einzelnen Beschlüsse auf dem Fusse gefolgt, und habe
sich somit während der Dauer einer und derselben Dingversammlung
mehrmals wiederholt. „lunan lögrettu og vitan" war in Norwegen das
väpnatak vorzunehmen; auf Island dagegen wird dasselbe auf einen
Zeitpunkt verlegt, in welchem die lögretta ihre letzte Sitzung bereits
gehalten und die Thätigkeit der Gerichte ihr Ende erreicht hat. Daß
hiernach das väpnatak der älteren isländischen Rechtsquellen etAvas
ganz Anderes bezeichnete als das norwegische väpnatak, und daß
jenem nicht nur jeder formelle Charakter fehlte, sondern dasselbe auch
an einen ganz anderen Zeitpunkt sich knüpfte als dieses, glaube ich
8) Ebenda §. G2, S. 112. ') Ebenda, §. 47, S. 83, und §. 101, S. 177;
Vi'gslodi, Cap. 52, S. 93 led. Ainani.). *) Kgsbk, §. 48, S. 84, und §.69,
S. 120. ^) Kaupab., Cap, 88, S. 442; vgl. Kgsbk, §. 76, S. 124. ") Vig-
slöd i, ang. O.
ÜBER DAS ViPNATAK DER NORDISCHEN RECHTE. 329
als gewiss ansehen zu dürfen; aber andererseits will ich damit ganz
und gar nicht behauptet haben, daß diese verschiedene Geltung des
Ausdruckes in der isländischen und in der norwegischen Rechtssprache
von jeher bestanden habe, und damit komme ich auf den Punkt, wel-
cher eine gewisse Ausgleichung zwischen meiner Auffassung und der
des Verf.'s immerhin ermöglicht. Wir wissen, daß das isländische
Recht sich vergleichsweise spät von dem norwegischen abgezweigt hat,
und es ist demnach völlig undenkbar, daß ein in beiden Rechten gleich-
mäßig wiederkehrender technischer Ausdruck in beiden von jeher ver-
schiedene Geltung gehabt haben könnte. Auch darüber kann kein
Zweifel bestehen, daß das norwegische Recht im gegebenen Falle der
ursprünglichen Bedeutung des Ausdruckes getreu geblieben ist; die
Naturwüchsigkeit des von ihm festgehaltenen Formalactes, und mehr
noch die Parallelen, welche das dänische, schwedische, normannische
und nordenglische Recht, und in weiterem Abstände sogar Tacitus und
Cäsar bieten, stellen diese Thatsache doch wohl imbedingt fest. Das
isländische Recht muß demnach eine Änderung erlitten haben, welche
hinterher auch den Sinn seiner Terminologie ergriff, und mag es dabei
etwa folgendermaßen zugegangen sein. Aus vorläufig hier noch uner-
örtert zu lassenden Gründen ließ man auf Island den alten Formalact
des väpnatak außer Übung kommen. In den alten Rechtsüberlieferungen
aber, und zumal auch Rechtsformeln, welche man nach wie vor mit
Ehrfurcht weiter trug, fand man den Ausdruck nach wie vor gebraucht,
und es galt, nachdem dessen ursprünglicher Sinn vergessen worden
war, sowohl dessen praktische Bedeutung festzustellen, als auch für
denselben eine etymologische Erklärung zu finden. Da griff man nun
in letzterer Beziehung nach dem Nächstliegenden, und bezog das Wort
auf die Wiederaufnahme der Waffen am Schlüsse der Diugzeit, worauf
dasselbe sprachHch in der That recht gut bezogen werden konnte; die
Verlegung des Zeitpunktes, welchen dasselbe bezeichnete, von dem
Momente des gefassten Beschlusses auf den letzten Tag der Dingzeit
war dann freilich eine Folge der geschichtlich unbegründeten Etymo-
logie, aber eine Folge der unbedenklichsten Art, da ja zwischen bei-
den Zeitpunkten immerhin nur wenige Tage in Mitte liegen konnten.
Es fehlt nicht an Belegen für ganz ähnliche Vorkommnisse innerhalb
der isländischen Rechtsgeschichte; ich erinnere nur an die mehrfach
interessante Glosse über den Ausdruck „fyrir ena Jjridjo sol", dann
an die Definition des hrisiingr und hornüngr "), welche letztere eben-
"j Kg-sbk, §. 86, S. 150; dann §. 118, S. 224.
330 KONRAD MAUBEB
falls von der Geltung der betreffenden Bezeichnungen in den norwegi-
schen Rechtsquellen wesentlich abweicht. — Was sodann die Erwäh-
nung des vdpnatak im norwegischen Sinne des Wortes in der Jdrnsida
und Jonsbok betrifft, so wird diese Niemanden wundern, der sich über-
haupt mit der ungeschlachten Art einigermaßen vertraut gemacht hat,
in welcher diese beiden Gesetzbücher die Vorschriften des norwegischen
Rechtes nach Island hinüber tragen; die Angaben aber, welche unser
Verf. über das löfatak bringt, kann ich weder für vollständig richtig,
noch auch fiir vollständig erschöpfend halten. Wohl richtig, daß wir
schon am Schlüsse des 13. Jhdts. Beschlüsse der isländischen lögretta
„med lofataki", d. h. durch Handerhebung gefasst finden; aber nichts
berechtigt uns, diesen Gebrauch schon in die Zeit des Freistaates zurück-
zudatieren, nichts ihn als einen specifisch isländischen zu betrachten.
Man darf m. E. das löfatak keineswegs mit dem älteren handsal oder
handtak, dem handaband oder handalag, der handfestr oder handfesta
m Zusammenhang bringen, denn jenes galt, wie unser Handmehr, als
die Form für die Beschlussfassung einer versammelten Menge, dieses,
wie unser Handschlag, als die Form für die Eingehung eines unter
mehreren Einzelnpersonen abzuschließenden Vertrages, womit natürlich
recht wohl verträglich ist, daß hin und wieder durch Vertrag ganz
ähnliche Bestimmungen beliebt werden können, wie sie anderwärts
durch den Beschluß einer Dingversammlung getroffen werden, oder
daß in einzelnen Fällen beide Formen zugleich eingehalten werden,
weil es sich zugleich um den Abschluß eines Vertrages und das
Zustandekommen eines Beschlusses handelt. Ganz zufällig ist ins-
besondere, wenn einmal in der Fsereyiuga s. (Flbk, I, S. 366) eine
handfesta unmittelbar vor dem Schlüsse der Dingversammlung vor sich
geht, denn auch in diesem Falle handelt es sich ganz und gar nicht,
wie der Verf. annimmt, um den Abschluss und die Besiegelung der
Verhandlungen am Dinge, wie beim väpnatak, sondern lediglich um
eine persönliche Verpflichtung, welche Sigmundr Brestisson dem alten
])räud gegenüber eingieng, und bezüglich deren es ganz gleichgültig
war, ob sie am Ding oder anderwärts übernommen wurde; von dem
löfatak dagegen erfahren wir umgekehrt, daß es auch auf Island in
der lögretta und gelegentlich jedes einzelnen Beschlusses vor sich gieng,
ganz und gar nicht collectiv am Schlüsse der Dingzeit, wie sich
dieß gelegentlich eines einzelnen Falles ganz unzweideutig heraus-
stellt ^^). Läßt sich hiernach keine Spur des löfatak in der republikani-
schen Zeit Islands nachweisen, so steht andererseits fest, daß dasselbe
'2) A rna bps s., Cap. 42, S. 7.35.
ÜBER DAS vApNATAK IJER NORDISCHEN RECHTE.] 331
mit dem Schlüsse des 13. Jhdts. in Norwegen ganz ebenso gut vor-
kam wie auf der Insel; bereits in dem neueren Stadtrechte des
K. Magnus lagabsetir wird desselben gedacht ^^), und nicht minder in
zwei Verordnungen aus den Jahren 1313 und 1377 '■^), — in Urkunden
wird dasselbe öfters erwähnt, wie z. B. in den Jahren 1323, 1328 und
1362 '^), und das vom Verf. selbst bemerkte Aufkommen des farb-
loseren Ausdruckes ])ingtak in norwegischen sowohl als isländischen
Rechtsquellen kann recht wohl mit diesem Wechsel in den bei der
Beschlußfassung gebrauchten Förmlichkeiten zusammenhängen, indem
man sich durch denselben veranlasst sah, nach einer Bezeichnung zu
suchen, welche für das väpnatak und lofatak gleichmäßig anwend-
bar war.
Insoweit also ist mein Ergebniss das, daß das väpnatak zwar mit
dem Eide auf die Waffen ganz und gar keine innere Gremeinschaft
hat, aber allerdings ganz wie dieser ein in das graueste Alterthum
hinaufreichender und allen germanischen Stämmen gemeinsamer Brauch
ist, welcher sich nur im isländischen Freistaate auffälliger Weise früh-
zeitig verloren hat^ um erst mit der norwegischen Herrschaft wieder
nach der Insel zurückzukehren; daß ferner in Folge jenes Verschwin-
dens des Brauches selbst der isländischen Jurisprudenz die richtige
Erklärung des betreffenden Ausdruckes abhanden kam, welcher doch
in alten Formeln und Rechtsvorschriften noch aufbewahrt war, und
daß darum eine ganz andere Deutung desselben aufkam^ welche hin-
wiederum auch eine geringe Verschieb img des Zeitpunktes zur Folge
hatte, an welchen die Wirkungen des väpnatak sich knüpften; daß
endlich seit dem Schlüsse des 13. Jhdts. in Norwegen sowohl als auf
Island an die Stelle des väpnatak mehrfach ein lofatak trat, freilich
ohne daß darum die ältere Form völlig aufgegeben, oder über die
Form hinaus an der Bedeutung des Actes irgend Etwas geändert wor-
den wäre. Vielleicht gelingt es aber auch noch, die Gründe jenes
raschen Verschwindens des norwegischen väpnataks auf Island zu ent-
decken, und ich will, wenn auch nur zögernd, zum Schlüsse noch eine
deßfallsige Vermuthung hier mittheilen.
Wir wissen, daß nicht nur auf Island das Betreten eines Tempels
allen Bewaffneten verboten war '^), sondern daß ganz dasselbe Verbot
auch in Norwegen galt ^'). Gerade in Bezug auf Norwegen wird aus-
") Bsejarsk., §. 2. '••) Norges gamle Love HI, S. 99 luid 196.
**) Norske Samlinger, V, S. 356 und 540; Diplom, norveg. U, Nr. 370
S. 296. ") Vatnsdsela, Cap. 17, S. 29; Landnäma, Hl, Cap. 3, S. 177^
"} Eigla, Cap. 49, S. 99; Olafs s. Tryggva.sonar, Cap. 167 (FM8, II, S. 44).
332 K. MAURER, ÜBER DAS VÄPNATAK DER NORWSCHEN RECHTE.
drücklicli angegeben, daß es die liofslielgi, d. h. der dem Tempel zu-
kommende Friede war, auf welchen das Verbot sich begründet; man
möchte aber von hier aus von Vornherein schließen, daß auch der
Dingfrieden, die jjinghelgi, das bewaflfuete Betreten der Dingstätte aus-
schloß, und es fehlt nicht an einzelnen Anhaltspunkten, welche diesen
Schluß unterstützen. Von Norwegen wird uns einmal ausdrücklich
berichtet, daß noch um das Jahr 934 die Leute unbewaffnet am Glula-
})inge aufzuti'eten pflegten ^^) ; von Island aber hören wir, daß die Ding-
stätte des ]36rsnessJ)inges für so heilig galt, daß sie durch kein Blut-
vergießen entweiht werden durfte '^), dann daß man am JDorskafjardar-
jDing das Schwert wenigstens mit fridbönd, d. h. Friedensbanden um-
wickelt zu tragen pflegte ^^), ganz wie man dasselbe im eigenen Hause
zu verwahren gewöhnt war, wenn man sich vollkommen sicher glaubte '■^').
Später noch wird auf Island dem B. Gizurr (f 1118) nachgerühmt,
daß er „fridadi svä vel landit, at ]iä urdu engar stordeilur med höfd-
ingjum, en vapnaburdr lagdist mjök nidr", und mit Bezug auf ihn
hervorgehoben, daß noch zwei Jahre nach seinem Tode „var svd litill
vapnaburdr, at ein var stälhiifa J)ä a alj)ingi, ok reid drjiigum hverr
böndi til ]3ings, er ])i var a Islandi" ^'^). Gehalten wurde freilich das
Verbot nur wenig, wie denn die Schwertschleifer sogar ihre eigenen
Buden am Alldinge hatten ^^) ; aber doch enthalten die Annalen noch
zum Jahre 1154 den Eintrag: „lagdr vapnaburdr ä al])iugi ä Islandi",
und eine andere Quelle berichtet, wie im Jahre 1218 B. Magnus Gizurar-
son von Skälholt wenigstens so viel durchsetzte^ daß die Leute nicht
mehr bewaffnet in die Gerichte kommen durften "^). Mit diesem mehr-
fach wiederholten Verbote des Waffentragens am Dinge lässt sich nun,
so viel Island betrifft, das Abkommen des väpnatak im norwegischen
Sinne des Wortes ebenso gut in Verbindung bringen, wie die neuere
Bedeutung, welche der Ausdruck in der isländischen Rechtssprache
annahm; um so schwieriger ist dagegen zu erklären, wie in Norwegen
jemals das alte väpnatak mit demselben Verbote des Waffentragens
an der geheiligten Dingstätte sich vereinign lassen konnte. Vielleicht
hilft folgende Erwägung auf die Spur. Das väpnatak im älteren Sinne
*«)Eigla, Cap. 57, S. 126. *») Eyrbyggja, Cap. 4, S. 7; vgl. Cap. 10.
S. 11, und Landnama, II, Cap. 12, S. 97—8. *») Gfsla s. Sürssonar, I, S. 5.5.
»») Sturlünga, IX, Cap. 3, S. 186; Kr(5karefs s., S. 8. ") Kristni s.,
Cap. 13, S. 29, und Cap. 14, S. 31. ") Kgsbk, §. 101, S. 176; Njäla, Cap. 146,
S. 247. ^•'j Sturlünga, V, Cap. 30, S. 158: Magnus biskup bannadi öllum mönn-
um at bera väpn til döma; gjördu nienn )i;i menn til doiua väpulausa, er Jiar skyldo
mal framflytja.
FEDOR BECK, VON ETSLtCHEN MElSTERSTÜCKELtN. 333
entspricht offenbar dem militärischen Elemente in der altgermanischen
Verfassung: mag sein, daß seine Anwendung ursprünglich auf die zu
militärischen Zwecken bestimmten Versammlungen beschränkt war,
auf das vapna])ing also oder die väpnastefi'a , für welches die Orkney-
inga s. ja sogar einmal die Bezeichnung väpnatak selbst braucht ^^),
auf die Versammlungen der Heergenossen ferner, und allenfalls noch
auf das örvarjiing, das in Karapfsachen zusammengeboten wurde. Ein
Überwuchern der militärischen Seite der Verfassung, durch die langen
Wanderungen und beziehungsweise das Vikingertreiben und die fort-
währenden inneren Kämpfe bedingt, konnte dann die Förmlichkeit auch
in das Gerichtswesen und die gesetzgebenden Versammlungen hiuüber-
gebracht haben, während auf Island, wo die Lage des Landes und der
Gang der Staatsbildung das Heerwesen zurückdrängte und dafür das
Priesterthum in den Vordergrund rückte, das väpnatak ganz aus den-
selben Gründen verschwinden machte, aus welchen die Häuptlinge den
kriegerischen Titel des hersir oder fylkir mit dem priesterlichen des
godi vertauschten, oder der Eid auf den heiligen Tempelring an die
Stelle des WafFeneides trat.
MÜNCHEN, deu 25. Juni 1871. KONRAD MAURER.
VON ETSLICHEN MEISTERSTUCKELIN
DIU WAEN IHT BANCWIRDIC SIN.
Unter dem Titel „Weiberzauber von Walther von Griven" ist
kürzlich im zweiten Hefte des 15. Bandes der Zeitschrift für deut-
sches Alterthum ein Gedicht von 44 Versen veröffentlicht worden.
Der Herausgeber hat sich au die Heidelberger Handschrift No. 341
gehalten. Verschwiegen — oder nicht gewußt (?) hat er, daß der
Text des Gedichtes aus der betreffenden Handschrift bereits von
Karl Haltaus veröffentlicht worden war in der Einleitung zum Lieder-
buch der Clara Hätzlerin S. XXXIV folg., und zwar nach einer
Abschrift von Franz Pfeiffer. Ebenso hat er unerwähnt gelassen, daß
dasselbe Gedicht mit nur gei'iugen Abweichungen sich auch im Cod.
") Flbk, II, S. 429.
GERMANIA. Neue Reihe IV, (XVI.) Jahrg. 23
334 FEDOR BECH
Kolocz. vorfindet, sowie iu zwei späteren Überarbeitungen, einer
nämlich in der Hätzlerin selbst S. 217 und einer zweiten im Cod.
Palat. 384 Bl. 121 — 122, wie aus Haltaus a. a. 0. zu ersehen ist.
Da der Herausgeber einen kritisch berichtigten Text zu geben be-
absichtigt hat, so begreift man nicht, weshalb er sich lediglich auf die
Heidelberger Hs. beschränkt und das übrige handschriftliche Material
unbeachtet gelassen hat. Überdies zeigt der auf Pfeiffers Abschrift
beruhende Druck bei Haltaus an einigen Stellen andere Lesarten,
namentlich bei dem schwierigen Verse 31, so daß man nun nicht
weiß, an wen man sich zu halten hat. Nach Haltaus heißt es näm-
lich hier :
daz achte kravt zihe hin niht
mit fremden wiben oh iz geschieht
tu sam si sin niht gelouhe.
Für zihe hin niht hat dagegen die neueste Abschrift zeche hin niht.
Mit der ersteren Lesart stimmen auch die Überarbeitungen, so Cod.
Palat. : niht zeihe in fremder iveibe alz es gefchehe sie laz ez pleihe,
und Hätzlerin: sy zeich in nicht mit främden loeiben oh es hefchicht
u. s. w. Ohne mich zu entscheiden, ob zihe (zieh) in niht oder zecke
in niht das ursprüngliche gewesen, scheint mir das in den Text
gesetzte zecke er iht besonders darum unannehmbar, weil, wenn der
Satz hypothetisch gefasst wird, die gleich darauf folgende Bedingung
oh daz geschiht als überflüssige Wiederholung dasteht. Warum nicht,
da doch hier eine Vorschrift in Form eines Gebots an ihrem Platze
ist, den Imperativ wie ihn die Überlieferung hat belassen?
In Betreff der beiden Überarbeitungen fragt es sich noch, ob
ihnen ein dem jüngst edierten ganz gleicher Text zu Grunde ge-
legen habe oder nicht. Wenn man bedenkt^ daß Walther von Griven
zur Abfassung seines Zaubers wahrscheinlich von Hartmann von Aue
angeregt worden war, der uns ein ähnliches Zaubermittel {zouberlist,
krützouher) im ersten Büchlein 1273 folg. hinterlassen hat (vergl.
meine Anmerkung zu 1280 und die Verbesserungen daselbst auf
S. 352); daß er gleich wie Hartmann seinen Zauber aus Frankreich
stammen ließ; daß es endlich bei Hartmann 1319 — 22 heißt: sivem
also gelinget, daz er st zesamen hringet, der sol st schüten in ein vaz,
daz ist ein herze äne haz, und daß damit die Überarbeitungen stim-
men in den Zeilen, welche sie zwischen V. 18 und 19 bringen:
und tun die in ein reines vaß Ich meine in ein hertz on hass (Hätzlerin:
mit stäter lieh on allen haß Vnd tuo das in ain raines vaß): so kann
man sich der Vermuthung kaum erwehren, daß der ältere Text, nach
VON ETSLtCHEN MElSTERSTÜCKELtN. ' 335
welchem jene Paraphrasen sich richteten, ein anderer gewesen sein
werde als der uns in der Heidelberger Handschr. erhaltene. Denn
die an Hartmann erinnernden Zeilen waren schwerlich Zuthat der
späteren Umarbeiter, sondern waren wohl bereits von Walther selber
aus Hartmann entlehnt.
An die Mittheilung des eben besprochenen Gedichtes schließt
si«^ in der genannten Zeitschrift, von derselben Hand verfasst, eine
„Ährenlese". Sehr viele von den darin aufgestellten Vermuthungen
und Erklärungen sind vortrefflich; sie bekunden ebenso sehr den
seltenen Scharfsinn und die erstaunliche Belesenheit des Philologen,
wie man solche bisher an dem Verfasser zu bewundern gewohnt
war, als die bedeutende Überlegenheit des zünftigen Meisters, der sich
vor andern berufen fühlt, die Fehler der Gesellen und Lehrjungen
mit kräftigen zunßtvörteUn wie „elend" „thöricht" „albern" „ungeheuer-
lich" unbarmherzig zu rügen. Doch will es mich bedünken, als sei
auch hier manches mit auf die Bank gebracht, das bisher nicht für
bankgerecht gegolten hat.
Dahin ziehe ich zunächst diejenigen Vermuthungen, die sich
hier für neue ausgeben, in Wirklichkeit es aber nicht sind. Auf-
merksamen Lesern wird es nicht entgangen sein, daß ein Theil von
den auf S. 249 besprochenen Stellen des guten Gerhard, so z. B.
die Verse 2091 (naehne uns) 5766 {ir kurzeivile) 6031 (zem) 6071
(loas jämer) 6555 (ht in möhte) 6829 (mit schriß) 5802 (stnes), bereits
im Jahre 1841 im ersten Bande der Zeitschr. für D. A. 199 bis
201 vom Verf. selber in derselben Weise behandelt worden sind.
Der Verf. hat aber nicht nur sich selbst, sondern wie es eifi'igen
Ährenlesern manchmal zu gehen pflegt, auch fremdes Eigenthum
geplündert, versteht sich ohne daß er es gewußt hat. Die Bücher,
aus denen man sich leicht davon überzeugen kann, sind ja in den
Händen fast aller Philologen, es kann daher schon deshalb keinem
Zweifel unterliegen, daß er sich versümet oder vergdhet hat. So wird
S. 259 das im Tundalus 56, 27 stehende huken in haken geändert,
eine Besserung, die schon längst vollzogen ist von den Herausgebern
des mhd. Wörterbuches I, 613^, 2. Auch was über Grälant gesagt
wird auf S. 259, gewährt nicht viel eigenes und neues, ist meist
nur Wiederholung dessen, was man schon in den Altd. Wäldern IH,
33 folg. und in der Zeitschrift f. D. A. VI, 295 gelesen hat. Ferner
was S. 255 über huchelj Fackel, als neu aufgetischt wird, so namentlich
die Stelle in v. d. Hagens GAbenteuer II, 524, 37 aus Jansen dem
Enenkel, hat schon Frommaun ein Jahr vor dem großen Kriege
23*
336 FEDOR BECH
in Schraellers Baierschem Wörterbuche I, 196 besorgt. Endlich die auf
von Karajans deutsche Sprachdenkmäler bezüglichen Vermuthungen,
von denen auf S. 264 die Rede ist, vier glückliche Emendationen,
sind sämmtlich schon von Bartsch gebracht worden, vor nunmehr
neun Jahren, in einer kleinen beherzigenswerthen Abhandlung in
Pfeiffers Germania VII, 278 folg. Mag sich auch mein Freund Bartsch
freuen, daß er mit einem großen Kritiker hier auf gleicher Fährte
ist, das wird man mir doch zugeben, „bankwirdig" ist dieses Ver-
fahren von Seiten eines Meisters wie der Ährenleser nicht.
Von den Stellen, in welchen das seltene Wort stalhoum vor-
kömmt, auf S. 258 vermisst man folgende, die nicht hätten fehlen
sollen: Heinrich von dem Türlin 5532: emen stalboum truoc er (der
Riese Assiles) ze wer, so er in meiste hi dem mer iender mohte vin-
den, oder ein eiche oder linden, swar er hin ze strtte gienc, ferner
6785 folg: er muoste reisic unde karc sin, der in (den Weg) solde vai-n,
ohe er daz solde hewarn, daz er da iht verfiele von manegem grozen schiele
und manegem stalboume, davon der loec vil küme schein; endlich 26713
ouch was er (der Drache) selbe lool so groz als ein grozer stalbotim
(: zoum).
Im Tundalus 43, 10 heißt es nach der Handschr. Sw'slacht daz
lant touchers getruc. daz was fvr daz eiter guot genuc; der erste Vers
davon wird auf S. 258 folgendermaßen emendiert
welaht daz lant ivuochers truoc
mit Berufung auf G-. Frau 913 und 1063, wo sich das sonst unbekannte
icelaht findet. Von einem in unserer alten Muttersprache so bewander-
ten Meister wie Herr Prof. Haupt kann man kaum annehmen, daß
er nicht gewußt habe, daß hier das fragende icelaht nicht an seinem
Platze war; er wird sich eben nur vergähet haben; denn wenn er
eine dem ähnliche Wortbildung setzen wollte, mußte er ja auf sicelaht
kommen. Aber wozu eine so zweideutige und schlecht bezeugte Form
hier einschmuggeln? ist swelrslaht, auf das man zunächst rathen wird,
so unerträglich?
Auf S. 262 wird eine Frage, die einst Lachmann aufgeworfen,
mit Berechnung auf Effect wieder vorgetragen in folgender Stelle:
„im Mhd. Wb. 3, 839'' wird eine Erklärung Beneckes wiederholt, die
Lachmann anführt, und durch die Frage „„beißen die Bremen?"" ein-
leuchtend zurückweist". Hier gilt es. Lachmann gegen den Mißbrauch,
den seine Freunde mit seinen Worten treiben, in Schutz zu nehmen.
Folgende Beispiele, denke ich, werden der betreffenden Frage ihr
falsches Licht wie ihren Stachel nehmen: im Rolandsliede 215, 24
VON ETSLtCHEN MEISTERSTÜCKELtN. 337
sagt der treulose Genelun zum Kaiser: loaz hästü dir selben gewizzen?
Rtiolanten hat ItcJite ein preni gepizzen, da er slief an dem grase ; ferner
Bruder Hansens Marienlieder 4183: ich vuert me den bis der mucken
den der leev mich sold zurucken.
Schließlich muß ich noch der Stelle gedenken, in der von König
Ruther die Rede ist, auf S, 264. Da sie, nach der ihr beigefügten Ver-
wahrung gegen das in's Haus schlachten zu urtheilen, jedenfalls
nicht zufällig herausgegriffen , sondern dazu bestimmt scheint, zu zeigen,
wie man Texte kunst- und zunftgerecht zur Bank haut, so setze ich
sie fast ganz her: „Ruther 916 mi in kinne got an mir armen man.
Darin liegt zunächst nu erkenne sich got an mir armen man. Aber dies
kann nicht das echte sein. Dietrich sucht Coüstantins Hilfe: durch
gendde quam ich here gevaren: du salt dm ere an mir beicaren. Es ist
also zu schreiben nu erkenn dich an mir armen man. Parz. 12, 19 der
sich hefe an im erkant, e daz er waere dan gewant, mit deheiner slahte
gimste zil, den icart von im gedanket vil^^. Man muß sich billig wundern,
warum H. gerade hier die echt niederrheinische Form inkinnen durch
erkennen verdi'ängt wissen will. Hat er doch in seiner Zeitschrift VIT,
263 selbst ausgesprochen: „das Gedicht König Ruther ist niederrheinisch
In der Sprache, aber im Sagenstoffe enthält es bairische Bestand-
theile". Das Zeitwort inkennen [(alts. antkennian ankennian, ahd. in-
kennan) = erkennen, bekennen, im Wernher von Niederrhein 10, 29,
in der Eneit 100, 37; 187,29 nach M, Iwein 3172 nach A hat bereits
Hildebrand in seinem vortrefflichen Artikel über kennen im deutschen
Wörterbuche V, 532 — 533 verzeichnet; andere Beispiele geben die
Urkunden bei Kindlinger Gesch. der deutschen Hörigkeit 512, 145:
ich Jutte . . . enkenne ind betilghe dat ich u. s. w. (a. 1396): 567, 166:
so enkenne ich Henricus vor my und vor myne erve, dat ich u. s. w.
(a. 1430); 573, 170: des ivy Johannes und Herman vorg. enkennen under
unsen segel (a. 1442). Wie aber inkennen, ebenso waren die übrigen
Worte der Überlieferung unantastbar. Got an einem inkennen wird das-
selbe bedeuten, was im Gregor 560 got an einem erkennen, sich barm-
herzig gegen einen erweisen; oder es liegt eine verwandte Auffassung
zu Grunde wie in dem mnd. kent got und in dem mnl. dat kinne god
,Gott erbarms' bei J. Grimm Kl. Sehr. V, 470. Die von Herrn Prof
Haupt versuchte kühne Änderung des Textes erscheint hiernach nicht
als eine Besserung, sondern als eine Verschlechterung und zeigt hin-
länglich, wie es dem armen König Ruther ergehen würde, wenn er ein-
mal unter so schonungslos zuhauende Hände gerathen sollte.
ZEITZ, im August 1871. FEDOR BECH. -
338 HUGO GRAF VON WALDERDOEFF
BRUCHSTÜCKE VON HANDSCHRIFTEN DES
JÜNGEREN TITUREL.
I.
In der Monatssitzung des historischen Vereines für Oberpfalz
und Regensburg am 10. Juni 1869 berichtete Herr Domvicar und
Ordinariatsassessor G. Jacob über Fragmente des jüngeren Titurel,
die er vor einiger Zeit unter den Resten des Archives von Obermünster
aufgefunden hat und die jetzt in der bischöflichen Dr. Proske'schen
Musikbibliothek aufbewahrt werden. Es wird den Lesern der Germania
vielleicht nicht unwillkommen sein, nähere Kunde über diese Fragmente
zu erhalten.
Bereits im Jahre 1809 hatte der um die Geschichtsschreibung
von Regensburg und Baiern überhaupt hochverdiente nachherige Dom-
herr Thomas Ried in Regensburg 30 Pergamentblätter in Folio von
Actendeckeln abgezogen, die sich als Fragmente einer sehr schönen
Hs. des jüngeren Titurel erwiesen ; er sandte sie an die kön. Hof- und
Staatsbibliothek in München, wo sie gegenwärtig als Cod. germ. 7 auf-
bewahrt werden. Im folgenden Jahre gab Docen in seinem „Send-
schreiben über den Titurel" (Berlin und Leipzig 1810. 8.) die erste
öffentliche Nachricht über diesen Fund. Eingehender wurden die Bruch-
stücke von Dr. Karl Roth (Bruchstücke aus der Kaiserchronik und
dem jüngeren Titurel. Landshut 1843) besprochen und theilweise ver-
öffentlicht. Zwanzig Jahre später (1863) war Herr Jacob so glücklich,
unter vielen andern Pergamentfragmenten des Archives zu Obermünster
sechs gut erhaltene Blätter aus demselben Codex aufzufinden. Die
Blätter sind in Folio, zweispaltig geschrieben; die siebenzeiligen Stro-
phen beginnen mit geschmackvollen wechselweise rothen und blauen
Initialen, jede Spalte enthält neun Strophen. Es treffen also auf die
sechs Blätter 216 Strophen oder 1512 Verse. Das Pergament ist von
schönster Zubereitung; die Schrift ist durchweg gleich und rein; die
Tinte ist etwas braun geworden. Die Blätter sind oben in der Mitte
mit alten arabischen ZijQfern numeriert; die Lagen, welche aus je acht
Blättern bestanden, unten am Ende des achten Blattes mit römischen
Ziffern. Das erste Blatt der ersten Lage war, wie aus letzterer Nume-
rierung erhellt, nicht beschrieben; die Bezeichnung der Blätter beginnt
BRUCHSTÜCKE DES JÜNGEREN TITUKEL. 339
daher erst auf dem zweiten Blatte mit 1. Wie bereits Roth angab, hat
sich der Maler der Initialen öfters geirrt und unrichtige Buchstaben
gesetzt; dieselben stehen richtig meistens am Rande. Auf der Innen-
seite sind die Blätter vollkommen gut erhalten, auf der Außenseite
zwar mehrfach abgerieben und beschmutzt, doch immerhin noch leser
lieh. Wie schon Roth (S. 55) richtig bemerkt hat, muü die Handschrift
zwischen den Jahren 1540 — 1557 zerschnitten worden sein, da diese
beiden Jahreszahlen auf den Münchner Blättern als die äußersten
Grenzen erscheinen. Auch auf den neu aufgefundeneu Blättern linden
sich Jahreszahlen aus derselben Zeit, als: 1540, 1545, 1547, 1548.
Auf den meisten Blättern steht: „Stifftspueh", d. h. Buch über die
Einnahmen an Pachtgeldern u. s. av.; auf dem zweiten auch der Name
des Stiftes: „Obermüuster".
Schon diese äußerlichen Merkmale lassen erkennen, daß Rieds
Fragmente ebenfalls aus Obermünstcr stammen; es ist daher Hoffnung
vorhanden, daß vielleicht auch der Rest dieser schönen Handschrift
mit der Zeit noch zum Vorschein könnnt, da der größte Theil des
Obermünster'schen Archives seit der Säcularisation in den Gewölben
des Reichsarchives zu München ruht und noch nicht durchforscht ist.
Die Zusammengehörigkeit der besprochenen Fragmente erhellt
jedoch noch mehr aus ihrem Inhalte, indem sie sich gegenseitig er-
gänzen; so liegt z. B. das zweite Blatt der Handschrift in München,
während das erste und das dritte zu den neu aufgefundenen gehören.
Ihrem Inhalte nach bestehen übrigens unsere sechs Blätter aus
folgenden Strophen:
1. Blatt: Str. 1 — 36 Hahn; von letzter noch drei Zeilen (Roths
Druck beginnt mit 36, 4). Die erste Strophe ist hereingerückt, um für
eine nachträglich zu malende größere Initiale (A), die jedoch nicht
mehr ausgeführt wurde, den gehörigen Raum zu lassen; auch sind die
sieben Zeilen dieser Strophe nicht nach den Versen abgesetzt. Wir
lassen hier als Probe die ersten Strophen folgen:
(a) N angcug vnd an leczo. bi.st dv
got ewich lebend, din krafft an
vndersecze. diu haltet himcl erd
enbor vf swebend. din ie diu imm*
ist gar vngepfaehte. sam wirt
din hohe nimmer preit Icuge
tieflPe noch daz din betraechte. :
Swi doch gedauche galient.
vil snel ob allen dingen. n-; . ,..■ ,,
di nimmer dar geuahent.
340 HUGO GRAF VON WALDEKDOEFF
da si den dinn gewalt mügen erswingen.
dannoch din herscbaft also über grozze.
cheiser ob allen chungen.
so pist'du herr vnd niemen din genozze.
Ze brisen und ze rvmen.
ist immer din getichte.
sit du so reine blvmen.
himel vnd erde mähtest gar uz nihte.
den himel mit der engel schar geheret.
di erden mit gezirde.
da von din lop in himel wirt gemeret.
Bei Strophe 13 hat der Schreiber aus Versehen einige Verse aus-
gelassen, welche von einer viel späteren Hand mit verblaßter Tinte
ziemlich unleserlich am Rande ergänzt sind.
2. Blatt: Str. 69 — 103; zwischen diesen beiden Blättern fehlt also
eines, das sich jedoch bei den Münchner Fragmenten befindet und,
wie erwähnt, von Roth veröffentlicht wurde; das Blatt ist mit Ziffer 3
bezeichnet.
3. Blatt: Strophe 1325 — 1360; mit Ziffer 39 bezeichnet; am Ende
mit der Lagen-Nr. V.
4. und 5. Blatt laufen im Texte fort und enthalten die Strophen
von 1850—1921; Bl. 4 hat die Bezeichnungen 55. VII; Bl. 6 trägt
die Ziffer 56.
6. Blatt: Str. 2422—2447; mit 71. IX. bezeichnet und mit dem
Custos: „Am mute was so state'^.
Was die Stellung dieser neu aufgefundenen sechs Fragmente zu
den in München befindlichen betrifft, so reihen sie sich in die ersten
25 Blätter ergänzend ein. Da nun auch die Münchner Blätter mit der
Strophe 2699 Hahns *) enden , so gehören sämmtliche 36 Blätter der
ersten Hälfte des Gedichtes an; sie enthalten circa 1296 Strophen, was
etwas über ^^ des ganzen Gedichtes beträgt, oder beinahe die Hälfte
jenes Abschnittes, dem die Fragmente angehören. Da auf einem Blatte
36 Str. stehen, so müßte der Codex übrigens vollständig wenigstens
176 Folioblätter (22 Lagen) in sich begriffen haben.
Die Regensburger Bruchstücke enthalten mehrere in Hahns Texte
fehlende Strophen; so gleich das erste Blatt eine Strophe, 35*:
Etwenn in lihter wizze.
de(r?) chlarheit wol gerichet.
so daz gin sinem glizze.
*) Hahns Ausgabe hat 6207 Strophen.
BRUCHSTÜCKE DES JÜNGEREN TITUREL. 341
nie uiht enward vf erd daz im gelichet. '
et wenn so riselt erz mit süzzem towe.
(wa)nn wazzer et aleine.
ez waer vf erde niht in lebender schowe;
und nach Str. 26 folgt Hahns Strophe 30 etwas verändert:
Ein brunn hoch der so lebend.
ist er den ich da meine.
mit wazzer ist er gebend.
der chlarheit rieh so edel vnd so reine.
daz engel schar ein irdisch lip genozzet.
und wirt sin nam gedriet.
(ze) reht genant so mann iuz wazzer stozzet.
Dagegen folgt Hahns Strophe 31 unmittelbar auf Str. 29. Auch
unser zweites Blatt zeigt einige Strophen, welche der Heidelberger
Handschrift fehlen, nämlich 70* und 73"; auch Strophe 73 ist ganz
verändert; alle drei lauten:
70* Dev erd ist ovch eutrennet.
an ir nature funden.
da si wol gancz erchennet.
was da hat si vil starche man verslvnden.
alsam datan vnd abyron verslinden,
durch dich ze räch wol chunde
sus chan din kraft wol strichen und erwinden.
73" Vnd daz mich fiwr vermiden.
ßul ich vil saelden müzzich.
ich mein daz da chan sniden.
von diner werden hulde gar vngrüzzich.
vnd werdent von dem erbe diu gestozzen
din vaterliche trewe.
div lazze mich den chinden diu genozzen.
73* Aveh waz dir wider gebend,
deu erd gar den toten,
gesvnd schone lebend.
sand lazarum din kraft ist vn verschroten,
gewesen ie des was ovch Jonas iehent.
vnd manich tusent ander,
an den din kraft was vnd ovch ist geschehent.
Die Münchner Blätter haben im Ganzen 35 Strophen, welche dem
Heidelberger Codex fehlen, (Gedruckt bei Koth S. 4G ff.) Da unser
Blatt VI mit 71 bezeichnet ist, so enthielt — das Blatt zu 36 Strophen
gerechnet — das Gedicht bis hieher 2556 Strophen; dieß Blatt schließt
jedoch mit Hahns Str. 2447; der Regensburger Titurel hatte also bis
342 K. J. SCHRÖER
hieher 109 Strophen mehr als der Heidelberger, wovon wir jedoch nui*
38 kennen.
Außer den eben besprochenen sechs Pergamentblättern hat Herr
Domvikar Jacob in Obermünster noch die Spur eines zweiten *) Codex
des jüngeren Titurel aufgefunden. Es ist dieses ein leider zerschnittenes
Blatt einer Papierhandschrift aus späterer Zeit. Dieselbe war in Folio,
zweispaltig geschrieben mit rothen Initialen; die Currentschrift ist die
des 15. Jahrhunderts. Das kleine Fragment enthält die Strophen 4047
(3 Zeilen), 4048. 4049. 4050 (3 Zeilen), dann kehrseits 4076 (3 Zeilen),
4077. 4078. 4079 (3 Zeilen).
Als Probe stehe hier Strophe 4049:
Der don von Rotubumbes
tambur vnd von busein
die giengen alles krumbe.s
By musten lernen vö gedrange peiii
klagenot wedonet gar mit laide
wie gar in frid gepannen,
was ir lag da manger auf der haide.
Bereits in einem früheren Vortrage hatte Herr Jacob eine Über-
sicht der vielen Pergamentfragmente aus Obermünster gegeben, die
nun in fünf Mappen in der Eingangs erwähnten Bibliothek aufbewahrt
werden.
Die fünfte Mappe enthält außer den bereits besprochenen Blättern
noch mehrere Germanistica, und möchte es seiner Zeit Gelegenheit
geben hierüber, sowie über manche andere ähnliche Funde aus Regens-
burg, weitere Mittheilungen machen zu können.
HUGO GRAF VON WALDERDORFF.
n.
Zwei Pergamentfolioblätter, durch Herrn Archivar J. Zahn in
Graz, der sie mir freundlichst mittheilte, abgelöst von einer Handschrift
des steirischen Landesarchivs "^Hern Wolfg. von Stubenberg Einlag'
(Steuerfassion v. J. 1542), geschrieben um 1350, enthalten Str. 3322, 2 bis
3393, 2 der Hahnschen Ausgabe. Da die Bruchstücke zu derselben
Textclasse wie die Heidelberger Hs. gehören, so wird eine Angabe
der Lesarten statt eines Abdruckes genügen.
3322, 2 beginnt das Bruchstück mit für staet daz si nicht sint
so gaehe mutes wende 3 manleich. 4 wint daz dem gevancge.
*) Ein dritter ganz erhaltener Codex soll im Jahre 1809 bei der Beschießung
Regensburgs durch die Franzosen mit dem ehemaligen Stifte Mittelmünster, damals
Jesu itencoUegium, zu St. Paul verbrannt sein.
BEUCHSTÜCKE DES JÜNGEREN TITUREL. 343
3323, 1 Uli fehlt. wurd do vol. 2 vil choum — wart man ir paider
schar vil reich g. 3. 4 mit mangem hohez weitem palas schone ob
ich es hüttc hiezz od' gezelt. daz waer nicht lobes chroue. 3324, 1
warn grozzer dinge. 2 iach ot von. siinderlinge. 2 an fehlt.
4 von ruezz und auch von roste. 3325, 1 daz wart alsus v. 2 von
seiden imd von g. chlait das wirt von fr. paz geh. 3 dan hie die
wat da si herberge. 3326, 1 achmardaine. 2 und ouzzerhalb von
czamer. pergen. Widerscheine. 3. 4 alsi die simne mit starcher
ahnt rote. alle die chnopfe karfunchel die biizten vber all dem her
nacht vinster note. 3327, 1 wart ditz werch geleichet. 2 in. 4 r.
und üb. noch leiite vil manich. 3328, 1 Deu stat mit weiten porten
was umb. 2 damit daz daruf. so geslichtet. 3 wol] höh. die port
all und. 3329, 1 paiden sunder. waren. 2 mit] von. wart, von]
und. 3 da mitten. 4 dar inn man si und alle ir gote helfe und ge-
nade musten pitten. 3330, 2 deu heidenschaft getorste. 3 petchous
von. 4 chund reichait walten mer dann vil und edell würcz raine.
Dann folgende bei Hahn fehlende Strophe:
Der edell smach solh waezzen gab mit chraft der reichen,
ob alle chramer saezzen an einer stat es chund im nicht geleichen.
ir paider palas
achmardeine innerthalb mit smaratgrüner varbe.
3331, 1 Swie so daz. 2 ir ern ze einem geniezze. man fekll.
3 icht. 3332, 1 Ir beite schar deu. 2 sein geleich der glander.
3 allen wanch. 4 erieten aller zaegleichen. 3333, 1. 2 Deu stat
was liecht da gebende, so daz deu reichait vaste was an den pergen
chlebende und an den welchen daz deu von ir glaste. 4 bis 3335, 4
tasme der stat an eheste groz geleiche. Jupiter ze wirde erdachte sekureiz
die zirde reiche. 3336^ 1 ot nicht. 2 Vor ungewitters p. weder
petegewant noch matel seh. 3 so daz. hutten mer g. 4 auz tr.
elleu. 3337, 2 und eilen ir g. w. durch stainzich. 3 vergoldet.
4 turne sam da ein walt mit rosen waer getoldet. 3338, 3 sol ist
mir ein helleweicze. 4 haizzet der geicze. 3339, 1 den nacht.
2 die bedouchte. sahen. 3 sein nicht. 4 so mans ie lobleicher
sach so mans ie minder wart da j. 3340, 1 loutter. netze damit
thasme bevnngen. 2 was voleich zeiuer. ringe fehlt. zu] an.
3 und was pas dann ein^ spanne wol an der w. 4 ab turnen und
vö änen het man die stat ernert vor manigem. 3341, 2 wes rämpt.
gerne fehlt. 3 leuget vil leichte seh. 4 eins Wortes mer den leuten
dan ob ich die chost machet reich'. 3342, 1 lug leuget. 2 werde
foul m. daz liegen chan die sele gar vercheren. 3 und ewichleich in
wemde not versenchen. 4 ob es. nu fehlt, leip gut. 3343, 1 siut.
344 K. J. SCHRÖER
2 dca Stent noch offenbaere paide tag und nacht und Hecht bes. 3 d'
wazzer griezz gcstain und perge von. 4 nu fehlt, tumbe waz ich.
liegen. 3344, 1 sich möchte, gefügen. 2 golde es was in paz vaile
dann daz eysen. 3 ouf dem. 4 zalten zu dem swachen die in selben
lebent ze. 3345, 1 Noch 1. sum. 2 mit aller, nach] vil. choste pfl.
4 reichait und ubermüte mit der werlte vil wunder. 3346, 1 Der selben
perge die gr. habent sich und. 2 laut. entsl. ob ross viereu waern
ze säne gepuuden. 3 deu fürt ir ainer sampt vil wol ze. 4 nu laere
vor gr. 3347, 1 Anders, vil weiten golt gestaine. 2 under weilen
chnollen grozz und chlaine. 3 Von den pergen zerrent vil und seh.
4 furent die herüber ze K. daz si nicht. 3348, 1 si die g. 2 vollen
ninder an vihe s. r. w. 3 ist daz. neste. 4 also, und mangel mit
gepreste. 3349, 2 oi fehlt, ungebrosten. 3 deu lecz der B. was von.
4 den chan. 3350, 1 Daz. daz tr. 2 sint also t. dort sam uns.
3 der helfant und der esel sunder vare. 4 ein tail der art geleichet.
dem fehlt. 3351, 1 ander. 2 sie an halt laegen. 3 an fehlt. 4 so
möchte mir deu chele wol w. 3352, 1 wart da lout. 2 mit süzzem
hellen, doz gesundert. 3 als ob. 4 auf. damit so. 3353, 2 sunder
gar] vil bloz. 3 elleu. 4 warn in sundern. den wolt y. hie not sein
chl. 3354, 1 wie er wart mit gewalte ze Alexandrie besezzen.
2 do gahmuret in valte und au^ seit des. 4 do fehlt. 3355, 1 entf.
in waer mit g. 2 an ander not vil manige un ungezalte. 4 witige
mit der Stangen. 3356, 1 euch raten. 2 die 1. wir eu gerne darumb.
3 deu ere. 4 icht vor uns sei geschehende. 3357, 1 chreftichleichen.
2 pei meinem. 3 ir hört hämo trat der p. 4 da von ist tragende
chron zw. h. in. 3358, 1 unserm ringe. 2 chan 1. swie manich schar
in dringe. 3 da von auch. 4 ewer chaine nicht harte. 3359^ 1 swer
sich. 2 des ungepf. swer wol deu. 3 der müz des wol empfinden
an. 4 swer. den chan mer dan halber tail verwischen. 3360, 1 elleu.
2 auch daz. 4 sunder. all da. 3361, 1 Als ir die Marrochaise vor.
2 k. mit fraise. er pehüi vor in man. 3 haime doch. 3362, 2 ir
icht howet — verhowen. 3 fünf die w. 4 paiden iene die ersten und
die lösten. 3363, 1 Arbellitor wis tragende. 2 heute ich pin dir
sagende kunige fünf dir wartent ob^wir streiten. 4 nim da nicht war
der pl. 3364, 1 dir wol benennet ^sint^^^e von. 2 selbe tue der Jer-
maligunde. 3 Basulikant. 4 man nu. 3365, 1 Rabylicalcze. ir funt
gar b. 2 erde hat von dem. der fehlt, und fehlt, schelhen. 2 mit
hazze vil. 4 soldes reich chnollen. czarbundol. 4366, 1 Serpandirax
von p. funfer w. 2 der nam. als. (3 deu serpant h. deinen reich
eroset. 4 nam. 3367, 1 karigale. edypreiz. pricze. 2 nu] auch,
paidenthalben warten ienes und dicze. 3 ot alle. 4 an eren an gute.
BRUCHSTÜCKE DES JÜNGEREN TITUREL. 345
3368, 1 stellet nach. 2 Grozzap. dir. 3 und sigd'bunt und ossator
von lente. 4 seit da proiz die nemenden auf daz. 3369, 1 Trisol.
2 Volchomen an dem. und alle meine. 3 vor von. 4 einander sult
ir alle hazzen und unminnen. 3370, 1 Serak von Serwadeise du pf.
3 hört] vil. 4 An landen reichen chan dir in hundert reichen nicht
genozzen. 3371, 1 Dar über dreizzich und hundert den leihent.
2 eines. daz ir herren eh. n. pf. 5 sein nur. und uns mit armute
alsus bewellen. 3372, 2 nider] vand'. 4 mit] hat. ze dienste sint
durch ubermüt gespr. 3373, 1 und ouch] über. solten. 2 der zwo
und. sundert sich also ir müsten. 3 die uns gotl. helfe, chunden.
4 als der ubermute. 3374, 1 von arte, gerbet. 2 di fehlt. 4 die alle
chron sint tragende in sunder landen wol mit chuniges ziere. 3375, 1
Karratschen die reichait starchen, die sint got hie tragende, in goldes
reichen archen. der soltu nemen war bin ich dir sagende. 3 gib ich
helfe. 4 chunichreichen der fürsten vil die chunigen sint genozze.
3376^ 1 mus. swen. sein. 2 anders waeren sie uns helfe. 3 vor.
4 der sikch. genaiget. 3377, 2 dient uns. daz selbe tuet senaar.
3 mesopor samar und sabricene. 3378, 1 Den wart. 2 der daz velt
bedachet meile prait was er da von g. 3 gewelbet und gewelbet.
4 mit ziglade pla al uberal gelbet. 3379, 1 sen reich' zierde h.
gr5zzer. 3 hohe. 4 ir turne höh. da nicht. 3380, 2 nicht wer-
hefte. veste fehlt. 3 ez] deu. es foulen. 4 von seiner. 3381, 2 ob
lernen. 4 die sunne uberglestet und ougen traben daz. 3382, 1 ge-
luget. 2 als der hoch fürste hiraelwaere. 3 sein chraft es da mit
starchen winden. 4 er von d. g. fluges fürte. 3383, 1 vil sanft.
2 zergiese. der böte daz da stünt auf redere. 3 deu nu hie den
karratschen under. 4 grözzen. si ze goten muet dar under viengen.
3384, 2 und] oder. ist des zeite. 3 sprachen si si sint. 4 ist.
3385, 3 unz daz paidenthalb sich verdaechten. 4 Die von babylone
dise. smaehten. 3386, 2 so fehlt. 3 als man ze streite. 4 nicht mer
noch nicht min^ so wirt. gepfendet. 3387, 1 Von B. disem. hie]
do. 2 daz fehlt, ein fehlt. 3 gahmuret. mich sein h. 4 Anevane
in Sturme da mit seit ir vil grozze gäbe mir g. 3388^ 1 Mara sprach,
aufgemezzen. 4 Heut alsam mit stunge. 3389^ 1 uncz daz. 3 ob ich
den leip da fl. 3390, 2 gerunge der ich pin vor aller girde gcrnde.
3391, 1 Meinen lieben chinden wol — unchunden. 2 wil ich nicht
pinden. 3 sein also daz. 4 der volge. ja ist ze groz von heres
flÄte. 3392, 1 dir ainem. 2 vil suezer daz raeche d. gird. 4 sul.
hurtichleich vol drucken. 3393, 2 mit etleich schließt Bl. 2.
WIEN, April 1871. K. J. SCHRÖER.
346 LITTERATUR.
LITTERATÜR.
Kluge, Hermann, Geschichte der deutschen National-Literatur.
Zum Gebrauche an höheren Unterrichtsanstalten bearbeitet. Zweite, ver-
besserte Auflage. Altenburg, 1870. Oskar Bonde. VKI, 168 S. gr. 8.
Noch ehe ich dazu gelangte, dieses treflfliche Buch theils um es zu
empfehlen, theils um ihm durch meine Ausstellungen, Correcturen und Nach-
träge zu nützen, in der Germania anzuzeigen, erschien schon nach Ablauf
eines halben Jahres eine zweite Auflage*), die, wie sich mir nach kurzer
Vergleichuug ergeben, mit Recht eine verbesserte genannt werden darf. Dieser
seltene äußere Erfolg beweist, daß der Verfasser, ganz abgesehen von seiner
Leistung im Einzelnen, mit seinem Buche, welches nach Tendenz und An-
lage sich nicht unwesentlich von ähnlichen Werken unterscheidet, einen guten
Grifi" gethan hat und einem Unterrichtsbedürfnisse entgegengekommen ist.
Er als Lehrer des Deutschen an einem Gymnasium hatte am ehesten Gelegen-
heit, sich von dem Werthe oder Unwerthe der zahlreichen für den Schul-
gebrauch bestimmten Litteraturgeschichten zu überzeugen. Es ist rein unmöglich,
daß ein solcher Grundriß oder Leitfaden allen Anforderungen genüge. Der
eine Verfasser sucht den Schwerpunkt eines Lehrbuches hier, der andere wo
anders, und so wird auch die Beurtheilung von Seite des praktischen
Schulmanns verschiedenartig ausfallen. Kluge erwähnt in seinem Vorworte
mehrere der bekanntesten und verbreitetsten Schulbücher dieser Richtung,
und findet an ihnen, wenn er auch ihre Vorzüge anerkennt, durchgängig
das zu tadeln, daß sie zu viel Material bieten, mit dem der Schüler nichts
anzufangen weiß, und das der Lehrer im Unterricht nicht verwerthen kann.
Darum entschloß sich Kluge, auf eine zwölfjährige Erfahrung gestützt, ein
Lehrbuch zu schreiben, das, auf Vollständigkeit Verzicht leistend, sich vor
allem auf die Bedürfnisse der Schule beschränkt. Dasselbe will zunächst dem
Schüler dazu verhelfen, daß er im Allgemeinen den Entwickelungsgang über-
schaue, den die deutsche Litteratur genommen habe. Vor allem aber hat er
sich die Aufgabe gestellt, die Jugend mit den classischen Werken unseres
Volkes vertraut zu machen. Es fehlen daher in diesem Buche Hunderte
von Namen, die in andern Werken stehen, dafür aber werden die bedeuten-
deren Erscheinungen aus den beiden Blüthenperioden unserer deutschen Litteratur
um so eingehender besprochen. In der älteren Zeit verweilt dasselbe am
längsten beim Nibelungenliede, Gudrun, Parzival, Walther von der Vogelweide;
in der neueren bei Klopstock, Wieland, Lessing, Herder, Göthe, Schiller.
Hinsichtlich der Litteratur der Gegenwart hat sich der Verfasser große
Beschränkung auferlegt, nur die hervorragendsten Erscheinungen wollte er
nicht übergehen.
Durch solche Anlage ist es dem Verfasser möglich geworden, seinem
Buche auch einen darstellenden Charakter zu geben und zugleich die geschieht-
*) Nachträglich (October 1871): jetzt liegt schon eine dritte vor.
LITTERATUR. 347
liehen Thatsachen mit Urtbeileu zu begleiten, welche erst auf das Bild,
welches von unserer Litteratur entworfen wird, Licht und Schatten fallen
lassen und es hiedurch erst recht wirksam machen. Auf diese Weise ist
das Buch zugleich für das Privatstudiuni geeignet.
Wenn über das Princip dieser Litteiaturgeschichte von Kluge nur Päda-
gogen und erfahrene Schulmänner endgültig entscheiden können, so muß ich
in dieser Beziehung mich des Urtheils enthalten. Des Verfassers pädagogische
Ansicht aber als richtig angenommen, kann ich aus voller Überzeugung mich
dahin erklären, daß er das Princip der Beschränkung und der Auszeichnung
des Bedeutenden in lobenswerthester Weise durchgeführt hat.
Der Zweck des Buches von Kluge ist ein populärer, und darum würde
seine Besprechung, wenn man pedantisch sein wollte, nicht in die Germania
gehören. Die Arbeit in ihm aber ruht auf wissenschaftlicher Grundlage, und
darum liegt es den Fachmännern ob, die Leistung zu prüfen und so viel sie
es vermögen mit der Aufdeckung von Fehlern und mit Äußerungen von Wün-
schen zur Verbesserung einer solchen Schrift beizutragen. Gerade diese Lehr-
bücher, die so überaus wichtig sind und die ebenso sehr schaden, wenn
sie Schlechtes, als sie nützen, wenn sie Gutes bieten, sind beständigor Ver-
besserung fähig.
Nur dieser Gesichtspunkt ist es, der mich bei einer eingehenden Be-
trachtung dieser nicht umfangreichen Schrift leitet. Außer dem Inhalte selbst,
der Anordnung, der Darstellung und dem Urtheile sind es besonders auch
die Anmerkungen, die litterarischen und bibliographischen Verweise, welche
von uns ins Auge zu fassen sind. Getreu seinem Principe befleißigt sich
der Verfasser auch hier einer weisen Beschränkung und Sparsamkeit. Aber
wenn wir dieß auch anerkennen, so werden wir doch hie und da manches
vermissen, andererseits auch manches angeführt finden, was entbehrt werden
kann. Und schließlich werden wir unter dem nothwendig Genannten auch
manchmal auf unrichtige Angaben stoßen, die zu corrigieren wir verpflichtet
sind. Öfters wird sich uns auch Gelegenheit bieten, Nachträge aus der
gelehrten Litteratur der allerneuesten Zeit zu geben.
Zu §. 1 „Begriff der deutschen Literaturgeschichte" sind in einer An-
merkung genannt „die bedeutendsten Werke, welche die deutsche Literatur-
geschichte von der ältesten bis auf die neueste Zeit behandeln." Hier würde
ich nach „bedeutendsten" noch hinzusetzen „und brauchbarsten". Denn es
sind verschiedene Werke genannt, die keineswegs bedeutend zu nennen sind,
da sie aller eigenen Forschung baar, nur in der Darstellung ihre Stärke
haben. Dahin gehört namentlich die Litteraturgeschichte von Roquette. Das
treffliche Buch von Cholevius würde nicht unter die anderen Litteraturgeschichten
einzureihen, sondern am Schlüsse nach einem — zu nennen sein, weil es die
deutsche Litteratur in monographischer Weise nur von einem Gesichtspunkte
aus behandelt.
Die folgenden Paragraphen verbreiten sich über den „Indogermanischen
Sprachstamm" und die „Dialecte des germanischeu Sprachstamms" in ganz
angemessener Weise. Dagegen ist zu §. 4 „Das Hochdeutsche. Die Laut-
verschiebung" eine Erinnerung zu machen. Vom Mittelhochdeutschen wird
gesagt, seinen Kern bilde die schwäbische Mundart. Das ist eine antiquierte
Ansicht. Das Mittelhochdeutsche gründet sich auf keine einzelne Mundart
348 LITTERATUR.
aber die Mundarten haben alle in dieser allgemeinen Sprache einen freieren
Spielraum, als es den heutigen im Gegensatz zu unserem Schriftdeutsch
gestattet ist. Zu vergleichen ist hier der Aufsatz von Franz Pfeiffer über
die mittelhochdeutsche Hofsprache, ursprünglich in den Wiener Sitzungs-
berichten 1861, jetzt auch aufgenommen in „Freie Forschung. Kleine Schriften
zur Geschichte der deutschen Litteratur und Sprache von Franz Pfeiffer"
(Wien 1867) S. 308. Eine neue noch zu prüfende, aber schwerlich richtige
Ansicht stellte Holtzmann in seinem letzten, kurz vor seinem Tode erschienenen
Werke, in seiner altdeutschen Grammatik (Leipzig 1870), S. 340 auf. Nach
ihm ist das Mittelhochdeutsche im wesentlichen fränkisch. In der Anmei'kung
Kluge's ist das mittelhochdeutsche Wörterbuch von Müller und Zarncke ge-
nannt; in der nächsten Auflage würde auch das von Lexer um so mehr
anzuführen sein, als es gerade für weitere Kreise berechnet ist.
Weiterhin sagt in demselben Paragraphen der Verfasser, dem Neuhoch-
deutschen liege die obersächsisehe Mundart zu Grunde. Das ist nur zum
Theil wahr; das Neuhochdeutsche schließt auch viele österreichische und selbst
niederdeutsche Elemente in sich. In der Anmerkung ist das deutsche Wörter-
buch genannt; da dieses aber noch nicht vollendet vorliegt, würde es viel-
leicht nicht unangemessen sein, wenn noch ein anderes fertiges Werk nam-
haft gemacht würde, am besten das Weigand'sche.
Die erste Periode, „von der ältesten Zeit bis auf Karl den Großen",
wird in vier Paragraphen besprochen. §. 7 handelt von der Bibelübersetzung
des Ulfilas. Hier ist zu bemerken, daß es nicht heißen kann: „Eine dritte
ist die Mailänder Handschrift", denn es ist nicht eine einzige Handschrift,
sondern es sind Handschriftenfragmente. Diese sind nicht von Angelo Mai
und dem Grafen Castiglioni gefunden, sondern nur vom ersteren, von beiden
sind sie ediert. Außer den Bruchstücken aus den Paulinischen Briefen und
aus Esra und Nehemia enthalten diese Fragmente auch Stücke aus dem
Matthäus. In Anmerkung 4 (S. 8) zu diesem Paragraphen, wo auf die Schriften
von Grimm und Zacher über die Üunen hingewiesen wird, wäre wohl auch
die Abhandlung Müllenhoffs und von Liliencron's (Allg. Monatschrift, Halle
1852) zu nennen. In den bibliographischen Citaten der Ausgaben ist un-
richtig bemerkt, „die Uppströmische Ausgabe des Ulfilas erschien 1854".
Uppström hat verschiedene Ausgaben geliefert, und die vom Jahre 1854 ist
keine Ausgabe des Ulfilas, unter welchem Ausdruck man doch den ganzen
Ulfilas (so weit wir ihn haben) verstehen muß, sondern nur eine Ausgabe
des Codex argenteus.
Im §. 9 „Hildebrandslied. Alliteration" wird uns zuerst ein althoch-
deutsches Sprach- und Litteraturdenkmal genannt. Hier wäre in der Anmer-
kung gleich auf die wichtige Sammlung von Müllenhoff und Seherer auf-
merksam zu machen. Die Ausgabe des Hildebrandsliedes von Feußner könnte
getrost gestrichen werden. Von Grein's Ausgabe (1858) kann man nicht
sagen, daß sie die neueste und beste sei. Die beste nicht, weil gerade bei
diesem Denkmal, dessen Einzelheiten so verschieden gefaßt werden, ein sol-
ches Prädicat schwerlich ertheilt werden kann, und die neueste nicht, weil
der Text, wenn auch nicht in selbständiger Weise ediert, später auch noch
von Rieger gegeben wurde, zugleich mit trefflichen Bemerkungen, in Pfeiffers
Germania 9 (1864), S. 318. In der kurzgefaßten Darstellung über das Hilde-
LITTERATUß. 349
brandslied ist auch Caspar von der Ron genannt; da hätte auch das jüngere
Jlildebi-uudslied aus dem 16. Jahrhundert eine Erwähnung verdient. Caspar
von der Kön ist aber kein Dichter (s. unten).
In demselben Paragraphen wird in einer Anmerkung auch der Merse-
burger Zaubersprüche gedacht. Es heißt da: es werden in ihnen alte heid-
nische Götter angerufen. Augerufen ist nicht das rechte Wort. Auch werden
heidnische Götter nur im zweiten Spruche mit Namen genannt, denn die
Idisi des ersten können doch nicht als Götter gelten. Die Ausgabe von
Feußner kann wiederum gestrichen werden, dafür wäre es passend, wenn
die Anführung der Grimm'schen Ausgabe vom Jahre 1 842 noch den Zusatz
erhielte: auch in den kleineren Schriften 2, 1 (186,5). Da die Müllenhoff-
Scherer'sche Sammlung so überaus wichtig ist, auch andere Specialeditionen
überflüssig macht, so würde es gerade für eine solche populäre Litteratur-
geschichte von Voi'theil sein, werm überhaupt bei den kleineren Denkmalen
der althochdeutschen Zeit einfach auf die Nr. bei M. — Seh. verwiesen würde.
Dadurch wird Platz gespart und der Leser auf ein leicht zugängliches Buch
hingewiesen. Neben diesen alliterierenden Sprüchen sind auch genannt der
Ueisesegen , von Kai-ajan entdeckt (soll heißen: Hunde- oder Hirtensegen)
und der von Pfeiifcr edierte Bienensegen. Entweder muß diese Bemerkung
hier, wo es sich um alliterierende Dichtungen handelt, ganz wegfallen, oder
es ist anzudeuten, daß diese zwei Segen, obwohl inhaltlich aus demselben
poetischen Bedürfnisse erwachsen, jünger sind, statt heidnischer christliche
Anschauung verrathen und zum Theil schon den Endreim aufweisen.
Die „zweite Periode von Karl dem Großen bis in die Mitte des 12. Jahr-
hunderts" wird durch einen einleitenden Paragraphen (10) über die „Karolin-
gische Zeit" eröftnct. S. 11 „Christliche Poesie des 9. Jahrhunderts" nennt:
1. Das Wessobrunner Gebet, 2. Muspilli, 3. Heliand, 4. Der Krist. 5. Das
Ludwigslied. Würde hier nicht der Heliand zuerst zu nennen sein? Kluge's
Bemerkung, daß im Wessobrunner Gebet wie die Form der Alliteration so auch
die Auffassung und Schilderung des Ganzen das Gepräge der altheidnischen Poesie
trage, wird sich keiner Zustimmung erfreuen. Für die nächste Auflage ist der
höchst geistvolle imd anregende Aufsatz von Wackei'nagel in der Zeitschrift
f. deutsche Philologie 1 (1869), S. 291 nicht zu übersehen. — Von Muspilli
ist gesagt, es vermischten sich auch hier altheidnische Vorstellungen mit christ-
lichen. Das ist nach der Schrift von Zarncke, auf die Kluge auch verweist,
wenn auch nicht bibliographisch genau und genügend, sowie nach Müllenhoff's
Ausführungen nicht mehr anzunehmen, und darf also auch nicht mehr aus den
älteren Litteraturgeschichten in ein populäres Lehrbuch herübergenommen wer-
den. — Vom Heliand kann man nicht mehr sagen, daß sein Verfasser ungelehrt
gewesen sei, seitdem sich herausstellte, daß er außer der lat. Evaugelienharmonie
auch noch eine Reihe Kirchenväter benutzte. Eben darum ist es auch nicht
zutrofl'cnd, wenn es unter 4 heißt, der Heliand folge dem einfachen Berichte der
Evangelien. — Das Biographische über Otfried möge Kluge mit der Einleitung
Kelle's vergleichen, und er wird finden, daß er in seinen Angaben manches zu
ändern hat. — Wird das Ludv/igslied auch zu den Leichen gerechnet, so kann
man doch nicht sagen, daß in ihm die strophische Gliederung fehle.
§.12 bespricht die „lateinische Poesie der Geistlichen von 900 — 1150".
Bei der Inhaltsangabe des Walther von Aquitanien hat den Verfasser das Streben
(JEKMANIA. Neup |{(>ilip IV. (XVI.) .)alii;;. 24
350 LTTTERATUR.
nach Kürzü verleitet, ungenau zu sein. „Hier werden sie (W. und Hildegunde)
von dem nach jenen Sehätzen lüsternen Günther und Hagen überfallen." Der
lüsterne ist nur Günther, nicht Hagen. „In blutigen Kämpfen beweisen die
Helden ihre Tapferkeit, bis sie endlich alle verwundet und verstümmelt Frieden
schließen." Danach sollte mau meinen, es wäre keiner der Kämpfer gefallen.
Die ganze Inhaltsangabe ist umzuändern, und es schadet nicht, wenn sie bei
diesem wichtigen und anziehenden Gedichte etwas breiter und ausführlicher
gehalten wird. In der Anmerkung ist noch Platz, um noch andere, selbständig
erschienene und darum zugänglichere Übersetzungen als die in Scheflfers Buche
(besser 'Romane ) Eckehard anzuführen. — Zu Ruodlieb' fehlt die biblio-
graphische Verweisung. — Bei dem lateinischen Nibelungenlied sollte gesagt
sein, daß die Nachi-icht von der Existenz eines solchen auf eine Stelle in der
Klage zurückgeht. — Vortheilhaft würde es sein, da die Seite überdieß noch
Raum gewährt, wenn in den Worten über die lateinisch behandelte Thiersage
auch noch einige gelehrte Nachweise gegeben würden. Jacob Grimms Bemühungen
sollten hier nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Zu §. 14, 6 fiele dann
die Anmerkung weg. — Von Roswithas Werken wird gesagt, neue Untersuchungen
hätten ihre Echtheit in Frage gestellt, imd es als wahrscheinlich erscheinen
lassen, daß sie von dem gelehrten Humanisten Conrad Celtes um das Jahr 1500
verfaßt worden seien. Dazu in der Anmerkung der Verweis auf Aschbach's Ab-
handlung. Diese neuen Untersuchungen haben keineswegs die Autorschaft des
Celtes erwiesen, im Gegentheil ist alle Welt darüber einig, daCs Aschbach in
unverantwortlicher Dilettantenweise die Frage aufgeworfen und beantwortet,
und sich dadurch schließlich in höchstem Maße compromittiert und blamiert hat.
In die Anmerkung gehört nun künftig auch Köpke's Werk: .. Hrotsvit von
Gandersheim" (2. Th. seiner Ottonischen Studien. Berlin 1869).*) — In einer
Anmerkung ist der Prosadenkmäler gedacht. Hier hätte der Zweck der Glossen
und Übersetzungen angedeutet werden sollen. Die Ordnung wäre besser: Glossen,
Interlinearversionen, eigentliche Übersetzungen. Notker Labeo ist nur als Über-
setzer der Psalmen genannt. Die hervorragende Thätigkeit dieses gelehrten
Mannes, des bedeutendsten Namens auf dem Gebiete der ahd. Prosalitteratur,
muß nothwendig in helleres Licht gestellt werden, sobald er überhaupt ge-
nannt wird.
Die „dritte Periode: Erste Blüthezeit unserer deutschen Litteratur, 1150
bis 1300" eröffnet der Verfasser mit folgenden Worten: „Nach 250jährigem
Winterschlafe beginnt seit der Mitte des 12. Jahrhunderts eine großartige,
gegen den Verfall der Poesie in den vorhergehenden Jahrhunderten wunderbar
erscheinende Blüthe des deutschen Gesanges. " Mit diesem Satze kann man weder
in sachlicher noch in stilistischer Beziehung einverstanden sein. Wenn in den
vorhergehenden Jahrhunderten die Poesie in Verfall war, so hat es doch eine
Poesie gegeben, also kann man nicht von 250jährigem Winterschlafe reden.
Es ist eine alte Tradition aus den Litteraturgeschichten, daß die Poesie einen
langen „Winterschlaf" gehalten habe. Das mag eine Zeit lang wahr gewesen
sein, weil man es nicht besser wußte. Unsere Kenntnisse sind aber erweitert,
darum muß die Darstellung sich ändern. Nur im 10. Jahrhundert, so weit wir
*) In der 3. Auflage anders gewendet und der Zusatz, daß Aschbach's Annahme
von Köpke glänzend widerlegt worden sei.
LITTERATUR. 351
dieß biß jetzt zu beurtheilen vermögen, schweigt die deutsche Poesie und an
ihre Statt tritt jene lateinische Kloster- und Hofdichtung, die, wenn auch in
fremdem Gewände auftretend, docli ihrem Wesen nach deutsch ist. Aus dem
11. Jahrhundert aber liaben wir eine ganze Reihe Denkmäler deutscher Sprache,
und wenn diese auch keineswegs von hohem jioetischen Werthe sind und sie
darum in einem Buche wie das vorliegende nicht weiter hervorgehoben zu wer-
den brauchen, so darf doch ihre Existenz niclit verschwiegen oder gar ge-
leugnet werden. Nothwendig muß sie der Verfasser, und wäre es auch nur in
einer Anmerkung, berücksichtigen, wenn er nicht ein durchaus falsches Bild
von der Entwickelung der altdeutschen Poesie entwerfen will. Wenn nun eine
Poesie in der vorhergehenden Zeit vorhanden war, so kann man sie nicht im
Verfall begriffen darstellen ; das kann nur sein, wenn erst eine Erhebung voraus-
gegangen ist.
In der Anmerkung sind Gödeke's deutsche Dichtung im Mittelalter und
Barthel's classische Periode der deutschen Nationallitteratur im Mittelalter ge-
nannt. Hier würde, da vorher nur die Litteraturgeschichten namhaft gemacht
sind, welche von der ältesten Zeit bis auf die neueste reichen, auch Uhland's
Litteraturgeschichte, seine Vorlesungen über die Geschichte der deutschen Poesie
im Mittelalter (Uhland's Schriften 1. und 2. Bd. Stuttgart 1865. 1866) passend
zu nennen sein.
Kluge spricht in dem ersten (13.) Paragraphen dieses Abschnittes über
die „Umgestaltung der deutschen Dichtung", berührt die Gründe des Auf-
schwungs und gedenkt auch der Form der höfisch ritterlichen Poesie. Hier
war auch zu sagen, daß, wenn auch die Form der Reimpaare vorwog, die
Strophe nicht ganz ausgeschlossen war, und daß die Reimpaare auch für die
dichterische Darstellung einheimischer Stoffe benutzt wurden. Es heißt da über
die Form: „Die Eintönigkeit dieses einfachen Metrums (der Reimpaare) wird
dadurch vermindert, daß der Sinn häufig mit dem ersten Reime des Reimpaares
schließt und Hebungen mit Senkungen sehr häufig abwechseln." Der erste Satz
ist richtig, in Klammer könnte dazu gesetzt werden der technische Ausdruck:
Reimbrechung, der zweite aber ist mindestens unklar. Wenn Hebungen mit
Senkungen sehr häufig abwechseln, so würde dieß ja die Eintönigkeit nicht
vermindern, sondern vermehren. Es muß gesagt sein, daß auf den Hebungen
das Princip der alten Verskunst beruht, wodurch, da die Senkungen auch fehlen
können, die in der modernen Poesie herrschende eintönige regelmäßige Ab-
wechslung von Hebung und Senkung vermieden wird. Die Eintönigkeit wird
auch dadurch vermindert, daß der Vers nicht an ^inen Rhythmus gebunden
ist, sondern mit und ohne Auftact beginnen kann. — W^as über die Sprache
gesagt ist, will nicht mehr recht passen; es läßt sich hier leicht eine andere
Wendung finden.
Im §. 14 werden unter die „Anfänge der neu aufblühenden Dichtung
1150 — 1180" Wernher's Lobgedicht, das Annolied, die Kaiserchronik, Lam-
precht's Alexanderlied, das Rolandslied und Heinrich's Reinhart Fuchs genannt.
Die Zeit 1150 ist doch für verschiedene dieser Dichtungen zu spät angesetzt.
Wenn aber ein Gedicht verdient hier genamat und besprochen zu werden, so
ist es der König Rother, den Kluge nur in einer Anmerkung erwähnt. Dafür
könnten die Inhaltsangaben der andern Gedichte knapper gefaßt werden. —
Von der Kaiserchronik wird gesagt, daß in ihr noch mehi- als im Annoliede
24-
352 LITTERATUR.
eine bunte Menge von Geschichten eingefügt sei; daraus muß man schließen,
daß Kaiserchionik und Annolied ganz ähnlich weitschichtig angelegte Werke
seien, während das Annolied doch einen ganz andern Charakter trägt. Die
Frage, ob das Annolied aus der Kaiserchronik geschöpft, oder diese jenes auf-
genommen habe, ist vom Verfasser nicht berührt worden, was mit einem Satze
geschehen kann.
Bei Erwähnung des Nibelungenstreites (S. 25 fg.) wäre praktisch auf die
von Zarucke in der Einleitung zu seiner Ausgabe gelieferte vollständige Biblio-
graphie zu verweisen , so daß dann in den Anmeikungen manches gestrichen
werden kann. Nachdem der Verfasser die verschiedenen Theorien erwähnt und
die Ausgaben von Holtzmann und Zarncke genannt hat, kann es nicht heißen:
„worauf dann 1866 die Ausgabe mit Erklärungen von Karl Bartsch folgte" *).
Diese Ausgabe legt eine andeie Handschrift, nämlich B zu Grunde, im Einklang
mit einer neu aufgestellten Theorie, die Kluge unbedingt berücksichtigen und
ebenso wie die vorhergehenden kurz charakterisieren muß. Bartsch's Unter-
suchungen sind dann später in der Anmerkung genannt, weil Bartsch mit
Pfeiffer in der Annahme des Kürenbei-ger's als des Verfassers des Nibelungen-
liedes übereinstimmt. Diese Verfasserschaft ist in Bartsch's Darlegung gar
nicht der Hauptpunkt, sondern ein Moment zweiten Ranges. Die Hauptsache
ist bei ihm der Nachweis einer älteren gemeinsamen Vorlage von Nibelungen-
noth und Nibelungenlied, wodurch die Annahme einer Mittelstufe, des soge-
nannten gemeinen Textes, ganz wegfällt. Künftig ist auch die kritische Ausgabe
der Nibelungennoth von Bartsch (Leipzig 1870) zu erwähnen. — Die Hypo-
thesen von Moslcr und Gärtner sind so haltlos, daß anzurathen ist, von ihnen
in der nächsten Auflage gar nicht zu reden.
In der im Allgemeinen richtigen Schilderung der Nibelungenstrophe (S. 27)
habe ich nur das eine nicht ganz zutreffend gefunden, daß gesagt ist: „Die
erste Hälfte hat in jeder der vier Zeilen drei Hebungen mit klingenlem (weib-
lichem) Schluße." Hier muß es heiC^en mit „scheinbar" klingendem Schluße,
wie aus den selteneren Zeilen mit vier Hebungen und stumpfem Schluße ge-
folgert werden kann.
An die Gudrun (§. 16) schließt der Verfasser die andern weniger be-
deutenden Heldengedichte an. Hier fehlt jeglicher littcrarischer Nachweis, so
daß der Leser, der sich etwas genauer mit diesen Dichtungen beschäftigen
will, ohne Rath bleibt.
Paragraph 18 betrachtet „die vier größten Dichter des höfischen Epos".
Eigentlich gibt es nur drei Größen. Heinrich von Veldeke, so bedeutend er
als Bahnbrecher ist, würde besser getrennt stehen; auch wäre sein Einfluß
schärfer hervorzuheben. — Wenn Gottfried von Straßburg den Wolfram von
Eschenbach einen vindaere loilder maere nennt, so bezieht sich dieß nicht auf
Wolfram's vielfach dunkle Sprache, sondern auf die Menge der Episoden und
seltsamen Abenteuer in seinem Parzival. Dem Titurel gebührt unter den Dich-
tungen Wolfram's der Platz vor dem Parzival, weil er seine Jugendarbeit ist.
Wolfram benutzte zu seinem großen Werke nicht bloß eine französische Quelle,
sondern zwei. Zu welcher Zeit der Parzival gedichtet wurde, ist nicht gesagt;
das möge noch nachgetragen werden. — Auf Wolfram folgt Gottfried , dann
*) In der 3. Auflage nun der richtige Zusatz: auf Grund der Handschrift B.
LITTERATUR. 353
Hartmann. Wäre es nicht zweckmäßiger, Hartmaun unter den dreien die erste
Stelle zu geben V
Auch im folgenden §. 19 „die andern Dichter des höfischen Epos"
empfiehlt sich eine Umstellung. Es sind genannt: Conrad von VVürzburg, Rudolf
von Ems, Conrad von Flecke (besser Conrad Fleck); sie folgen besser aufein-
ander: Coni-ad Fl., Rudolf, Conrad von W. — Köpke's Ausgabe des Barlaam
kann in der Note gestrichen werden. — In der Anmerkung wird auch der
Meier Helmbrecht genannt. Das Gedicht ist so köstlich, daß es nach seinem
Inhalte skizziert zu werden verdient; in der Note ist nur Schröder's Übersetzung
genannt; die Textausgabe von Keinz muß künftig berücksichtigt werden.
Hierauf geht der Verfasser zur „höfischen Lyrik" über und bespricht
in §. 20 zunächst „Stoffe und Formen". Beim „Lied" wäre kurz anzudeuten,
daß der Ausdruck sich anfänglicli auf eine Strophe bezieht, und daß der Plural
diu Uet gebraucht wurde , um das auszudrücken , was dann später auch und
jetzt ausschließlich der Singular bezeichnet. Auf die Ähnlichkeit des Ab-
gesangs mit unserem Trio dürfte hinzuweisen sein. Auch die bedeutendsten
Liederhandschriften macht Kluge namliaft. Die Ordnung ist nicht zu billigen.
Zuerst ist die Heidelberger, dann die Weingartucr und dann erst die Pariser
(früher die Manessische genannt) zu nennen. Die bibliograpiiischen Angaben
i'cr Minnesinger-Ausgaben gehören besser in die Note, wo sie auch Aveniger
Raum beanspruchen. Zweckmäßig wäre auch hier die treffliche Sammlung von
Bartsch (Leipzig 1864) anzuführen.
Der folgende §. 21 „Die bedeutendsten höfischen Lyriker" wird nicht
befriedigen. Es fehlen verschiedene wirklich bedeutende, andere gehören nicht
hierher, wenn sie auch berühmte Namen tragen wie Wolfram von Eschenbach
u)id Gottfried von Straßburg. Was von ihnen auf dem Gebiete der Lyrik ge-
leistet worden, ließe sich besser vorher durch kurze Andeutungen abmachen.
Von Gottfried heißt es, er habe eines seiner größten uni schönsten Lieder
zum Lobe der h. Jungfrau gedichtet. Dazu wird in der Note bemerkt , daß
Pfeiffer diese Annahme widerlegt habe. Glaubt Kluge an die Kraft dieser
Widerlegung, woran nicht zu zweifeln, dann ist der Lobgesang überhaupt nicht
mehr unter Gottfried's Namen anzuführen. Es könnte nur gesagt werden, daß
ihm auch von der Pariser Handschrift mit Unrecht ein umfangreicher Lobgesang
zugeschrieben werde, der seinen Stil in übertriebener Weise nachahmt und
der daher keineswegs schön zu nennen ist. Dann könnte auch die in der An-
merkung zu §. 18, 3 genannte Vermuthung Watterich's bei Seite gelassen
werden. In einer umfänglicheren Litteraturgeschichte wäre ihre Erwähnung
vielleicht am Platz, hier aber, wo es möglichste Beschränkung gilt, muß von
einem Buche abgesehen werden, dessen Ergebnisse zwingend widerlegt sind.
Am längsten verweilt Kluge bei Walther von der Vogelweide. Zuerst
spricht er über seine Heimat und entscheidet sich für Franken. In der Note
wird die betreffende Litteratur zusammengestellt, wobei auch angegeben ist
v. d. Hagen, Wackernagel und PfeiflFer hätten sich für Franken erklärt, Rudolf
]\Ienzel, dem sich jetzt auch Bartsch anschließt, für Tirol. Pfeiffer hat aller-
dings früher sich für Walther's fränkische Heimath ausgesprochen, in der Ein-
leitung zu seiner Ausgabe aber stellte er Tirol auf, weil sich da ein Ort Namens
Vogelweide habe finden lassen *). Wenn Wilmauu's (Einl. 3 fg.) mit Beziehung
*) In der 3, Auflage berücksichtigt.
354 LITTERATUB.
auf eine Äußerung Scherer's geltend uiaelit, daß den Nameu Vogelweide man-
cher Ort führen konnte und wirklich geführt hat, so ist daran zu erinnern,
daß Pfeiffer selbst auf seinen Fund kein großes GrCAvicht legen wollte, daß er
aber eine Bestätigung der Tiroler Heimath in dem Gebrauche der Handschriften
fand, Landsleute zusammen zu stellen*). — Kluge führt, um Walther's Mannig-
faltigkeit in lebendigen Beispielen darzuthun, verschiedene seiner Dichtungen
mit ihren Anfängen an. Das schöne Frühlingslied Muget ir schouwen waz dem
meien ist mindestens unsicher. Dafür wäre also in der nächsten Auflage ein anderes
Beispiel auszuwählen, was nicht schwer halten wird. — Bei der Bedeutung, die
Walther zu seiiaer Zeit gehabt hat, wäre es passend gewesen, wenn der Verfasser
vielleicht in einer angehängten Anmerkung seinen Dicht ereinfluß hervorgehoben
und seine Schule in einigen Namen wie Rubin, Ulrich von Singenberg, Reinmar
von Zweier und Bruder Wernher vorgeführt hätte, zumal sich in diesen Nach-
folgern der Waltherische Dichtergeist nach verschiedenen Richtungen hin aus-
prägt und fortpflanzt.
Der folgende Paragraph (22) handelt von der „Entartung des Minne-
sangs". Ich glaube nicht, daß man Ulrich von Liechtenstein unter die Dichter
der Epigonenzeit rechnen darf, Avelchc eine Entartung des Minnesangs bekunden.
Seine Lieder sind sehr frisch, anmuthig, wohl gelungen in der Form und nicht
im mindesten unhocellch. Wenn seine Lieder nur in der Pariser Handschrift
überliefert wären und wir seine abenteuerliche Selbstbiographie nicht hätten,
so würde der Dichter ohne Zweifel unter die talentvollen Schüler Walther's
gerechnet werden. In seinem Frauendienst erblicken wir eine Entartung des
Minnelebens und Minnedienstes, aber in dessen lyrischen Theilen nicht eine
Entartung der Poesie. — Heinrich von Meißen kann eher hierher gerechnet
werden, weil bei ihm, der Wolfram sowohl wie Gottfried in ihren Schwächen
nachahmt, die Poesie in Dunkelheit oder in eitel Spielerei ausartet. Die Aus-
gabe Ettmüller's ist künftig in der Note beizufügen.
Der letzte Paragraph (23) dieses Abschnittes behandelt die „didaktische
Poesie, Lehrgedichte und Fabeln". Die Abfassungszeit des welschen Gastes
sollte angeführt werden, da wir sie genau wissen. Daß Thomasin auf Seite des
Papstes steht und auch als Gegner Walther's aufgetreten ist, ließe sich mit
kurzen Worten noch nachtragen. — Der Renner des Hugo von Trimberg ist
ohne bibliographischen Nachweis erwähnt. — Benecke's Ausgabe des Edelsteins
von Boner kann gestrichen werden.
Die „Vierte Periode, 1300 — 1500, Entwickelung der Poesie in den Hän-
den des Bürger- und Handwerkerstandes" wird mit einer Betrachtung (§. 24)
*) Bei der Gelegenheit eine Bemerkimg. Mit Recht sagt Wilmanns, die öster-
reichische Heimath lasse sich nicht streng beweisen, nimmt aber diese Äußerung wieder
zmück: man sei wegen des den österreichischen Dialect bekundenden Reimes pfarren :
verwarren wohl berechtigt, Osterreich für Walther's Heimat gelten zu lassen. In der
Anmerkung zu der betreffenden Stelle (83, 35) steht: „verwarren statt verworren-^ hier
verräth Walther seine österreichische Mundai't. S. Lchm's Anm." Pfeiffer erklärte zu
116, b verwarren auch für eine dialektische östen-eichische Form: in der zweiten Auf-
lage steht präciser: „dialektische, vorzugsweise österreichische Form''. Daß man aus
diesem einen österreichischen Reim nicht gleich einen Schluß auf die Heimath machen
dürfe, hat Pfeiffer Germ. 5, 4 fg. ausgeführt. Der Reim ist aber gar nicht speciiisch
österreichisch, er ist ebenso gut alemannisch, worüber man sich bei Weinhold alem.
Gramm. 8. 11 hinlänglich belehren kann.
LITTERATUR. 355
eröfiiiet über ,, Verfall der Poesie und Ursachen desselben" (warum nicht: und
seine Ursachen?). Zu den inneren Gründen des Verfalls rechnet der Verfasser
auch das Übergewicht der Form über den Inhalt. Das ist wahr, aber auch
wieder nicht. Nicht in der gesammten Poesie tritt dieß Übergewicht hervor,
sondern nur iu der kunstmäßigen Lyrik.
Zu §. 25 „Epische Poesie" ist zu bemerken: Caspar von der Ron ist
nicht ein fränkischer Volksdichter und Umarbeiter des Heldenbuchs, sondern
nur ein Schreiber, worüber zu vergleichen Zarncke in der Germania 1, 53 fg.
Zu §. 26 „Lyrische Poesie": Hier wäre doch zu verweisen auf Grimm's
immer noch werthvolles Buch über den Meistergesang und, damit der Leser,
wenn er Meistergesänge kennen lernen will, einen Anhalt habe, auf Bartsch's
Edition der Kolmarer Handschrift. — In der Anmerkung ist die Sammlung
der historischen Volkslieder von Soltau genannt; da wäre auch die Fortsetzung
oder die Ergänzung von Hildebrand nicht zu übersehen. Dagegen kann Wolf's
Sammlung gestrichen werden. — Von Liliencron's Sammlung ist nun künftig
auch der 5. Band zu erwähnen, der außer den Melodien eine vortreffliche
Unterweisung gibt über die musikalischen Verhältnisse.
Zu §. 27 „Didaktische Poesie". Strobel's Ausgabe des Narrenschiffs
braucht nach Zarncke's bedeutender Leistung nicht mehr genannt zu werden,
zumal in einem Buche wie das vorliegende.
Zu §. 29 „Prosa". Die 2. Aufl. von Hamberger's Ausgabe von Tauler's
Predigten erschien nicht 1844, sondern 1864. — Diepenbrock's Suso liegt in
2, Aufl. vor, 1838. — Die Übersetzungsprosa ist so wichtig für diesen Zeit-
raum, daß eine eingehendere Belehrung erwünscht erscheint. — Bei dem Satze
über die vorlutherischeu Bibelübersetzungen denkt man unwillkürlich nur an
Drucke, nicht auch an die älteren in Handschriften überlieferten Übersetzungen. —
Zu Till Eulenspiegel verdient Lappenberg's Ausgabe genannt zu werden.
Es folgt: „Fünfte Periode. Die deutsche Litteratur im Zeitalter der Refor-
mation 1500 — 1624". Wenn nicht schon vorher sich Gelegenheit bieten sollte,
würde hier auf ühland's Vorlesungen über die Geschichte der deutschen Dichtkunst
im 15. und 16. Jahrhundert (im 2. Bd. der Schriften) hinzuweisen sein.
Zu §. 30 „Epische Poesie". Kluge übersetzt bei Erwähnung und Deutung
des Namens Theuerdank das Wort teioerlich , teuerlich mit abenteuerlich. Es ist viel-
mehr = theuer, wertb, hoch, erhaben. — Die Ausgabe von Haltaus ist zu erwähnen.
Ebenso die des glückhaften Schiff"s von Halling, wenn sie auch nicht genügt.
Von Hans Sachs sind ebenfalls gar keine Ausgaben angeführt, was sich
auch auf den folgenden Paragraphen erstreckt. Jetzt kann die vor Kurzem
erschienene Ausgabe der Lieder von Hans Sachs von Gödeke, die auch eine
ganz vorzügliche Einleitung enthält, berücksichtigt werden (4. Bd. der d. Dichter
des 16. Jhds. Leipzig 1870). Diese Meisterlieder sind auch vorzugsweise Er-
zählungen.
Zu §. 33 „Dramatische Poesie". Jacob Ayrer ist zu stiefmütterlich behandelt.
Zu eitleren ist die Ausgabe seiner Dramen von Keller (5 Bde. liter. Verein 1865).
Zu S. 34 „Prosa". Da die Sprache Luthers so überaus wichtig ist in
der Geschichte unserer Sprach e und Litteratur, so könnte auch das Wörterbuch
von Dietz (1. Bd. 1870) genannt werden, zumal es in der Einleitung eine gute,
wenn auch nicht durchaus gelungene Darstellung der Sprache Luther's bietet und
zugleich eine reiche Bibliographie von Schriften, namentlich der kleinen.
356 LITTERATUR.
Ungeru vermisse ich in diesem Paragraphen neben den Volksbüchern
eine kurze Hinvveisung auf die reiche und charakteristische Litteratur der
Schwanke; hauptsächlich wären hier zu nennen Wickram's Kollwagenbüchlein
('Ausgabe von Heinrich Kurz 1865), Pauli's Schimpf und Ernst (Ausg. von
Oesterley, litter. Verein 1866) und Kirchhofes Wendunmuth (Ausg. von Oesterley,
5 Bde., litter. Verein 1869).
Bis hierher erstreckt sich der Zeit nach das Gebiet, welches der Germania
als einer Zeitschrift für deutsche Alterthumskunde anheimfällt. Die weitere
Behandlung der Litteraturgeschichte Kluge's gibt, wie es in der Natur dtr
Sache liegt, nicht den gleichen Anlaß zu Erinnerungen ; aber wer genau kriti-
sieren wollte, würde auch öfters, namentlich in bibliographischer Beziehung,
verschiedenes vermissen oder anders wünschen. Einmal , weil die jüngere Zeit,
wenn auch durch das Programm dieser Zeitschrift nicht streng und pedantisch
ausgeschlossen, doch den Zielen, welche die Germania verfolgt, ferner liegt,
dann aber auch, weil ich selbst zu einem recht philologischen Betriebe der
neuen deutschen Litteratur noch nicht gelangt bin, v>'ill ich nur noch weniges
bemerken.
Wie in den dem Mittelalter und der Reformationszeit gewidmeten Partien
des Buches öfters bei keineswegs unwichtigen Schriften eine littcrarische Ver-
weisung auf eine Textausgabe oder eine Monographie vermißt v/ird, so auch
in der Behandlung der Neuzeit. Hier bedarf es natürlich weniger der Anführung
von Ausgaben, und wir billigtu es in Hinblick auf die Tendenz des Buches
durchaus, daß Kluge von vielen Titelangaben und Jahreszahlen abgesehen hat.
Dagegen hat er auf monographische Studien über einzelne Perioden oder ein-
zelne Schriftsteller sein Augenmerk gerichtet und die beste bis in die neueste
Zeit reichende Litteratur citiert. Aber freilich thut er es nicht gleichmäßig.
Manche Poeten der Neuzeit haben in der That noch keinen Biographen und
Kritiker gefunden, und es bleibt auf diesem Felde noch eine reiche Ernte,
aber andere haben ihn gefunden, ohne daß der Verfasser auf solche Erschei-
nungen Rücksicht nimmt. Man wird öfters versucht sein anzunehmen, Kluge
habe, um sein Buch nicht unnöthig mit gelehrten Citaten zu belasten, von der
Erwähnung der oder jener ihm wohl bekannten Monographie abgesehen; allein
er führt öfters auch Schriften an , die nicht unbedingt nothwendig zu nennen
wären, ja die er hätte getrost weglassen können. In dieser Beziehung wird er
bestrebt sein müssen, Gleichmäßigkeit zu erzielen, und kritisch streng bei der
Citierung der litterar-historischen Monographien zu sein. Dieser allgemeinen
Bemerkung reihe ich einzelne Nachträge an.
Zu §. .38. ,,Gryphius". Nicht zu vergessen ist künftig das Lustspiel ..die
geliebte Dornrose", weil es das erste ist in der deutschen Litteratur, in welcher
die Volksmundart im Gegensatz zum Schriftdeutsch zu künstlerischer Geltung
kommt (herausg. von Palm. 1865).
Zu §. 40. „Roman". Gerade den bedeutendsten Roman aus der vor-
nehmen Welt hat Kluge unerwähnt gelassen: die Octavia des Herzogs Anton
Ulrich von Braunschweig. — Die Monographie von Cholevius ist in der Note
genannt; sie wird für diesen Paragraphen noch besser ausgenutzt werden
mü?;sen. Andreas Heinrich Bucholtz darf auch nicht ganz übergangen werden. —
Die Note auf S. 68 ist unrichtig stehen geblieben; sie ist durch die folgende
unnöthig gemacht.
LITTEEATUE. 357
Die neuere Litteiatur ist, wie bekannt, außer in selbständigen Mono-
graphien auch vielfach in Beiträgen zu Zeitschriften und Sammelwerken be-
handelt. Gerade die zerstreut erschienenen Arbeiten entgehen allzu leicht dem
Auge des Historikers; darum möge der Verfasser nach dieser Kichtung hin
die periodische Litteratiir auszubeuten suchen. Um nur auf einzelnes hinzu-
weisen, will ich erwähnen, daß mit das Beste, was über Wieland jemals ge-
schrieben wurde, sich findet im Album des Litterarischen Vereins in Nürnberg
für 18GÜ. Es ist ein umfangreicher Aufsatz von J. L. HoflFmann. — Der Julius
von Tareut von Leisewitz ist vorzüglich monograi)hisch behandelt von August
lienueberger in seinem leider nur in einem Bande erschienenen Jahrbuch für
deutsche Litteraturgeschichte {Meiningen 1855). Dort finden sich auch noch
mehrere Aufsätze, die citiert zu werden verdienen. Demi es braucht ja nicht
immer ein dickes Buch zu sein , was eine Anmerkung zieren soll. Aufmerksam
machen will ich zugleich auf eine Reihe treft'liclier Aufsätze über die Litterat.ur
des 18. Jahrhunderts, welche Henneberger in der Zeitschrift für deutsche
Kixiturgeschichte (Nürnberg 1858) niedergelegt liat. — Das Buch vou Robert
Prutz „Menschen und Bücher" (Leipzig 1852) fand ich nicht citiert, und doch
enthält es mehrere ausgezeichnete Monographien; vor allem zu nennen ist die
Abhandlung über Karl Friedrich Bahrdt. Über diesen seltsamen Mann schrieb noch
ausfüln-licher Gustav Fiauk in Rainner's historischem Taschenbuch (37. Jahrg.
186(J). Eine sehr brauchbare Arbeit über Novalis von Fortlage brachte das
eingegangene deutsche Museum von Prutz, welche jetzt auch aufgenommen ist
unter den sechs philosophischen Vorträgen vou Fortlage (Jena 1869). Ho wer-
den auch die littcrar-historischcn Aufsätze von Trcitschke zu berücksichtigen
sein; vieles bietet auch das litterar-bistorische Taschenbuch von Prutz; auch
Gosche's Jahrbuch und Archiv wird, weim es nicht wieder in's Stocken geräth,
für die Erforschung der neueren Litteratur wirksam werden, und mag sicii
daher der Beachtung empfehlen.
In neuerer Zeit haben sich Stimmen vernehmen lassen, welche den Unter-
richt der Litteraturgeschichte auf Gymnasien verwerfen. Es ist dieß eine sehr
wichtige pädagogische Frage , zu deren Entscheidung ich mich nicht berufen
fühle. Wo dieser Unterricht noch als berechtigt und nothwendig augesehen
wird, trägt zu seinem Gedeihen sicher die Wahl eines guten Lehrbuches wesent-
lich bei. Hat sich das Buch von Kluge bereits bewährt, so zweifle ich nicht,
daß es sich um seiner Vorzüge willen noch ein weiteres Gebiet gewinnen wird.
Wie die zweite Auflage, gegen die erste gehalten, schon mannigfache Ver-
besserungen aufweist, so wird der Verfasser auch in Zukunft bestrebt sein,
dem Buche, ohne sein Wesen und seine Anlage anzutasten im Einzelnen eine
immer größere Vollkommenheit zu geben.
Indem ich durch meine Besprechung dem Verfasser förderlich zu sein
gedachte , habe ich doch dabei die vorliegende Arbeit nicht allein im Sinne
gehabt. Wie bei Kluge, so finden sich auch in andern ähnlichen Werken viel-
fach Auffassungen und Urtheile, die, aus älteren Litteraturgeschichtcn stammend,
vor den neuen Forschungen nicht bestehen können. Dieß habe ich hervor-
gehoben, und dadurch gesucht, den Ergebnissen der Wissenschaft zum Besten
des Unterrichts Geltung und Eingang zu verschaffen.
JENA, August 1870. REINHOLD BECHSTEIN.
558 LITTERATÜK.
Die vorchristliche Unsterblichkeitslehre vou Wolfgang Menzel. In zwei
Bänden. Leipzig. Fues's Verlag. 1870. VIII ii. 28G w. 393 Seiten.
An eine Bemerkung Jahns über die Notli wendigkeit vergleichender Alter-
thumsforschuugen anknüpfend, weist der Verf. zuvörderst in dem Vorworte zu
vorliegender Arbeit darauf hin, wie auch diese, aus dem Gefühl desselben Be-
dürfnisses hervorgegangen, von ihm seit dreißig Jahren, je nachdem er Muße
dazu gewonnen, inm er wieder fortgeführt worden ist, denn „man kann solche
Studien nicht über das Knie brechen, sie erfordern weite Umsicht und lange
Zeit." Im Weitern äußert er sich dahin, daß die heidnischen Unsterblichkeits-
lehren nicht aus einer Urofienbarung an die Heiden hervorgegangen sind, noch
auch nach einem angeblichen Plane Gottes die christliche Lehre vorbereitet haben,
als sei durch beide ein Faden hindurcbgelaufen, wie nach der bekannten Darwin'-
schen Theorie durch die Thier- und Menschenwelt; sie sind vielmehr etwas voll-
kommen Selbständiges für sich, durchaus naiv, naturAvüchsig und verschieden-
artig, hervorgegangen aus der Gefühls- und Denkweise sehr verschiedenartiger
Völker. Alle alten Völker stimmen jedoch darin überein, daß sie eine höhere
Macht über sich erkannten, und auch darin, daß sie dieselbe zunächst den am
meisten in die Sinne faJhmden Naturerscheinungen, Naturkräften und Elementen
zuschrieben, bis sie Erfahrung genug gewonnen hatten, eine gewisse Einheit im
Weltgebäude, in der Hamionie des Raumes und der Zeitmessung zu erkennen.
Als etwas unzweifelhaft Gemeinsames, was allen heidnischen Unstsrblichkeits-
lehren wie überhaupt der Weiterentwickelung aller Religionsbegriffe, Culte und
Mj'then als Unterlage gedient hat, erweise sich ferner die Ausrechnung und
Feststellung des Sounenjahres. An den Kalender desselben haben sich die Grund-
anschauungen von Erde und Himmel wie vom Naturleben und Weltschicksal in der Zeit
geknüpft, wie die Festtage und Mythen der höchsten Götter. War aber die Er-
kenntniss von dem Laufe der Gestirne und dem mächtigen Einfluß der Sonne
so weit gediehen, so wurde die Ehrfurcht vor dem Donnerer sehr abgeschwächt,
wenn er nicht wie überhaupt die Elementargottheiten im Vergleich zu den astra-
lischen Gottheiten mehr in den Hintergrund trat, und die Götterwohnungen
stiegen von den Berggipfeln zu den Sternenhöhen hinauf, während zugleich
die Autorität der gelehrten Priesterschaften, von denen alle diese neuen Ent-
deckungen ausgiengt'n, außerordentlich verstärkt werden mußte. Die wichtigste
Veränderung jedoch, welche die Feststellung des Sonnenjahres im Glauben der
alten Völker hervorrief, war die Ahnung einer andern höhern Welt des Jenseits,
denn man konnte sich nicht von der Macht und dem Einfluß der Gestirne über-
zeugen, ohne an eine hinter den sichtbaren Gestirnen wirkende unsichtbare
Macht und Weisheit zu glauben , an etwas Heiliges und Göttliches in jenen
oberen Regionen. Sobald aber die alten Völker zu dieser Stufe theils der Er-
kenntniss theils der Ahnung gelangt waren, giengen ihre Anschauungen weit
aus einander; denn je nachdem der in den Völkern wohnende Geist geartet war,
machten sie sich von der unsichtbaren Welt über den Sternen verschieden-
artige Begrifte. Zwar die beiden ältesten Culturvölker, die Babylonier und
Ägypter, bekümmerten sich um Jenseits und Ewigkeit noch wen g und konnten
sich von der sie umgebenden materiellen Welt noch nicht losreißen; jedoch
faßten sie dieselbe schon in einem ganz entgegensetzten Geist auf, die Baby-
lonier heiter und freudig, aber ihren Reichthum in sorgloser Üppigkeit ver-
LITTERATUK. 359
geudend, die Ägypter hiiigegeu denselben zu hüten bestrebt und sich von aller
Welt ängstlich abschließend. Wieder anders die Perser, welche in Folge eines
sittlichen Impulses das physische Glück des Daseins durch Tugend zu verdienen
und das böse Princip fortwährend zu bekämpfen suchten. Aber auch sie dachten
sich das Jenseits nur als eine Fortsetzung des Diesseits, ohne noch den tiefen
Unterschied zwischen Zeit und Ewigkeit erkannt zu haben. Diese Erkenntniss gieng
zuerst den Indern auf und überwältigte sie völlig. Sie vertieften sich nämlich nach
der Zeit der Veda's dermaßen in den Geist, daß sie die materielle Wirklich-
keit zu ihren Füßen beinahe vergaßen und es wenigstens für das höchste Ver-
dienst erklärten, sich über dieselbe hinwegzusetzen. Sie sahen die Wirklichkeit
nur für ein Scheindasein an und prägten sich unvertilgbar den Wahn ein, sie
hätten schon früher einmal existiert und würden auch nach dem irdischen Tode
noch in unzähligen "Verwandlungen fortexistieren, bis ihre Seele von allem Irdi-
schen und Sinnlichen frei werde und sich mit dem absoluten Geiste vereinigen
würde.
Was die Völker des Abendlands betritft, so machten sie sich von einem
Jenseits lange Zeit nur nebelhafte Vorstellungen; als aber auch bei ihnen der
Glauben an die Unsterblichkeit tiefer in den Seelen zu wurzeln anlieng, trugen
sie einfach alles, was ihnen in der irdischen Wirklichkeit am liebsten gewesen,
in ihre Vorstellungen vom ewigen Leben über, und zwar nur in den Mysterien,
denn der öffentliche Cultus blieb noch ausschließlich den Naturgöttern gewidmet,
die aber aus elementaren Gewalten nach und nach mehr zu astralischen wurden.
Für die realistische Auflassung des Weltganzen waren die alten Griechen be-
sonders maßgebend : sie konnten sich also auch die hohen Götter als Ordner der
Natur und Lenker der Geschicke weder als reine Geister noch als symbolische
Gestalten denken , sondern gaben ihnen unwillkürlich ilire eigene menschliche
Gestalt mit menschlichen Neigungen und Leidenschaften.
Im germanischen Norden hielt das vorzugrsweise kriegerische Volk sich
von dem indischen Extrem, alles nur geistig aufzufassen, wie vom realistischen
der Griechen, die selbst den Geist verkörperten, gleich weit entfernt und faßte
den Gegensatz zwischen Geist und Leib, Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit,
Diesseits und Jenseits in seiner ganzen Schärfe auf, ohne das eine über dem andern
zu vergessen oder zu vernachlässigen. Man darf annehmen, daß der germanische
Völkerstrom frühzeitig in manche Beziehung zu den alten Persern gekommen
ist, die ebensowenig einseitig waren, deren Dualismus aber hauptsächlich den
sittlichen Gegensatz zwischen Gut und Böse, Tugend und Sünde betonte.
Demnächst spricht der Verf. von den verschiedenen Vorstellungen, welche
die Griechen und Römer, die Inder und Germanen in Bezug auf die Zeit
hegten. Für die Inder gab es gewissermaßen nur eine Ewigkeit, die wiederum
für die Griechen und Römer bloß ein nebelhafter Begriff war, da sie aus der
Zeit gar nicht herauskamen und sogar vor der Einweihung in die Unsterblich-
keitslehre der Mysterien Zeit und Ewigkeit verwechselten. Die Germanen hin-
gegen zeichneten sich durch eine originelle Auffassung des Verhältnisses zwischen
Zeit und Ewigkeit aus. Sie glaubten wie die Juden an ein ewiges Princip im
Allvater, ließen diesen aber im Verborgenen bleiben und nahmen an, die Welt
werde während der ganzen Zeitlichkeit von Odin regiert, einer Personification
des absoluten freien Willens, der absoluten Praxis, ohne irgend eine sittliche
Schranke oder Bedingung, nicht gut und nicht böse, abwechselnd und nach
360 LITTERATUE.
Laune das eine oder das andere, nur immer böse, ja heimtückisch, wo ihm
irgend eine sittliche Pflicht als Beschränkung seiner Willkür zugemuthet wurde.
So und nicht anders ist sein wahres Charakterbild in der alten Edda. Weil er
nun aber während der ganzen Ziütlichkeit so viel Unrecht thut und zuläßt,
ist das Leben in dieser Zeitlichkeit auch nichts Vollkommenes und eben deß-
halb muß die Zeit einmal aufliören und Odin sammt der ganzen gegenwärtigen
Welt einmal untergehen. Alsdann erst wird Allvater eine neue bessere Welt
schaffen und dieselbe durch den guten Gott Tialdur regieren lassen. Dadurch
unterscheidet sich die nordisch germanische Auffassung wesentlich von der
orientalisch-indischen und von der griechisch-römischen. Wie ferner der indische
Brahma erst zum Hauptgott erhoben werden konnte, nachdem das Sonnenjahr
festgestellt und der Cultus der Elemente in den der astralischen Mächte über-
gegangen war, so auch Odin bei den Germanen, und wie sofort der alte in-
dische Donnerer dem Brahma untergeordnet wurde, so auch der alte nordische
Donnerer dem Odin. Nur die klassischen Völker im Süden Europas behielten den
alten Donneier als Hauptgott bei. Um die Ananke und die Moiren kümmerte
sich aber Zeus ebensowenig wie Odin um die Nornen.
Dieß ist der Hauptinhalt der vom Verf. in der ersten Abtheilung:
„Die Symbolik des Sonnengottes als Unterlage der heidnischen
U n s t e r b I i c h k e i t s le h r e n " dem ersten Buche ..Die Zeit und ihre
E in th eilung" vorangestellten „Oriontirung", die hier meist wortgetreu wieder-
gegeben ist und woraus man den Gang der Untersuehnng und die Hauptzüge
derselben him-eichend erkennen wird. In den folgenden Abschnitten des ersten
Buches bespricht der Verf. da^n das Sonnenjahr, die Licht- und Nachtseite
desselben, den sterbenden Gott und den Einfluß der menschlichen Sehnsucht
nach Unsterblichkeit. In Bezug auf den ewigen Jäger, der den frevelnden Schuß
in die Sonne gethan hat (S. 29), bemerkt Menzel, daß dieß Odin ist, der Führer
der wilden Jagd oder des wilden Heeres. Die Sage verbirgt daher einen tiefen
Sinn. Odin, scheint der Mythus zu besagen, hält als Gott der Zeitlichkeit die
Sonne gewaltsam in ihrem Laufe zurück, weil sie sonst immer höher hinauf-
steigen lind in den Himmel zurückkehren würde, so dalJ die Zeit aufhören
müßte; er zwingt sie also umzukehren, um jedes Jahr von neuem denselben
Lauf zu wiederholen. — Zweites Buch: Der Raum und das Natur-
centrum. Das letztere befindet sich am Nordpol, und der Verf. bemerkt in
dieser Beziehung, es könnte zufällig scheinen, daß den Indern, Persern, Griechen
ihre heiligen Himmelsberge gerade im Norden lagen; wenn das aber auch nicht
der Fall gewesen wäre, Avürde der magnetische Zug nach Norden, dem die
Menschengeister folgen müssen, weil die Augen sie dahin ziehen, immerhin auch
über die Berge hinaus den Mittelpunkt des Weltraums in der nördlichen Rich-
tung des Horizontes und Himmels gesucht haben; denn es konnte den alten
Völkern nicht entgehen, daß der ganze Himmel mit seinen unzähligen Sternen
sich um einen Mittelpunkt im Norden im Kreise bewegt. Ferner weist der Verf.
darauf hin, daß im Zendavesta Ver die himmlische Burg des Urkönigs Dschem-
scliid ist, worin die Keime aller Pflanzen, Thiere und Menschen bewahrt sind-
dasselbe scheine auch die Stadt Beroe zu sein, welche nach Nonnos von
lieblichen Gärten und Inseln umgeben mitten im Ocean liegen soll ; hier landete
zum ersten Mal Aphrodite und hier gebar sie den Eros; das ist Eros Proto-
gonos; die Liebe als das allbewegende Princip und dieses Beroe sowohl wie
LITTERATUR. 361
jenes Ver dürfe man auf das Land der seligen Hyperboreer wie auf den An-
fang aller Dinge im Nordpol beziehen. Björn und Veor waren Beinamen des
Thor, und dieß mahne deutlich an Ver und Beroü. Auch der deutsche Sagen-
held Dietrich, in welchem schon Grimm und Uhland Thor wiedererkannt, werde
immer Dietrich von Bern genannt, worunter man insgemein die Stadt Verona
verstanden hat, dessen Name und Begriff aber viel älter und von mythischem
Ursprung sei. Auch müsse an Bör und Buri, die Väter Odins, erinnert wer-
den. Außer den Himmelsbergen bespricht das zweite Buch auch noch das Weltei,
das Bärengestirn, die Sphärenharmonie, die Himmelsleiter der Planeten, auf
welcher mittelst der Milchstraße die Seelen zwischen Himmel und Erde auf-
und niedersteigen, ferner Nysa, wo Dionysos erzogen worden, jener höchste
Gott der Mysterien, der, im feurigen Äther unter Blitzen geboren, sich in die
niedere Welt herabließ und selbst dem Tode sich hingab, um durch seine
Wiedergeburt auch der Menschheit seine Wiedergeburt zu gewähren. Die letzten
Abschnitte dieses Buches bilden der Glasberg und der Wcltbaum. — Drittes
Buch: Die Beziehungen der Sonne zum Naturcentrum. So wie das
Centrum des Raumes unverrückbar im Nordpol ist, ebenso concentriert sich die
Zeit mit ihren Wechseln in der Sonne, und feste Punkte des Anfangs und
Endes waren wie für jeden Tag ihr Auf- und Niedergang, so für jedes Jahr
die Wintersonnenwende. Zur Vermittlung dieser beiden Centren bot sich auf
die natürlichste Weise das Nordlicht, in welchem sich einfach die Morgen- und
Abcndröthc zu wiederholen scheint, welches aber ausschließlich an den Noi-dpol
der Erde gebunden ist, über welchem der Nordpol des Himmels senkrecht steht.
Dort ruhe die Sonne bei ihrem nächtlichen Lauf von Westen nach Osten stets
zur Mitternachtstunde ein wenig aus und von ihrem Mitternachtscheine komme
das Nordlicht her. In der Wintersonnenwende mußte sonach letzteres mit dem
brennenden Neste des Phönix verglichen werden, in welchem ursprünglich das
Jahr, dann aber die Zeit im allgemeinen sich immer neu verjüngt, und so hatte
man auch für die Zeit einen Mittelpunkt gefunden , welcher dem Mittelpunkte
des Raumes, dem Nordpol des Himmels entsprach. Ans dieser Symbolik folgte
ferner die Vorstellung, daß in dem Moment der Sonnenwende, in dem die
Sonne von ihrem fortwährenden Laufe ein wenig ausruht, die Zeit die Eigen-
schaft des Raumes, nämlich Stätigkeit, d. h. die Eigenschaft der unveränder-
lichen Gegenwart, also der Ewigkeit annimmt, wogegen alles im Räume die
Eigenschaft der Zeit, nämlich deren Beweglichkeit aus der Gegenwart hinaus
in Vergangenheit und Zukunft sich aneignet. Auf dieser Vorstellung beruht
alle Magie der Sonnenwenden, das Versetzen aus der Zeit in die Ewigkeit, die
Vergegenwärtigung des Vergangenen und Zukünftigen und eine Menge von
Magien und Verwandlungen. Dem Nordlichte entspricht aber auch die Waber-
lobe, wie schon Magnusen bemerkt hat; Iduna. Menglöd, Gerda, Brynhild be-
deuten sämmtlich die Sonne iu ihren verschiedenen Beziehungen zur Zeitlichkeit
und zum Räume. Das Ewige, Reine, Jungfräuliche in der Sonne ist Iduna;
das Heilende, Segnende, Wohlthuende in derselben ist Menglöd; ihr Freiwerden
aus der Gefangenschaft des Winters iu jedem Frühling ist durch Gerda be-
zeichnet, das Unrecht und das Leiden aber, das ihr in der Zeitlichkeit wider-
fährt, durch Brynhild. Haben wir im Nordlichte den Ausgangspunkt erkannt,
von wo aus die Sonne in Raum und Zeit eintritt und wohin sie immer wieder
zurückkehrt, wo sie also gewissermaßen vom Anfang bis zum Ende der Zeitlich-
362 LITTERATUR.
keit gebannt ist, so können wir auch die Waberlohe nur mit dem Nordlichte
in den h. Nächten der Sonnenwende identificieren. Alle andern Erklärungen
haben den tiefen Sinn nicht erfaßt und bieten viel zu kleinliche Vorstellungen.
In diesem Buche wird dann noch der Sonnengarteu am Nordpol, auf den wir
weiter unten zurückkommen, die Insel des Chronos, sowie der Garten der
Hesperiden besprochen. — Viertes Buch: Der Gegensatz von Zeit und
Ewigkeit. Es handelt von dem Verschwinden der Zeit in der Ewigkeit, dem
schlafenden Gott und den verschiedenen Zeitaltern, den Zeitringen (Draupnir,
Brisingamen, Halsband der Harmonia), dem Eegenbogen, der Zauberin Circe
fCirkel, Zeitring) u. s. w. Gelegentlich der Anna Perenna, unter welcher man
sich Ceres als Nahrungsspenderin des Jahres dachte, bemerkt Menzel, ein Mythus
von ihr sei interessant. Mars nämlich soll sie einmal feurig umarmt haben, in
der Meinung, es sei die Minerva; darin liege ein tiefer Sinn. Mars ist der
Kriegsgott, aber zugleich auch der Monat März, der ewige Frühlingsheld, der
jeden Winter besiegt. Sich für würdig haltend, mit der Göttin Athene, die über
der Zeit in der Ewigkeit thront, verbunden zu werden, wird ihm doch nur
immer das vergängliche Jahr imtergeschohen. Ferner heißt es in dem Abschnitte
„Hilde", daß dieser kurze, unscheinbare Mythus einen Grundgedanken der
nordischen Heiduureligion enthalte. Högni nämhch, der einäugige, schlaue und
hartherzige Vater, der in den deutschen Heldenliedern als der grimmige Hagen
vorkommt, ist Odin, der höchste Gott des Nordens. Hier tritt sein innerstes
Wesen hervor, welches nichts anderes ist als Tod und Zerstörung; er will da-
her auch nicht, daß seine Tochter sich vermähle. In ihr aber liegt das Princip
des Lebens und der Liebe; deßhalb läßt sie ihren Geliebten, wenn auch noch
so oft von ihrem Vater getödtet, doch immer wieder aufleben, und so wird sie,
obschon ursprünglich liebevoll, doch zu einer Personification des unaufhörlichen
Streites und Wechsels von Leben und Tod in der Welt. In Betreff des Brisin-
gamen bemerkt der Verf. , daß nach einem Bruchstück aus des Skalden Ulf
Gesang Heimdall mit Loki um Freyjas Halsschmuck kämpfte, und zwar beide
im Meere in Robbengestalt. Bleibe nun auch diese Eobbensymbolik unverständ-
lich, so weise doch der Gegensatz zwischen dem Himmelswächter Heimdall
und dem teuflischen Allverschlinger Loki darauf hin, daß der eine den Ring
der Zeit festhalten, der andere ihn zerreißen will. Die bisherigen Erklärungen
des Brisingamen seien ungenügend und meist aus der Luft gegriffen. Nur Uhland
(Sagenforsch. 20. 103) habe das Richtige wenigstens genannt, indem er in dem
bösen Loki das Ende, im Heimdall den Anfang zu erkennen glaubte; das sei
richtig in Bezug auf den Kampf beider Gottheiten um das Halsband. Loki will
dem Zeitverlauf ein baldiges Ende bereiten, Heimdall (d. i. der Welttheiler,
der zwischen Himmel und Erde, Jenseits und Diesseits, Ewigkeit und Zeit theilt)
will die Zeit zum natürlichen Ende kommen lassen, und deßhalb reißen sie
sich um den Ring. — Fünftes Buch: Herein ragen der Ewigkeit in
die Zeit. Es bespricht die sich an die SonnenAvende knüpfenden mannigfachen
Vorstellungen, sowie die Heimchen (die auch Pflanzenseelen sind), die wilde
Jagd u. s. w. Hinsichtlich der Dame Habonde oder domina Abundia
bemerkt Menzel, daß der Name wohl deutsch sein und die abendliche oder
Nachtseite derselben guten Göttin bedeuten dürfte, deren morgentliche oder
Lichtseite in der Fee Morgana hervortrete; diese sei der Morgen, jene der
Abend. — Sechstes Buch: Die Saturn allen. Es handelt von der Frei-
LITTERATUR. 363
heit und Gleichheit aller Menschen zur Zeit der Sonnenwenden, der Verwand-
lung der Elemente, sowie der Thierp und Menschen zu jener Zeit des Jahres,
den gegenseitigen Besuchen der Menschen und Götter u. s. w. — Demnächst
folgt des Werkes zweite Abtheilung: „Die orientalischen Uusterb-
lichkeitslehren". Erstes Buch: Vorderasiatische und egyptische
Unsterblichkeitslehren. Es wirft auch einen Blick auf die Etrusker und
Kelten. Bei Gelegenheit der babylonischen Mythe von Omorka bemerkt Menzel,
daß derselbe Gedanke und nahezu dieselben Namen in der Edda wiederkehren,
wo aus dem Kampfe der Kälte mit der Hitze der Riese Ymir, der Inbegrifi'
der gesammtcn Materie entstehe u. s. w. — Zweites Buch: Indische Un-
sterbliclikeitslehre. — Dritte Abtheilung: Die altgriechische Un-
sterblichkeitslehre. „In Bezug auf die Griechen, unstreitig das geistreichste
Volk der alten Welt, war ich bemüht", sagt Menzel im Vorwort (Bd. I S. V),
„ohne Misskeunung der Einflüsse, welche dasselbe vom Orient und auch wohl
vom Norden her empfangen hat, doch in den verschiedenen Stadien seiner
geistigen Entvvickelung seine Originalität sicher zu stellen. Es ist mir dabei
mehr und mehr aufgefallen, daß der demokratische Geist in Athen einen nicht
geringen Einfluß auf die eigenthümliche Ausbildung hellenischer Mythen und
Mysterien ausgeübt hat, was bisher noch zu wenig berücksichtigt worden ist."
Erstes Buch: Die cerealischen Mysterien der alten Griechen. In
Bezug auf die Phäaken heißt es, daß etwas Eibisches in ihrem Wesen liege,
sofern sie auf dem Meere mit Gedankenschnelle dahinfahren und den Odysseus
in einer Nacht in seine Heimat bringen; allein für Eiben seien sie nicht humo-
ristisch genug. Gleichwohl scheine ihre ganze Vorstellung aus unserm Norden
entlehnt zu sein. ,,Nach dem Noi'den weisen uns auch andere Nachrichten.
Wir haben vom paradiesischen Sonnengarten des Apollo am Nordpol der Erde
oder im Nordlicht schon im Eingang dieses Werkes gehandelt, ebenso von den
Hyperboreern, dem lang lebenden und seligen Volk jenseits des Nordwindes.''
Auf diesen Punkt der nordischen Abstammung verschiedener mythologischer
Vorstellungen der Griechen (vgl. Menzels Odin 296) kommt der Verf. auch
sonst noch zurück; so heißt es in Bezug auf die samothrakischen Weihen, daß
der nordische Einfluß sich an den Namen des Orpheus anknüpfe; in ihm spie-
gelt sich aber nur der bekannte Hauptgott der alten heidnischen Finnen,
Wäinämöinen, ab; denn auch diesem lauschen, wenn er die Harfe spielt, alle
Thiere. Auch Pythagoras, obwohl eine historische Person, sei doch ohne Zweifel
zu einer Personification der ganzen orientalischen und nordischen Weisheit ge-
macht worden, und es sei gewiß bedeutungsvoll, daß dabei keineswegs die orien-
talische, sondern die nordische, keltische und germanische Weisheit die Haupt-
rolle spiele. Man dürfe annehmen, daß der Glaube an die Unsterblichkeit der
Seele, der in den Mysterien der Griechen gepflegt wurde, mehr nach der edlern
nordischen Vorstellungsweise, als nach der Seelenwanderungslehre des Orients
gemodelt worden ist. Ferner heißt es weiterhin (2, 338): ,.Sofern sie das jung-
fräuliche Princip im Lichte, das Ewige und auch im Wechsel Unzerstörliche
bedeutet, halte ich die griccliischc Athene dem Namen wie dem Begrifi" nach
für die nordische Göttin Iduna, welche gleichfalls jungfräulich und ein Ideal
sittlicher Reinheit ist. Der Cultus der griechischen Athene ist überhaupt gleich
dem anderer griechischer Götter, in denen sich noch der keusche und ritterliche
Charakter des Nordens ven-äth, über Thrakien vom germanischen Norden und
364 LITTER A TUR.
nicht über Kleinasien und die Inseln vom Orient hergekommen. Das nordische
Wort Id heißt „wieder" und die Göttin bedeutet das immer wiederkehrende
ewige Licht, welches in der Nacht und im dunkeln Winter doch niemals unter-
geht, sondern immer gleich schön und jung wieder da ist. . . Ich stehe nicht
an, in dem Namen der Göttin (Itonia, Iduna) das Ideal schlechthin oder
die reine Idee, das Höchste und Edelste in der Geisterwelt, wie das Licht in
der Körperwelt, zu erkennen. 'iSeiv heißt im Griechischen sehen, tdia das
Bild, aber auch das Urbild, das Ideal. Pallas, der zweite Name der Göttin,
hilngt ohne Zweifel mit Baal, Belus, Apollo, Baidur zusammen, und drückt den
GrnndbcgrifF des Lichten und Schönen aus". Andere auf den Norden bezügliche
Stellen übergehe ich. — Zweites Buch: Orphische und Pythagoräische
Unsterblichkeits lehre. Aus dem ersten Abschnitte : .Ȇbergang des Pflicht-
bewußtseins in die Bußfertigkeit", sind bereits die sich auf den nordischen
Einfluß beziehenden Stellen mitgetheilt worden. — Drittes Buch: Die
dionysischen Mysterien, wovon der erste Abschnitt den bereits er
wähnten ,. Zusammenhang des dionysischen Cultus mit der Demokratie in Athen"
darlegt. In dem Abschnitt „Verhältniss der Dionysien zur Athene" heißt es:
„Wie weit auch der noch in seiner Verklärung sinnliche und materialistische
Dionysos von der rein geistigen und ewig jungfräulichen Athene abzustehen
scheint, so ist er doch in der orphischen Spcculation mit ihr verbunden wor-
den und das Bindeglied zwischen beiden war Nysa, das Naturcentrum im
Nordpol, von wo alle Durchdringung des materiellen Raums mit Geist und
Segen ausgegangen ist. . . Diodor erwähnt auch daneben einer volkreichen
Stadt und läßt den Gott Dionysos, als er erwachsen ist, mit dem Volk der
Nysaeer ausziehen, um die Libyer zu überwältigen. Von diesem interessanten
Kriege nun haben unsere großen Akademiker, trotz ihrer weltberühmten Gelehr-
samkeit, niemals das geringste Verständniss gehabt, ja davon kaum Notiz
genommen. Es handelt sich aber gerade hier von einem hellen Licht, das in
die Grundlehren des classischen Heidenthums fällt. Denn Diodor bringt in der
geheimnissvollen Höhle zu Nysa den jungen Gott Dionysos in die engste Ver-
bindung mit der jungfräulichen Pallas Athene, die seine Jugend pflegt und
beschützt. Sie ist das ewige jungfräuliche Licht, die reinste und heiligste Auf-
fassung des göttlichen Geistes der hellenischen Gedankenwelt. Sie muß den
jungen Dionysos leiten und beschützen, weil er berufen ist, durch Selbstauf-
opferung dereinst die Mensi'hheit zu erlösen. In demselben Sinne steht bekannt-
lieh auch Pallas Athene dem Herakles und allen Heroen der Humanität
bei. Bevor aber Dionysos seine Mission in der Menschheit beginnen kann,
müssen erst die bösen Naturgewalten überwunden sein, muß die Erde erst zur
Wohnstätte der Menschen bereitet sein. Dem sittlichen Kampfe muß ein Kampf
mit den rohen Elementen vorangehen. Das ist nun nach Diodor der Kampf der
Nysaeer gegen die Libyer, dasselbe was der Titanen- und Gigantenkrieg. Libyer
aber werden die feindlichen Mächte genannt, weil Libyen für das südlichste Land
galt, alles Böse aber vom Südpol herkommen sollte, wie alles Gute vom Nord-
pol. . . Der Kriegszug des Dionysos nach Indien, den der späte Dichter Nonnos
.im ausführlichsten beschrieben hat, spiegelt uns wahrscheinlich jenen ältesten
Krieg der Nysaeer wieder ab". — Viertes Buch: Die Gräbersymbolik
der alten Griechen. — Wir kommen nun zu der vierten Abtheilung:
Die altdeutsche Unsterblichkeitslehre, worüber sich Menzel am
LITTERATUK. 365
Schluß des Vorworts folgendermaßen äußert: „Neu sind im vorliegenden Werke
vorzugsweise auch die Forschungen über die altdeutsche Unsterblichkeitslehre.
Hier war am meisten aufzuräumen. Ich glaube endlich einmal die Verwirrung
der Begriffe beseitigt zu haben, in welcher man sich bisher herumgetrieben
hat, ohne Weg und Ziel zu finden. In allem aber, was ich über die altdeutsche
Unsterblichkeitslehre ermittelt habe, liegt zugleich der Beweis, daß unsere Vor-
fahren wie in der Welt der Thaten, so in der Welt der Gedanken originell
und den bedeutendsten Völkern des Alterthums ebenbürtig waren. Man wolle
also mein Buch den patriotischen Bestrebungen emi-eihen, die mein ganzes
Leben ausgefüllt haben. " Erstes Buch. Das Kechtsverhältniss zwischen
Zeit und Ewigkeit. Den ersten Abschnitt bildet „der Grundgedanke des
deutschen Heideuthums", und hier heißt es so: „Die germanische Glaubens-
lehre schließt ßich in ihren Grundzügen zunächst an die altpersische an. Mit
dem persischen Urgeist Zaruana akarana , der nie handelnd hervortritt, son-
dern die Weltlenkuug zwischen dem guten und bösen Princip, Ormuzd und
Ahiiman, theilt, und dem Altvater der nordischen Edda, der ebenso indifferent
bleibt und für sich erst den bösen Odin, nach diesem aber den guten Baidur
die Welt regieren läßt, besteht eine auffallende Übereinstimmung. Man findet
aber auch eine Anlehnung der nordischen Glaubenslehre an die altägyptische,
wenigstens insofern, als Seb, wie wir oben sahen, den Ägyptern zugleich als
das böse Princip und als die personificierte Zeit galt. Diese Vorstellung kehrt
im nordischen Ileidenglauben wieder; denn auch Odin ist die personificierte
Zeit. In der weitern Ausführung der Grundgedanken weicht aber der Norden
von Persien wie von Ägypten ab und nähert sich der griechisch-römischen Vor-
fitellungsweise. Als die Eömer nämlich mit den Deutschen bekannt wurden,
glaubten sie in deren Hauptgott Odin ihren Mercurius wiederzuerkennen, und
ihre Geschichtschreiber haben ihn auch nie anders genannt. Im Mercur liegt
aber wieder deutlich der Zeitbegriff des Fortschreitens der Zeit im ewigen
Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter. Von besonderm Interesse
ist hier, daß sich die Griechen und Römer ihren Hermes und Mercur ebenso
vorzugsweise schlau und rücksichtslos gedacht haben wie die Deutschen ihren
Odin, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihn nicht zu ihrem höchsten Gott
machten und auch nicht vorzugsweise zu ihrem Heerführer und Kriegsgott."
Weiterhin bemerkt der Verf.: „Der Gegensatz, in welchem Frigg und Bryn-
hildur sich mit Odin befinden, der Gegensatz einer rechtschaffenen Frau und
edeln Jungfrau gegen den Egoismus und die rücksichtslose Willkür des Mannes,
entspricht auf merkwürdige W^eise dem in den griechischen Mysterien, besonders
in den Eleusinischen, vorherrschenden Gedanken, das Recht wurzle im weib-
lichen Principe, Freiheit und Willkür dagegen im männlichen. Ich habe darauf
bei Betrachtung des Mythus von Demeter und Persephone aufmerksam gemacht,
im deutschen Heidenglauben tritt aber der Gegensatz noch deutlicher und
schärfer hervor. . . Derselbe Gegensatz wiederholt sich im VerhältnijS Odin's
zu Baidur. Wenn der letztere ein Sohn Odin's genannt wird, so wird dadurch
nur angedeutet, daß wir uns Baldur's Tod als einen Vorgang innerhalb der
Zeitlichkeit unter Odin's Herrschaft denken sollen. Beide Götter sind einander
im Princip so entgegengesetzt, daß sie wie Oimuzd und Ahriman jeder seinen
besondern Zeitraum beherrschen sollten. Man ließ aber den Baidur noch in
Odin's Zeit leben und sterben, um seinen Tod durch die Nichtswürdigkeit der
GERM.\NIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 25
366 LITTERATUR.
odinischen Weltlierrschaft zu motivieren. Denn Baidur starb aus keinem andern
Grunde, als weil er zu gut für diese Welt Odin's war. Deshalb soll er nun
auch wieder aufleben und die Welt dauernd beherrschen, wenn erst Odin todt
sein wird." Ferner bemerkt Menzel, der größte Unterschied zwischen der ger-
manischen und griechischen Anschauung bestehe darin, daß nach der erstem
die Freuden in Walhalla keineswegs ewig dauern, daß vielmehr alle seine
Genossen mit Odin selbst im letzten großen Weltkampfe untergehen sollen,
Allvater aber einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. Diese Bescheiden-
heit des nordischen Kraftgefühls sei ein schöner Charakterzug des Germanismus ;
man unterschied die Lust des Kampfes, die einen ewigen Werth nicht anzu-
sprechen hat, von dem sittlichen Adel des Helden. Nur diesem letztern kommt
der ewige AVerth zu, und zwar um so gewisser, als er im irdischen Lebeu
unter der Herrschaft Odin's von diesem selbst mit Hass verfolgt und mit Ge-
fahren umringt wurde. Indem am Ende der Zeit der allherrschende böse Odin
untergehen muß, steht der durch den Adel der Seele über das Gemeine er-
habene Held in Baldr wieder auf, und nur deshalb tritt er auch schon im
irdischen Dasein in innige Verbindung mit der Göttin, welche ewigen Ursprungs
und berufen ist, die Zeit und Odin's Herrschaft zu überdauern, doch, so lange
dieselbe währt, unter ihr leiden muß. — In dem Abschnitt „Von der Sonnen-
anbetung" will der Veif. den Cultus der Sonne, als der höchsten weiblichen
Gottheit im deutschen Heidenthum, aus einer „Ungeheuern" Menge von über-
einstimmenden Zeugnissen nachweisen, denn nicht nur fremde, sondern auch
deutsche Gelehrte haben bis auf die neueste Zeit den tiefgreifenden Unter-
schied nicht begriffen, und suchen immer noch männliche Sonnengötter in den
altnordischen Edden und Saga's und in den heidnischen Erinnerungen des
deutschen Volkes. Der Grund, warum man im Süden die Sonne männlich, im
Norden weiblich dachte, liege aber nahe. Im Süden übt die Sonne eine über-
wältigende Macht und erscheinen der Norden und die Nacht mit ihrer Kühle
und ihrem Monde zwar untergeordnet, aber wohlthätig und erfrischend; im
Norden haben umgekehrt Nacht und Kälte das Übergewicht und erscheint
ihnen die Sonne mit ihrer Wärme und Fruchtbarkeit untergeordnet, aber wohl-
thätig und in hohem Grade anziehend. Die Macht wird im Manne, der Liebreiz
im Weibe verehrt. In dem folgenden Abschnitt: „Die Bedeutung der Sonne im
deutschen Heidenglauben", bemerkt der Verf., daß, unter wie vielen außer-
ordentlich verschiedenen Gestaltungen und Namen in den uns erhaltenen schrift-
lichen Denkmalen, in den mündlichen Volkssagen und im Aberglauben die
altdeutsche Sonnengöttin auch vorkommt, sie sich doch alle auf eine einzige
ursprüngliche Bedeutung zurückführen lassen; sie vertritt nämlich überall nur
das Ewige innerhalb der Zeitlichkeit oder das Himmlische im Irdischen. Alle
andern Gottheiten des deutscheu Heidenthums (der unsichtbare Allvater und
der todte Baldr allein ausgenommen, die gar nicht mehr als vorhanden an-
gesehen werden) gehören ausschliesslich der vergänglichen Zeit und dem ver-
gänglichen Raum der gegenwärtigen Welt an und beherrschen sie; nur die
Sonne allein gehört der Ewigkeit und einer höhern bessern Welt im Jenseits
an, welche jetzt mit Allvater und Baldr verschwunden erscheint, und aus der
sie durch eine Verwünschung in die niedere Welt und in die böse Zeit hinein-
gebannt ist, um in aller Noth derselben doch den Menschen Trost und Hilfe
zu bringen und sie stets daran zu erinnern, daß es noch eine höhere und
LITTERATUR. g§7
bessere Welt gibt. Vermöge ihrer Verwünscbung muß die Sonne, so lange die
Zeit dauert, ihren Kreislauf beständig wiederholen, gleichsam eine Gefangene
innerhalb der Zeit und unterworfen dem allmächtigen Zeitgott Odin, der jetzt
unumschränkt allein herrscht, der einst untergehen muß, wenn die Zeit aufhört.
Nur in den heiligen Stunden der Sonnenwenden und Tag- und Nachtgleichen
ist es der Sonne vergönnt, von ihrem mühsamen Lauf ein wenig auszui'uhen,
und dann steht auch die Zeit stille oder ist gar nicht mehr vorhanden, sondern
an ihre Stelle tritt die Ewigkeit und Allgegenwart des Vergangenen und Künf-
tigen. — Zweites Buch: Sehnen und Suchen des Ewigen in der Zeit.
Der erste Abschnitt handelt von „Iduua's Fall vom Himmel". Das Lied von
Odin's Eabenzauber schließt damit, wie am Morgen die Sonne prächtig am
Himmel aufgeht, die Nacht entflieht, und froh und erfrischt steigt Heimdall
nieder zu den Himmelsbergen, Darin ist deutlich ein Zusammenhang zwischen
jenem trostlosen Fall Iduna's und der Sonne trostreichem Wandel ausgedrückt.
Die vom Himmel Verstoßene wird für die Erde eine hilfreiche Göttin. Daß so
unmittelbar auf die Erzählung des Falls die prächtige Beschreibung des Äforgens
und des segnenden Sonnenaufgangs folgt, ist nicht zufällig. x\uch heißt es in
dem Gedichte Str. 6, Iduna sei der Name, den die Göttin bei den Alfen führe,
und Strophe 26 wird die aufgehende Sonne wieder ausdrücklich die Alfen-
bestrahlerin genannt. Iduna wird also Sonne; die jungfräuliche Göttin, ganz
der Pallas Athene ähnlich, steht über allen Göttern, Avird daher von allen wie
fremd betrachtet, Sie kommen in große Noth und Angst und wissen nicht was
sie thun sollen, indeß Iduna sich für sie opfert und von der Weltesche nieder-
steigt, um die Welt zu segnen, welche durch die Sünde der Äsen verdorben
wurde, Sie allein weiß und thut alles, während die Äsen zagen; da fühlen sie
sich plötzlich von höherer Macht ergriffen und fallen in tiefen Schlaf, und als
sie wieder erwachen, sehen sie staunend die Sonne aufgehen, deren Entstehen
und Bedeutung sie nicht kennen. Weiterhin bemerkt Menzel, daß die rauhe
Trude dasselbe Wesen scheine wie die rauhe Else und insofern mit Iduna
identisch ist, als auch diese im rauhen Kleide, im Wolfspelz eingehüllt er-
scheint, nachdem sie vom Himmel herabgefallen. Im Wolfspelz erkennen wir
die Wolfsgestalt wieder, welche Leto, die Urnacht, annahm, als sie aus dem
Lande der Hyperboreer jenseits der Nordwinde flüchten mußte, um im Osten
die Lichtgötter, Sonne und Mond, zu gebären. Derselbe Mythus sogar mit dem-
selben Namen kehrt wieder in einem böhmischen Märchen bei Waldau S. 502
und so noch in vielen andern Mäichen und Sagen, z. B. bei Grimm No. 65
„Allerlei rauh" u. s. w. Der Sonnengöttin werden wir bald wieder begegnen
so gleich in dem folgenden Abschnitt „Lufthildis", in deren Sage der schlafende
Kaiser wie der im Kyffhäuser und im Uuterberge nichts anderes als den schlafen-
den Chronos, den nordischen Allvater, den in der Zeitlichkeit latenten Gott der
Ewigkeit bedeutet, Lufthildis, deren Name eine Hilde oder Kämpferin der Luft
anzeigt, ist die Sonne, welche während der Zeitlichkeit umläuft und den um-
laufeneu Raum beherrscht: als Spinnerin spinnt sie alle Lebensfäden an und
webt der Erde ihr Kleid, Ihre Spindel ist der Pflug, den die Mutter Perchta
um die Erde zieht mit dem unzähligen Volke der Heimchen , d. h, der Keime
und Saaten; der Hirsch ist das Sinnbild der Zeit. Nun wird auch das Sinnbild
des großen Spinnrockens am Himmel (das Sternbild des Orion) deutlicher.
Während im Nordpol am Himmel Allvater schläft, bewegt sich jener himmlische
25*
368
LITTERATUR.
Spinnrocken im weiten Kreise um ihn her; während die Ewigkeit in einem
Punkte ruht, l^mschrcibt die Sonne die Kreislinie der Zeit. Beachtenswerth dabei
ist die Güte Lnfthildens, ihre Sorge für die Armen und ihre Heilkunde. Das
stimmt auf das genaueste mit allen unsern zahlreichen Volkssagen von der in
der Verbannung lebenden Sonnengöttin, der guten Spinnerin Bertha, der heil-
kundigen Hildegard u. s. w. zusammen. — In dem Abschnitt „Freyja" äußert
sich der Verf. dahin, daß das gothische Wort fr au ja die Frau, überhaupt die
Herrin bedeute, und insofern die Liebesgöttin Freyja und die Gemahlin Odins,
Frigg, zusammenfallen; sie sind beide Herrinnen, aber in verschiedenen Gebieten.
Indem man sie miteinander verwechselt habe, sei viele Verwirrung in die Er-
klärung ihrer Mythen gekommen, hauptsächlich dadurch, daß man geglaubt
liat, in ihrem Geliebten Odur oder Ottar sei Odin versteckt und insofern Freyja
auch mit der Frigg ursprünglich identisch. Das sei eine falsche Auffassung;
man müsse das Götterpaar Odin-Frigg ganz bei Seite lassen, wenn man den
Begriff der Freyja richtig fassen wolle; der Umstand, daß in nordischen Quellen
einigemal von der Frigg und Freyja dasselbe erzählt werde, obgleich es nur
auf eine passe , sei durchaus nicht maßgebend. Als Endeigebniss der Unter-
suchung zeige sich, daß Freyja, eine Vanin und ursprünglich den nordischen
Äsen fremd, neben Freyr wie Köre neben Koros von südlichen und acker-
bauenden Völkern verehrt, in einer unbekannten Zeit von den nordischen Völkern
adoptiert und auf die Sonnengöttin übertragen wui-de. Das ewige Wesen in der
Sonne verliert von seiner Reinheit und nimmt einigermaßen zeitlichen Charakter
an, indem sie gerade im höchsten Sonnenstände ihre meiste Gewalt in der
Natur ausübt. Das hindert aber nicht, daß in Freyja auch wieder jener ewige
Charakter festgehalten wird ; ihr Verhältniss zum verlorenen Odur ist unter
anderm Namen nun ganz dasselbe, wie das der Nanna zum verlorenen Baidur.
Endlich geht Freyja aus ihrer ursprünglich untergeordneten Stellung als Vanin
weit hinaus und wird unter dem Namen Hacberta die höchste Gottheit selbst,
über allen andern Göttern erhaben und unter dem Namen Valfreyja als Königin
der Walkyrien oder als die Fee Morgane die von allen andern Göttern unab-
hängige Beschützerin der edelsten menschlichen Helden, wie Pallas Athene bei
den Griechen. Dieses Ineinanderschieben so vieler Namen und Begriffe dürfe
eben nicht befremden, denn es seien doch nur alles Nebenbegriffe, abgeleitet
aus dem alleinigen Begriffe der Sonne. — Drittes Buch: Die Erlösung
am Ende der Zeit. Nachdem der Verf. bisher die mythischen Vorstellungen
verfolgt hat, die sich auf den Lauf der Sonne beziehen, so kommt er hier
auf die zahlreichen andern zu sprechen , in welchen die Sonne als an einem
bestimmten Punkt des verlorenen Geliebten harrend gedacht ist; so handelt
der zweite Abschnitt von der „verwünschten, auf ihren Erlöser harrenden Jung-
frau", und der Verf. bemerkt in dieser Beziehung, daß das Wesen der betreffen-
den Göttin „bisher noch niemals richtig erkannt, die überwältigende Menge
von Beweisstellen, wie er sie im gegenwärligen Werke vorlege, noch niemals
zusammengeti-agen wurde". Über Menglöd und Fiölsvinnsmäl bemerkt der Verf.,
daß die harrende Jungfrau niemand anders sei als jenes Wesen, das wir schon
als Iduna, Nanna und Brynhild kennen, und das Lied uns in die Zeit versetze,
in welcher Iduna's Verbannungszustand endet, sie axis der Zeitlichkeit befreit
und zur ewigen Heimat zurückgeführt wird. Ihr Erlöser aber ist der lang-
ersehnte Geliebte, nicht mehr Skirnir noch auchSigurd, sondern Baldr, der ein-
I^ITTERATUR. 369
zige Gott, der die andern überleben wird. — Viertes Buch: Altdeutsche
Grräbersymbolik. — Demnächst folgt die fünfte und letzte Abtheilung:
Die Apotheose ein ausschliesslich griechisch-germanischer Ge-
danke. Hier äußert sich der Verf. in Bezug auf Sigurd dahin, daß er, das
germanische Ideal eines Jünglings, sich von Achilleus dunh schwerere Arbeiten
und Kämpfe unterscheide und darin dem Herakles näher komme, sich aber von
beiden durch sein Verhältniss zu der großen Blutrache unterscheide, die nach
der germanischen Weltansicht die ganze Weltgeschichte durchläuft, mit ihr
beginnt und endet; diese Blutrache aber ist Buldr"s Mord für Ymir's Mord,
sowie der Mord Sigurd's die Blutrache ist für den Otr"s. Der Gedanke, wenn
die Zeitlichkeit bestehen sille, müsse, was in ihr das Piincip des Ewigen in
sich trägt, hingeopfert werden, scheint tief in Gemüth und Sitten eingeprägt
gewesen zu sein. Für die Materie (Ymir) muß der Geist in seiner höchsten
Reinheit und Schönheit (Baldr), für das gemeine Lebensbedürfuiss (das Gold,
Otr) das höchste Ideal menschlicher Unschuld, Reinheit und Gottähnlichkeit
(Sigurd) geopfert werden. Sigurd's Arbeiten und Kämpfe sind noch niemals
richtig verstanden worden. Der Grundgedanke ist: Sigurd, als der wahre Ver-
treter und das Ideal menschlichen Heldenthums, berührt den Himmel und die
Hölle, dringt mit seinem angeborenen Heldenmiah bis zur Höhe des Himmels
und in die tiefe Nacht der Erde, um dort wie hier sich das Herrlichste und
Köstlichste anzueignen. Die Sage, deren Gunnar eine andere Form für Loki
ist, hat in die Heldenzeit versetzt, was ursprünglich Göttermjthus war, — In
dem letzten Abschnitt dieses Buches und des ganzen Werkes wird über die
Fee Morgana bemerkt: „Wie sich das Gegenbild zu Brynhilldur an den Ge-
staden der Nordsee ausgebildet hat, ob vielleicht unter keltischem Einfluß, ist
nicht mehr zu ermitteln. Gewiß aber ist, daß die Fee Morgana in einem rei-
chen keltisch-germanischen Sagenkreise ebenso edel als Brynhilldur und ebenso
besorgt um den höchsten Adel menschlichen Heldenthums wie sie, doch zugleich
im Besitze höchster und unumschränkter Macht ist und keinen bösen Gott neben
sich mehr zu fürchten hat. . . Sie ist wahrscheinlich die Sonnengöttin, aber das
ewige Princip in der Sonne, während das zeitliche Princip in dieser im Wechsel
von Sommer und Winter, Tag und Nacht in andern mehr leidenden Sonnen-
göttinnen personificiert ist. . . Da sich die Luftspiegelung am häufigsten am
Morgen zeigt, bedeutet der Name der Göttin auch wohl nur einfach den Mor-
gen. . . Was die edle Brynhilldur für Sigurd, das ist die Morgane für den Ogier
von Dänemark, der auch Olger Danske heißt. . . Es scheint sich hier von sehr
alten und wohl später vielfach umgemodelten Erinnerungen zu handeln. Däne-
mark dürfte schwerlich die Heimat des Helden sein. In dem Wort Danske liegt
vielmehr der Begriff eines mit der Geisterwelt in Verbindung kommenden Hel-
den, wie der Temmringer, Ritter Tynne, der Tannhäuser, Thomas von Ercel-
doune etc. beweisen. Im Namen des irischen O'Donoghue sind die Namen Danske
und Ogier nur versetzt *). . . Die Namen führen weit zurück in die dunkelsten
Erinnerungen der Vorzeit unserer Urväter in Asien. Am auffallendsten ist eine
persische Erinnerung." Dies ist die Sage von Thamuras oder Thahamurath,
die der Verf. bereits Bd. I S. 220 besprochen hat und auf die ich unten des
weitern zurückkomme, weshalb ich hier auch noch den auf dieselbe bezüglichen
*) Warum hat M. nicht auch angeführt, daß die Todten gr. Jävot, heißen?
370 LITTERATÜR.
Schluss des ganzen Werkes mit Auslassung weniger Worte vollständig mittheilen
will. „Es ist gewiß merkwürdig, heißt es daselbst, daß die Vorstellung von einer
himmlischen Huldgöttin, die einen Sterblichen liebt und, wenn er es verdient,
in ihren Himmel emporzieht, sich auch sogar in Märchen des Orients wieder-
holt. Sie sind wohl nicht erst aus dem Abendland entlehnt, sondern, wie die
altpersische Sage von Tamureh beweist, wenigstens bei den tapfern Stämmen
Mittelasiens, von wo Griechen und Germanen ursprünglich herkamen, einheimisch-
Es scheint in der Natur selbst zu liegen, daß heroische Völker oder wenigstens
das heroische Zeitalter eines Volkes auf solche Vorstellungen fallen müssen.
Irdischer Lohn und Ruhm scheint zuweilen zu gering, um den würdig belohnen
zu können, der mehr vollbracht hat, als der gewöhnliche Mensch vermag. Aus
diesem Gefühl ging die Apotheose des Herakles und Achilleus hervor, und
warum sollte dasselbe Gefühl nicht auch im Orient Helden durchdrungen haben?
Die poetische Vorstellung von der die Helden schirmenden Huldgöttin hatte
aber auch noch ein anderes Motiv , wie es in der nordischen Sage von Bryn-
hilldur vorliegt. Gegenüber dem offenen Unrecht, welches von den die Zeitlich-
keit beherrschenden Göttern und Königen begangen wird, besteht ein uralter
Bund zwischen sterblichen Helden, die sich gegen das Unrecht empören, und
der jungfräulichen Göttin des ewigen Rechts, das zwar durch übermächtige
Bosheit im zeitlichen Leben unterdrückt werden kann, doch alles Zeitliche über-
dauern wird. Solchen heroischen Gefühlen waren auch die kriegerischen Völker
des Orients keineswegs verschlossen. Wenn sie auch mit dem verhältnissmäßig
später zur Herrschaft gelangten religiösen Systeme der Brahmanen, des Budd-
hismus und des Islam nicht übereinstimmen, so haben sie sich doch durch
Überlieferung in der Märchenpoesie fortgepflanzt. Die Tradition geht wohl zu-
meist auf skythische und altpersische Vorstellungen zurück. Die Perser waren
ein Heldenvolk wie die Germanen, und vieles von ihnen ist in die heroische
Poesie der Muhamcdaner übergegangen. So die Lehre von den himmlischen
Schutzgeistern, welche die muhamedanische Poesie unter dem Namen der Peri
noch immer als mächtige Feen kennt, ganz ähnlich der abendländischen Fee
Morgane. Es gibt eine gute Anzahl morgenländischer Märchen, in welchen die
den jungen Helden beschützende Fee als Königin des Himmels in der freiesten
und machtvollsten Stellung erscheint. AVeil aber diese Märchen nur zur Unter-
haltung der Damen in den Haremen aufgezeichnet und umgearbeitet wurden,
so enden sie gewöhnlich damit, daß die hohe Himmelskönigin sich gutmüthig
herablässt, dem sterblichen Manne in seinen Harem zu folgen und die Zahl
seiner Weiber zu vermehren. . . Diese trivialen und eigentlich absurden Schluss-
scenen, mit welchen die spätem morgenländischen Dichter die schönen alten
Märchen verunstaltet haben, sind sichtbar nur aufgeklebt, und ein edleres
Original läßt sich immer deutlich trotz de;- Übertünchung erkennen."
Hiermit schließt das Werk , von dem ich im Vorstehenden eine ge-
drungene Übersicht gegeben, sowie dabei einige charakteristische Stellen her-
vorgehoben und meist wörtlich mitgetheilt habe. Man wird daraus auch unter
anderm ersehen, daß dasselbe sich mit der frühern Arbeit Menzel's über „Odin"
sehr oft berührt und auf darin ausgesprochene Ansichten zurückkommt oder
sie weiter entwickelt, so daß beide Schriften sich dann gegenseitig ergänzen,
was deutlicher hervorträte, wenn der „Odin" irgend ein Inhaltsverzeichniss oder
Register besässe. Außerdem wird man leicht ersehen haben , daß in der vor-
LITTERATUK. 371
liegenden Arbeit, abgesehen von der sehr willkommenen Zusammenstellung der
unter den verschiedenen Völkern des Alterthums über den behandelten Gegen-
stand herrschenden Vorstellungen , von dem Verf. auch mancherlei neue An-
Bichten über dieselben mitgetheilt sind , obwohl im Obigen sie nicht sämmtlich
haben berührt werden können. Ob dieselben auch als begründet erscheinen,
darüber wird man freilich zuweilen verschiedener Ansicht sein; auf einen
Umstand aber muß ich hier aufmerksam machen, der dabei in Betracht kom-
men muß, insoweit nämlich jene Ansichten des Verf. durch Anführungen aus
mancherlei Schriftstellern gestützt sind. Nun ist es fast unmöglich, die große
Zahl von Citaten, die sich gewöhnlich in gelehrten Werken vorfinden, zu con-
trollieren; und auch im vorliegenden Falle habe ich nur hin und wieder, wo
auffällige Thatsachen oder Umstände mitgetheilt waren, dieselben in den dabei
angegebenen Quellen nachgesehen, dabei aber oft entweder das Gesuchte gar
nicht, oder etwas ganz Anderes gefunden, was dann allerdings zuweilen auf die
Haltbarkeit der betreffenden Ansichten einen sehr abschwächenden Einfluß haben
muß. Einige Beispiele sollen dies beweisen; so heißt es 1, 51: „Im Hohenlied
6, 10 tönt die Sonne." Davon steht daselbst nichts; bei Luther wenigstens
heißt es: „auserwählt wie die Sonne", und Ernst Meier (Das Hohelied u. s.w.
Tübingen 1854), der da übersetzt „so rein wie die Sonne", bemerkt nichts zu
dieser Stelle. Was es mit dem Psalm 19, 5 „Klang" für eine Bewandtniss hat,
weiß ich nicht zu sagen, da ich keinen Commentar zur Hand habe; Luther
übersetzt „Rede", die englische Bibel hat „words". — 1, 60: „Nach einer
dänischen Sage in v. d. Hagen's Jahrbuch der deutschen Sprache und Alter-
thümer S. 360 erscheint der Mond als ein Käse, der aus der Milch der Milch-
straße zusammengeflossen ist." An jener Stelle (Bd. 1) heißt es aber so: „In
Holberg's Prinzen von Ithaka erzählt ein Kammerdiener der Dido von seiner
Reise durch den Himmel: der Mond schien ihm von dem schönsten holländi-
schen Käse, dabei so dünn als ein Fladen und größer als er gedacht, so daß
unsere Anne Marie mit ihrer breiten Sittsamkeit, zumal im Reifrock, ihn be-
decken könnte; aus der Milch der Milchstraße aber, welche von dem Stier und
der Jungfrau am Himmel gemolken wird, macht man die Käse, um den ab-
nehmenden Mond wieder zu ergänzen." — 1, 67: ,,Glasir heißt der goldene
Wall um die Götterburg der nordischen Aseu. Skaldskaparmäl." Ebenso schon
im ,,Odin" 267. In der angeführten Stelle steht jedoch: ,,In Asgard vor der
Pforte Wallhalls steht ein Hain, welcher Glasir heißt (I Asgardi firir durum
Valhallar stendr lundr, sä er Glasir kalladr)." — 1, 89: „Auch Strabo VII,
341 kennt den Garten des Phoibos am' Quell der Nacht, da wo Boreas die
Orithyia entführte"; ferner 1, 93: „Daß wir den Sitz dieses Urgotts (Chronos)
im höchsten Äther am Nordpol suchen müssen, erhellt aus Strabo VII, 143";
ebenso schon Odin 320. Die pp. 341 und 134 im Strabo des Casaub. befinden sich
im VIII. und III. Buche; dort steht aber nichts; dagegen heißt es VII, 295:
„Sophokles sagt in einer Tragödie in Betreff der Orithyia, Boreas habe sie geraubt
und fortgeführt über das Meer hinweg und über alle Grenzen des Erdbodens und
über die Quellen der Nacht "und die Schluchten des Himmels und über den
alten Garten des Phoibos." (ZocpoK?.t~^ tguyioöti: nsgi rrjc; 'Slgi&viag Xsyoov , w^
dvccQTtayiica vno Bogsov Y.o^iaQii'r] Tnio re itövxov va.vx lii iG%axa jj-doroj,
NuxTOg zf 7ir]yüg ovgavov z otvanzvxuii ^ot'ßov xs naXaiov yi^nov.) — 1, 94 f.:
„Plutarch in der Abhandlung vom Mondgesichte 26 zählt drei Inseln nordwestlich
372 LITTEKATUR.
von Britannien. Auf der einen, Ortygia, schläft Chronos in einer tiefen Höhle. . .
Er wird einst erwachen und das goldene Zeitalter zurückbringen". Von einem
Bolchen Erwachen u. s. w. ist an jener Stelle des Plutarch nicht die Rede. —
1, 95. „Nach der englischen Überlieferung schläft der mythische König Arthur
auf der Insel Avalen und wird einst erwachen, um sein Volk zu erlösen. Ecker-
mann, Kelten II, 250." Menzel kommt noch mehrmals auf den schlafenden
Arthur zurück, so 2, 377, wo dazu auf Gerv. Tilb. otia imp. 17 und Usserius
brit. eccles. antiqu. 273 verwiesen ist. Das Citat auf Gervas. muß auf einem
Irrthum beruhen; an der in Rede stehenden Stelle (1, 95) wird zur Verglei-
ehung auf Gilbert (1. Gerv.) Tilb. bei Leibnitz scr. rer. Brunsv. 1, 921 ver-
wiesen (dies ist die Odin 329 f. angeführte Stelle Gerv. Tilb. II, 12; in
meiner Ausg. S. 12), wo zwar von Artus, aber nicht von dessen Schlaf die
Rede ist. Die Stelle aus Usher steht bei San Marte Gottfried von Monmouth
S. 426, und auch da ist von keinem Schlafe Arthur's die Rede. Eckermann
spricht zwar auch nicht von demselben, aber doch von Arthur's Bezauberung
durch die Fee Morgane, und verweist auf Amadis de Gaula V, 99. Dies Citat
stammt aus Gräße 2, 3, 162, und da es mir interessant dünkte, die Original-
stelle kennen zu lernen, ein Esplandian aber in Lüttich weder im Original
noch in der Übersetzung aufzutreiben war, so wandte ich mich deshalb nach
Stuttgart an Kausler, der mir freundlicherweise Folgendes mittheilte: „Eine
spanische Ausgabe ist auch hier nicht vorhanden, und so gebe ich die Stelle
nach einer alten italienischen Übersetzung „Le proezze di Splandiano che
seguono ai quattro libri di Amadis di Gaula suo padre" s. 1. et a. (die Druck-
erlaubniss ist jedoch vom Senat zu Venedig 23. Oct. 1550 ertheilt), und die
Stelle steht am Ende von cap. 95 (nicht 99, welches nicht vorhanden ist) wie
folgt: „(Die Zauberin Urganda beschwört aus den drei Zauberbüchern, die
sie hat, von einem Thurm der Isola ferma einen furchtbaren Sturm herauf)
ende si estirpö di terra quel gran castello con tutto quello spacio doue era
r arco de gli leali amanti, e leuossi si in aria; e fatta tosto una grande aper-
tura e uoragine ne la terra, se ne uenne, e calö giü quel gran castello insino
a r abisso, doue restarono incantati tutti que' gran Prencipi, senza restarli niun
de' lor sentimenti; ma di loro haueva ben quella gran sauia Vrganda cura,
perche gran tempi poi le fece la fata Morgana intendere , come ella teneua
incantato il Re Artu suo fratello, e la certificaua, ch' egli doueua di nuouo
ritornare a regnare nel suo regno de la gran Bretagna, e che in quel tempo
stesso ritornarebbono anche al mondo quel Imperatore [i. e. Splandiano] e quelli
gran Re, che seco [i. e. coli' Imperatore] erano per ricuperare col Re Artu
tulto quello che haueuano i Re Christiani successori della Christianitä perduto."
Diese Bezauberung Arthurs ist allerdings nun wohl ein Zauberschlaf und stimmt
also in diesem Punkte wenigstens mit der von mir zu Dunlop S. 541* an-
geführten, muthmaßlich walisischen Sage, nach welcher Arthur in einer Höhle
schlafen soll, über deren Authentie ich jedoch nichts Näheres anzugeben weiß;
vgl. Gervas. S. 263 Nachtrag zu S. 151. Keinesfalls aber schläft Arthur „in
der Glasbnrg auf der seligen Insel" Menzel 1, 246. — 1, 181: „Gilbert
(1. Gervas.) bei Leibnitz scr. rer. Brunsv. I, 987 (1. 988) erzählt, ein Frauen-
zimmer, welches Aale gegessen, habe plötzlich Alles sehen können, was unter
Wasser war." An der angeführten Stelle (p. 38 f. meiner Ausg.) erzählt eine
yon den draci (Flußgeistern) der Rhone geraubte, aber nach mehreren Jahren
LITTERATUR. 373
unbeschädigt zurückkehrende Frau, die unten Ammendienste verrichtet hatte,
„cum uno aliquo die pastillum anguiliarem pro parte dracus nutrici dedisset,
ipsa digitos pastilli adipe linitos ad oculum unum et unam faciem ducens,
meruit limpidissimum sub aqua ac subtilissimum habere intuitum". — 1, 237:
„Die Kuh, in der nach Piutarchs Isis 39 Gott Osiris soll begraben worden
sein." Bei Plut. steht nichts der Art, wohl aber bei Steph. Byz. s. v. Bov-
aiQig. — 1, 246: „Die alten Kelten oder Gallier glaubten an Unsterblichkeit. . .
sie gaben ihren Todten Schuhe mit für die Reise in die Unterwelt. Scott min-
strelsy II, 357. Grimm Deutsche Myth. 795." Grimm führt die betreffende
Stelle aus Scott an; sie findet sich (wie ich ergänze) in der Einleitung zu „A
Lyke-wake dirge" und die Nachricht bezieht sich auf die Zeit der Königin
Elisabeth. Wie dem aber auch sei, jedenfalls sind die Bewohner von Yorkshire,
von denen an jener Stelle die Rede ist, weder Gallier noch Kelten. — 2, 25:
„In der Wintersonnenwende singen die Musen im Sonnengarten des Apollo hoch
im Norden und feiern die Wiedergeburt des Jahres. Diodor II, 47." Von den
Musen und ihrem Gesang im Sonnengarten steht nichts bei Diodor, wie aus
der von Menzel selbst 1, 87 f. angefülirten Stelle erhellt. Dasselbe Versehen
wiederholt sich 2, 154. — 2, 27: „Deshalb sagen andere Quellen auch, Perse-
phone' habe einen Stier geboren. Clemens von Alexandrien admonitio p. 11.
Arnobius V, 11." Bei Clemens steht dies nicht, wohl aber bei Arnobius. —
2, 39: „Wie also bei den Ägyptern die besiegten Schaaren des Seb und bei
den Indern die des Mahishasura zur Strafe der Seelenwanderung verurthcilt
wurden, so auch bei den Griechen die Titanen, nachdem sie von Zeus be-
zwungen worden waren. Dio Chrys. orat. 30. 550;" vgl. 2, 42: „Auch die
oben erwähnte Nachricht, nach welcher die Seelenwanderung eine Folge des
Titanensturzes gewesen sein soll, scheint nicht ursprünglich griechisch gewesen
zu sein." Gewiß nicht, da bei Dio Chrysostomus nur gesagt ist, daß die Men-
schen als Abkömmlinge der Titanen (nämlich des Deukalion) während ihres
ganzen Lebens von den Göttern gezüchtigt würden ; sonst steht dort durchaus
nichts weiter. — 2, 115: „In Sikyon wurde Dionysos als Weib angebetet.
Clem. von Alex, admon. p. 25." Das sagt Clemens nicht, sondern nachdem er
den Dionysios xo<(>oxl)tt).r]<; erwähnt, fügt er hinzu, daß die Sikyonier den Dio-
nysos anbeten, membris cum piaeficientes muliebrihus. {Ei-Ai^avoL tovtov itQOG-
v.vvovav . enl zwv yvvoci-Af^imv rd^civzsg xov dtövvaov uoqi'wv, ecpooov aia^ovg
■Kai Tjjs vßQswe a&ß(y^o7'rse ^QX^ijöv.)'" — 2, 339: „Der römische Name der
Athene ist Minerva, erscheint aber mit dem der Athene und Iduna verbunden
in der Minerva Itonia, bei Stephan. Byz. p. 429. Diese Göttin war als Patronin
der Köotier zu Iton hoch verehrt. Strabo III, 639. IX, 438." Bei Steph. Byz.
findet sich der römische Nnme s. v. Ixwv nicht angegeben; auch das Citat
Strabo III, 639 ist zu streichen und statt 438 zu setzen 435. — 2, 368:
„Die eckelhafte Rache, die derselbe (Mcnelaos) nach Lukian Wahre Geschichten II,
25 an der Helena nimmt." An dieser Stelle (2, 26) ist von der Strafe die
Rede, die Rhadamanthys (nicht Menelaos) den Entführern der Helena auferlegt,
nicht aber dieser selbst, was auch bei der Natur der Strafe {sv. xäv nidoKov
A^aai;) unmöglich gewesen wäre. — 2, 378: „Die Insel (Avallon) wird von
Pseudo-Gildas als paradiesisch geschildert. . . . Hier regiert Morgane als die
jungfräuliche Königin (regia virgo) und als die Schönste unter den Schönen .. .
und \cm ihr soll einst wie des Artus Wiedergenesung, so die Heilung aller
374 LITTEKATÜK.
Wunden der Zeit und die Wiedergeburt in der Ewigkeit bewirkt werden. San
Marte a. a. 0." Von letztern Umständen steht durchaus nichts an jener Stelle
(Gottfr. von Monmouth S. 426 nach Usher), wo es blos heißt, daß die unge-
nannt bleibende königliche Jungfrau, nachdem sie Arthur geheilt hat, sich mit
ihm verbindet und dort noch mit ifeaa zusammenlebt (Immodice laesus Arthuru»
tendit ad aulam — Regis Avallonis, ubi virgo regia vulnus — lUius tractans,
sanati membra reservat — Ipsa sibi, vivuntque simul, si credere fas est). Bei
dieser Gelegenheit will ich bemerken, daß die älteste Erwähnung von Arthurs
Versetzung nach der Insel Avallon bei Layamon V, 111 p. 144 vorkommt:
„Und ich will nach Avallon fahren zur holdseligsten aller Jungfrauen, zu der
Königin Argante, der sehr schönen Elfin." (And ich wuUe uaren to Aualun; - —
to uairest alre maidene, — to Argante peve quene; — aluen swide sceone).
Man bemerke, daß Morgane hier Argante heißt, und ebenso wenig wie bei
Pseudo-Gildas und sonst noch als Arthurs (Halb-) Schwester, wie es in spätem
Eitterromaneu der Fall ist, bezeichnet wird. Ursprünglich dürfte sie jedoch,
wie mir scheint, identisch sein mit der irischen Kriegsgöttin Morrigan, die
gleich ihren Schwestern sich oft einen berühmten Helden zum Geliebten oder
besondern Günstling erwählte. S. Hennessy in der Revue Celtique. Paris 1870,
No. 1 p. 32 ff.: „The Ancient Irish Goddess of War". — 2, 380: „Da nun
Ogier der Däne in den vielfachen Dichtungen, die ihm im Mittelalter gewidmet
wurden, als ein Liebling der Fee Morgane zuletzt in deren Himmel oder
Paradies gelangt und gleich dem keltischen Arthur im Schlafe von ihr bewacht
wird, um die goldne Zeit des Kitterthums zu erneuern u. s. w. " Ogier erscheint
nirgend als im Schlafe von der Fee Morgane bewacht. — 2, 384 f. Ich habe
die ganze Stelle, die den Schluß des Werkes bildet, bereits oben (S. 370) mit-
getheilt, und muß hier nur bemerken, daß es in der Sage von Thahamurath
(Thamuras s. Menzel, 1, 220. 2, 381), wie sie Herbelot s. v. (Deutsche Übers.
4, 460) erzählt, so heißt: „Nachdem er auf diese Art die Merdschane in Frei-
heit gesetzt hatte, bewog ihn diese Fee zu einem neuen Kriege gegen Hudkonz,
einen andern Riesen, der sein (1. ihr) Feind war. Bei dieser Zwistigkeit fand
der große Thahamurath das Ende seiner Siege und seines Lebens, und hinter-
ließ seinen Nachfolgern das Modell von einer Monarchie, die ihres Gleichen
nicht hatte." Wir sehen also hier, daß Thahamurath auf Veranlassung der Fee
blos sein Leben verliert, keineswegs aber von dieser mit ihrer Liebe beschenkt
oder gar in ihren Himmel emporgezogen wird, so daß alle Folgerungen, die
von Menzel an diese persische Sage geknüpft werden, sich als unbegründet
erweisen. Es wäre also wohl zu wünschen gewesen , daß der Verf. sich eine
größere Genauigkeit bei Benutzung seiner directen oder indirecten Quellen
hätte angelegen sein lassen, zumal wo diese, wie einige der angeführten Bei-
spiele zeigen, nicht unwichtige Punkte betreffen. Ferner wäre es vortheilhaft
gewesen, wenn Menzel von allen so genannten keltischen Quellen ganz und
gar abgesehen hätte, insoweit diese nämlich der frühern, freilich auch jetzt
noch nicht ganz ausgestorbenen Schule angehören, wie z. B. Eckeruiann, de
la Villemarque n. s. w., welche letztern beiden von Menzel nur gar zu oft noch
angeführt werden. Die letzten Arbeiten des trefflichen A. Schulz (San Marte)
zeigen, welche Ansicht er jetzt von jenem Kelticismus hegt, dessen Nichtigkeit
darzulegen er selbst außer andern Forschern wie Wright, Stephens, Nash, Watts
u. s. w. nicht wenig beigetragen. Auch die Etymologien des Verf., von denen
LITTERATUR. ^ 375
oben mehrere mitgetheilt worden und wozu auch gehört ragnarok Rauch der
Recken 1, 140, Mistral 2, 311, vgl. Diez Etymul. W. B. vol. I s. v. Maestro
u. s. w. sind oft unzulässig oder doch sehr gewagt, jedenfalls hätte Menzel
besser gethan sich möglich fern davon zu halten oder doch mit mehr Vorsicht
zu verfahren; es ist dies ein ebenso verlockendes wie schlüpferiges Gebiet. —
Ich komme nun zu einigen weitern Bemerkungen, die sich mir beim Lesen des
Buches dargeboten und die vielleicht nicht ganz unwillkommen sein werden ;
«0 z. B. zu 1, 29: „Schuß in die Sonne" s. A. Kuhn „Der Schuß auf den
Sonnenhirsch" in Zachers Zeitschr. Bd. I bes. S. 91 f. 94 f. — 1, 41: „Die
alten Perser dachten sich den im Norden ihres Reiches aufsteigenden höch-
sten Gipfel des Kaukasusgebirges, Albordj (heute noch Elborus genannt) als
den Urberg, der in der Mitte der Welt bis zum Himmel emporwachse, wo ihr
höchster Gott Ormuzd im ewigen Lichte wohne, von wo Sonne, Mond und
Sterne ausgehen und wohin sie wieder zurückkehren. Schwenck, Fers. Myth.
293. Ritter, Erdkunde VIII, 44." Von den Orkanen und Gewitterstürmen, die
dagegen im Osten, besonders in den Alpenländern des Belur-tagh furchtbar
wüthen, spricht Ritter, Asien VII, 433. Anders nun bei Roskofi" Gesch. des
Teufels 1, 118: „Von Norden kam Frost, Schnee, Wüstenwind, die Schaar der
Räuber; im Westen ging die Sonne unter, da war der Sitz der Finsterniss, des
Todes; wo aus den vulkanischen Gipfeln des Eiburs*) die Rauchsäulen empor-
stiegen, wo verwüstende AA'olkenbrüche niedergingen, wo Fieber und Krankheit
herrschten. Im Osten dagegen, wo die Sonne aufgeht, da wohnten die guten
Geister, hier war der Ort des Lichtes, auf der hohen Kette des Belurtag „der
Berg der Höhe", d. h. der heilige Berg, auf welchen sich der Sonnengott
Mithra zuerst mit siegreichem Glänze setzte. Vendidad XIX, 92. XXI, 20."
Ich will auch gleich hier Menzel 1, 240 hinzufügen: „Nach altper^ischer Über-
lieferung im Avesta opferte das ürwesen Zervana Akarana, das Allumfassende,
um einen Sohn zu bekommen, den er Ormuzd nennen wollte und der eine voll-
kommene Welt erschaflFen sollte. Indem er aber opferte, kam ihm ein Zweifel
an, ob das Opfer auch helfen werde. Und siehe, er bekam zwei Söhne, denn
aus seiner Hoffnung entstand der gute Ormuzd, ans seinem Zweifel aber der
böse Ahriman." Vgl. dagegen Roskoff a. a. 0. 1, 122: „Was Zervanakarana,
die ungeschaffene Zeit, das Eine Urwesen betrifft, von welchem Ormuzd und
Ahriman erst hervorgebracht worden ist, wird dies als eine durch Anquetil's
Mißverständniss in die Zendschriften hineingetragene Meinung erklärt (Vgl. Jos.
Müller, Spiegel, Roth, Brockhaus, Haug). Könnte man es nicht für eine spätere
speculative Zurückleitung auf die Einheit betrachten, die allerdings dem Volks-
bewusstsein fern gelegen? Damit stimmt überein, daß in den altern Theilen
des Zendavcsta Zervan nirgend über Ormuzd gesetzt wird, daß, wie auch Döl-
linger behauptet, Zervan ein der altiranischen Lehre ursprünglich fremdes Wesen
ist". — 1, 86 f. Die Meer- und Himmelsexpeditiouen Alexanders
des Großen, so wie die wahrsagenden Bäume finden sich schon im Pseudo-
kallisthenes 2, 38. 41. 3, 17. Was erstere, nämlich das Hinabfahren in's Meer
in einer Taucherglocke oder einem Glaskasten betrifft, so will ich dabei auf
folgende Stelle bei Schirren, Die Wandersagen der Neuseeländer u. s. w, 1, 127
aufmerksam machen: „Von dem Verkehr zwischen Erde und Unterwelt erzählt
*; Südlich vom Caspischen Meere und verschieden vom Elborus.
376 LITTERAT UR.
eiu eigenthümliches Märchen in den Malayischen Annalen. Rajah Suran , mit
allen Ländern der Erde bekannt geworden, wünscht zu erfahren, wie es unten
in der See aussieht und läßt sich in einem Glaskasten hinabsenken. Er kommt
in ein Land Dega, heiratet des Königs Tochter Putri Mahtab al Bahri und
erzeugt mit ihr drei Söhne. Dann kehrt er auf dem Pferde Sambrani zur
Oberwelt heim." Vgl. S. 175: „Der Glaskasten, in welchem Rajah Suran
sich in das Meer senken läßt, ist die trag wie ein todter Ball sinkende Sonne,
das Ross Sambrani, welches ihn aus der Tiefe emporträgt, die Sonne, welche
in lebendigem Schwung aus der Nacht in die Höhe tritt." — 1, 97: Clement
erzählt in seiner Reise nach Irland, „die Bevölkerung von Aran Mor
glaube, im äußersten Westen liege Hy Brasail, die Insel unter Zaubermacht,
das Paradies der irischen Heiden." Über diese Insel s. K. v. K(illinger), Erin
6, 346; vgl. 3, 161 S. Sie ist es wohl auch, zu welcher die irischen
Mönche auf ihrer wunderbaren Fahrt gelangen bei Gottfr. v. Viterbo p. 78 ff.;
cf. Acta SS. Juni 2, 184. Ferner wird in einer auf der königl. Bibliothek
zu Stockholm befindlichen irischen Handschrift des 7. Jahrb., die aber viel-
leicht noch älter ist, erzählt, wie ein irischer Häuptling einst an einem Baume
in der Nähe seiner Burg einen goldenen mit eben solchen Blumen und Edel-
steinen bedeckten Zweig fand. Er brach ihn ab und nahm ihn in die Burg
mit; während er nun von Jedermann bewundert wurde, trat eine schöne Frau
ein und erhob Ansprüche auf den kostbaren Gegenstand, wobei sie behauptete,
er käme von einer Insel, auf welcher dergleichen Zweige sehr gewöhnlich wären
und Männer und I'rauen niemals alterten. Sie rieth dem Häuptling ein Fahr-
zeug auszurüsten und sie nach der Insel zu begleiten, was er auch that, indem
er ein Schiff mit dreimal neun Männern bemannte. Sie langten auf der Insel
an und hielten sich da einige Zeit auf, wobei sie sich so glücklich fühlten,
daß ihnen die Tage verschwanden, ohne daß sie wußten, wo sie hinkamen.
Endlich kehrte der Häuptling nach Irland zurück , wurde aber von Niemand
erkannt, denn es waren mehr als hundert Jahre verflossen; s. G. Stephens,
Förteckning öfver de förnämsta Brittiska och Fransyska Handskrifterne uti
Kongl. Bibliotheket i Stockholm. Stockh. 1847, S. 18, 19. S. auch Asbjörn-
sen Norske Huldre-Eventyr og Folkesagn. Tredje Udgave. Christiania 1870
S. 337 f. die vortrefflich erzählte Sage: „Skarvene fra Udröst." — 1, 119:
„Der Rabe kommt sogar selbst als Lichtträger vor^ sofern er glü-
hende Kohlen im Schnabel tragen soll. Lyrer Chronik zum Jahr 1191. Diese
Vorstellung scheint zunächst abgeleitet vom blit/ tragenden Adler des Jupiter. "
Der Feuer in sein Nest tragende Rabe findet sich auch im Talmud s. Lands-
berger Die Fabeln des Sophos S. LXXXV. S. über diesen weit ausgedehnten
Sagenkreis bes. Ad. Kuhn Herabkunft des Feuers u. s. w. und dazu meine
Bemerkungen in Pfeiffers Germania 5, 122; Eberts Jahrb. für roman. und
engl. Litter. 3, 155: füge hinzu Pröhle Unttrharz. Sagen No. 49, Gräße Sagen-
schatz des Königr. Sachsen No. 288, Wuttke Deutscher Volksaberglaube §. 151
(2. Aufl.) — 1, 168: „Die wilde Jäger in Gurorysse mit dem Schlangen-
schwanz." Über diese durch ein Mißverständniss Grimms entstandene Benennung
der Guro Rysserova (d. h. Gudrun Stutenschwanz) s. meine Bem. in der Anzeige
von Simrocks Mythol. 3. Aufl. zu S. 195 (hier oben S. 215). — S. 170. 172.
Verkleidung der Männer in Weiber und umgekehrt. S. meine Bem.
Heidelb. Jahrbücher 1868, S. 96. — 1, 221. Bei Gelegenheit der aus
LITTERATUR. 377
Borrow's bekanntem Werke über die Zigeuner angeführten Sage vom Ursprünge
derselben, fragt Menzel, ob nicht dabei an den Sieg des Themuresh über die
Diws gedacht werden dürfe und an die uralten Kriege der beiden ältesten Cultur-
völker in Babylon und Ägypten. Ich jedoch sehe darin weiter nichts als eine aus der
englischen Benennung der Zigeuner (nämlich Gipsies für Egyptians) unter
diesem Volke selbst zur Verherrlichung ihrer Abstammung entstandenen Sage. —
1, 2G4. Daß in der Befreiung der schönen Sita aus der Gewalt des
bösen Riesenkönigs Ravana durch den Königssohn Rama „die Befreiung der
Vegetation und insbesondere der Saaten aus der schrecklichen Gewalt des Winters
zu verstehen sei, leuchtet ein, wenn man erwägt, daß die frommen Indier das
jährliche Fest der Befreiung Sitas im April feiern." Vom Winter kann eigentlich
in Indien nicht die Rede sein, vielmehr von der ausdörrenden Sonnenglut und
deren Bezwingung dui-ch die Monsuns, die aber oft erst Anfang Juli losbrechen.
Ritter, Asien 7, 94. — 2, 12. Jungbrunnen S. meine Bem. in den Gott.
Gel. Anz. 1864 S. 2066 f.; füge hinzu Tylor Urgesch. der Menschheit. Deutsche
Übers. 455 — 8. — 2, 19. In der An m. wird hier die bekannte Antwort der Theano
angeführt in Bezug auf eheliche Umarmung (statt der Worte „dem Feste der
Thesmophorien vorstehen" müßte es genauer heißen: „das Thesmophorion be-
treten" SL'^ ro Osaiiocpogiov v.ärsiat). Es wird nicht unpassend sein, hieibei auf
die mit jener vollkommen übereinstimmende Ansicht Miltons hinzuweisen in der
schönen Stelle Parad. Lost 4, 736 bes. v. 758 — 9: „Far be it, that I should
write theo sin or blame — Or think thee unbefitting holiest place — Perpetual
fountain of domestic sweets etc." — 2, 29: „Persephone durfte die
Unterwelt nicht verlassen, nachdem sie eine Granate gegessen."
S. meine Bem. oben S. 218 zu Simrocks Mythologie S. 427. — 2, 46. Eros
und Psyche und 177 Zeus und Semele. Die ursprüngliche Identität dieser
beiden Älythen habe ich nachgewiesen in Ad. Kuhn's Ztschrft. 18, 56 ff. und
dann auch in den Heid. Jahrb. 1869 S. 502 gezeigt, daß erstere Mythe sich
auch in Südafrika bei den Zulu's findet. Der ursprüngliche Sinn derselben
war sicher ein anderer als der ethische, welcher erst später hineingetragen
wurde. — 2, 99 Zusatz dazu auf S. 394: „Dionysische Vor Stellungen kehrten
noch bei den ersten Christen in Rom wieder. In den Katakomben des h. Petrus
und Marcellinus feiern die Seeligen ein Gastmahl." Dergleichen grobsinnliche
Vorstellungen von Schmausereien und Tanzfesten im Himmel fanden sich noch
im christlichen Mittelalter (s. meine Anzeige von Simrocks Lauda Sion in den
GGA. 1868 S. 1426) und werden auch jetzt noch angetroffen (so z. B. heißt
es in einem schlesischen Volksliedcheu: „Und im Himmel is gutt laben [d. h.
leben], da gibts lauter Kuch' und Baben" u. s. w.). Auch das ewige Allelujasingen
und Harfenieren der Engel im Himmel, wovon in den Kirchenliedern so oft
die Rede ist, bietet eben nur eine sehr sinnliche Vorstellung. — 2, 144:
„Edle Geschlechter, die den Schwan zu ihrem Stammvater machten, wollten
nicht aus dem Grabe, sondern aus der Quelle des Lichts herkommen." Hierbei
ist aber nicht zu übersehen, daß der Schwanritter nicht eigentlich aus dem
Grabe kommen soll, sondern aus dem Jenseits, dem Lande der Seeligen, und
dieß ist eben „die Quelle des Lichtes" oder „das Naturcentrura", wie es Menzel
nennt; er kommt aber von dort zumal wenn er ein Gott ist, vgl. Simrock
Myth. 286 f. (3. Aufl.). — 2, 153 ff. Die Sirenen. Ein Aufsatz von
F. L. W. Schwartz „Die Sirenen und Hraesvelgr" findet sich in der Zeitschrift
578 MISCELLEN
für d. Gyninasialwesen. Jahrg. XVII S. 465 ff. — 2, 158. „Weder der
indische Gott Wischnu als Mannlöwe noch der männliche Sphinx
der Ägypter, haben die geringste Begriffsverwandschaft mit der weiblichen
Sphinx der Griechen." Dagegen S. 162: ,Apollodor beschreibt die Sphinx,
vor welcher Oedipus steht, als geflügelte Löwin mit einem Jungfrauenkopfe.
Dieser Jungfrauenkopf bezeichnet wahrscheinlich die Göttin Pallas Athene, das
ewig jungfräuliche Licht, welches die Nacht des Todes überwindet und alles
Leben bedingt. Den gleichen Sinn hat aber wahrscheinlich auch der Sperber-
kopf, den zuweilen die ägyptische Sphinx trägt. Der Sperber ist der Vogel
des höchsten Lichtäthers und bedeutet zugleich das geistige Wesen des Lichtes."
Der Sperber aber geht auf Hör (Horus). Anderes von Menzel mit Bezug auf
die Sphinx Bemerkte muß ich hier übergehen. — 2, 237. Umhegung von
Seidenfäden. S. hier oben S. 224 zu Simrock Mythol. 492. — 2, 275 Mai
und Beaflor. Dieß Gedicht gehört nicht in den Sagenkreis der Florentia, son-
dern in den der geduldigen Helena.
Ich komme nun zu der Beigabe jedes deutschen Gelehrtenwerkes, nämlich
den Druckfehlern, von denen hier in den betreffenden Verzeichnissen nicht alle
gebessert sind und ich noch einige erheblichere nachtragen will; so Band 1
S. 17 Z. 4 V. u. 1. Omphalos — 30, 8 v. o. 1. poet. (poeticon) — 41, 17 v.
o. Elborus (hat Menzel bei Elborough an Lord Ellenbor ough gedacht?) —
46, 16 V. u. st. myth. 1. met. — ebend. 10. 11 v. u. st. Grimm D. Myth. 1.
Grimm und Schmeller Lat. Ged. — 52, 14 v. u. Nicomach. — 59, 14 v. u.
primus — 67, 7 v. u. coelum vitreum — ebend 5 v. u. 781 — 89, 18 v. u.
st. 341 1. 295—95, 15 v. u. st. a. a. 0. 1. 1, 37 f. — 125, 13 v. o.
UaupuqTtoQ (Nonnos 41, 277) — 126, 5 v. u. hregg — ebend. 3 v. u. Hildi-
meidher — 200, 5 v. o. Alfquarnar — 244, 10 v. o. Anaitis — 245, 13
V. u. larvae — Bd. II S. 236 Z. 20 v. o. Porale — II 243, 10 v. o. Vry-
maend — II 255, 16 v. o. st. Eleusiuieu 1. Thesmoi^horien — II 282, 8 v. o.
Pedauque.
Nachdem ich nun so auf die mehr oder minder hervortretenden Mängel
verschiedener Art, die ich in vorliegendem Werke zu bemerken glaubte, in dem
Obigen hingewiesen, bleibt mir nur noch übrig, auf die mannigfachen neuen
und jedenfalls zu weiterer Forschung anregenden Ansichten, die darin enthalten
sind, wiederholt zurückzukommen und dem Verf., dem auf zahlreichen Feldern
der Forschung längst bewährten Veteranen, für das so erworbene neue Verdienst
die gebührende Anerkennung zu zollen.
LÜTTICH. FELIX LIEBEECHT.
MISCELLEN.
Luthers Handexemplar seiner Schrift: An die Pfarrherrn wider den Wucher
zu predigen. Wittemb. 1540. 4.
Bekanntlich existieren von der in der Überschrift genannten Schrift
Luthers zwei verschiedene Originaldrucke aus dem Jahre 1540, welche beide
MISCELLEN. 379
aus Joseph Klugs Officiu hervorgiengen *). Schon das Titelblatt zeigt die Ver-
scliiedenheit beider Drucke. Der achtzeilige Titel des einen Druckes ist in
folgender Weise abgetheilt: An die | Pfarrherrn, Wi- j der den Wucher [ zu
predigen. | Vermanung | D. Mart. Luth. [ Wittemberg. | M. D. XL. Der andere
Druck hingegen hat 9 Zeilen: An die | Pfarrherrn Wi- | der den Wu- | eher
zu predi- | gen. j Vermanung D. ] Martini Luther. | Wittemberg. | M. D. XXXX.
Die Titeleiufassung (ein Holzschnitt: in den vier Ecken, von Kreisen um-
schlossen , die Embleme der vier Evangelisten, zwischen den beiden obern
[Mensch und Löwe = Matthäus und Marcus] der Apostel Petrus, zwischen den
beiden untern [Stier und Adler = Lucas und Johannes] der Apostel Paulus,
in den beiden Seitentheilen der Papst, zwei Bischöfe und ein Kirchenvater)
ist zwar bei beiden dieselbe, doch ist die des ersten Druckes bedeutend klarer
und deutlicher, als die des zweiten. Auch in der Bogenzahl weichen beide
Ausgaben von einander ab, indem erstere nur 11 Bogen (Sig. A — L, letzte
Seite leer), letztere dagegen 12 Bogen (Sig. A — M, letztes Blatt leer) stark ist.
Beide Ausgaben gehören gerade nicht zu den seltensten der Schriften
Luthers; letztere befindet sich z. B. in der Waisenhaus-Bibliothek zu Halle,
in der Wernigeiödischen Bibliothek, auch in der meinigen; erstere hingegen in
der Marienbibliothek zu Halle und in der Universitäts-Bibliothek zu Gießen.
Gleichwohl besitzt die letztgenannte Bibliothek in ihrem Exemplare der in
Eede stehenden Schrift einen werth vollen Schatz, denn dasselbe enthält eine
ansehnliche Reihe von L's. Hand eingetragener Correcturen, muß mithin L's.
eigener Bibliothek entstammen. Gegenwärtig ist es mit mehreren andern L. 'sehen
Schriften zusammen gebunden, welcher Sammelband die Signatur W. 9250 trägt.
Da der zweite Druck diese Corr. , wenige ausgenommen, sorgfältig be-
nutzte, so mag es genügen, hier nur einige der interessantesten folgen zu lassen.
Bl. A iiij*' Z. 8 v. u. strich L. das Wort ausstreichen (in was Oiristus
recht hie antwortet, wollen wir hernach ein wenig ausstreichen) und schrieb deutlich
an den Kand anstachen, gleichwohl hat der zweite Druck anstreichen (sie), an-
stechen uneigentlich für kurz berühren, zur Sprache bringen, begegnet auch
sonst öfter bei L. Vgl. mein Wtb. zu D. Martin Luthers deutschen Schriften
I, l02^
Bl. B j" Z. 13 V. 0. sollte nach ertrencken noch erhencken eingeschaltet
werden, was nicht geschehen ist.
Bl. B ij" Z. 1 7 f . V. 0. heißt es also kan itzt niemand mehr louchern, geitzen
noch böse seien, welche Stelle nach L's. Correctur lauten sollte: also kan itzt
niemand mehr Wucherer, geitzig noch böse sein (von wuchern strich L. das n und
setzte dafür er, von geitzen en und schrieb ig dafür an den Rand), der zweite
Druck änderte zwar touchern in Wucherer, ließ aber geitzen stehen.
Bl. B iij" Z. 4 V. u. wollte L. vor derselben noch denn eingeschoben
haben ; ebenso
Bl. B iij Z. 10 V. 0. nemlich vor das leihen. Ist beides nicht geschehen.
*) Vgl. Bindseil Verzeichniss der Original-Ausg;aben der Lutherischen Über-
s«tzung sowohl der ganzen Bibel, als auch größerer und kleinerer Theile und einzelner
Stellen derselben. Halle, 1841. S. 53'. Irmisclier gibt in der Erl. Ausg. der deutschen
Schriften L's. Bd. 23 S. 282 vier älteste Ausgaben an; wie viele davon Originaldnxcke
sind, läßt sich nach den dort gegebenen Titeln nicht bestimmen.
380 MISCELLEN.
Bl. C j* Z. 11 V. 0. steht am Rand die schuld hundert gülden^ was zwi-
schen mit einem hundert gülden und hezalen eingefügt werden sollte. Nicht corr.
Bl. C ij*" Z. 10 V. 0. ist nach der mal eins (ohne Zweifel durch ein
Versehen des Setzers wegen des nochmals folgenden der mal eins) ausgefallen
solche zween schaden leiden, so Icundte ich der mal eins. Corr., aber köndte st. hindfe,
wie L. schrieb. Ein Beleg dafür, daß auch die Originaldrucke die Schreibung
L's. nicht überall wiedergeben.
Bl. E j* Z. 7 V. u. ist nach tausent ausgefallen so nimpt er ierlich 4 hundert
tausent, was L. an den Rand schrieb. Corr., aber jherlich gedr. S. vorher.
Bl. E ij" Z. 13 V. u. soll nach widergeben eingeschaltet werden oder
schuldig sein wider zu geben. Corr., doch odder st. oder; ebenso
Bl. E iij'' Z. 11 V. u. , wo L. vnd durchstrich und oder an den Rand
schrieb.
Bl. E iiij* Z. 14 V. o. sollte nach ein tausent floren oder zwey eingeschoben
werden vnd nemen von den selben funff oder sechs am hundert, was jedoch nicht
geschehen ist. Ebenso ist
Bl. F j*" Z. 7 V. u. in schendliehe zwar das n gestrichen, aber im zweiten
Druck nicht corr.
Bl. Gr iij'' Z. 16 V. 0. schrieb L. noch das Wort dazu an den Rand,
welches nach etwas eingeschoben werden sollte, dazu fehlt zwar im zweiten
Druck nicht, ist aber vor etwas gesetzt, anstatt hinter dasselbe, wie L. deutlich
durch ein f angedeutet hatte.
Bl. J j* Z. 12 V. 0. setzte L. noch weltlich an den Rand, was zwischen
new und regiment eingeschaltet werden sollte. Ist nicht geschehen.
151. K ij* Z. 7 V. u. müßte vor ein burger den andern noch stehen ein
adel den andern, was L. an den Rand schrieb, aber auch im zweiten Druck fehlt.
Schließlich mag noch bemerkt werden, daß sämmtliche Gesammtausgaben
der Schriften L's. den Text nach dem corr. (zweiten) Drucke haben.
MARBURG. DIETZ.
Beide.
In Germ. IX, 457 sagte ich, daß im Englischen kein Beispiel aufzufinden
sein möchte, worin 'beide' mit drei Gliedern verbunden sei. Wenigstens ist mir
im neueren Englisch kein solches aufgestossen ; doch finde ich im älteren Eng-
lisch bei Hector Boece (1465 — 1536) in seiner „englischen Geschichte", von
der ein Bruchstück in den Vorlesungen Max MüUer's [deutsch von Böttger,
II. Serie 498] citiert wird, folgende dem älteren Gebrauche von 'beide gleiche
Stelle: „Sum had baith heid, feit, and wyngis."
FRIEDBERG i. d. W. FR. MÖLLER.
Berichtigung. S. 135, 20 lies Magschaft; 142, 7 Stöcklein; 152, 11
in der Hölle; 153, 3 v. u. urverwandt; 155, 4 perdere.
DIE NORDISCHE EREXSAGA
UND IHRE QUELLE.
Unter den im skandinavischen Norden existierenden Rittersagen
aus dem Sagenkreise von König Artus und seiner Tafelrunde gibt es
meines Wissens nur noch zwei *), über welche bis jetzt nichts Näheres
bekannt war, die Erexsaga und die Gabonsaga ok Vigoles, von wel-
cher letzteren Nyerup in seinem noch immer wichtigen Buche : Almin-
delig Morskabslsesning i Danmark og Norge igjennem Aarhundreder
Kjöbenhavn 1816 p. 126 ss., Arni Magnussen folgend, die Behauptung
aufstellt, sie sei erst am Ende des 17. Jahrh. nach einem dänischen,
auf unsern Wigalois zurückgehenden Volksbuche abgefasst, ohne jedoch
eine nähere Begründung hinzuzufügen. Da diese Behauptung, wie ich
mich durch eine genaue Vergleichung des isländischen Textes (ent-
halten in Cod. Holm. 47 fol. pap) mit dem dänischen überzeugt habe,
richtig ist, so hat diese Saga, die übrigens auch von Danismen Avim-
melt, für uns nicht den mindesten kritischen Werth, am allerwenigsten
zur Untersuchung über die etwaige Vorlage Wirnt's von Gravenberg.
Weit wichtiger ist aber für uns die Erexsaga, über deren Überlieferung
und Quelle ich mich deshalb im Folgenden ausführlicher verbreiten
will, in ähnlicher Weise, wie ich in dieser Zeitschrift XIV, 129 — 181
über die Parzivalssaga gehandelt habe, in welcher Abhandlung — bei-
läufig erwähnt — leider meinem im Corrigieren damals noch wenig-
geübten Auge eine ganze Anzahl störender Druckfehler entgangen sind.
I. Die Überlieferung der Erexsaga.
Über d(>n verschiedeneu Bearbeitungen der Geschichte von Erec
scheint in Bezug auf die Überlieferung ein gewisser Unstern zu walten.
*) Die im Cod. A. M. perg 573 c. Qn. u. Cod. Holm, chart. 47 erhalteue Saga
Artus Bretakonungs (vgl. Möbiiis, Cat. p. AS^ ^•) hat mit diesem Sageniu-eise nicht das
Mindeste zu thun. Sie behandelt den bekannten Märcheustoff (vgl. Nyerup 1. c. p. 227 s.)
von drei englischen Königssöhnen, die für ihren Vater den Vogel Phönix aus Arabien
holen sollen, da dieser, schwer erkrankt, nur durch den Gesang jenes Vogels Genesung
EU erwarten liat.
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVT.) Jahrp. 26
382 EUGEN KÖLBING
Während die beiden uns näher bekannten Handschriften des französi-
sclien Gedichtes am Schlüsse nachweisHch unvollständig sind, während
Hartmaun's Erec uns nur in der verhältnissraäßig jungen Ambraser
Handschrift und auch hier noch lückenhaft überliefert ist, ist die Erex-
saga im Norden die einzige ältere Saga aus dem Artuskreise, von der
keine Pergamenthandscirift auf uns gekommen ist. Wir besitzen nur
zwei Papierhandschriften mit hie und da modernisierter Sprache.
a) Cod. A. M. 181 chart. fol. auf der Universitätsbibliothek in Kopen
hagen. Sie enthält folgende Saga's: 1. Ereksaga p. 532 — 537 incl.
2. Samsonarsaga fagra p. 538 — 544 incl. 3. Möttulssaga p. 545
bis 548. Dieser Handschrift sind, wenn das Gegentheil nicht be-
sonders augemerkt ist, die im Folgenden- angeführten Stelleu ent-
nommen.
h) Cod. Holm. 46 chart. fol., zuerst beschrieben von A. J. Arwidsson:
Förteckning öfver Kongl. Bibliothekets i /iStockholm Isländska
Handskrifter p. 73, dann von Stephens: Samlingar utgifna of
Svenska fornskrift-sällskapet. Andi'a Delen p. CXXXIX, end-
lich von mir: Riddarasögur, p. IX s., wo specieller über die in
derselben enthaltene Iventssaga gehandelt wird. Ein Facsimile
vom Anfang der Erexsaga nach dieser Handschrift siehe bei Lady
Guest: The Mabinogion Vol. H p. 193. Diese Handschrift ist der
Schreibweise nach entschieden jünger als a, auch meist, bes. was
Namen angeht, verderbter. Doch kann h an manchen Stellen als
Correctiv für a gelten, um so mehr, da beide, nur in Einzelheiten
im Texte von einander abweichend, sicherlich eine gemeinsame
Vorlage gehabt haben, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach
eine Membrane.
H. Die Quelle der Erexsaga.
Die Frage nach der Quelle der Erexsaga ist nicht nur um dieser
selbst Willen interessant; es werden bei dieser Erörterung auch manche
Streiflichter fallen auf das Verhältniss des Crestien'schen Erec zu dem
Gedichte Hartmann's von Aue, das nur einmal gründlich erörtert worden
ist von Karl Bartsch, in dieser Zeitschrift VH, 141—185. Mit Plülfe
dieser auf das Sorgfältigste augestellten Untersuchung, sowie des fran-
zösischen (ed. Imm. Bekker, Haupt's Ztschr. X, 373 ss.) und deutschen
Textes (ed. Fedor Bech. Leipzig 1867) soll nun eine Einzelvergleichung
vorgenommen werden.
Die Einleitung des franz. Gedichtes, v. 1 — 26 incl. fehlt in der
Saga. Dagegen vgl.:
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE.
383
Cr csti en V. 27 SS. Erexsaga.
un ior de pasque, au tens nouel, rat er upphaf jiessai-ar fräsögu, at
h. Caradigaut son chastel Artus konungr sat i sinum kastala er
ot li rois Artus cort tenue. Kardigan het. rat var päskatid, ok
onc si bele ne fu ueue : b^lt p&v inn virduliga si'na hird , sem
' ' vandi hans var til, svk einginn )>6ttist
set hafa slika konungs prydi.
Selbstständig ist im Nordischen die Erwähnung von 12 spekingar:
Med hdnnm vdru XII spekingar hans ok räägjafar , er dagliga. riäti üt.
med hdniim. Hier wird nun gleich Erex aufgeführt, was, abgesehen von
einer kurzen Erwähnung in der Einleitung (v. 19), im franz. Text erst
bei Schilderung der Jagd geschieht. Doch stimmen die einzelnen Züge:
Erexsaga.
Einn af Jieim var sonr llax konungs,
mikill kappi i riddaraskap, fri'dr synum,
ok i)5röttamadr mikill , ei eldri en hälf-
Jiritugr, er saga Jiessi gerdist. Hann het
Erex. Hann var velvirdr af koiiungi ok
dröttningu ok allri hirdinui.
Cres tien V. 82 ss.
uns clieualiers, Erec ot non.
de la taule reonde estoit.
inout grant los en la cort auoit.
de tant com il i ot este.
n'i ot cheualier plus ame.
et fu tant beax qu'en nule terre
n'estuet plus bei de li aquerre.
mout estoit beax et prouz et genz ;
[et] se n'auoit pas vint cinq anz.
Sollte nicht vielleicht dieser letzten Zeile im nordischen Text: af
dröttningu ok allri hirdinui der erste Vers bei Hartmann entsprechen,
der in Haupt's Ausgabe noch fehlt: hi ir und hl iv loihen, nämlich: war
er hoch geehrt? Zu: er saga Jiessi gerdist, das im Französischen fehlte
stimmt bei H. v. 4 : durch den diu rede erhaben ist. — Über die Ritter,
die an Artus Hofe sind, wird in der Saga mehr gesagt, als bei Cr.,
wo man v. 31 s. vergleiche. Es heißt in der Saga: ])d mdtti sjd margan
gödan riddara, konunga ok jarla ok adra dyra menn, hmdi %mga ok gamla,
ok fusir frammi at hafa sinn röskleika fyrir dijrum mönnnm.
Ganz selbstständig ist ferner in der Saga folgende Stelle : Skemtan
var jiar at heyra ok hafa sem hverr vildi kjösa (a), Skemtan skorti Jjar
ekki d hvern hält er vildi at sjd med aiigum ok heyra med eyricm (b).
hveiT var vid annan eptirldtr ok gödviljadr , ok sem allir vdru sem gla-
dastir, etc. Es ist übrigens interessant, hier die Iventssaga zu ver-
gleichen, wo es ebenfalls vor der Katastrophe ohne Anhalt im franz.
Text heißt: ok fölkit var sem gladasf, Jid etc. (Riddarasögur p. 75, 9 s.)
Es heißt dann von den Damen:
Crestienv. 53 s.
et n'i a nule n ait ami
Chevalier uaillant et hardi.
Erexsaga.
ok varu ]>aer allfaar er eigi höfdu
kosit ser uniiasta.
20 -
384 EUGEN KÖLBING
Es heiüt dann im nordischen Text, stimmend mit einer der eben
angeführten vorausgehenden Stelle:
Crestien v. 36 s. Erexsaga.
li rois ti ses Chevaliers dist Kvertr konungr sir Iiljods ok ma?lti:
qu' il voloit le blanc cerf chacier. Yctr er kunuigt at hh- ä skoginum er
einn hjörtr er ve'r faum aldri veiddan.
Im Französischen sagt Gauiiain, daß der Sieger einen Kuss zu
bekommen habe^ im Nordischen Artus:
Crestien V. 45 SS. Erexsaga.
qui le blaiic cerf ocirre puet, Nu sa sem Jiat vinnr, skal kjösa einn
par raison baisier li estuet koss af jieirri frictustu jungfrü sem i er
des puceles de vostre cort hird minni.
la plus bele, k que qu' il tort.
In beiden Texten macht dann Gauuain (Valver) als Hinderniss
geltend, daß es schwer sein werde, die schönste zu finden. Des Königs
Antwort anlangend, vgl. man:
Crestien V. 59 ss. Erexsaga.
li rois respont: „ce sai ie bien, Konungr reiddist orduni hans ok
niais por ce n'cn lairai ie rien ; nia>lti: Hvurt ))er li'kar vel eda illa,
car ne doit estre contredite Valver, \>ii skal fara sem t'idr, ]jviat
parole que li rois a dite". einginn jijönustumadr ä at neita Jjvi
sem hans nioistari bidr hi'uuun.
Als es sich um den Beginn der Jagd handelt, wird bei Cr. und
in der Saga Artus ausgezeichnet:
Crestien v. 123 s, Erexsaga.
devant aus toz chai^-a li rois En frenistr aföllumvar Artus konungr
sor un chaceor Espanois. 4 einum laupara sterkum ok fljotum sem
svala a flugi. (b.) En Artiis konungr er
fremstr k hlanpara einum sterkum ok
mjök skjötum. (a.)
Die Notiz über die Heimath seines Rosses ist im Nordischen auf
das des Erex übertragen: . . . med lienni hinn vngi Erex d gödu erst
er komit var af Spdnialandi. — Im Folgenden, wo bei Crestien die
Königin nur von einer Jungfrau (v. 127), bei H. von mehreren be-
gleitet ist, folgt die Saga dem ersteren: Einginn fykjdi henni nema E^-ex
ok ein jungfrü.
Der Eingang der Episode mit dem fremden Ritter ist im Deut-
scheu kürzer gefasst; die Saga stimmt mit dem Französischen:
Crestien V. 136 s. Erexsaga.
tuit troi furcnt en un essart Pau nema stad i einu rjödri.
delez le chemin areste.
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE.
385
Im Deutscheu fehlt:
Erex sa ga.
ok höfdu ebki vapn ncma eitt sveiiT,
Cresti eu v. 103 s.
r ; ii'ot arme o lui ?portee
foit que tant soulement s espee.
Selbststäudig ist im Nordischen: pau stiga af sinum hestam ok
l'ita renna af peim moeäi.
Crestienv. 138 ss.
miis mout i oreiit pou estr,
qrant il unent un cheual'e •
17 61 iv nmd sor son deetrier. - .
ressu iisest ya jiau ri'cta fratn ur sko-
ginum einn riddar.i alväpractan ok med
hanum eina fn'da mey, ok fyrir ]ieim
einn Ijötr dvergr k stöiam hesti haf.mdi
[i hendi add. h] eina alnar svipa.
V. 143 SS.
dele«! li cheuauchoit k destre
une pucele de grant estre;
et deuant lor sor un roncin
uenoit uns nains tot le chemin
et ot en sa main aportee
i le corg!e en son noee.
Auch hier schließt sich das Nordische eng an Cr. im, denn bei
IL wird eist der Ritter, dann der Zweig und dann erst die Dame
genannt (vgl. v. 10 sg.). Erex Anerbieten, zu ^agen, wer der Ritter ist,
hat weder Cr. noch die Saga, ebenio wenig die Anrede der Jungfrau
an den Zwerg (v. 17 ss).
In Erex Bericht an die Königin schließt sich die Darstellung
des Nordischen auffallend an die deutsche Fassung an. „H. fasst die
iei.>en Felden beschimpfende Sii;aaäon so auf, daß sie ihn nicht in dem
Maße entehrt wie bei Chrisfan; bei diesem gesteht Erec ganz treu-
herzig, er habe sich vor dem Ritte" gefürchtet, Aveil er seine Waffen
nicht bei sich gehabt, bei H. schmerzt ihn am mesten die Schande,
vor den Augen der Königin geschlagen worden zu sein.'' (Bartsch 1. c.
p. 142.) Der Verfasser der Saga stimmt hier weder mit Bekkers
Text noch mit dem von San-Marte, wo v. 228—38 ganz fehlen; da-
gegen vgl.
H avtuiann-A . 114 S:
mir trii vor lu geschehen
eine sehen' le also groz,
C \z ir nie dehein min genöü
eines hävcs nie gewan.
daz mich ein sus wenic man
. 5 lästerlichen hat geslagen
und 'h im d.»z inuoz verhagen,
des snhom ich mich so sere etc.
Vgl. Cr. v. 232 SS-, wo das Wort Schande sich nicht tindet.
E r e X s a g a .
Segir diottningu af fentum si'iuiin ok
Stil- vaeri til falhiar t.asr skmnmir on sii
\)6 einkavest (scgir drotti 'ngu si'na u'd
ok eru nü verri (vter skammir en ein, ok
l)at verst, M, er ek jjortta ekki at hcfna
min.
386 EUGEN KÖLBING
Von dem Holen des Harnischs sagt die Saga nichts, wol nur um
abzukürzen. Auffallend ist dann die egale Gedankenverbindung im
Nordischen und Deutschen.
Hartmann V. 134 ss. Erexsaga.
ir'n geseht mich nimmer mere, Eii Jiaäan sver ek , dröttning, segir
ich'n gereche mich an disem man, liann, at ek skal ei fyrr aptr koma til
von des getwerge ich mal gewan. hirdar Artiis konungs, en ek hefi hefnt
jiessarar jiinnar ok minnar skammar,
eda fä adra hälfu meiri.
Vgl. Cr. 238 SS.: mais itant prometre liuiiü, que, se ie puis, ie vengerai
ma honte, ou ie l'engignerai.
Weder bei Cr. noch in der Saga räth ihm die Königin von der
Reise ab, wie bei H. Sie verabschieden sich von einander:
Crestien v. 265 ss. Erexsaga.
ä dieu vos comant. ok lifit i guds gledi. Heiisa Jiasr
et la royne ausimant hänum meir en hundrad ti'd at skilnadi.
h, deu, qui de mal Ie desfende.
plus de cinq cenz foiz Ie commande.
Crestien V. 269. Erexsaga.
Erec se part de la royne, Nii ridrErex bort, en dröttning dvald-
dou Chevalier suire ne fine. i.st i sköginum eptir, )iar til at konungr
et la royne au bois remaint, kemr at med si'num mönnum ok hafdi
oü li rois ot Ie cerf ataint. konungr veidt hjörtinn.
ä la prise dou cerf ain^ois
vient que nuns des autres li rois.
Erec folgt den Spuren des Ritters bis zum Abend:
Hartmann V. 172. Erexsaga.
unz daz der Tibent ane gie. allt til aptans.
Diese Zeitangabe fehlt bei Cr.; cf. Bartsch 1. c. p. 142. — Dem
Nordischen eigenthümlich ist folgender Zug bei der Schilderung der
Burg: y^«?' var margf folk ok mikil cfleäi, en hverr ])eirra ISt sina gledi, pd
peir sau pevna vdpnacta riddara, oh fylgäu hdniim til lierhergja. (Vgl.
H. 176 SS., Cr. 355 ss.) Das Sperberfest wird im Nordischen ebenso wie
bei Cr. erst später erwähnt; ebenso wenig wird in der Saga von der
Überfüllung der Stadt gesprochen. In der Beschreibung des alten Mannes
stimmt die Saga mit Cr., während bei H. die Beschreibung ausführ-
licher ist. Auffallend ist aber, daß sowohl bei H. als in der Saga der
Alte nur seine Tochter, nicht auch seine Frau herbeiruft, wie es bei Cr.
geschieht. Ebenso wird, wie bei H. so in der Saga, ihr früher der Auf-
trng, das Pferd zu nehmen, ehe über ihre Reize gesprochen ist (vgl.
Cr. 444-448, H. v. 315—320). Die Schilderung der Jungfrau in der
Saga schließt sich an Cr. an:
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 387
Crestien v. 396 s. Erexsaga.
. . . sa fiUe, qui fu vestue Ma^rin var i eiuum h'nkyitli fornuni
d'iine chrmise par panz lec . , . ok sHtnum, en ])6 eigi at si'tti- var allr
lienuar li'kami sv4 fri'dr at etc.
I'ar fylgctu allir likamaus burdir ok
poure estoit la robe defors, kurteisi svä at sjalf nattdran mundi
mais desoz estoit beax li cois. .^^^^^^ ^^^ ^ ^.-^^^^ ^^^^.^^ ^^^ ^.^^ f^id
mout estoit la pucele gente, skömut
que tote i avoit uiis s'entente
nature, qui faite l'avoit.
Erec's Einwand und des Alten Entgegnung hat nur H. (vgl.
Bartsch 1. c. p. 14.3), Ira Folgenden weicht die Saga von den anderen
Texten ab. Es heißt: [En er hon sd Ei^ex, ])a feldi hon allan sinn
elskuga til hans *)^ ok pöfti pö nndarligt, er hon skyldi kunna at elska
ökunnan mann. Stöä nü hvdrt ok horfdi d annaf. retta sSr hüshöndinn;
tekr nü hest hans ok leixtir hann til st aus ok gefr hdnmn körn ok rnungdt.
Vgl. Cr. V. 436 ss. Bartsch 1. e Daß der hüshöndi, als er das Ein-
verstcändniss beider bemerkt, sich mit dem Pferde zu thun macht,
um beide allein zu lassen, ist wol Erfindung des Sagaschreibers. Bei
Cr. folgt nun das Essen, ebenso bei H.; in der Saga erst nach den
folgenden Erörterungen; hier heißt es nur: En jungfrüin pjönar Ei-ex
ok leidir hann til scetis ok skemtir hvdrt ödru med hlidii. Erex thnt, als
sein Wirth wieder kommt, folgende unzarte Frage:
Crestien v. 499. Erexsaga.
dites moi, beax ostes, fait il, ri'n dottir er hin fn'dasta mser i allri
de tant poure robe si vil veröldinni; en Jsat uudra ek, at hun er
por qu' est vostre fille atornee, svä fdtoekliga klajdd.
qui tant par est bele et sennee?
An diese Frage schließt sich nun gleich die Werbung: En ydr af
at segja, ])d er pat minn vili ok hoenarstadr, at ]ni giptir mer pessa jung-
frü, ok hetr ann ek henni en gulli ok riki mins födurs. Hier nennt er
auch gleich seinen Namen, was bei Cr. allerdings auch, aber erst spcäter
beijciner ähnlichen Gelegenheit geschieht. Man vgl.
Crestien v. 641 ss. Erexsaga.
puis dit: sire, uos ne sauez Vil ek eigi mi'nu nafni leyna; ek
quel oste lierbergie avez, ' heiti Erex, son Ilax konungs; liefi ck
de quel afaire et de quel gent. verit inect Arti'is konungi fimtn är.
fiz sui dun riebe roi poissant.
Eree fliz le roi Lac ai non;
ensi in'apelent li baron.
de la cort au roi Artus sui ; , .
bien ai est^ trois anz o lui.
*) ok ]je<jar feldi hann alla/ii sinn elsAnhtig tili hennar. (b).
388 EUGEN KÖLBING
Auch die Antwort, die natürlich doppelt sein muß, entspricht den
betreffenden Stellen im französ. Text:
Crestien v. 663. Erexsaga.
li Ostes molt s'en esioi, Hüsböndi varct glactr vid, er hans
et dit: bien auommes oi gett var hänum vitanlig (?) ordin, ok
de vos parier en cest pais. maelti: Opt hefi ek heyrt }iin getit at
^,._ hreysti ok riddaraskap: ok öugum kosti
vil ek ]dvi neyta at gipta j^er mina dottur
car mout estes prouz et hardiz. ^f ^^^ e,. hej^ar vili.
ia de moi n'iroiz escondiz.
tot a vostre commandement
ma fiUe bele vos present.
Crestien v. 509 ss. Erexsaga.
tant ai este toz iors en gnerre. Svä leingi hefi ek i hernadi verit ok
que toute ai perdue ma terre üfridi, at btedi hefi ek tynt eignum ok
et engaigiee et uendue, ödulum.
Der Name ihres Oheims ist bei Cr. hier nicht genannt, in der
Saga heißt es: eigi er hun af pvi fdtcekliga klcedd, at hun se proelborin,
pvicd Melan jarlsson vdr mödurhrödir hennar. Vgl. Hartmann v 434 ss.
der juncfrowen a?hein
was der herzöge Imain
der hei-re von dem lande,
ir geburt was äne schände.
H. und die Saga stimmen hier entschieden zusammen: beide sagen
davon nichts, daß sie von ihrem Onkel, dem Grafen, Kleider genug
bekommen könne (Bartsch 1. c. p. 144). Schließlich lobt der Ritter
übereinstimmend mit Cr. die Schönheit seiner Tochter:
Crestien V. 531. Erexsaga.
mout est bele, mes plus assez En j:)ess vsentir mik, at af viti ok
vaut ses sauoirs que sa beautez. kvennligum listum hefi (vitrar ok kvenn-
ligar i})röttir hafi b) min dottir ei si'dr
en v«nleik.
Jetzt folgt in der Saga das Essen, das aber hier im Gegensatz
zu den beiden übrigen Texten sehr kurz behandelt wird : Ganga sidan
tu horcts ok eru nü glöd ok kdt. Mit Cr. stimmt das Folgende:
Crestien v. 479, Erexsaga.
li uauasors seriant n'auoit Einn steikari var ))ar at matgera , en
fors tin tot seul, qui le seruoit, öngvir l^jönustumenn adrir.
ne chamberiere ne meschine.
Bei H. kann er nicht einmal diesen halten v. 412.
Jezt fragt Erex nach dem Ritter, der sich auf dem Schloß ein-
quartiert hat. Als er dies erfahren, sagt er bei Cr. nur v. 596: cest
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 389
Chevalier ne aing ie pas. In der Saga heißt es: Nu segir Erex hvat
kann dregr tu pessorar ferctar ok hverju Tiann dtti at ömbmia f)eim ridd-
ara; also H. näher stehend, cf. v. 480 ss., wo Erec die Sache aus-
führlich berichtet. Von der Mitnahme Enidens auf das Fest ist hier
noch nicht die Rede.
H. und die Saga stimmen zusammen in Bezug auf den Morgen-
imbiß, von dem Cr. nichts sagt. In der Saga heißt es: Ep,ir dagdrykk-
inn stigr \hann] d sitt ess. H. 667 do was hereif der imlnz. Dagegen fehlt
der Empfang bei Herzog Imain. Im Übrigen vgl:
C res ti en V. 691 SS. Erexsaga.
l'endemain lues que l'aube crieue, Um morguniun [snemma add. b) stendr
isnelement et tost se lieue, Erex upp ok gengr til kirkjii ok heyrir
et ses Ostes ensamble o lui. messu {de spiritu saucto add. b). Evi'da
au mostier uont orer andui, hans minasta kom enn ok falu sik gucti
et firent de saint esperite ä heiidr (ok fal sik giuti ä heudr b).
messe chanter h un hermite.
Die einzelnen Momente, die Bartsch I. c. p. 145 als bei Cr. er-
wähnt, bei H. nicht erwähnt aufführt, das Gedränge des Volkes, das
Verdrängen des fremden Ritters etc. fehlen ebenso in der Saga. Dieser
Ritter wird bei Cr. Ydiers, bei H. Yders, in der Saga aber ganz ab-
weichend, aber doch auf französischen Ursprung hinweisend^ Malpiraut
genannt. Von diesem heißt es v. 777 . . . .ne cuidoü^ q'ou siegle eicst
Chevalier qui tant hardi fust qui contre lui s'osast comhatre. Dies ist in
der Saga erzählend gefasst: ok vogadi eingi at rdda til hauksins, («.) ok
pordi einginn til hauksins at kalla, (h.).
Nach dem nordischen Text holt Erex die sföng selbst, bei Cr. und
H. fordert er Eniden dazu auf. Der Kampf zwischen beiden Kittern
wird in den verschiedenen Texten abweichend geschildert. Hervor-
heben will ich nur, daß während bei Cr. und H. Erex den von Ydiors
vorgeschlagenen kurzen Waffenstillstand annimmt, der in der Saga
von Malpirant gewünschte verweigert wird. Es heißt da: Malpirant
modti ])a til Erex: Hvüumst vit. Nei, sagdi Eh-ex, fyrr skaltn fd her
mavgt stört slag [ok] par med Idta lifit, elJa skal ek daudr Uggja. Über-
haupt ist hier der Kampf sehr abgekürzt. Das Resultat desselben ist
aber bei allen drei Dichtern dasselbe. Von der Bestrafung des Zwerges
(H. V. 104.3 ss.) weiß die Saga so wenig Avie Cr. Der Auftrag, den Erex
dem Ritter gibt, ist in allen drei Gedichten derselbe.
Crestien V. 1023 s. Erexsaga.
et sanz nul respit orendroit Pa skaitu nu f statt fara til minnar
iras ä ma dame tot droit. unnustu
390 EUGEN KÖLBING
V. 1025 s.
(jue s;iiiz faille ia troueras
;i Caradigaiit, se Ik ua.s. i kastala Kardigan.
Dieser Auftrag wird ausgefülirt. Was bei Cr. Artus der Königin
räth, thnt sie bei H. und in der Saga von selbst, nur ist die letztere
viel ausführlicher:
Hartmann V. 1278. Erexsaga.
iwcr buoze diu sol ringer sin Sannliga ertu dauda verdr fyrir \ik
danne ir doch gearnet liät. akömm, er ]»inn dvergr gerdi minni
ich wil daz ir hie best.at mey ok mi'nuin riddara, ok ert öngrar
und unser ing'-sindc sit. miskunnar verdr fyrir 05s; en af pvi at
daz muoz oucli wcsen änc sfrir. pat er mestr sigr at sigra reidi sjalfs
si'ns, en hjalpa uverdugum J^eim er })arf,
pk stattu npp, riddari, med ])inni fylgd
ok skaltu Vera her velkoniinn.
Bei Cr. fehlt die direc'.e Rede an dieser Stelle ganz, vgl. v. 1226 ss.:
auch sagt Cr. nichts von der Unwürdigkeit des Ritters.
Die Erzählung kehrt nun zu Erec zurück:
Crestienv. 1236 f<s. Erexsaga.
or rcdeuons d' E-ec parier, Fat er nii at seigja frä Erex, at hann
qui encor en la place estoit sat i sama kasfala eptir j^etta einvigi. —
oü la batailie faito auoit. Jarl einn ])e.ssa kastala Jiät Balsant (Bas-
lant b).
Diesen letztgenannten Namen, Balsant, kennt das Französische
nicht und H. ebenso wenig. Doch ist er iiatürlich französischen Ursprungs.
Dessen Einladung bei ihm zu wohnen, lehnt E. auch in der Saga ab,
und der Graf (hier Balsant) folgt ihm nun selbst. Die Bemerkung
über die Schämigkeit der Frauen fehlt in der Saga wie bei Cr. Die
nächsten Partien sind überhaupt in der Saga sehr abgekürzt. Sie
kommen an Artus Hof. Die Namen der Ritter, die Erec und seiner
Dame entgegengelien (Cr. v. 1515 ss.) fehlen in der Saga. Erec's Rede
(Cr. 1544 — 71) fehlt in der Saga und bei H. Die Königin nimmt sich
Eniden's^an und kleidet sie:
Crestienv. 164 7 s. Erexsaga.
mais plus estoit luisanz ses crins ()k birti vida af J^eim bünin^i; en
rjue li ors qui estoit loz fins. ])ü bar meiii Ijonii af hävi meyarinnar
en af gnllhlödunum.
V. IGGC) s.
l'une a l'autre ])ar hi inain piise. Si'dan tekr dröttning i hönd henni ok
se sont devant le roi uenues. leidir liana inn med si'num meyjum i höll
konungs.
Die ganze nun folgende Aufzählung der Ritter, die an König Artus
Tafel sitzeu; Cr. r. 1670 ss. fehlt in der Saga, wol der Abkürzung halber.
DIE NOKDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 391
Im Folgciulen zeigen sich mehrfache Berühnnigcn zwischen der
Darstellunj>; Hartmanu's und der KSaga. Nicht nur das Gleiclmiss von
der Sonne ; die eine Wolke verhüllt, das Staunen des Ritters über
Emdens Schönheit, was Bartsch 1. c. p. 152 als Hartmann allein ge-
hörig aufführt, sondern auch der Vergleich mit Rose und Lilie, den
Bartsch übergeht, hat der nordische Text mit dem Deutschen ge-
meinsam:
Hartman n V. 1 700 SS. Erexsaga.
als der rosen varwe Ol; var hennar andlits litr sein hin
undor liljen wize güzze, rauiia rosa [med samteiiigdan livi'tan lit
unde daz zcsamne flüzzc . . . sem lilja ^ eda hit rauda blöd i [nyfall-
inn sna; " eda aolar birti i [heidri'kju
V. 1 716 SS , . 3
vefri .
als diu sonne in liehtem daee , .,,.,-, ,.,• i ■> • >
"^ ' .samtpiii^f! hinni hvitu hlju. ''. snio-
ir scliin vil voUechche hat, 1,^,'^,.; ,„•,,] ^, 3 i,ey3skfm. /*.
und gähes da für gat
ein wölken dünne und niht breit,
so ist ir schin niht so bereit ,
als man in vor saeh.
Die Identität dieser Gleichnisse in beidon Bearbeitungen ist wol
einleuchtend. Bei Cr. fehlen sie ganz.
Ilartmannv. 1736 s. P^icxsaga.
Ton ir schoone erschräken die Ok horfdi ä hana öU liirdin
zuo der tavelrnnde säzen . . . ok undrudu heimar fegrd.
und kaphten die maget an.
Auch dies fehlt bei Cr.
Bei Christian räth man (oder vielmehr die Königin [v. 17ö2]) dem
Könige, das Recht des Kusses nicht länger aufzuschieben , bei Hart-
mann bedarf es dieser Aufforderung nicht. (Bartsch 1. c. p, lö3.)
Ebenso wenig in der Saga, wo, nachdem die Königin Erex gelobt hat,
Artus entgegnet: Saft er j)at, segir Lonimgr , ok ei heß ek sH fridari
mey, ok ef ]>at er sampykki hirdarinnar ok allra dömr, at hon meigi vel
fridust ok kurteisust heita af öllum meyjum i vdrri hird, ])d vil ek pann
koss af henni piggja, sem ek vann til med minu sjyöti.
Folgende Stelle wird bei H. und in der Saga erzählend aus-
gedrückt, bei Cr. der Königin in den Mund gelegt: . . .at allir jdfa med
einni rceddu^ at hon ein muni mäklig at piggja, hessa hcen; sidan vor paf
allra dömr.
Hartraanns Vergleich von Mond und Sternen hat die Saga si» wenig
als Crestien. Die vom König beim Kuss gesprochenen Worte fehlen
bei H. Die Saga und Cr. haben sie. Von den Geschenken an Erec's
Schwiegervater weil.'« die Saga nichts, wol um abzukürzen. Die Stelle
392 EUGEN KÖLBING
anlangend, wo es sich um die Hochzeit handelt, so schließt die Saga
sich Cr. an, wenn auch Erec Artus nicht gradezu um Erlaubniss bittet,
an seinem Hofe Hochzeit halten zu dürfen. Es heißt in der Saga:
Nu hiär En^ex Artus konung at veita ser hrürthlaup ok jdtar konungr pat,
so daß, wenn man die andern beiden Darstellungen vergleicht, gewisser-
maßen eine Mittelstraße gewählt ist (vgl. Bartsch 1. c. p. 153). — Es
folct nun im Nordischen ein Nameusverzeichniss. Aber diese Namen
sind so verderbt, daß von ihnen wol mit noch mehr Recht behauptet
werden muß, was Haupt (Ausgabe des Erec p. X) von den ent-
sprechenden deutschen sagt, daß sie ohne eine ältere Handschrift
„schwerlich gezähmt werden können." Die Aufzählung wird eingeleitet
durch :
Crestien v. 1920 s. Erexsaga.
ie uos dirai, or entendcz, Kemr J)ar samau mikit fjölmenni ok
qui fureut li conte et li loi. dyrir böfdingjar Jjeir sem ek mun nu
fram telja.
Aber wenn auch die Namen nicht stimmen (Avas übrigens Niemand
Wunder nehmen wird, der die Neigung der Nordländer^ fremde Namen
ihrer Sprache zu assimilieren, ja statt ausländischer Namen ähnlich
klingende inländische zu setzen, kennt [vgl. Zeitschr. für deutsche
Philologie H p. 444 s., wo Maurer einige Beispiele dafür anführt], so
stimmen doch einzelne beiläufige Notizen, z. B.
Crestien v. 1933 ss.
auec ces que in'oez nommer, rar iijest kom Arasadi ' jarl af ey
uiiit Maheloas, uns hauz ber, peh-ii er Wisi'o "^ heitir, med UV riddara,
li sires de l'isle de Uuirre. [af Jieirri ey, er livÄiki er i ormr ne
cn cele isle n'ot Ten tonoirre, padda^; jiar verdr ok hvärki ofheitt nc
ne n'i cliiet foudre ne tcmpeste; ofkalt ok eingi vetr.
ne boz ne serpenz n'i areste. i Nasäde b. ' Vera (?) h. ^ i Jiessari ey
n'i fait trop chaut, ne n'i yucrne. eru hvärki ormar [ue] paddur. b.
Vgl. H. V. 1918 SS.
Ferner :
Crestien V. 1981 s. Erexsaga.
les barbes ont iusqu'as centurs. rä kom Artus konungr med si'num
ceus tint molt eher li rois Artus. tveimr sonum, agaetura ok X huudrud
riddara. ))eir höfdu allir si'd skegg ok
einginn yngri en 60 vetra.
V. 1977 ss.
ainz ot compaignons tex trois cenz
dont li moins iones ot sept uinz anz.
les cliief orent ehenuz et blnns:
car vescu auoient loiic tans.
In Bezug auf die Nennung von Enitens Namen stimmt die Saga
zu Cr., nicht zu H.
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 393
Crestien V. 2015 SS. Erexsaga.
quaut Erec sa fame recut, Ok nd er pusanar dagr kemr, er eptir
par son non nominer li estut; frdtt nafni meyjarinnar sem skyldugt er
q'autrement n'est fame esposee, 1 guds lögum, en hun nefndist Evi'da, ok
se par son droit non n'est nommee, eigi vissi Erex fyrr liennar nafn.
encor ne savioit nus son non :
lors premierenient le sot ou.
Enide ot non en baptistere.
Der Erzbischof von Cauterbury (Cr. 2022, H. 2124) segnet sie
ein: Erkibiskup af Cantuaria piisacti Jtau saman. Die Schilderung des
Festes ist im Nordischen sehr kurz. Bei Erwähnung des darauf folgen-
den Turniers werden keine Namen genannt, was uns nicht auffjilleu
kann, da dgl. Beschreibungen in den Sa<ia's meist sehr abgekürzt werden.
Über die Gefühle Emdens bei E. WafFenthaten schweigt die Saga.
Erec zieht mit seiner Gemahlin in sein Land. Von den Geschenken
die ihm die Unterthanen bei seiner Heimkehr bringen, berichtet uns
weder H. noch die Saga.
Erec's Vorliegen. Die entscheidende Scene verlegt H. auf: einen
mitten tac, Cr. auf: une matinee (v. 2462), die Saga auf: ein morginn-
Während, wie Bartsch richtig hervorhebt;, es bei Cr. heißt v. 2467:
Cil dormi, et cele vcilla, heißt es bei H. v. 3025: sl loände daz er sliefe.
Der nordische Text schließt sich Hartmanu's Fassung an : ok hun hyggr,
at kann sofi, was immerhin bemerkenswerth ist.
Ihre Worte lauten :
Crestien v. 2 484. Erexsaga.
. . .lasse, tant mar i ui. Harmr er mhr Jjat, herra minn, er \}ü.
V. 2486 s.
bien me deuroit sorbir la terre,
quant toz li mieudres cheualiers
fa?r äniivli fyrir ]):i äst er jju hetir 4 nier.
V. 2491 s.
a de tout eu tout relinquie
por moi tote cheualerie.
Von einer Wiederholung der Beschuldigungen, die man von Erec
sagt, ist in der Saga nicht die Rede. Es heißt: Erex heyrdi ord hennar
ok spretfr upp ]>egar i stad, klmdir sik ok viailti til hennar:
Crestien V. 2566 ss. Erexsaga.
aparoillez vos orendroit Bd ))ik i slad med f)inum bezta bd-
por chevauclier vos aprestez. nadi, J)viat 1 dag skulum vit af ))essari
levez de ci; se vos vestez borg bsedi n'da ok eigi longr vil ek }^>ola
de vostre robe la plus bele. amajli fyrir raitt lioglifi af ))eim lands-
v. 2565.
car eil qui me blasment ont droit.
monnum.
394 EUGEN KÖLBING
Die Abreise ist ziemlieh kurz s^eschildert, wenn {lucli, Cr. folgend,
mit einigen Worten Erec's Vater eingeführt wird. Von einer langen
Klao-e Evidas oder von einer Beschreibung von Erec's Waffen ist nicht
die Rede. Ebenso wenig reitet Erex unter einem Vorwande ab, sondern
es folgt eine wirkliche Abschiedsscene , wenn auch sehr kurz gefasst.
Hier haben wir also überall Anschluß der Saga an Cr.
Es folgen nun die Abenteuer Erec's auf dem Zuge. Selbstständig
heißt es in der Saga zu Anfang: Hann ridr pd mörk er Hervidu heitir;
j)d Idgii lUi dtta spülvirkjar, er drdpu menn oh rcentu fe ok pvi eiddist
almannavegr ok var pat mörgimi mikit mein.
Den Namen Hervida hat allerdings weder Cr. noch H. Doch er-
innert eine Stelle bei H., wo das Treiben der drei Räuber geschildert
wird, deutlich an die nordische Fassung, Hartmann v. 3116 ss.:
swer so in wasre
ze den ziten widerriten
dem si möhten hau gestriten,
so bäten si den weg belmot
daz si im umbe daz guot
naemen §re unde Hp.
Bei Cr. heißt es nur v. 2781: qui de roberie uiuoit. — Während
dann bei Cr. ein Raubritter mit seinen zwei Genossen erscheint, sind
es bei H. und in der Saga drei Räuber. Man vgl.;
Cres tie n V. 2780 SS. , Erexsaga.
uns Chevaliers du bois issi, Bau lida nii leingi um skoginn f)ar
qui de roberie vivoit. til er f)au rida svd at pau. sja einn kast-
deux compaignons o lui menoit, ala, ok })ar üti fyrir III [alväpnada
et s'estoient arme tuit troi. adcl. b) riddarar allir sitjandi a gödum
hestum, ok skemta ser, ok veit Evida
at peiv eru spillvii-kjar.
Vgl. H. V. 3114: den häten mit gewalt drie rouhcere, und zu den Schluß-
worten des Satzes H. v. 3121) s. : wan sl an ir gebcerden sach daz st
rouhoere wären.
Bei Cr. heißt es nur v. 2815: Enide vif les robeors. Vgl. ferner:
Hartmann V. 3123 s. Erexsaga.
die crsach von erste da?, wip, jivint hon var langt fram undan i veginn.
wan si verre vor reit.
Bei Cr. fehlt diese Motivierung, so gut wie die später von H.
beigebrachte (vgl. Bartsch 1. c. p. 162 und 182). Von dem kastali, vor
welchem die Räuber sich befinden, ist nur in der Saga die Rede. Die
drei zuerst genannten Räuber bilden hier mit den später erwähnten
fünf (Cr. 2911) eine Gesellschaft, wovon Cr. gar nichts Aveiß. H. er-
wähnt es, wenn auch erst später, als die Saga, ausdrücklich, vgl. v.
3298 SS,:
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 395
man saget daz ez waeie
ein geselleschaft under in
und daz si teilten ir gowin
mit den die Erec het erslagen
e si'z begunden nndeisagen.
dise fünve und jene dri man
von den i'u e gesagt han
die beten den walt in ir pbh'ge
unde lägen bi dem wege,
swer die einen vermite,
daz ei' den andern zuo rite.
Vergleichen wir diese Stelle in H. Gedieht mit der vorhin an-
geführten Stelle V. 3116 ss., so ergibt sich^ was das Sachliche angeht,
vollständige Übereinstimmung zwischen H. und unserer Saga. Der
Unterschied ist nur, daß die acht Räuber in der Saga schon von An-
fang au als vereinigt gedacht werden, in Folge wovon auch gleich alle
acht ihre Wünsche in Bezug auf die zu hoifende Beute aussprechen.
Ich gebe diese Stelle vollständig nach dem nordischen Text, da sie
diesem eigeuthümlich ist: Ok er J)eir sern^i kastalanum vdru, sau ferd
hans, kalla peir d sina kuinpäna ok seigjast sjd einn riddara vel büinn
ok med hd7ium früta mey. pd mcplti einn: paf veit trüa min, setgir kann,
at ek skal eiga hans frii, pviat eh" er ydvarr hilsböndi; pvi d ek fyrstr
at kjösa af vdi'u herfanqi. Annarr mcelti: Ek skal eiga hans sverd; pridi
moßlti: Ek skal eiga hans hrynju. Inn fjdrdi mcelti: ek skal eiga hans
skjöld ok spjöt. Inn fimti mcelti: ek skal eiga hans hjdlm, merki ok gyrd-
il; enn setti mcßlti: ek skal eiga hans all kloe,di; enn sjaundt mcelti: Ek
skal eiga hans hest ok södidreidi. pd mcelti hinn dtti: per skiptit djafnt
vid mik ok rangliga, ok med pvi ek fa' ekki fe, pa skal ek eiga hans
hoegri hönd, fot ok lifit med. Nu rida pessir pnr fram at Erex, sem
hünir vdru, en hinir herklcedast d medan, er i kastalanum vdru ok hüast
at veita lid sinum kumpdnum, ef Parf. Bei Cr. und H. haben wir die
beiden Gruppen von Räubern auseinanderzuhalten. Von den ersten
drei Räubern wählt nur der Anführer, und zwar bedingt er sich bei
Cr. das Ross der Frau« aus, v. 2797 : li palefroi uuil ie auoir (vielleicht
selbstverständlich mit der, die ihn reitet?); was H. betrifft, so heißt es
bei Bartsch 1. c. p. 159. ungenau, jener sage, er wolle nur die Wahl am
Raube haben, ohne sich näher zu entscheiden. Denn v. 3211 heißt es
ausdrücklich: ist daz ich im benim den Up, so'n teil ich niht ican daz
vnp, : siner habe ger ich niht mere. Von den anderen fünf Räubern wählt
bei Cr. und H. ebenfalls der erste die Dame (Cr. v. 2929, H. v. 3332 ss.)
Ebenso der Anführer der Räuber in der Sagra. Für die Wünsche der
396 EUGEN KÖLBING
Übrigen lassen sich keine Parallelen mehr aufstellen, da der nordische
Text so bedeutend abweicht.
Alle drei werden besiegt, aber die Darstellungen sind abweichend,
wie häufig bei der Schilderung von Kämpfen. Selbständ^'g 'st besonders
in der Saga der Schluß des ersten Kampfes: E. slö kann med sinni
hurtstöng svd fast d hälsinn, er augun hrutu ur hanuni. Fell hann iil
jardar undir fötum iil dmids. Vgl. Cr. v. 2852 ss. Beim Kampf mit dem
zweiten schließt die Saga sich wenigstens dem Sinne nach an Cr.
Darstellung an, indem diesem durch den Schild die Todeswunde bei-
gebracht wird. Ebenso beim Kampf mit dem dritten. Bei H. sind alle
drei Kämpfe sehr kurz geschildert (v. 3215 ss.). — Der Kampf mit den
fünf anderen Räubern ist in der Saga am kürzesten geschildert. Es
heißt: Tekst ]>ar hin snarpasta orrosta; oh lauk svd at E. feldi pd alla,
en vard litt sdrr. Kurz ist auch die Darstellung bei H.; sehr ausführ-
lich bei Cr. v. 2997 — 3061. — In Bezug auf das nächste Nachtquartier
weichen alle drei Bearbeitungen von einander ab. In der Saga über-
nachten Erec und Evida auf dem Schlosse der Räuber, bei H. scheinen
sie die ganze Nacht durch zu reiten, bei Cr. hält Enide bei dem unter
einem Baume schlafenden Ritter Wache. Im Folgenden zeigen sich
wieder Differenzen. Bei Cr. und H. muß Enide die ei'beuteteu Rosse
führen, in der Saga heißt es: Ridr hans frü fi^rir, en hann rekr hestana
eptir^ ok fara svd marga daga, en Hggja üti um noetr, unz pau koma i
eina borg, er Pnlchra heitir; Jiar red fyrir Milan jarl. Von dem sie ein-
ladenden Knappen (vgl. Bartsch 1. c. p. 160 s.) w^eiß die Saga nichts.
Die angeführten Namen gehören der Saga allein an. Der Graf, der
Enida für sich gewinnen Avill, legt bei Cr. und H. besonderes Gewicht
auf die schlechte Behandlimg, die Enida von Erec zu erfahren habe,
in der Saga auf seine Liebe. Auch die Antwort der Dame ist ziemlich
abweichend. Es heißt in der Saga: Hon sagdi: Gud gceti pin, jarl,
pii ert rikr höfdingi ok af gud skipadr at hefja hans kristni ok refsa
rangldtum, en ek er bundin hjüskapi; ok viunt pü ei vilja roiua skaparami
tveimr sdlum senn, ok kaupa per ok mer helviti. Jarlinn svarar: Svd
fastliga er mer petta i vilja komit, at ek missi eigi penna kost fyrir allt
veraldar gull; ok ek skal ])urfa enn pins bönda höfud afsld, pött par
liggi guds reidi d, ok ertii svd oer ok villaus at per pikkir betra at fylgjci
einum falsara fdioekum, en sifja i hdsoiti hjd mer ok styra öllit minu
riki med mer. Zu dieser Antwort des Grafen vgl Cr. v. 3330 ss. H.
V. 3825 ss. Eine wörtliche Übereinstimmung wüsste ich auch für die
folgende Rede Evidas nicht aufzuführen. Ganz eigen ist dem Nordi-
schen folgender Zug; Ok haldit ydar ord vidr mik ok fdit mer ydvart
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 397
insigli d. En gefit mei' trii at halda öll ydvar ord ok heit vidr mik oh
par medr ydvart insigli i pant.
Vgl. Cr. V, 3389 ss., H. v. 3891 ss). Dies insigli zeigt sie danu
ihrem Gemahl als Pfand dessen, was sie gesagt. Bei der Abreise gibt
Erec bei Cr. und H. dem Wirthe sieben Pferde (Cr. v. 3492, H. v. 4013),
in der Saga gödan hlmipara. Als der Grraf von Erecs Flucht hört, eilt
er ihm nach mit
Crestien v. 3507. Erexsaga.
Cent cheualiers d'armes garniz. ok hans riddarar C til samans.
bei H. sind es 19 (v. 4041), Der „senechal" ist bei Cr. nicht nament-
lich genannt, in der Saga heißt er Bölvin. Gegen den Grafen selbst
wäre Erec gefallen
Cressien v. 3592 s. Erexsaga.
mais mout fu riches li haubers, . ef brynjan hefdi ei hilft hanum.
qiii si de mort le garanti etc.
Erec sticht den Gegner vom Rosse; zu H. v. 4213: dar zuo im ahe
der arm brach., vgl. in der Saga: ... er tök svd at jarlinn 7nisti hönd-
ina. Vgl.
Crestien V. 3605. Erexsaga.
ez vos Erec eufori;ste. Erex fordar ser a skoginn.
Der Graf aber hält selbst seinen Reiter auf:
Crestien V. 3619 s. Erexsaga.
seigneurs, fait il, ä toz uos di, ok kallar harri röddu, bidr öngvan
qu'il n'i ait un seul si hardi .... sv4 djarfan at eptir hänum ridi edr mein
V. 3622. geri.
qui ost aler aiiant un pas. '
Bei H. fliehen die Ritter des Grafen von selbst, während, wie die Ver-
gleichung lehrt, die Saga genau zum Cr. stimmt.
Selbständig in der Saga ist dann Folgendes: En Erex ridr nü
sinn veg pann dag tim skoginn, ok tekr ndttstad i einu rjödri um kveldit
ok hindr sdr sitt, en at morgni ridu pau af sköginum fram hjd einum
kastala. Eigenthümlich ist der Widerspruch in Bezug auf die Schilde-
nmg des „Zwergkönigs" zwischen Cr. und H. auf der erneu, und der
Saga auf der andern Seite. Während Cr. v. 3663 s. lautet: qu'il esiolf
de cors molt petiz, mais de grant euer estoit hardiz, (vgl. H. v. 4279 ss.),
erzählt die Saga: Äf peim kastala ridr üt einn riddari svd starr ok
prekligr, at Erex pöttist öngvan annan pvilikan sei hafa.
Es folgt dann die Schilderung der Rüstung des Ritters; danu,
was für unseren Zweck interessant ist, ein Gespräch Erec's mit dem
Ritter, das Cr. am betreffenden Orte (v. 3756) nicht hat, das sich aber
bei H. und in der Saga findet. Beide Texte stimmen wenigstens dem
GERUA.NIA.. Neue Reihe IV. (XVI.) Jabrg. 27
398 EUGEN KÖLBING
Sinne nach übereiu. Ich gebe hier den nord. Text: ... talar Hl hans:
^il riddari, sagäi hann^ fd 7ner pina friäa imnustu, pviat pat sömir
vel, hon skuli min vera, ok hana vil ek gjarnan fd ok par lifit leggja d.
Ei^ex sagäi: Ek er litt til einvigis fcerr, en fyrr vil ek herjast, en lata
mina unnustu, pviat ek heß rettara atmceli.
Der Kampf selbst ist in der Saga kürzer geschildert. Als es sich
dann um die gegenseitige Namennennung handelt, weicht sie etwas ab:
Nu hidr kastalamaärinn hvildar [ok fcer hann pat add. bj ok spyrr fhann
nü add. hj Erex at nafni, en hann seigir at hann skal fyrri seigja sitt
nafn. Im Gegensatz dazu wird bei H. Guivreiz in den Mund gelegt
V. 4455 s. : sus ist ez mir unmcere loer din vater ivcere. Doch fragt auch
hier G. später noch nach E. Namen, v. 4521 ss. Der Fremde nennt sich
in der Saga Guimar (Gunnerus verderbt b), bei Cr. Guiurez, bei H. Guiv-
reiz). Ganz allein der Saga angehörig ist der Zug, daß sich eine nahe
Verwandtschaft zwischen ihm und Erec herausstellt; Guimar sagt: ok
er ek systurson llax konungs, während es bei H. nur heißt v. 4549:
iwer vater ist mir wol erkant. — In allen drei Bearbeitungen fordert
der König den Helden auf, bei ihm Rast zu halten; aber während bei
Cr. Erec die Einladung ablehnt, nimmt er sie bei H. und in der Saga
an. Freilich nach H. Erzählung verweilt er im Schlosse nur bis zum
nächsten Morgen (v. 4573), in der Saga vierzehn Tage : Ok rida heim
til kastalans ok dvaldist par hdlfan mdnud. Grcedir Erex sdr sin, ok
pegar sem hdnum er aptrbata, byst hann boH etc. Vgl. Cr. v. 3885 ss.,
H. V. 4615 SS., wo der König denselben Vorschlag macht, aber von
Erec abschlägige Antwort erhält.
Im Folgenden hat die Saga eine andere Reihenfolge der Scenen,
indem im Gegensatz zu den beiden übrigen Bearbeitungen zuerst der
Kampf mit dem Riesen vorgeführt wird, während dort der Kampf mit
Ksei und Erec's Überlistung durch Gawein vorhergeht. Im Einzelnen
zeigt sich mehrfach Übereinstimmung:
Crestien V. 4286. Erexsaga.
en une forest uenu sont. ... til J^ess er hann kemr ä einn
V. 4289. eydiskög f»ykkan ok vidan.
qu'il oirent crier molt loing . . . Heyra f)ar mikinn gr4t ok illaeti, n'dr
V. 4305 SS. eptir })eim lätum Jjar til er hann sär eina
si s'en ua konu grdtandi [ok] hlaupandi um sköginu.
tant que la pucele troua, Hon reif af ser klsedin ok {jreif i sitt
qui par le bois aloit braiant. här.
V. 4311 3.
la pucele aloit dessirant
ses dra8, et ses crins detirant.
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. ;i99
Nur der nordische Text weiß von zwanzig Rittern, die den Gatten der
Dame begleitet haben und von den Riesen erschlagen worden sind.
In der Saga ist die Darstellung in einzelnen Punkten ausführlicher,
'als in den andern Bearbeitungen. Es heißt: En at oss kömu tveAr jötnar
i go'.r kveld ok drdpu alla riddara, en töku hönda minn hardUga ok hördv
ok hundu d hak, en ek komst nndan, er ek nu [fdtoßk ok aitm add. b] vesöl
ordin. Tdku ])eir ok vdra hesta ok klcedi.
Crestien v. 4335. Erexsaga.
encor sont il d'ici molt pres. Eru lieir skamt heclan.
Vgl. H. V. 5361 s.
Erec verspricht zu helfen und eilt den Riesen nach. Er er-
reicht sie
Crestieu V. 4364 SS. Erexsaga.
et vit le cheualier en cors . . hefir best i togi ; k hamim var al-
deschau et nu sor im roncin, naktr mactr ok bundnar hendr ;i bak
con s'il fust pris ä larrecin, aptr, en foetr nirtr uudir kvid.
les mains liees et les piez.
Vgl. Hartmann v. 5401 ss.:
im wären die hende
ze rücke mit gebende
und die füeze unden
zesamene gebunden.
Man beachte ze rücke =-- d hak, nnden = undir kvid, Zusätze, die bei
Cr. fehlen. Der eine Riese sagt:
Crestien v. 4411 s. Erexsaga.
n'auriez uos force uers nos . . . J^viat ekki hefir f)u meira vid mik
ne c'uns aigneax contre deux lous. at gera en lamb vid leon.
Dieser Vergleich fehlt bei H. Die Darstellung des Kampfes selbst
schließt sich, wenn auch mit Abkürzungen, an Cr. an. Am Schlüsse
des Kampfes mit dem zweiten Riesen zeigt sich wörtliche Überein-
stimmung :
Crestien v. 4452. Erexsaga.
qiii fu en deux moitiez fenduz. . . . ok snidr bann sundr i miftju.
V. 4456. Si'itan leysir bann binn bundna rid-
ä tant Erec le deslia. dara ok frdttir bann at nafni.
V. 4491. Nafn mitt er Balvi'el; ek er atfadr
mais nostre non sauoir desir. af Karinlis. [Cai-vib'a h.)
V. 4495.
Cadoe de Tabriol ai non.
Wenn wir H. v. 5643 s. : Sadoch er sich nnnde von Bofriol dem lande,
vergleichen, so liegt die Vermuthung nahe, daß der Sagaschreiber den
400 EUGEN KÖLBING
Namen der Localität für den Namen des Ritters gehalten hat, eine
Verwechslung, wie sie in diesen Saga's öfters vorkommt; vgl. Riddara-
sögur p. 33, wo ich einen ähnlichen Irrthum nachgewiesen habe. Die
Saga beglückt uns dann noch mit einigen Namen, die ich in den'
anderen Texten nicht finde. Es heißt: Blin unnusta heitir Favida, dottir
jarls af Guderis borg. En ek er hertugi af Fölkhorg. Nur im Nordischen
weist Erec die Dienste des Ritters ab mit: segist eigi pann prcelka
sem guit heßr frelsat med sinni miskunn. Dann heißt es :
Crestien v. 4506 s. Erexsaga.
donc alez tost, sanz demorer, . . . en bad hann fram n'cta til Artus
ä mon seignor le roi Artu. konungs ok segja hänum sannindi af
V. 4512. si'num ferctum.
alez i tost, et si li dites etc.
Es folgen jetzt in der Saga zwei Abenteuer, die in den übrigen
Texten ganz fehlen, und die ich darum vollständig mit den Varianten
aus h mittheilen will, mag man über ihren Werth denken wie man will.
Cap. X. Fra Erex er J)at ' at seigja, at hann ridr ^ leingi um
sköginn ok hans unnusta, ok hafa öngva foedu, utan aldinn af vidi.
Ok einn dag heyra ]3au ögurlig Iseti. J)vi nsest sau ja au hvar einn flug-
dreki flygr ok hefir [einn mann i ser ^ alväpuadan ok hefir solgit
hann meir en i beltisstadj [hann lifdi ^, en drekauum vard madrinn
jaungr ok flaug •'' lagt. Erex harmar nü dauda dyrligs dreings ok heitr
af öllu hjarta a *» gud ser til hjalpar, en manninum til lifs. Ridr sidan
fram at hänum med öruggu hjarta. Vill heldr missa sit lif, en [leita ei
vid at hjälpa J)eim manni ", ok höggr ä boexl drekanum svä hann
kiknadi ^ ; vid ])etta högg Isetr hann upp manninn * ok vendir sdr
at Erex ok hleypr nü at hänum med gapanda munui. Erex hleypr af
baki hestinum ok leggr sinu spjoti i munn drekans af öllu afli ' '^ til
hjartans, ok feil hann daudr ä ers Erex ok fekk J)at Jjegar bana. Nü
geiugr Erex a [])eira manni * • sem a vellinura lä i üviti ' ^ , ok hans
frü Evida, ok leita ])au hänum '^, lifs, sem J)au meiga; ok sem hann
vaknar vid, JDakkar hann jjeim '* hjartanliga sina lifgjöf. [\)A spyrja
|)au hann ^^ at nafni. Hann svarar: Ek heiti Pläto, Vigdoei "' borgar
riddari >', hertugi, systurson herra Valvens af Artus "^ gardi. En
Jjessi dreki tök mik i morgun sofanda af minum skildi, ok er min frü
ok hirdsveinar * ^ skamt ä burt hedan leitandi min. Nü gef ek mitt riki
ok mik X J)itt vald. Nü ))akkar Erex ^o g^di, er hann hefir frelsat 2'
svä gödan '^'^ riddara, jjviat gerla kennir hverr Jseira annan, ok vard
|)ar ^^ fagnadarfuudr med ]3eim, ok skjott koma |3ar menu Pläto ok
hans unnusta, sorgmöd '^^ af hans burthvarli, [ok setladi "^ hann dau-
DIE NORDISCHE EKEXSAGA ITND IHEE QUELLE. 401
ftan, ok er |iau säu hans freist ok tbrmerktu hann lifs vera ok vita
hversu at helir borit, verda }ian fcgnari en frä megi segja, fallandi til
f'ota ok [[lakkandi liänura merkiliga "^ |)enna sigr ok mildiverk, bjod-
andi häniim sina lylgd ok Jjjonustu, en hann ])vi skjott neitti ok bidr
J)au f'ara til Artiis konungs ok segja hänum hvat til tidinda hetir borit
i |)essari ferd, en Jiau gera svä ok jjö naudig; skilja svä vid hann at
sinni, en Erex ridr um skoginn med sina unnustii langa hrid unz hann
s^r, hvar rfda VII menn alväpnada; rcka })eir marga hesta kly^ada
af dyrum gripum til eins kastala -" er skamt stod j^adan, ok }iser ä
Qora riddara bundna ok '^^ sära ok ^orar jungfriir hardla vsenar, ok
j^eir sjä hvar Erex ridr, ok })egar snüa j^rir at hänum, en tjörar rida
til kastalans at geyma herfangit. Sä sem fyrir ^eim var, kallar '^^
härri röddu ^^: Jiü riddari, segir hann, ridr sem ^' fol i hendr oss
ölhim, en ef ])n vilt Hf hafa, J>ä fä oss väpn Jiin ok klfedi, best ok
unnustu, en gakk i linklsedum einum, vilir ])ü lif hafa ok berfoetr ok
))akka oss sefinliga lifgjöf. Erex svarar: jiessir eru iijafnir kostir ok
dvrt skulu jjer mitt lif ädr kaupa, en J)er fäit }>at. Nu ridr at jaeim ok
leggr sinu spjoti [fyrir brjost einum •''^ Jieirra, ok hrindr hänum daudum
af hestinum, en til annars höggr hann sinni hoegri hendi [ok sneid
hjälminn svä at heilinn lä ä jördinni ^^, en hinn Jjridi sn^ri undan
vid fall sinna f^laga, ok f?er skjotan dauda^ |5vi at Erex höggr ä hans
bak svä at hann tök sundr i midju. I ]^)vi k6mu at hänum fjorir, ok
ridu allir senn at Erex; ok var höfdingi j:)eirra verri einn vidreignar,
en hinir allir. Fser Erex nü mörg sär ok stör, ok svä rifna upp [hin
fornu sär ^^. (Vgl. H. v. 5716 ss. En svä lykr ^^, at Erex felHr ^e
])A alla; enda er hann ]>ä mjök ylirkominn af särum ok moedi, ok
])6 ridr hann skjotliga [jjangat sem hinir bundnu väru ok leysir J)ä;
spyrr j^ä sidan at nafni, en sä seigir er fyrir j^eim var: Ek heiti Jüben
hertogi af Freiheimi ^ ' ; en jsessir eru J>rir minir brcedr, Perant ok
Jodim -'^ ok Malides ^^ hertvigar af Mänaheimi: eru |)essir värar unn-
ustur, en ver frettum til JDessara illvirkja ok hugdum at freista med
värri frsegd, en viljum \)er nü gjarna J)j6na *". Erex mselti: ]jer g6dir
herrar, sagdi hann, farit i guds fridi fyrir göd bod, en ydvara jjjonostu
vil ek ekki hafa. En ef jaer vilit m^r nökkut '^ ' gera, \)a, fari j^^r
skjott ok segit Artus konungi at Erex Ilaxson hefir j^ik irelsat. Eu
[|)eirra foringi jätar *- J)vi gjarnan ok bidr *^ hann af baki at stiga
ok binda sär sin, ok hvilast ])vi hjä J)eim um stund, en hann vill Jsat
eigi ^^ ok snyr ä skoginn med Evida. reir vilja Jiä fylgja hänum.
Hann fyrirbydr ])e\m jiat ok snüa |)eir aptr i kastalann ok binda sär
sin ok dveljast Jjar nökkrar ncetr. Ok ridu jiadan ä Artus "*^ fund.
402
EUGEN KOLBING
') jsat om. a. Ergänzt nach h. ') nii add. h. ^) i munni einn mann h. "•) en
hann lifdi J)6 enn b. ^) hann mjök add. h. ") allmättugan add. h. ') hjälpa eigi Jiessum
manni h. ^) af tok 6. ') lausan add. h. '") allt add. h. ") Jjessum manni 6. '') svä
iiaer at bana kominn add. b. '^) mi add. h. '*) Erex 6. '^) J)au spyija hann enn b.
'") Margelei. * ") riddari om. i. '*) konungs ofZd. 6. ") skjaldsveinar 5. '") allmättigum
add. b. ^') fyrir si'na hönd add, b. '') ägsetan b. '') mi hinn mesti acZtZ. b. ^'') hun
sorgadi mi mjök b. '^^} setlandi b. '*) Jjakka hänum nü mikilliga b. ^') skäla b.
") J)ä alla ad(Z, 6. ") k Erex acZcZ. 6. ^o) sv4 mfelandi add. b. ^') eitt add. b. '^) i
gegnum einn b. ^^) medr sverdi um })vert andlitit ok i simdr hausinn svä at heilinn
f^ll ä jörd b. ^^) hans hin gömlu sär b. ^'') bardaga fiein-a add. b. '*) drepr h.
'•) Forkheimi b. ^*) Joachim b. ^^) Malcheus b. ■'") fyrir lifgjöf ok frelsi jjer allii-
])j6na ok värir riddarar b. ^') nökkuni heidr 6. ^') ))eir jäta b. '*) bidja ä. **) medr
öngu raöti ä. ■*') konungs <wZd. &.
Auf diese beiden hier eingeschobenen Abenteuer werde ich am
8chhisse noch einmal zurückkommen. — Alle diese Kämpfe haben in
allen drei Bearbeitungen Erec sehr angegriffen:
Erexsaga.
. . . at hann fellr af si'num hesti ; en
Jiat üvit var svä langt , at Evi'da aetlar
hann dau5an, ok aumkar sik alla vega
ok graetr särliga.
Vesöl er ek orrtin af dauda bonda
mi'ns ok Jiess annars , at med minni
tungu kom ek hänum a J)essa ferd, er ek
])ag(la eigi yfir rangligu dmaeli vändra
manna.
Etlr hversii mä ek lifa vid harra eptir
jivilikan bonda? J)vi mun ek fa mer skjo-
tan dauda med hans sverdi.
Cr estien v. 4567 s.
chei toz ä un fais aual
iusques sor le col dou cheual
V, 4571 SS.
et chiet pasmez com s'il fust mort.
lors commenQa un duel si fort
Enide, quant chevir le uit
V. 4577.
en haut rescrie,^et tort ses poinz.
V. 4587 SS.
he, dist ele, dolente^Enide,
de mon seignor sui homieide.
par ma parole Tai ocis.
encor fust or mes sire uis,
se ie com outrageuse et fole
n'eusse dite la parole
par qoi mes sire 9a s'esmut.
V. 4619 8.
dex, que ferai? por qoi uif tant?
morz, que demores?
V. 4630 s.
l'espee que mes sire a ceinte,
par raison doit sa mort uengier.
Nur bei H. redet Enide das Schwert an. Hier ist überhaupt die
Darstellung dieser Scene viel ausführlicher, als in den beiden anderen
Texten. Interessant ist der Zug, daß die Saga über die Schwere des
Schwertes sehr ausführlich ist. Es heißt von demselben: Hon vildi reisa
Patd hjöltin, en Jjat var .wd pungt, at hun gat varla af järdu lypt, ok
DIE NORDISCHE EREXSAGA ITND IHEE QUELLE. 403
jafnan er hun skeyndi fingrna, pa kipti hun at ser hendinni, ok pa mtlar
hun at fallast d eggjarnar, ok er hun var at pessu starfi etc. Wir haben
nämlich hier die Begründung einer Notiz, die sich sonst nur bei H.
Hndet, nämHch, daß sie sich nicht ersticht mit dem Sehwert, sondern
sich in dasselbe stürzen will; vgl. v. 6113: als si sich wolde ervallen
dran. Cr. v. 4634 ss. braucht diesen Ausdruck überhaupt nicht.
Es folgt nun das Abenteuer mit dem Grafen (jarl), bei Cr. und H.
Oringles von Limors, in der Saga Placidus genannt. Dieser und seine
Begleiter, heißt es selbstständig in der Saga, töldii pat ürdd, at htm
tyndi hcedi lifi ok sdlu, ok missa ]>ar fyrir himnariki. (Vgl. die ähnliche,
religiöse Bemerkimg dem SchlossheiTn gegenüber, der Evida verführen
will.) Die Trostrede folgt, wie bei Cr., noch ehe er sich mit seinen
Gesellen berathen, nicht erst dann, wie bei H. Sie entspricht dem
Sinne nach der in den anderen Texten. Das Folgende ist in der Saga
sehr kurz gefasst. Unabhängig von den andern Texten hebt diese her-
vor, daß er einer Unbekannten sich und sein Reich anbietet: en pö
veit hann ei hennar nafn. Eigenthümlich ist, daß hier das Gefolge, das
er wegen der Vollziehung der Ehe um Rath fragt, antwortet: Pat eru
guds log ei, nema hun geß leyfi til, en '])at fekkst ei af henni. Bei Cr.
findet sich nichts Entsprechendes, bei H. gerade das Gegentheil v. 6210:
nv rieten st im'z alle. Der Unwille bricht dann erst später aus:
Crestieu v. 4790 ss. Erexsaga.
et li cuens la fiert en la face. Jarlinn reiddist m'i ok slaer haua
cele s'escrie, et li barou piistr Hon grsetr sarliga; en hir-
le conte blasment enuirou. dinni likar illa tiltoeki jarlsins, ok verdr
af jaessu mikit hark i höllinni.
Zu den Worten en-jarlsins vergl. Hartmann v. 6525 ss.:
so dühte'z se alle gliche,
arme uude liche
ein michel ungefuoge.
Die bei Cr. und H. in die Scene mehrfach eingeflochtenen Reden
hat die Saga nicht, wol um den Text abzukürzen.
Erec's Erwachen wird in vollständiger Übereinstimmung mit Cr.
geschildert :
Crestienv. 4817 s. Erexsaga.
entre ces diz et ces tencons Ok Jjessu nsest tekr Erex at vitkast,
reuint Erec de paumoisons. ok hleypr af bönmum ok bregdr
V. 4824 s. sverdi, ok höggr til jarlsins i höfudit
dou dois ä terre descendi, sva at heilinn la 4 jördunni.
et trait l'espee isnelement.
V. 4829.
et fiert parmi. . . . le conte.
404 EUGEN KÖLBING
Nach dieser Übersetzung i höfvMt ist statt Bartsch's Ergänzung:
et fiert parrrii le vis le conte, 1. c. p. 180 v. 4829 vielleicht richtiger so
herzustellen: et fiert parmi la teste al conte. Der deutsche Text gibt
keinen Anhalt zu einer Verbessening.
Crestien v. 4833 s. Erexsaga.
li cheualier saillent des tables, Af Jsessu verki kemr svä mikill otti
qui cuident que ce soit deables .... yflr hirctina alla, at hverr hleypr ut af
V. 4838 s. höllinni, sem mest ma, svä maelandi:
li uns deuant l'autre s'enfuit, Skundum iindan sem mest mögum v^r,
quanque il puet, h grant eslais. ^vlat fjandinn er i li'kinu ok hefir drepit
V. 4841 s. J*''^^°°-
et Orient tuit, et foible et fort,
fuiez, fuiez, uez ci la raort.
H. schildert die Flucht ziemlich selbständig (vgl. Bartsch 1. c.
p. 170).
Über die Art, wie Erec zu seinem Pferde kommt, sagt die Saga
nichts; es heißt nur: sina hesta i gardimcm. skjött, finnandi. Die Ver-
söhnung findet hier bei dieser Gelegenheit noch nicht statt. Statt dessen
folgt nun im nordischen Text die Schilderung des Zusammentreffens
mit Kcei. Diese Scene wird mit folgenden Worten eingeleitet : ^au taka
ser ndttstad d einum fögrum vöUmn vid sinn hrnnn vcenany ok htndr Evida
um. sdr Erex, ok sofa siäan til dags, ok taka siäan hesta sina, rida
sidan til eins kastala, ok dvöldu par prjdr noetr ok hvila sik. Padan rida
Pau langan veg. Der Anfang der Scene selbst stimmt ganz genau zu Cr. :
Crestien v. 3951 ss. Erexsaga.
tant que par auenture auint Ok einn dagr s^r Erex, hvar ridr einn
que Erec encontre lui uint. riddari, ok kennir at {\>k er kominn add. h)
il conut bien le seneschal. Ksei raidismadr Artus konungs.
V. 4036 s. Fellir bann Kaei rsedismann af baki
tot estendu le porte h terre. ok tekr best bans ok hefir med ser.
puis vint au destrier; si le prent.
Anzumerken ist, daß bei H. Kfei bei der Rücklcehr zu Artus
V. 48.54 ss. selbst die Vermuthung ausspricht, sein Besieger sei Erec
gewesen, bei Cr. nicht, während es in der Saga gleich nach der Schilde-
rung des Kampfes heißt: ok pd kennir hann Erex at vdpnalmnadi. —
Das gegenseitige Fragen nach den Namen hat Cr. und die Saga nicht.
Das Ross erhält Ksei erst wieder, als er hinzusetzt, er habe es von
Valven geliehen; dies ist im Nordischen wenigstens angedeutet: Ok hidr
Erex, gefa ser hest sinn, ok fekkst ei Jjat fyrr en hann sagdi at Valven
pann hest wtti ok skildust med pvi at sinni, bei H. deutlich ausgespro-
chen, während er bei Cr. gleich das erste Mal vom Eigenthümer des
Rosses spricht. Zu: ok skildust med "pvi at sinni vgl. H. v. 4832: Nu
DIE NORDISCHE EEEXSAOA UND IHRE QUELLE. 405
schieden st sieh ze stund, ein Ausdruck , für den sich bei Cr. nichts
Entsprechendes findet.
Das in den andern Texten nun folgende Abenteuer mit Gamlin
fehlt in der Saga ganz. Statt dessen folgt jetzt die Aussöhnung, die,
wie wir vorhin sahen, in den andern Texten an einer anderen Stelle
steht. Doch stimmt die nordische Fassung offenbar mit Cr.:
Crestien v. 4885 ss. Erexsaga.
bien uos ai dou tot essaie. I mörgum |)rautum liöfum vit um h\iS
ne soiez de rien esmaie; verit ok hefir gud iir ölhim velleyst, en
q'or uos ain plus assez et pris, nü hefi ek reynt af f>er sanna ast, dygd
et ie resui certains et fis ok trüfesti.
que uos m'amez parfaitement.
Die Saga setzt selbständig hinzu: Er nü ok mein vdn, er skjotr verdi
skilnaär okkarr, Jwiat fast anqra nrik stör sdr ok langt matleysi. Ok pessu
ncest fellr hann i nvit.
Guimar erscheint med marga riddara , Avährend H. und Cr. be-
stimmte Zahlen angeben. Von einem Kampf zwischen beiden, wie bei
Cr. und H., ist im Kordischen nicht die Rede. Es heißt von Guimar:
Hann kennir skjött Fyrex ok Evidam ok huggar hana skjött, en Icetr Erex
i hoegan vagn ok fytr hann heim ? sina horg. Bei Cr. und H. wird Erec
von Guivret's zwei Schwestern geheilt, in der Saga von einer: ok fa>rir
hdnum til la>kningar systnr sina, er Godilna hef, pviat hon gaf alli heilt
qrcedt, indeü ohne die Fämurgdn zu erwähnen. Die Schilderung des
Abschiedes stimmt mit der bei Cr.: Bidr hann konung orlofs [til hrott-
ferdar add. h] ok fa^r ])at med 'Jwi at hann sjdlfr vill fylgjci hdnum ok
pat piggr Erex. Vgl. Cr. v. 5215, v. 5238 ss. In der Saga erhält nicht
nur Evida ein Ross, sondern auch Erec Es heiüt: Guimer konungr
gefr Erex XXX riddara alvdpnada til fylgdar ok gott ess komit af Lom.-
hardi ok keypt fyrir XX merkr gulls. Bei der Beschreibung von Evida's
Rosse, die verhältnissmäßig kürzer gefasst ist, als in den beiden andern
Texten, stimmt doch manches Einzelne mit denselben. Statt der Auf-
zählung der einzelnen Scenen aus Aeneas Leben, die auf dem Sattel-
bogen dargestellt sind (vgl. Cr. v, 5292 ss. H. v. 7544 ss.) heißt es nur:
d södulhoganum vdru skrifud öll störmerki Tröjumanna; vgl. H. v. 7545.
daz lange liet von Troyä. Cr. v. 5293: coment Enens mut de Troie.
Crestien V. 5303 ss. Erexsaga.
uns Grez taillierres, qui la fist, .... med svä miklum haglcik at
au taillier plus de set anz mist, hinn fljotasti ok hinn bezti höfudsmidr
qu' ä nule autre oeure n'entendi. i öllu Bretlandi gat Joat ei fullgert ä
sjö ärum.
406 EUGEN KÖLBING
Mau vergleiche Hartmann v. 7461) ss. :
Ein meister hiez Umbriz,
der doch allen sinen fliz
dar leite für war
wol vierdehalbez jär,
unz er in volbrähte
dar nach als er gedähtc. ^
Wir sehen also, daß sich hier die Saga enger an Cr. anschließt, als H.
Nach dem Abschied von Guimar gelangt Erec mit seiner Gattin
zur Burg Bartiga {Brnndicjanz bei Gr., Brandigän bei H.), die ein König
Essuen {Eysteynn b) in der Saga, Eurains bei Gr., Ivreins bei H. inne-
hat. Der Name des Abenteuers ist im Nordischen passender gewählt als
in den anderen Texten: hardr fagnadr *)^ Gr. b41d joie de la cort, H. 8005
des hofes freude, eine Übersetzung des franz. Namens, vgl. v. 8001.
Crestien V. 5418 SS. Erexsaga.
1 aventure, ce vos plevis, I )^»essari borg er sa stadr, er heitir
la joie de la cort a non. hardr fagnadr , ok bann hefir raörgum
dex, cn joie n'a si bien nou. gödum riddara ordit ofagnadr, ok hefir
V. 5390 s. einginn aptr komit s4 er farit hefir, ]io
que doii chastel ne rcuint niis alröskr riddari verit hafi.
qui lauentu re i alest qiierrc.
V. 5393.
cheualier fier et corageus.
Von Tanz und Spiel im Schlosse, von den Klagen der Bewohner
(vgl. Bartsch 1. c. p. 173) weiß die Saga nichts. Beim Empfang heißt es:
Crestien V. 5501 s. Erexsaga.
li rois Eurains cn mi la nie Ok er {^eim Jiar vel fagnat ok 8j41fr
vint encontre ; si los salue. Essuen kouungr gengr i moti }ieim ok
V. 5511. leidir \)ä, til sinnar hallar, ok gerir Jieim
Ten inainne en son palais amout. agaeta veizlu.
V. 5532 s.
li rois cominande aprester Ic sopcr.
Von den bei H. vorkommenden achtzig Frauen (v. 8220 — 8357) ist in
der Saga nichts zu lesen, ebenso wenig werden Namen von den im
Garten erschlagenen Rittern angeführt.
Bald nach seiner Aufnahme in dem Schloss fragt Erec nach dem
gefährlichen Platze:
Crestien v. 5555 ss. Erexsaga.
or nou puis celer en auant. Nu spyrr Erex , hvar sä stadr er , er
la joie de la cort demant, hardr fagnadr heitir, ok segir Jiat sitt
que nule rien tant me covoit.
*) Zu dieser Art von Namen vgl. tiiiuadi atbur(!r (nach Stephens Vermuthung
[HeiTa Ivan lejon - riddaren Stockholm 1849 p. XYIT] pmandi zu lesen), vgl. meine
Anmerkung zu der Stelle: Riddarasögur p. 128.
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 407
V. 5560. erindi ))augat, at reyna sik )iar, ef nök-
ccrtes, fait li rois, beax arais, knt msetti til frfegdar verda.
V. 5562 s. Konungr svarar svk: Ek vil yctr J)Vi
ceste chose est molt perilleusc, ei leyna, sagcli bann, at j^jessi heiäzla
et dolant a fait maint preudomme. licfir mörgum raauni at skada ordit.
Was die Schilderung des Baumgartens angeht, so findet sich ein
auffallender Widerspruch zwischen den Worten der Saga und der
Schilderung von Cr. und H.:
Crestien v. 5691 ss. Erexsaga.
<m ucigier n'auoit enuiron Um j^funa s^ad var cinn uiiirr ok eitt
nc miir ne paliz se Tair non: port med sterkri jarnhurd ok var hun
maie de l'air ert de totes parz ei laest, |)vi'at Iiana geymdi eiun dvergr
par nigroinance clos li iarz. ok let upp fyrir ))eim er inn vildu.
H. folgt in dieser ganzen Passage, wie Bartsch 1. c. p. 173 s.
nachgewiesen hat, ziemlich genau Cr. Während hei Cr. alles Volk mit
in den Garten eintritt, bei H. nur Erec, Ivreins, Enide imd Guivrez,
heißt es in der Saga nur: Nu ridr Erex inn um J)dta port ok hans frü.
Es heißt dann:
Crestien V. 5732 ss. ^ Erexsaga.
car deuant aus, sor peix aguz, Ütau a mürnum varu margar steiigr
auoit hiaumes luisanz et clers; _ ok jiar ii manna liöfud.
et s'auoit desor Ics cerclers
teste d'ome desor chascun.
Die Saga setzt selbständig hinzu: med peim smyrsbim, al aklri
mdttu füna. Von der einen leeren, für Erec bestimmten Stange ist hier
nicht die Rede.
Bemerkenswerth ist, daß der Pavillon, von dem Cr. nichts weiß,
sowol von H. als vom Sagaschreiber aufgeführt wird. Es heißt bei
diesem: ^au ridu (also nicht Erec allein [Cr. 5831, H. 8895]) at einum
grasgardi mjök fHdum. I hdnum stöd eitt t/jald allt gulUkoiit med eximi;
vgl. H. V. 8900 SS. : nü sack er vor im dort eine pavilüne stan, rieh unde
wol getan. Gleich darauf haben wir aber Anschluß an Cr. ; man ver-
gleiche :
Crestien V. 5832 s. ^ Erexsaga.
tant qu'il troua un lit d'argent, j ^vl var ein sgeng af brendu gulli ger.
couert d'un drap bordö ä or. I henni sat ein kona svä fögr at Erex
V. 5835 ss. jiöttist öngva fegri set hafa.
et sor le lit une pucele
gente de cors et de uis bele.
de totes beautez k deuise.
H. sagt von dem Bett nichts ; es heißt nur v. 8925 s. : Hie under
er gesitzm sach ein wip etc. Sehr beachtenswerth ist, daß bei der
408 EUGEN KÖLBING
Schilderang: von der Schönheit der Dame H. und die Saga wieder auf-
fallend zusaramenptimnien, indem beide Enite über dieselbe stellen:
Hartmann V. 8927 ss. Erexsaga.
flaz er bi sinen ziten . . . at Erex Jiottist öngva fegri set hafa
an die frowcn Eniten ütan Evi'dam.
nie dehein schoener het gesehen.
Dem herankommenden Ritter, den Cr. und H. etwas ausführlicher
schildern*), gibt der Sagaschreiber nur die Epitheta: sterkligr und
alvdpnaär. Der Ton des Gespräches zwischen beiden wird bei H. und
in der Saga schon vorher angedeutet. Es heißt in der Saga: ok
hefr svd sina roedu til Erex med illyräum svd segjandi etc. H. v. 9024 s.:
und gruozte in ein teil vaste, gelich einem iiheln man. Bei Cr. heißt es
nur V. 5858 s.: aingois qu' Erec ueu l'eiist, li escria etc. Die Schilde-
rung des Kampfes ist in der Saga sehr kurz gehalten. Der besiegte
Ritter nennt sich dann Malhanaring , bei Cr. Mahonagrains, bei H.
Mdbonagrin, also offenbar übereinstimmend. Die Gespräche selbst sind
im nordischen Text sehr zusammengezogen. So fällt z. B. das Gespräch
der beiden Frauen ganz weg. Aus der Rede des Ritters hebe ich
hervor :
Crestien v. 6027 sr. E r exs a ga.
et dist que pleui li auoie En hiin baft mik ijienna stad at fara
que iames de ceanz n'istroie ok h^r vera ok aldri vid mik skilja fyrir
tant que cheualiers i uenist en ek yrdi sigradr af einnm riddara; en
qui par armes me conqueisf. hon aetladi j^at aldrigi verda mundn.
V. 6044.
ne euida pas que ä nul ior
deust en cest uergier entrer
uasaux qui me deust outrer.
Selbständig heißt es im Nordischen: En hennar fadir er Tracön
jarl af Arnshorg, rikr ok mikill kappi. Im Folgenden findet sich ein
eigenthümliches Missverständniss des nordischen Bearbeiters:
Crestien V. 6295. Erexsaga.
Enide sa rosine en mainne . . . f)viatEvida kennir hersi'nafisend-
plus bele que ne fu Helaine. konu er Elena höt.
Der Grund der Zurückgezogenheit des Paares wird in der Saga
anders angegeben, als bei Cr. und H. Es heißt: Ok gerdi hon svd af
henni pötti üscemd i at menn vissi at hon dtti einn riddara, en öttadist
at hennar fadir mtindi mik med miklu fjölmenni vinna, ef hann vissi
*) Es ist unrichtig, wenn Bartsch 1. c. p. 175 behauptet, bei Cr. finde sich keine
Beschreibung des herankommenden Ritters, wie sie H. (9010 — 22) hat. Diesen
Versen entsprechen fast vollständig Cr. 5850 — 5857.
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 409
kvar ek vcera. Vgl. Cr. v. 6031 : ainsi me cuida retenir ma Sximoisele ä
lonc seiw. H. v. 9567 : so rehte Hure dühte ich si.
Nach dem sehr kurz geschiklerteu Abschied zieht Erec zu Artus.
Er ist der Saga nach zehn Tage unterwegs, was bei Cr. u. H. nicht
gesagt wird. Der Empfang wird bei Cr. umständlicher geschildert, doch
fast wörtHch stimmt:
Crestienv. 6424 s. Erexsaga.
puis enquiert Erec, et demande . . . spyrjandiErex tiäindaat'st^r hvar-
noveles de ses aventures. um lians ferdum.
Die achtzig trauernden Frauen werden in der Saga hier natiü'lich
ebenso gut ignoriert wie vorher. Dagegen fehlt bei Cr. und H. folgende
Stelle: rd gengr fram fyrir konunginn Malhanaring, ok fellr til föta
konunginum seigjandi hdmnn sina cpfisögu, gefandi sik allan d hans vald,
hidjandi ser miskunnar , ok fcer pat fyrir hoenarstad Erex; gerist kann
nü konungs madr ok fcp,r skjött mikit metord fyrir sina hreysti, pviat kann
pröfadist, sein var, kinn hezti riddari i öllum mannraunum.
In der Saga sagt Artus selbst dem Erec den Tod seines Vaters.
Es heißt: . . . ])viat ek kann at segja ydr at llax konungr, fadir ydarr er
andadr, ok stendr hans riki geymslidaust undir margskonar hdska ok
t'ifridi. Bei Cr. melden ihm dies zehn Barone (v. 6467), bei H. kommt
Erecke nur „ein mcere^ (v. 9968). Bei H. fordern ihn die Boten auf,
in sein Reich zu kommen, in der Saga thut dies Artus: Nw er pat
mitt rdd, at per Idtit pessi üräd; vil ek at per ridit fyrst heim ok frelsit
yävart riki ok hefit par til ydvar vdru styrk Ok eptir lidinn tinia
tekr hann orlof af konungi ok dröttningu, reid hann heim i riki sitt. Ver-
gleiche H. V. 9970 SS. :
Nu was des sinem laude uut
daz er sich abe ttete
solher unstaäte
und daz er heim füere:
daz waere gefüere
siuem lande und siner diet.
mit urloube er dö danne schiet
von dem künege Artuse
ze vanie heim ze hiise.
Bei Cr. steht von einer derartigen Aufforderung nichts; nicht
einmal die Heimkehr selbst wird hier erwähnt, was Bartsch (1. c. p. 177)
mit Recht auffällig findet.
Die nun von mir anzuführende Stelle der Saga soll besonders der
eigenthümlichen Constructiou wegen Erwähnung finden : Beid hann heim
i riki sitt, fridandi pat ok frebandi, en at jölin öllum höfdingjum sins
lands til sin stefnandi, sidan sina ferd til Artiis konimgs hyrjandi, jöla-
410 EUGEN KÖLBING
dagimt hiun fyrsta epiiv kommgs hodi vied miklu fjölmenni fjar koniandi.
par miklum fagnadi af komingi ok dröttningu mcetandi. Man achte auf
die auffallende Häufung von Partieipien, wie sie sich in den Saga's
guter Zeit nie findet *).
Im Folgenden zeigen sich in der Saga mehrfach Abweichungen
von den anderen Texten, die überhaupt nach dem Schlüsse des Ge-
dichtes zu mehr auseinander gehen. Erstens schließt sich die Dar-
stellung in sofern an Cr. an, als in beiden Texten das Fest bei König
Artus, bei H. in Erec's Lande selbst gehalten wird. Aber bei Cr. setzt
l'evesques de Nantes meismes Erec die Krone auf, in der Saga Artus:
Artus konungr gaf Erex körönu af gulli gerva i vigslunni, dyrligum gimm-
steinum setta, setjandi hana upp d hans höfud. Vgl. Cr. v. 6820 ss.,
H. V. 10063. Der Saga allein gehört folgender Zusatz an: Hon var eigi
minna verdi keypt i Africa en XXX marka gidls. Ebenso die folgenden
genauen Zahlenangaben : Annan dag jöla var Erex tu konungs vigdr af
sjö erkibiskupum ok prettdn lydhiskupum. Ebenso endlich: En Evidu gaf
kann dyrliga skikkju; par vdrü d skrifadir allar höfudUstir; hun var
oll skinandi ok svd dijr, at einginn kawpmadr kunni Jiana at meta. Hun
var ofin IUI [rastirj i jörd nidr af fjörum alfkomim i jördhüsi par er
aldri kom dagsljös.
Die Beschreibung des Festes selbst stimmt im Allgemeinen mit
der Cr.; nur kürzt der nordische Bearbeiter sehr.
Daß der Bekker'sche Text wirklich den Schluß von Crestien's
Gedicht enthalte, kann ich ebenso wenig glauben als Bartsch 1. c. p. 178.
Und nicht viel besser steht es mit ms. 27, Cange, dessen Schluß Hol-
land, Crestien von Troies. Tübingen 1854, p. 25 anführt. Doch ver-
gleiche man:
Crestieu. Erexsaga.
Mult lor ont donne largement Si'ctan varu höMingjar velleystir med
Cevax et armes et argent, dyrligum gjöfum.
draps et pailes de mainte guise.
Den Schluß der Saga, als wenigstens scheinbar ganz selbständig,
lasse ich hier folgen:
Erex konungr ok Evida drottning skilja vid Artus konung ok
hans drottning med miklum vinskap ok heizt hann medan )>au lifdu.
Sidan ridu |)au heim i sitt riki ok styrdu |)vi medr scemd ok heidr
ok fuUum fridi. })au gätu H sonu; het annari' eptir födur Evidse, an-
*) Man vergleiche folgende Stelle der Parcev.nls Saga, Riddarasögiir p. 14, 29 ss. :
Aldri verdr m6r hugr fyllandi vid öngvau jjanii er uü er lifandi: skal ek aldri vera
fl^jandi, medan ek er upp standandi.
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IHRE QUELLE. 411
narr eptir föitur Erex. Urdu peir badir k()iinni;ar ok aburdnnieim, ok
likir födur sinum at hreysti ok riddaraskap ok toku riki eptir föduv
sinn. Lykr h^r |)essari sögu af j|)eim ägseta P^rex konungi ok hans
frü Evida.
Ziehen wir nun aus dieser längeren Einzelvergleichung das Resultat.
1. Wir sahen, daß im Ganzen unsere Saga sieh dem französischen
Dichter anschließt, namentlich an vielen Stellen, wo Hartmann's Dar-
stellung ausführlicher und breiter ist, und daß, wo in Einzelnheiten die
beiden Gedichte nicht harmonierten, die Saga Crestien folgt, mit dem
sie häufig wörtlich übereinstimmt. Wir dürfen daraus gewiß unbedenk-
lich schließen, das dem nordischen Bearbeiter das französische Gedicht
vorgelegen hat.
2. Wir mussten aber auch eine Anzahl von Stelleu hervorheben,
wo die Saga nicht mit Crestien, sondern mit Hartmann stimmte, hie
und da ebenfalls fast wörtlich, so daß ein gewisser Zusammenhang
zwischen beiden sich nicht wol Avird ableugnen lassen. Da treten nun
zwei Möglichkeiten ein. Zunächst liegt die Annahme, daß der Saga-
schreiber außer dem französi:chen Gedicht noch unsern deutschen Erec
vor sich gehabt habe, an den er sich, wenn es ihm convenierte, an-
geschlossen habe. Indessen haben wir Mehreres geltend zu machen,
was dagegen spricht. Allerdings ist der Einfluß deutscher Poesie auf
die nordische in der Zeit der Abfassung dieser romantischen Saga's
nicht ganz abzuleugnen. Namentlich ist, wie in der neuesten Zeit
B. Döring (Zeitschr. ftir deutsche Philologie II p. 1 — 79) erwiesen hat,
die Thidrekssaga großentheils mit Benützung einer Recension unseres
Nibelungenliedes verfasst *). Ebenso gibt der Verfasser des altschwedi-
schen Gedichtes: Hertig Fredrik af Noimandie, an, daß dasselbe aus
dem Deutschen übersetzt sei; vgl. v. 3201 ss. : , :
Thenne bok ther ij hasr höra,
henne lot kesar otte göra
ok vaenda afF valsko ij thyzt maal, , ',
gudh nadhe thaes aedhla första sitel.
mi «r hon anuan tiidh giordh til rima
nylika innan stuutan tima
äff thyzko ok ij swaenska tungag.
*) Ob nur nach mündlicher Überlieferung oder nacli einer schriftlichen Vorlage,
wird nach den vielen wörtlichen Übereinstimmungen, die sich finden, doch wol noch
zweifelhaft sein. G. Brynjiilfsson übrigens hält es dem ganzen Stil der Saga nach für
wahrscheinlicher, daß dem Autor nicht eine deutsche, sondern eine lateinische Quelle
desselben Inhaltes wie das Nibelungenlied vorgelegen habe.
412 EUGEN KÖLBING
Andere Angaben sind freilich sehr apokryphischer Natur, so wenn
die Blomstrvallasaga aus dem Deutschen übersetzt sein soll, vgl. die
Ausg. von Möbius p. 2^ "": En cd pessarri veizlu fyrir haräi heyräi herra
Bjarni lesit i pyzku mdli petta cefintyri oh foerdi siäan konungt i Noregi.
Oder wenn es zu Anfang der Sigurdar Saga fötar ok Asmundar Hüna-
konungs (Cod. Holm, perg 7 fol.) heißt: ^at er upphaf einnar Utillar
sögu, peirrar er skrifud fannst d einum steinvegg i Cölni, at Knütr etc,
Aber wenn wir bedenken, daß die dem Erec verwandten Saga's,
die Parcevalssaga, die Iventssaga, die Tristramssaga, die Möttulssaga
(vgl. für die Quelle dieser beiden Saga's die jetzt erscheinende Aus-
gabe von Gr. Bryujiilfsson) sämmtlich nur nach den entsprechenden
französischen Gedichten verfasst sind, so wird es schon von selbst
wahrscheinlich, daß es mit dieser Saga ebenso steht. Und es steht uns
auch noch ein anderer Ausweg offen; nämlich dasselbe Resultat^ zu
dem Bartsch bei seiner Vergleichung von Hartmann's Erec mit Crestien's
Gedicht gelangte: daß dem Verfasser das französische Gedicht als
Quelle gedient hat, aber freilich in einer Handschrift aus einer anderen
Gruppe als die, der der Bekker'sche Text angehört, und zwar in einer
Überlieferung, die der nicht fern stand, welche Hartmann benützte.
So würden die allerdings unabweisbaren Übereinstimmungen zwischen
Hartmann und der Saga sich durch Annahme einer gemeinsamen Quelle
sehr einfach erklären. Zugleich wird dies eine Bestätigung liefern für
Bartsch's Behauptung, indem eine ganze Reihe von Abweichungen des
deutschen Textes vom französischen nicht mehr als gegen Bartsch
sprechend angeführt werden dürfen.
3. Allerdings muß aber hier noch ein Drittes in's Auge gefasst
werden. Wir hatten nämlich in der Saga nicht nur solche Abweichungen
von Cr. Gedicht zu verzeichnen, wo jene zu H. stimmte, sondern auch
eine ganze Anzahl anderer, theils Weglassungen, theils Zusätze, sei es
ganzer Abenteuer oder nur einzelner Momente. Was die Weglassungen
einzelner Gespräche und einiger unwichtigen Ereignisse angeht, so wer-
den uns diese keine große Schwierigkeit bereiten. Wer diese Saga's
in ihrem Verhältniss zu den Quellen nur etwas näher in's Auge gefasst
hat, weiß, daß es dem Sagaschreiber häiifig wünschenswerth gewesen
ist, die Erzählung abzukürzen, weshalb er namentlich in Schilderungen
sich meist auf das Nothwendigste beschränkt. — Die mehrfach zu
beobachtenden Zusätze dagegen, ebenso wie einzelne Veränderungen
dürfen wir vielleicht zum Theil der Überlieferung der Saga zuschieben,
denn es ist bekannt genug, daß die Abschreiber der Handschriften
häuHg ebenso sehr Producenten wie Reproduceuteu waren (vgl. Möbius,
DIE NORDISCHE EREXSAGA UND IH1{K QUELLE. 413
Blomstrvallasaga p. XXII). Doch kommt dies für uiisern Fall darum
weniger iu Betracht, weil wir zwei Handschriften haben ohne verhältniss-
mäßig sehr bedeutende Abweichungen. Zudem steht die Kopenhagener
Abschrift in einer Handschrift, deren Schreiber sich stets auffallend
genau an seine Vorlage gehalten hat, wie sich aus anderen Saga's, wo
die Vorlagen noch erhalten sind, nachweisen läßt. — Nun ist es aber,
schon aus dem oben angedeuteten Streben nach Kürze nicht gerade
wahrscheinlich, daß der Verfasser der Saga viel willkürlich hinzugesetzt
haben wird. Die meisten der Änderungen, die häufig ganz verständig-
angebracht sind, werden daher wol im Texte des Originals ihren Grund
haben. Schwieriger ist es, über die beiden eingeschobenen Abenteuer
ein Urtheil zu gewinnen. Möglich, daß die Vorlage sie ebenfalls ent-
halten, möglich aber auch, daß unser Sagaschreiber sie erfunden hat.
Was diese letztere Möglichkeit betrifft, so will ich nur bemerken, daß
i\[enschen raubende Drachen in den romantischen Saga's öfters vor-
kommen; man vergl. z. B. Blomstrvallasaga Cap. XXIV, wo auch ein
dveki fljügandi einen Menschen raubt, ferner in der Saga af Flores ok
sonum hans, die nach dieser Richtung hin mit der eben erwähnten
manche Ähnlichkeit hat. Auch der Name Fläto ist andern ähnlichen
Saga's nicht fremd; ich erinnere nur an die Fertraras Saga ok Piatos,
wo dieser letztere ein Sohn des Königs Artus von Frakkland ist: das
zweite der beiden hier zu besprechenden Abenteuer ist noch weniger
charakteristisch, und kann sehr leicht aus der Feder eines Abschreibers
geflossen sein. Daß besiegte Ritter oder Männer, die Ai'tusrittern Dank
schulden, zu Artus geschickt werden, konnte er aus dieser Saga selbst,
ebenso aus der Parcevalssaga wissen. (Vgl. auch hierüber Holland:
Li romans dou chevalier au lyon. Hannover 1862 p. 164 s. Anmerkung.)
Sonstige Beispiele für von einem Abschreiber eingeschmuggelte Aben-
teuer vermag ich allerdings nicht aufzuweisen, auch ist dies sehr
schwierig, da wir bei zu wenigen die Quellen kenneu. — Den
Schluß der Saga angehend, so läßt sich in Folge des oben erörterten
Zustandes der französischen Handschriften, über die Selbständigkeit
oder Unselbständigkeit derselben ein abschließendes Urtheil nicht fällen.
Bemerken will ich nur, daß der Schluß der Anlage nach mit denen
fast sämmtlicher romantischen Saga's identisch ist, indem es in diesen
üblich ist, die Söhne nach den Großvätern zu nennen. So wird in
der Elissaga (Cod. Holm. 6, 4") der Sohn des Elis und der Rosa-
munda nach Elis Vater Julien genannt, in der Remundarsaga keisara-
sonar (Cod. Holm, chart. 47 fol.) der eine Sohn des Renunidr und der
Elena Rikardr genannt nach Remunds Vater, der andere Jon nach
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI. Jahr^.) 28
414 E. FÖRSTEMANN
Elenas Vater, in der Saga af Nitida frfegu (Cod. A. M. perg. 529. 4°)
der Sohn des Livorius und der Nitida Rikardr nach Nitida's Vater,
in der Sigurdarsaga ins ]3ögla (Cod. A. M. perg. 152 fol.) der Sohn
des ^igurdr mid der Seditiäna Flöres nach Seditiäna's Vater, in der
Alaflekssaga (Cod. Hohn, chart. 47) der Sohn des Alaflek und der
j)örbjörg Rikardr nach Alafleks Vater, in der Jarlraannssaga ok Her-
mans (A. M. perg. 529, 4") Herraann's Sohn Rikardr nach Hermann's
Vater u. s. w.
Wenn Avir eine kritische Ausgabe von Crestien's Erec mit Verzeich-
nung sämmthcher Variauten besäßen, so würde sich höchst wahrschein-
hch ermittehi lassen, welche Handschrift es war oder wenigstens zu wel-
cher Gruppe die Handschrift gehört hat, die dem nordischen Bearbeiter
vorlag. — Ebenso wird aber auch diese Erörterung über die Saga
berücksichtigt werden müssen, wenn es sich um eine neue Ausgabe
von Crestiens Gedicht handelt. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach ist
doch die Handschrift unter die besten zu rechnen, von der schon im
13. Jahrhundert Abschriften zu fremden Bearbeitungen benutzt worden
sind. — So gewinnen die bis jetzt ganz unbeachtet gebliebenen nor-
dischen Sagen, welche Stoffe aus dem Artussagenkreise behandeln,
gerade für iras i Sudrlöndiira eine Wichtigkeit, die bisher allerdings
erwähnt (Strengleikar eda Ijodabok. Udgivet af R. Keyser og C. R.
Unger. Christiania 1850, p. IV s.), aber nicht im Geringsten ausgebeutet
worden ist.
CHEMNITZ im Jimi 1871. EUGEN KÖLBING.
DER ÜRDEUTSCHE SPRACHSCHATZ
VON
E. FÖRSTEMANN.
(Vgl. Germania XIV, 337—372; XV, 385 410.)
DRITTER ARTIKEL.
Wir haben in zwei früheren Abhandlungen zuerst dasjenige deutsche
Spracheigenthum betrachtet, welches wir mit den Lituslaven und andern
verwandten Völkern theilen, dann dasjenige, welches uns bloß mit den
Lituslaven gemeinsam ist; in diesem dritten Abschnitte haben wir es
DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 415
mit unserm, so weit wir bis jetzt sehen, eigensten und ausschließlichen
Besitze zu thun.
III. Die germanische Schicht.
Bei dieser dritten Schicht des urdeutschen Sprachschatzes erwächst
eine Schwierigkeit, die bei Darlegung der beiden andern Schichten
nicht vorhanden war Dort nämlich brauchte man einen (nicht ent-
lehnten) Ausdruck nur in einer einzigen germanischen und in einer
einzigen ungermanischen Sprache nachzuweisen, und hatte damit gleich
seine Existenz für das Urdeutsche geradezu bewiesen; hier dagegen,
wo uns exoterische Verwandte der germanischen Wörter für jetzt noch
fehlen, entsteht die Frage: welchem der vier germanischen Sprach-
zweige muß ein Wort gemeinsam angehören, um daraus den Schluß
ziehen zu können, daß es auch schon urdeutsch gewesen sei? Genau
genommen sind wir zu diesem Sclilusse nur dann berechtigt, wenn
wir das Wort in allen vier Sprachzweigeu nachweisen können. Diese
Forderung aber müssen wir als viel zu streng abweisen, denn dann
müssten von diesem Verzeichnisse alle die Wörter ausgeschlossen wer-
den, die gewil.'i im Gothischen vorhanden waren, uns aber in dem
Fragmente des gothischen Sprachschatzes, welches wir kennen _, nur
zufällig nicht überliefert sind. Und selbst wenn ein Wort, das wir im
Nordischen, Hochdeutschen luid Sächsischen finden, wirklich dem
Gothischen gefehlt hat, ist es fast wahrscheinlicher anzunehmen, daß
CS urdeutsch vorhanden gewesen, im Gothischen aber verloren sei, als
daß es urdeutsch noch gefehlt und sich erst nach der Absonderung
des Gothischen gebildet habe. Genug, wir liaben eine gewisse Berech-
tigung auch solche Wörter dem Urdeutschen zuzuschreiben, die wir
im (iothischen nicht kennen.
Wie aber, Avenn wir ein Wort weder im Gothischen noch im
nordischen Zweige, sondern niir im Hochdeutschen und Sächsischen
nachweisen können? dürfen Avir es auch da dem urdeutschen Sprach-
schätze zuschreiben? im Ganzen gewiß nicht. Es mag ja zufällig einer
oder der andere Ausdruck in dem einen wie in dem andern Sprach-
zweige verloren gegangen sein, im Ganzen aber tritt hier eine viel
größere Wahrscheinlichkeit ein, daf.^ dieser Ausdruck sich erst nach
der Sonderuug des Gothischen laid Nordischen gebildet habe, als
das Hochdeutsche und Sächsische noch eine Einheit ausmachten, also
in derjenigen Zeit, die ich (vgl. Kubus Ztschr. XVHI, 1(31) die neu-
urdeutsche zu nennen gewagt habe.
28*
41 (i E. FÖRSTEMANN
Aus diesen Erwägungen ei'wächst von selbst die Kegel, nach
welcher Avir das folgende Verzeichniss zusammengestellt haben. Wir
schreiben einen bis jetzt nur im (Termanischen nachgewiesenen Aus-
druck dann schon dem Urdeutschen zu, wenn er sich mindestens in
zweien der vier germanischen Sprachzweige vorfindet, unter Avelchen
zAveicn aber entweder der Gothische od er der Nordische nicht fehlen
darf; blos hochdeutsch-sächsische Wörter werden im Allgemeinen aus-
geschlossen und nur dann dem Urdeutschen zugeschrieben, wenn wir
zwar nicht sie selbst, avoI aber eine Ableitung \'on ihnen im Gothischen
oder Nordischen nacliAveisen können
Diese Regel ist natürlich nur ein Versuch, sich der Wahrheit zu
nähern; nicht im Mindesten darf man daran denken, damit die Wahr-
heit zu erreichen.
Näher betrachtet zerfällt aber die nach dieser Regel zusammen-
gestellte dritte Schicht unseres urdeutschen Sprachschatzes Avieder in
zAvei A^erschiedene Lagen, die wir vorsuchen müssen von einander zu
trennen. Der eine Thoil nämlich besteht aus solchen Wörtern, für
Avelche Avir Aveder in der indogermanischen noch in der slavogermani-
schen, noch in dieser dritten Schicht des Deutschen selbst Primitive
fividen ; sie kommen in unser Deutsches auf räthselhafte Weise hinein-
geschneit, und Avir müssen ernstlich darauf denken, sie künftig ein-
mal entweder der indogermanischen odov der slavogermanischen Schicht
zuzuAveisen, oder sie endlich als unai'ischc Fremdwih'ter (z. B. finnische)
zu erkennen. Der zAveite Theil dagegen macht uns AA''eniger Sorge; er
besteht aus deutlichen Ableitungen oder Zusanimensetzungen solcher
Wörter, die Avir in den beiden älteren Schichten unseres Sprachschatzes
oder in dieser dritten Schicht selbst finden.
Was ich im Folgenden biete, bezieht sich zunächst nur auf den
eben erAvähnten ersten Theil dieser dritten Schicht, also auf die
tiefere Lage dieser tertiären Bildungen imserer Sprache. Das Ver-
zeichniss ist ganz so geordnet Avie die beiden früheren, und eingerichtet
neben ihnen aufgeschlagen zu Averden. Auf Vollständigkeit macht es
natürlich keinen Anspruch. Auch wird bei jedem Worte nur beabsichtigt
nachzuweisen, in Avelchem der vier deutschen Sprachzweige es bisher
belegt ist ; alles Aveitere Verfolgen durch die Mundarten ist unnütz ;
höchstens in einzelnen Fällen führe ich zAvei Sprachen desselben
SprachzAveiges an.
SUBSTANTIVA. Säugethiere.
Altn. bokkr (aries), ahd. hoch, ags. bucca.
Goth. lamb (agnus), altn. ahd. ags. lamb.
DEE TJRDEITTSCHE SPRACHSCHATZ. 417
Altn. borgr (verris), abd. bare, paruc xi. s. w., ags. bearb.
VgL farah in der ersten Abbandkmg. Der Anknüpfung an skr.
varaba, bat. verres, gr. sqqkos-, sqqcoo':; ist wobl uiclit beizustimmen.
Altii. berr (verres), abd. per, ags. bar (engb boar).
Ahn. göltr (verresi und gilta (sucula), abd. galza (sucuba).
Altn. hros, hors, abd. bros, ags. bors.
Ahn vigg (equus), ags. vieg, alts. wigg.
Abu bvelpr (m., catukis), alid. bualf (n.), ags. bvelp (m.)
Die Verbindung mit altir. euilenn (eatulus) bleibt unsieber mid
ist jedenfalls nicbt eine enge.
Unter den Avilden Säugetbieren zeigen sieb hier:
Altn. björn, abd. bero, ags. bera.
Unsieber ist Avobl die Anknüpfung an lat. fera.
Gütb. faidio, altn. foa, abd. foba.
Das Wort niaebt den Eindruek, als sei es auf sonst ungewöbn-
licbem Wege aus dem Verbum falian eapcre entsprungen.
Altn. ikorni, abd. oieborn, ags. äcwern.
Hier mulJ ich mich aller Erörterungen über das viel besprochene
räthselbafte Woi-t entbalten; mit Grimm Wbeb. Entstellung aus axLOJ'Qog
anzunebmen vermag ich nicht; lebrreich ist, was Pictet in Kuhns Ztscbr.
VI;, 188 f., anknüpfend an eine trübere Deutung von mir, erörtert.
Altn. bind (eerva), abd. binta, ags. bind.
Altn. breinn (cervus tai'andus), ags. brau.
Altn. hvalr, abd. wal, ags. bväl.
Ob wirklich mit (fccXaiva balaena zu verbinden?
Altn. selr (phoea), abd. selab, ags. seolb.
Nun zu den Vögeln:
Goth. fugls, altn. fugl, abd. fogal, ags. fugol.
Die Anknüpfung an lat. pullus ist wobl abzulehnen, die Ver-
wandtschaft mit fliegen höchst dunkel und anziehend.
Goth. hanin (Nom. bana), altn. bani, abd. bano, ags. baua.
Altn. svala, abd. swalawa^ ags, svaleve.
Altn. levirki, abd. leraha, ags. laverc.
Ganz ähnliche linguistiscbe Fragen wie Eichbom unter den
Säugetbieren erregt Lerche unter den Vögeln; vgl. aueli bier Pictet
in Kuhns Ztscbr. VI, 192.
Altn. haukr, abd. habub, ags. bafoc.
Vgl. ir. seabhae, welsch hebog; vielleicht ist das deutscbe Wort
als keltiscbes Fremdwort anzusehen.
Altn. düfa, abd. tüba, ags. düva (alts. düfa).
418 E. FÖRSTEMANN
Unter den bisher versuchten exoterischen Vergleichungen habe
ich keine gefunden, die mir glaubwürdig wäre.
Altn. heigri (ardea), ahd. heigir (ardea), ags. higre (picus).
Altn. svanr, ahd. swan, ags. svan.
Niedere Thiere :
Altn. linni und linnr (serpens), ahd. lint.
Altn. nadr (m.) und nadra (f.), ahd. natra (f.), ags. nädre (f.).
Lat. natrix ist eine vollständige italische Bildung.
Altn. ahd. ags. lüs.
Der Mensch:
Altn. halr (vir), ags. häle.
Altn. karl imas), ahd. charal, ags. ceorl.
Altn. vif, ahd. wib, ags. vif.
Altn. dis (femina), ahd. itis (selten), ags. ides (alts. idis).
Altn. dvergr, ahd. twerc, ags. dveorg.
Goth. bruths, altn. brudr, ahd. brut, ags. brid, bryd.
Goth. frauja (dominus), altn. Freyr, ahd. fro, ags. fred.
Altn. vinr (amicus), ahd. wini, ags. vine.
Altn. gisl (obses), ahd. gisal, ags. gisel.
Altn. sveinn (servus, ursprünglich wohl pucr), ahd. swein, ags. svän.
Altn. thraell (servus), ahd. drigil (zu schließen aus Wolfdrigil).
Goth, sibja (consanguinitas), altn. sif, ahd. sibbja, sibba, ags. sibb.
Goth. hansa (cohors), ahd. hansa, ags. hosu.
Ob altpreuss. amsis (populus) damit zu vergleichen?
Unter den Völkernamen scheint den deutschen Stämmen der der
Gothen (urdeutsch Gutanas) gemeinsam gewesen zu sein und ur-
sprünglich wohl das ganze ungetheiltc Volk bezeichnet zu haben : so
erklärt es sich, daß er sowol im Süden als an der Weichsel als in
Skandinavien bei einzelnen Stämmen bestehen blieb.
Es folgt nun der thicrischc Körper; wegen der Anordnung
vergleiche mau hier wie überall stets die erste Abhandlung:
Altn. lif (vita), ahd. lib, ags. lif.
Altn. lior (vita), ahd. ferah, ags. feorh.
Altn. vangi (m.)^ ahd. wanga (n.), ags. vange (n.).
Altn. gomr, ahd. goumo, ags. goma.
Altn. müli, mhd. mül, müle.
Altn. nef (rostrum, nasus), ags. neb.
Goth. vairilö (labiura), altn. vor, ags. veler (altfries. were).
Altn. hlyr i^gena), alts./hlear.
Ahd. dümo pollex), ags. thuma: altn, thuniall, thumalhngr.
DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 419
Altn. klo, ahd. klawa, ags. clavu.
Altn. thio (femur), ahd. dioh, ags. theoL, theo.
Altn. ökull, ökli (talus), ahd. anchal, ags. ancleov.
Gotli. laists (vestigium , solea^ vgl. ahd. leisa), altn. leistr, ahd.
laist, ags. laeste, last.
Altn. ahd. ags. spor (vestigium).
Altn. hold (cadaver, caro, cutis), ags. hold.
Altn. dünn (msc, nhd. daune), ahd. colnduni.
Altn. mön (juba), ahd. mana
Altn. toppr, mild, zopf, altf'ries. top.
Altn. bükr (corpus)^ ahd. buh (venter), ags. büc
Goth. bruöts, altn. briost, ahd. brüst, ags. breost.
Das altsl. prusi ist vielleicht zu vergleichen.
Altn. bak (tergura) , ags. bäc Das ahd. baciiu (gcua) könnte
trotz der veränderten Bedeutung dazu gehören.
Altn. limr (artus), ags. lim, leom.
Goth. lithus (artus), altn. lidr, ahd. lid, ags. lidu.
Der Vergleichung des Wortes mit dem lat, arlus, die man ver-
sucht hat, wage ich nicht beizustimmen. •
Golh. tagl (crinis), altn. tagl, ahd. zagal, ags. tägel.
Altn. barmr (gremium), ahd. baram, ags. bearra.
Altn. tharmr, ahd. daram, ags. tliearm.
Ahn. bein, ahd. bein, ags. bän (alts. ben).
Altn. aedr, ahd. ädara, ags. aedra.
Die bisher aufgestellten exoterischen Vergleichungen wollen mir
noch nicht einleuchten.
Altn. milti, ahd. milzi, ags. milte.
Altn. magi, ahd. raago, ags. maga.
Altn. lünga, ahd. lunga, ags. plur. taut, lungen.
Goth. huhrus (m ), altn. hüngr (n.), ahd. liungar (m ), ags. hun-
gur ym.).
Altn. kvöl, ahd. quala, ags. cvalu.
Altn. sar (dolor, vulnus), ahd. ser, ags. sär.
Altn. und, ahd wunta, ags. vund.
Altn. ben (vulnus), ags. benn.
Pflanzen; zuerst Allgeraeines:
Goth. fraiv (semen), altn. friof, frio. *
Ahn. blad, ahd. blat, ags. bläd.
Goth. ahs, altn. ax, ahd. ahir, ags. ear (Ähre).
Altn., ahd., ags. hris.
420 E. FÖRSTEMANN
Goth. tains (ramns), altn. teinn, ahd. zein, ags. tau.
Altn. stofn, alid. starU;, ags. stemm.
Vgl. altsl. stiblo (»Stengel, Stamm), Miklosich.
Altn. vit1r (arbor, lignum), ahd. witu, ags. vudu.
Goth. basi, altn. ber, ahd. beri, ags. berie.
Bopp Gramm. III, o4o möchte das Wort zu skr. bhaksjan Speise
fzu essendes) setzen.
Einzelne Pflanzen:
Altn. hafri, ahd. habaro, alts. havoro.
Goth., altn., ahd. gras, ags. gras, gärs.
Goth, rans, altn. reyr, reyrr, hraer, ahd. ror.
Island, thistill, ahd. distil, ags. thistel.
Minerale.
Goth. hallus (lapis), altn. hallr.
Das fem. halla ist nur verwandt, nicht dasselbe Wort; Miklosich
vergleicht altsl. skala lapis.
Sclnved. kisel, ahd. chisil, ags. ceosel.
Altn. klif und klcif (rupes, chvus), ahd. clep, ags. clif, cliof .
Altn. gier (vitrum), ahd. glas, ags. glaes (urdeutsch glesum).
Altn. stäl, ahd. stahal, ags. steh
Nähr u n g.
Goth. mats (cibus), altn. matr, ahd. maz, ags. mete.
Altn. födr, ahd. fotar, ags. fodur.
Goth. smairthr [jttotrjs), altn. smiör, ahd. sracro, ags. smeru.
Altn. spik, ahd. spec, ags. spie.
Altn. hunaug, ahd. honang, ags. hunig.
Goth. leithus (Obstwein), altn. lid, ahd. lidu, ags. Itd.
Lit. lytus Regen und zcnd. raetu Flüssigkeit liegen begrifflich
doch zu fern.
Altn. sumbl (conviviuni), alts. sumbl, ags. symbel.
Kleidung.
Altn. smokkr (vestis pectoralis, indusium etc.), ahd. sraoccho,
ags. smoc.
Altn. väd, vod, ahd. wät, ags. vaed.
Altn. klaedi, mhd. kleit, ags. clad, fries. kläth (noch nicht nach-
gewiesen im Goth., Ahd., Alts.).
Lit. kleida, lett. IcTeite nach Grimm Wbch. entlehnt.
Altn. hosa, ahd. hosa, ags. hosa.
Möglicherweise := lat. casa; s. Germania IV, 168.
Altn. hüfa, ahd. hüba, ags. hüfe.
DER UKDEÜTSrHE SPRACHSCHATZ. 421
Die Verglcichung mit skr. kakublia, gr. xv(pr] u. s. w. ist mir
noch nicht sicher genug.
Gotli. skohs, altn. skör, ahd. scuoli, ags. sco.
Altn. flukr, ahd. tuoh, alts. dok.
Zu skr. dhvaga Fahne? Fick.
Altn. nKittull;, ahd. mantah
Aus \i\t. mantele, manteluiny vgL Germania IV, 1H4.
Altn. lindi (m., balteus. zoua), ags. Hndc (n.?), ijid. DiaL hnt (f.).
Altn. vöttr (Handschuh), ahd. want (franz. gant).
Altn. posi, ahd. phoso, ags. posa Beutel.
W o h n u n g.
Güth. razn (domus), altn. rann (donnis), ags. räsn (asser, laquear).
Altn. inni, ags. inne domus.
Altn. hörgar (arac), ahd. haruc, ags. hearg.
Altn. höll (domus), ahd. halla, ags. heal.
Ist skr. cäla (Haus, Halle) zu vergleichen?
Altn. salr, ahd. sal, ags. sal.
Goth. ubizva (Halle) altn. ups, uss, ahd. obisa, opasa, ags. efese.
Altn. i,iald, ahd. zeit, ags. teld.
Altn. hlid (ostium, operculuni), ahd. hlil, lit, ags hlid.
Goth. haurds (fores), altn. hurd, ahd. hurt.
Altn. balkr, ahd. balcho, alts. balco,
Altn. svalir (plur., Gebidk), ahd. swelli Schwelle.
Vielleicht = lat. solum; s'. Kuhns Ztschr. XVIII, 262.
Altn. süla, ahd. siili, ags. syl.
Altn. flet (cidnle, area, casa), ahd. tlezzi, ags. flett.
Feuer, Licht, War nie.
Altn. eldr (ignis) oder ildi, ags. aeled.
Altn. kul [n.], ahd. kol, kolo (ni., und n.?j, ags. col.
Wegen des skr. gvara (Gluth) und des griech. ygvvog (Brand)
das Wort in die erste Schicht zu versetzen wage ich noch nicht.
Altn, einmyrja (cinis, ignis), ahd. eimurra, ags. arayrie.
LuH.
Goth. luftus (m.), altn. Io])l (n.), ahd. luft (f. und n.), ags. lyft [f.).
W a s s e r.
Altn. haf, mhd. hap, habe, ags. h(-af aequor.
Goth. sküra (iinbcr), altn. skur, nhd. schauer, ags. scür.
Altn. hagl (n.), ahd. hagal, ags. hagal.
Altn. iss (m.), ahd. is (n.), ags. is (n.).
Es mag mit Fick an das zend. ici, huzvar. jah erinnert werden.
422 E. FÖRSTEMANN
Altn. bekkr, ahd. bach, ags. becc.
Mit Grimms Wbch. an griech. jcyjyr} zu denken ist höchst gewagt.
Goth. brunnan, altn. brunnr, ahd. brunno, ags. burna.
Gricch. <pQsuQ und lat. funs herbeizuziehen (Kuhn Ztsch. XII, 417)
ist bedenklich.
Altn. sik, ahd. gisik, ags. sie palus fossa.
Goth. fani, altn. fen, ahd. fenna, ags faenn palus, mare.
Altn. elfr, urdeutsch Albis, ags. elf.
Goth. saivs^ altn. saer, sjor, ahd. seo, ags. sac.
Altn. laug, ahd. lauga.
Ist eine Ableitung von dem altn. Verbum loa (s. erste Abhand-
lung) zu denken?
Land.
Altn. veidi, ahd. weida. ags. väde.
(ioth. haithi, altn. heidi, ahd. heidi, ags. haed.
Goth. vinja (Weide), ahd. winni.
Goth. vaggs (campus), altn. vängr, vengi, ahd. wanc, ags. vong.
Goth. stubjus (pulvis), ahd. stubbi, stuppi.
Altn. strönd, rahd. strant, ags. Strand.
Goth. malhl (Versammlungsorl, ^larkt j, ahd. I\Iadal- in Personen-
namen, ags. mädel sermo.
Altn. skogr, ahd. scah i^silva).
Isl. dammr, rahd. tarn, engl, dam agger.
Himmel und Zeit.
Goth. himins, altn. himinn, ahd. himil, alts. himil.
Altn. hihnn, ags. heofun, heofou, hiofon, alts. heTian, heban, hevan.
Altn. tüngl, ahd. zungal, alts. tungal sidus.
Goth. guth, altn. gud, god^ ahd. got, ags. god.
Eine Etymologie des schwierigen Wortes wird versucht m Kuhns
Ztschr. VII, 16.
Anses bei Jörn., altn. Aesir ( Sing. AssV
Goth. *airman (Airmanareiks u. s. w.), altn. iormun, ahd. irraiu
ags. eormen.
Eine Anknüpfung an skr. arjaraan u. s. w. (eigentlich Genossen-
schaft) wird versucht in der Kieler Monatsschrift 1854, S. 788 ff.,
während Fiek das Wort mit lat. armeatuin, altn. jormuni (Pferd, Rind)
in Verbindung bringt.
Altn. timi (tempus), ags. tima.
Altn. tid, ahd. zit, ags. tid.
Altn. frest^ ahd. frist, ags. first (tempus, mora).
DER ÜRDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 423
Vgl. das altsl. prestati (Präs. pro-stanu) aufhören.
Gotli. mel (tempus), altn. )näl, ahd. niäl, ags. macl.
(loth, hveila (altn. hvila lectiis), ahd. hwila, ags. hvii.
Wohl weiß ich von den Versuchen exoterischer Vergleichungen,
doch bewegt mich keine das Wort schon in eine ältere Gruppe zu
bringen.
Goth. dags, altn. dagr, ahd. tac, ags. däg.
Goth. maurgius, altn. morgin, ahd. luorgan, ags. morgen.
Goth. uhtvo (diluculum), altn. otta, ahd. uohta, ags. uhte.
Goth. dulths (Fest), ahd. dult.
Ahd. herbist, ags. hearfest; Grimm Gramm. II, 368 will damit
auch das altn. haust (n.) vereinen.
Mit griech. xaQjtos und skr. W. srap wird das Wort zusammen-
gestellt in Kulms Ztschr. XVIII, 211.
Altn. muspell, ahd. muspilli, alts. mudspelli, mutspelli.
Waffen.
Goth. vepn, altn. vapn, ahd. wäfan, ags. vaepen.
Goth. skildus, altn. skialdr, skiöldr, ahd. seilt, ags. scild.
Vgl. lit. skyda (scutum).
Altn. fleinn (telum, sagitta), ags. tlan.
Altn. sverd, ahd. swert, ags. sveord. ^
Altn. spiot, ahd. spioz, ags. spitu.
Altn. hialt (n.), ahd. helza (f.), ags. hilt (m.) capulus gladii.
Werkzeuge.
Altn. fiöturr (vinculum), ahd. fczzara, ags. fetor.
Vgl. fezzil in der ersten Abhandlung.
Altn. aungull (hamus), ahd. angul, ags. angel.
Altn. toung, töng, ahd. zanga, ags. tange.
Altn. kntfr (culter), ags. cnif
Altn. sleif (cochlear), dän. slev, plattd. siel.
Altn. fat, ahd. vaz, ags. fät.
Altn. hverr (Kessel), ahd. huer, ags. hver. "
Altn. möskvi (Masche, Netz), ahd. masca. •
Goth. nati, altu. net, ahd. nezi, ags. nete.
Altn. kjölr (Kiel), ahd. kiol, ags. ceol.
Altn. kuggi (uavis), ahd. kocho.
Altn. knörr (navis), ahd. chnar, ags. cnear.
Altn. masir, ahd. mast, ags. mäst.
Altn. thofta (transtrum, Ruderbank), ahd. dofta, ags. thofte.
Goth. biuds (^meusa), altn. bjöd, ahd. biut, ags. beod.
424 E. FÖESTEMANN
Goth. badi (lectus), altti. bedr, ahd. betti, ags. bed.
Altn. bekkr, ahd. bauch, ags. benc.
Altn. kumbl (signimi militare), ahd. kunipal, ags. cumbol.
Altn. kerti (n.), ahd. karza, kerzc (f.), nhd. Kerze.
Altn. klukka (canipana), ahd. glokka, ags. elucge.
Altn. liarpa, abd. harfa, ags. hearpe.
Goth. galga (patibiilum), altn. galgi, ahd. galgo, ags. galga.
Altn. spori, ahd. sporo, ags. spura, spora.
Altn. kambr, ahd. cliamp, ags. camb.
Besitz, Gewinn, Verlust.
Altn. adal (nobilitas), ahd. adal, ags. adeln.
Goth. *aud (opes, facultas), altn. audr, ahd. öt, ags. eäd.
Goth. huzd (n.)j altn. hodd (f., aurum), ahd. hört (n.), ags. hord (m.)
Gotli. vadi (Wette), altn. ved, ahd. wetti, ags. vcdd.
Goth. laun, altn. laun, ahd. Ion, ags. lean.
Goth. maithms (donura), altn. mcidni, (nihd. nieidcm equus), ags.
madm.
Vgl. über das Wort besonders j\Iüller-Zarncke Wörterbuch.
Goth. skathis (n.), altn. skadi. ahd. scado, ags. scadi.
Auf die Untersuchung j ob das W^ort nicht zunächst eine per-
sönliche Bedeutung gehabt habe, sowie auf die in diesem Falle sich
darbietende Verwandtschaft gehe ich hier nicht ein.
Form, Ort.
Altn, rönd (i\), ahd. rant (m.), ags. raud, rond (m.).
Altn. sida (latus), ahd. sita, ags. side.
Altn. spor (n., Spur), ahd. spor (n.), ags. spor (n.).
Goth. haidus (m., zQoitog)^ altn. heidr (m. , honor);, ahd. heit
(m. u. f., sexus, ordo, ])ersona), ags. had (m , persona, sexus). Wenn
wir die älteste Bedeutung des Ausdrucks sicher kannten, so wäre er
vielleicht an einer andern Stelle einzuordnen.
Altn. oddr (locus, acumen); ahd. ort, ags. ord.
Goth. rums (m.), altn. rum (n.), ahd. rinn, rüini (m. u. f.), ags rum.
Lit. ruimas u. s. w. wol entlehnt.
Ruhe, Bewegung.
Altn. rö, ahd. rnowa (ags. mu' das Adj. röv suavis, liberalis).
Goth. sinth (iter), altn. sinn und sinni, ahd. sind, ags. sid.
V e r }n i s c h t e G c g e n s t ä n d e.
Altn. bryggja, ahd. brucca, ags. bricg, brigge.
Altn. flekkr (macula), ahd. fleccho.
Altn., ahd., ags. lim gluteu.
DER URDETTTSCHE SPRACHSCHATZ. 425
That uud Kraft.
Goth. aljan (robus), altn. eljan, ahd. ellan, ags. ellan.
AJtii tlirekr (robur), ags. thräc (alts. thrak, threki).
Altn. magn, megin, ahd. niag-an, ags. mägeii.
Altn. gunnr und gudr (bellum), ahd. guut, ags. gud.
Die Gleichstellung mit skr. hatja oder mit lit. ginczas möchte
ich noch als unsicher bezeichnen.
Altn. böd (pugna), ahd. *badn, ags. beado.
Altn. vig, vigi (pugua), ahd. wig, ags. vih, vig (goth. vaihjo,
vigans).
Goth. sigis (n.), altn. sigr (m.), ahd. sign (ni.), ags. sige (m.).
Ob zu skr. sahas Gewalt? oder zu ahd. sign sinke?
Sprache. ' '
Altn. tal (n.) und tala (f. sermo, numerus), ahd. zala, ags. talu ff.).
Goth. razda (sermo), altn. Wkld, ahd. rarta, ags. reort.
Goth. spill (v<'rl)um, narratio), altn. spiall, ahd. spei, ags. spell.
Goth. aiths, altn. eidr, ahd. eit, ags. ad.
Altn. li(kt, ahd. liod, ags. liod.
Altn. galdr (m., cantus), ags. galdor (n., sonitus), ahd. nicht ganz
identisch galstar (n., incantatio).
Goth. hliutli (silentium), altn. hliud.
Geist.
Goth. hugs (animus), altn. hugr, ahd. hugu, hugi, ahd. hyge.
Da hievon erst das Verbum hugja gebildet ist, so mag die Über-
einstimmung mit lat. cogito (s. erste Abhandlung) doch vielleicht nur
eine zufällige sein.
Goth. lustus (cupiditas), altn. lyst, ahd. lust, ags. lust, lyst.
Altn. und (f., Spiritus, animus, zelus), ahd. anado (m.), ags. auda,
ondn (m.).
Goth. ragin (eonsilium), altn. regin (N. PI, numina), ahd. Regin-,
alts. regin-.
Altn. koss (oscidum), ahd. kus, ags. coss.
Altn. gaman (jocus), ahd. gaman, ags. gamen.
Altn. spil (ludus), ahd. spil.
Altn. rom (gloria), ahd. hrOm, ags. hreäm (alts. hrom) von der
skr. Wurzel cru.
Altn. aera (honor), ahd. era, ags. ar, are.
Nicht ganz sicher wird das Wort mit skr. e.sä Wunsch und griecb-
cxlöa verbunden.
426 E. FÖRSTEMANN
Groth. *hroths (laus, gloria, Adj. hrotheigs), altn. hrodr, ahd. Hrot-,
ags. lii'üd. Zur Wurzel 9ru.
Goth. vens (Wahn), altn. van, ahd. wän, ags. ven.
Vgl. lat. Venus Kuhns Ztschr. XVIII, 307.
Altn. undr (miraculuni), ahd. Avuntar, ags. vundor.
Goth. runa (raysterium, litera), altn. run, ahd. rCiua, ags. rün.
Goth. *balv (malum), altn. böl, ahd. balw (Nora, balo), ags. bealeve.
Altn. mein (noxa, pei'uieies), ahd. mein, ags. man.
Goth. saurga (cura), altn. sorg, ahd. sorga, ags. sorg.
Vgl. altsl. strega (observare etc); s. Miklosich.
Goth. kara (cura), ahd. chara, ags. cearu.
Altn. spott (ludibrium), ahd. spot.
Ahd. scama (pudor), ags. scamu (goth. Verbum scaman, altn.
skammaz); vgl. auch das Adj. scam parvus.
Goth. neith (invidia), ahd. nid, ags. nu1.
Goth. faii-ina ((jrimen), altn. firin(-vork), ahd. tiriua, ags. firen.
AD.JKCTIVA. Raum und M.-nge.
Altn. kleii (teuer, gracilis), ahd. khuni (gracilis), ags. claene
(mundus, castus).
Goth. braids, altn. breidr, ahd. breit, ags. brad.
Altn. snjar. ahd. smah parvus.
Die Gleichheit mit griech. öaixoo^ ist mir zweiielhaft.
Goth. hauhs, altn. harr, ahd. höh, ags. heäh.
Ahd. her (altus, excelsus); das Vorhandensein im Goth. und Ags.
wird durch die Verba hazjan und herjan bewiesen.
Goth. leitils (parvus), altn. litill, ahd. luzil, ags. lytel, litel.
Goth. nehv (Adv.), altn. näinn (Adj.), ahd nah, ags. neah.
Altn. vidr (amplus), ahd. wit, ags. vid.
Goth. thvairhs, ahd. duerah, ags. thveoi-.
Altn. vinstri (sinistra), ahd. winistra (alts. ebenso), ags. vinstra
(fries. winistere).
Setzen vinstri und lat. sinister ein gemeinsames svin- voraus?
Der Abfall des Anlauts im Deutschen Aväre auffallend.
Goth. halbs (dimidius), altn. hälfr, hälbr^ ahd. halb, ags. half, healf.
Ist hier kein verwandtes Wort zu Hnden, so muß noch ein ur-
deutsches /?« im Sinne von eins bestanden haben.
Altn. skarpr, ahd. scarf, ags. scearp.
Altn. slettr, ahd. sieht.
Licht, Farbe, Wärme, SchalL
Altn. heitr, ahd. haiz, ags. hat
DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 427
Altn. hlaer (tepidus), alid. lawer.
Goth. bairhts, altn. biartr, ahd. beraht, ags beorht.
Zeit, Alter.
Altn. gamall (vetus), ahd. Gamal- in Eigennamen, ags. ganiol.
Goth. spedists, ahd. späti serus.
Gefühl, Geschmack, Geruch.
Goth. hardus, altn. hardr, hörd, ahd. hart, ags. heard.
Vgl. altsl. credu firmus, cvrustu solidus.
Altn. svarr, ahd. swäri, ags. svaer gravis; dagegen hat das goth.
svers eine abgeleitete, jüngere Bedeutung angenommen = honoratus.
Altn. fostr, ahd. tasti, ags. fast.
Daß das Wort gleich dem lat. positus sei (Kuhns Ztschr XI, 184),
ist mir nicht glaubhaft.
Stoff, Form
Goth. fuls, altn. füll, ahd. fül, ags. fül.
Gleich dem lat. Stamme put -\ SufF. -1? - -
Ahd. drubi (trübe), ags. drof, für das Goth. durch das Verbum
drobjan bewiesen.
Goth. ibns (aequus), altn. iafn. ahd. eban, ags. efen.
Ahd. naz (madidus), im Goth. aus natjan u. s. w. zu erschließen.
Bewegung, Kraft, Leben.
Altn. hradr, radr (celer), ahd. hradi, ags. hräd.
Altn. sniallr, ahd. snel, ags. snell.
Ahd. stilli, ags. stille, im Altn. durch das Verbum stilla erwiesen.
Altn. sterkr, ahd. starah, ags. stearc.
Altn. strangr, ahd. strangi, ags. sträng, strong.
Vgl. das lat. Verbum stringo.
Goth. balths (audax), altn. ballr, ahd., ags. bald.
Goth. lasivs (iufirmus), dazu Compar. altn. les, ags. lässa minor;
vgl. Diefenbach goth. Wbch.
Goth. arms, altn. armr, ahd. aram, ags. earm. ■ >.
Altn. krank, ahd. krank.
Goth. siuks, altn. siükr , ahd siuh , ags. si6c, se6k, s^c (siukan
ist im Goth. stark).
Altn. lamr, ahd. lam, ags. lam.
Goth, daubs, altn. daufr, ahd. taub, ags. deaf
Goth, blinds, altn. bliudr, ahd. blint, ags. blind.
Geist.
Goth. batiza, altn. betri, ahd, beziro, ags betera,
Goth, veihs (altn. ve numen), ahd. wih (ags. vih idolum)
428 1^- FÖRSTEMANN
(loth. ubils, ahn. illr, alid. ubil, ags. yfel, eofel.
(Toth. v^iirsiza, altu. vei'ri, alid. wirsiro, ags. vyrsa,
Altn. argr und ragr, ahd. arac, arc, ags. earg.
Altu. hyri" (comis), ahd. hiuri.
Ahn. sattr (concors). ahd. sanfti, ags. softe.
Ahn. dyrr (carus), ahd. tiuri, ags. deor.
Ahn. gramr, ahd. gram, ags. gram.
Ahn. grimmr, ahd. grhiimi, ags. grimm.
Ahn. ghidr (splendens, mitis, hxetus), ahd. glat, ags. gläd.
Ahn. fegmu (Laetus), ahd. fagin, ags. faegen; goth. davon faginön.
Ahn. tehr (hietus), ahd. zeiz.
Ahn. fagr (pulcher), ahd. fagar, ags. faegr.
(jroth. skauni (pulcherj, scliwed. skön, ahd. sconi, ags. soeone.
Die Anknüpfung an skr. sjona ist zweifehiaft; vieheicht ist das
"S^'ort abgeleitet von skavja video (s. erste Abliandlnng).
Goth. (faihu-)frik (avarus), ahn. frekr, ahd. freh, ags. fraee, free.
Ahn. klökr, ndid. khioe, nnl. kloek.
j\Iit Wackernagel des griech. yXvxi'g herbeizuziehen, lehne ich ab.
Goth. snutrs (sapiens), altn. suotr, ahd. .»^notar, ag.s. suotor.
Übrige Adjectiva.
Goth. raids (bestimmt), ahd. reiti, ags. raede.
Goth. auths, altn. audr, ahd. odi, ags. eiid.
Mit lat. otium zu verbinden?
Goth. tils (passend), ags. til. Vgl. ahn. die Präpos. til, ahd. das
Verbum zilen niti.
Goth. ganohs (satis), altn. gnOgr, ahd. ganog, ags. genoh.
Altn. görr (paratus, Adv. görva), ahd. garo (Thema garaw), ags.
gearu (Thema gearv).
PRONOMINA.
Goth. unsar, altn. vor, ahd. unsar, ags. user.
Goth. izvar, altn. ydliar, ahd. iwar. ags. eöver.
Bopp versucht vergl. Gramui. il, 227 unsar und izvar mit skr.
asmadija, jusmadija zu vereinen, wohl nicht mit Recht.
Goth. sums, altn. sumr, ahd. sumer, ags. sum.
VERBA. Essen und trinken (incl. der Causativa).
Goth. niutan (frui, adipisci), altn. niota, nyta, ahd. niuzan, ags.
neötan.
Die Verbindung mit skr. nandarai (gaudeo) und griech. ovivrnn,
ist sehr unsicher.
Goth. snarpjan (rodere), ahd. snerfan (contrahere).
DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 429
G-oth. slindan (deglutire), ahd. sliudau.
Goth. födjan (nutrire), altn. faeda, ahd. fötjau, ags. fedan.
Altn. süpa, ahd, süfan.
Goth. driggkan, altn. drecka, ahd. triuchan, ags. alts. drincan.
Am nächsten stellt lit. trenkn. trinku, wasche, bade.
Stimme, Sinne, vermischte Körperfuuctionen.
Goth. sviglon (pfeifen), ahd. suegalon.
Goth, mundon (intueri), ahd. mundon, ags. mundjan. •- ''^
Altn. gapa (pandi, hiare), ahd. kaphen, ags. geapan. <■" *
Altn. hniosa (sternutare), ahd. niusjau, ags. neosan. ;;''-'
Goth. nisan (genesen), ahd. ganesan, ags. genesan, ' '•
Goth. slepan (dorraire), ahd. släfan, ags. slaepan. i-.vi."
Goth. sviltan (mori), altn. svelta, ags. sveltan. •'
Goth. divan (mori), altn. deyja, ahd. towjan, alts. dojan. -'
Nehmen, geben, fassen, halten.
Altn. hliota (sortiri, adipisci), ahd. hliozan, ags. hleötan.
Goth. blotan (dare, sacrificare), altn. blota, ahd. blozan, ags. blotan.
Goth. saljan (dare, sacrificare), altn. selja, ahd. saljau, ags. sellan.
Goth. hinthan (capere), altn. lienda,
Goth. haldan (tenere), altn. halda, ahd. haltan, ags. healdan. ' *
Goth. finthan (inveuire), altn. fiuna, ahd., ags. findan. •• "' '
Die Zusammenstellung mit skr. patami (falle, fliege), gr. niTtta,
lat. peto ist mir noch nicht sicher.
Decke n, schützen. '-*■
Goth. freidjan (parcere), altn. frida^ ahd. fridon, ags. fridjan.
Altn. haga (hegen), ahd. hagjan, ags. hagjau.
Goth. filhan (condere, servare), altn. fela, ahd, felhan, alts, fellian.
Man hat das Wort einerseits gewiß unrichtig mit cpvldoGco, ander-
seits wenig wahrscheinlich mit sepelio verbunden.
Werfen, schlagen, ziehen, biegen. •- -'^ .(! lA
Goth. vinthjan (worfeln), ags. vindvjau.
Goth, thinsan (trahere), ahd. diusan.
Goth. dreiban (impellere), altn. drifa, ahd. triban, ags. drifan.
Goth. raupjan (raufen), altn. raufa, ahd. raufjan, ags. reäfjan.
Goth. gairdan (cingere), altn, girda, ags, gyrdan, (ahd. gurtjan).
Verbinden, trennen.
Goth. lükan (claudo), altn. liüka, ahd. lühhan, ags. lücan.
Goth. hahan (pendere), ahd. hähan, ags. hun.
Die bisher aufgestellten exoterischen Vergleichmigen erwecken
noch wenig Vertrauen.
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI.) Jahrg. 29
430 E. FÖRSTEMANN
Goth. maitan (scindere), altn. meita, ahd. meizan.
Altn. bresta (frangere)^ ahd. bi'estan, ags. berstan.
Altu. bryta (frangere), ags. breotan.
Groth. qvistjan (verderben), ahd. quistjan.
Ackerbau, Technologie.
Goth. viuuan (der ursprüngliche Sinn ist wohl der von laborare),
altn. vinna, ahd. winnan, ags. vinnan.
Altn. sioda, ahd. siodan, ags. seodan.
Goth. supon (condire), ahd. sofon.
Goth. svairban (tergere), altn. sverfa, ahd. swerban, alts. swerban.
Altn. vaska, ahd. wascan, ags. vascan.
Goth. spinnan, altn. spinna, ahd. spinnan, ags. spinnan.
Goth. smithon, altn. smida, ahd. smidon, ags. smidjan.
Goth. meljan (scribere), altn. mala, ahd. mälon, malen.
Altn. rita (scribo), ahd. rizan, ags. vritan.
Licht, Wärme, Schall.
Goth. brinnan (ardere), altn. brenna, ahd. brinnan, ags. birnan.
Sollte nicht brinnan aus briknan entstanden und eine der be-
kannten mit dem Suffix -n gebildeten Passivformationen sein, so daß
es zu dem z. B. im Mhd. als brehen bekannten Verbum gehört und
eigentlich bedeutet angesteckt werden?
Altn. glita (spien dere), ahd. glizan, ags. glitan.
Altn. gloa (candere), ahd. glojan, ags. glovan (alle drei gehen
schwach).
Goth. skeinan, altn. skina, ahd. scinan, ags. scinan.
Altn. friosa, ahd. friusan, ags. frysan.
Altn. skellan (sonare), ahd. scellan.
Altn. thiota (sonare), ahd. diozan, ags. theotan.
Luft, Wasser.
Altn. riuka (olere), ahd. riuhhan, ags. reocan.
Goth. bauljan (inflare), ags. byljan.
Altn. driupa (stillare), ahd. triufan, alts., ags. driopan.
Altn. skenkja (infundere), ahd. scencan, ags. scencan,
Altn. svimma, ahd. svimman, ags. svimman.
VergrÖsseruug, Verkleinerung.
Altn. svella (tumere), ahd. swellan, ags. svellan.
Goth. liudan (crescere), ags. leodan.
Vgl. liut in der ersten Abhandlung, dessen Verwandtschaft mit
Aoro'i? damit zweifelhaft wird.
Bewegung, Ruhe.
Altn. skrida (gradi), ahd. scritan, ags. scridan, scridau.
DER ÜEDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. V481
Gotli, trudan (calcare), altn. troiJa, alid. tretan, ags. tredan.
Goth. leithau (ire), altu, lida (ferri), alid. lidau (ire), ags. lidan (ire).
Goth. liunan (cedere), ahd., ags. linnan.
Goth. snivan (festinare), ags. sueovan.
Goth. hlaupan (currere), alta. hhiupa, ahd. hlaufan, ags. hleäpau.
Altü. springa (salire), ahd., ags. springan.
Goth. reisan (surgere), altn. risa, ahd. risan, ags. reosan.
Altn. bregda (movere), ags. bregdan.
Goth. hvah'ban (so movere), altu. liverfa, ahd. hwerban, ags.
hveorfan.
Altn. skaka (quatere), ags. scacan. .}
Altn. rida (se movere, equitare), ahd. ritan, ags. ridan.
Goth. dreiban (incitare etc.), altu. drifa, ahd. triban, ags. drifan.
Ahd. swingan (vibrare, flagellare), ags. svingan; im Goth. davon
das Causat. svagg\;jau.
Altu. thrjngja (m'gere), ahd. dringau, ags. tliringan (vgl. gotk.
threihan drängen). . , : ■ , ,>.i.i
Altn. kriupa (repere), ahd. krifan (selten), ags. creopan.
Goth. knussjan (auf die Kuie fallen); in den andern Sprach-
zweigen etwas zweifelhaft; vgl. altu. knosa contundere? ahd. chnusjan
allidere? ags. cnyssian contundere? ■ .
Altn. fylgja (sequi), ahd. folgen, ags. folgjan. ' .'
Wäre es wol möglich, das Verbum als ein Causativura von f 1 ie h e u
anzusehen? Das sprachliche Veriiältniss von fliegen, fliehen, folgen
bedarf einer Aufhellung und verspricht anziehende Ergebnisse.
Goth. vrikan (persequi), altn. reka, ahd. rehhan, ags. vrecan.
Goth. thliuhan (fugere), ahd. fliohan, ags. fleöhan. cf ••
Altn. fliuga (volare), ahd. fliogan, ags. fleogan.
Goth. motjan (obviam venire), altn. maeta, ags. metan.
Altn. roa (remigare), ags. rövan.
Altn. slyngja (jacere, vincire), ahd. slingan, ags. slingan.
Goth. niuhsjau (visitare), altn. nysa, ahd. niusjan, ags. neosjau.
Vgl. skr. naksämi herbeikommen. '
Goth. briggan (afferre), schwed. bringa, ahd., ags. bringan.
Altn. dvelja (morari), ahd. twelau (torpere), alts. duelan, ags.
dveljan (errare). , , p j; m:;, uli •;.
Beginn, Ende, Erhöhung, Erniedrigung.
Goth. du-ginnan (iucipere), ahd. bi-ginnan, ags. ginnan.
Altn. Olga (cadere), ahd. sigan, ags. sigan. j,;:„;-,,ii ■
Goth. driusan (cadere), ags. dreösan.
29*
432 E. FÖRSTEMANN
Goth. haunjan (humiliare), ahd. honjan, ags, henan, hyüau.
Goth. sigqvan (sinken), schwed. sjunka, ahd. sinchan, ags. sincan.
Nahe verwandt mit dem obigen altu. siga?
Besitz, Gewinn, Verlust.
Altn. missa (missen), ahd. missjan, ags. missjan.
Goth. Husan (verlieren), ahd. liusan, ags. leosau.
Wol schon in eine frühere Sprachperiode gehörig, da das Adj.
los in der zweiten, das Verbum lösen in der ersten Abhandlung er-
wähnt ist.
Lachen, Weinen.
Goth. qvainon (flere), altn. kveina, ahd. weinon, ags. cvänjan,
vänjan.
;■• Bedenken erregt das Altir. coinim (deploro) wegen der mangeln-
den Lautverschiebung.
Sprache.
Goth. bidjau (petere), altn. bidja, ahd. bitjän, ags. biddan.
Lat. peto ist hier fern zu halten.
Goth. baidjan (jubere), altn. beida, ahd. beitjan, ags. baedan.
Goth. flautjan (gloriari), ahd. flOzjan.
Goth. hröpjan (vocare), altn. hropa, ahd, hrofan, ags. hreopan.
Die von Benfey in der Kieler Monatschrift 1854, 20 aufgestellte
Vergleichung mit skr. *cropajämi verdient alle Beachtung, doch scheint
in beiden Sprachen das Wort vollständig in gleicher Weise gebildet
zu sein.
Goth. levjan (prodere), ahd. l&wan, läjan, ags. laevau.
Goth. hiufan (queri), ahd. hiufan, ags. heofan.
Goth. vrohjan (accusare), altn. roegja, ahd. rogjan, ags. vregean.
Goth. slavan (tacere), altn. slaeva (mitigare), ahd. slewen (tabes-
oere), ags. slavjan (pigrum esse).
Altn. gala (canere), ags. galan. Im Ahd. vgl. gellau (gellen).
Goth. svaran (jurare), altn. sverja, ahd. swarjan, ags. sverjau.
Altn. tina (legere), ahd. zeinjan (monstrare).
Geißt.
Goth. agljan (tristem facere), ags. egljan.
Goth. airzjan (irre machen), ahd. irreon. Ags. irsian irasci ist
zweifelhaft, auch wegen des s.
Goth. laubjan (credere), altn. leyfa, ahd. galaubjan, ags. gelefan,
gelyfan.
Altn. raerkja (sentire), ahd. markjan, markon, raarkSn, ags.
mearcjau.
DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 483
Goth. leisan (experiri), in den andern Sprachen nur noch das
Causativum davon laera, leran, laeran.
Goth. inarzjan (iratum reddere), ahd. marrjan (impedire), ags.
mearrjan.
Goth. rahujan (ratiocinari), altn. reikna, ahd. rechanon, ags. recnjan.
Goth. fi-aisan (sciscitari), ahd. freison, ags. fräsian; vgl. altn. freista.
Goth. beidan (exspectare), ahd. bitan, ags. bidan.
Goth. stojan (judicare), ahd. stawan^ stowan, stowön.
Goth. vargjan (condemuare), ags. virgjan.
Goth. sakan (litigare), ahd. varsahhan (abnegare), ags. saoan.
Altn. venja (adsuefacere), ahd. wenjau, ags. venjan.
Goth. varjan (arcere), altn. verja, ahd. warjan, ags, varjau.
Die bisher aufgestellten exoterischeu Vergleichungen sind noch
nicht recht überzeugend.
Goth. aistau (aestimare), altn. aesta (petere).
Goth. leikan Cplacere), altn. lika, ahd. liehen, ags. licjau.
Goth. maurnan (sollicitum esse), ahd. mornen, ags. murnan, meornau.
Goth. sifan (laetari), ags. sifjan.
Goth. luton (fallere), altn. lyta (dedecorare). ahd. luzen (latere),
ags. lütjan (latere).
Altn. svikja (fallere), ahd. swihhan, ags. svican.
Sein, tliun.
Goth. taujan (facere), ahd. zouwen, ags. tavian.
Goth. (ga-)fahrjan (parare), altn. fegra, ags. gefaegerjan.
Übrige Verba.
Altn. groa (crescere, virere), ahd. groen, grojan, ags. grovan.
Goth. letan (sinere), altn. lata, ahd. läzan, ags. laetan.
Altn. reita (irritari), ahd. reizjan.
Goth. sauljan (comnjacul^re) , altn. söla^ ahd. solon, suljan, ags.
Goth. vammjan (cominaculare), ahd. wemmjan, ags, vemraan.
Goth. driugan (militare, pugnare), ags. dreögan.
Altn. spara (parcerc), ahd. sparen, sparon, ags. sparjan.
Adverbia.
Goth. ufta (saepe), altn. opt, ahd. ofto, ags. oft.
Altn. sjaldan (raro), ahd. seltan, ags. seldan.
Goth. air (mane), altn. är, ahd. er, ags. aere. ,.
Goth. jai, altn., ahd. ja, ags. gea.
Lit. je scheint wol nur entlehnt zu sein.
434 E. FÖESTEMANN
Präpositionen.
Goth. tliairh (per), ahd. durah, ags. tliurh.
Die Wurzel ist sicher das indogermanische tar (transgredi), die
Bildung aber eine speciell deutsche.
Altn. gegn (contra), ahd. gagan, ags. gägn, geön.
Entweder im Gothischen , wo nur vithra gilt, früh verloren oder
erst in der mittelurdeutschcn Periode gebildet.
Goth. und (usque), altn, und, ahd. unz, ags. od.
Conjunctionen.
Altn. enn (etiam), ahd. auti, ags. and.
Eben so wie das vorhergehende gegen zu beurtheilen.
Goth. auk (enira), altn. auk, 6k (et), ahd. auh, ags. eäc (etiam).
Das Wort gehört zu dem im Deutschon sonst verloreneu Pro-
nominalstamm ava und setzt ein indogermanisches ava-ga (= griech.
ys) voraus ; das altslavische ovako (ita) ist wol fern zu halten.
So weit dieses Verzeichniss, dem ich reichliche Erweiterung und
Berichtigung von allen Seiten her und nach allen Seiten hin wünsche.
Wenn wir aber schon jetzt aus diesem Entwürfe einige Bemerkungen
über die Culturstufe zu gewinnen wagen, welche die Germanen mit
der hier behandelten Sprachschicht erreicht haben, so darf das nur in
dem Bewußtsein geschehen, daß hiemit viel gewagt wird. Jenes Voca-
bular liefert uns nämlich, abgesehen von seiner Unvollständigkeit, nicht
ein Bild, sondern ein Zerrbild jener Culturstufe; besonders insofern
manche Wörter viel älter sind als sie hier erscheinen, von uns aber
noch nicht in ihrer vollen Alterthümlichkeit erkannt werden, manche
andere Ausdrücke dagegen in der That erst einer weit jüngeren Zeit
angehören und von einem deutschen Volkszweige zum andern als
Fremdwörter hinübergewandert sind, wodurch sie den falschen Schein
gewinnen, als gehörten sie schon der Periode des ungetheilten Ur-
deutschen an. Solche Erwägungen dürfen uns aber nicht entmuthigen;
auch aus dem Zerrbilde läßt sich auf das Bild, aus dem Blicke durch
ein trübes strahlenbrechendes Medium auf den vollen klaren Anblick
schließen.
Was ich über den Unterschied der urdeutschen Culturstufe von
der slavogermanischen andeuten möchte, wäre etwa Folgendes.
Nur wenige Begriffssphären sind schon in der vorhergehenden
Periode ganz abgeschlossen, so daß sie einer Erweiterung nicht mehr
fähig sind; ich rechne dahin die Bezeichnungen der Verwandtschafts-
grade, die Adjectiva für die Farben und die Zahlwörter. Auf
allen drei Gebieten zeichnet die Natur eine gewisse Grenze vor und
DER URDEUTSCfiE SPRACHSCHATZ. 435
diese ist bereits in der slavogermamschen Periode erreicht, seitdem
auch nur in künstlicher Weise überschritten worden.
Das erste, wonach wir zu fragen haben, ist die Weise, in welcher
sich die Natur dem von den verwandten Völkern gesonderten Ger-
manen darstellte. Täuscht mich nicht Alles, so nahm sie einen nörd-
licheren Typus an als vorher. Neue Pflanzenarten mangeln fast
völlig in unserem obigen Register, nur der Hafer, dieses im Süden
wenig gebaute, recht eigentlich nordische Getreide tritt auf. Unter den
Thieren fallen uns gleich in die Augen das Rennthier (hreinn), das
ja früher weit südlicher als jetzt vorkam, der Walfisch (hvalr) und
der Seehund (selr). Auch Eichhorn ist ein neuer Ausdruck. Für
den Bären und den Fuchs sind die altindogermanischeu Ausdrücke
verloren und neue gebildet, als hätte man in der Zwischenzeit diese
Thiere nicht mehr zu Gesicht bekommen. Daß neben dem Hirsch sich
die Hin de als besonderes Wort nöthig erweist, deutet auf die Häufig-
keit oder Wichtigkeit dieses Wildprets in den neuen Wohnsitzen.
Wenn sich neben dem älteren albiz ein neues Wort Schwan geltend
macht, weist das nicht zunächst auf den Unterschied zwischen dem
gemeinen und dem nordischen Singschwan? Echt nordisch sieht es auch
aus, dalJ die Wörter Eis und frieren speciell germanisches Eigenthum
sind, ja auch den Hunger möchte ich mit in dieser Reihe nennen,
womit ich natürlich nicht meine, daß die Slavogermanen noch nicht
gefroren oder gehunirert hätten; aber die Bildung eines neuen Wortes
zeigt auf die Wichtigkeit des Begriffes hin. Zu dieser nordischen Natur
gehört auch das Ufer des nordischen Meeres und in Folge der neu in
den Gesichtskreis tretenden Erscheinung entwickelt sich das echt
deutsche Wort Strand; selbst der Ausdruck Kiesel scheint zunächst
die in der Brandung abgerundeten und ausgeworfenen Steine zu be-
zeichnen. Höchst wahrscheinlich ist es, daß bei dieser Wanderung
nach Norden eine Berührung oder Durchdringung mit finnischen Völkern
stattfand. Mir ist es immer glaubhaft erschienen, daß entgegengesetzt
wie bekanntlich in verschiedenen Bezeichnungen für die Riesen, so
auch in dem deutschen Zwerg sich der verächtliche Ausdruck für
ein schwächlicher gebildetes Volk verberge ; es hilft nichts, schon jetzt
etwa an die Turcae oder an die TvQtyhai (TvQayiTai etc.) zu erinnern,
doch mag es eben so gut geschehen, Avie unserm Grimm in der ]\Iytho-
logie dabei das griech. ^Eovgyos einfiel.
Tn Hinsicht auf die Viehzucht, welche das neu entstandene
Germanen Volk trieb, scheinen die oben für die Thierwelt verzeichneten
Ausdrücke darauf hinzudeuten, daß zwar die Zucht des altehrwürdigen
436 E- FÖRSTEMANN
Rindviehs auf ihrer früh erreichten Stufe verharrt, daß aber die des
Pferdes, Schafes, und besonders des Schweines ein so gesteigertes
Interesse erregte, daß hier neue Ausdrücke nothwendig wurden; für
das letzte Thier spricht auch, daß Speck und Schmer als sprach-
liche Neubildungen erscheinen. In Hinsicht des Geflügels mögen Andere
weiter erwägen, was es geschichtlich bedeute, daß wir die Gans und
die Ente noch mit altindogermanischen Wörtern bezeichnen, für den
Hahn aber (also auch für Huhn und Henne j deutsches Specialeigen-
thum geschaffen haben. Überraschend ist es, wie die Kenntniss der
einzelnen Theile des thierischen Körpers auf diesem Standpunkte zu-
nimmt, und damit die Fülle ihrer sprachlichen Benennungen; es ist als
wenn .eine weniger üppige Natur die Menschen gezwungen habe, die
einzelnen Theile, auch die Eingeweide, besser auszunutzen, als es
früher geschehen sein mochte. Ich bemerke gleich, daß das deutsche
Daume auch auf den ersten Schritt zu Benennungen für die einzelnen
Finder der Menschenhand hinweist. Als äussersten Ausläufer der Vieh-
zucht möchte man auch schon für jene Zeit eine Bienenzucht vermuthen;
das deutsche Honig tritt neben das altindogermanische Wort so, als
sei damit ein auf anderem Wege, nicht mehr von wilden Waldbienen
gewonnenes Product gemeint.
Nichts neues bietet der Acker- und Gartenbau, es müßte
denn sein, daß das goth. leithus auf ein neues aus den Gartenfrüchten
gewonnenes Getränke deutet.
Die Wohnungen müssen bei rauher werdendem Klima mit
immer größerer Sorgfalt angelegt worden sein, und in der That über-
rascht die oben angeführte große Zahl Wörter für die einzelnen Theile
des Hauses.
Für das Gebiet der Technologie mag es nicht gleichgültig sein,
daß der Stahl als Product, die Zange als Werkzeug und das Verbum
schmieden als Zeichen für die Thätigkeit mit ihren echt deutschen
Ausdrücken im obigen Verzeichnisse erscheinen; damit tritt die Schmiede-
kunst an die Spitze der Handwerke, und zwar als etwas Neues und
Staunenerregendes, so daß sie für ihre Rolle in der Mythologie be-
fähigt wird. Ganz parallel damit läuft es, daß sich die Cultur nun
auch auf die Erzeugung und Benutzung des Glases ausdehnt. Das
zu dem älteren weben hinzutretende deutsche spinnen zeigt auf tech-
nologische Fortschritte. Kamm und Kerze sind, Avenn auch auf sehr
verschiedenem Gebiete, Zeichen für die Weiterbildung der Geräthe.
Von Musik und Schreibekunst boten uns die beiden früheren
Verzeichnisse keine Spur; in unserm dritten wird jene durch Sang,
DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 437
Lied, Harfe (auf Glocke .^ebe ich nichts) und das Verbum gala,
diese durch die beiden Verba meljau und ritan deutlich angezeigt.
Das Seewesen mag gleichfalls nicht stehen geblieben sein; wer
es weiß, mit welcher Verachtung die Anwohner der Seeküste noch
jetzt auf die kiellosen Fahrzeuge biuneuläiidischer Gewässer herabsehen,
wird dem Worte Kiel, das in unserem Verzeichnisse auftritt, immer-
hin eine gewisse Aufmerksamkeit schenken. Auch finden sich in jenem
Verzeichnisse Spuren davon, daß man schon begonnen hat, verschiedene
Arten von Schiffen zu unterscheiden. War auch das Kader schon lange
bekannt, so scheint doch erst die urdeutsche Sprache ein besonderes
Verbum für das Fortbewegen durch das Ruder gebildet zu haben.
Man erwäge endlich die beiden oben verzeichneten Ausdrücke mastr
und thöfta.
Auf solchem Standpunkte darf man nun schon nach dem suchen,
was etwa dem heutigen Begriffe des Staates entspricht. Oben findet
man mehrere Ausdrücke, welche es bekunden, daß sich schon das
Verhältniss zwischen einer herrschenden und einer dienenden Menschen-
classe mehr ausgebildet hat. Auf eine gewisse Rechtspflege führen
uns die Verba stojan, vargjan und sakan, auch das Substantivum
Eid und in Übereinstimmung damit das Verbum schwören. EndHch
mag auch der Galgen hier erwähnt werden.
Die Zeitverhältnisse werden gewiß der Ausbildung des Kriegs-
wesens nicht ungünstig gewesen sein. Die Begriffe von Kampf und
Sieg (s. auch das Verbum driugan) treten hervor wie früher noch
nicht, Ruhm und Ehre finden Avir früher kaum angedeutet, jetzt in
drei Ausdrücken. Ebenso mangelt früher ganz ein Wort für Wunde,
während uns hier drei Wörter dafür begegnen. Daß die Massen der
Streiter schon geordnet waren, zeigt das Wort kumbl, der Sporn
beweist den früher ,noch nicht sicheren Gebrauch des Rosses zum
Reiten. Und aus den älteren Ausdrücken für die einzelnen Theile der
Bewaffnung hebt sich jetzt schon ein wie es scheint von Anfang an
allgemeinerer und damit auf. einen gewissen Organismus hinweisender
Ausdruck Waffe ab.
Wo so wie in dem letztgenannten Worte das Einzelne ins All-
gemeine^ das Concreto ins Abstracto zusammengefasst wird, da zeigt
sich überhaupt ein geistiger Fortschritt. Zu Helm und Speer
und Schwert tritt die Waffe wie zu Gans und Ente und Staar der
Vogel, wie zu Nacht und Woche und Jahr die Zeit, ein Wort, das
wohl schon sehr früh diesen abstracten Sinn gehabt hat, noch früher
freilich gewiß nicht. Und daß der große Weltenzeitmesser, der Himmel;
438 RICHARD WÜLCKER
auch dem jungen Germanenvolke ein Gegenstand der Beobachtung
war, darauf weisen ebenso himins, hifinn und tüngl wie die ge-
naueren Bestimmungen für die Zeiteiutheilung, deren wir oben mehrere
finden. Von den Himmlischen aber müssen die Anses und Irmin in
diesem Zusammenhang noch weiter ins Auge gefasst werden.
So entfernt sich unser Volk um Stufe auf Stufe mehr von der
Thierwelt und ihrem Gesichtskreise; sollten nicht die Germanen in
raats und fodr einen Gegensatz zwischen menschlich bereiteter und
thierisch roher Speise haben ausdrücken wollen, der freilich nicht
immer beachtet wurde? Diejenigen Substantiva, Adjectiva und Verba,
welche in meinem diesmaligen Register unter der Rubrik G e i s t stehen,
übertreffen in ihrer Gesammtzahl die entsprechenden des Verzeichnisses
in meiner ersten Abhandlung, ein deutliches Zeichen vom Geistesfort-
schritt der Germanen nach ihrer Trennung von den Slaven.
Ich habe mir selbst absichtlich eine Fessel angelegt, um dies neue
Culturbild nicht zu weit auszumalen und damit höher zu fliegen als
gut ist. Oben bemerkte ich, daß diese dritte Schicht unseres Sprach-
schatzes sich in zwei Theile sondern lasse und habe von diesen beiden
nur den ersten gemustert^ den andern Theil aber, der die von den
bisher erwähnten Ausdrücken abgeleiteten oder mit ihnen zusammen-
gesetzten Wörter umfasst, nicht mit hineingemischt.
Da nun die Scheidung dieser beiden Wortclassen nur eine gram-
matische ist, beide also historisch genommen wol als gleichzeitig auf-
getreten anzusehen sind, so wird die ]\Tusterung der zweiten Classe
in culturhistorischer Hinsicht eine Probe auf die Musterung der ersten
geben müssen, Diese Probe darf ich mir vielleicht für künftig vor-
behalten.
DRESDEN, den 30. November 1870.
LIED DER RITTER WIDER DIE STÄDTE.
Liliencron veröffentlicht im I. Bande seiner historischen Volks-
lieder (unter Nr. 89—93) fünf Lieder, di« den Krieg der süddeutschen
Städte gegen die Fürsten und Ritter behandeln und theils den Städten
günstig, theils ihnen feindlich lauten.
LIED DER RITTER WIDER DIE STÄDTE. 439
Als Nachtrag hierzu gebe ich ein Gredicht, welches sich im Archive
zu Frankfurt am Main gefunden hat. Ueberschrieben ist es: ,, Nicolas
ein liedchen geschanckt de)' ritter toegen icider die stede.'^ Es ist in Brief-
form zusammengelegt und führt die Aufschrift: „Dem Ersamen Nicolae
statschriber czii Franckenfurt mynem liehen herren und hesundern guten
fninde.'^ Der Schreiber unterzeichnet sich Jacobus. — Obgleich nun
nach alledem Schreiber und Empfänger des Gedichtes gut städtisch
gesinnt waren, ist der Inhalt desselben trotzdem gegen die Städte ge-
richtet, wie schon der Name, den sich der Dichter beilegt, Burenfiendt,
andeutet.
Zur Bestimmung der Hs. dient, daß es an Stadtschreiber Nicolaus
gerichtet ist. Es muß dies Nicolaus Uffsteiner gewesen sein, der von
14.31 — 1470 das Stadtschreiberamt bekleidete.
Weist also schon die Abschrift des Liedes auf die Mitte des 15. Jh.
hin, so kann das Gedicht selbst nach den darin enthaltenen Andeu-
tungen auch nicht zu anderer Zeit entstanden sein. Sehen wir uns nun
nach den Beweisen um !
Nach dem blutigen Kriege der Städte gegen die Herren im Jahre
1389, der mit der Niederlage der ersteren endete, blieb es einige Jahr-
zehnte ruhig. Doch in den vierziger Jahren des neuen Jahrhunderts
entbrannte von neuem der Kampf.
War auch das Jahr 1440 ungünstig für die Städter, um so gün-
stiger war das folgende Jahr für dieselben. Ende März 1441 wurde
Neuenfels (über der Kupfer), anfangs September Maienfels (über der
Brettach) (vgl. Chronik, d. Städte: die fränkischen Städte, Nürnberg
II. Bd. pag. 236, 17) unter Anführung des Hauptmanns Ehinger von Ulm
zerstört. Vergeblich suchten Erzbischof Dietrich von Mainz und andere
Fürsten zu vermitteln, auch der 1441 zu Frankfurt unter persönlichem
Vorsitze der drei geistlichen Kurfürsten abgehaltene Tag führte zu
keinem Ziele. Die kleinen Fehden dauerten immer fort.
Am 22. März 1446 schloßen 31 Städte ein Bündniss, um sich der
Übergriffe des Adels zu erwehren, selbst einige Fürsten traten bei.
Doch schnell gelang es auch dem rastlosen Eifer des Markgrafen
Albrecht von Brandenburg- Ansbach, des Hauptgegners der Städte, da-
gegen einen Fürstenbund ins Leben zu rufen, so mächtig, wie vorher
keiner war. Selbst weitentfernte Herrscher traten dem Bündnisse bei,
wie Heinrich von Mecklenburg, die Fürsten von Pommern und Rügen
u. a. (Vgl. Chr. d. Städte. Nürnberg II. pag. 467 ff.) Ein Grund, den
Städten den Krieg zu erklären, fand sich leicht, hatte doch f;)st jeder
Ritter irgend einen Streit mit einer der verbündeten Städte. So z. B.
440 EICHARD WÜLCKER
beanspruchte Markgraf Albrecht die Auslieferung Konrads v. Heideck
von den Nürnbergern (vgl. a. a. O. pag. 123 ff.), Erzbischof Dietrich
von Mainz Entschädigung wegen Zerstörung von Neuenfels. (Vgl. die
Richtiguug u. a. O. p. 236.)
Ich übergehe die langen Verhandlungen, welche Nürnberg und
die Städte mit Albrecht nutzlos führten und die sich bis zum Juni 1449
hinauszogen. Endlich Ende Juni schickte Albrecht und der Bischof von
Bamberg, als die ersten, ihre Absagebriefe an Nürnberg (datiert sind
dieselben vom 29. Juni), schnell folgte die übrige Menge der Ritter.
Doch auch die Städte ließen nicht auf sich warten: am 2. Juli erklärten
sie die Fehde, schon der nächste Tag brachte den Beginn des Kampfes,
indem Erhard Schiirstab von Nürnberg (a. a. 0. pag. 148) das Schloss
Malmsbach zerstörte.
Zum Glücke ist uns in Nürnberg noch das Verzeichniss sämmt-
licher Herren, die absagten, erhalten (über die Hs. desselben vgl. a. a. 0.
p. 420. 421) und darin finden sich alle Namen, die in unserm Liede
genannt sind.
Unter den rittern, die mit Albrecht absagten, sind genannt:
(pag. 428, 25) Ritter Eberhart von Urbach, der Ältere und
(pag. 433, 23) Eberhart Rüde von Kollenberg.
Jakob, Bernhard und Karl von Baden standen bei:
(pag. 446, 21) Hans von Berchten, genannt Hasenki'öz,
(pag. 446, 24) Hans von Klingenau, genannt Swiczer.
Der Kampf schwankte hin und her, endlich am 11. März 1450
erfochten die Nürnberger einen bedeutenden Sieg bei dem Pillenreuter
Weiher über Albrecht, und wurden sie auch am 14. April beim Kloster
Sulz geschlagen, so überwanden sie doch abermals am 20. Juni bei
Rednitzhembach die Fürstenpartei. Dieser letzte Sieg wirkte entschei-
dend auf die während des ganzen Krieges geführten Unterhandlungen:
am 22. Juni kam eine Richtigung in Bamberg zu Staude.. (Abgedruckt
in Erhart Schürstabs Bericht über den Krieg pag. 230 — 239 a. a. O.)
Hiermit hörte die offene Fehde auf, wenn auch erst 1453 der Streit
vollständig beigelegt wurde.
Nach dem bisher Angegebenen läßt sich die Zeit der Entstehung
unsers Liedes genau angeben.
Eberhart von Urbach, sagt der Dichter, hat schon ritterlich die
Reichsstädte angegriffen und streitet kräftig gegen sie. Eberhart Rüde
von Collemberg ist auch ein tapferer Ritter, der viele Heri-en unter
sich hatj doch diese, statt ihm gegen die Bürger kämpfen zu helfen,
helfen ihm nur beim Essen und Trinken. Alles steht jetzt günstig für
LIED DER RITTER WIDER DIE STÄDTE. 441
die Ritter: die Wirapfener haben verloren und die Städte sind darüber
niedergesolilagen. Mächtige Herren bekämpfen die Bürger, vor allem
der Erzbiscliof von Mainz, Swiczer streitet gegen die Städte und ver-
wüstet ihr Gebiet und Hasenkröz ist dabei sein Helfer.
Darum, mein lieber Rüde, fährt der Dichter fort, ist jetzt die
Gelegenheit, die städtischen Bauern, die schon auf ihre festen Mauern
vertrauend glauben, sie könnten den ganzen Adel vernichten, nieder-
zuwerfen und ihren Hochmuth zu brechen.
Da die meisten der Ritter im Juli 1449 entsagten (vgl. pag. 433
a. a. O.), Rüde voti Collemberg aber erst am 6. December, so muß in
dieser Zeit unser Gedicht entstanden sein. Mit dieser Zeitbestimmung
fällt auch zusammen, daß Nicolaus Uffsteiner von 1431—1470 Stadt-
schreiber war.
Ueber die Person des Dichters ist, da Burenfiendt sicher nur ein
angenommener Name , einzig aus den Worten 7nyn herre von Mencze
der heißt nit Jieinfz zu schließen, daß er ein Unterthau des Mainzer
Erzbischofs und in dessen Auftrag vielleicht das ganze Lied verfasst
hat. Dieß gewinnt noch dadurch an Wahrscheinlichkeit, daß die Collem-
berger Herren Maiuzische Dieustmannen waren. — Das Lied lautet*
Eherhart von nrhdch ist ein mann Er grifft die richstete redelich
an I er thvt ine vil czu leide \ das er sie nicht czu recht wag hrengen nu ist
er doch keyn heyde j| Der edel knecht Bnt ere vnd recht \fur fursten herren
vnd mannich gesiecht das sagt mann inn dem lande j das im das nicht
gedyen mag das ist den fursten eyn schände.
In irem lande mochte er sich neren \ darinn solte er sinen phenniy
czeren so findet man vil der czagen \ sie suchen vil rencke vnd hoser wengke \
■wer mochts in alles vertragen | Eherhart Ende ist lool hekant \ er hat gute
ritter an der hant | czu Collenherg ist er geseßen \ sie ryfen hie im uß vnd
inn vnd helffen im das rintfleisch eßen.
Das die von Wympfen han verloren \ das tkut den andern steten czorn f
vjie eß sich hat ergangen \ das schaffet ir sfolczer ohermnt | darczu ir ffi'oß
gehrangen \ Das luder ligt schon an der löge | die richstete haheii vil der
frage wie Collemherg sy geschaffen \ sie achten aller herren nicht vnd furch-
ten eyns fursten straffen.
Sie czogen alle gerne darfur .so ligts dem hischoff für der fhur \ sie
dorff'en den drotz nicht brechen | Myn herre von Mencze \ der heißt nit heintz
E' %vurde villicht Nuioenfels rechen.
Des adels gut hat nicht verhluet \ So horß dran myn lieher Rüde |
mann giht dir die huren czu treffen \ heczalestu mit rechter mnncze so histu
nit gut czu fffen\\ WUJielm Stoiczer ist er genant \ er rennet gar f rißlich
442 LITTERATUE.
hin das lant ) den abunt vnd den morgen j er rennet gar fiißlich nach dem
gut vnd leßet die fogelin sorgen.
Hasenkroß ist sin geselle \ das brenget noch manchem vngefelle \ Sie
laßen ir roßelin lauffen \ vnd wollen der ricJistete ßlczgebuwer \ umb das
vnrecht stra,j(fen.
Den richsteten den ist nit czu getruwen keyn bederman sal vf sie
btiioen Sie vberheben sich der hohen muren \ sie achten aller herren nicht \
vnd sint doch filczgehuren Ir obermut ist also groß \ sie tragen dem adel
alle gehaß sie meynen ine czu vertriben | Nv hiljf glücke eß ist an der
czyt so wollen wir wol bliben Der vns dieß liedlin macht Burenßendt der
hats erdacht \ er solte sin dorheit masßen \ so tribet er gar vil der narren-
spil vnd wil sich sin nicht erlaßen. Jakobus vester servitor.
FRANKFURT am Main, November 1870. RICHARD WÜLCKER.
LITTERATUE.
Die Programme der gelehrten Schule Islands.
Die Bewohnei* Islands sind bekanntlich wenig zahlreich, und außerhalb
der Insel ist die Kenntniss ihrer Sprache nur wenig verbreitet. Auf ein Absatz-
gebiet von höchstens 70,000 Seelen beschränkt, welche noch obendrein weit
zerstreut und in wenig günstigen wirthschaftlichen Verhältnissen leben , kann
die isländische Litteratur begreiflich nur mühsam gedeihen, da die Herausgabe
selbst i'echt tüchtiger Werke nur sehr ausnahmsweise sich lohnt, und fach-
Avissenschaftliche Bücher zumal können fast nur mit Unterstützung aus öffent-
lichen Mitteln zum Drucke befördert werden. Um so bedeutsamer wird für das
Land die Wirksamkeit, welche die Zeitschriften einerseits und die Publicationen
von Vereinen oder Körperschaften anderei-seits entfalten , denn in sie flüchten
sich so manche recht sehr brauchbare Arbeiten, um nur überhaupt das Tages-
licht erblicken zu dürfen. Unter den derartigen Publicationen nehmen aber die
Programme der gelehrten Schule des Landes einen sehr bedeutenden ßang ein.
Während in der katholischen Zeit schon ziemlich frühe Domschulen an
den beiden Kathedralen zu Skälholt und zu Hölar, dann Klostevschulen an den
neun Klöstern des Landes entstanden waren, diese wie jene freilich nur wenig
gesicherten Bestandes, musste in Folge der Köformation der Staat, indem er die
Kirchengüter gutentheils einzog, sich wohl oder übel dazu bequemen, auch die
Sorge für den gelehrten Unterricht zu übernehmen. Nach ein paar vergeblichen
Anläufen, w^elche in den Jahren 1542 und 1550 genommen worden waren,
wurde endlich im Jahre 1552 an die Errichtung zweier Domschulen zu Skäl-
LITTERATUR. 443
holt und zu Holar ernsthaft Hand angelegt, und von da ab bestanden beide
neben einander fort, bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts herab. Auf
Grund eines kgl. Rescriptes vom 29. April 1785 *), welches die Verlegung des
Bisthumes sowol als der Schule von Skdlholt nach Reykjavik verfügte, erfolgte
die Verlegung der letzteren nach der nunmehrigen Hauptstadt der Insel, im
Jahre 1787; durch ein weiteres Rescript vom 2. October 1801 '^1, welches das
Bisthum und die Domschule zu Holar unterdrückte, wurde ferner jene Schule
zu Reykjavik zur einzigen und gemeinsamen höheren Unterrichtsanstalt des
ganzen Landes erhoben. Nachdem dieselbe wegen gänzlichen Verfalles ihrer
Baulichkeiten im Jahre 1805 interimistisch nach Bessastadir hatte verlegt werden
müssen ^), wurde unterm 7. Juni 1841 deren Zurückverlegung nach Reykjavik
angeordnet '*), und unterm 24. April 1846 deren Eröffnung auf den 1. October
desselben Jahres anberaumt ^), an welchem Tage dieselbe denn auch wirklich
in feierlichster Weise stattfand "). Seit jenem Tage ist die gelehrte Schule
Islands an dem genannten Orte verblieben; von Pi-ogrammen derselben ist aber
erst in den beiden letzten Stadien ihres Bestandes die Rede.
In einzelnen gelehrten Schulen Dänemarks hatte sich schon frühzeitig
der Gebrauch ausgebildet, durch eigene Programme zu ihren öflFentlichen
Prüfungen einzuladen, und diese Einladung von einer wissenschaftlichen Ab-
handlung begleiten zu lassen. Eine Verordnung vom 7. November 1809
hatte, §. 89, diese Übung für diejenigen Anstalten bestätigt, an denen sie
bestehe '), für Island aber konnte diese Bestätigung, ganz abgesehen davon,
daß die betreffende Verordnung auf der Insel niemals publiciert wurde, schon
darum keine Bedeutung haben, weil an den isländischen Schulen das Ausgeben
von Programmen niemals gebräuchlich gewesen war. Dagegen wurde zufolge
einer vom damaligen Stiftsamtmanne P. F. Hoppe und vom Bischöfe Stein-
grimur Jönsson gegebenen Anregung unterm 8. September 1827 angeordnet*),
daß an der gelehrten Schule Islands der Geburtstag des Königs in Zukunft
öffentlich gefeiert, und daß zu dieser Feier durch ein öffentliches Programm
eingeladen werden solle, und vom Jahre 1828 beginnt demgemäß die Reihe
der von dieser Anstalt ausgegebenen Programme. Durch eine Verfügung vom
14. September 1839 wurde sodann angeordnet ^), daß diese Programme jeden-
falls einen Bericht über alle die Schule berührenden Ereignisse des Vorjahres
zu enthalten hätten, außerdem aber wo möglich noch eine wissenschaftliche
Abhandlung enthalten .sollten, und damit erhielten dieselben einen weiteren
Inhalt, während bisher jener Rechenschaftsbericht nur mündlich gelegentlich
des Schulfestes vorzutragen gewesen war. Aber gerade um dieselbe Zeit ergab
sich ein wunderlicher Zufall. Am 3. December 1839 starb K. Friedrich VI;
aber auf Island erfuhr man hievon nichts, tmd feierte demnach getrost dessen
auf den 18. Januar fallendes Geburtsfest. Als mau dann von dem eingetreteneu
Thronwechsel Nachricht erhielt, glaubte man auch K. Christians VIII Geburts-
fest, welches auf den 18. September fiel, noch feiern zu sollen, und bekam
*) Lovsamling for Island, V, S. 182—7, '') Ebenda, VI, 8. 530—31.
^) Ebenda, S. 680—1, und 752—55. ') Ebenda, XII, S. 134-5. ^) Eben-
da, XIII, S. 413—4. ^) Reykjavikur itosturinn, I, S. 7—8. '') Lovsam-
ling for Island, VII, S. 291. *) Ebenda, IX, S. 208—9. ») Ebenda, XI,
S. 392-3.
444 LITTERATUR.
somit zwei Schulfeste uud zwei Programme in einem Jahre; andererseits hatten
Anfragen über das Format, in welchem die Programme gedruckt, und über
die Sprache, in der sie geschrieben werden sollten, zur Folge, daß keines der
beiden Programme den neuerdings vorgeschriebenen Rechenschaftsbericht ent-
hielt. Erst nachdem ein das Format der Programme regelnder Erlass vom
16. November 1839 und ein das Schulfest auf das Ende Mai jeden Jahres zu
haltende Schlußexamen verlegender vom 15. December 1840 '") auf Island
bekannt geworden waren, nachdem ferner die Stiftsobrigkeit ihrerseits unterm
31. Mai 1841 erklärt hatte, das gelehrte Programm, welches für den 1. October
1840 ausgegeben worden sei, solle für das Jahr 1841 gelten, und nur am
Schlüsse des Mai's dieses Jahres der erforderliche Rechenschaftsbericht, und
zwar in isländischer Sprache, ausgegeben werden ^^), kam wieder feste Ordnung
in das Programmenwesen der Schule, indem gelegentlich des Schlußexamens,
welches zu Ende Mai jeden Jahres gehalten zu werden pflegte, ein in isländi-
scher Sprache geschriebenes Programm ausgegeben wurde, welches neben dem
vorschriftsmüßigen Rechenschaftsberichte des Rectors zugleich eine wissenschaft-
liche Abhandlung irgend eines der an der Schule angestellten Lehrer enthält.
Ein provisorisches Reglement für die gelehrte Schule zu Reykjavik, welches
am 30. Mai 1846 ausgegeben wurde, änderte, §. 9, sub 1, hierannur so viel "*),
daß dem isländischen Programme fortan auch eine dänische Übersetzung bei-
gegeben werden sollte, während zugleich der Exaraenstermin auf den Schluß
des Juni's verlegt wurde, ersteres eine Bestimmung, welche unterm 7. December
1847 neuerdings eingeschärft'"'), unterm 24. Juli 1849 aber auf Antrag der
Stiftsobrigkeit dahin modificiert wurde '*), daß die dänische Übersetzung in
Zukunft nur noch für den Rechenschaftsbericht festgehalten, für den wissen-
schaftlichen Theil der Programme dagegen nicht mehr gefordert werden solle.
Das definitive Schulregulativ vom 30. Juli 1850 fordert in seinem §. 9, Nr. 1
ein Programm der bisherigen Art, und läßt somit Alles bei den bisherigen
Bestimmungen '^) ; neuere Bestimmungen aber sind meines Wissens über den
Gegenstand überhaupt nicht mehr ergangen.
Nach diesen einleitenden Bemerkungen lasse ich ein Verzeichniss der
Programme folgen, welche die Lateinschule Islands herausgegeben hat. Da gar
manche von diesen hohen wissenschaftlichen Werth beanspruchen können, anderer-
seits aber deren Existenz und Inhalt nur Wenigen bekannt sein dürfte, trotz-
dem daß mit den gelehrten Schulen Schleswig-Holsteins nicht nur, sondern auch
Preussens bereits seit dem Jahre 1843 ein Programmaustausch eing.eleitet
wurde '^), mag eine solche Zusammenstellung für manchen Leser der Germania
nicht ohne luterese sein, und erlaube ich mir an deren Schluß noch auf die-
jenigen Abhandlungen besonders aufmerksam zu machen, welchen ich eine mehr
als gewöhnliche Bedeutung beilegen möchte.
'") Ebenda, XI, S. 402, und 710—11. ") Vgl. die Skyrsla um Bessa-
stada-skola, fyrir sköla-ärid, 1840-41, S. 10. •^) Lovsamling for Island,
Xni, S. 440. •*) Ebenda, S. 774. '*) Ebenda, XIV, S. 325. '^) Ang. O.,
S. 521. "') Vgl. die Erlasse der Schuldirection vom 11. Juli und 9. December 18-13,
dann vom 7. December 1847, Ang. O., XII, S. 624—25, mid 669—70, dann XIII,
S. 774 — 75; femer das Schreiben des Ministeriums für Kirche und Unterricht vom
28. April 1849, Ebenda, XIV, S. 257.
LITTERATUR. 445
1828. Solemnia scholastica ad celebrandum Uiem 28. Januurli 1828 regi nostro
augustissimo Frederico Sexto natalem habenda die 3. Februarii 1828 hocce
libello indicunt scholaj Bessastadensiis magistri. Regulas (juasdam siraplicio-
res ad computandum motum luna; scripsit: Bjöinus GInnnlaugi filius,
coUega scbolse Bessastadensis. In iiionasterio Videyensi 1828. Typiß ei-
pressit factor et typograpbus G. J. Schagfjord. Sumtibus .schoke Bessa-
stadensis. — 20 pp. in 4'\
1829. Skola-bdti'd i minningu fedi'ugar-ilags vors alh-anadugasta Kouiings Fridrik.s
Sjötta, ])anu 28. da Janüan'i 1829, bodud af Könnurum Bessastada Sköla.
Fyrsta og önnur bok af Homeri Odyssea, ä Islenzku litlügd af Svein-
birui Egils.synI. Videyar Klaustri, 1829. Prentadar af Fakt, og Buk-
]iryckjara Schagfjord, a kostnad Bessastada Skohi. 4 und .36 SS. in 8°.
1830. pridja og Qorda bok af Homeri Odyssea, a Islenzku iitlagdar af Svein-^
birni Egilssyni. 4 und 48 SS. 8» '^).
1831. Hugsvinnsmäl , äsamt })eiiTa Idtinska Frumriti, i'itgeün af Ilallgruui
Sch^vi'ng, Dr. — Prentud af B(jk])ryckjara Helga Helgasyni. — 36 SS.
in 8". ^
1832. Olafs drdpa Tryggvasonar, er Hallfredr orti Vundnudaskäld, i'itg^fin af
Sveinbirni Egilssyni. — 24 SS. in 8".
1833. Brot af Placidus-drapu, ütgefid af Sveinbirni Egilssyni. ~ 68 SS
in 8".
1834. Solemnia scholastica etc. De mcnsiua et delineatione Islaudiaj interioris,
cura societatis litterariai islandica.' bis temporibus facienda scripsit B j ü r-
nus Gunnlaugi filius, collega scholai Bessastadensis. — 40 SS. in 8".
1835. Skola-hati'd, etc. Fimta, sjötta, sjöunda og ättunda b6k af Homeri Odyssea,
& islenzku ütlagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 64 SS. in 8*^.
1836. Töblur yiir Solavinnar syuilega gäng 4 Isl.andi, af Birni Gunnlaugs-
syni. — 16 SS. in 4".
1837. ForspjallslioJ), ütgefin af Hallgrinii Scheving, Dr. — 56 SS. in 8".
1838. Nmnda, tnmda, ellefta og tölfta bok af Homeri Odyssea, 4 islenzku üt-
lagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 80 SS. 8".
1839. })rettanda, fjortdnda, finitända og sextända bök af Homeri Odyssea, a islenzku
ütlagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 76 SS. in 8®.
1840. Seytjanda, ätjdnda, nitjanda og tuttugaata bok af Homeri Odyssea, ä islenzku
ütlagdar af Sveinbirni Egilssyni, Adjunkt. — 80 SS. in 8" "^).
1840. Tuttugasta og fyrsta, tuttugasta og önnur, tuttugasta og jn-idja, tuttugasta
og fjörda buk af IToineri Odyssea, k i'slenzku ütlagdar af Sveinbirni
Egilssyni, Adjunkt. — 72 SS. in 8".
1841. Ski'rsla um Bessastada- Skola fyrir sköla-ärid 184U — 1841. Samin äf
Juni Jonssyni, Lector theologiiL- K. af D. Videyar Klaustri. Prentud
ä kostnad Bessastada sköla, 1841. — 24 SS. in 8° ''-').
") Ich gebe fort;iu von den Formalien des 'J'itels nur nocli ;iii, was .sieli ;ui den-
selben ändert, mit Ausnahme des variierenden Tages, auf welchen die Einladuno- lautet
n. dgl. "*) Die Angabe des Druckers fehlt diesem und den zunächst folgenden Pru-
grammeu; warum auf das Jahr 1840 zwei Programme kommen, erklärt sich aus dem
Eingangs Bemerkten. '^} Von jetzt ab beginnen die Berichte über den Zastand der
ÜKEMAKIA. Neue ßeiUt IV. (XVI.) Jahrf. 3Q
446 LITTEEATUl.
1842. Bodsrit til ad hlusta 4 pk opinberu yfirheyrslu i Bessastada sköla pann
23. — 28. Maji 1842. Videyar Klaustri, Prentad -k ko'stnad Bessastada
sköla. 1842. — Innihald: 1. Njöla, edur audveld skodun hirainsins, med
Jjar af fljötandi hugle'dingum um hatign Guds og alheims äformid, eda
hans tilgäng med heiminn; af Birni Gunnlaugssyni Adj. 2. Skola-
skyrsla af Herra Jöni Jonssyni, Lector Theol. og R. af D. — 104
und 16 SS. in S^.
1843. Islendskir m&Ishsfettir safnadir, utvaldir og i stafrofsröd foerdir af Skola-
kinnara Dr. H. Scbeving. - 60 und 14 SS. in 8** ^O)^
1844. Fjögur grömul kvaedi, ütg. af S. Egilssyui. — 76 und 40 SS. in 8".
1845. Lei'^arvisir til ad jjekkja stjörnur. Fyrri parturinn. Sarainn af B. Gunn-
laugssyni. — 68 und 14 SS. in 8° '^').
1846. Leidamsir til ad Jjckkja stjörnur. Sidari parturinn, saminn af B. Gunn-
laugssyni. — 4 und 100 SS. in 8".
1847. Islenzkir mälshaettir safnadir, utvaldir og i stafröfsröd fserdir af Dr.
H. Scbeving. — 40 und 16 SS. in 8"'^'^).
1848. Edda Snorra Sturlusonar, eda Gylfaginning, Skä.ldskaparmäl og Hättatal.
Utgefin af Sveinbirni Egilssyni, Rector og Dr. Theol. — VIIl und
156 SS. in 8»,
1849. Ritgjördir, tilheyrandi Snorra Edda. — S. 157—252 in 8*'^^;.
1850. In diesem Jahre scheint weder ein Programm noch ein Rechenschafts-
bericht über den Zustand der Schule ausgegeben worden zu sein , in
Folge derselben Unruhen in der Anstalt, welche zur Cassierung dieses
Schuljahres durch Ministerialerlass vom 18. Mai desselben Jahres führten ^^).
1851. Tvö brot af Haustlaung og {lörsdräpa (Se. bis. 59. 61 — 64), fserd til
retts mäls, og ütskyrd med glösum i stafröfsröd, af Dr. theol. rector Svb.
Egilssyni. — 32 und 28 SS. in 8".
1852 — 56 erschienen meines Wissens lediglich vom Rector Bjarni Jonsson redi-
gierte, und bei dem Buchdrucker Einarr Jjördarson in Reykjavik gedi-uckte
Rechenschaftsberichte, ohne irgend welche wissenschaftliche Beigabe ; ich
halte die Angabe ihrer Seitenzahlen für überflüssig, bemerke übrigens,
Schule (Sköla-skyrslur) die Programme zu begleiten ; warum im Jahre 1841 der Bericht
allein ausgieng, ist aus den Eingangsbemerkungen zu entnehmen. ^'') Ich erwähne
fortan der sköla-skyrslur nicht mehr, die übrigens für die Lilterargeschichte der Insel
nicht ohne Werth sind; sie sind bis zum Jahre 1846 einschließlich von Jon Jönsson
verfasst. ^' Als Druckort figuriert von jetzt ab Reykjavik, und als Drucker wird
wieder Helgi Helgason genannt, wie auch im folgenden Jahre. ^*) Von hier ab
sind die sköla-skyrslur von Dr. Sveinbjöm Egilsson verfasst, und zwar bis zum Jahre
1851 einschheßlich. ^') Das Programm von diesem und dem letztvorhergehenden
Jahre liegt mir nicht als solches, sondern nur in der bekannten Separatausgabe vor,
und die Skyrslur beider Jahre fehlen mir völlig; die Seitenangabe bezieht sich somit
auch nur auf jene Ausgabe. Jon })orkelsson schreibt mir, daß jene beiden Programme
überhaupt nicht mehr zu bekommen seien, da Rector Bjarni Jönsson die ganze Auflage
derselben nach Dänemark geschickt hat. *^) Vgl. Miuisterialschreiben vom 25. Sep-
tember 1850 in der Lovsamling, XIV, S. 619, und Jon Ärnason in dem Lebens-
abrisse, welchen er den Rit Sveinbjarnar Egilssonar, Bd. TI, vorangesetzt hat, S. XL
bis XLI.
LITTERATUR. 447
daß sie mehrentheils erst im nächstfolgenden Jahre erschienen/ oder doch
lange nach der Festlichkeit, zu welcher sie einladen sollten. Sie tragen
übrigens auch nur den Titel „Skyrsla um hinn Iserda sköla i Reykjavik"
u. 6. w.
1N57 (1858). Synishorn af ütleggingu af norroi'nu ;'i ensku og frakknesku. (S. 47
bis 55). -- 56 SS. in 8".
1858. Synishorn u. s. w. (S. 47—55.) 56 S. in 8« ''%
1859 (1860) und 1860 Bloße Rechenschaftsberichte.
1861 (1862). Athugascmdir vi(t Islenzka mälmyndalysing eptir Iversen, gjördar
af Jöni })orkeIssyni. (S. 51 — 71.) — 72 SS. in 8**.
1862. Bloßer Rechenschaftsbericht.
1863. Um r og ur i nirtrlagi orda og orclstofna i islenzku, eptir Jou jiorkels-
sou. — 32 und 160 SS. in 8"-*^).
1864. Bloßer Rechenschaftsbericht.
1*^65. Austurför Kyrosar eptir Xenofon. islenzkud af Halldöri Kr. Fridriks-
syni og G-isla Magnüssyni. — 80 und 66 SS. iu 8".
1866. Austurför Kyrosar eptir Xenofon u. s. w. p. 81 — 160.
1867. Von diesem Jahre ist mir nur die Skyrsla zugekommen; da iudeß durch
eine Ministerialentschlicßung vom 30. August 1865"'^) die Genehmigung
ertheilt wurde, die obige Übersetzung der Anabasis in drei Theileu als
Schulprogramm zu veröffentlichen, wird wol der Schluß dieser Übersetzung
dem Rechenschaftsberichte dieses Jahres beigegeben worden sein.
1868. Skyringar k visum i nokkurum islenzkum sögum, samdar af Jöni \> ov-
kelssyni. — 48 und G4 SS. in 8"^®).
1869. Ein bloßer Rechenschaftsbericht, welchem unter dem Titel „Vidbsetir vid
registur yfir bökasafn Reykjavikur Is^rda sköla sidan 1862" ein Nachtrag
zu dem im Jahre 1862 von Jon Arnason herausgegebenen Verzeichnisse
der in der Schulbibhothek entliallenen Bücher beigegeben ist. — 68 und
92 SS.
1870. Skyringar k vi'sum i' Xjäls sögu, samdai af Jöui }» or kel ssy ni. — 52
und 32 SS. in 8 .
So weit 1 eichen bis jetzt die Programme der isländischen Lateinschule.
In den 43 Jahren, welche hier überhaupt in Betracht kommen (1828 — 70),
ist demnach eines zu nennen, in welchem, so viel mir bekannt, überhaupt kein
Programm, weder wissenschaftlichen noch administrativen Inhaltes erschienen
ist (1850;; in 11 Jahren sind, so viel ich v/eiß, nur Rechenschaftsberichte über
den Zustand der Schule, aber keine wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht
worden: 1841, 1852-56, 1859—60, 1862, 1864 und 1869, und in 13 Jahren
umgekehrt nur wissenschaftliche Programme ohne administrativen Inhalt (1828
*^) Beide Übersetzuugspioben voiu Kector Bjarni Jönssou selbst, welcher auch
ilif Keclieuscliaftsberichte verfasst hat vom Jahre 1852 ab bis 1867 einschließlich.
") Der Bericht des Rectors Bjarni enthält, §. 6 — 14, eine meines Eraclitens sehr
unglückliche Vertheidigung gegen Angriffe, welche er wegen des Weglassens des wissen-
schaftlichen Theiles in seinem Programme in isländischen Blättern erfahren hatte.
'') Tidindi um stjöraarmälefni Islands, 11, S. 204. "*) Der Rechenschafts-
bericht für dieses und die folgenden Jahre vom derzeitigen Rector Jens Sigurdsson.
ainem Bnider dc< vielverdienten Arcliivares Jon Sigurdsson in Kopenhagen.
#ß
LITTERATÜR.
bis 1840), darunter in dem letzten Jahre (1840) deren zwei. Von den 32 Pro-
grammen wissenschaftlichen Inhalts, welche sich hiernach entziffern, sind 6 dem
philologischen Gebiete völlig fremd, nämlich Björn Gunnlaugsson's Regeln zur
Berechnung der Bewegung des Mondes (1828), dessen Bericht über die Landes-
vermessung auf Island (1834), dessen Tabellen über den Gang der Sonne auf
Island (1836), dessen naturphilosophisches Gedicht „Njola," d. h. Nacht, wel-
ches bis auf die neuere Zeit herab zu so manchen Streitigkeiten in isländischen
Zeitschriften Veranlassung gegeben hat (1842), endlich dessen Anleitung zur
Sternkunde (1845 und 46). Wenig Interesse bieten ferner dem ausländischen
Leser die 7 Programme, welche Sveinbjörn Egilsson's prosaische Übersetzung
der Odyssee enthalten (1829 — 30, 1835, 38 und 39, sowie aus dem doppelten
Jahre 1840), die isländische Übersetzung der Anabasis von Halldörr Fridriks-
6on und Gi'sli Magnussen (1865 — 67), sowie Bjarui Jonsson's Übersetzungen
einzelner Sagenstücke iu's Englische und Französische (1857 und 58). Um so
interessanter sind dagegen auch für uns die 14 übrigen Programme, von denen
6 den Rector Sveinbjörn Egilsson (f 1852), 4 den Dr. Hallgn'mr Scheving
(t 1861), endlich 4 den Lehrer Jon Jjorkelsson zum Verfasser haben.
Sveinbjörn Egilsson's tüchtige Handausgabe der Snorra-Edda (1848
bis 1849) ist Jedermann bekannt, so daß über sie kein Wort zu verlieren ist.
Seine Ausgabe der Olafsdräpa Tryggvasonar (1832) ist in Munch und Unger's
Oldnorsk Lacsebog reproduciert worden, und in diesem Abdrucke wol auch
ziemlich verbreitet; die Verfasserschaft Hallfred's ist freilich inzwischen bestritten
worden "'•'). Weniger bekannt dürfte seine Ausgabe der fragmentarischen Placidus
drapa sein (1833), dann seine Ausgabe vier anderer geistlicher Lieder, Harm-
sol, Liknarbraut, Heilags anda vi'sur (Bruchstück), und Leidarvisan (1844),
endlich auch seine Ausgabe der Fragmente der j^orsdräpa des Eilifr Gudrünarson
und der Haustlaung des J:)j6d61fr hvinverski (1851), welche freilich Sküli JDorl-
aci'us beide schon vor ihm ediert hatte. Abgesehen von den tüchtig edierten
Texten bieten auch die einleitenden Bemerkungen, dann die Anmerkungen, wo-
mit der Herausgeber dieselben begleitet hat, gar viel des Trefflichen, wie dieses
von dem Verfasser des Lexicon poeticum nicht anders zu erwarten ist, und um
derentwillen werden die einschlägigen Programme auch dann noch ihren Werth
behalten, wenn die betreffenden Texte längst in andere und zugänglichere Aus-
gaben übergegangen sein werden.
Von Dr. Hallgrfmr Scheving sind zunächst ebenfalls zwei Ausgaben
von älteren Gedichten zu erwähnen, nämlich einmal der Hugsvinnsmäl (1831)
d. h. einer isländischen Bearbeitung der Disticha de moribus des Dionysius
Cato, deren Original denn auch der Bearbeitung in der Ausgabe beigegeben
wird, und zweitens der Forspjallsljöd (1837), oder des Hrafnagaldr Odins.
Sophus Bugge hat letzteres Lied in seiner trefflichen Ausgabe der älteren Edda
mit erschöpfender Umsicht ediert, und zugleich in seinem Vorworte, S. XLVI
bis IX, meines Erachtens vollkommen überzeugend dargethan, daß dasselbe
erst im Anfange des 17. Jahrhunderts gedichtet sein könne; immerhin be-
haupten aber Dr. Scheving's Ausführungen in seinem Vorworte, zumal S. 9
und fgg., dann in seinen Anmerkungen auch jetzt noch ihren hohen Werth
^') Von Gudbr au dr Vigfüss ou, in deu Fonisögm*, S. XIII; aber aufh
Möhius setÄt suhon iu steinern Catalogus, S. 135, ein Fragezeichen.
LtTtEEÄtUif. 449
Weiterhin verdanken wir aber demselben erfahrenen Kenner und treuen Freuüde
aller volksthütnlichen Züge im Leben seiner Landsleute zwei sehr schätzbare
Sammlungen isländischer Sprichwörter (1843 und 47). welche eine willkommene
Ergänzung des älteren, von Gudmundr Jöusson veranstalteten und vom Bök-
menta-f61ag herausgegebenen ,,Safn af isleuzkum ordskvidum, fornma?lum" etc.
(1830) bilden.
Endlich von Jon f)orkelsson, dem noch in rüstigster Manneskraft
wirkenden Lehrer und Schriftsteller, bringen die Programme zunächst eine
Kritik über C. Iversen's, im Jahre 1861 zu Hadersleben erschienene „Kort-
fattet islandsk Formlajre for de forste Begjndere" (1861), welche sich zwar
nur auf eine Reihe ganz vereinzelter Punkte einläßt, diese aber auf eminent
solide Weise, nämlich durch Vorführung sehr reichhaltiger Belegstellen für die
einzelnen in Frage stehenden Wortformen zu erledigen weiß. In ähnlich gründ-
licher Weise wird in einer zweiten Abhandlung die Endung -r und -ur be-
handelt (1863); eine dritte aber gibt Auslegungen einer Reihe schwieriger
Verse in verschiedenen Sagen (1868), nämlich aus der Holmverja s., Gunn-
laugs s. ormstungu, Heictarviga s. und Landndma, und eine vierte: Auslegungen
schwieriger Verse aus der Njäla (1870), Auslegungen, welche nicht nur das
Verständniss der betreffenden einzelnen Strophen berichtigen, sondern auch die
Lexicographie der älteren isländischen Dichtersprache mehrfach bereichern
dürften.
Ich kann nicht von dem Gegenstande, den ich hier besprochen, scheiden,
ohne einem Wunsche Ausdruck zu geben, den ich in Bezug auf denselben auf
dem Herzen habe. Allerwärts pflegen Schulprogramme mehr als andere littera-
rische Producte der Aufmerksamkeit selbst der Männer vom Fache sich zu
entziehen ; allerwärts sind solche einem rascheren Untergange durch die Un-
achtsamkeit derjenigen ausgesetzt, denen der Zufall ihrer äußeren Stellung sie
im ersten Augenblicke in die Hand spielt. Die Entlegenheit des Landes, die
geringe Zahl seiner Bewohner sowol als der Ausländer, welche für deren Sprache
ernsteres Interesse zeigen, die höchst mangelhafte Beschaffenheit endlich der
buchhändierischen Verbindungen mit der Insel stellen die Programme einer
isländischen Schule in beiden Richtungen noch ganz besonders ungünstig.
Möchte es den Leitern der Lateinschule zu Reykjavik gefallen, für eine band-
weise Ausgabe der erheblicheren wissenschaftlichen Programme dieser Anstalt
je nach Verlauf einer längeren Reihe von Jahren Sorge zu tragen, und diese
dadurch auch auswärtigen Freunden der isländischen Litteratur leichter zu-
gänglich zu machen; das Ausland würde von solcher Einrichtung vielfachen
Vortheil, die eigene Heimat aber Ehre und Anerkennung in weiterem Umkreise
haben!
MÜNCHEN, den 26. Mai 1870. KONRAD MAURER.
ZenO, oder die Legende von den heiligen drei Königen. Ancelraus vom Leiden
Christi. Nach Handschriften herausgegeben von August Lübben. Bremen
1869. 8.
Eine neue Ausgabe des Zeno haben wir mit großer Freude begrüßt. Nicht
nur sprachlich gehört der Zeno zu den interessantesten niederdeutschen Dich»
45(J LITTERATUR.
tungen, — aucli stofflich, sollte man meinen, müsste die Legende von den
heiligen drei Königen des Anziehenden und Wissenswerthen genug bieten. Zu
unserm Bedauern aber hat sich der Herausgeber des Zeno der einen Hälfte
seiner Aufgabe völlig entschlagen: er hat darauf verzichtet, „das Gedicht nach
seinem historischen, resp. sagenhaften Inhalte zu untersuchen." Damit hat aber
der Herausg. gegen ein sehr löbliches Herkommen Verstössen; ja noch mehr:
wir fürchten keinem Widerspruch zu begegnen, wenn wir es für die unabweis-
liche Pflicht eines Herausg. betrachten, ein Gedicht historischen oder sagen-
haften Inhalts auch nach eben dieser Seite hin zu erläutern und sich nicht
auf die „engsten Grenzen philologischer Thätigkeit" zu beschränken. Am
Wenigsten aber sollte man sich durch einen Mangel an Zeit bestimmen lassen !
Sonst hat im Übrigen der Herausg. den philologischen Theil seiner Ein-
leitung sehr eingehend behandelt. Ihm lagen bei seiner Bearbeitung vier Hss.
vor, zwei niederdeutsche und zwei hochdeutsche, welche unter sich in keiner
Abhängigkeit stehen und ziemlich selbständige Eedactionen bieten ; es war also
bei der Frage , welche Hs. der Edition zu Grunde zu legen sei , zunächst zu
untersuchen, ob da» Original ursprünglich niederdeutsch oder hochdeutsch ab-
gefasst war. Das Resultat dieser sehr sorgfältigen Untersuchung ist, daß, so
sehr auch „der ganze Habitus so zu sagen des Gedichtes niederdeutsch ist,"
doch ein Schwanken der Formen nicht verk.annt werden kann, eine Ei-scheinung,
die sich nach der Meinung des Herausg. daraus erklärt, „daß eine ältere Hand-
schrift, die auf der Gi'enzscheide beider Dialecte mit überwiegender Hinneigung
zum Niederdeutschen, etwa am Niederrhein, geschrieben ist, allen diesen vier
Handschriften zu Grunde gelegen hat." Dieser Auffassung können wir uns nur
anschließen. Auf solche niederrheinische Vorlage weisen zunächst sprachlich,
dann auch sachlich alle Merkmale hin , und wo dürfen wir denn auch unsere
Vorlage anders suchen als im heiligen Köln? Was war natürlicher, als daß ein
so bedeutendes Ereigniss, wie es die Transferierung der heiligen drei Könige
für Köln war, alsbald seinen Sänger fand, wobei dann die Legende von Zeno
den natürlichen Ausgangspunkt bot. Mit diesem Ereigniss (1160) wäre dann
auch die Abfassungszeit der ältesten deutschen Bearbeitung des Zeno ziemlich
scharf bestimmt.
Was die Ausgabe selbst betrifft, so wollen wir zunächst anerkennen, daß
die Herstellung des Textes im Ganzen und Großen gelungen erscheint: offen-
bare Fehler sind verbessert, manche verdorbene Lesung ist wiederhergestellt
und der Text von mancherlei Schreiberzuthat gereinigt. Im Einzelnen aber
können wir uns mit der Art zu edieren, wie sie Hr. L. befolgt, nicht ein-
verstanden erklären. Hr. L. hat seiner Ausgabe die hannoverische Hs. H zu
Grunde gelegt, „aber ohne ihr damit die erste Autorität einzuräumen." Da-
gegen kann man natürlich nichts haben, obwol wir für die Wolfenbütteler Hs.
(W) mehr Sympathien haben ; selbstverständlich musste bei fehlerhafter Lesung
auf W zurückgegangen und manche Lücke in H aus W ergänzt werden; auch
daß den Dresdener (D) und Zeitzcr (Z) Hss., obwol diese schon viel ferner lie-
gen, ab und zu ein Einfluß auf die Gestaltung des Textes eingeräumt wurde,
ist natürlich. Aber es musste doch die Hs. H, wenn einmal gewählt, die Grund-
lage bilden, von der nur da abzuweichen war, wo ein zwingender Grund ver-
jag; die Hs. H mit aller ihrer Eigenthümlichkeit , nur gereinigt, musste zum
Abdruck gebracht werden, und alle Abweichungen in Schrift und Lesung ge»
LITTERATUR. 451
hörten in die Varianten, welche, wenn sie recht vollständig gegeben werden,
einen ,, synoptischen" Abdruck der verschiedenen Texte überflüssig machen,
Die Richtigkeit dieses Verfahrens scheint auch Hr. L. im Princip anzuerkennen,
nur gestaltet sich bei ihm die Sache in praxi erheblich anders. Gleich die
ersten Zeilen des Gedichtes mögen als Probe dienen. Es lauten dort die
Anfangsverse in der Lesung von H folgendermaßen: De dat gerne vornemen, j
Wo dat de hilligen dre koninge to lande quemen, | De schullen dat toeten vorwär etc.
In diesen Versen liegt absolut nichts, was einen Herausg. nöthigte, an seiner
Vorlage zu ändern. Dennoch kann Hr. L., der sich „Änderungen im Text nur
sehr sparsam erlaubt" und der Verlockung, „das metrische Gefüge besser zu
gestalten,'' aus dem Wege gegangen ist, diese Verse unmöglich passieren lassen,
sondern schreibt so : We dat gerne ivolde vornemen, | Wo de hilgen dre konin'je to
lande quemen, \ De schal dat weten vorivär etc., — wobei nichts gewonnen, wol
aber durch das gestrichene dat eine sehr charakteristische Wendung verloren
und durch das geänderte de und eingeschobene wolde der Reim verschlechtert
wird, indem das bessere vornemen (: quSmen) einem vornemen weichen muß.
V. 59 liest H: unde schnede also ein kint düt. Was hat es für einen
Zweck, fragen wir, schrlede zu streichen und wenede zu setzen? Etwa bloß,
weil wenede noch ein paar Male vorkommt? Was die Änderung düt in döt
anlangt, so läßt sich auch hier kein genügender Grund beibringen, da es eine
entschiedene Eigenthümlichkeit der Hs. H ist, .sich der Formen müt (505. 661),
vürde (547), grüt (1392), bedrüvet (101. 661) etc. zu bedienen. Ist doch die
Schreibung gut die allgemein herrschende geworden.
V. 162 heißt es in H: vil schere se to der dore quam. W^as in aller Welt
kann den Herausg. veranlassen, dafür wo dräde zu setzen? Ist denn schere ein
anrüchiges Wort? Fast möchte es so scheinen, denn v. 263 ist abermals in H
die Lesung lil schere getilgt und dräde in den Text gesetzt.
V. 187. Warum ist die Lesung he wart to male vrn in H unzulässig?
Hr. L. ändert in ran herten vro.
V. 248. We willen (oder meinethalb en willen) des nicht Pden ist ein tadel-
loser Vers; dadurch, daß Hr. L. eigenmächtijr nicht mir liden liest — wozu
keine Hs. einen Anlaß bot — ist der Vers metrisch verdorben.
V. 272 bietet einen ganz analogen Fall. Die Lesung in H ist fehlerlos:
Ik en wil drinken noch eten, Ik ivil de wärheit weten. Hr. L. aber glaubt aus
einer — ohnehin lückenhaften — Hs. ein des und aus einer andern ein erst
zusammenstoppeln zu müssen, und liest nun: ik loil des erst de wärheit weten,
W^elcher Vers besser ist, überlassen wir dem Leser zur Beurtheilung.
V. 289. Zeno wird vom Bischof benachrichtigt, daß draußen für ihn ein
hochwichtiger Brief liege. H schreibt hier: Dö wart Zeno crö shi möt ^ Und tö
lopende he sik hnf: \ He häkle den bref etc. Diese Lesung muß Hr. L. wol für
ganz unmöglich halten, denn er componiert sich eine andere mit Hülfe der
Hs. D: unde im ivandelte wedlr sin blüt, und liest nun v. 29'": unde kpende
sin llöt. Wie stimmt das zu den „nur höclist sparsam" erlaubten Änderungen
im Text p. XVI? Sollte Hr. L. etwa Ans oß nehmen an der Assonanz möt :
höf, so wüiden wir ihn auf p. XV seiner Einleitung hinweist n.
V. 324. H hat: und hören sik hen mit yrotem schalle. Hr. L. setzt dafür:
unde gingen hen e^^c. Wo hier eine Nöthigung zu ändern liegt, ist scL. r zu
sehen ; so viel aber scheint gewiß, daß Hrn. L's Verbesserung recht "^ ftlos ist.
452 LTTTERATUK.
V. 413. Se (jink hiden de stat up den graven ist unseres Eraclitens eine
durchaus verständliche Lesung, die einer Änderung se gink Cd dem dore up d. g.
ganz und gar nicht bedürftig ist.
V. 504. Ebenso scheint uns der Vers: dat gl den lof vnd ere hdn so völlig
richtig, daß eine förmliche Manie dazu gehört, hier zu ändern: dat gr des schullen
ere hän.
V. 979. H lautet: Dat ivas mt ungelucl;e rorwur^\Dat !k dat wort sprak
opcnhar. Wir finden au diesen Versen nichts auszusetzen, denn eine kleine metrische
Unebenheit lernt man im Niederdeutschen übersehen. Weshalb daher Hr. L.
so bedeutend ändert, bleibt unklar, zumal da er keine Hs. anführt, mit der er
seine sog. Emendation stützen könnte. Hr. L. liest nämlich: It v:as mi ein
ynluckich dach, \ Dat ik dat vnrt jü sprak ^ ein Vers, der übrigens metrisch
gleichfalls nicht Stich hält.
V. 1163. D6 dat te.ken dar schacl, \ Jegen den trnn he upwart sach heißt
es in H. Hr. L. schreibt: Do he dnsfiC fekene sach, | Jegen .... upinert sprak. Es
ist nur von Einern Zeichen die Rede, eine Änderung also gar nicht geboten.
Upwart entspricht durchaus der mundartlichen Färbung der Hs. H, welche
a vor r besonders liebt — s. z. B. market v. 17. arfgut v. 517. 532 — und
deshalb besser beibehalten wird.
V. 1181. Do de hischop dat vornam,\Dat her Zeno fö lande quam etc.
ist die Lesung in H. Wir fordern Jeden auf, uns zu sagen, weshalb der Hs.
nicht gefolgt werden soll. Augenscheinlich ist es nur das bon plaisir des Hrn. L.,
wenn er eine totale Änderung vornimmt, nämlich: Do dem bischoppc de bode
quam, | Den drom he dö to herten nam etc., eine Änderung, die, bei dem völligen
Schweigen der Varianten, gar nicht einmal auf Hss. gestützt erscheint. In dem
nun folgenden Verse ist, beiläufig bemerkt, das einfache bot der Hss. in enbot
geändert und die Reihenfolge der moniken und kanoniken vertauscht, — man
möchte glauben aus Spielerei, denn ein Grund ist nicht ersichtlich.
V. 1236. Alle de hilligen de in dem himmel sint liest H und AI de hilgen
de mit godde sint liest W. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Hs. H
zu folgen ist, da sie zu Grunde liegt und in keiner Weise verdächtig ist;
völlig unberechtigt ist daher die Aufnahme der Lesung W. Nahezu komisch
wirkt die Pietät des Herausg. , der alle de hilligen (H) beibehält, — W hat
al de hilgev, — sonst aber den Vers mir nichts dir nichts ändert. Hr. L. war
doch V. 2 nicht so schüchtern, sondern schrieb ruhig hilgen gegen handschrift-
liches hilligen'i Und wie gewissenhaft Hr. L. darauf bedacht ist, in dem Text,
den er willkürlich ändert, keinen Verstoß gegen die Mundart der Hs. zu machen !
Er schiebt aus W die Worte de mit godde ein und verstümmelt die Hs. H,
aber er trägt doch Sorge, daß die Form godde modificiert wird, weil H gewöhn-
lich gode schreibt! Doch wir kommen auf die Mundarten zurück.
V. 1393. Was für ein Grund liegt vor, die Lesung H: edd Jiere in
eddele keiser (W) zu verwandeln?
V. 1481 fi". Diese Stelle ist besonders charakteristisch für das Verfahren
des Hrn. L. In H lauten diese Verse: Ik dö di dtlhaft \ Miner geistliken kraft: |
De vmlt dede ml is gegeven | De wUe dat ik mach leven. Der Bischof von Köln
nimmt also den Kaiser in die geistliche Brüderschaft auf, wozu er die Gewalt
hat. Die Stelle scheint ganz klar und zweifelsohne. Hr. L. aber fühlt sich
beunruhigt dadurch, daß die Auturität des Papstes nicht genügend gewahrt ist;
LITTEKATUR. 453
er schreibt schlankweg: de, mi de päwea lieft gegeven, ohne ehie handschriftliche
Lesung für seine Emendatiou beizubringen! —
Wen unser Verzeichnis etwas lang dünkt, der nehme die Versicherung,
daß wir dasselbe mit Leichtigkeit verdoppeln und verdreifachen könnten, nament-
lich wenn wir auch die zahlreichen Stelleu einer Besprechung unterwerfen wür-
den, wo bloß ein Wort geändert ist, wo z. B. fruntliken für vroliken (218),
heren für grcven (237), unde für he (360), bagine für siister (420) gesetzt ist,
wo lachen in scräken (442), bringen in nemen (464), walt in macht (1295),
vorstä in vornim (1362) etc. verändert ist, ohne daß ein vernünftiger Grund
vorliegt. Eines aber müssen wir noch berühren, weil wir besonderen Werth
darauf legen: wir meinen die Stellung, die Hr. L. in seiner Ausgabe den mund-
artlichen Formen gegenüber einnimmt.
Wer überhaupt die niederdeutschen Mundarten etwas näher betrachtet,
der muß wahrnehmen, daß das Gesammtgebiet niederdeutscher Zunge viel mannig-
faltiger schattiert ist als man zu glauben pflegt. Wir sprechen hier nicht von
den ganz groben und in die Ohren fallenden mundartlichen Unterschieden,
wie z. B. tk und ik u. dgl. ; aber es gibt doch auch sehr subtile Unterschei-
dungen, deren sich nicht Jeder bewusst wiid, ohne daß man ihm daraus einen
Vorwurf machen könnte. Wir würden es z. B. für leichtfertig halten , Jeman-
dem die Kenntnis des mecklenburgischen Dialectes absprechen zu wollen, bloß
weil er den dat. pl. cn und ene promiscue gebraucht hätte, — und doch hat
Nerger in seiner trefflichen Grammatik des meckl. Dialectes dargethan, daß
die Form ene in der mecklenburgischen Mundart unzulässig ist (§. 1 4.5), wäh-
rend in dem engbenachbarten Hamburg beide Formen sich finden. (S. Van d.
holte des hill. Cruzes meiner Ausg. im Wörterbuch s. v. he.) Die nieder-
deutschen Mundarten bedürfen noch sehr detaillierter Forschung, bis wir zur
klaren Unterscheidung ihrer Gebifete gelangen: an seinem Theile dazu mitzu-
wirken, sollte jeder Herausg. als seine Pflicht betrachten. Dazu gehört aber
vor allen Dingen nicht ein Verwischen und Gleichmachen mundartlicher Unter-
schiede : im Gegentheil hat der Herausg. der Mundart in allen ihren Schattie-
rungen und Nuancen nachzugehen. Nur durch engstes Anschmiegen an die
Vorlage wird es möglich, nach und nach das Gebiet eines Lautes, einer Form
fest zu bestimmen.
Wir würden hierüber gar kein Wort yerlieren, wenn nicht Hr. L. in
seiner Ausgabe anders zur Sache stünde. Wir haben schon oben Gelegenheit
gehabt, einer besondern Vorliebe der Hs. für die Form ü statt ö zu gedenken,
und wir stehen nicht an, hierin eine durchaus berechtigte Eigenthüralichkeit zu
erblicken. Auch die Schreibung itpwart für upioert ist bereits erwähnt. Ebenso
verhält es sich mit einer Menge von andern Lauten. Die Hs. H liebt ei = t
(z. B. heit 13, heilt 200, reit 1527, weit 1578 etc.) — doch gewiß nicht
ganz ohne Grund, sondern weil die Aussprache des e im Sprachgebiet der
Hs. H eine breitere war; ist es nicht von Interesse, einer reineren Aussprache
gegenüber das zu constatieren? H schreibt mit besonderer Vorliebe a für o
(z. B. apenhäre 335, luven : daven 435, aver 500, have : lave 517, laren
828, namen 1539 etc.) — abermals ein deutlicher Beweis, daß da, wo H
geschrieben wurde, die Sprache dem a zuneigte, während W durchweg o schreibt.
In der mecklenburgischen Mundart beginnt dieses Überwiegen des a über an-
iäugliches o mit dem 15. Jb. (Nerger §. 28), — waon begann es links der
454 LITTERATUE.
Elbe? Oder war diese Aussprache dem Dialect von je eigenthümlicb ? Keines-
falls, so will uns scheinen, dürfen wir der Hs. die Lesung o aufzwingen.
Ein anderes Beispiel. H schreibt stemme (161): Hr. L. corrigiert nach
W sfempne und läßt auch diese Lesung stehen, nachdem ihm doch durch den
Reim stemme : grimme (561) der Beweis geliefert ist, daß H richtig stemme liest.
Somit haben wir also einen Mischmasch verschiedener Lesungen, die kein Mensch
für etwas Gutes halten wird. Weiter: die Hs. H weist durch die überwiegend
gebrauchte Schreibung unt im Präfix auf eine andere Gegend als W , — was
berechtigt uns, diese Form zu Gunsten von ent zu opfern? Beide Hss. H und
W halten u. a. fast durchgehends an der Schreibung sc fest (z. B. scöne 15,
we^kerinne 158, eskeden 758 etc.) — warum also die freilich etwas glattere
Schreibung seh durchführen, wenn sich beide Hss. weigern und die offenbar
ältere Form verloren geht? Warum die Formen mi dl jü allein gelten lassen,
wenn doch einmal nachgewiesenermaßen die Hs. mik (101. 154. 224), dik (287.
352. 439), fjik- (1136) braucht? Über das leidige Zuschneiden nach der
Schablone! Und doch möchte das noch hingehen, wenn nur wenigstens Methode
drin wäre! Wenn Hr. L. durch den Reim genöthigt war. Formen wie mik und
dik aufzunehmen, so ist es thöricht, dieselben, da wo kein Reim steht, zu tilgen.
Wollte Hr. L. die Form om durchführen, wie er in der That v. 1259 em (H)
in om ändert, so durfte er auch v. 116 em nicht stehen lassen. Ebenso wenig
durfte die Form desse (560. 1356) stehen bleiben, wenn es des Herausg. Absicht
war, was ja aus den andern Änderungen von desse in dusse (v. 6. 123. 757
u. öfter) hervorzugehen scheint, die Lesung dusse durchzuführen, freilich zum
Schaden der Hs. und zum Nutzen keines Menschen. Noch weiter: H kennt in
3. sg. praet. nur die Form heyunde. Diese Form bevorzugt auch W, doch
findet sich dort auch zweimal die Lesung heyan (1209. 1605) und Hr. L. hat
nichts eiligeres zu thun, als die beiden hegan aus W in seinen Text zu setzen,
vermuthlich weil er fürchtete, seine Leser könnten am Ende vergessen, daß
man auch manchmal hegan sagt. Ganz derselbe Fall ist es mit der 3. sg. praet.
künde, welche in H immer künde, in W immer konde lautet, wie Hr. L. selbst
in deip Varianten zu v. 86 angibt. Mit dieser Angabe wäre füglich die Sache
zu Ende; indeß scheint es Hrn. L. doch leid zu sein um die arme Form konde,
und so setzt er sie doch noch zu guter Letzt in den Text und zwar im Reime
konde : heyunde (v. 1301)! Ähnlich ist es endlich mit dem Gebrauch der Formen
fink und fenk, hink und henk etc. Beide Formen kommen in H wie in W, und
zwar ungefähr gleich oft vor, — natürlich hatte der Herausg. der Lesung zu
folgen und die Varianten in W anzugeben. Statt dessen hat sich Hr. L. bei
dem Bewußtsein beruhigt, daß beide Formen gebräuchlich seien, und setzt fink
und fenk etc. darauf los, wie es ihm in die Feder kommt. Sachlich mag das
ja in diesem Falle einerlei sein ; für einen Editor aber ist es immerhin eine
sonderbare Praxis.
Einige Worte müssen wir noch über die Längenbezeichnung des Hrn. L.
sagen. Er stützt sich hier wie bei seinen früheren Ausgaben mit seiner Methode
auf die Autorität von Jacob Grimm, Grammatik l'*, 251 f. Daß J. Grimm in
diesem Falle einem Irrthum unterlag, darüber möge man Nerger a. a. 0. §. 33
nachsehen. Zugegeben aber auch, Hr. L. wäre im Princip im Rechte, so müssen
wir doch verschiedene Verstösse gegen eben dieses Princip constatieren: es ist
iw lesen ok (47 u. oft), moste (64 u. oft), Mr (94 u. c), mer (96 u. c), erst
LITTERATUE. 455
(397 u. 0.), gutlik (313, vielleicht nur ein Druckfehler), gunde : stände (723),
most (804), süf : tut (1048), Mlden (1084), vel (1230).
SchlieLUich beiläufig und in aller Bescheidenheit ein paar Anderungs-
vorschläge.
V. 63 heißt es vom Teufel in Kindesgestalt: He soch so sere ut m'en
hntsten | Dat men se (d. h. der Frau) lauen moste. Mir scheint die Lesart luteti
hesser: man musste die Frau lassen, weil sie beim Säugen Schaden nahm; die
Fortsetzung stimmt dazu: Se wunnev mennir/e vrowen edder vyif\De alle vor-
loren ore Vif.
V. 212 scheint mir im Ausdruck etwas ungeschickt: ivent he de swarten
kinist bcschrrf. De sir. k. heschr'wen ist hart; wie wäre es mit der Lesung
hedr^ff
V. 751 (H) redet davon, daß der Teufel in des Königs Tochter gefahren
ist, und fährt fort: Is de konink sus nd bi Jiulden,\So wart mi mm arf tvol
gülden. Hr. L. liest nach dem Vorgang von D und Z: Is he dem k. so nä bi h.
und erklärt: Steht er, der Teufel, so hoch in des Königs Gunst. Es scheint
durchaus geboten , he (der Teufel) in se (die Tochter) zu ändern ; es würde
dann heißen: Ist sie dem König so viel werth, so kann ich mir durch die
Heilung etwas Tüchtiges verdienen.
V. 1348. H schreibt: Unde hüt dem bröder tnen vroliken dn. Die Varianten
bieten keine bessere Lesung. Wir schlagen vor: unde hat den hroder vrolit sm.
Metrisch ist diese Lesung sicher besser; auch im Ausdruck scheint sie uns
fließender. —
Dem Zeno beigegeben erscheint hier noch ein Gedicht, welches mit dem
Zeno in keinem Zusammenhange steht und nur in besonderer Veranlassung
gelegentlich mit abgedruckt ist, nämlich das aus Schade's Geistlichen Gedichten
vom Niederrhein (Hannover 1854) bekannte Anselmus hoich, in niederdeutscher
Fassung. Dasselbe beansprucht in sofern ein besonderes Interesse, als hier der
Nachweis geliefert ist, daß unser niederdeutsches Gedicht nicht etwa aus dem
Niederrheinischen übertragen ist: vielmehr liegt hier das Origin.al vor und das
niederrheinische Gedicht erweist sich als Copie. So mögen also die beiden Mund-
arten in Betreff der Originalität der Dichtungen Zeno und Anselmus abrechnen.
Was nun das Gedicht anlaugt, so macht dasselbe einen überaus wohlthuenden
Eindruck; die Erzählung ist, die etwas monotonen Zwischenfragen abgerechnet,
durchaus würdig gehalten, ja stellenweise nicht ohne poetische Weihe, dabei
von großem Fluß der Diction. Auch der Schreiber verdient alles Lob: die
Überlieferung ist nahezu musterhaft. Hr. L. hat keine Ausgabe des Gedichtes
veranstalten wollen, sondern nur einen Abdruck beabsichtigt, — zu unserer
Befriedigung: so weiß man doch, woran man mit seinem Texte ist.
Was Hr. L. dem Abdrucke hinzugefügt hat, ist nur wenig: Berichtigungen
und Worterklärungen, die ganz an ihrem Platze sind. Nur Eines sei bemerkt:
p. 145 steht zu v. 525: Lies 07ie. Diese Besserung von one statt ome scheint
uns so durchaus unzulässig, ja so ganz unmöglicli, daß wir ohne Weiteres einen
übersehenen Di uckfehler annehmen.
RUDOLSTADT. KARL SCHRÖDER.
456 LITTERATUR.
Regel. Karl, Die Ruhlaer Mundart dargestellt. Weimar, Böhlau 1868. VIII,
314 S. 8".
Bücher wie das vorliegende veralten nicht, darum wird eine Anzeige und
Beurtheilung, die sich nicht unmittelbar an die Zeit seines Erscheinens knüpft,
immer noch eine gute Stelle finden können.
Schon längst ist es bekannt, daß Herr Professor Regel in Gotha an einem
thüringischen Idiotikon arbeitet. Daß ein solches Werk nur langsam reifen
kann, weiß jeder Einsichtige, und dennoch wird mancher mit einer gewissen
Ungeduld die endliche Ausführung jenes Vorhabens ersehnt haben. Denn während
die Erforschung der mitteldeutschen und insbesondere thüringischen Dialecte
recht wacker betrieben wurde, geschah für die der Gegenwart und jüngsten
Vergangenheit verschwindend wenig. Wie eine Mundartforschung nicht ohne
historisch-grammatische Grundlage gedeihen kann, so wird die Erkenntniss der
mundartlich gefärbten Sprache der Vorzeit immer unlebendig bleiben, wenn ihr
die der geschichtlichen Entwickelung und des heutigen Gebrauchs nicht zu
Hülfe kommt. Für einen ganzen Studienkreis also ist Eegefs Unternehmen
geradezu eine Nothwendigkeit.
Werden unsere Wünsche auch noch nicht in allernächster Zeit erfüllt, bo
haben wir in dem vorliegenden Buche über die Ruhlaer Mundart einen Vorläufer
jenes umfassenden Werkes erhalten, den wir freudig willkommen heißen müssen.
Einmal um seiner selbst willen, dann aber auch weil er uns trotz seines mono-
graphischen Charakters ein Bild gibt von der Anlage und der Ausführung des
künftigen gesammten thüringischen Idiotikons, für dessen Vollendung der Ver-
fasser nach seinem eigenen Bekenntnisse in nicht mehr ferner Zeit die nöthige
Kraft und Muße zu finden hofft.
Ursprünglich lag es nicht im Plane Regel's, mit einer Einzelstudie vor
Vollendung und Veröffentlichung des Hauptwerkes hervorzutreten , sondern
Anlaß und Anregung zu seiner vorliegenden Schrift verdankt er dem bekannten
Reiseschriftsteller Alexander Ziegler, welcher ihn für ein früher von ihm in
Angriff genommenes umfassendes Werk über seinen Geburtsort Ruhla zu einem
Beitrag durch eine Abhandlung über die Ruler sprach aufgefordert hatte.
Dieser anfänglich beabsichtigte Beitrag wuchs aber zu einem selbständigen
Buche an und fand erst nach Überwindung manigfacber Hemmnisse seinen Weg
an die Öffentlichkeit. Für uns ist diese Wendung des äußern Schicksals der
Arbeit gewiß erwünscht; denn inmitten eines umfassenden culturgeschichtlichen
und topographischen Werkes hätte diese sprachliche Studie leicht übersehen und
vergessen werden können.
Wenn irgend eine Volksmundart verdient und geeignet ist, monographisch
dargestellt zu werden, so ist es die Rahlaer. Denn sie ist nicht bloß ein be-
sonderes Charakteristicum eines bestimmten Dialects, sondern sie ist a;ich des-
halb so eigenartig, weil sie verschiedene von einander abweichende, wenn auch
vielfach verwandte, Idiome in sich vereinigt. Sie ist wol eine mitteldeutsche
und zwar thüringische Mundart, aber ihr Grundcharakter ist hennebergisch, also
fränkisch, also auch oberdeutsch. Dazu kommt noch eine ganz besondere Eigen-
thümiichkeit. Das Ruhlaische nämlich „bezeugt durch den Sonderbesitz einer
nicht ganz unerheblichen Anzahl von Wörtern slavischer Herkunft, daß ein ur-
sprünglich an diesem Orte vorhanden gewesenes sorbisches Volkselement auch
LITTERATUR. 457
nach langer Überwucherung durch den germanischen Hauptbestand des Stammes
nicht ganz bis auf die letzte Spur hat aufgrezehrt werden können."
Erheischten diese verschiedenen Elemente eine eingehendere und ausge-
dehntere Betrachtung, als sie einer einheitlich organischen Mundart gewidmet
zu werden braucht, so ist die vorliegende Monographie Regel's auch deshalb
etwas umfänglich ausgefallen, weil der Verfasser sich nicht bloß an die Fach-
genossen wandte und durum in seiner Darstellung einer ausführlicheren Aus-
drucksweise anstatt einer lakonischen bedurfte. Gerade darin liegt aber auch
der Hauptreiz des Buches. Obwohl ich das Hauptresultat, welches doch von
wesentlichem Einfluß auf den Umfang sein mußte, im Voraus kannte, wollte
mir doch anfänglich diese Abhandlung über eine einzelne Mundart etwas zu
weit angelegt erscheinen, und diesen Eindruck hat das Buch wohl auch auf
andere gemacht. Als ich aber nicht bloß blätterte und hie und da auch hinein-
sah, sondern an die zusammenhängende Leetüre schritt, habe ich gerade in
der darstellenden Weise des Buches einen besonderen Vorzug finden müssen.
Es thut wohl, wenn die grammatischen Thatsachen auch ihre Ei'klärung finden.
wenn sie in den Zusammenhang mit andern Erscheinungen gestellt werden. Auf
solche Weise hat Regel seine Darstellung belebt und ihre Leetüre zu einer
wirklich genußreichen gemacht.
Dabei ist diese Darstellung auch durchaus wissenschaftlich. Nicht bloß
der heutige Gebrauch wird uns vor Augen geführt, sondern der Verfasser weist
zugleich wo es nöthi^ scheint auf die ältere Sprache zurück. Andererseits
werden die gelehrten Forschungen vielfach citiert, welche den Gebrauch in der
Kuhlaer Mundart bestätigen oder erklären helfen. So hauptsächlich Reinwald's
hennebergisches Idiotikon, Vilmar's Idiotikon von Kurhessen nebst Bech's Nach-
trägen, und die Arbeiten Georg Brücknor's und der Gebrüder Stertzing über die
heunebergische Mundart in Frommanns Zeitschrift. Beispiele sind reichlich ge-
geben, sowohl einzelne Formen und Worte als Redewendungen. Zu ihrer Er-
klärung ist das Schriftdeutsche meist beigesetzt, nur selten begegnet ein Citat,
welches dem unkundigen Leser unverständlich sein wird, weil ihm die Über-
setzung mangelt. Mitunter, habe ich gefunden, ist die Übersetzung zu frei,
indem sie den Sinn wiedergibt, ohne das Wort herüberzunehmen oder zu über-
tragen.
Die Anordnung des reichhaltigen Stoßes ist durchaus angemessen und
dabei übersichtlich. Die vier Capitel des Buches repräsentieren zwei Haupttheile,
einen grammatischen und einen lexicalischeu. Der grammatische behandelt in
drei Capiteln die Laute, die Wortbildung und Wortbiegrung. Das vierte Capitel
„Wortvorrath" handelt zuerst vom volksthümlichen Ausdruck, dann folgt unter
dem lexicalischen Wortschatz die Anführung der niclitgormanisclien, dann der
einheimischen Elemente.
Unter den Lauten bespricht der Verfasser natürlich zuerst die Vucale und
.sagt da im Eingang über den Ruhlaer Vocalismus im Allgemeinen, daß er
einen Reichthum und eine Manigfaltigkeit zeige , welche den Dialeet nicht nur
gegen das cisrentlich Thüringische und Henncbergischc, sondern auch gegen die
nhd. Schriftsprache hinsichtlich der lautlichen Lebendigkeit vielfach in ent-
schiedenen Vortheil setzen; „denn während er auf der einen Seite viele der
alten Laute mit zäher Treue bewahrt hat, sind ihm durch eine Reihe von Um-
gestaltungen zum Theil sehr merkwürdiger Art viele neue Laute zugewachsen,
458 LITTERATUR.
die aber, weil sie meist mit gesetzmäßiger Consequenz eintreten, dem Klang
der Mundart nicht den widrigen Charakter zweckloser Vergröberung oder Ver-
wilderung, sondern den lebensvollen Hauch einer wohlabgestuften originellen
Lautentwickelung Terleihen."
Erst werden „die einfachen Kürzen,"' dann „die einfachen Längen" be-
sprochen. Hier heißt es unter b): „Hinsichtlich des aus uo verengten « steht
die Mundart, sofern nicht auch hier Kürzung oder Ausweichung eingetreten
ist, auf rein mitteld. Stufe, während das eigentlich Thüringische den mhd. Laut
meist in seinem üe durchklingen läßt." So viel ich beobachtet, kommt dieser
Diphthong üe allerdings vor im Thüringischen, aber daneben auch der reine
Vocal ü ohne Nachschlag. Und wenn ein e nach u zu hören ist, so fragt es
sich, welcher Consonant folgt, ob seine Aussprache eine vorhergehende Pause
erfordert oder nicht, — Unter c) werden die „alten Diphthongen," unter d)
die „Steigerung" betrachtet. Die Steigerung des echten ü zu au zeigt sich
auch im Personalpronomen dau im Gegensatz zum Mhd. Aber diese Steigerung
tritt doch wohl nur ein, wenn das Pronomen demonstrativ steht, was kurz liätte
bemerkt werden können, sonst steht die Kürzung de. — Es folgt: e) Brechung,
/) Verdunkelung, g) Ausweichung (ein inhaltreicher Abschnitt), hj Dehnung und
i) Kürzung. Hier unter Kürzung heißt es im Anfang: „Das mhd. oder auch nur
nhd. A, welches vor auslautendem r in oi ausgewichen war, tritt vor rn in
denselben Wörtern zu reinem a gekürzt wieder hervor, und nun folgen Beispiele,
die besser etymologisch auseinander gehalten worden wären. — Unter 6 werden
die Kürzungen des ie respective i in i vorgeführt, nach ihnen auch se gingen,
vu- fingen. Diesen Formen gehen die Nebenformen gengen , /engen zur Seite,
weshalb auf e) 3. (S. 20) verwiesen werden konnte. Diese Beispiele wären
übrigens besser nicht zuletzt, sondern im Anfang zu nennen gewesen, weil sie
einen sprachlichen Vorgang zeigen, der in der nhd. Umgangssprache sanctioniert
ist. Bei der Kürzung des ico respective u in u hätte in gleicher Weise für
die Leser, die nicht die grammatischen Verhältnisse gleich bei der Hand haben,
auf die nhd. Wandlungen von Mutter, Futter als Analogien hingewiesen werden
sollen.
Die übci sichtliche Betrachtung des ruhlaischen Umlauts hat der Verfasser
erst am Schlüsse des Vocalismus gegeben, weil der Umlaut auf den verschieden-
artigen Erscheinungen desselben ruhe und sich nur nach deren vorgängiger Be-
sprechung verständlich darstellen lasse. Unter 1. c) wäre eine Trennung der
Beispiele von Vortheil gewesen, wo der Umlaut Berechtigung hat, wo er auf
Analogie beruht, wo er auf eine Nebenform zurückgeht.
Im Consonautismus werden 1. die Liquidae, 2. die Labiales abgehandelt.
Das Ruhlaische zeigt hier im Widerspruche gegen die thür. Art und überein-
stimmend mit dem Henueb. eine Abneigung gegen b nach Vocal und nach l und r.
Das Beispiel gdl gelb, dessen mhd. Form gel auch angeführt wird, scheint mir
deshalb nicht hierher zu gehören, weil die Form ohne b alt ist, und weil das h
gar nicht organisch ist, sondern erst in jüngerer Zeit aus w nach dem Gesetze
der Lautabstufung verdichtet wurde, aber nur im Nominativ, d. h. im Auslaut,
während das w in der Aussprache trotz der Schrift in den übrigen Casus im Inlaute
verblieben ist. In diesem Falle weicht auch das Ruhlaische nicht vom Thüringi-
schen ab. — Die Form A« haben, im hatt, ihr habt, (jehät, gehabt, stehen aller-
dings etymologisch auf einer Stufe wie drä, traben, gelät, gelabt, allein die
LITTERATUE. 459
Syncope und die Ausstoßung des i-Lautes ist schon so früh vor sich gegangen,
daß hier wohl Alterthümlichkeit anzunehmen ist. Diese Formen von haben hätten
passend im Anfang genannt werden können, um an ihnen als an einem schrift-
gemäßen und zum Theil auch noch heute gültigen Beispiel die andern auf dem-
selben Princip beruhenden Vorkommnisse zu erläutern. — Unter den Gutturalen
wird auch der Verhärtung des j zu q gedacht und als Beispiel r/emiei- -^^ jener
angeführt. Ist dies der einzige Fall? — Unter den Dentalen kommt der Ver-
fasser (S. 77) auf eine ganz besonders interessante Erscheinung: zu sprechen.
Im Ruhlaischen wie in verschiedenen Theilen des hennebergischeu Dialects
heißt es: äü mutt , ihr müPt, ä mvM, er mußte u. s. w. ; laft, laßt, ä Uitt, er
läßt. „Daß hier," sagt Regel, „nicht von einer nd. Lautstufe, sondern lediglich
von Ausstoßung des .9, z vor dem f die Rede sein kann, das beweisen die
ruhl- Grundformen ich müss, mäi müssen, ich lass, mäi lassen, ä liss, er ließ,
sowie der klare Wegfall des z im mhd. Idzen (er läl u. s. w.), und es darf
daher auch g.wiß bei dem höchst merkwürdigen ruhl. Prät. Conj. {ä, litt, er
ließe, me litt, man ließe, mäi, sü litten, wir, sie ließen) nicht an einen Rest
niedprd. Charakters gedacht werden, sondern diese Anomalie kann nur aus
Verirrung des Sprachgefühls im Anschluß an das Präs. ä Uitt, äü latt erklärt
werden." Ebenso deutet Re^el den mhd. Infin. mütten, müssen und das licnneb.
Präs. mrii matte, wir müssen. Bei den Präsens-Formen mit t von lassoi, wird
man schwerlich an niederdeutsches Element denken , sondern Alterthümlichkeit
annehmen; sie wären daher bei dieser Erörterung nicht in einer Reihe mit den
Formen von müssen als Beispiele, sondern nur als Analogien und Beweise an-
zuführen gewesen. Es handelt sich um alle /-Formen von müssen und den
Conjunctiv von lassen. Mir waren aus der hennebergischeu Mundart bis jetzt
nur die Formen von müssen bekannt und ich hielt sie allerdings für Reste des
Niederdeutschen. Wenn Regel's Beweis auch nicht zwingend sein kann, da es
sich um Analogien handelt, so glaube ich doch, daß er diese seltsame Erscheinung
treffend gedeutet und erklärt hat. Anstatt eine Alterthümlichkeit zu sein, ist
nun jede dieser Formen eine Neuerung. Es wäre daher nachzuspüren, wann
sie zuerst auftreten. Dies dürfte aber insofern schwierig sein, als sie in der
Litteratur und in urkundlichen Aufzeichnungen gewiß vermieden worden sind. —
Auch im folgenden Abschnitte (5. b) findet Regel Anlaß, mundartliche Er-
scheinungen etymologisch zu erklären. Die in Thüringen und Henneberg sehr
gebräuchliche Partikel änn in der Bedeutung von : denn, wohl, wird gewöhnlich
aufgefasst, als sei sie = de7in, in welchem das d durch Aphäresis abgefallen
sei: ebenso bei och = doch. (Ich habe mir dieses och immer aus jock erklärt.)
Regel dagegen sieht in änn das ahd. Fragewort eno, enonn, enoni, in och die
mhd. Partikel oht, ot, cht, gibt aber eine Vermischung mit denn und doch zu.
Im Gebiete der Wortbildung (Capitel TI) möchte ich das als besonders
charakteristisch hervorheben, daß im Ruhlaischen das Suffix -chen für die Ver-
kleinerungswörter herrscht wie im Thüring. und Thür-Henneb. und im Gegen-
satze zum Frank. -Henneb. -le.
In der Lehre von der Wortbiegung (Capitel III) wird zuerst das Sub-
stantivum besprochen. Ein überaus interessanter Vorgang in der Ruhlaer Mund-
art ist die Bildung des Dativs in der starken Singular-Declination. Jeder, der
sich mit deutscher Grammatik beschäftiei-t. muß von Regel's Beobachtungen die
in dieser Weise noch niemals gemacht sind, nothwendig Kenntnis» nehmen.
Die Flexion -e hat der Euhlaer Dialect aufgegeben.
460 LITTERATUR.
Hierin stellt sich das Ruhlaische dem Hennebergischen zur Seite, während
das Thüringische, wenn auch nicht durchaus, mit dem Meißnischen an der
vollen Form festzuhalten pflegt. Während in der Schriftsprache und so auch
in vielen Mundarten durch den Abfall des e der Dativ dem Nominativ und
Accusativ gleich wird, sucht das Ruhlaische eine von dieeem Casus prägnant
geschiedene Form zu schaifen, und zwar auf dreierlei Weise: 1. durch Vocal-
kürzung, beziehungsweise Bewahrung der Kürze; 2. durch Vocalkürzung und
Consonantenveränderung; 3. durch Abwerfung des auslautenden Gutturalen ohne
Veränderung des Stammvocals. Was aber von den Gutturalen gilt, ist zum Theil
auch bei den Labialen der Fall, darum wäre vielleicht auf p. 68. 69 zu ver-
weisen gewesen.
In der Flexion des Zeitworts ist ebenfalls eine höchst cigen4;hümliche
Erscheinung hervorzuheben. Der Infinitiv nämlich begegnet in drei Formen:
1. die gewöhnliche ist die ganz endungslose; 2. dieser endungslose Infinitiv
wird ganz regelmäßig durch das alte Präfix ge- zu einer zweiten Form verstärkt
bei den Hülfszeitwörtern können und mögen (z. B. ich Itin mich net laut/ Cif-
gehall, ich kann mich nicht lange aufhalten); 3. die dritte Form ist die auf
-em, -n, und diese dritte Form, welche sich einmal in der Verbindung des In-
finitivs mit zu, sodann nach den Zeitwörtern bleiben und werden, auch nach
sehen und hören findet, ist nach Eegel's sicher zutreffender Ausführung im
ersten Falle der Dativ des Infinitivs (früher auf enne, ene ausgehend), im
zweiten Falle nur scheinbar der Infinitiv, vielmehr ursprünglich das Part. präs.
Sehr anziehend ist von Kegel über den volksthümlichen Ausdruck ge-
handelt. Hier werden uns eine Menge treffender Redensarten , bildlicher und
formelliafter Ausdrucksweisen, Sprichwörter, Wettersprüche und Zeitregeln vor-
geführt. In einer Wendung scheint mir der Sinn zu speciell wiedergegeben zu
sein; ü säk cCn himmel für an duidelsuk {in (er sah den Himmel für einen
Dudelsack an) wird übersetzt: war so betrunken, daß er nichts mehr unterscheiden
konnte. Soweit ich diese Redensart kenne, so wird sie nicht bloß von der
Trunkenheit gesagt, sondern überhaupt von dem Zustande,, in welchem einem,
um wiederum einen volksthümlichen Ausdruck zu gebrauchen, der Kopf brummt.
So heißt's bei Sommer in den Bildern und Klängen aus Rudolstadt von dem
Lehrjungen, der von seiner Meisterin eine Schelle ei'hielt: da hafr aber änne
Schalle von ir kröcht, dajfr 'n Himmel fer änn Dudelsack hätt möcht ansih. —
Bei Anführung der Sprichwörter hätte sich vielleicht die Trennung in reimlose
und gereimte empfohlen. Die Druckeinrichtung wäre hier auch übersichtlicher,
wenn diese Sprüche mit ihren Übersetzungen nicht fortlaufend stünden, sondern
links das Ruhlaische, rechts das Schriftdeutsche seinen Plate fände.
In den Verwünschungsformeln finden sich Reste heidnischen Glaubens;
hieran knüpft der Verfasser eine Besprechung solcher Wörter und Wendungen,
in denen alte mythische Vorstellungen haften geblieben sind. Regel erwähnt
auch den Härscheklds (der heilige Nicolaus und Knecht Ruprecht) und möchte
den ersten dunkeln Theil des sonderbaren Wortes aus einem zweiten ebenfalls
entstellten Namen z. B. Hieronymus erklären. Ich habe harsche in Tllurscheklas
immer für das Adjectiv hfrsch, herisch, Bildung von htr genommen, in der Be-
deutung von heilig = sanct, habe aber freilich dafür keine Analogien zur
Hand, Im Hennebergischen kommt nur daneben vor: Hersche-Rupperich, d. i.
LiTTERATUß. 461
der Knecht Kuprecht (s. Spieß, VolksthümlicLtes aus dem Fränkisch- Henne-
bergischen S. 101 fg.).
Die nichtgermanischen Elemente im lexicalischen Wortschatze der Euhlaer
Mundart bestehen zunächst in einer Anzahl von lateinischen oder französischen
Lehnwörtern, welche nach Regel's Urtheil die ruhl. Mundart wohl zum großen
Theile mehr in Folge der Meßreisen und des ausgebreiteten Gewerbeverkehrs
der Ruhlaer als in Folge des gesteigerten Fremdenbesuches der neuesten Zeit
aufzuweisen hat. „Viel wesentlicher aber für die Beurtheilung der ruhl. Mund-
art ist es, daß in ihr eine Eeihe von ^Vörtern erscheint, welche sich zwanglos
aus dem Slavischen und zwar speciell aus dem Böhmischen erklären , während
sie sich jeder gesunden Etymologie auf germanischem Boden hartnäckig ver-
schließen. Ihre Anzahl ist nicht groß, aber sie sind zum Theil so eigenthümlich
und weisen so deutlich auf lange Einbürgerung in Ruhla hin, daß man sie als
einen unwiderleglichen Beweis für ein hier altbestehendes slavisches Volkaelement
ansehen darf," Auch der Name „Ruhl" oder vielmehr „die Ruhl" läßt sich
ungesueht aus dem Slavischen eiklären (s. S. 157). Die Ruhl ist eigentlich
„das Feld". Der Ortsname findet sich auch noch öfter auf slavischem Boden.
Das Einheimische im lexicalischen Wortschatze dos Ruhlaischen nimmt
den verhältnissmäßig größten Raum in Regel s Buche ein. Die Zusammenstellung
ist alphabetisch , dabei ist trotz des lexicalischen Charakters dieses Theils im
Buche jeder Artikel durch die zahlreich beigebrachten Beispiele, durch die Ver-
weisungen auf ältere oder verwandte Mundarten, durch die Bestimuiung der
hennebergischen oder thüringischen Heimat eines Wortes, durch historische und
culturhistorische Fingerzeige geradezu unterhaltend zu nennen. — Zu hatzen
(S. 162): Bei mir in Meiningen gilt der Batzen 5 Kreuzer, der Halbbatzen
2-2 Kreuzer, was ziemlich so viel ist als G Pfennige, wenn Regel nach Gothaischen
Pfenningen gerechnet hat, aber mehr, wenn man 6 leichte Pfemiige {= 1\ Kreuzer)
oder 6 preußische Pfennige (= \'\ Kreuzer) annimmt. — Zu berzel, birzel
(S. 1(54): ist im Hennebergischen (hier hörzel) nicht der Rücken, sondern nur
das Steißstück der Vögel. Die Beispiele, die Regel anführt, sind als Belege für
die allgemeinere Bedeutung „Rücken" nicht zwingend, berzelstück ist nur über-
tragen: die Rückseite. — Zu döitscher (S. 173): Die Erklärung Kartoffelgebäck
ist wohl zu allgemein. Es kommt im Hennebergischen auch die Zusammensetzung
vor: Kartoffeldätscher \ c^äiscAer geht auch auf die Form ; denn nicht jedes Gebäck
ist dätscher. Eine genauere Erklärung bei Spieß S. 6. — Zu hütz (S. 203).
Die Bedeutung des Wortes =^ große Menge i«t nl'ht allein thüringisch , sondern
auch hennebergisch. — Zu äü^s (S. 209): Der Hutes ist allerdings vorzugsweise
der Kloß von rohen Kartoffeln , aber das Wort bezeichnet auch jeden andern
Kloß, wie auch die Zusammensetzungen Kartoffelhütes und Mahl-(Mehl-)hütes
zeigen. Den Segensspruch «Jott hüte's möchte ich nicht so deuten wie Regel:
Gott lasse uns die schwere Speise wohlbekommen ; denn schwer ist die Speise
nicht, am wenigsten ist es der Kloß von rolien Kartoffeln, der zu den leicht-
verdaulichsten Speisen gehört, sondern der Segensspruch ist ganz allgemein zu
nehmen. Da die Klöße eine häufige und beliebte Speise in jener Gegend sind,
auch vielfach ohne Fleisch oder Braten genossen werden, so konnte sich leicht
ein Segensspruch gerade an diese Kost anheften. — Zu säft (255): Auf S. 3
ist unter den einfachen Kürzen mit a auch das Wort sacht genannt; im Wörter-
ÜERMANIA. Neue Ueihe IV. (X\J.) JaUrg. 31
462 LITTERATUR.
buch ist es nicht mit eingereiht als Artikel. Dieses niederdeutsche Zwillingswort
vom hochdeutschen mnft ist ziemlich weit südwärts schon vorgedrungen auch
in die Mundarten. Über seinen Gebrauch mögen daher die Dialectforscher
Beobachtungen anstellen. Regel führt unter säft =: sanft als Synonym die Bil-
dung Süchtig an, erwähnt aber das einfache Wort sacht nicht ; darnach scheint
es in der Kühl nicht heimisch. — Zu schmorr (S. 263): Das hess.-henneb.
schmwgen , ohne Noth spuren und darben , ist doch auch schriftgemäß , wenn
auch selten. Hier sei nur erinnert an die Stelle in Göthe's Ergo bibamns: „Und
was auch der Filz von dem Leibe sich schmorfjt, so bleibt für den Heitern doch
immer gesorgt." — Zu iväs (S. 284): Ist was im Kuhlaischen nur allgemein:
Tante? Hat sich nicht der bestimmte Begriff „Vaters Schwester" erhalten, und
geht nicht daneben mum her? — An vielen Stellen sind in Eegel's ruhlaischem
Idiotikon schwierige und dunkle Worte zum erstenmale befriedigend erklärt und
aufgehellt. Ich weise in dieser Beziehung auf die lehrreichen Artikel: dribsch
(S. 177), er (S. 181), hMich (S. 207), nach nöden (S. 244), schärz (S. 257).
Der Anhang des Buches bringt Kinderverschen' und andere volksthümliche
Verschen'. Den Schluß bildet Der Riwwerskuchen', ein Gedicht in Ruhlaer Mund-
art von Ludwig Storch, dem bekannten Dichter und Erzähler.
In der Reihe der dialectologischen Monographien steht Regel's Darstellung
der Ruhlaer Mundart mit obenan. Wird sie dem Dialectforscher unentbehrlich
sein, so werden auch alle aus ihr Belehrung schöpfen und sich an ihr erfreuen
können, denen eine tiefere Erkenntniss der deutschen Sprache und des deutschen
Volksthums am Herzen liegt.
JENA, August 1870. REINHOLD BECKSTEIN.
Nachtrag zu S. 317—333.
Zu dem von Svend Grundtvig beigebrachten Belege für den Gebrauch
des Speeres bei einer Hochzeit, welche in Schweden im Jahre 1654 gefeiert
wurde, kann ich nunmehr noch einen weiteren fügen, welchen mir Hr. Dr. Hans
Olof Hildebrand Hildebrand in Stockholm freundlichst nachgewiesen hat.
In Follstrup, Beskrivning om Södermanland (Stockholm, 1837)
S. 79, findet man nämlich folgende Angabe: „Sedan det blef aflagt att gifva
hustrun vapen , brukades länge, i synnerhet bland de förnäma, tili och med i
Carl XI. tid tili ett minne deraf att andra dagen nedlägga en lans prydd med
silkesband, hvilken sedan af nägon af marschalkarne utkastades genom fönstret,
tili et tecken, at inga vapen mellan makar mer behöfdes. Den sista gangen
man vet att detta skett, var da laudshöfding grefve Douglas och grefvinna
Beata Stenbock blefvo gifta i Stockhohn."
Hr. Dr. Hildebrand bemerkt mir dazu, daß Graf Gustav Douglas am
4. August 1680 mit Gräfin Beata Margaretha Stenbock sich verheiratete. Man
sieht, der Vorgang fällt um 26 Jahre später als der von Sv. Grundtvig er-
wähnte, ist diesem aber durchaus gleichartig; der Name des vapnatak wird aber
dabei nicht genannt, und die Deutung, welche dem Gebrauclie gegeben werden
will, mag sie nun richtig oder falsch sein, führt in keiner Weise auf dieses
zurück. Eine weitere Verfolgung gerade der schwedischen Rechtssitte wäre sehr
erwünscht. K. MAÜßEB.
463
BIBLIOGRAPHISCHE ÜBERSICHT
DER
ERSCHEINUNGEN AUF DEM GEBIETE DER GERMANISCHEN
PHILOLOGIE IM JAHRE 1870.
KARL BARTSCH*).
I. Begriff uud Geschichte der germanischen Philologie.
1. Raumer, Rudolf v., Geschichte der germanischen Philologie, vorzugs-
weise in Deutschland, gr. 8. (XIl, 743 S.) München 1870. Oldenbourg. 3 Rthlr.
6 Sgr.
Auch 11. d. Titel: Geschichte der Wissenschaften in Deutschland. Neuere Zeit.
9. Band. — Vgl. Zeitschrift für deutsche phüologie 3, 481—483 (Weinhold); Blätter
für literar. Unterhaltung 1871, Nr. 2G (Riickert); Saturday Review Nr. 807,
2. Haym, R. , die romantische Schule. Ein Beitrag zur Geschichte des
menschlichen Geistes, gr. 8. (XII, 951 S.) Berlin 1870. Gärtner. 4 Rthlr.
Enthält einen Abschnitt über die germanistischen Studien, die von den Roman-
tikern angert'gt wurden, namentlich der Brüder Grimm. Vgl. Literar. Centralbl. 1871,
Nr. 18 ; Theolog. Literaturblatt Nr. 1 ; Zeitschrift für Plülosophie LVIII, 2 (Ulrici) u. s. w.
3. Bouterwek. — Crecelius, W., Karl Wilhelm Bouterwek. Ein
Nekrolog.
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4. Diemer. — Bartsch, K., Joseph Diemer.
Germania 15, 460—462.
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Grimms, gr. 8. (VIII, 299 S.j Leipzig 1870. Teubner. 2% Rthlr.
Vgl. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 376 (Weinhold).
6. HofFmann v. Fallersleben. — Wagner, J. M., Hoffmann von Fallers-
ieben. Nachtrag, gr. 8. (8 S.) Dresden 1870. Schönfeld. 4 Ngr.
Abgedruckt aus Petzhold's N. Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekswissenschaft.
7. Holtrop. — Campbell, J. A. G., Levensbericht van J.W. Holtrop.
In: Levensberichten der afgestorvene medeleden van de Maatschappij der Ned.
Letterkvmde te Leiden. Leiden 1870. 48 S. .
8. Holtzmann. — Thal er, Karl von, Adolf Holtzmann. '
Neue freie Presse 1870, 12. Juli. ,,
9. Professor Holtzmann f.
Allgemeine Zeitung 1870, Beilage 188.
10. Koberstein. — Zacher, J., August Koberstein.
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 507 — 515.
11. August Koberstein.
Allgemeine Zeitung 1870, Beilage 75. ,: ,
12. R(ichter), A., August Koberstein.
Illustrirte Zeitung Nr. 1400.
*) Mit Unterstützung meiner Freunde K. Gislason, Th. Möbius, E. Verwijs,
31*
464 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
13. liebrecht. — The Hterary labours of Dr. Felix Liebrecht. A con-
tribution towards the bibliography of the science of comparative mythology and
folk lore.
Trübner's Americau and Oriental literary record 1870, Nr. 57.
14. Pfeiffer.— Schmidt, Job., Pfeifferfeier in Bettlach 29. Mai 1870.
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15. Schröer, Bettlacher Fest sum Andenken Franz Pfeiffers.
Neue Freie Presse 1870, 7. Juli.
16. Pfeifferfeier in Bettlach.
Blätter für literar. Unterhaltung 1870, Nr. 44.
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18. Schleicher. — Lefmann, Privatdoc. Dr. Salom., August Schleicher.
Skizze, gr. 8. (VIII, 104 S.) Leipzig 1870. Teubner. % Rthlr.
Vgl. Heidelb. Jahrbücher 1871, Nr. 2 (Spiegel); Saturday Review Nr. 768; Zeit-
schrift f. Völkerpsychologie 7. Bd., 3. Heft (Stcinthal); Allgem. Liter. Zeitung 1871,
Nr. 14; Blätter f. liter. Unterh. Nr. 43.
19. Wackernagel. — Zacher, J., J. 6. Wackernagel und L. Sie-
ber, Wilhelm Wackernagel,
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 329—342.
20. Zur Erinnerung an Wilhelm Wackernagel. 8. Basel 1870.
21. Blätter ans W. Wackernagels poetischem Nachlasse.
Monatsblätter für innere Zeitgeschichte von Geltzer 1870, S, 109—118.
22. Wilhelm Wackernagel.
Unsere Zeit 1870, 14. Heft.
23. R(ichter), A,, Wilhelm Wackemagel.
Illustrirte Zeitung Nr, 1358.
24. Wilhelm Wackernagel. ^
Beilage des Preussischen Staats-Anzeigers 1870, Nr. 22.
25. Wilhelm Wackemagel.
Allgem. Kirchenzeitung 1870, Nr. 4.
26. te Winkel. — Bartsch, K., Lammert Allard te Winkel.
Germania 15, 107—108.
27. R(ichter), A., das Grimm'scbe Wörterbuch und seine Fortsetzer.
Illustrirte Zeitung Nr. 1411; mit Skizzen nnd Porträts von Hildebrand , Weigand
und Heyne.
28. Freybe, A., Bericht über die Sitzungen der germanistischen Section
der XXVI, Philologeuversammlung zu Kiel, 27. bis 30. Sept. 1869.
Germania 15, 109—128.
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29. Rieger, Max, Reste altdeutscher Handschriften zu Darmstadt.
Germania 15, 203—206.
30. Handschriften der Kieler Universitätsbibliothek, die in sprachlicher
Beziehung Interesse haben.
Serapeum 1870, Nr. 20 fg. Enthält K, B. 21, perg. 8. 14, Jahrh. ein latein.
deutsches Glossar; K. B, 22 Alani ab Insulis Anticlaudianus; 23* ein latein, Gedicht
Stella clericorum; 29 ein niedersäcbs, Gebetbuch des 15, Jahrb.; 30 ein solches in
vläraischer Sprache.
31. Tabulae codicum manu scriptorum praeter graecos et orientales in
bibliotheca palatina Vindobonensi asservatorum , edidit academia caesarea Vin-
dobouensis. Vol. IV. gr. 8, (490 S.) Wien 1870. Gerold. 3% Rthlr. (Enthält
Nr, 5001—6500.)^
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 465
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Gebiete der germanischen Philologie im Jahre 1869.
Germania 15, 463—508.
33. Bibliotheca philologica, oder geordnete Übersicht aller auf dem
Gebiete der classischen Alterthumswissenschaft wie der älteren und neueren Sprach-
wissenschaft in Deutschland und dem Ausland neu erschienenen Bücher. Heraus-
gegeben von Dr. W. Müldener 22. Jahrg. 2. Heft gr. 8. (II, u. S. 113—277).
Göttingen 1870. Vandenhoeck und Ruprecht. 13 Ngr.
34. Wiechmann, C. M. , Meklenburgs altuiedersächsische Literatur.
Ein bibliographisches Repertorium der seit der Erfindung der Buchdruckerkunst
bis zum dreißigjährigen Kriege in Meklenburg gedruckten niedersächsischen
oder plattdeutschen Bücher, Verordnungen und Flugschriften. 2. Theil. Zweite
Hälfte des 16. Jahrhunderts. 8, (VII, 152 S.) Schwerin 1870. Bärensprung.
35. Weller, E., Ergänzungen zu K. Gödeke's Grundrisa zur Geschichte
der deutschen Dichtung.
Serapeum 1870, Nr. 22 ff. ^
36. Well er, E., weltliche Lieder- und Gedichtsammlungen. Beiträge zu
Gödeke's Grundriss und Weller's Annalen.
Serapeum 1870, Nr. 15.
37. Well er, E., einige Lieder, Gedichte und Reimzeitungen.
Serapeum 1870, Nr. 15.
38. Doorninck, J. J. van, Bibliotheek van Nederlandsche Anonymen
en Pseudonymen, roy. 8. Schluß (XII S., Sp. 769 — 838). 's Gravenhage 1870.
Nijhoff.
39. Haan, Dr. Wilh., sächsisches Schriftsteller-Lexicon. Ein Verzeichniss
der von den jetzt lebenden Universitäts-Professoren [theol. und phil. Facultät],
Geistlichen , Gymnasial-Professoren u. s. w. des Königr. Sachsen herausgegeb.
Druckschriften u. s.w. 1. u. 2. Lief. 8. (IV, 1 — 192). Leipzig 1870. Serbe.
k \ Rthlr.
III. Sprachwissenschaft und Sprachvergleichung.
40. Müller, Max, Vorlesungen über die Wissenschaft der Sprache. Für
das deutsche Publikum bearb. von Prof. Dr. Karl Böttger. 2. Serie von zwölf
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273 Rthlr.
41. Bleek, W. H. J., on the origin of language. Edited with a preface
by E. Haeckel. Translated by S. Davidson. 8. London 1870. William and Nor-
gates. 2 s.
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Vierteljahrschrift für Volkswirthschaft und Kulturgeschichte herausg. von Jul.
Faucher. 8. Band.
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Post. f. 0, 30.
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Programm der Selektenschule zu Frankfurt am M. 1870. 4. 25 S.
Vgl. Archiv f. d. Studium der neueren Sprachen 47, 328,
466 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
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Prayer in one hundred languages, with historical descriptions of the principal
languages, interlinear translation etc. fol. (322 S.) London 1870. Trübner. 52 s.
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Öfversigt af Finska Vetenskaps Sucietetens Förhandlingar XII, 10 ff.
48. Hickmann, die indogermanischeu Sprachen Europas. 8. 17 S.
Programm der Handelsschule in Eeichenberg.
49. Müller, Prof. Dr. Friedr., Indogermanisch und Semitisch. Ein
Beitrag zur Würdigung dieser beiden Sprachstämme. [Aus den Sitzungsberichten
der k. Akad. der Wiss.] Lex. 8 (16 S.) Wien 1870. Gerold in Comm. 3 Ngr.
50. Bopp, Franz, vergleichende Grammatik des Sanskrit, Send, Armeni-
schen, Griechischen, Lateinischen, Litauischen, Altslavischen, Gothischen und
Deutschen. 3. Ausg. 2. Bd. gr. 8. (570 S.) Berlin 1870. Dümmler. 4 Rthlr.
51. Pott, Prof. Dr. Aug. Frdr., Etymologische Forschungen auf dem Ge-
biete der indogermanischen Sprachen unter Berücksichtigung ihrer Hauptformen,
Sanskrit, Zend-Persisch, Griechisch-Lateinisch etc. 2. Aufl. in völlig neuer Um-
arbeitung. 2. Theil, 4. Abth. Detmold 1870. Meyer. 5^/3 Rthlr.
A. u. d. T. : Wurzel-Wörterbuch der mdogermanischen Sprachen. 2. Bd.: Wurzeln
mit consonantischem Ausgange. 2. Abth.: Win-zeln auf die Nasale und Zischlaute, gr. 8.
(LXTV, 600 S.) Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 2.
52. Fick, Aug., vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen.
Ein sprachgeschichtlicher Versuch. (In 2 Abtheilungen). 1. Abth. [2. umgearb.
Auflage des „Wörterbuchs der indogerman. Grundsprache." Göttingen 1868.]
gr. 8. (V, 418 S.) Göttingen 1870. Vandenhoeck und Ruprecht. 2 Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 17.
53. Förstemann, E., der urdeutsche Sprachschatz. Zweiter Artikel.
Germania 15, 385 — 410.
54. Förstemann, E., Altnordisch und Litauisch.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 353 — 381.
55. Thoraseu, Dr. Wilh., Über den Einfluß der germanischen Sprachen
auf die finnisch-lappischen. Eine sprachgeschichtliche Untersuchung. Aus dem
Dänischen übersetzt von E. Sievers. gr. 8. (IV, 188 S.) Halle 1870. Buchhandl.
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Vgl. Saturday.Review 1870, 10. Nov.; Academy 15. Nov,
56. Bugge, Sophus, Zur etymologischen Wortforschung.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung. 29, 1 — 50.
57. Key, On the derivation of son, nurus, anus, uxor, wife, näg, omuis,
solus, every, all, oXog. Transactions of the philolog. society 1868 — 69. Part. II.
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58. Culmann, F. W. , zur Etymologie der Worte gehen und stehen.
Ein Wort über indogermanische Wortbildung. 8. (72 S.) Leipzig 1870. Fr.
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Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 1.
59. Culmann, F. W., die Namen der Raubthiere in verschiedenen Spra-
chen. Ein Beitrag zur Theorie der primitiven oder seelisch -organischen Wort-
bildung, gr. 8. (66 S.) Leipzig 1870. Fr. Fleischer. 12 Ngr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 22.
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Zeitschrift für Völkerpsychologie 7. Bd., 2. Heft
IV. Grammatik.
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Gothisch, Althochdeutsch, Altsächsisch, Angelsächsisch, Altfriesisch, Altnordisch.
1. Theil. Kurze Laut- und Flexionslehre der altgermanischen Dialecte. 2. ver-
besserte Auflage, gr. 8. (X, 354 S.) Paderborn 1870. Schöningb. 1 Rthlr. 12 Ngr.
Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1871, Nr. 7; Blätter f. d. bayer. Gvmuasial-Schul-
wesen VII, 2. 3.
65. Helfenstein, James, a comparative grannnar of the teutonic lan-
guages, being at the same time a historical grammar of the english language
and comprising Gothic, Anglo-Saxon, Early English, Modern English, Icelandic,
Danish, Swedish, Cid High German, Middle High German, Modern German, Old
Saxon, Old Frisian, Dutch. gr. 8. London (Berlin, Asher) 1870. 18 s.
Eine Anzeige bringt die Germania demnäch.st.
66. Zur Geschichte der deutschen Sprache.
Preußischer Staatsanzeiger 1870, Beilage 38.
67. Hildebrand, R. , zur geschichte des Sprachgefühls bei den Deut-
schen und Römern.
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 253 — 26.5.
68. Niki, Professor, Blicke in die Etymologie der deutschen Sprache,
ein Beitrag zum Vcrständniss derselben für Studierende. 29 S. 8.
Programm des Gymnasiums zu Neuburg a. d. Donau 1870.
69. Hahn's, K. A., althochdeutsche Grammatik. Neb.st einigen Lese-
stücken und einem Glossar. Mit Rücksicht auf die Fortschritte der Wissenschaft
bearbeitet von Adalb. Jeitteles. 3. vielfach veränd. und verm. Aufl. gr. 8.
(XV, 132 S.) Prag 1870. Tempsky. 27 Ngr.
Vgl, Allgem. Liter. Zeitung 1870, Nr. .SO; Blätter f. d. bayer. Gymnasial-Sclml-
wesen VII, 7.
70. March, Francis A., a comparative grammar of the anglosaxon lan-
guage, in which its forms are illustrated by those of the Sanskrit, Greek, Latin,
Gothic, Old Saxon, Old Friesic, Old Norse and Old High German. 8. (262 S.)
New York 1870. 8 s. 6 d.
Vgl. Academy 1870, Nr. 13.
71. Nilsson, L. G,, Anglosaxisk (forueugelsk) Grnmmatika, Senare
Haft, 8. (S. 40 — 121). Lund 1870, Gleerup, 1 rigsd. 50 örc.
72. Loth, J., ftymologischo angelsächsisch-englische firammatik. irr. 8.
(,XII, 481 8.) Elberfeld 1870. Friderichs. 2% Rthlr.
Vgl. Liter. Centralbl. 1871. Nr. 6; Herrig's Archiv 47, 179—188 (Stimming);
Saturday Review Nr. 747; Atheuaeum 1870, 27. August; Academy 1871, Nr, 27.
468 BIBLIOGRAPHIE VON 1870-
73. Fleming, J. P., Analysis of the english language. 8. (XII, 306 S.)
London 1869. 2 RtUr.
74. Diekmann, 0., a treatise on the origin and development of the
english language. 8. Göttingen 1870. Dissertation.
75. Silling, Oberlehrer, Origin and development of the english language.
Osterprogramm der Realschule in Zwickau 1870.
76. Thorer, Carol. Aemil., quae ratio intercedat inter anglicam recen-
tioris aetatis linguam ejusque fontes requiritur. Dissertatio. 8. (VI, 33 S.)
Görlitz 1870.
77. Wood, H. T. W. , Changes in the english language between the
publication of Wiclif s Bible and that of the authorised version, a. d. 1400 to
a. d. 1600. 8. (70 S.) 2 s. 6 d.
78. Payne, the norman dement in the spoken and written English of
the 12"" 13"' and 14"' centuries, and in our provincial dialects (with an exa-
mination of Chaucer's use of the final e p. 428 — 447).
In Transactions of the philol. Society 1868—69, London 1870, p. 352 ff.
79. Knobeisdorf, Otto v. , die keltischen Bestandtheile in der eng-
lischen Sprache. Eine Skizze. 8. (73 S.) Berlin 1870. Weber. Vs Rthlr.
80. Wimmer, Ludv. F. A., Oldnordisk Formisere til brug ved under-
visning og selvstudium. 8. (VIII, 134 S.) Köbenh. 1870. Steen.
V^l. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 12. Eine deutsche Bearbeitung von E. Sievers,
mit Zusätzen des Verf., hat das Werk inzwischen auch deutschen Lesern zugänglich
gemacht.
81. Bayldon, Gco. , an elementaiy grammar of the Old Norse or Ice-
laudic language. 8, (X, 117 S.) London 1870. Williams a. Norgate.
82. Södervall, K. F., hufvudepokema af svenska spräkets utbildning.
8. (130 S.^ Lund 1870. Gleerup.
Vgl. Zeitschrift für deutsche pjiilologie 3, 233—236 (Möbius).
83. Bjursten, Herman, Ofversigt af svenska spräkets och litteraturens
historia. Uppl. 3, efter författarens död bearbetad och tillökt. Mit denna läro-
bok svarar en af H. Bjursten efter samma plan anordnad lasebok. 8. (123 S.)
Stockholm 1869. Norstedt & Söner. Ekd. 1, 25.
84. Claeson, G., Ofversigt af svenska spräkets och litteraturens historia
pa grundvalen af H. Bjurstens lärobok i ämnet utarbetad. 8, (140 S.) Stock-
holm 1870. Norstedt & Söner.
85. Rydqvist, Job, Er., Svenska spräkets lagar, kritisk afhandling.
IV, 2. 8. (S. 229 — 552.) Stockholm 1870. Klemming.
8G. Rydqvist, Job. Er., Ljudlagar och skriftlagar. (Utdrag ur 4"" bandet
af 'Svenska spräkets lagar'). 8. (153 S.) Stockholm 1870. Klemming.
87. Höfer, Alb., der Rückumlaut.
Germania 15, 50—53.
88. Sweet, Criticism on Prof. Koch's papers on as. ea and eä.
Transactions of the philol. society 1870, S. 1 ff. Vgl. Bibliographie 1869, Nr. 69.
89. Treitz, Guil., de vocalibus neoanglosaxonicis commentatio. 4. (52 S.)
Marburg 1869. Akademisches Programm.
90. Michaelis, G., zur geschichte der consonantenverdoppelung.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 265 — 267.
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 469 .
91. Delbrück, B., die decHnation der substantiva im Germanischen,
insonderheit im Gotischen.
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 381 — 407.
92. Rumpelt, Privatdoc. Dr. H. B., die deutschen Pronomina und Zahl-
wörter historiscli dargestellt, gr. 8. (XII, 179 S.) Leipzig 1870. Vogel. 1 Rthlr.
Vgl. Blätter f. bayer. Gymnasial - Schulwesen VII. Bd.; Allg. Lehrer - Zeitung
1871, Nr. 20. — Über die angelsächs. Pronomina vgl. auch unten Nr. 164.
93. Schröder, C. , niederländische Einwirkungen auf die Formen der
Ordinalia am Niederrhein und im Elsaß.
Germania 15, 419—424.
94. Höfer, Alb., Unsich im Niederdeutschen.
Germania 15, 73—74.
95. Zacher, J., Unaich im Niederdeutschen.
Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 506. , ■
96. Höfer, Alb., das Pronomen diser.
Germania 15, 70—72.
97. Bech, F., der umgelautete Conjunctivus Praeteriti rückumlautender
Zeitwörter.
Germania 15, 129-157.
98. Höfer, Alb., zu Particip und Gerundium.
Germania 15, 53—61.
99. Bernhardt, E., über den genetivus partitivus nach transitiven ver-
ben im Gotischen.
Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 292—294.
100. Hof er, Alb., das intensive in.
Germania 15, 61—65.
101. Höfer, Alb., Verstärkung durch ander«? Wörter, insbesondere durch
PraeiJositioni'n.
Germania 15, 65 — 67.
102. Höfer, Alb., binnen und büten und deren Steigerungen.
Germania 15, 67—68.
103. Cauer, Ed., zur Geschichte der Wortbedeutungen in der deutschen
Sprache. 4. (25 S.)
Programm des Gyuniasiums zu Hamm 1870. Vgl. Archiv für das Studium d.
neueren Sprachen 48, 193 — 194.
V. Lexicographie.
104. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm»
Fortgesetzt von Dr. Rud. Hildebrand und Dr. Karl Weigand. 4. Bd. 2. Alith.
2. u. 3. Lieferung. [Halmenmeer — Hebemutter] bearb. von Dr. M. Heyne; und
5. Bd. 9. Liefg. [krachen — Kreistag] bearb. von Dr. R. Hildebrand. Lex. 8.
(sp. 241 — 720 u. 1921—2160.) Leipzig 1870. Hirzel. h % Rthlr.
105. Diez, Friedr. , etymologisches Wörterbuch der romanischen Spra-
chen. 3. verb. u. verm. Ausgabe, gr. 8. 2 Bde. Bonn 1870. Marcus.
106. Lexer, Prof. Dr. Matthias, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch.
Zugleich als Supplement und alphabetischer Index zum mitteliiochdeutschen
Wörterbuche von Benecke-Müller-Zarncke. 2. u, 3. Liefg. Lex. 8. (Sp. 321 bis
9G0.) Leipzig 1870. Hirzel. k 1 Rthlr.
Vgl. Jaiirbücher f. Philol. und Pädagogik 1870. 9. Heft (Schweizer-Sidler).
470 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
107. Glossarium des XTV. oder XV. Jahrhunderts, herausgegeben von
Oberlehrer Dr. Sachse. 8. (27 S.) Berlin 1870.
Programm. Vgl. Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 628—530 (Steinmeyer).
108. Burda, W. , zum deutsch-preußischen Vocabular von Nesselmaun.
Beiträge zur vergleich. Sprachforschung 6. Bd., 4. Heft.
109. Dietz, Ph., Wörterbuch zu Dr. Martin Luthers deutschen Schriften.
4. Lief. gr. 8. (1. Bd. LXXXVII u. S. 625—772, Schluß.) Leipzig 1870.
Vogel. IV3 Rthlr.
Vgl. Zeitschrift für d. österr. Gymnasien 1870, S. 409—412 (Scherer); Zeitschrift
für deutsche philologie 2, 358—365 (Hildebrand); Blätter f. liter. Unterhaltung Nr. 39.
110. Vries, M. de, en L. A. te Winkel, Woordenboek der Neder-
landsche Taal. Aflev. 9. (Sp. 1281 — 1440): Africhten— Afsluiten. 's Graven-
hage 1870. 16 Ngr.
Vries, M. de, en E. Verwijs, Woordenboek etc. Tweede reeks. Aflev.
2. 3. loy. 8. (Sp. 161 — 480): Om— Omschittereu. Ebenda.
111. Oudemans, A. C, Bijdrage tot een Middel- en Oudnederlandsch
Woordenboek. Uit vele glossaria en andere bronnen bijeeuverzameld. 8. Aflev. 2.
(S. 273-857.) Arnhem 1870. Nijhoft".
112. Ordbok öfver sveuska spraket, utg. uf sveuska akademien. Heft 1. 4.
(VIII, 358 S.) Stockholm 1870. Samsou & Valiin. 1 Rthlr. 14 Ngr.
113. Svensk ordbok med angifvande af ordens härleduing. 12. (256 S.)
Stockholm 1870. L. J. Hierta.
114. Kindblad, K. E. Ordbok öfver sveuska spraket. II, 2 — 4. imp. 8.
(S. 113—448). Stockholm 1870. Palnuivist.
115. Dal in, G. , fullständig förklariug öfver fiämmaude orJ, som före-
komma i svenska tal- och skriftspräket. Heft 1 — 3. (480 S.j Stockholm 1870.
116. Dal in, A. F., svenska sprakets synonymer. 12. (404 S.) Stock-
holm 1870. Beckman.
117. Rydqvist, J. E., svenska akademieus ordbok, historiskt och
kritiskt betraktad. 8. (75 S.) Stockholm 1870. Norsted & Söucr.
Aus den Abhandl. d. Schwed. Akademie, Bd. 45.
118. Jänicke, Oberlehrer Osk. , über die niederdeutschen Elemente in
unserer Schriftsprache, gr. 4. (35 S.) Berlin 1870. Calvary. Vs Kthlr.
Vgl. Archiv für das Studium d. neueren Sprachen 47, 330.
119. Boltz, Aug., das Fremdwort in seiner kulturhistorischen Entstehung
und Bedeutung. Vortrag. 8. (34 S.) Berlin 1870, Gärtner. 6 Ngr.
Vgl. Zeit.schrift f. d. Österreich. Gymnasien 1870, S. 412 (Scherer).
120. Das Fremdwort in der deutschen Sprache.
Beilage des preußischen Staats-Anzeigers 1870, Nr. 21.
121. Bacmeister, Adolf, Germanistische Kleinigkeiten. 8. (102 S.)
Stuttgart 1870. Kröner.
Inhalt: Alte Familiemiamen. Das Fremdwort im Deutscheu. Stab oder Meter?
Stenotelegraphie. Deutsche Schlecht- und Rechtschreibung. Der Ursprung der Sprache.
Vgl. AUgem. Zeitung 1870, Nr. 354 Beilage; Trtibner's Kecord 1871, 28. Febr. ; Ham-
burg. Naclnicbten Nr. 19.
122. Deccke, Dr. Wilh., die deutschen Verwandtschaftsnamen. Eine
sprachwissenschaftliche Untersuchung, nebst vergleichenden Anmerkungen, gr. 8.
(VIII, 223 S.) Weimar 1870. Böhlau. 1 Rthlr. 6 Ngr.
Vgl. Ac»demy Nr. 19; Saturd.iy-Review 1870, 15. Octnb.
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 471
V23. Höfer, Alb., Brot- und Semraelnamen.
Germania 15, 79— 8;5.
124. Berliner, Dr. A., Mittelhochdeutsches in jüdischen Quellen.
Literaturhlatt der Wochenschrift 'die jüdische Presse', 1870. Nr. 1.
125. Birlinper, A., 1. bairische Orthographie, 15. Jahrh. 2. Hand-
werker- u. s. w. Namen, bairisch. 3. Struot. 4. in Eichelweiß. 5. Fürhäß.
6. Über Monatnamen. 7. Digge, Dickhe, Tigew.
Zeitschrift für vergrleichende Sprachforschung 19, 311 — 3'_*0.
126. Woeste, F., Beiträge aus dem Niederdeutscheu.
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 326—328.
127. Höfer, Alb., Zu Germau. 12, 325 und 13, 160
Germania 15, 78 — 79. Über nalen und vorhien.
128. Wedgwood, english etymologies (adaw, boulders, buxom, charcoal,
doit, forcemeat, fulsome, gewgaw, go to pot, tadpole).
Transactions of the philol. society 1870, S. 288 ff.
129. Brinkmann, Fr., der Hund in den romanischen Sprachen und
im Englischen.
Archiv für das Studium der neuereu 8praclien 46, 425 — 464.
130. Höfer, Alb., Brav.
Germania 15. 72 — 73.
131. Delbrück. B., Über das gotische dauhtar.
Zeitschrift für vergleichende Si)rachforschung 19, 241 — 247.
132. Höfer, Alb., Fander. Fauner.
Germania 15, 416.
133. Höfor, Alb., Nd. reröf, reröven. ^ '
GeiTuania 15, 75.
134. Höfer, Alb., Gotisch skaudaraip, Lederriemen.
Germania 15, 69 — 70.
135. Höfer, Alb., So vro also u. anderes Niederdeutsche.
Germania 15, 76 — 77.
136. Meyer, Leo, Spange.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 390 — 392.
137. Jilnicke, 0., und J. Zacher, vergiseln.
Zeitschrift für deutsche philolugie 2, 496 — 506.
138. Obermüll er, Wilhelm, Deutsch- keltisches, geschichtlich geographi-
sches Wörterbuch zur Erklärung der Fluß-, Berg-, Orts-, Gau-, Völker- und Per-
sonennamen Eui-oiias, West- Asiens und Nord-Afrikas im Allgemeinen, wie Deutsch-
lands insbesondere. Nebst den daraus sich ergebenden Folgerungen für die
Urgeschichte der Menschheit. 11. Lief. gr. 8. (2. Band, S. 885 — 480). Leipzig
1870. Denicke. ' „ Ethlr.
139. Koth, Dr. Karl, kleine Beiträge zur deutschen Sprach-, Geschichts-
und Ortsforschung. 20. Heft, dazu als Anhang: Inhalt des 1. und 2. Bdchcns.
8. (S. 193—240 u LXIV S.) München 1870- Finsterlin. % Rthlr.
140. Höger, Beiträge zur mittelalterlichen Ortsforschung.
Verhandlungen des histor. Vereins für Niederbayern 15, 267 — 290.
141. Sartori, Hermann, unsere Ortsnamen. I. (5 S.)
Progiamm der Mittelschule zu Schwartau.
142. Bazing, H., zur Deutung von Ortsnamen.
Zei tschrift des histor. Vereins für das wirtemberg. Franken. 8. Bd., 2. lieft.
472 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
143. Kellner, Dr. W., über eine Hinweisung auf die große Zahl
Niederlassungen am Rhein mit der Zusammeusetzung donk in Namen.
Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland, 47. und 48. Heft,
S. 201—203.
144. Bück, Dr. R., über die Bedeutung der alten Namen des Bodensees
Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees, 1870, 2. Heft.
145. Müller, Max, The nanie of the Danube.
Revue celtique 1870, Mai, Nr. 1.
146. Crecelius, W., Godesberg = Wodensbe rg.
Zeitschrift des bergischen Qeschichtsvereins 7. Band Bonn 1670.
147. Brandes, Dr. H. K., der Name des Badeortes Pyrmont erklärt.
8. (23 S.) Detmold 1870. Meyer. 12 Gr.
148. Hesekiel, Ludovica, zur Geschichte deutscher Frauennameu.
Bazar 1870, Nr. 14.
149. Steub, Dr. Ludwig, die oberdeutschen Familiennamen. 8. (XI,
216 S.) München 1870. Oldenbourg. 1 Rthlr.
Vgl. Kuhns Zeitschrift 20. Bd. 2. Heft; Reusch, theolog. Literaturblatt 1870, Nr. 19 ;
St. Galler Blätter Nr. 46; Sprachwart 1871, Nr. 1.
1.50. Reich el, R., Marburger Namenbüchlein.
Programm des Gymnasiums zu Marburg in Steiermark 1870. Vgl. Archiv f. d.
Studium d. neueren Sprachen 47, 467.
151. Pauli, Dr. Carl, über Familiennamen, insbesondere die von Mundes.
T. 4. (28 S.) Münden 1870, Augustin. 8 Ngr.
Vgl. Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen 47, 46G.
152. Höfer, A., Benennung nach der Mutter u. a. — Namen mit Vor-
namenbuchstaben verbunden?
Germania 15, 83—89.
153. Meyer, Franz, der Name Meyer und seine Zusammensetzungen.
gr. 4. (22 S.) Osnabrück 1870. Rackhorst in Comm. Ve Hthr.
154. Charnok, R. P., Patronymica Cornu-Britannica, or the Etymology
of Cornish Names. 8. London 1870. Longmans. 7 s. 6 d.
155. Gislason, Konr., Tillisgsbemjerkninger om -ri'dr.
Aarböger for nordisk Oldkyndighed 1870, 2. Heft.
VL Mundarten.
156. Mi eck, Dr., über Gemination und Reduplication in den Volks-
muudarten und in der Kindorsprache.
Archiv für das Studium der neueren Sprachen 46, 293 - 302.
157. Schnell, Eugen, der historische Übergang des alemannischen in
den schwäbischen Dialekt.
Preußischer Staats-Anzeiger 1870, Beilage Nr. 1.3.
158. Krassnig, Job., Versuch einer Lautlehre des oberkärntischen
Dialekts. Programm des Unter- Realgymnasiums zu Villach 1870.
Vgl. Archiv für d. Studium d. neueren Sprachen 47, 4G6.
159. Jarißch, Anton, Harfensaiten zu den „Heiraathsklängen" oder der
Dialekt der Deutschen in Böhmen. Systematisch dargestellt. Nebst einem An-
hange. 16. (IV, 84 S.) Wien 1870. Klemm. 16 Ngr.
160. Gradl, H., der ostfränkische dialekt in Böhmen.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 321—352.
BIßLIOGRAPHIE VON 1870. 473
161. Knötel, A., die Mundart in und um Frankenstein. Mit Wörter-
sammlung.
Rübezahl 1870.
162. Dunger, Dr. Hermann, über Dialekt und Volkslied des Vogtlands.
Ein Vortrag, gr. 8. (24 S.) Plauen 1870. Neupert. Vg Rthlr.
Vgl. Blätter f. literar. Unterhaltung 1870, Nr. 21.
163. Winkler, Johann, over de Taal en de Tongvallen der Friezen.
8. (48 S.) Leeuwarden 1870.
164. Jennings, James, tbe dialect of the West of England, particularly
Somersetshire. With a glossary of words now in use there. Also with poems
and other pieces, exemplifying the dialect. 2. edition, with two dissertations
on the anglosaxon pronouns and other pieces. 8. (XXIV, 167 S.) London 1870.
Smith. 4 s. 6 d.
165. Uppränning tili grammatik for delsboraalet, utg. af Helsinglands
fornminnessiillskap. 2. Aufl. 8. (5^ S.) Hudiksvall 1870. Hellström.
166. Freudcnthal, A. O., om svenska allmogemälet i Nyland. 8. (IV^
110 S.) Helsingfors 1870.
Alis: Bidrag tili kHnnedom af Finnlands Natur och Folk.
167. Bühler, Valent., Davos in seinem Walserdialekt. Ein Beitrag zur
Kenntniss dieses Hochthaies und zum schweizerischen Idiotikon, I. Lexicogra-
phischer Theil. gr. 8. (XLIV, 258 S.) Heidelberg (Aarau, Sauerländer) 1870.
2 Rthlr.
Vgl. Literar. Centralblatt 1870, Nr. 32; 1871, Nr. 9.
168. Schmeller, J. Andr., Bayrisches Wörterbuch. Zweite, mit des
Verfassers Nachträgen vermehrte Ausgabe im Auftrage der historischen Com-
mission bei der k. Akad. d. Wiss. bearbeitet von G. K. Frommann. 4. Lief.
(Sp. 769 — 1024). München 1870. Oldenbourg. 24 Ngr.
168*. Schröer, K. J. , Wörterbuch der Mundart von Gottschee. 8.
Wien 1870. Gerold in Comm.
169. Sundermanu, Fr., Volksthümliche Thiernamen in Ostfriesland.
Ostfriesisches Jahrbuch 1. Band, 2. Heft.
170. De Bo, L. L., Westvlaamsch Idioticon. 1. und 2. Lief. (S. 1 — 208.)
A— D. roy. 8. Brügge 1870. Gailliard. fr. 4, 25.
171. Slang Dictionary or the vulgär words, street phrases and fast
expressions of high and low society. New edition. 8. (XXI, 305 S.) London
1870. Hotten. 6 s. 6 d.
172. Burns, Robert, Lieder. In das Schweizerdeutsche übertragen von
Aug. Corrodi. 16. (VII, 103 S.) Winterthur 1870. Bleuler-Hausheer. 1 V3 Rthlr.
173. Scheifele, Joh. Geo., [vulgo Jörg von Spitzispui] neue Gedichte.
3. Abth. 1. Gedichte In schwäbischer Mundart. 2. Gedichte in reindeutscher
Sprache. 3. Grammatische und sonstige Bemerkungen. 2. Aufl. gr. 16. (VII,
119 S.) Lindau 1870. Stettner. 6 Ngr.
174. Michel, der schwäbische, als AUerwelts-Spassmacher. Ausgewählte
Sammlung der beliebtesten Gedichte und Erzählungen in schwäbischer Mund-
art etc. Nebst einem Anhang von schwäbischen Spruch Wörtern und Redensarten
mit ihrer Erklärung. 16. (283 S.) Stuttgart 1870. FiscUhaber. 12 Ngr.
474 BIBLIOGRAPHIE VON 1870,
175. Dewils, Heinz, der Heedclberger Draguner - Wachtmeester. En
humoristisch-satyrisches Saldotebild. 8. (V, 254 S.) München 1870. 1 Rthlr.
176. Datterich. Localposse in der Mundart der Darmstädter. 4. Aufl.
8. (108 S.) Friedberg 1870. Scriba. V3 Rthlr.
177. Kobell, Fr. v., der Türken-Hänsl, a' Gschichtl aus'n Krieg vo' 1870.
[Oberbayerisch]. 8. (8. S.) Stuttgart 1870. HoflFmann. Ve Rthlr.
178. Rosegger, P. K., Tannenharz und Fichtennadeln. Geschichten,
Schwanke, Skizzen und Lieder in obersteierischer Mundart. 8. (216 S.) Graz
1870. Pock. 24 Ngr.
179. Jarisch, Ant. , Heimatbsklänge. Eine Sammlung von Gedichten
in der Mundart der Deutschen in Nordböhmen und Schlesien. 3. Aufl. 16.
(VIII, 134 S.) Wien 1870. Klemm in Comm. 16 Ngr.
180. Heiteres aus Hessen. Altes und Neues in Altcasseler und Nieder-
hessischer Mundart. 8, (32 S.) Cassel 1870. Vollmann, '/g Rthlr.
181. Kienner, de plattdütsche, up dat Jahr 1871, unner Byhulp van
Jan van Buten, Kassen Dukdal, Dr. Swerenoth etc. herutgewen v. K. Fr. B — n.
8. (XVI, 104 S.) Jever 1870. Mettcker. '/^ Rthlr.
182. Moor, Jan van, König Wilhelms Besük in Bremen am 15. Juny
1869. Humoreske. 7. u. 8. Aufl. 16. (11 S.) Bremen 1870. Tannen. 3 Ngr.
183. Fr icke, W., Wat möt, dat möt. Eine lustige Geschichte in nieder-
sächsischer Mundart. 2 Bde. 8. (IV, 217 u. IV, 247 S.) Jena 1870. Costenoble.
IV2 Rthlr.
184. Tiek, Karl, wecke Leiw is de grötst? Tau Ihren van uns' leiwes,
dütsches Vaderland, van de richtigen Dütschen, vörut äver: de echten, dütschen
Mudders schräben. 8. (180 S.) Altona 1870. Mentzel. '/^ Rthlr.
185. Geschieht van den rieken Hamborger Kopmann Peter Stahl, nach
Vatting Möllern sine Verteilung un in sine Mundwies dalschreben in säben-
teigen Verpustungen van Mi, Verf. v. „Dumm Hans." gr. 8. (IV, 163 S.)
Schwerin 1870. Stiller. 7^ Rthlr.
186. Piening, Th., de Reis naa'n Hamborger Dom. 6. Oplaag. gr. 16.
(III, 121 S.) Hamburg 1870. Richter. Vg Rthlr.
187. Brinckman, John, Uns' Herrgott up Reisen. Ein Stippstürken,
gr. 16. (248 S.) Rostock 1870. Leopold. 27 Ngr.
188. Schröder, Willem, Swinegels Reise nah Paris as Friedensstifter.
Eene putzige plattdütsche Historje in tein Kapitteln. 2. Aufl. 4. (106 S.) Berlin
1870. HauBfreund-Exped. Ve J^t^ilr.
189. Gilow, Chr., de Minsch. 8. (VII, 100 S.) Anclam 1869. Krüger
in Comm. V3 Rthlr.
190. Gilow, Chr., de Pulteabend. 2 Theile. 8. Ebenda. 2% Rthlr.
191. Dalmer, Karl, Ernst Muritz Arndt, wur he na 100 Jähren syne
Wannerung dörch Dütschland wedder antreten will im plattdütschen Rock m.
synen Rügenschen Stock, gr. 8. (III, 82 S.) Stralsund 1870. Hingst. Vg Rthlr.
192. Swanneblummen. Jierboekje for it jier i869. Utjown fen 't
Selscip foar P'rysce Taal in Scriftenkinnisse. 8. Liowerd 1870. Akkeringa. f. 0,30.
193. Iduna. Frisk rim end ünrim. Utjown fen't selskip for Friske taal
end skriftenkinnesse. Garde Rige. 26. Jierg. Liowerd 1870. Akkeringa. f. 1,00.
194. Dijkstra, Waliug, Twee grappige stikken. Frits Reuter nei for-
telt. 1. Ho ik aan en wijf kaem. 2. Uut de franse tijd. 1, Heft. 8. (48 S.)
Heereuween 1870. Jüdfest. fl. 0,30.
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Oarde printiuge. 8. (64 S.) Bolswerd 1870. Cuperus. fl. 0,50.
196. De Byckoer, Frisk jierboekje for 1871. 26. Jiergong. 8. (XVI,
80 S.) Freantsjcr 1870. Telenga. f. 0,30.
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198. Axon, William E. A., the literature of the Lancashire dialect.
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u. 397 S.) London 1870. Longmans. 28 sli.
Vgl. Allgem. Zeitung 1871, Beilage 165.
205. Minckwitz, Job., Katechismus der Mythologie aller Culturvölker.
Mit 72 Abbild. 2. Aufl. 8. (VIII, 263 S.) Leipzig 1870, Weber. V„ Rthlr.
206. Gottesidee und Cultus bei den alten Preußen. Ein Beitrag zur
vergleichenden Sprachforschung, gr. 8. (79 S.) Berlin 1870. Peiser. 12 Ngr,
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 34 (A. Kulm).
207. Populäre Mythologie. , ^.
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Deutschen in Siebenbürgen. 4. (35 S.) Programm des Gymnasiums zu Mühl-
bach 1870.
210. Rochholz, E. L., drei Gaugöttinnen Walburg, Verena und Gertrud
als deutsche Kirchenheilige. Sittenbilder aus dem gennanischen Frauenleben,
gr. 8. (X, 202 S.) Leipzig 1870. Fleischer. 1 Rthlr.
Vgl. Heidelb. Jahib. 1871, S. 397-399 (Liebrecht); Anzeige f. Kunde d. deut-
schen Vorzeit Nr. 6.
211. Hör mann, L. v. , mythologische Beiträge aus Wälschtirol. Mit
einem Anhange wälschtirol. Sprichwörter und Volkslieder. 8. (3C S.) Innsbruck
1870. Wagner.
Aus der Zeitschrift des Ferdinandeums 3. Folge, 15. Heft. Vgl. liter.ir. Centralbl.
1871, Nr. 5 (E. Kuhn); Reusch, theolog. Literaturblatt 1870, Nr. 20.
212. Schuster, Friedr. Wilh., Deutsche Mj'then aus siebenbürgisch-
sächsischen Quellen.
Archiv des Vereins f. siebenbürg. Landeskunde, N. Folge 9. Band, 2. Heft,
Ki-onstadt 1870.
213. Leverkus, W., Sagen wider molkenzauber.
Zeitschrift f. deutsches alterthum 16, 149—161.
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214. Frischbier, H., Heienspiuch uud Zauberbann. Ein Beitrag sur
Geschichte des Aberglaubens in der Provinz Preußen. 8. (XI, 167 S.) Berlin
1870. Enslin. % Kthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 34.
Vni. Märchen und Sagen.
215. Grimm, Brüder, Kinder- und Hausmärchen. Kleine Ausgabe.
15. Aufl. 16. (VI, 311 S.) Berlin 1870. Dümmler. V^ Rthlr.
216. Grimm, Brüder, Kinder- und Hausmärchen. Große Ausgabe.
9. Aufl. 8. (XX, 704 S.) Berlin 1870. Hertz. 2 Rthlr.
217. Grimms Eventyr. Tredie samling. Oversatte af J. B. Gandrup. 8.
(252 S.) Kopenhagen 1870. 1 rd.
218. Grimms Folke Eventyr. Oversatte af J. F. Lindencrone. 8. (366 S.)
Kopenhagen 1870. Gyldendal,
219. Grimm, Bröderna, barn-och folk-sagor. Ofversättning. Andra uppl.
tillökad och illustrerad. 8. (267 S.) Stockholm 1870. Flodin. 2 rd. 50 öre.
220. Bechsteins, Ludwig, Märchenbuch. Mit 187 Holzschn. 3. Ausg.
8. (VIII, 296 S.) Leipzig 1871. G. Wigand. 2 Rthlr.
221. Bechstein, Ludw., Neues deutsches Märchenbuch. 17. u. 18. Aufl.
8. (IV, 271 S.) Wien 1870—71. Ilartleben. 12 Ngr.
222. Vernaleken, Theodor, österreichische Kinder- und Hausmärchen.
Treu nach mündlicher Überlieferung. Neue Ausgabe. 8. (XII, 355 S.) Wien
1870. Brauraüller. 1 V3 Rthlr.
223. Zingerle, J. V., Kinder- und Hausmärchen aus Tirol, gesammelt
durch die Brüder Zingerle. 2. Aufl. 16. (XI, 284 S.) Gera 1870. Amthor.
V3 Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 5 (E. Kuhn); Allgem. Zeitung 1870, Nr. 354,
Beilage; lUustr. Zeitung Nr. 1462; Allgem. Famil. Zeitung 1871, Nr. 25.
224. Musäus' Volksmärchen der Deutschen. Volksausgabe in 1 Band.
8. Gesammtausgabe. 8. (XV, 496 S.) Altona 1870. Haendcke u. Lehmkuhl.
24 Ngr.
225. Musäus, J. K. A., Legenden vom Rübezahl. 16. (89 S.) Leipzig
1870. Reclam. 2 Ngr.
254. Band der Universal-Bibliothek.
226. Hoff mann, J., Märchenbuch für die Jugend. Eine Auswahl der
schönsten deutschen Märchen gesammelt. 4. (III, 68 S.) Stuttgart 1870. Thiene-
mann. 2 Rthlr.
227. Löhr, J. A. C, großes Märchenbuch. Neu geordnet von G. Harrer.
8. (V, 481 S.) Stuttgart 1871. Chelius. 1 Rthlr.
228. Pflaume, Karl, Märchenbuch. 8. (IV, 228 S.) Aschersleben 1870.
Huch in Comm. ^3 Rthlr.
229. Hilgenfeld , Emma. Frau Kätzchen. Ein Märchen dem Volksmunde
nacherzählt. 4. (lO S.) Chemnitz 1870. Pocke. 1 Rthlr.
230. Asbjörnsen, P. Chr., Norske Huld re- Eventyr og Folkesagn, for-
talte. 3. Udgave. 8. (VI, 391 S.) Christiania 1870. Steensball.
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 37 (A. Kuhn).
231. Populär Tales of Hindostau and Germany.
English Essays. 3. Vol. Hamburg 1870. Meißner.
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232. Gronzenbach, Laura, sicüianische Märchen. Aus dem Volksmund
gesammelt. Mit Anmerkungen R. Kühlers u. e. Einleitung herausg. von 0. Hartwig.
2 Theile. 8. (LV, 368 u. IV, 263 S.) Leipzig 1870. Engelmann. 3 Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 21; Keusch, theolog. Literaturbl. Nr. 13.
' 233. Liebrecht, Felix, Lappländische Märchen.
Germania 15, 161—192.
234. Ethö, Dr. H., Beiträge zur neuesten vergleichenden Sagenforschung
auf indogermanischem Gebiet.
Ergänzungsblätter zur Kenntniss der Gegenwart 1870.
235. Schwartz, Prof. Dr. W., die ethische Bedeutung der Sage für
das Volksleben im Alterthum und in der Neuzeit. 8. (36 S.) Berlin 1870.
Heinersdorff. Vg Rthlr.
Sammlung wissenschaftlicher Vorträge 1. Heft. — Vgl. Berliner Revue 62, 10.
236. Der sittliche Zug in der deutschen Sage.
Beilage des PreulJischen Staatsanzeigers 1870, Nr. 28 ; an Schwartz anknüpfend.
237. Sago Verl den. Sagor och äfventyr fra främande länder. Ett urva.1
ur alla folkslags sago-Iitteratur samlade och öfveraatta af H. Hörner. I, 8.- (166 S.)
Stockholm 1869, 2 rd.
238. Steger, Dr. Friedr., das Elsaß und Deutsch-Lothi-ingen. Land und
Leute, Ortsbeschreibung, Geschichte und Sage. 8. (VIII, 91 S.) Leipzig 1870.
Quandt. 15 Ngr.
239. Mayer, Jos. Mar., Das Bayern-Buch. Geschichtsbücher und Sagen
aus der Vorzeit der Bayern, Franken und Schwaben. 2. Halbband. 8. (IV,
u. 385—710 S.) München 1870. Lindauer. % Rthlr.
240. Priem, J., Nürnberger Sagen und Geschichten. 8. (VIII, 194 S.)
Nürnberg 1870. Ebner. 7^ Rthlr.
241. Fuchs, Fritz, die Burg Rodenstein und die Sage vom wilden Heer.
Die illustrirte Welt 1870, Nr. 18.
242. Gerber, Mor., erzgebirgische und voigtländische Volksklänge, Sagen
und Geschichten. In zwanglosen Heften. 1. 2, Heft. 8. (S. 1 — 64.) Aue 1870.
ä 2V2 Ngr.
243. Landschau, Sagen aus der Umgegend von Dobran.
Mittheilungen des A^'ereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen. 9, 278 ff.
244. Födisch, die Sage vom Hassenstein.
Ebenda 9, 277.
245. Grässe, Dr. J. G. Th., Sagenbuch des preußischen Staates. 15. bis
18. Liefg. gr. 8. (2, 321 — 640.) Glogau 1870. Flemming. k V4 Rthlr.
Vgl. N. Preuß. Zeitung 1871, Nr. 258.
246. Groß, Karl, Holzlandsagen. Sagen, Märchen und Geschichten aus
den Vorbeigen des Thüringer Waldes. 8. (VIII, 135 S.) Leipzig 1870. Wartig.
% Rthlr.
Vgl. AUgem. Liter. Anzeiger VI, 1 ; Volksblatt f. Stadt u. Land, Nr. 96.
247. Erfurter Schnozeln. 3 Bändchen. Erfurt 1867 — 70. Körner,
ä V3 Rthlr.
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und Bemerkungen zu K. Simrock's Rheinsagen.
Archiv des histor. Vereins von Uuterfranken. 20. Bd. 3. Heft (1870).
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rheinische Volkssage. 8. (80 S.) Mühlheim a. d. R. 1870. Bagel. '/ß Rthlr,
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253. Asbjörnsen, Chr., och Jörgen Moe, 10 norska folksagor och
ihentyr. Svenek öfversattDing af H. Hörner. (Öreskrifter för folket 35). 8. (48 S.)
Stockholm 1869. 20 öre.
254. Dasselbe, andere Auswahl. (Öreskr. 36. 37.) 8. (48 u. 64 S.)
Ebenda. 20 u. 25 öre.
255. Svenska folksagor, samlade af J. L. 12. (92 S.) Stockholm 1870.
Carlson.
256. Nägra fo rnlemningar och foiksägner i Misterhults socken. Smäland,
Dybeck, Rana 3. Heft. Stockh. 1870, S. 39—40.
257. Sägner om troll. (Smaskrifter för folket 4.) 8. (16 S.) Stockholm
1870. Norstedt & Söner.
Ebenso Nr. 6; Sägner om jättar; Nr. 6: S. om tomtar; Nr. 7: S. om Necken.
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Programm des Gymnasiums zu Ratzeburg 1869. Vgl. Archiv f. d. Studium der
neueren Sprachen 47, 337.
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erklärt. Aus dem Schwedischen übersetzt und mit Nachträgen versehen von
J. Mestorf. Mit 4 Taf. Abbild. 8. (88 S.) Hamburg 1870. Meißner. 24 Ngr.
Vgl. Bibliographie 1869, Nr. 245; Heidelb. Jahrbücher 1870, 10. Heft; Saturday-
Review 10. Nov.; Hamburger Nachr. 133; Anz. f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1871, Nr. 6.
260. Bär, Wilhelm, die Quelle der Sagen von den Riesen und Drachen.
Kulturgeschichtliche Skizze.
AUgem. Familien-Zeitung 1870, Nr. 37.
261. Mussafia, Ad., suUa legenda del Legno della Croce. Studio. Lex.
8. (54 S.) Wien 1870. Gerold in Oomm. V^ Rthlr.
Aus den Sitzungsberichten der k. Akademie. Vgl. Revue critique 1870, Nr. 32
(G. Paris).
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Germania 15, 284-291.
263. Oesterley, H., zu Gesta Romanorum.
Germania 16, 104—105.
264. Historie von dem Zauberer Virgilius. Auf's Neue erzählt von
Bello Pileo. 8. (60 S.) Reutlingen 1870. Fleischhauer. 2 Ngr.
265. Oppert, Dr. Gustav, der Presbyter Johannes in Sage und Ge-
schichte. Ein Beitrag zur Völker- und Kirchenhistorie und zur Heldendichtung
des Mittelalters. 2. Aufl. 8. (VIII, 228 S.) Berlin 1870. Springer. 3 Rthlr.
Vgl. Athenaeum 1870, 15. October.
266. Bergmann. F. G., the San Greal: an inquiry into the origin and
»ignification of the San Greal. Edinburgh 1870.
Vgl. Athenaeum 1870, 9. April.
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2, dänisch. 3. russisch. 4. isländisch.
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273. Födisch, J. E., die Sage von der weißen Frau in Böhmen.
Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen, 9. Jahr-
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Berlin 1870. Heinersdorflf. '/, Ethlr.
Sammlung wissenschaftlicher Vorträge. 5. Heft. Vgl. Allgem. Liter. Anzeiger
1871, Nr. 48.
275. Blaas, C. M., der ewige Jude in Deutschland. Eine culturgeschicht-
liche Skizze. 8. (13 -S.) Programm des Gymnasiums zu Stockerau 1870.'
Vgl. Archiv f. d. Studium der neueren Sprachen 47, 468.
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Illustrirte Zeitung Nr. 1386—1414.
277. Uetterodt, Ludw., Graf, Promemoria eine angebliche Wappen»
und Schildsage der Grafen von Schwarzburg betreflfend.
Deutscher Herold. Monatsschrift für Heraldik. 1. Jahrgang (lf70).
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278. Liliencron, v., Nachträge zu Nr. 40 der historischen Volkslieder
und zu den Bruchstücken der Simon'öchen Reimchronik bei Lorenz Fries.
Sitzungsberichte der bair. Akad. d Wiss. 1870, II, 373—393.
279. Wormser Lied auf Franz von Sickingen aus dem Jahre 1515.
Rlitgetheilt von H. Ulmann.
Forschungen zur deutschen Geschichte 10, 656 — 660.
280. Tobler, über die historischeu Voikslieder der Schweiz.
Archiv des historischen Vereins in Bern 6, 305-362. Vgl. Archiv f. d. Studium
d. neueren Sprachen 47, 350.
281. Deutsche Volkslieder aus Kärnten. Gesammilt von Dr. V. Po-
gatschnigg und Dr. Em. Herrmaun. 2. Band, a. u. d. T. : Lieder vermischten
Inhaltes. 16. (244 S.) Graz 1870. Pock. 1 Rthlr.
Vgl. Wissenschaft!. Beilage der Leipz. Zeitung 1869, Nr. 27.
282. Das Volkslied im Voigtland.
Europa 1870, Nr. 13; im Anschluß an Dunger, oben Nr. 162.
283. Album polnischer Volkslieder der Oberschlesier. Übertragen von
Emil Erbrich. 8. (XIV, 66 S.) Breslau 1870. Gebhardi. Vj Rthlr.
284. Chambers, R. , populär rhymes of Scotland. New edition. 8.
(408 S.) London, Chambers.
285. Grundtvig, Sv., Danmarks gamle Folkeviser. 4. Bd., 2. Heft.
(S. J 93— 400). Köbenh. 1870.
32*
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286. Vallvisor, och barusänger. (Smäekrifter für folket. 9.) 8. (8 S.)
Stockholm 1870. Norstedt & Söner.
287. Svenska folkmelo dier.
Dybeck, Runa 3, 52.
288. Svenska gissegator.
Dybeck, Runa 3, 48-50.
289. ür program et tili aftonunderhällningen med nordisk folkmusik.
Dybeck, Runa 3, 50-52.
290. Rochholz, Prof. Dr. E., Zwei Kinderreime gedeutet.
Verhandlungen d. Vereins für Kunst und Alterthura in Ulm. Ulm 1870. Heft 3,
S. 42 ff.
291. Elliott, J. W., national nursery rhymes and nursery songs set to
muaic. With illustrations. kl. fol. London (Berlin, Asher) 1870. 2 '/^ Rthlr.
292. Englisch nursery rhymes translated into French by John Roberts.
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Vgl. Athenaeum 1871, 8. Juli.
293. Wand er, K. F. W. , Deutsches Sprichwörter - Lexicon. 28.— 30.
Lieferung, hoch 4. (Band 2, Sp. 1537—1886). Leipzig 1870. Brockhaus.
k Va Rthlr.
294. Hof er, Edm., Wie das Volk spricht. Sprichwörtliche Redensarten.
6. stark verm. Aufl. 16. (XVI, 212 S.) Stuttgart 1870. Krabbe. 24 Ngr.
295. Birlinger, A., Sprichwörter und Sprüche.
Gennania 15, 102-104.
296. Köhler, R., Zum Spruch vom Nagel im Hufeisen.
Germania 15, 105-106.
297. Deutsches Wesen in Sprüchwörtern, Sprüchen, Inschriften und
Devisen. I.
Beilage des preussischen Staats-Anzeigers 1870, Nr. 43.
298. Der schwäbische Michel s. Nr. 174.
299. Münz, Taufnamen als Gattungsnamen in sprichwörtlichen Redens-
arten.
Annalen des Vereins für Nassauische Alterthumskunde 10. Band.
300. Der Krieg im Munde des deutscheu Volkes.
Wochenblatt der Johanniter-Ordens-Balley Brandenburg 1870, Nr. 48.
301. Die sociale Stellung des Pferdes in Sprichwort und Fabel.
Europa 1870, Nr. 19, Sp. 595-604.
302. Tunnicius. — Die älteste niederdeutsche Sprichwörtersammlung von
Antonius Tunnicius gesammelt und in latein. Verse übersetzt. Hsg. mit hochd.
Übersetzung, Anmerk. und Wörterbuch von Hoffmann v. Fallersleben. gr. 8.
(224 S.) Berlin 1870. Oppenheim. V/^ Rthlr.
Vgl. Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen 47, 171; Liter. Centralbl. 1870,
Nr. 22; Magazin f. d. Liter, d. Auslandes Nr. 29.
303. Hoffmann von Fallersleben, die erste Ausgabe der Sprich-
wörtersammlung des Antonius Tunnicius.
Germania 15, 195 — 197.
304. Eichwald, K., niederdeutsche Sprichwörter und Redensarten ge-
sammelt und mit einem Glossar versehen. 4. Aufl. 8. (III, 92 S.) Bremen 1870.
Tannen. Va ^thlr.
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tive notes and a glossary. 3. edition. 8. (XII, 367 S.) Edinburgh 1870. 2 s. 6 d.
308. Kok, J., danske Ordsprog og Talemäder fra Sönderjylland. Sana-
lede og samnaenstillede med gamle og nyere nordiske ordsprog. 8. (208 S.)
Köbenhavn 1870.
309. Wil manne, W. , ein fragebüchlein aus dem neunten Jahrhundert.
Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 166 — 186.
310. Weller, Emil, unbekannte Ausgaben bekannter Volksbücher.
Serapeum 1870, Nr. 22, Intell. Blatt.
311. Tettau, W. Freiherr v., über einige bis jetzt unbekannte Erfurter
Drucke aus dem 15. Jahrhundert. 8. Erfurt 1870.
312. Schönhuth, 0. F. H. , Hugdietrichs Brautfahrt und Hochzeit.
Wieland der kunstreiche Schmied. Zwei sehr ergötzliche und abenteuerliche
Historien. Aus alter Geschrift gezogen und auf's Neue erzählt. 8. (72 S.) Reut-
lingen 1870. Fleischhauer. 2 Ngr.
313. Historie von der schönen Hirlande oder Sieg der Unschuld über
die Bosheit. 16. (48 S.) Reutlingen 1870. Enslin u. Laiblin. 1 Ngr.
314. Magelona, die schöne, und Graf Peter mit den silbernen Schlüsseln
aus der Provence. Eine anmuthige Geschichte aus alter Zeit. 16. (64 S.)
Ebenda 1870. 2 Ngr.
315. Schönhuth, 0. F. H. , Historie von Heinrich dem Löwen. Gar
wunderbarlich zu lesen. Mit schönen Figuren. Aus alter Geschrift auf's Neue
an's Licht gestellt, 8. (40 S.) Reutlingen 1870. Fleischhauer. 1 Ngr.
316. Birlinger, A., Zu den Volksbüchern. Schwäbische Zeugnisse.
Germania 15, 99-102.
317. Folkböger, gamla svenska, auyo utgifna. 1. Melusina. 2. De sju
vise Mästare. 3. Kejsar Octaviauus. 4. Jesu barudomsbok. 5. Grisilla. 6. Fortu-
uatus. 16. Orebro 1869.
318. Volksüberlieferungen.
Ostfriesisches Jahrbuch 1, 2. Heft.
319. Ros egger, P. K., Sittenbilder aus dem steierischen Oberlande. 8.
(VII, 262 S.) Graz 1870. Verlag d. 'Leykam'. 28 Ngr.
Enthält. Volkslieder, Sprichwörter und Gebräuche, Vgl. Neue evang. Kirchen-
zeitung 1870, Nr. 42.
320. Waizer, Rudolf, der Aberglaube in Kärntens Bergen.
Die Biene 1870, Nr. 5.
321. Födisch, Dr. J. E., aus dem nordwestlichen Böhmen. Beiträge
zur Kenntniss des deu'.schen Volkslebens in Böhmen. 8. (30 S.) Programm der
deutschen Ober-Real-Schule in Prag 1869.
Vgl. Archiv f. d. Studium d. neuereo Spracheu 47, 332,
482 BffiLIOGRAPHIE VON 1870.
322. Dornick, Pastor emer. , kirchliche Sitten in der südlichen Ober»
Laneitz.
N. Lausitzisches Magazin 47. Bd , 1. Heft.
323. Jacobs, Ed., die Bedeutung des Brockens für die Volksvorstellung
als Geisterberg etc.
Zeitschrift des Harz- Vereins f. Geschichte u. Alterthumskunde, 3. Jahrgang (1870).
324. Reinhard, L., Aberglaube in Mecklenburg.
Buch der Welt 1870, Nr. 2.
325. Zorn, Th., Aberglaube bei den Mönchsgutern auf der Insel Rügen.
Globus, von K. Andree, 18. Band.
326. Kristensen, E. T. , jydske folkeminder, isser fra Hammerum
Herred. 3. Heft. (80 S.) Köbenh. 1870.
327. Altbayerische Cultur skizzen. Die Bauernhochzeit. IX. Der Hoch-
Keitstag.
Augsburger Postzeitung, Sonntagsblatt, 1871, Nr. 23.
328. Hochzeitsbräuche auf Mönchsgut.
Sonntagsblatt von Duncker 1870, Nr. 12.
329. T bemann, 0., westfälische Bauernhochzeit.
Daheim 1870, S. 572—574.
330. Winkler, Johann, de bruidshoogten op het Noord-Friesche eiland
Sylt, naar C. F. Hansen.
De Vrije Fries 12. Deel. Leeuwarden 1870.
331. Reinsberg-Düringsfeld, Frh. v., Heirathsorakel in England.
Der Bazar 1870, Nr. 26. 28.
332. Die sieben Wochentage in Glauben und Brauch des Volks,
Von E. S.
ninstrirte Zeitung Nr. 1383.
333. Lichtmeß (v. H.).
niustrirte Zeitung Nr. 1387,
334. Hörmann, L. v., tirolische Ostern.
Der Hausfreund 1870, Nr. 29, S. 457 ff.
335. Hörmann, L. v., Christi Himmelfahrt und Pfingsten in Tirol.
Der Hausfreund 1870, Nr. 36, S. 569 ff.
336. St. Johannisblumen.
Europa 1870, Nr. 26, Sp. 825—32. Nach J. Nathusius.
337. R(ein8berg) D(üringsf eld), v., der St. Nikolaustag,
niustrirte Zeitung Nr, 1431.
838. Hör mann, L. v., das Julfest der alten Germanen.
niustrirte Zeitung Nr, 1435.
339. Lang, H., Geschichte der Weihnacht.
Zeitstimmen aus der reformirten Kirche der Schweiz, 12. Jahrgang, Nr. 1 ff.
340. Weinhold, K., Weihnachts-Spiele und Lieder aus Süddeutschland
und Schlesien. Neue (Titel-) Ausgabe. Graz 1870. Leuschner. '^/g Rthlr.
341. Brunner, S., das Passionsspiel zu Oberammergau in den J. 1860
und 1870, 3. Aufl. 8, Wien 187Ü, Braumüller. 24 Ngr.
342. Forsch, J., das Passionsspiel zu Oberammergau in Bayern, gr, 16.
(IV, 124 S.) Bamberg 1870. Buchner. 14 Ngr.
Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1870, Nr. 26; Keusch, theolog. Literaturblatt Nr. 11.
343. Holland, Hyacinth, das Ainmergauer Passionsspiel im J, 1870.
Iknn den „Zeitgemäßen Broschüren]." 8. (28 S.) Münster 1870. Russell. 2 Ngr.
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 4gg
544. Lainpert, Friedr., das Passionespiel in Oberammergau. Zur Füh«
rang und Orientirung. 8. (IV, 67 S.) VTürzburg 1870. Stuber, V^ Rthlr.
Vgl. Allgem. Liter. Zeitung Nr. 22; Blätter f. liter. Unterhalt. Nr. 42; Z. theolot
Literaturbl. Nr. 24.
345. Das PassionsSchauspiel im Oberammergau. Mit dem voll-
ständigen Texte der Chorgesänge. 8. (72 S) Augsburg 1870. Schmid. 6 Ngr.
346. Schöberl, Franz, das Oberammergauer Passions-Spiel mit den
Passionsbildern von A. Dürer. 16. (^90 S.) Eichstätt 1870. Krüll. Vs ßthlr.
Vgl. Allgem, Liter. Zeitung Nr. 31 ; Heindl, Repertorium Nr. 7 ; Magaz. f. Päda-
gogik Nr. 30.
347. Aus dem Zuckmantler Passionsspiel.
Allgem. Evang, Luther. Kirchenzeitung 1870, Nr. 34, S. 629—639.
X. Alterthümer und Culturgeschichte.
34^. Müllen hoff, Karl, deutsche Alterthumskunde. 1. Band. gr. 8.
(501 S.) Berlin 1870. Weidmann. SVg Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 21 (A. v. Gutschmid); Zeitschrift für d. Öster-
reich. Gymnas. S. 153 — 181; Saturday Review Nr. 791; Blätter f. liter. Unterhalt. 1870,
Nr. 38; "Preußische Jahrbücher 1871, S. 178—183 (Scherer).
349. Lecky, W. E. H. , history of European morals, from Augustas to
Charlemagne. 2 voll. 8. (930 S.)
Vgl. Edinburgh Review Nr. 265, S. 36 ff.
350. Lecky, W. E. H. , Sittengeschichte Europas von Augustus bis
auf Karl den Grossen. Nach der 2. verb. Aufl. mit Bewill. d. Verf. übersetzt
von Dr. H. Jolowicz. 1. Band. gr. 8. (XH, 405 S.) Leipzig 1870. C. F.
Winter. 1 Rthlr. 24 Ngr.
Vgl Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1871, Nr. 6; Magazin f. d. Liter,
d. Ausl. Nr. 30; N. evang. Kirchenzeitung Nr. 38; Zimmermanns theol. Literaturbl.
Nr. .30; Dorpat. Zeitschr. f Theol. XII, 3; Hauck's theolog. Jahresber. 1871, Nr. 10.
351. Scberr, Job., deutsche Kultur- und Sittengeschichte. 4. Auflage,
gr. 8. (XIV, 625 S.) Leipzig 1870. 0. Wigand. 2V3 Rthlr.
Vgl. Xationalzeitung Nr. 145; Europa Nr. 11; Hall. Zeitung Nr. 59; Hessische
Morgenzeitnng Nr. 3693. 3929; Hamburg. Nachricht. Nr. 57; Zeitung f Norddeutschi.
6476; Breslauer Zeitung Nr. 203; Blätter f. liter. Unterh. 1871, Nr. 9; Musikliteraturbl.
1870, Nr. 12.
352. Müller, J., der Aargau. Seine politische, Rechts-, Kultur- und Sitten-
geschichte. 1. Band. Zürich 1870. Schulthess. 2 Rthlr.
353. Kasiski, Major, die Pfahlbauten in dem ehemaligen Persanzig-See.
Baltische Studien 23. Jahrgang.
354. Hartmann, R., über Pfahlbauten namentlich der Schweiz sowie
über noch einige andere, die Alterthumskunde Europa's betreflPende Gegenstände.
Zeitschrift für Ethnologie v. A. Bastian n. R. Hartmann, 2. Jahrgang, 1. 2. 4. Heft.
355. Dederich, Oberl. Prof. A., Julius Caesar am Rhein. Nebst An-
hang über die Germani des Tacitus (Germ. 2) und über die Franci der Peu-
tinger' sehen Tafel. 8. (IV, 87 S.) Paderborn 1870. Schöningh. V3 Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 52.
356. Tacitus, Agricola, Germania, Dialogus de oratoribus. Recogn.
Ant. Bonzö. 16. (77 S.) Milano 1869. fr. 0,40.
357. Planck, Adolf, Beiträge zur Erklärung der Taciteischen Germania,
4. (42 S.) Heilbronn (Tübingen, Fues) 1867. 7,, Rthlr.
Erst jetzt (1870'i in den Handel gekommen.
484 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
358. Usinger, Prof. K., zu Tacitus Germania cap. 2.
Forschungen zur deutschen Geschichte 11, 595 — 616.
359. Wiedemann, Th., Nachtrag zu der Abhandlung 'über eine Quelle
von Tacitus Germania.
Forschimgen zur deutschen Geschichte 10, 595 — 601.
360. Waitz, G., Über angebliche Benutzung von Tacitus Germania
im Mittelalter.
Forschungen zur deutschen Geschichte 10, 602.
361. Watterich, Prof. Dr., der deutsche Name Germanen und die
ethnographische Frage vom linken Rheinufer. Eine historische Untersuchung.
gr. 8. (VIII, 112 S.) Mit einer Karte. Paderborn 1870. Schöningh. 7^ Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 12; Blätter f. liter. Unterh. Nr. 6 (Eückert);
Herrigs Archiv 47, 456 (Mahn); Anzeiger f. Kunde d. deutsch. Vorzeit 1871, April;
N. Preuß. Zeitung 1870, Nr. 250.
862. Kellner, Dr. Wilhelm, Chatten und Hessen. Eine Untersuchung
über die Herleituug des Namens der Hessen aus dem der Chatten.
Hassel's Zeitschrift f. preußische Geschichte 7, 425 — 442.
363. Pallmann, Dr. Rud. , die Cimbern und Teutonen. Ein Beitrag
zur altdeutschen Geschichte und zur deutschen Alterthumskunde. gr. 8. (III,
70 S.) Berlin 1870. Klönne u. Meyer. % Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 37.
364. Die Alterthümer unserer heidnischen Vorzeit. Nach den in öffent-
lichen und Privatsammlungen befindlichen Originalien zusammengestellt und heraus-
gegeben von dem römisch-germanischen Centralmuseum in Mainz durch dessen
Conservator L. Lindenschmit. 2. Band, 12. (Schluß-) Heft. gr. 4, (6 Steintafeln
und 19 S. Erklärungen.) Mainz 1870. v. Zabern. % Rthlr.
365. Grabhügel aus heidnischer Vorzeit bei Frankfurt.
Mittheilungen an die Mitglieder d. Vereins f. Geschichte und Alterthumskunde
zu Frankfurt a. M. 4. Bd., Nr. 1.
366. Peter, Anton, heidnische Grabalterthümer in Schlesien.
Mittheilungen der k. k. Central-Commission etc. 15. Jahrgang (1870).
367. Vedel, E., om de bornholmske Brandpletter, Begravelser fra den
seldre Jernalder.
Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 1. Heft.
368. Feddersen, Arthur, Nogle viborgske Oldsager og Udgravinger.
Aarböger f nordisk Oldkyndighed 1870, 3. Heft.
369. Eugelhardt, C, Om Stendysser og deres geografiske Udbredelse.
Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 2. Heft.
370. Worsaae, J. J. A., Om Forestillingerne paa Guldbracteaterne. Et
Tydningsforsög.
Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 4. Heft. Mit Figuren im Texte und 10
Tafehi.
371. Ein norwegisches Fahrzeug aus der Wikinger Zeit.
llhistrirte Zeitung Nr. 1280.
372. Wein hold, Prof. Dr. Karl, die gotische Sprache im Dienste des
Kristenthums. Festschrift. 8. (38 S.) Halle 1870. Buchhaudl. d. Waisenhauses.
y4 Rthlr.
Vgl. Heidelb. .Jahrbücher 1871. S. 646—648 (K. Bartsch); Zeitschrift f. deutsche
Philologie 2, 236 — 237 (Bernhardt); Keusch, theolog. Literaturbl. Nr. 11 (Birlinger).
373. Waitz, Georg, deutsche Verfassungsgeschichte. 2. Band, 2. um-
gearb. Auflage, gr. 8. (VIII, 738 S.) Kiel 1870. Homann. 5 Rthlr.
374. Roseustei n, über das altgermaniscbe Königthum.
Zeitschrift für Völkerpsychologie 7. Baad, 2. Heft.
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 485
375. Maurer, G. L. v., Geschichte der Städteverfassung in Deutsch-
land. 1. 2. Band. gr. 8. Erlangen 1869-70. Enke. 8 Rthlr. 9 Ngr.
Vo-l. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 43; Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit
Nr. 7; Allg-em. Zeitung, Beil. 277 ff.
376. Hegel, C, zur Geschichte der Städteverfassuug im Mittelalter.
Sybel's historische Zeitschrift 12. Jahrg. (1870) 3, 1 — 21. Essay über Maurer.
577. Usinger, R., der Haushalt der Stadt Hamburg im 14. Jahrhundert.
Sybel's historische Zeitschrift, Jahrgang 1870, 3, 22 — 42. Essay über Koppraann
(Bibliogr. 1869, 371).
378. Barbeck^ Hugo, Patrizierleben, insbesondere Nürnbergisches im
Allgemeinen.
Album des Literar. Vereins in Nürnberg 1870, S. 15 48.
379. Köhler, A., über den Stand berufsmäßiger Sänger im nationalen
Epo.9 germanischer Völker.
Germania 1-5, 27—50.
380. Weiniuger, H., Die Barbarei des Mittelalters. CulturListorische
Skizze.
Allgera. Familien-Zeitung 1870, Nr. 5.
381. Kälund, Kr., Familielivet pä Island i den forste Sagaperiode
(indtil 1030), säledes som det fremtsajder i de historiske sagaer.
Aarböger f. nordisk Oldkyndiglicd 1870, 4. lieft.
382. Maurer, K, Islands und Norwegens verkehr mit dem süden vom
IX. bis XIII. Jahrhundert.
Zeitschrift für deutsehe philologie 2, 440- 468.
383. Stephan, Heinrich, kgl. preuß. Geh. Oberpostrafh , das Verkehrs-
lebcn im Mittelalter.
Raumer's historisciies Taschenbuch 4. Folge, 10. Jahrgang (1870).
384. Stephan, da.s Verkchrsleben des Mittelalters.
Beilage des k. preußischen Staats-Anzeiger.s 1870, Nr. 33 — 35.
385. Jahns, Max, der Pferdehandel.
Faucher"s Vierteljahrschrift für Volkswirthschaft 8, 50—62.
386. Deppiug, Guillaume, Wunder der Körperkraft und Geschicklich-
keit der Menschen. Historische Darstellung der Leibesübungen bei den alten
und neuen Völkern. Aus dem Franz. von R. Springer, Mit 69 Illustr. gr. 8.
(412 S.) Berlin 1869—70. Saccoo. 1% Rthlr.
Vgl. Europa 1870, Nr. 26.
387. Die Ringkunst des deutschen Mittelalters mit 119 Ringerpaaren
von Albrecht Dürer. Aus den deutschen Fechthandschriften zum ersten Mal
herausg. v. Karl Wassmannsdorff. gr. 8. (XXIII, 203 S.) Leipzig 1870. Priber.
2 Rthlr.
388. Wassmannsdorff, K., sechs Fechtschulen [d. i. Schau- und Preis-
fechten] der Marxbrüder und Federfechter aus d. J. 1573 — 1614; Nürnberger
Fechtschulreime V. J. 1579 u. Rösener's Gedicht: Ehrentitel u. Lobspruch der
Fechtkunst v. J. 1589. Eine Vorarbeit z. e. Geschichte der Marxbrüder und
Federfechter. 8. (VII, 58 S.) Heidelberg 1870. Groos. 16 Ngr.
389. Macphersou, J., the baths and wells of Europe. London 1869.
390. Baths and Bathing Places, ancient and moderne.
Quarterly Review Nr. 257, S. 151—182. Referat über Macpherson's u. a. Schriften.
391. Köhler, Oberstlieutenant, eine Handschrift über Kriegskunst aus
der Mitte des 1 5. Jahrhunderts.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1870. Sp. 6-10; 37-41; 73—79;
113—118. ....
486 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
392. Specht, F. A. C. v., Gen. Lieut. a. D., Geschichte der Waffen.
Nachgewiesen u. erläutert durch die Culturentwickelung der Völker u. Beschrei-
bung der Waffen aus allen Zeiten. In 4 Bänden. 1. Bd. 8. (IV, 527 S.) Cassel
1870. Luckhardt.
V^l. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 45.
393. Hilde brand, R., Zu Germania IX, 45.
Germania 15, 236. Über dringen.
394. Eichwald, Karl, Cumpelmenteerbook vun't J. 1572. Tor lust und
lerre upt Nee 'nitgewen. 2. Aufl. 16. (11 S.) Bremen 1870. Tannen. 3 Ngr.
395. Zapp, Dr., Geschichte der deutschen Frauen. Vier Vorträge gehalten
in Berlin im Winter 1870. 8. (XII, 216 S.) Berlin 1870. Henschel. 1 Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 5.
396. Escher, Dr. Heinr. , Prof., die Rechtsverhältnisse, der Einfluß und
die Sitten der Frauen in den Gegenden, welche jetzt das Gebiet der schweizeri-
schen Eidgenossenschaft bilden, in der zweiten Hälfte des Mittelalters, gr. 8.
(76 S.) Aarau 1870. Sauerländer. 12 Ngr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 28.
397. Aus deutscher Vergangenheit. I. Die Frau im Mittelalter.
Illustr. Familien-Zeitung 1870, Nr. 40, S. 630 fg.
398. Hofmann, Dr. F., Privatdocent, über den Verlobungs- und Trau-
ring. 8. Wien 1870. Gerold in Comm.
Sitzungsberichte d. k. Akad. d. Wissensch. 65. Band.
399. Richter, Albert, zur Geschichte des deutschen Kinderspiels. Cultur-
geschichtliche Skizze.
Westermanns illustrirte Monatshefte, October 1870, S. 37 — 47.
400. Das deutsche Kinderspiel.
Ewopa 1870, Sp. 679—688. Nach A. Richter.
401. Über den Ursprung unserer geselligen Spiele.
Allgem. Modenzeitung 1870, Nr. 22.
402. Ursprung der Spielkarten.
Illustrirte Zeitung Nr. 1399. 1400. Mit Abbildungen.
403. Gouw, J. ter. De volksvermaken. 3. Lief, bis Schluß. 8. Haarlem
1870. Erven Bohn. ä f. 0,40; compl. f. 8,80.
404. Köhler, Ernst, Hrabanus Maurus und die Schule zu Fulda. 8.
(40 S.) Leipzig 1870.
Dissertation. Vgl. Allgem. Liter. Anzeiger V, 426; Jahrbücher f. Philol. und
Pädag. 102, 515.
405. Colombel, Gymnas. Oberl., die Burgen und die Burgfrieden des
deutschen Mittelalters.
Annalen d. Vereins f. Nassauische Alterthumskunde 10. Band. Wiesbaden 1870.
406. Pike, G. H., ancient meeting-houses, or memorial pictures of non-
conforTTiity in old London. 8. (504 S.) London 1870. Partridge.
407. Tafel- und Zimraergeräth vrr fünfhundert Jahren.
Europa 1870, Sp. 271-278. Nach Weili.
408. Zahn, Dr. A. v., altdeutscher Teppich auf der Wartburg.
Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1870, Nr. 92 — 94. Mit Abbildung und
folgenden deutschen Versen :
woluf ale meine wilden man
wir wellent festen und buirge ha(n).
schiesen alle nieman los abe
an büte gewinnent wil einne habe.
unser vesten die ist wol behüt
mit gügeu klewea rosenblüt.
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 487
409. Curtze, Oswald, die Hausinschriften im Fürstenthum Waldeck.
Beiträge zur Geschichte der Fürstenthümer Waldeck und Pvrmont. 3. Band,
1. Heft. Arolsen 1870.
410. Homeyer, G., die Haus- und Hofmarken. Mit XLIV Tafeln. 8.
(XXIV, 423 S.) Berlin 1870. Ober-Hofbuchdruckerei. 2'/^ Rthlr
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 5; Im neuen Reich, Nr. 20 (Emminghans);
Zeitschr. f. Gesetzgebung u. Rei-htspflege in Preu!ien V, 2. 3; Anzeiger f. Kunde d.
deutsohen Vorzeit, Nr. 6; Heidelberger Jahrb. S. 161—185 (Zöpfl); kritische Viertel-
jahrsschrift 13. Jahrg., 3. Heft: Allgem. liter. Anzeiger VII, 2; Grenzboten 1870, Nr. 25;
Preuß. Staatsanzeiger 1871, Beilage 10.
411. Homeyer, über Hausmarken.
Monatsbericht der Berliner Akademie, März 1870.
412. Voß, über die Rolandsbilder.
Blätter z. näheren Kunde Westfalens, 8. Jahrgang.
413. Ilg, Albert, zur Philosophie der Todesvorstellung im Mittelalter.
Mittheilungen der k. k. Central-Commission etc. 15. Jahrgang (1870).
414. English Gilds. The original ordinances of more tban one hun-
dred early English Gilds: together with the olde usages of the cite of Wyn-
chestre etc. Edited by T. Smith. 8. (CXCIX, 483 .S.) London 1870. Trübner.
Publication der Early English Text Society.
415. Förstemann.E., Straßennamen nach Gewerben. Zweite Sammlung.
Germania 15, 261—284.
416. Frankfurter Straßennamen.
Beilage des Preuß. Staatsanzeigers 1870, Nr. 52.
417. Staub, L., die Buchdruckerkunst. Eine historisch-technische Skizze
mit Rücksicht auf die Schweiz, speciell auf Zug. 4. (22 S.)
Programm der Cantonsschule in Zug 1870.
418. Weiß, Karl, Nachrichten über den Anfang der Buchdruckerkunst
in Speier mit besonderer Berücksichtigung der ersten Druckerfamilie Drach.
2 Abth. 4. (32 S.)
Programm des Gymnasiums in Speier 1870.
419. Linde, Dr. A. van der, de Haarlemsche Costerlegende wetenschap-
pelijk onderzocht. 2' uitgaaf. 8. (X, 352 S.) 's Gravenhage 1870. Nijhoff.
f. 3,50.
420. Meurs, Dr. F. van, de Keulsche kroniek en de Costerlegende van
Dr. A. van der Linde te samen getoetst. 8. (VIH, 65 S.) Haarlem 1870.
Kruseman. f. 0,75.
421. Weiß, Hermann, Kostümkunde (III. Abschnitt). Handbuch der
Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14. Jahrhundert bis auf die
Gegenwart. Mit Illustrationen. 7. u. 8. Lief. gr. 8. (S. 673 — 880.) Stuttgart
1870. Ebner und Seubert. k 24 Ngr.
422. Der Hut in der Culturgeschichte.
Novellenzeitimg 1870, Nr. 2.
XI. Kunst.
423. Camesina, A. Ritter v., über Glasmalerei.
Mittheilungen der k. k. Central-Commission etc. 15. Jahrgang (1870).
424. Der Todtentanz, wie derselbe in der weitberühmten Stadt Basel
aLs ein Spiegel menschlicher Beschaffenheit ganz künstlich mit lebend. Farben
488 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
gemahlet, nicht ohne nützliche Verwunderung zu sehen ist. Orig. Holzschn. des
16. Jahrb. Mit den deutschen Versen. 8. (XII, 83 S. m. eingedr. Holzschn.)
Leipzig 1870. Danz. 1 Rthlr.
425. Lübke, Wilh., Geschichte der Plastik. 2. stark verm. und verb.
Aufl. Mite. 350 (eingedr.) Holzschn. 1. — 4 Lief. Lex. 8. (S. 1 — 176.) Leipzig
1870. Seemann, ä % Rthlr.
426. Kirch, G., die Räthselbilder an der Broncethür der Domkirche zu
Augsburg. 4. Würzburg 1870. Woerl in Comm. 18 Ngr.
427. Kornerup, J., Om nogle af de gaadefulde Menneske- og Dyre-
skikk eiser, som forekomme i vor Middelalders konst.
Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 3. Heft. Mit Abbild.
428. Lübke, Wilh., Geschichte der Architektur. 4. stark verm. u. verb.
Aufl. Mit etwa 700 Illustr. in Holzschn. 1.— 4. Lief. Lex. 8. (S. 1 — 176.)
Leipzig 1870. Seemann, k Yg Rthlr.
429. Baudenkmäler, die mittelalterlichen, Niedersachseus. Herausg. von
dem Architekten- u. Ingenieur- Verein für das Königreich Hannover. 13. — 15. Heft.
Imp. 4. Hannover 1869 — 70. Schmorl u. Seefeld.
430. Baudenkmale, Rheinlands, des Mittelalters. Herausg. von Fr.
Bock. 2. Serie. 12 Lieferungen, gr. 8. Köln 1870. Schwann. 2 Rthlr.
431. Kornerup, J., Materialet i de aeldste danske kirker.
Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 2. Heft. Mit 6 Bildern,
432. Weber, Gustav, Pfarrer, der Dom des heil. Gral. Neuer Abdruck.
16. (31 S.) Quedlinburg 1868. Franke. 6 Ngr.
Vgl. Allgem. literar. Anzeiger 1870, S. 221.
433. Naumann, Emil, die Tonkunst in der Culturgeschichte. 1. Band,
2. Hälfte, gr. 8. (S. 399-772.) Berlin 1870. Behr. 2 Rthlr.
Vgl. Magazin f. d. Lit. d. Ausl. 1871, Nr. 30; Spenersche Zeitung Nr. 206; Bl. f.
liter. Unterh. Nr. 43,
XII. Rechtsgeschichte und Rechtsalte rthümer.
434. Schulte, Prof. Dr. Joh. Fr. Ritter v. , Lehrbuch der deutschen
Reichs- und Rechtsgeschichte 2. umgearb. Auflage, gr. 8. (XII, 588 S.) Stutt-
gart 1870. Nitzschke. 3V3 Rthlr.
435. Wyß, Fr. v., Beiträge zur schweizerischen Rechtsgeschichte. 8,
(88 S.) Basel 1870.
Abdruck ans der Zeitschr. f, Schweiz. Rechtsgeschichte. Vgl. Götting. Gel. Auz.
1870, Nr. 26.
436. Stemann, C. L. E, , den danske Retshistorie indtil Christian V's
Lov. 3. Heft, 8. (240 S.) Köbenhavn 1870, Gyldendal.
437. Beseler, Prof. Dr., der Judex im bairischen Volksrechte.
Zeitschrift f. Rechtsgeschichtc 9, 244 — 261.
438. Sohm, Rud. , die geistliche Gerichtsbarkeit im fränkischen Reich.
Zeitschrift f. Kirchenrecht 9, 193—271.
439. Stüve, Dr. C, Untersuchungen über die Gogerichte in Westfalen
und Niedersachsen. 8. (VIII, 151 S.) Jena 1870. Frommann. 24 Ngr.
Vgl, Literar. Centralbl. 1871, Nr. 17; Zeitschr. f. hannöv. Recht 3; Anzeiger
f. K. d. d. Vorzeit Nr. 6; historische Zeitschrift 1871, 2, 392-395 (Waitz).
440. Böhlau, H., .aus der Praxis des Magdeburger Schöffenstuhls wäh-
rend des 14, u. 15. Jahrhunderts.
Zeitgchnft f. Recht8g«3chichte 9, Band, 1, Heft.
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 489
441. Hahn, H., altdeutsches Eügegeiicbt lu deu Harzer Bergen.
Die Gartenlaube 1870, Ö. 436—438.
442. Maldaga B«kur Hoola donikyrkiu.
In: Timarit gefid üt af J. Püturssyni 1, 57 73 2, 73-92,
443. Tzschirner, K., de iiidole ac natura promisaionis popularis^
Auslobung quam vocant. Dissertatio. Berlin 1870. Puttkammer in Comm.
Vj Rthlr.
444. Wasserschieben, geh. Justiz-R. Prof. Dr. H. , das Princip der
Erbenfolge nach den älteren deutschen und verwandten Rechten. Eine rechts-
geschichtliche Untersuchung. 8. (VI, 312 S.) Leipzig 1870. Breitkopf u. Härtel.
iVa Rthli.
445. Kayser, Paulus, quid veteris juris Lubecensis Codices, quales
a. 1839 Hachii curis prodierunt, de hereditatibus statuerint. Dissertatio, 8.
(VI, lOÜ S.) Berlin. Puttkammer in Comm. '/g Rthlr.
446. Schröder, Rieh., zur Geschichte des Warterechts der Erben.
Zeitschrift f. Eechtsgeschichte 9, 410—421.
447. Bülow, Paul., utium ad dominium rerum immobilium transferen-
dum aecundum jus saxonicum medii aevi resignatione solemni in judicio facto
opus fuerit nee ne. Dissertatio. 8. (.S7 S.) Königsberg 1870.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 27.
448. Um J)ridjüngam6t f Rdngar fifngi og Arness J)ingi & söguöldinni og
ymislegt f>ar ad lutandi.
In Timarit af J. Peturssyni 1, 73—88; 2, 92—114.
449. Zingerle, kleine beitrage zu den deutschen recbtsalterthümern.
Zeitschrift für deutsche pbilologie 2, 324 — 326.
450. Luchs, Dr. H., über die kirchlichen Rechtsalterthümer Breslaus.
Schlesiens Vorzeit in Bild und Kunst, Bd. 2, Heft 1.
451. Roth, P., zur Geschichte des bayrischen Volksrechtes. 4. (VI,
23 S.) München 1870. Franz in Comm. V4 Rthh-.
Vgl. Eeusch, Literaturblatt 1869, Nr. 17.
452. Muth, Rieh. Friedr. v. , das bairische Volksrecht. .Eine rechts-
historische Abhandlung. 8. 22 S.
Programm des Gymnasiums zu Krems 1870. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 3
(Laband).
453. Edictus ceteraeque Langobardorum leges. Cum constitutionibus
et pactis principum Beneventanorum. Ex majore editione monumentis Germaniae
inserta correctiores recudi ferit Fr. Bluhme. 8. (III, 224 S.) Hannover 1870,
Hahn. 18 Ngr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 36.
454. Summa legis Longobardorum. Longobardisches Rechtsbuch aus
dem XII. Jahrhundert. Nach den Handschriften herausg. von Prof. Dr. Aug.
Anschütz. 8. (58 S.) Halle 1870. Buchh. des Waisenhauses. ^3 Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 11.
455. Der Sachsenspiegel nach der ältesten Leipziger Handschrift
herausg. von Prof. Dr. Jul. Weiske. 4. Aufl., neu bearb. von Prof. Dr. Hilde-
brand. 8. (XVI, 181 S.) Leipzig 1870. Hartknoch. % Rthlr.
456. Bohl au, H., Fragmente einer Sachsenspiegel-Handschrift.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte 9, 476. Pap. 14/15. Jahrh.
490 ÖIBLIOGRAPHIE VON 1870.
457. Hnupt, K. J. Th., der Alvil des Sachsenspiegels und seine Ver-
wandten. Ein Beitrag zur vergleichenden Mythologie. 8. (39 S.) Liegnitz 1870.
Cohn. 8 Ngr.
Abdruck aus dem N. Lausitz. Magazin, 47. Band, Der Verf. führt das Wort auf
Albe, Elfe, zurück. Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 37.
458. Hof er, A., Altvile im Sachsenspiegel.
Germania 15, 417 — 419.
459. Volckmann, Dr. E., das älteste geschriebene polnische Rechts-
denkmal. 4. (24 S.) Elbing 1869. Saunier.
460. Staradowne prawa polskiego ponniki wy-dal Antoni Zygmunt
Helcel (Alte polnische Rechtsdenkmäler, herausg. von A. S. Helcel). 2. Band.
4. (XIX, 960 S.) Krakau 1870. L. Helcel.
Darin eine deutsche Aufzeichnung des polnischen Gewohnheitsrechtes aus dem
13. Jahrb. S. 1-33, derselbe Text, den Nr. 459 auch enthält. Vgl. Sybels historische
Zeitschrift 1871, 4, 492.
461. Landbuch, Appenzellisches , v. J. 1409. Ältestes Landbuch der
schweizerischen Demokratien. Herausg. von J. B. Rusch. 8. Zürich 1869.
Schultheß.
Mit einem freilich sehr ungenügenden Glossar. Vgl kritische Vierteljahrsschrift
12, 95 — 98. (Osenbrüggen )
462. Das Barrecht von Pottenstein. Mitgetheilt von Th. Wiedemann.
Österr. Vierteljahrsschrift f. kathol. Theologie, 9. Band, 1. Heft.
463. Böhlau, Dr. Hugo, Beiträge zum Schweriner Stadtrecht.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte 9, 261-286.
464. Bech, F., die bischöflichen Satzungen über das Eidgeschoss in
Zeitz aus dem 14. und dem 15. Jahrhundert. 4. (24 S.)
Programm des Gymna.siums in Zeitz 1870.
465. Franklin, 0., Sententiae curiae regiae. Rechtssprüche des Reichs-
hofes im Mittelalter. 8. (XVI, 148 S.) Hannover 1870. Hahn. 1 Rthlr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 2; histor. Zeitschr. 13. Jahrg. 3. Heft; Kritische
Vierteljahrsscbrift 13. Jahrgang, 3. Heft.
466. Ältester Hofrodel von Jona, c. 1400, mitgetheilt von Helbling.
Mittheiluugen f. vaterläud. Geschichte v. histor. Verein in St. Gallen, NF. 2.
Heft. (187U).
467. Crecelius, W., Urkunden aus Deutsch-Lothringen.
Zeitschrift des Bergischen Geschiclitsvereins, 7 Band. Enthält eine deutsche
Urkunde von 1306, eine von 1341, ein Weisthum von St. Nabor; vgl. Grimms VVeis-
thümer II, 38.
468. Kirch hoff, Alfr. , die ältesten Weisthümer der Stadt Erfurt über
ihre Stellung zum Erzstift Mainz aus den Hss. heiausg., erklärt und mit aus-
führlichen Abhandlungen versehen. Nebst e. Plan der Stadt Erfurt um 1300.
8. (IX, 314 S.) Halle 1870. Buchh. d. Waisenhauses. 2 Rthlr.
\ gl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 45; Histor. Zeitschrift XHI, 396 — 399 (Laband);
Heidelb. Jahrbücher 1871, S. 263 269 (Koppmann); Spenersche Zeitung Nr. 168.
469. Weisthümer, niederrheinische. 2. .^btheil. Jülisch-Bergische Weis-
thümer. A. Jülische Weisthümer. B. Bergische Weisthümer.
Archiv für die Geschichte des Niederrheins N. Folge, 2. Bd., 1. 2. Heft.
470. Schröder, Rieh., Specimen libri sententiarum Clivensis. 4. (16 S.)
Bonn 1870.
Akademische Abhandlung.
471. Schröder, R., Mittheilungen über Clevischc Rechtsquellen des lö,
Jahrhunderts.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte 9, 421—476.
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 491
472. K euren en ordonnantien der stad Delft. Van den aanvang der XVI"
eeuw tot het jaar 1536. Naar twee Hss. gecopieerd en met eenige aantekenin-
gen voorzien door J. Soutendam. 8. (257 S.) Delft 1870. Molenbroch. f. 3,00.
473. Hellwald, F. v., iets over een oud Brugsch Handschrift.
De Taal- en Letterbode 2, 229—236.
474. Maurer, K., über das Alter einiger isländischer Rechtsbücher.
Germania 15, 1 — 17.
XIII. Li tteraturgeschichte und Sprachdenkmäler.
475. Gödeke, Karl, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung aus
den Quellen. 3. Band. 3. Heft. gr. 8. Dresden 1870. Ehlermann. 1 Rthlr.
476. Heinrich, G. A., Histoire de la litterature allemande. 8. Paris
1870. 3 Bände.
Vgl. Historisch-polit. Blätter, 67. Band, 8. Heft.
477. Kurz, Heinr., Leitfaden zur Geschichte der deutschen Literatur.
3. verb. Aufl. 8. (XVIII, 319 S.) Leipzig 1870. Teubner. 1 Rthlr.
Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1870, Nr. 48; Literar. Handweiser Nr. 93-94.
478. Hahn, Werner, Geschichte der poetischen Literatur der Deutschen.
5. Aufl. 8. (VIII; 331 S.) Berlin 1870. Hertz. 1 Va Rthlr.
Vgl. Herrigs Archiv 46, 323.
479. Weber, G., tyska litteraturen, dess upkomst, utveckling och historia.
Ifran äldsta tiderna intill vara dagar. Kort sammandrag. Ofversatt af B. F.
Olsson. 8. (178 S.) Stockholm 1870. 1 rd. 25 öre.
480. Kluge, Prof. Dr. Herm., Geschichte der deutschen National-Literatur.
Zum Gebrauche an höheren Unterrichtsanstalten bearbeitet. 2. Aufl. gr. 8.
(VIII, 168 S.) Altenburg 1870. Bonde. 14 Ngr.
Vgl. Germania 16, 346—357 (Bechstein) ; Blätter f. d. bayr. Gymnasialschulw.
Vn, 6; Jahrbüciier f. Philol. u. Pädag. 1871, 2. Heft; Herrigs Archiv 47, 167; Wis-
sensch. Beilage d. liCipz. Ztg. Nr. 46; Allgem. Liter. Anzeiger VIT, 6; Academy Nr. 24.
481. Horst, Klotilde v. d., Geschichte der deutschen Literatur von der
ältesten bis auf die neuere Zeit mit Beispielen aus den besten Werken der Poesie
und Prosa. Zum Gebrauche für Schulen und zum Selbstunterricht. 3. Theil.
gr. 8. (XII, 648 S.) Detmold 1870. Meyer. Vj^ Rthlr.
482. Schäfer, Prof. Dr. J. W., Grundriß der Geschichte der deutschen
Literatur. 11. Auflage. 8. (VIII, 204 S.) Bremen 1870. Geisler. 12 72 Ngr.
483. Burkhardt, J. G E., Geschichte der deutschen Literatur. I. Poesie.
Für Schulen und zum Selbstunterrichte. 2. Aufl. (XII, 271 S.) Leipzig 1870.
Klinkhardt. 18 Ngr.
484. Dietlein, W. , Leitfaden zur deutschen Literaturgeschichte. Mit
Berücksichtigung der poetischen Gattungen und Formen. Für höhere Töchter-
und Bürgerschulen. 4. verb. Auflage, gr. 8. (VIII, 136 S.) Quedlinburg 1870.
Franke. Va Rthlr.
485. Evans, Dr. E. P., Abriß der deutschen Literaturgeschichte. 8.
(236 S.) New- York 1869. 6 s.
486. Reuter, Dr. Wilh., Literaturkunde, enthaltend Abriß der Poetik
und Geschichte der deutschen Poesie. 4. Aufl. gr, 8. (X, 154 S.) Freiburg
i. B. 1870. Herder. 12 Ngr.
Vgl. Allgem. liter. Anzeiger Nr. 44 ; Musik- u. Literaturbl. Nr. 1 ; Kathol. Zeit-
;scbrift f, Erziehung und Unterricht Nr, 1. .
492 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
487. Frickc, Dr. Willi., Tiiuclleii 7-ur Geschichte der deutschen Lite-
ratur und Kunst. 8. (X, 54 S.) Leipzig 1870. Klinkhardt. '/^ Rthlr.
Vgl. Herrigs Archiv 47, 310; Allgem. Literar. Anzeiger VI, 4; Jessen. Central-
blatt 1870, Nr. 9.
488. Lange, Otto, literaturgeschichtliche Lebensbilder und Charakteri-
stiken. Biographisches Repertorium der Geschichte der deutschen Literatur. 8.
(VIII, 332 S.) Berlin 1870. Gärtner. 1 Rthlr.
Vgl. Blätter f. liter. Unterhaltung 1871, Nr. 21.
489. Scheinpflug, Bernhard, die Dichtungsarten und ihre Literatur für
Mittelschulen zusammengestellt. 2. Auflage. 8. Prag 1870. Dominikus. 22 Ngr.
490. Jonckbloet, W. J. A., Geschiedeuis der Xederlandsche Letter-
kunde. 2, 1. 8. (336 S.) Groningen 1870. Wolters.
491. Jone kblo et's, W. J. A-, Geschichte der niederländischen Lite-
ratur. Von Verf. und Verleger des Originalwerkes autorisierte deutsche Ausg.
von W. Berg. Mit einem Vorwort und einem Verzeichniss der niederland.
Schriftsteller und ihrer Werke von E. Martin. 1. Band. 8. (XVI, 468 S.)
Leipzig 1870. Vogel. 2-3 Rthlr.
Vgl. Ergänzungsblätter VI, 271 — 274 (Glaser); Gosche's Archiv f. Liter. Gesch.
1, 509—514; Blätter f. liter. Unterh. 1871, Nr. 21; Saturday Review Nr. 760; Leh-
mann's Magazin 1870, Nr. 32; Westermanns Monatshefte, Nov.; Weserzeitung Nr. 8325;
Nation. Zeitung Nr. 255; Hamburg. Nachricht. Nr. 102.
492. V loten, J. van, beknopte Geschiedeuis der Nederlandsche Letteren,
ten dienste van het hooger en middelbaar onderwijs, en alle vordere belangstel-
lenden. 2. Druk. r stuk 8. (208 S.) Tiel 1870. f. 1,60.
493. Schets van de geschiedeuis der Nederlandsche Letterkunde. I.
Inleiding in de middeleeuwen. 8. (IV, 31 S.) Delft 1869. Waltmann. f. 0,40.
494. Bakhuizen van den ßrink, R. C, Studien en schetsen over vader-
landsche geschiedeuis en letteren. Verzameld eu uitgegeven door E. J. Potgieter.
2. Deel, 2 — 5. Aflev. 8. 's Gravenhage 1870. Nijhoff.
495. Deutschland und die Niederlande in ihren ältesten literarischen
Beziehungen.
Die Grenzboten 1870, Nr. 38—39. Ajiknüpfend an Nr. 491.
496. Meijer, J. H., History of english literature for the use of Dutch
schools gathered from the works of Spalding, Shaw, Pride a. others. 8. (IX,
227 S.) Groningen 1870. W^olters. f. 1,50.
497. Smith, Will., a smaller history of English literature for the use
of schools, 8. (VII, 268 S.) London 1870. Murray. 3 s. 6 d.
498. Allibone, S. A., a critical dictionary of English literature and
British and American authors, living and deceased, from the earliest account
to the latter half of the 19. Century. Vol. I. IL Lex. 8. London 1870. Trübner.
499. s. Nr. 83. 84.
500. Atterbom, P. D. A., litterära karakteristiker. 2 Theile. (426 u.
347 S.) Örebro 1870. Bohlin.
501. Uhlands Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage. 5. Band,
gr. 8. (VIII, 343 S.) Stuttgart 1870. Cotta. 2 Rthlr. 24 Ngr.
Vgl. Gott. Gel. Anzeigen 1870, S. 1769—74 (Liebrecht).
502. Spach, L., oeuvres choisies. T. IV. 8. (X, 615 S.) Strasbourg
1870. 15 fr.
Behandelt u. a. Lamprecht, H. v. Veldeke, Wolfram, Hartmann, Rudolf v. Ems,
Konrad v. Würzburg, Walther, und 34 andere LyrUser. Vgl. Kevue critique 1870, Nr. 28,
BIBLIOGRAPHIE VON 18t0. 493
503. Altmüller, K., deutsches Schriftthum im Elsaß.
Ergänzuugsblätter z. Kenatniss der Gegenwart 6, 420 — 426.
504. Petersen, N. M., Saralede Afhandlinger. 1. Theil. 8. (IX, 388 S.)
Kjöbenh. 1870.
505. Günther, E. A. W. , die deutsche Heldensage des Mittelalters.
Für Schule und Haus bearbeitet. 8. (XIII, 246 S.) Hannover 1870. Brandes.
V2 Kthlr.
Vgl. Saturday Review 1870, 20. Aug.; Allgem. deutsche Lehrerzeitung Nr. 44.
506. Klaiber, Julius, die Frauen der deutschen Heldensage. 16. (27 S.)
Stuttgart 1870. Grüninger. Ve ^^tblr.
507. Dony, Oberl. Dr., das weibliche Ideal nach Homer mit ßücksicht
auf andere National-Epen, Programm der Realschule I. Ordnung zu Perleberg
1870.
Vgl. Herrig's Archiv 47, 334.
508. Fritzner, Job., bevise navnene i de nordisk Völsungasagn , at
disse ere laante fra Tydskerne? Kristiania 1870.
Aus histor. Tidskrift 1, 179-186.
509. Egermann, Josef, Auf welchen Bedingungen beruht die erste Blüthe-
periode der deutschen Literatur? Ein literargeschichtlicher Überblick. 8. (30 S.)
Programm der Realschule in Böhmisch-Leipa 1870.
510. Lortzing, zum Verständniss des Ritterthums und seiner Poesie.
4. (24 S.)
Programm des Progymnasiums zu Bochum 1870.
511. Riezler, Dr. S. 0., der Kreuzzug Kaiser Friedrich I.
In: Forschungen zur deutschen Geschichte 10, 1 — 149. Darin als 7. Beilage
(Ö. 115 — 119) 'Minnesinger, die sich auf die genannte Kreuzfahrt bezieheo. 8. 'Deutsche
Epen fS 119—125). 9. 'Elegia de morte Friderici.' (S. 125 fg.), lateinisch, und S. 126
bis 140 'das Ende des Kaisers in Geschichte und Sage.
512. Gödeke, K. , zur Geschichte des Meistergesanges. 1. Der unerkannte
Ton. 2. Schnach Regilräu.
Germania 15, 197—202.
513. Koch, Ed. Emil, Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs
der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. 3. Auflage.
6. Bd. gr. 8. (X, 558 S.) Stuttgart 1870. Belser. 1 Rthlr. 6 Ngr.
Vgl Literar. Centralbl. 1871, Nr. 10; Hauck's Jahresbericht V, 4.
514. Wackernagel, Philipp, Das deutsche Kirchenlied von der ältesten
Zeit bis zum Anfang des 17. Jahrhundei'ts. 29 — 31. Lieferung (3. Bd., S. 865 bis
1184). Leipzig 1870. Teubner. ä Va Rthlr.
515. Leitritz, Wilh., Beiträge zu eiuer fruchtbaren Behandlung der
deutsch-evangelischen Kirchenlieder von Luther bis auf die Gegenwart. 4. Aufl.
8. (XVI, 596 S.) Berlin 1870. Beck. iV^ Rthlr.
516. Biedermann, A., das religiöse Drama. 1 — 3.
Zeitstimmen aus der reformirten Kirche der Schweiz 12, Jahrgang.
517. Leibing, Dr. Franz, die Regie eines großen Osterspiels im J, 1583.
Europa 1870, Nr. 16; vgl. Bibliogr. 1869, Nr. 495.
518. Inscenierung eines geistlichen Schauspiels im Mittelalter.
Europa 1870, S. 59—64 (nach Leibing).
519. Delepierre, Octave, la parodie chez les Grecs, les Romains et
chez les modernes, kl. 4. (182 S.) London 1870. Trübner.
Behandelt namentlich auch die mittelalt. latein. Parodien. Vgl. Revue critique
1870, Nr. 18; Athenaeum 1871, 1. Juli.
GERMANIA. Neue Reihe IV. (XVI. Jahrg.) 33
494 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
520. Oesterley, H., Romulus, die Paraphrasen des Phädrus und die
aesopisehe Fabel im Mittelalter. 8. (124 S.) Berlin 1870. Weidmann.
Vgl. Gott. Gel. Anz. 1870, Nr. 42 fSelbstanzeige) ; Liter. Centralbl. 1871. Nr. 23;
Allgem. Liter. Zeitung Nr, 9.
521. Wendeler, Camillus. de praeambulis eorumque .historia in Ger-
mania. Part. I. de praeambulorum indole, nomine, origine. 8. (III, 55 S.)
Halle 1870. Buchhandl. d. Waisenhauses. Yg Rthlr.
522. Müllenhoff, K., altdeutsche Sprachproben. 2. Aufl. 8. Berlin 1870.
Weidmann, -/g Rthlr.
523. Neumann, Alois, mittelhochdeutsches Lesebuch mit einleitenden
und erklärenden Bemerkungen und einem Glossar. 8. (VI, 264 S.) Wien 1870.
Beck. 28 Ngr.
Vgl. Zeitschrift f. rl. Österreich. Gymnasien 1870, S. 754 — 764 (Greistorfer) ; 1871,
S. 280—285 (Jeitteles); Knhns Zeitschrift 20. Bd., 2. Heft; AUgem. Liter. Zeitung
1871, Nr. 5.
524. Viehoff, Prof. Dr. Heinr.. Handbuch der deutschen Nationallite-
ratur nebst einem Abriß der Literaturgeschichte, Verslehre, Poetik und Stylistik
und Aufgabensammlung. 3. Theil. Proben der älteren Prosa und Poesie. 6. Aufl.
8. (IX, 181 S.) Braunschweig 1870. Westermannn. 12 Ngr.
525. Weber, Georg, Lesebuch zur Geschichte der deutschen Literatur
alter und neuer Zeit. 3. unveränd. n. erweit. Auflage. 8. (XXIII, 520 S.)
Leipzig 1870. Engelmann. 1 Rthlr.
526. Schau enburg, Dr. Ed., und Dr. R. Ho che, Deutsches Lese-
buch für die Oberklassen höherer Schulen herausg. 2 Theile. 8. Essen 1870.
Bädeker.
1; Theil: 13—16. Jahihundert.
527. March, Fr. A., introduction to Anglo-Saxon. An anglo-saxon reader,
with philological notes, a brief grammar and a vocabulary. 8. (VIII, 166 S.)
New- York 1870. 7 s. 6 d.
528. Sprachproben, altenglische, nebst einem Wörterbuche. Unter Mit-
wirkung von K. Goldbeck herausgegeben von E. Mätzner. 1. Band: Sprachproben.
2. Abtheilung: Prosa, gr. 8. (416 S.) Berlin 1870. AVeidmann. 4 Rthlr.
Vgl. Athaeneum 2207; North Brit. Review 104.
529. Wimmer, L. F. A. , oldnordisk liesebog med tilhörende ordsam-
ling. 8. (VIII, 220 S.) Kjöbenhavn 1870.
Vgl. Literar. Centralbl. 1871, Nr. 12.
530. Vilmar, A. F. C, Anfangsgründe der deutschen Grammatik. II.
Die deutsche Verskunst nach ihrer geschichtlichen Entwickelung. Mit Benutzung
des Nachlasses von Dr. A. F. C. Vilmar bearb. von Dr. C. W. M. Grein. 8.
(XIV, 245 8.) Marburg 1870. Elwert. 1 Rthlr.
531. Schubert, Herm., de Anglosasorum arte metrica. Dissertatio. 8.
(55 S.) Berlin 1870. (Calvary). 12 Ngr.
532. Valentin, Dr. Veit, der Rhytlimus als Grundlage einer wissen-
schaftlichen Poetik. 8. (13 S.)
Programm der Handelsschule zu Frankfurt a. M. 1870. Vgl. Herrig's Archiv
47, 327.
533. Dannehl, Dr., Geschichte und Bedeutung des reimlosen fünfi'üiMgen
jambischen Verses in der deutschen Dichtung. 4. (21 S.)
Programm tlcs Gymnasiums iu Kudülstadt 1870. Vgl, Herrig's Archiv 48, 198.
BIBLIOGRArHIE VON 1870. 495
534. Kurz, Hermann, der Kappenzipfel.
Germania 15, 95 — %.
535. Zarnckc, zur Geschichte des fünffüßigen Jambus.
Berichte der sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1870, S. 207—212.
536. Kachel, Dr. Max, Reimbrechung und Dreireim im Drama des Hans
Sachs und andrer gleichzeitiger Dramatiker. 4. (30 S.) Freiberg 1870. 8 Ngr.
Programm des Gymnasiums, Vgl. Herrig's Archiv 48, 199.
A. Gothisch.
537. Meyer, G., Über Lukas 15, in Ullilas gothischer Bibelübersetzung.
4. (8 S.)
Programm der höheren Bürgerschule in Hannover.
538. Bernhardt, E., ein beitrag zur geschichte des textes der gotischen
bibelübersetzung.
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 294— .302.
B. Althochdeutsch.
539. Meyer, Karl, das Hildebrandslied.
Germania 15, 17—26.
540. Zarncke, zum Hildebrandsliede.
Berichte der sächs. Gesellsch. d. Wis^. 1870, S. 197-198.
541. Otfried, Leben Christi und Lehre besungen von — . Aus dem alt-
hochd. übersetzt von Joh. Kelle. 8. (VII, 512 S.) Prag 1870. Tempsky. 2 Rthlr.
Vgl. Zeitschrift für deutsche philologie 2. 246 (Zupitza); Reusch, tlieolog. Lite-
raturbl. 1870, Nr. 15; N. Preuß. Zeitung Nr. 114; Kathol. Blätter aus Tirol Nr. 21;
Hauck, Jahresbericht 1871, Nr. 7.
542. Behringer, Edmund, Krist und Heliand. Eine Studie, gr. 4.
(62 S.) Berlin 1870. Ebeling u. Plahn. 'Vg Kihlr.
Vgl. Zum Literaturblatt 1870, Nr. 42 (Brandes) ; Uauck, theol. Jahresber. 1871,
7. Heft; Reusch, theol. Literaturbl. 1871, Nr. 14 (Lindemann); Allgem. Zeitung, Bei-
lage 172.
543. Wolfgramm, Fr., Otfrieds Evangelienbuch, ein Denkmal der
deutschen Literatur. 4. (13 S.)
Programm des Gymnasiums zu Stargard in Pommern 1869. Vgl. Herrig's Archiv
47, 334.
544. Die Sprache Otfrieds von Weissenburg.
Allgem. Zeitung 1870, Beilage 73.
545. Hof mann, Über ein Notkerfragment.
Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie 1870, I, 529 — 531, Aus der Schrift de
octo tonis.
546. Hof mann, Studien über die Vorauer Handschrift.
Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie 1870, II, 18.3 — 196. Behandelt die
Schöpfung (= Summa theologiae), welche in 32 zehnzeilige Strophen zerlegt wird.
547. Sievers, E., zum Vocabularius Sancti Galli und den Glossae Keronis.
Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 119—125.
548. Steinmeyer, E. , die deutschen Virgilglossen.
Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 1 — 119.
549. Keinz. Fr., Mittheilungen aus der Münchener k. Bibliothek.
Germania 15, 3-15—357. Hauptsächlich aus ahd. Glo.s.senhandschriften.
550. Pfannerer, Dir. Maur. , altdeutsche Beicht- und Gebetfoimel aus
einem Codex des Stifts Tepel. Programm des Gymnasiuiri.>^ zu Pilsen 1870.
Dieselbe, die Pfeiffer, Forschung und Kritik II, bereits mitgetheilt. Vgl. Herrig's
Archiv 47, 468.
33*
496 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
C. Mittelhochdeutsch.
551. Äntelail. Von W. Scherer.
Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 140 — 149. Aus der Hs. des Piaristen-
collegiums zu Wien herausgegeben.
552. Arzneibuch. — Hofmann, über das Zürcher Arzneibuch des XII.
Jahrhunderts.
Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie 1870, I, 511 — 526.
553. Burgliart von Hohenfels. — Richter, 0., Burghart von Hohen-
felsj eine literar.-historische Skizze aus der Blüthezeit des Minnegesangs.
Neues Lausitz. Magazin 47. Bd., l. Heft (1870).
554. Barack, Dr., über den Minnegesang am Bodensee und den Minne-
sänger Burkhard von Hohenfels. Schriften des Vereins für Geschichte des
Bodensees. 2. Heft. Lindau 1870.
555. Chroniken, die, der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahr-
hundert. 8. Band: Die Chroniken der oberrheinischen Städte. Straßburg, 1. Bd.
gr. P. (XI, 498 S.) Leipzig 1870. Hirzel. 3 Rthlr.
Vgl. Sybels histor. Zeitschr. XIII, 3, 258 ff.; Literar. Centralbl. 1870, Nr. 22;
Keusch, Literaturbl. Nr. 17 (Birlinger); Saturday Review 19. Nov.; Gott. Gel. Anz.
Nr. 21 (Frensdorff); Trübner's liter. Record Nr. 70.
556. Lorenz, 0., Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter von der
Mitte des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts. In Anschluss an W. Watten-
bachs Werk. 8. (IX, 339 S.) Berlin 1870. Hertz. 2 Kthlr.
557. Erlösung. — Bartsch, K., Bruchstücke einer Handschrift der
Erlösung.
Germania 15, 357—358.
558. Ernst. — Jäuicke, 0., über die abfassungszeit der beiden deut-
schen gedichte von herzog Ernst.
Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 151—166.
559. Freidank. — Paul, Hennann, über die ursprüngliche Anordnung
von Freidanks Bescheidenheit. Inauguraldissertation. 8. (66 S.) Leipzig 1870.
560. Grion, Dr. Justus, Fridanc.
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 408 — 440. Voll der wunderlichsten Einfälle.
561. Friedrich von Schwaben s. Nr. 549.
Gedichte.
562. Höfler, C, Gedicht auf Meister Eckhart.
Germania 15, 97—99.
563. Keinz, altdeutsche Denkmäler.
Sitzungsberichte d. bayer. Akademie 1870, II, 109—119. Religiöse Dichtungen
des 12. Jahrb., eingetragen in die Münchener Hs. lat. 935; daninter zum Theil die
Sequenz von Muri.
564. Ein Seel vor Gottes Füßen lag. Gedicht aus dem Anfang des
14. Jahrb., übertragen von A. Freybe. gr. 16. (V, 68 S.) Leipzig 1870. Nau-
mann. 12 Ngr.
Vgl. Allgem. Lit. Zeitung Nr. 37; Braunschw. Hannov. Luther. Kirchenbl. 39;
Volksblatt f. Stadt u. Land 94; Christenbote 34; Hauck, theol. Jahresber. 1871, 1. Heft.
565. Gottfried von Strassburg. — Kurz, Herrn., Zum Leben Gott-
frieds von Straßburg.
Germania 15, 207—236. 322-345.
566. Ja nicke, 0., Setmunt.
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 495.
567. Halbsuter. — Liebenau, der Dichter Hans Halbsuter von Luzern.
Monatsrosen des Scbweiser Studentenvereins 15, 186-200.
BIBLIOGRAPHIE VON 1870 497
568. Hartmann von Aue. Herausgegeben von Fedor Bech. 1. Theil.
Ärec der Wunderaere. 2, Aufl. 8. (XX, 356 S.) Leipzig 1870. Brockhau«.
1 Rthlr.
Auch u, d. T. : Deutsche Classiker des Mittelalters. 4. Band.
569. Heinz el, R., über die lieder Hartmanns von Aue.
Zeitschrift für deutsches alterthum 15, 125 — 140.
570. Höfer, Alb., Hen- und Frau Hacke.
Germania 15, 411 — 416.
571. Gütb, Dr., das Verhältniss des Hartmann'schen Iwein zu seiner
altfranzösischen Quelle.
Archiv für das Studium der neueren Sprachen 46, 251 — 292,
572. Heinrich VI. — Meyer, Karl, die Lieder Kaiser Heinrichs VI.
Germania 15, 424—431.
573. Heinrich von Morungen. — Bartsch, K., zu Heinrich von Morungen.
Germania 15, 375—376.
574. Heldenbuch, deutsches. 5. Teil, gr 8. Berlin 1870. Weidmann.
273 Rthlr.
Inhalt: Dietrichs Abenteuer von Albrecht von Kemenaten nebst den Bruchstücken
von Dietrich und Wenezian. Herausgeg. von Jul. Zupitza. (LV, 296 S ) Vgl. Zeitschrift
für deutsche philologie 2, 237 — 244 (Steinmeyer); Zeitschr. f. d. österr. Gymnasien
1870, 556—561 (Heinzel).
575. Zarncke, Kaspar von der Rhön.
Berichte der k. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften 1870, S. 207.
576. Hesler, Heinrich, s. Nr. 29.
577. Historienbibeln, die deutschen, des Mittelalters, nach vierzig Hand-
schriften zum ersten Male herausgegeben von Dr. J. L. F. Theodor Merzdorf.
2 Bde. 8. (914 S.) Stuttgart 1870. Litterar. Verein.
100. und 101. Publication des litter. Vereins. Vgl, Keusch, theolog. Literaturbl.
1871, Nr. 17 (Birlinger).
578. Johann von Wiirzburg. — Regel, K., ein dichterisches Zeugniss
für einige Persönlichkeiten des thüring. fränkischeti Gebietes.
Zeitschrift d. Vereins f. thüiing. Gescliichte 7. Bd., 4. Heft.
579. Johannesminne und deutsche Sprichwörter aus Handschriften der
Schwabacher Kirchenbibliothek. Von C. Hofmann.
Sitzuujjjsbcrichte der Münchener Akad. 1870. II, 15—38. Die Sprichwörter aup
einer latein. Predigtsanimlung des 14. .Jahrh.
580. Konrad von Heimesfurt. — Wülcker, R., und K. Bartsch,
der Dichter der Urstende.
Germania 15, 157 — 161.
581. Kudrun. — Hildebrand, R., Zur Gudrun.
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 468 — 478.
582. Mariendichtung. — Narrationes de vita et conversatioue b. Mariae
virginis et de pueritia et adolescentia salvatoris ex cod. Gisscnsi ed. 0. Sch.ide.
i. (28 S.) Königsberg 1870.
Als Quelle deutscher Mariendichtunj^en hier anzuführen.
583. Mechthild. — Offenbarungen der Schwester Mechthild von
Magdeburg, oder das fließende Licht der Gottheit, aus der einzigen Handschrift
des Stiftes Einsiedeln herausg. von P. Gall Morel. 8. (XXXII, 287 S.) Regens-
burg 1869. Manz.
Vgl. Literar Centralbl. 187u, iS'r. U
584. Minnesänger. — Müller, Max, Old Germjin Love
In M. Müllers Chips from a Gennan Workshop, Bd. IIl.
498 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
585. Mönch von Heilsbronn, der. Zum ersten Male vollständig her-
ausgegeben von Oberbibl. Dr. J. F. L. Theodor Merzdorf. gr. 8. (XXVII,
170 S.) Berlin 1870. Ebeling u. Plahu. sVa Rthlr.
Vgl. Heidelberger Jahrbücher 1870, 8. Heft.
586. Neidhard. — Keinz, Fr., und Fr. Wieser, zu Neidhard's Liedern.
Germania 15, 431—434.
587. Bergmann, Jos. v., ein lateinisches Epitaphium Neidhardi.
Mittheilungen der k., k. Central-Commission etc. 15. Bd.
588. Nibelunge, der, Not, mit den Abweichungen von der Nibelunge
Lied , den Lesarten sämmtlicher Handschriften und einem Wörterbuche, her-
ausgegeben von K. Bartsch. 1. Theil. Text. 8. (XXIII, 394 S.) Leipzig 1870.
Brockhaus, l^a Rthlr.
Vgl. Allgem. Liter. Zeitung 1871, Nr. 25; Ällgem., Zeitung 1870, Nr. 214; Zeit-
schi-ift f. d. österr, Gymnasien 1870, S. 403—409 (Scherer).
589. Hofmann, Beiträge zur Textkritik der Nibelungen (als Probe aus
einer später in den Denkschriften erscheinenden größeren Abhandlung).
Sitzungsberichte der k. bayer. Akademie 1870, I, 527 — 528. Über die in A fehlen-
den Strophen.
590. Briefwechsel über das Nibelungenlied von C. Lachmann und
Wilhelm Grimm. (Fortsetzung und Schluß.)
Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 343— 3C5. 515—628.
591. Huß, H., über den ethischen Werth des Nibelungenliedes.
Zeitschrift f. d. österr. Gymnasien 1870, 831—856.
592. Stolte, Gymnasiallehrer, Dr., der Nibelunge Not verglichen mit
der Ilias. 4. (26 S.) Programm des Gymnasiums zu Rietberg 1869.
Vgl. Herrig's Archiv 47, 335.
593. Zarncke, Friedrich der Große und das Nibelungenlied.
Berichte der k. säcbs. Akademie d. Wissenschaften 1870, 203 — 206.
594. Meyer, Karl, die dramatischen Bearbeitungen der Nibelungensage.
Deutsche Vierteljahrsschrift Nr. 130 (1870), S. 140 ff.
595. Oswald. — Strobl, Jos., über das Spielmaunsgedicht von St. Os-
wald. (Aus den Sitzungsber. der Akademie.] Lex. 8. (III, 48 S.) Wien 1870.
Gerold in Comm. ^/^ Rthlr.
596. Oswald von Wolkenstein. — Zingerle, Dr. J. V., Beiträge zur
älteren tirolischen Literatur. I. Oswald von Wolkenstein. [Aus den Sitzungsber.
der Akad.] Lex. 8. (78 S.) Wien 1870. Gerold in Comm. 12 Ngr.
597. Ottacker von Steier. — Karajan, Th. Ritter v. , zu Seifried
Helbling und Ottacker von Steiermark. Zwei Vorträge. [Aus den Sitzungsber.
d. Akad.] Lex. 8. (26 S.) Wien 1870. Gerold in Comm.
598. Lütolf, A., Herr Otto vom Turne, der Minnesinger zu Lucern. (Ab-
druck aus dem Geschichtsfreund Bd. XXV.) Einsiedeln 1870. Benzinger. 32 S. 8.
Mit dem Bilde ans der Pariser Hs. Vgl. Kölnische Volkszeitung 1870, Nr 293.
599. Passionaldichter. — Zingerle, Dr. J. V., Findlinge. Heft H.
[Aus den Sitzungsber. d. Akad.j Lex. 8. (140 S.) Wien 1870. Gerold in Comm.
% Rthlr.
Stücke aus dem Leben der Altväter.
600. Reinmar von Zweter. — Deutsche Lieder von R. v. Zw.
Allgem. Evang. luther. Kirchenzeitung 1870, Nr. 23. 24.
601. Rothe. — Funkhänel, Dr., zu Rothe's düringischer Chronik
S. 466 ff. der v. Liliencron sehen Ausgabe.
Zeitschrift d, Vereins f. thüring, Geschichte 7. Bd., 4. Heft.
BTBLTOGEAPHIE VON 1870. 499
602. Witzschel, Dr, A., Nachtrag über das Lebeu der heil. Elisabeth
von Rothe.
Zeitschrift d. Vereins f. thüring. Geschichte 7. Bd , 4. Heft.
603. Schauspiel. — Das Spiel von den zehn Jungfrauen, eine Opera seria,
gegeben zu Eiseuach am 24. April 1322, übertragen u. zeitgeschichtlich behandelt
von A. Freybe. 16. (V, 99 S.) Leipzit? 1870. Naumann, '/a Rthlr.
Vgl. ßraunschw. hannov. luther. Kirchenbl. Nr. 39; Christenbote 43.
604. Bechstein, R., das Spiel von den zehn Jungfrauen.
Allgem. Zeitung 1870, Beilage 316.
605. Schneider's, Hans, historisches Gedicht auf die Hinrichtung des Augs-
burger Bürgermeisters Schwarz. Von C. Hofmann.
Sitzungsberichte d. Münchener Akad. 1870, I, öOO-öll. Vom Jahre 1478.
606. Seifried Helbling s. Nr. .597.
607. Spervogel. — Scherer, Wilh., Deutsche Studien. I. Spervogel. [Aus
den Sitzungsbor. d. Akad] Lex. 8. (73 S.j Wien 1870. Gerold in Comm. '4 Rthlr.
608. Weihnachtslied von Spervogel (12. Jahrhundert).
Lutherische Kirchenzeitung 2. Bd. 5. Heft.
609. W. , zwei EgerUlndische Geschlechter, die Spervogel und die Juncker.
Mittheiluugen d. Vereins f. Geschichte d. Deutschen in Böhmen, 9. Jahrg. 5. Heft.,
Vgl. Bibliogr. 1869, Nr. 588.
610. Thomasin. — Eugene Oswald, Early German Courtesy-Books.
An account of the Italian Guest by Thomasin von Zirilaria (sie !), of How the
knight of Winsbeke tought bis son, and the Lady of VVinsbeke her daughter, the
German Cato and Tannhaeusers Courtly Breeding. 1869.
Vgl. Magazin f. d. Liter, d. Auslandes 187]. Nr. 46.
611. Ulrich von Zatzikhoven. — Bächtold, J., der Lanzelet des Ulrich
von Zatzikhoven. Dissertation. 8. (56 S.) Frauenfeld 1870. Huber. '/g Rthlr.
A'gl. N. Zürcher Zeitung 1870, Nr. 387.
612. Walther von Klingen. — Pupikofer, Decan J. A., Walther III,
Freiherr von Klingen zu Klingnau, Ritter und Minnesänger.
Schriften d. Vereins f. Geschichte d. Bodensees. 2. Heft. Lindau 1870.
613. Walther von der Vogelweide. Herausgegeben von Franz Pfeiffer.
3. Aufl., herausgeg. von K. Bartsch. 8. (LXIV, 344 S.) Leipzig 1870. Brockhaus.
1 Rthlr.
Deutsche Classiker d. Mittelalters 1. Bd. Vgl. Allgem. Zeitung 1870, Beilage 108.
614. Walther von der Vogelweide. Herau.sgeg., geordnet und erklärt
von K. Simrock. 8. (XII, 254 S.) Bonn 1870. Marcus. Vg Rthlr.
615. Walther von der Vogelweide, Auswahl aus den Liedern, heraus-
gegeben u. mit Anmerkungen u. einem Glossar versehen von Beruh. Schulz. 8.
(XV, 124 S.) Leipzig 1870. Teubner.
616. Bechstein, Reinh., zu Walthers Vocalspiel.
Germania 15, 434—438.
617. Anzoletti, Patriz, ist Walther von der Vogelweide ein Tiroler? 8.
(46 S.) Programm des Gymnasiums zu Bozen 1870.
Vgl. Zeitschrift f. d. östeiT. Gymnasien 1871, 363—365 (Job. Schmidt); Herrio-'.s
Archiv 47, 468.
618. Scharlach, Dr., Walther von der Vogelweide als nationaler Dichter.
Görlitz 1870. Programm der höheren Töchterschule.
619. Wernher der Gartenaere s. Nr. 549.
620. Schröder, Rieh., Corpus juris germanicum poeticum. II. Wernhcf
der gartenaere und bruder Wernher.
Zeitschrift f. deutsche philologie 2, 302—305,
500 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
621. Wolfdictrich. — Liebrecht, F., zur Litteraturgeschichte des Wolf-
dietrich. (Nachtrag zu Germ. 14, 226).
Germania l.o, 192 — 194.
622. Wolfram's von Eschenbach Parzival und Titurel. Herausgegeben
von K. Bartsch. 1. Theil. 8. (XXXVII, 362 S.) Leipzig 1870. Brockhaus. 1 Rthlr.
Deutsche Classiker d. Mittelalters. 9. Bd. Vgl. Liter. Centralbl. 1871, Nr. 20;
Allgem. Liter. Zeitung Nr. 13.
623. Zarncke, zu Wolfram's Parzival. — Zu Wolfram's Leben.
Berichte der k. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften 1870, S. 199—202.
624. Strobl, Jos., zu Wolfram's Willehalm.
Germania 15, 95.
Zur Litteratur des 16. Jahrhunderts.
625. Fischait. — Wackernagel, Wilh., Johann Fischart von Straßburg
und Basels Anthcil au ihm. 8. (VIII, 214 S.) Basel 1870. Schweighauser.
1 '/2 Rthlr.
Vgl. Revue critique 1870, Nr. 6.
626. Fischart's Nachtrabe. Ein 300jahriges literar. Juhilaeum.
Europa 1870. Nr. 20.
627. Kirchhoff, Hans Wilh., Wenduumuth. Herausgeg von H. Österley.
5 Bände. 8. Stuttgart 1869.
96—99. Pnblicat. d. litter. Vereins. Vgl. Heidelb. Jahrb. 1871, S. 391—396
(Liebrecht).
628. Luther. — Schnorr v. Carolsfeld. Fr., über die Dresdner
Hes. der Tischreden Luthers.
Serapeum 1870, Nr. 11.
629. Luther, M., ob Kriegsleute raicli in seligem Stande sein können.
Wittenberg 1526. Neu durchgesehen und bevorwortet von Dr. G. C. A. v. Harlel.^.
8. (43 S.) Leipzig 1870. Fritzsche. 2 7^ Ngr.
6-'»0. Paulus AemiliuB. — Zamcke, des Paulus Aemilius Romanus
Übersetzung der Bücher Samuelis.
Berichte der k. sächs. Gesellscli. d. Wi.sseuscli. 1870, Ö. 212 — 22*5.
631. Sachs, Hans, herausgegeben von A. von Keller. 1 — 5. Band. 8.
Stuttgart 1870.
102—106. Publication des Litterar. Vereines.
632. Hans Sachs, Dichtungen. 1. Theil. Geistliche und vreltliche Lieder.
Hersiusg. v. K. Goedeke. 2. Theil. Spruchgedichte. Herausg. v. J. Tittmann. 8.
(L, 322; XXXVI, 264 S.) Leipzig 1870. Brockhaus. 2 Rthlr.
Deutsche Dichter des 16. Jainhunderts. 4. 5. Band. Vgl. Presse 1870, Nr. 157;
Süddeutsch. Sonntagsblatt Nr. 24.
633. Sachs, Hans, Kampfgespräch zwischen Sommer und Winter. Mit
einer Einleitung von C. Lützelberger.
Album des literar. Vereins in Nürnberg 1870. S. 1 14.
634. Hans Sachs als Meistersinger.
Allgemeine Zeitung 1870, Beilage 283.
63.5. Die Wohnhäuser des Hans Sachs.
Korrespondent von und für Deutschland 1870, Nr. 57. 5^
636. Waldis, B. — Weller, E., Barkard Waldis nicht katholisch.
Serapeum 1870, Nr. 13.
637. Eine Warnung an das Teutschland. 1572. Von E. Weller.
Anzeiger für K\%\Nde der deutschen Vorzeit 1870, Sp. 243 — 244.
638. Kuczynski, Arnold, thesaurus libellorum historiam reformationis
illujtrantium. Verzeichniss einer Sammlung von nahezu 3000 Flugschriften
BIBLIOGRAPHIE VON 1870. 501
Luthers und seiner Zeitgenossen. Nach den Original, aufgenommen und be-
arbeitet. Supplement zu den Handbüchern von Panzer, Weller, Gödeke und
Heyse. 8. (IV, 262 S.) Leipzig 1870. T. 0. Weigel. 1 Rthlr.
D. Altsächsisch.
639. Heiland s. Nr. 542.
E. Mittelniederdeutsch.
640. Aesopus, Niederdeutscher. 20 Fabeln und Erzählungen aus einer
Wolf > nbütteler Hs. des 15. Jahrh. herausg. von HofFmann von Fallersleben.
gr. 8. (83 S.) Berlin 1870. Oppenheim. 18 Ngr.
Vgl. Götting. Gel. Anzeig. 1870, Nr. 9 (Österley): Herrig"s Archiv 47, 172
(Ranch); Academy Nr. 19, Lehmanns Magazin Nr. 29.
641. Hofmann, Über ein niederdeutsches Lancelotfragment und einige
daran sich knüpfende literargeschichtliche Frapen.
Sitzungfsberichte der bayer. Akademie 1870, II, 39 — 52.
642. Hoffmann von Fallersleben, Jesui und seine junge Braut. —
Marien Himmelfahrt.
Germania 15, 366—37,'},
F. Mittelniederländisch.
643. Beatrijs. Eine Legende aus dem 14. Jahrhundert. Hochdeutsche
metrische Übersetzung von Wilh. Berg. 8. (XII, 35 S.) Haag 1870. Nijhoff.
12 Ngr.
644. Bruchstück aus dem Boek van den Hoiite. Von A. Birlinger.
Gei-mania 15, 360—64.
645. Willems, Alf., het Brusselsch fragment van den Cassanus.
De Taal- en Letterbode 2, 158-166.
646. Eyssonius Wichers, E. W. L., iets over den Perguut.
Dietsche Warande IX, 72—85.
647. Hellwald, F. v., Zwei neue Maerlandt-Fragmente.
AltpreuIHsche Monatssclirift 1870, 3. Heft.
648. Verwijs, E., Jacob van Maerlant en Jacob van Oostvoorne.
De Taal-en Letterbode ü. 73—88.
649. Frommann, Dr., ein mittelniederländisches Minnelied.
Anzeiger für Kxmde der deutschen Vorzeit 1870, Sp. 242.
650. Vlooten, J. van, onuitgegeven Middelnederlandsche Verzen.
(Haagsche Hs. Nr. 721.)
Dietsche Warande IX, 6-25. 142-157.
651. Moltzer, H. E., de middelnederlandsche dramatische Poezie. 2'
gedeelte. 8. (VTIL S. 141—255). Groningen 1870. Wolters, f. 1,50.
Enthält: Lanseloet, Die hexe, Drie dagfhe here, De tniwanten, Winter ende
Sommer, Rubben. A. u. d. T. Bibliotheek van Middelnederl. Letterknnde, 3. Aflevering.
652. Den boom der schriftueren van VI. personagien ghespeelt tot
Middelburch in Zeelant, den eersten Augusto ent jaer 1539. Opt nieuw uitgeg.
met een ophelderende woordenlijst door Dr. G. D. J. Schotel. 8. (VTII, 52 S.)
Utrecht 1870. Kemink. f. 0,50.
653. Hoffmann van Fallersleben, Thomas a Kempis.
Germania 15, 365—366.
654. Willem van Hildegaarsberch, Gedichten van, van wege de
Maatschappij der Nederl. Letterkunde uitgeg. door Dr. W. Bisschop en Dr.
E. Verwijs. 8. (XXVIU, 331 S.) '« Gravenhage 1870. Nijhoff. f. 6,00.
502 BIBLIOGRAPHIE VON 1870.
G. Angelsächsisch.
655. Köhler, Artur, die einleitung des Beovulfliedes. Ein Beitrag zur
frage über die liedertheorie. Zeitschrift für deutsche philologie 2, 305 — 314.
656. Köhler, Artur, die beiden episoden von Heremod im Beovulfliede.
(V. 901—915 und 1709 — 1722.)
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 314 — 321.
657. Birliuger, A., Bruchstück aus Alfrics angelsächsischer Grammatik.
Germania 15, 359.
H. Mittelenglisch.
658. Bell's English poets. Vol. 29. Chaucer. Vol. 8. 12. 1 s. 3 d.
659. The Text of Chaucer.
Edinburgh Review Nr. 269, S. 1-45.
660. Chaucer's Translation of Boethius' De consolatione philosophiae.
Edited by Richard Morris. 8. (XXIII, 205 S.) London, Trübner. 12 s.
Early English Text Society, Extra-Series Nr. 5.
661. Brink, Beruh, ten, Chaucer. Studien zur Geschichte seiner Ent-
wicklung und zur Chronologie seiner Schriften. 1. Theil. 8. (VIII, 222 S.)
Münster 1870. Russelt. 1 V3 Rthlr.
Vgl. Götting. Gel. Anz. 1870, Nr. 26 (Pauli); Athenaeum 20. Aug.; Academy
Nr. 14; Hcrrig's Archiv 47, 318—321 (Asher).
662. The „Gest Hystoriale" of the destruction ofTroy: an allitera-
tive romance translated from Guido de Colonna's historia Troiana ed. by G.
A. Panton and D. Donaldson. Part I. London 1869. 8. (VI. 288 S.) 10 V2 s-
Publication der Early English Text Society.
663. Child, Francis James, Observations on the language of Gower's
Confessio Amantis. A Supplement to Observations on the language of Chaucer.
Memoirs of the American Academy, New Series, Vol. IX, p. 265.
Vgl. Herrigs Archiv 47, 322 — 326 (Stimming).
664. Cur Ladys' Lament, and the Lamentation of Saint Mary Magda-
lena. Edited by C. E. Tarne. London, Washburne.
1. Theil der Serie: Early English Religious Literature. Vgl. Athenaeum 1871,
Mai, S. 556.
665. The vision of William concerning Piers the Plowman. Edited by
W. Skeat. 8. London 1869. Trübner.
Publication der Early English Text Society.
I. Altnordisch.
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666. Bugge, Sophus, Lidt om de icldste nordiske runeindskrifters sprog-
lige stilling.
Aarböger f. nordisk Oldkyndighed 1870, 3. Heft.
667. Möbius, Th., zur kenntniss der ältestesten runen.
Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 19, 208 — 215.
668. Stephens, George, the copies of some runic stones.
Tidskrift for Philol. og Pädag. 8, 307— .309.
669. Thorsen, P. G., Virring-Runesten en.
Aarböger for nord. Oldkyndighed 1870, 4. Heft.
670. Dybeck, Rieh., Sverikes runurkunder, granskade och utgifna. II.
Stockholms län. 5. Haft. fol. (pl. 48 — 59 und Text 23—26). Stockholm 1870.
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671. Nyfunne svenske runstenar.
Dybeck, Runa. 3. Heft. S. 47—48. Mit 1 Tafel.
672. Dybeck, Richard, Runa. tbl. 3. Heft. Stockholm 1870, S. 39—46
und 3 Tafeln.
Edda.
673. Zarncke, Zum zweiten Helgiliede.
Berichte der k. sächs. Gesellsch. d. Wissensch. 1870, 193—197.
674. Thors färd til JUttehem. (Smäskrifter för folket 2) 8. (16 S.)
Stockholm 1870. Norstedt.
Skalden.
675. Thorkelson, Jöu, Skvringar a vi'sum i Njäls sögu. 8. (32 S.)
Reykjavik 1870. Programm.
676. Maurer, Konrad, Über Ari Thorgilssou und seiu Isländerbuch.
Germania 15, 291—321.
677. Heimskringia eda sögur Noregs konunga Snorra Sturlusonar.
3 Theilc. Uppsala 1870. Schultz.
678. Norges Konge-Sagaer fra de asldste Tider indtil anden Halvdeel
af det 13de Aarhundrede efter Christi Födsel, forfattedc af Suorre Sturlasön,
Sturla Thordssön o. fl. og oversatte af P. A. Munch. 2. Bindet udg. og fortsat
af 0. Rygh. 2—4. Heft. Christiania 1870.
679. Kon unga-Boken eller Sagor om Ynglingarue och Norges konungar
intill är 1177 af Snorre Sturleson. Öfversatt och förklarad af Hans Olof Hildebraud
Hildebrand. 6—7 Heft. (S. 241—344; 1 — 128.) Örebro 1870.
Vgl. Germania 15, 449-- 459. (K. Maurer.)
680. Lilja (the Lily), an Icelandic religious poem of i he XIV. Century,
by Eystein Asgrimsson. Edited by Eirikr Magnussou. 8. (LVI, 124 S.) London
1870. V^illiams a. Norgate.
Vgl. The Academy 1871, Nr. 25 (Th. Möbius).
681. Döring, B., Die quellen der Niflungasaga in der darstellung der
Thidrekssaga und der von dieser abhängigen fassungen. (Schluß.)
Zeitschrift für deutsche philologie 2, 265—292.
682. Om Njäl och hans söner. (Smäskrifter för folket 3.) 8. (24 S.)
Stockholm 1870. Norstedt.
683. Kölbing, E., Nachtrag zur Parzivalssaga.
Germania 15, 89 — 94.
684. Völsunga saga: The story of the Volsung and Niblung with
certain songs from the eider Edda, translated from the Icelandic by Eirikr
Magnuisson and W. Morris. 8. (286 S.) London 1870. Ellis. 12 s.
Vgl. Athenaeum 1870, 11. Juni.
685. Gfslason, Konr., Smäbemyerkninger til de tvende udgavcr af den
arnamagnseanske membrn. nr. 674 A.
Aarböger f, nordisk Oldkyndighed 1870, 3. Heft.
686. Holm, F. W., Nordboemes Reiser til Amerika, fortalt efter islandske
kilder. 8. (20 S.) Kopenh. 1870. Abdruck aus 'Folkelsesning 1869.
687. Eptirrit af nokkrum gömlum skjölum.
Ti'marit gefid i'it af J. Peturssyni 1, 36—45. 2, 39—51. Isländische Urkunden,
688. Literae testamenti Thorstani Eiulphi (1386. Lslandicc),
Ti'marit u. s. w. 2, 115—117.
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K. Altdänisch.
689. Romantisk Digtning fra Middelalderen , udg. af C. J. Brandt.
1—2. Bind. 8. (XIV, 356; VII, 382 S.) Kjöbenh. 1869—70.
Auf drei Bände berechnet.
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690. Waitz, G. , das Carmen de hello Saxonico oder Gesta Heinrici IV,
neu herausgegeben, kl. 4. (86 S.) Göttingen 1870. Dieterich. 1 Rthlr. 6 Ngr.
Aus den Abhandl. d. GesellHcbaft d. Wissenschaften. Vgl. Literar. Centralblatt
1870, Nr. 38; Philol. Anzeiger II, 5; Gott. Gel. Anz. Ö. 1201-2 (Waitz); Heidelb.
Jahrb. 1871, S. 259-263 (Wattenbach).
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Berichte der k. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften 1870, S. 181—192.
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693. Marbach, J. , die Nonne Roswit — die älteste deutsche Dichterin.
Norddeutsch. Protestantenblatt 1870, Nr. 2.
694. Grotefend, Dr. H., Laurea sanctorum, ein lateinischer Cisiojanus
des Hugo von Trimberg.
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1870, Sp. 279—284. 301—311.
695. Höfig, Dr. Herrn., lateinische Hymnen aus angeblichen Liturgien
des Tempelordens Icritlsch und exegetisch bearbeitet, gr. 8. (VIII, 58 S.) Par-
cbim 1870, Wehdemann. 12ya Ngr.
Vgl. Theolog. Jahresber. 1870, 4. Heft.
696. Buch der Hymnen. Altere Kirchenlieder aus dem Lateinischen ins
Deutsche übertragen von Ed. Hobein. 2. Auflage. 4. (XXIV, 335 S.) Halle a. S.
1870. Schwabe.
697. Kays er, Prof. Dr. Joh. , Beiträge zur Geschichte und Erklärung der
Kirchenhymnen. 3. Heft. gr. 8. (III, 311—435.) Paderborn 1869. Junfermann.
17V2Ngr.
698. Nicolai de Biber a carmen satiricum ed. Theob. Fischer, gr. 8.
(VIH, 305 S.) Halle a. S. 1870. Buchh. d. Waisenhauses.
Im 1. Bande der Geschichtsquellen der Provinz Sachsen, herausgeg. von den
geschichtl. Vereinen der Provinz.
699. Hubatsch, Oscar, die lateinischen Vagantenlieder des Mittelalters.
8. (V, 100 S.) Görlitz 1870. Remei. 16 Ngr.
Vgl. Literar. Centralbl. 1870, Nr. 28; Heidelb. Jahrb. Nr. 33; Magazin f. d.
Liter, d. Auslandes Nr. 20.
700. Planctus de corrupto saeculi et ecclesiae statu.
Anzeiger f. Kunde d. deutscheu Vorzeit 1870, Sp. 368—370. Aus einer Einsiedler
Hs. des 15. Jahrh.
701. Wattenbach, W., lateinische Reime des Mittelalters.
Anzeiger f. Kunde d. deutschen Vorzeit 1870, Nr. 1 S,
Berichtigungen. Lies 78, 15 v. u. foutre; 101, 2 lies Erpfma7i statt
Erqfman; 16 Manius st. Manir ; 17 Zmiber des st. Zaubeudes; Z. 6. v. u. 1856
st. 1855; 102, 14 Hut st. luit; 23 Narnjuangeli und Mingmiggeli ; 28 uuitua
st. mitua; 103, 21 1. Hausnamen st. Hausnarren; 36 Hikieshusun-^ 104, 14 1.
Maudio st. Mandio; 16 gaiija st. ganja; 10 Eckeo st. Erkeo; 105, 7 Crecelius
8t. Freccius'; 29 Tant st. Tarih ; 106, 11 1. ^J'ffrjj: 12 'ÄQCaxri-^ 107, 16
'i 8t. e ; 109, 19 1. 3. und 8. Jahrg.; 259, 14 grennast.
jgo« Uiezu eine Beilage.
PF Germania
3003
Jg.l6
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